„Schattenjunge“ von Carl-Johan Vallgren – Voodoo-Wirrwarr

Buch: „Schattenjunge“ (2016)

Autor: Carl-Johan Vallgren

Verlag: Heyne

Ausgabe: Taschenbuch, 400 Seiten

Der Autor: Carl-Johan Vallgren ist ein 1964 in Linköping geborener schwedischer Autor und Musiker. Im Alter von 20 Jahren ging Vallgren mit dem festen Entschluss, einen Roman zu schreiben, nach Indien und kehrte ein Jahr später mit einem halben Manuskript wieder zurück. Vallgren fand einen Verlag, der zu einem Vorschuss bereits war und so erschien 1987 das bisher nicht auf deutsch erhältliche Buch „Nomaden“.

In den Folgejahren lebte er unter anderem in Frankreich, Spanien, Dänemark und Deutschland. Bis heute sind elf Bücher von Vallgren erschienen, darunter der Roman „Geschichte einer ungeheuerlichen Liebe“ für den er im Jahr 2002 den August-Preis, die renommierteste schwedische Literaturauszeichnung, erhielt.

Das Buch: 1970: Jan Klingberg, Sohn einer mächtigen Wirtschaftsdynastie, ist mit seinen Söhnen Kristoffer und Joel unterwegs. An einem Bahnsteig verschwindet Kristoffer plötzlich spurlos. Die Polizei wird eingeschaltet, die Ermittlungen bleiben allerdings erfolglos, Kristoffer bleibt verschwunden.

2012: Über 30 Jahre später ist nun auch Joel Klingberg verschwunden. Seine Ehefrau Angela kontaktiert Danny Katz, einen alten Kollegen von Joel aus Militärzeiten, und bittet ihn, ihren Mann zu finden. Die Polizei unternimmt in dieser Angelegenheit nichts, da Klingberg sowohl bei seiner Firma als auch bei seiner Ehefrau seine vorübergehende Abwesenheit angekündigt hat. Angela glaubt dennoch, dass nicht alles mit rechten Dingen zugegangen ist.

Katz beginnt mit seinen Ermittlungen, kann erste Ergebnisse vorweisen und möchte sie seiner Auftraggeberin mitteilen. Als er zum vereinbarten Termin erscheint, findet er Angela jedoch tot in der Wohnung vor. In mehreren Zimmern sind Kleidungsstücke verstreut, seine Kleidungsstücke. Und das Messer, mit dem Angela erstochen wurde, ist zweifelsfrei sein Messer. Panisch ergreift Katz die Flucht.

An der Seite von Eva Westin, einer frühreren Jugendfreundin und heutigen Staatsanwältin, versucht Katz herauszufinden, in was er da hineingeraten ist.

Fazit: Es gilt weiterhin die von mir schon mehrfach erlangte Erkenntnis, dass skandinavische Krimis bzw. Thriller und ich einfach nicht gut zusammenpassen. So langsam glaube ich auch, dass das kein Zufall mehr sein kann. Dabei will ich ja sie wirklich mögen, ich hab es auch hier versucht.

Und das Ganze geht auch sehr spannend los, mit dem Verschwinden des jungen Kristoffer. Als Leser hofft man jetzt, dass durch spannende Ermittlerarbeit ein dunkles Geheimnis aufgedeckt und eine Erklärung für die Ereignisse um Kristoffer ans Tageslicht gefördert werden.

Zunächst beschäftigt sich Vallgren aber erst einmal intensiv mit seinen Protagonisten, und zwar sehr ausführlich. Das ist auch verständlich, schließlich soll „Schattenjunge“ der erste Roman einer ganzen Buchreihe sein, da sollte man Danny Katz und Eva Westin etwas näher kennenlernen. Die Handlung gerät dadurch aber schon sehr früh ins Stocken.

Darüber hinaus kann man anhand der Charaktere bereits einen der größten Schwachpunkte des Buches ausmachen: „Schattenjunge“ ist wirklich arg konstruiert. Praktisch alle wichtigen Hauptpersonen kennen sich aus grauer Vorzeit irgendwie gegenseitig und treffen jetzt, auch wenn sie sich Jahrzehnte nicht gesehen haben, zufällig wieder aufeinander. Ja, nee, is klar…

Und nicht nur die konstruierten Verbindungen der Charaktere untereinander fielen mir unangenehm auf. Auch die Vorgeschichte der Charaktere wirkt eher speziell. Danny Katz war in seiner Jugend Junkie, wurde kriminell, saß im Knast und anschließend auf der Straße. Danach machte er trotz allem eine Karriere beim Militär und ist heute selbständig tätig. Eva Westin hat in jungen Jahren ebenfalls eine Drogenkarriere hinter sich gebracht und ist heute immerhin Staatsanwältin. Als repräsentativ dürften diese Lebensläufe nicht gelten. Darüber hinaus lassen sich Vallgrens Charaktere ganz deutlich in zwei Gruppen teilen: Auf der einen Seite die Reichen und Mächtigen wie die Familie Klingberg, auf der anderen Seite alle anderen, die alle irgendwie aus schwierigen Verhältnissen stammen. Solche Schwarz-Weiß-Malerei gefällt mir nur selten bis nie.

Nachdem sich Vallgren intensiv mit seinen Protagonisten beschäftigt hat, widmet er sich dann auch der Haupthandlung. Und die enthält eine Fülle von Themen: Drogensucht, Wirtschaftskriminalität, Armut, Militär, Geheimdienste, Nationalsozialismus, Voodoo, und, und, und… Dabei verzettelt sich der Autor allerdings leider in der Themenfülle. Entweder, die angesprochenen Themen sind für die Handlung vollkommen irrelevant, oder aber sie werden nur oberflächlich behandelt, oder aber es klingt wie auswendig gelernt und runtergebetet, wenn sich Vallgren mit ihnen beschäftigt, so zum Beispiel beim Thema Voodoo.

Und während der Autor seine Handlung nun also zwischen Wirtschaftskriminalität und Voodoo wie durch Stromschnellen aufkommender Langeweile hindurchmanövriert, fällt dem Leser irgendwann auf, dass dem Buch etwas Elementares fehlt, nämlich die Spannung. So habe ich die Geschehnisse um Danny Katz und die Familie Klingberg praktisch gänzlich emotionslos verfolgt, habe keinen Charakter gefunden an dessen Schicksal mir etwas lag und war von der Auflösung der Geschichte auch alles andere als angetan.

Fairerweise muss man sagen, dass „Schattenjunge“ Vallgrens erster Thriller war und es sich bei ihm, Vallgren, um einen Bestseller-Autor handelt, vielleicht habe ich also auch einfach nur einen Wahrnehmungsfehler, oder schlicht keine Ahnung. Gerüchten zufolge soll der Nachfolgeroman „Schweine“ übrigens wesentlich besser sein. Allerdings enthält die sechszeilige Buchbeschreibung Worte wie „Perversion“, „Gewalt“, „Drogensumpf“ und „Abscheulichkeit“ und die Zeitung Göteborgs-Posten schreibt über den Nachfolger: „Brutal und rabenschwarz. Eine fast schmerzhafte Lektüre.“

Ob ich das brauche? Ich denke, nein!

Wertung:

Handlung: 6 von 10 Punkten

Charaktere: 6 von 10 Punkten

Stil: 8 von 10 Punkten

Spannung: 5 vom 10 Punkten

Gesamtwertung: 6,25 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Freiheit der Schmetterlinge“ von Susan Mennings.

 

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„Anders“ von Anita Terpstra – Und einmal, im Ferienlager…

Buch: „Anders“ (2016)

Autorin: Anita Terpstra

Verlag: Blanvalet

Ausgabe: Taschenbuch, 383 Seiten

Die Autorin: Anita Terpstra ist eine 1975 in Hallum geborene niederländische Schriftstellerin. Nach ihrem Studium des Journalismus und der Kunstgeschichte war sie als freie Journalistin für mehrere Zeitschriften tätig. „Anders“ ist ihr mittlerweile viertes Buch.

Das Buch: Das Leben von Alma Meester an der Seite ihres Mannes Linc und ihren Kindern Iris, 15, und Sander, 11 Jahre alt, verläuft eigentlich in ruhigen geordneten Bahnen. Bis zu einem verhängnisvollen Abend im Ferienlager.

In Vierergruppen unternehmen die Kinder eine Nachtwanderung, Sander bildet zusammen mit seinem Freund Maarten, seiner Schwester Iris und deren Freund Christiaan eine dieser Gruppen. Und plötzlich sind Sander und Maarten verschwunden, Iris und Christiaan können nicht erklären, wie es dazu gekommen ist.

Eine große Suchaktion wird gestartet. Schließlich wird Maarten von Sanders Vater Linc tot aufgefunden. Der Junge wurde augenscheinlich missbraucht. Von Sander fehlt allerdings jede Spur, er bleibt verschwunden.

Sechs Jahre später meldet sich auf einer deutschen Polizeiwache ein junger Mann und behauptet, der verschwundene Sander Meester zu sein. Überglücklich können die Eltern ihren Sohn wieder in Arme schließen. Aber während Alma einfach nur froh ist, ihr Kind wieder zu haben, kommen Linc und Iris immer häufiger Zweifel. Ist das wirklich Sander, der da jetzt unter ihrem Dach wohnt?

Fazit: Der Einstieg in das Buch fiel mir etwas schwierig. Es beginnt mit der nächtlichen Suche nach Sander, während der man intensive Einblicke in Almas Gedankenwelt bekommt, die für mich ausgereicht haben, um sie schon nach wenigen Seiten ausgesprochen unsympathisch zu finden. „…aber für Linc war das zweite Kind eigentlich schon eins zu viel gewesen. Sie hatte es ihm regelrecht abtrotzen müssen, sogar mit Trennung gedroht.“ (S.23) Welch sympathische Person… Darüber hinaus fand ich den Stil zu Beginn gewöhnungsbedürftig und fragte mich schon voller Sorge, ob das wohl jetzt so weiter geht.

Glücklicherweise nicht, denn was folgt, das darf ich schon mal vorwegnehmen, ist einer der besten Thriller, die ich in jüngerer Vergangenheit gelesen habe.

Schon nach relativ kurzer Zeit fragen sich Vater und Tochter Meester, ob das neue, alte Familienmitglied wirklich Sander ist. Und nicht nur die Frage nach seiner Identität steht im Raum, sondern auch die, was in dieser Nacht damals denn nun eigentlich wirklich geschehen ist.

Der lange Weg zur Auflösung der Geschehnisse führt unter anderem über regelmäßig eingefügte Rückblenden, in denen dem Leser ein Bild von Sander vor dessen Verschwinden vermittelt wird. Dieser lange Weg führt aber auch über Andeutungen und Informationshäppchen in den – übrigens sehr gut geschriebenen – Dialogen, die den Schluss zulassen, dass auch Linc und Iris irgend etwas über die Geschehnisse von damals wissen, womit sie aber nicht herausrücken wollen. Erst nach und nach fügt sich das Ganze dann zu einem schlüssigen und – für mich – überraschenden Gesamtbild zusammen. Kurz: die Handlung hat es in sich, sie besticht Abwechslungen, Überraschungen und eine durchgehend düstere Grundstimmung, kommt dabei aber ohne übermäßige Gewalt- und Blutorgien aus.

Und nicht nur in dieser Hinsicht konnte mich „Anders“ überzeugen. So sind die Charaktere, gemessen an anderen Vertretern des Thriller-Genres, in denen manche Personen sich einfach nur dadurch auszeichnen, dass sie eben da sind, erfreulich detailliert, vielschichtig und vor allem nachvollziehbar gezeichnet.

Sei es Alma, die dazu neigt, den jungen Sander zu verhätscheln und zu bevorzugen. Die aber über lange, lange Zeit partout nicht einsehen will, dass auch sie Fahler gemacht hat. Denn Schuld haben in Almas kleiner Gedankenwelt immer die Anderen. Wie gesagt, ich mochte sie schon zu Beginn nicht, an dieser Einschätzung hat sich bis zum Ende des Buches nichts geändert.

Oder sei es Iris, die sich von ihrer Mutter permament benachteiligt fühlt, der es schwer fällt, sich bei ihrer Mutter Gehör zu verschaffen und die einige Jahre nach Sanders Verschwinden frustriert nach Amsterdam umzieht.

Dabei schafft es die Autorin, mit erfreulich wenig Personen auszukommen, im Grunde dreht sich alles um die vier Mitglieder der Familie Meester.

„Anders“ ist das, was man heute so fürchterlich einen „Pageturner“ nennt. Als Leser will man immer wissen, wie es weitergeht, was mit dieser Andeutung gemeint ist, was man mit jener Information anfangen soll.  Für Thriller-Fans ist das Buch meiner Ansicht nach ein absolutes Muss!

Wertung:

Handlung: 9,5 von 10 Punkten

Charaktere: 9 von 10 Punkten

Stil: 8 von 10 Punkten

Spannung: 9,5 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 9 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Schattenjunge“ von Carl-Johan Vallgren. Wieder ein Thriller. Und auch diesem ist ein Kind verschwunden. Zufälle gibt´s…

„Wédōra“ von Markus Heitz – Zurück zu den Wurzeln

Buch: „Wédōra – Staub und Blut“ (2016)

Autor: Markus Heitz

Verlag: Knaur

Ausgabe: Broschiert, 605 Seiten

Der Autor: Markus Heitz ist ein 1971 in Homburg/Saar geborener deutscher Schriftsteller. Nach seinem Abitur an einer katholischen Privatschule und dem anschließenden Wehrdienst, studierte Heitz Germanistik und Geschichte auf Magisterabschluss.

Nach seinem Studium war er als freier Journalist bei der Saarbrücker Zeitung tätig, bevor im Jahr 2002 sein erstes Buch „Die dunkle Zeit – Schatten über Ulldart 1“ erschien. Dafür erhielt Heitz den Deutschen Phantastik-Preis für das beste Romandebüt. Besagten Preis gewann er in verschiedensten Kategorien auch in den Jahren 2005 – 2007 sowie 2009 – 2012.

Seit seinem großen Erfolg mit seinem Buch „Die Zwerge“ ist Heitz ausschließlich als freier Autor tätig.

Das Buch: Inmitten einer riesigen Wüste liegt die Stadt Wédōra. Eine Metropole mit einer Million Einwohnern, ein Handelszentrum und Hauptumschlagplatz für die Waren aus den umliegenden, die Wüste umschließenden, Ländern. Neun Statthalter regieren über ihr jeweiliges Einflussgebiet, sie sind lediglich dem Dârèmo gegenüber Rechenschaft schuldig und zum Gehorsam verpflichtet, jenem mysteriösen Herrscher über die Stadt, den bis heute noch nie jemand persönlich zu Gesicht bekommen hat – zumindest niemand, der lange genug lebte, um davon zu berichten.

Weit entfernt von diesem staubigen Moloch, im Königreich Telonia, leben Tomeija und Liothan. Die beiden sind seit ewigen Zeiten eng befreundet, auch wenn ihre Lebenswege in völlig unterschiedliche Richtungen verliefen. Während Tomeija die oberste Gesetzeshüterin des Barons Efanus Helmar vom Stein geworden ist, fristet Liothan sein Dasein als Dieb, der sich beim gemeinen Volk allerdings großer Beliebtheit erfreut. Diese Konstellation führt naturgemäß auch zu Interessenkonflikten.

Als Tomeija Wind von Liothans Plänen bekommt, bei dem verhassten Kaufmann Dûrus einzubrechen, versucht sie ihn davon abzubringen, leider erfolglos. Dûrus ertappt den Dieb, Tomeija kommt hinzu und dann geht alles ganz schnell: Mittels eines von Dûrus ausgesprochenen Zaubers verschwinden die beiden vom Ort des Geschehens – nur um kurz darauf in der Wüste vor Wédōra wieder aufzutauchen.

Sofort setzen die beiden Freunde alles daran, wieder in ihre Heimat zurückkehren zu können. Denn sie sind zu einem schlechten Zeitpunkt aufgetaucht: Die Stämme der Wüste rüsten sich für einen Krieg gegen sie Stadt.

Bei ihren Anstrengungen, wieder nach Telonia zurückzukehren, geraten die beiden in ein Netz aus Lügen und Verschwörungen, denn ihre Fähigkeiten könnten für beide Kriegsparteien entscheidend sein.

Fazit: Zu wenigen Autoren habe ich ein derartig gespaltenes Verhältnis wie zu Markus Heitz. Noch vor geraumer Zeit, sagen wir, vor so etwa zehn Jahren, habe ich blind alles gekauft, was im Buchladen meines Vetrauens mit dem Namen Heitz ausgestattet war. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits „Ulldart – Die dunkle Zeit“ sowie „Die Zwerge 1-3“ gelesen und war, und bin, von beidem absolut begeistert. „Ulldart“ gehört meiner Meinung nach immer noch zum Besten, was es im Bereich deutschsprachiger Fantasy so gibt.

Dann, ja, dann entfernte sich Markus Heitz ein wenig von der „klassischen“ Fantasy-Literatur – veilleicht mit Ausnahme von „Die Legenden der Albae“ -, schrieb düstere Bücher wie „Ritus“ und „Sanctum“ oder die „Judas-Trilogie“, in denen immer irgendwelche Untoten – häufig Vampire – herumliefen und die von strahlenden Helden wie Eric von Kastell („Ritus“ und „Sanctum“) gejagt wurden. Bücher, die ich in einem Gespräch mit einer ganz zauberhaften Person kürzlich ungewollt despektierlich als „Untoten-Gedöns“ bezeichnet habe.

Umso größer war meine Freude, als mir nun „Wédōra“ in die Hände fiel. Mit einer gehörigen Portion Hoffnung und einem gemurmelten „Bitte keine Vampire, bitte keine Vampire, bitte keine Vampire…“nahm ich es mit, und siehe da: Meine Hoffnung wurde nicht enttäuscht.

Natürlich macht Heitz auch in seinem neuen Roman nicht alles richtig, so sind seine Charaktere sicher noch ausbaufähig. Liothan gefiel mir dabei noch relativ gut, auch wenn er den Eindruck eines Fantasy-Robin-Hoods vermittelt. Mit Tomeija habe ich da schon größere Probleme, erinnert sie mich doch zu sehr an solche Charaktere wie den oben erwähnten Eric von Kastell. Charaktere, die ich gerne als „das menschliche Äquivalent zum Schweizer Taschenmesser“ bezeichne. Tomeija kann alles, macht alles und zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass sie vollkommen unkaputtbar zu sein scheint. Darüber hinaus wären etwas mehr Informationen über die Vorgeschichte der beiden Protagonisten wünschenswert gewesen. Aber da ich davon ausgehe, – oder besser, da ich inständig hoffe – dass es sich bei „Wédōra“ nur um den ersten Teil einer hoffentlich langen Reihe handelt, erfährt der Leser in späteren Bänden vielleicht mehr.

Ansonsten gibt es an dem Buch wenig zu bemängeln.

Die größte Stärke des Buches liegt sicherlich in der gesamten Welt, die Heitz mit Wédōra und den umliegenden Ländern erschaffen hat. Denn ganz ehrlich, wenn er irgendetwas wirklich gut kann, der Herr Heitz, dann Welten erschaffen! Vor jedem Kapitel erfährt der Leser in kurzen Texten, die zum Beispiel als Auszüge aus Tagebüchern, Reiseaufzeichnungen und einem Buch aus der Reihe „Geschichten von überall“ der Schwestern Gremm(!) bezeichnet werden, etwas über die Welt. Schön gemacht! Ich als Leser hatte bei der Erkundung dieser lebendigen Welt unendliche viele Assoziationen, angefangen bei sämtlichen „Dune“-Verfilmungen bis hin zu „Ciri“ aus „The Witcher 3“. Kurz, Wédōra und Umgebung machen Spaß.

Spaß macht auch die Handlung von „Wédōra“. Auf ihrem langen Weg zurück nach Telonia werden die beiden Protagonisten getrennt, werden inhaftiert (ratet, wer von beiden ;-)) und müssen sich mit immer neuen Schwierigkeiten herumschlagen. Das ist ebenso action- wie abwechslungsreich.

Die Geschichte ist zwar in sich abgeschlossen, bietet aber genug Ansatzpunkte, um die eine oder andere Fortsetzung zu schreiben, worum ich den Herrn Heitz hiermit untertänigst bitte.

Abschließend verliere ich noch ein zwei Worte über die Entstehungsgeschichte des Buches und seinen – meiner Meinung nach – größten Schwachpunkt. „Wédōra“ war ein lange zurückliegendes und dann in Vergessenheit geratenes Projekt, bei dem Heitz zusammen mit ein paar Freunden eine Stadt in der Wüste entwerfen wollte, die für jedes beliebige Rollenspiel nutzbar sein sollte. Einerseits merkt man dem Buch auch an, wie intensiv Heitz über diese Stadt nachgedacht hat, andererseits lässt sich auch der Rollenspiel-Aspekt manchmal nicht übersehen. Ich hatte an einigen Stellen das Gefühl, Liothan müsste gleich unbedingt mal eine „Fingerfertigkeit-Probe + 3“ mit einem W20 würfeln. 😉

Der angesprochene Kritikpunkt betrifft den sinnlosen und völlig überflüssigen Gewaltgrad des Buches. Ich habe die abgeschlagenen Köpfe, Arme, Beine, Hände und Finger nicht gezählt, die im Laufe der Handlung erwähnt werden. Aber es müssen so einige gewesen sein. Und ich weiß halt nicht, was das soll!? Ebenso wenig weiß ich, warum ich dauernd mit „Innereien“, „Gedärmen“, „Darmschlingen“ oder ähnlichem Körper-Inventar konfrontiert werden muss, das sinnlos Dahingemetzelte regelmäßig im Sand verlieren. Es gibt so viele Möglichkeiten, Romanfiguren „normal“ zur Strecke zu bringen, – worin der Autor im Übrigen Übung hat – dass sie jetzt nicht unbedingt „zu einem Bündel Knochenbrei und Blut“ (S. 275) vergehen müssen. Meiner Meinung nach bekommt „Wédōra“ dadurch einen leicht trashigen Einschlag, den es nicht verdient hat.

Also, wer Fantasy im Allgemeinen und Heitz im Speziellen mag und mit reihenweise gespaltenen Schädeln klarkommt, der kann unbesorgt zugreifen.

Und ich versuche, mir jetzt den Anglizismus „trashig“ von den Fingern zu waschen! 😉

Wertung:

Handlung: 8 von 10 Punkten

Charaktere: 7,5 von 10 Punkten

Stil: 8,5 von 10 Punkten

Atmosphäre: 10 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 8,5 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Anders“ von Anita Terpstra. Ein Thriller.

„Der Psychiater“ von John Katzenbach – Mein ist die Rache

Buch: „Der Psychiater“ (2016)

Autor: John Katzenbach

Verlag: Knaur

Ausgabe: Taschenbuch, 574 Seiten

Der Autor: John Katzenbach, geboren 1950 in Princeton, New Jersey, ist ein amerikanischer Thriller-Autor. Er ist der Sohn einer Psychoanalytikerin und eines früheren US-Justizministers und war vor seiner Autorentätigkeit Gerichtsreporter für zwei amerikanische Zeitungen.

Bereits mit seinem Debüt „Das mörderische Paradies“ konnte er große Erfolge verbuchen und wurde für den „Edgar Award“ nominiert. Auch viele seiner nachfolgenden Werke, beispielsweise „Die Anstalt“ oder „Der Patient“ wurden zu Bestsellern. Insgesamt hat Katzenbach bislang 16 Romane veröffentlicht.

Er lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Amherst, Massachusetts.

Das Buch: Timothy Warner, genannt „Moth“ ist 24 Jahre alt und Doktorand der Geschichtswissenschaften einerseits und Alkoholiker andererseits. Allerdings befindet er sich auf dem Weg der Besserung, bereits 99 Tage ist Moth jetzt trocken. Erreicht hat er das zu großen Teilen durch die Hilfe seines Onkels Ed Warner, seines Zeichens prominenter Psychiater und ebenfalls seit langer Zeit trockener Alkoholiker.

Eines Abends erscheint Ed nicht zum Treffen der Anonymen Alkoholiker. Sein Neffe Moth macht sich Sorgen, sucht Eds Praxis auf und findet seinen Onkel tot am Schreibtisch auf. Offensichtlich hat sich der Psychiater mit einer Pistole das Leben genommen. Aber mit dieser Erklärung kann sich Moth nicht abfinden. Er geht von einem Mord aus, auch wenn sämtliche Indizien dagegen sprechen.

Moth nimmt Kontakt zu seiner Ex-Freundin Andrea, genannt „Andy Candy“, auf. Gemeinsam versuchen sie, Licht in das Dunkel der Umstände von Eds Tod zu bringen. Und bald schon fördern sie erste Ergebnisse zu Tage und begeben sich auf die Spur des Mörders. Denn Moth hat nur ein Ziel: den Mörder seines Onkels zu töten!

Fazit:  Eigentlich freue ich mich immer, wenn ich einen neuen Katzenbach-Roman in die Finger bekomme. In diesem Fall blieb die Freude aber erstaunlich und erschreckend schnell auf der Strecke. Denn „Der Psychiater“ besteht vor allem aus verschenktem Potential und offenen Fragen.

So fielen mir nach kurzer Zeit bereits die Charaktere unangenehm auf – und zwar alle, zumindest was die drei, vier Hauptfiguren angeht.

Mit Moth einen Alkoholiker zur Hauptperson zu machen, ist ja erstmal eine gute Idee, die muss man dann aber auch gut umsetzen. Zwar wird dem Leser deutlich gemacht, wie sehr das Fehlen seines Onkels – eine Stütze in Moth´ Leben – Moth psychisch belastet. Ansonsten werden die Schwierigkeiten, die mit dem Entzug und einer dauerhaften Abstinenz eines Alkoholikers zusammenhängen aber viel zu oberflächlich behandelt. So gibt sich Moth beispielsweise nach dem Tod seines Onkels einer zweiwöchigen Sauftour hin. Am Tag darauf erscheint er wieder bei den Anonymen Alkoholikern und nochmal kurz danach geht es ihm schon wieder relativ gut. Kaum ein Wort verliert der Autor über die Entzugserscheinunghölle durch die Moth eigentlich tage- und nächtelang in physischer und psychischer Hinsicht gehen müsste.

Darüber hinaus schweigt sich Katzenbach darüber aus, welche Motivation Moth haben könnte, den Mörder seines Onkels selbst zu töten. Eigentlich wirkt er nämlich recht zurechnungsfähig und könnte auch einfach versuchen, die Polizei auf ihn, den Mörder, aufmerksam zu machen.

Die Staatsanwältin Susan Terry hat ebenfalls ein Suchtproblem und befindet sich in der selben Therapiegruppe wie Moth. Sie unterstützt den jungen Mann bei seinen Recherchen, im vollen Bewusstsein, dass er einen Mord begehen möchte. Die Argumente die der Autor dafür anführt, dass sie sich nicht einfach an die Polizei wendet, sind bestenfalls fadenscheinig. Und auch Susan steckt einen Alkohol- und Kokainexzess vom Vorabend am Folgetag bemerkenswert gut weg.

Größtes Ärgernis im Bereich der Charaktere bleibt aber Moth´ Ex-Freundin Andrea „Andy Candy“ Martine. Die junge Frau wurde auf einer Party vergewaltigt, ungewollt schwanger und hat daher eine Abtreibung hinter sich. Ein schweres Schicksal, ganz unzweifelhaft. Daher vergräbt sich Andy Candy dauerhaft in ihrem Zimmer und weint. Warum sich aber ihre Lebensgeister wieder regen, als Moth sich bei ihr meldet und von seinem Vorhaben berichtet, erschließt sich mir wahrlich nicht! Ihr Handeln wirkt fast so, als hielte sie den Mord an einem Menschen für einen adäquaten Ersatz für ihr Selbstmitleid! Darüber hinaus gibt es meiner Meinung nach keine logische Begründung, warum Katzenbach sie während des gesamten Buches bei ihrem saublöden Spitznamen Andy Candy nennt. Wenn man 30 Seiten dauernd „Andy Candy“ gelesen hat, wirkt das noch nur befremdlich, 300 Seiten später ist das einfach durchgehend nervtötend.

Über den pösen, pösen „Die-waren-damals-so-gemein-zu-mir“-Antagonisten schweige ich mich besser vollumfänglich aus. Die Bezeichnung „klischeehaft“ wäre noch das Freundlichste, was mir dazu einfiele.

Die Handlung macht sich Katzenbach einerseits zum Teil selbst kaputt, andererseits beantwortet sie die eine oder andere Frage nicht. Es gibt Katzenbach-Romane, die große Ähnlichkeiten zu Whodunit-Krimis haben: Person A trachtet Person B nach dem Leben und Person B versucht herauszufinden, wer Person A überhaupt ist, um der Bedrohung Herr zu werden. Dieser Aspekt fällt in „Der Psychiater“ völlig weg, denn der Leser erfährt ziemlich schnell, um wen es sich bei dem Antagonisten handelt und auch seine Beweggründe – und seien sie auch noch so platt – sind dem Leser bald klar. Damit bleibt eigentlich nur eine Art gegenseitiger Verfolgungsjagd, die aber so wirklich spannend nicht ist.

Die offenen Fragen beschränken sich nicht nur auf die Motivation der handelnden Personen.

So erfährt man zum Beispiel nicht, woher der Antagonist seine offensichtlich unbeschränkten Finanzmittel hat, die es ihm erlauben, quer durch die Weltgeschichte zu reisen und drei verschiedene Wohnsitze zu unterhalten.

Wie es Moth gelingt, eine Schusswaffe durch zwei (!) verschiedene US-amerikanische Flughäfen zu schmuggeln, bleibt ebenso Katzenbachs Geheimnis. Moth hat anscheinend einfach Glück gehabt…

Die Erläuterung weiterer Ungereimtheiten erspare ich mir an dieser Stelle.

Tja, wie gesagt, eigentlich freue ich mich immer, wenn ich einen neuen Katzenbach-Roman in die Finger bekomme. Eigentlich! Mit „Der Psychiater“ kann ich allerdings leider wenig anfangen.

Wertung:

Handlung: 6,5 von 10 Punkten

Charaktere: 4 von 10 Punkten

Stil: 8,5 von 10 Punkten

Spannung: 5 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 6 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog:

„Wédora – Staub und Blut“ von Markus Heitz. Eigentlich schreibt sich „Wédora“ mit einem Makron, also Querstrich quasi, über dem o, ich weiß allerdings nicht, wie das geht… 😉

„Der Jesus-Deal“ von Andreas Eschbach – Nichts für Hypochonder und Ungeduldige

Buch: „Der Jesus-Deal“ (2016)

Autor: Andreas Eschbach

Verlag: Bastei Lübbe

Ausgabe: Taschenbuch, 724 Seiten

Der Autor: Andreas Eschbach, 1959 in Ulm geboren, ist ein deutscher Bestseller-Autor. Er studierte Luft- und Raumfahrttechnik, wechselte aber noch vor seinem Abschluss in die EDV-Branche und war von 1993 bis 1996 geschäftsführender Gesellschafter einer EDV-Beratungsfirma.

Bereits während dieser Tätigkeit widmete sich Eschbach der Schriftstellerei. Eine wirklich gute Entscheidung! 1995 erschien sein erster Roman “Die Haarteppichknüpfer”, der mit dem Literaturpreis des Science Fiction-Clubs Deutschland ausgezeichnet wurde. Spätestens mit dem 1998 erschienenen Bestseller “Das Jesus Video” konnte sich der Autor ausschließlich auf das Schreiben konzentrieren und veröffentlicht seitdem in schöner Regelmäßigkeit weitere Bestseller. Nun erschien mit „Der Jesus-Deal“ die langersehnte Fortsetzung von „Das Jesus-Video“.

Seit 2003 lebt Eschbach mit seiner Frau in der Bretagne.

Bis 2007 war er über viele Jahre leitender Referent bei Schreibseminaren. Einen Überblick über die ihm während dieser Tätigkeit am häufigsten gestellten Fragen – natürlich inklusive der Antworten – sowie weitere generelle Tipps zum Schreiben finden sich übrigens auf seiner Homepage, was ich persönlich sehr spannend finde. Wer sich also mit dem Gedanken trägt, literarisch tätig zu werden, sollte dort nachschauen. Die Tipps eines Bestsellerautors können nicht die schlechtesten sein.😉

Das Buch: Samuel Barron ist Unternehmer, Milliardär und dennoch weitgehend unbekannt. Er versucht, in den Klatschspalten der Regenbogenpresse ebenso wenig aufzutauchen wie in den Listen der reichsten Menschen der Welt. Barron ist außerdem christlicher Fundamentalist, für den der Text der Bibel das Maß aller Dinge und die Grundlage jeglichen Handelns darstellt.

So erzieht er auch seine beiden Söhne Isaak und Michael.

Vor Jahrzehnten hatte Barron ein Erlebnis, das sich nur dadurch erklären lässt, dass Zeitreisen geundsätzlich möglich sind. Durch seine Beschäftigung mit diesem Thema erfährt Barron auch von den Geschehnissen rund um „Das Jesus-Video„. Daraufhin entwickelt er einen tollkühnen Plan: Er will mit Hilfe eines loyalen Wissenschaftlers selbst eine Zeitmaschine entwickeln und ein Team junger Leute, darunter seinen jüngeren Sohn Michael, in die Vergangenheit – genauer: in die Zeit Jesu – reisen lassen. Ziel dieser Reise ist, Jesus nach dessen Auferstehung mit in die Gegenwart zu nehmen, um die Worte der Offenbarung des Johannes hinsichtlich Jesu Wiederkunft zu erfüllen.  Allerdings müssen verschiedene Voraussetzungen dafür erfüllt sein, unter anderem Armageddon! Aber auch dafür hat Samuel Barron bereits einen Plan.

Fazit: In meiner letzten Rezension habe ich mich unter anderem leidvoll über das alte Problem mit Fortsetzungen beklagt, nämlich, dass sie qualitativ selten bis nie an das Original heranreichen. In diesem Zusammenhang hat mir eine ganz zauberhafte Person den Tipp gegeben, den Versuch zu unternehmen, eine Fortsetzung als einzelnes Buch ohne Bezug zum Vorgänger zu sehen und so zu bewerten, als gäbe es diesen Vorgänger nicht. Unabhängig davon, dass ich mich zu dieser Betrachtungsweise nicht imstande sehe, hätte dieses Vorgehen der Bewertung von „Der Jesus-Deal“ nicht gut getan.

Die Geschichte beginnt, wie im Klappentext versprochen, an der Stelle, an der „Das Jesus-Video“ aufhört. Und tatsächlich schadet es zum Verständnis des Buches nicht, wenn man den Vorgänger bereits gelesen hat. An vielen Stellen lebte die Spannung des Buches aus meiner Sicht sogar davon, dass ich die Geschehnisse des Vorgängers kannte und mich fragte, wann, um alles in der Welt, Andreas Eschbach denn gedenkt, darauf Bezug zu nehmen. Denn anstelle von Bezug nimmt sich Eschbach zu Beginn des Buches Zeit – viel Zeit!

Die Handlung teilt sich zu Beginn in zwei Stränge auf. Im ersten erfährt der Leser detailiert etwas über das Leben der Familie Barron und über den religiösen Fundamentalismus, der in Teilen der US-amerikanischen Bevölkerung herrscht – und auch über den beängstigenden politischen Einfluss, den dieser Fundamentalismus dort hat, Stichwort „Intelligent Design“ im Schulunterricht. Gerade der Bereich, der sich mit Religion beschäftigt, ist dabei noch recht interessant zu lesen. Leider überwiegt hinsichtlich des Umfangs die Schilderung der Familie Barron, weshalb dieser Teil des Buches vor allem eines ist, nämlich deutlich zu lang.

Und dann wäre da ja noch der zweite Handlungsstrang, in dem der Leser etwas über das Leben des ehemaligen Medienmoguls und einem der Protagonisten aus „Das Jesus-Video“ John Kaun erfährt und dessen neuer Familie. Und auch dort zeichnet sich die Beschreibung der Ereignisse vor allem durch ihre unnötige Länge aus.

Darüber hinaus fehlt es der ersten Hälfte des Buches durch die detailierte Schilderung der Barrons und der Kauns vor allem an wirklicher Spannung. Dieses fehlende Element hat Eschbach durch Emotionen, Drama und Schicksalsschläge ersetzt. Gefühlt jede zweite Hauptfigur ist schwer krank, da trifft man auf Herzinfarkt-Patienten, auf Hepatitis, auf HIV-Infizierte und auf ein an Leukämie erkranktes fünf Jahre altes Mädchen. Das ist in der Fülle nicht ganz einfach zu ertragen und die erste Hälfte des Buches ist auch nichts für Leser, die, wenn sie etwas über eine bestimmte Erkrankung hören, sehen oder lesen, sofort davon überzeugt sind, selbst entsprechende Symptome aufzuweisen.

Irgendwann muss Herrn Eschbach beim Schreiben die Erkenntnis gekommen sein: „So wird das nix!“ Denn der Roman nimmt in der zweiten Hälfte, kurz bevor er in pilchereske Dimensionen abgleitet, deutlich an Fahrt auf und verdient sich auch endlich die Bezeichnung „Thriller“.

Wäre das ganze Buch so, wie die zweite Hälfte, dann wäre es hervorragend! Denn abseits der Handlung macht der Autor eigentlich alles richtig. Die aus dem Vorgänger bereits bekannten Charaktere wie John Kaun oder Stephen Foxx – der übrigens auf dem Klappentext im zweiten Satz erwähnt wird, in der Handlung aber erstmals auf Seite 461 auftaucht (!) – werden überzeugend weiterentwickelt, neue Charaktere wie Samuel Barron mit seiner fundamentalistischen Einstellung sowie sein von Zweifeln geplagter Sohn Michael werden ebenso überzeugend gezeichnet.

Stilistisch habe ich bei den Büchern Eschbachs noch nie etwas zu meckern gehabt, und so ist das auch hier.

Wenn, ja wenn, man die erste Hälfte des Buches deutlich eingedampft hätte, dann wäre  ein wirklich spannendes, actiongeladenes, temporeiches Buch dabei herausgekommen. Da die zweite Hälfte allerdings für vieles entschädigt, kann ich Eschbach-Lesern „Der Jesus-Deal“ immer noch guten  Gewissens empfehlen.

Wertung:

Handlung: 6,5 von 10 Punkten

Charaktere: 8 von 10 Punkten

Stil: 8,5 von 10 Punkten

Spannung: 6 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 7,25 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Der Psychiater“ von John Katzenbach.

 

 

 

„Schweig für immer“ von Linwood Barclay – Wenn Du geschwiegen hättest,…

Buch: „Schweig für immer“ (2016)

Autor: Linwood Barclay

Verlag: Knaur

Ausgabe: Taschenbuch, 502 Seiten

Der Autor: Linwood Barclay ist ein kanadisch-US-amerikanischer Autor und Journalist. Sein Vater war Zeichner und Maler und entwarf Werbung für die Autoindustrie. In den 60ern erwarb die Familie ein ein Feriendorf für Wohnwagen. Mit 22 Jahren, Barclay war nach dem Tode des Vaters mittlerweile hauptverantwortlich für das Feriendorf, verließ er das selbe und begann ein Studium der Englischen Literatur.

Anschließend schlug er eine Laufbahn im Journalismus ein, die ihn bis zum „Toronto Star“ führte, wo er von 1981 bis 1993 in verschiedenen Redaktionsbereichen tätig war. Bis 2008 schrieb er berühmte Kolumnen für den „Star“, bevor er sich ganz seiner literarischen Karriere widmete.

Barclay machte sich vor allem als Autor von Psychothrillern einen Namen. Bereits mit seinem ersten Werk aus diesem Genre „Ohne ein Wort“ aus dem Jahr 2007 konnte er einen Bestseller verbuchen. Nun erschien mit „Schweig für immer“ die „langersehnte Fortsetzung“.

Barclay lebt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in der Nähe von Toronto. Ein schöne Ecke, habe ich mir sagen lassen!

Das Buch: Familie Archer ist vor sieben Jahren nur knapp mit dem Leben davon gekommen und versucht seither, so etwas wie Normalität ins Familienleben einkehren zu lassen. Besonders Cynthia, die Mutter, hat mit den zurückliegenden Ereignissen zu kämpfen: Als sie ein Teenager war, verschwanden von einem Tag auf den anderen sowohl ihre Eltern als auch ihr Bruder spurlos. Vor sieben Jahren nun hat Cynthia mithilfe des Kriminellen Vince einen Versuch unternommen, die damaligen Ereignisse aufzuklären und ihre Familie zu finden. Dieser Versuch führte jedoch fast in die Katastrophe.

Jetzt, sieben Jahre später, bemüht man sich also um Normalität. Aber die Ereignisse haben, ganz im Gegensatz zu Cynthias Familie, ihre Spuren hinterlassen. Cynthia ist eine übervorsorgliche Mutter geworden, die ihre mittlerweile 14 Jahre alte Tochter Grace auf Schritt und Tritt beschützen und überwachen will. Naturgemäß kommt das bei Grace nicht sonderlich gut an. Die beiden streiten sich mehr und mehr, während Terry, Cynthias Ehemann und Grace´ Vater erfolglos versucht zu vermitteln. Schließlich entschließt sich Cynthia für einen taktischen Rückzug: Sie packt ihre Koffer und zieht für einige Wochen in das leerstehende Apartment einer Kollegin, um den Kopf wieder frei zu bekommen und nachzudenken.

In dieser Situation begeht Grace einen folgenschweren Fehler: Als sie spätabends mit ihrem Freund Stuart unterwegs ist, überredet er sie, in ein benachbartes Haus einzubrechen, um einen kleinen Ausflug mit dem Porsche der Hausbesitzer zu unernehmen. Dabei geht jedoch einiges schief: Schüsse fallen, Grace flüchtet und die Versuche ihres Vaters, die Situation möglichst schadlos zu bereinigen, führt die Familie direkt in die Fänge des organisierten Verbrechens.

Fazit: Schon so etwa neun Jahre ist es her, als mir eine ganz zauberhafte Person Barclays Buch „Ohne ein Wort“ zum Geburtstag schenkte. Und auch wenn ich spontan nicht mehr in der Lage gewesen wäre, eine detaillierte Inhaltsangabe des Buches zu machen, so hatte ich doch im Hinterkopf, dass es mir seinerzeit wirklich gut gefiel. Als ich nun etwas von „langersehnte Fortsetzung des Weltbessellers „Ohne ein Wort““ las, griff ich daher umgehend zu.

Das leidige Problem mit Fortsetzungen ist, dass sie selten die Qualität des Originals erreichen. Als Beispiele könnte ich mich da im Bereich der Kinofilme umsehen und, rein subjektiv, so etwas wie „Police Academy 2 – 67“, „Star Wars – Das Erwachen der Macht“ oder „Titanic 2“ anführen. (Ja, es gibt Titanic 2! Spoiler: Das Schiff sinkt!) Vor diesem Hintergrund ist „Schweig für immer“ leider eine typische Fortsetzung – wenn auch um Klassen besser als „Titanic 2“, was jetzt aber auch nicht wirklich sooo schwierig ist.

Allein der Schreibstil erinnert an den Vorgänger. Barclays Art zu schreiben sowie die Erzählperspektive aus Sicht der männlichen Hauptfigur erinnern an Harlan Coben. Und das ist durchaus als Kompliment gemeint.

Die Schwächen von „Schweig für immer“ liegen eher im Bereich der Charaktere und der Handlung. Terry als Familienvater ist im Grunde die einzige Hauptfigur, die ich so akzeptiere wie sie ist. Er steht innerfamiliär zwischen den Stühlen, versucht zu vermitteln und tut später alles nur in seiner Macht stehende, um jeden Schaden von seiner Tochter abzuwenden. Terry mag ich! Das war´s dann aber auch schon!

Grace wird zwar im Grunde genommen als typische 14-Jährige dargestellt, sie ist zickig, eigenbrötlerisch, schnell eingeschnappt (alle 14-Jährigen mögen mir verzeihen). Aber obwohl, vielleicht auch gerade weil sie so stereotyp dargestellt wird, ging sie mir unheimlich auf den Geist! Alt genug, um Mist zu verzapfen, aber jung genug, um danach zu Papa zu laufen, damit er alles wieder in Ordnung bringt…

Cynthia trifft bei mir ebenfalls auf Unverständnis. Ja, die Ereignisse, die sie durchmachen musste, haben logischerweise – auch und gerade in psychischer Hinsicht – ihre Spuren hinterlassen. Aber einfach die Klamotten packen, um das eigene Kind und den Ehemann zu verlassen, um den Kopf frei zu kriegen und zu sich selbst zu finden, das kann ich ihr nur schwer durchgehen lassen. Darüber hinaus stört mich ebenfalls ihre gluckenhafte Art.

Beim Kriminellen Vince wollte es Barclay dem Leser wohl schwer machen, sich eine Meinung über den Charakter zu bilden. Denn einerseits ist Vince zwar ein Verbrecher, der buchstäblich über Leichen geht, andererseits ist er aber auch schwer krank! Letzteres wiederum war mir aber vollkommen wurscht: Der Mann ist ein Killer, was interessiert mich sein Gesundheitszustand!? Ich bedauere Charles Manson auch nicht, wenn er mal eine Erkältung hat. Nein, Vince ist und bleibt ein Unsympath!

Genug von den Charakteren, bleibt noch die Handlung. Am Ende des Buches habe ich mich zugegebenermaßen gefragt: „Habe ich das Buch jetzt eigentlich begriffen?“ Der Handlungsverlauf ist, besonders zum Ende hin, doch eher verwirrend, über Hunderte von Seiten tauchen immer wieder Dialoge zwischen Charakteren auf, von denen man nicht weiß, wer diese denn nun eigentlich sind. Dankenswerterweise wird diese Frage am Ende geklärt, ganz erschöpfend auf 10 Seiten oder so…

Der verwirrende Handlungsverlauf ist nicht das einzige Problem. Hinzu kommen ein oder zwei Ideen inhaltlicher Art, die ich, gelinde gesagt, als vollkommen bescheuert empfinde. Vorsicht, Spoiler! Der Ganove Vince z. B. hat ein neues Geschäftsmodell: Nehmen wir mal an, jemand sei unrechtmäßig zu Geld gekommen. Oder aber jemand besitze Geld, dass er möglichst nicht den Finanzbehörden in den Rachen werfen will. Dann gibt er Vince die Kohle in bar(!), dieser zieht davon eine Provision ab – und deponiert das restliche Geld in verschiedenen Häusern der Nachbarschaft auf dem Dachboden. Ohne Wissen der Hausbesitzer. Zugang zu den Häusern verschafft er sich über Angestellte in den Häusern, Baby- und Hundesitter, Gärtner etc. Wenn der Kunde sein Geld wieder haben möchte, holt Vince es bei nächster Gelegenheit wieder aus den Häusern. Jetzt mal abgesehen davon, dass es im heutigen Zeitalter unzählige Möglichkeiten gibt, Summe X in etwa sieben Sekunden nacheinander auf 24 verschiedene Konten zu überweisen und letztlich auf den Caymans in Sicherheit zu bringen, finde ich diese Idee der Finanzmittelunterbringung echt dusselig. Man entzieht das Geld somit bewusst dem eigenen Zugriff, steht Dingen wie Blitzeinschlägen, Hausbränden, Renovierungen und Umzügen machtlos gegenüber, bei dem sonstwas mit der Kohle passieren kann. Nee, also so wirklich durchdacht finde ich das ja nicht. Vielleicht geht das aber auch nur mir so…Spoiler Ende

Letztlich ist „Schweig für immer“ ein Buch für Fans von Harlan Coben und solche Leser, die ein Buch sehr genau lesen und sich bei Bedarf nicht davor scheuen ein „Wer-war-das-noch-gleich-Diagramm“ anzulegen.

Wertung:

Handlung: 6,5 von 10 Punkten

Stil: 9 von 10 Punkten

Charaktere: 6,5 von 10 Punkten

Spannung: 6,5 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 7,125 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: Um zu erläutern, was es hier demnächst gibt – und was nicht – muss ich ein wenig ausholen. Ich habe nämlich gestern Abend eine Entscheidung getroffen! Und wer mich näher kennt, der weiß, dass das ein selten vorkommendes Ereignis ist, das mindestens einen rotstiftigen Eintrag im Kalender rechtfertigt!

Jedenfalls: Vor geraumer Zeit habe ich den folgenschweren Fehler begangen, mir die Bücher „Die Entdeckung des Unendlichen“ von David Foster Wallace sowie „Wittgensteins Mätresse“ von David Markson zu kaufen. Seither verfolgen mich diese zwei Werke wie Sigourney Weaver das Alien! Beide Bücher waren in der Lage, meine geistige Infrastruktur schon auf den jeweils ersten 100 Seiten in ihren Grundfesten zu erschüttern, um sie danach in ihre Bestandteile zu zerlegen, anschließend in die Bestandteile der Bestandteile! Bei der Lektüre der beiden Werke habe ich ungefähr soviel Vergnügen empfunden, wie während einer sechstägigen chinesischen Wasserfolter in einem nordkoreanischen Knast mit anschließendem 168-stündigem Schlafentzug mittels Verwendung unzähliger Halogen-Scheinwerfer sowie ohrenbetäubender Dauerbeschallung mit Nana Mouskouri und Boney M. Ihr versteht, was ich meine…

Also, um es kurz zu machen: Trotz der einen oder anderen Ankündigung des einen bzw. anderen Buches unter „Demnächst in diesem Blog“ werde ich auf absehbare Zeit auf beide Bücher verzichten und sie stattdessen möglichst weit unten in meinen Stapeln ungelesener Bücher parken. Irgendwann vielleicht, wenn ich mal ganz dolle viel Lust habe, sinnlos wertvolle Lebenszeit zu verschwenden  – oder wenn ich einfach etwas zugänglicher für beide bin – dann werde ich mich wieder damit beschäftigen, vorher nicht!

Stattdessen habe ich nämlich eine Fülle von Büchern, die ich doch tatsächlich auch lesen will! Zum Beispiel „Der Jesus-Deal“ von Andreas Eschbach. Das gibt es dann als nächstes.

Herzlichen Dank für die Aufmerksamkeit! 😉