„Sechzehn Pferde“ von Greg Buchanan

Buch: „Sechzehn Pferde“

Autor: Greg Buchanan

Verlag: S. Fischer

Ausgabe: Hardcover, 448 Seiten

Der Autor: Greg Buchanan wurde 1989 geboren und lebt in den Scottish Borders, Großbritannien. Er studierte Englisch an der University of Cambridge und promovierte am King’s College London über Identifikation und Ethik. Er ist Absolvent des Creative Writing der University of East Anglia und hat sich in der Gaming-Community einen Namen als Drehbuchautor für Videospiele gemacht. »Sechzehn Pferde« ist sein erster Roman. (Quelle: Fischer)

Das Buch: Sechzehn Pferdeköpfe werden auf einer Farm des sterbenden englischen Küstenorts Ilmarsh entdeckt. Kreisförmig eingegraben in den Ackerboden, nur ein einziges Auge blickt in die rote Wintersonne. Die Veterinärforensikerin Dr. Cooper Allen wird zum Tatort gerufen. Früher wollten sie Tierleben retten, heute diagnostiziert sie ihren Tod. Dann entspinnt sich eine unvorhergesehene Kette weiterer Verbrechen. Durch die Kadaver in der Erde verbreitet sich eine Infektion, die Gemeinde wird unter Quarantäne gestellt. Die Außenseiterin soll mit dem örtlichen Polizisten Alec Nichols die schockierenden Fälle aufdecken. Doch was, wenn das Böse nicht nur im Boden lauert, sondern in den Menschen selbst? Etwas Böses, das Allen selbst immer tiefer in einen Strudel aus Schuld und Vergeltung hinabzieht? (Quelle: Fischer)

Fazit: Als Zugehöriger der so unsäglich und augenscheinlich in Ermangelung einer adäquateren Bezeichnung als „Gamer“ bezeichneten Gruppierung horchte ich auf, als ich erfuhr, dass Buchanan vormals in der Gaming-Branche tätig war, recherchierte ein wenig, und mir fuhr es kalt den Rücken runter. Denn Buchanan war, so ergaben meine Recherchen, federführend bei der Story-Entwicklung von „No Man´s Sky“ – dem, lasst euch das aus berufenem Munde sagen, wohl mit gigantischem Abstand langweiligsten PC-Spiel seit „Pac-Man“. Ach was, seit „Pong“! Nein, seit „Spacewar“!

Zudem eins, dessen Veröffentlichung seinerzeit für Aufruhr sorgte, weil „No Man´s Sky“ unfertig, fehlerbehaftet und zudem um wesentliche, eigentlich versprochene und noch in Werbetrailern enthaltene Spielmechaniken gekürzt, erschien. Kurz gesagt: Die Veröffentlichung von „No Man´s Sky“ war innerhalb der Gaming-Community in etwa das, was der Dieselskandal für normale Leute darstellte und mein persönlich größter Fehlkauf seit Anbeginn aller Zeiten.

„Das kann ja was werden …“ unkte ich und begab mich an die Lektüre.

Nach etwa 200 Seiten entfuhr mir jedoch ein „Was geht denn jetzt ab?“ und ich musste konstatieren, dass Buchanan wohl wesentlich besser Bücher als PC-Spiele schreiben kann.

Natürlich gibt es aber auch an „Sechzehn Pferde“ genug auszusetzen. Als da wäre beispielsweise zunächst mal der phasenweise recht hohe Ekelfaktor. Schon die sechzehn Pferdeköpfe als Ausgangslage des Settings würden vermutlich reichen, um geharnischte PETA-Anhänger zu Fackeln und Forken greifen zu lassen. Dem aber nicht genug, Buchanan ergeht sich in detaillierten Beschreibungen dessen, was da so im Boden vergraben liegt und scheut auch nicht vor noch detaillierten Schilderungen der Obduktion der Pferdeköpfe zurück. Das muss man nicht mögen und ich mochte es auch in der Tat nicht. Das eigentlich Schlimme an dieser aufmerksamkeitsheischendes Effekhascherei ist, dass das Buch das überhaupt nicht nötig gehabt hätte. Nicht im Geringsten! Zumal so ziemlich alles andere auf ganzer Linie zu überzeugen weiß.

Zunächst mal ist hier Buchanans Erzählweise positiv hervorzuheben. Er schreibt kurze, prägnante Sätze und Kapitel und vermittelt den Eindruck, als hätte man aus „Sechzehn Pferde“ jedes, aber auch wirklich jedes Wort entfernt, das dort nicht unbedingt hingehört. Ein auf seine Essenz eingedampfter Text gefällt sicher nicht jedem, für mich persönlich machte das allerdings einen Großteil der unbestreitbaren Sogwirkung aus, die das Buch für mich hatte. Ein bisschen las es sich so wie Ferdinand von Schirach in besser. Womit ich nichts gegen Ferdinand von Schirach gesagt haben will.

Buchanans Erzählweise kommt ihm auch zugute, wenn es um seine Charaktere geht. 448 groß geschriebene und oftmals nur spärlich bedruckte Seiten geben ihm nicht viel Möglichkeiten, neben einer konsistenten Geschichte auch noch ausreichend Raum für seine Figuren zu schaffen. Aber auch das gelingt ihm recht gut. Passend zum Stil sind seine Charakterbeschreibungen ebenfalls kurz und bündig, teils fragmentarisch und teilweise muss man, insbesondere hinsichtlich des Ermittlers Alec Nichols, lange Zeit warten, bis sich aus einer gewissen Zahl an Einzelinformationen ein gesamtes Bild ergibt. In Summe führt das dann zu einem überzeugenden Figurenensemble, von dem, so ehrlich muss man sein, mir in einigen Wochen aber vermutlich kaum noch jemand wirklich präsent sein wird.

Während es mir vergleichsweise leicht fällt, Aussagen über die Charaktere oder den Stil das Autors zu treffen, ist das im Bereich der Handlung schon schwieriger. Nicht unbedingt, weil ich vermeiden möchte, zu viel zu verraten, was ich natürlich möchte, sondern weil es mir schlicht schwerfällt, diesen Trip, auf den mich der Autor mitgenommen hat, in Worte zu fassen.

Zu Beginn entsteht der Eindruck, Alec und Cooper seien einfach auf der Spur eines sadistischen Tierquälers, der halt einen leichten Draht in der Mütze hat. Dann jedoch kommt man irgendwann so etwa auf Seite 200 an, stellt fest, dass sich die Ereignisse überschlagen, was ausnahmsweise keine Phrase ist, ruft: „Was geht denn hier ab?“ aus und stellt fest, dass das Buch inhaltlich weit über die Anfangsannahme hinausgeht.

Am Ende angekommen bemerkt man dann, dass es sich um ein Buch handelt, das einen noch etwas länger beschäftigen wird. Auch weil man sich nach der Lektüre viele Fragen stellt. Ist das alles schlüssig, was der Autor als Lösung der Handlung so präsentiert hat? Ergibt es zumindest irgendwie Sinn? Und was um alles in der Welt hat man da eigentlich überhaupt gerade gelesen?

Letztlich ist „Sechzehn Pferde“ eine düstere, dystopische, verwirrende Leseerfahrung, die ich nicht missen möchte. Wer nicht ganz so arg zartbesaitet ist und etwas aus der Kategorie „Mal was völlig anderes“ lesen möchte, ist mit Buchanans Romandebüt gut bedient.

Ich danke dem Fischer-Verlag für die freundliche Übersendung des Rezensionsexemplars. Die Tatsache, dass es sich hierbei um ein kostenloses Rezensionsexemplar handelte, beeinflusst meine Meinung selbstredend nicht.

Demnächst in diesem Blog: Eine ganze Reihe zauberhafter Menschen wartet ganz aktuell auf meine Einlassungen zu diversen Rezensionsexemplaren. Diebezüglich muss ich – aus Gründen, wie man heutzutage so schön sagt – noch um etwas Geduld bitten. Bis es diesbezüglich so weit ist, werde ich mich, je nach Gusto, erst mal Harald Welzer, Richard David Precht oder Truman Capote zuwenden. Vielleicht auch Axel Simon. Nichts Genaues weiß man nicht …