„Engel des Todes“ von Thomas Ziebula

Buch:“Engel des Todes“

Autor: Thomas Ziebula

Verlag: Wunderlich

Ausgabe: Hardcover, 384 Seiten

Der Autor: Thomas Ziebula ist freier Autor und schreibt vor allem Fantasy- und historische Romane. 2001 erhielt er den Deutschen Phantastik-Preis, 2020 den Goldenen Homer. Seine erste Krimireihe um Inspektor Paul Stainer vereint auf beeindruckende Weise Thomas Ziebulas Leidenschaft für deutsche Zeitgeschichte, spannende Kriminalfälle und seine Liebe zu Leipzig, das bis heute seine Lieblingsstadt in Deutschland ist. Der erste Band der Reihe um Inspektor Stainer, «Der rote Judas», stand auf der Shortlist für den Crime Cologne 2020. Der Autor lebt in der Nähe von Karlsruhe. (Quelle: Rowohlt)

Das Buch: Leipzig, März 1920: Der Kapp-Putsch bricht aus. Frustrierte Reichswehrsoldaten haben die Regierung in Berlin für abgesetzt erklärt. In Leipzig, wie in vielen deutschen Städten, kommt es zu blutigen Kämpfen zwischen Regierungstruppen und Putschisten. Die bürgerkriegsähnlichen Zustände halten Kriminalinspektor Stainer in Atem – auch innerhalb der «Wächterburg», da die völkisch-nationalen unter Stainers Kollegen die Weimarer Republik zur Hölle und die Putschisten an die Macht wünschen. Damit nicht genug, bemerkt Stainer unter den vielen Toten in den Straßen einzelne Opfer, die in auffälliger Manier erwürgt oder erstochen wurden. Jemand scheint die Gunst der Stunde zu nutzen, um seine Morde unter dem Deckmantel der Unruhen zu begehen. Hinweise der Straßenbahnfahrerin Josephine König und ihrer Tochter Mona, die es sich in den Kopf gesetzt hat, Polizistin zu werden, lotsen Stainer und Junghans ins Theatermilieu – wo jemand seinen ganz eigenen Rachefeldzug führt … (Quelle: Rowohlt)

Fazit: In regelmäßigen Abständen machen Menschen dieselben Fehler. Deswegen führt ein „lupenreiner Demokrat“ gerade eine militärische Spezialoperation einen Angriffskrieg auf einen souveränen Staat aus, selbstverfreilich nur, um die dort lebenden Menschen zu erretten und von den bösen, bösen Nazis zu befreien, was unweigerlich die Frage aufwirft, warum die derlei Erretteten dann nicht begeistert mit Blümchen und Fähnchen an der Straße stehen, um sich zu bedanken, sondern sich viel mehr mit Händen und Füßen wehren.

Dabei ließe sich doch gut aus der Historie lernen, denn schon vor etwa 100 Jahren wurde hierzulande deutlich, was passiert, wenn von sich selbst zu sehr überzeugte Einzelpersonen beschließen, für die Bevölkerung Antworten auf Fragen zu liefern, die diese niemals gestellt hat. Denn am 13. März 1920 brach hierzulande der Kapp-Lüttwitz-Putsch aus. Angehörige der Reichswehr sowie diverse Freikorps taten sich unter Führung verschiedener Militärs aus dem ultrarechten Spektrum zusammen, um gegen die Bestimmungen des Versailler Vertrags, somit gegen die Verkleinerung der Reichswehr auf 100.000 Mann und zusammenhängend damit gegen den Verlust ihrer Jobs, gegen die linke Reichsregierung und überhaupt gegen diese pöse, pöse neumodische Demokratie aufzumarschieren.

Neben diverser Unstimmigkeiten untereinander und hinsichtlich der eigentlichen Zielsetzung des Putsches, scheiterte selbiger in wenigen Tagen in erster Linie daran, dass die Bevölkerung sinngemäß sagte: „Könnt ihr gerne machen, aber bitte ohne uns!“, flächendeckend in einen Generalstreik trat und damit den Fantasien der Putschisten ein Ende bereitete. Denn „ohne uns“ geht es ja eben nicht. Was heutzutage gerne vergessen wird, wenn behauptet wird, Einzelne könnten ohnehin nichts ausrichten.

Einen blutigen Tribut forderte der nur etwa 100 Stunden dauernde Putsch dennoch – da ja eben Menschen in regelmäßigen Abständen dieselben Fehler machen.

In dieses Szenario wirft Thomas Ziebula nun seinen erst jüngst aus der Gefangenschaft zurückgekehrten Polizisten Paul Stainer. Dieser sieht sich mit einer Mordserie konfrontiert. Scheinbar nicht miteinander im Zusammenhang stehende Personen werden nicht nur ermordet, sondern anschließend auch geköpft. Im allgemeinen Trubel der Ereignisse scheint der Mörder seinem Treiben recht komplikationslos nachgehen zu können.

Auffällig hinsichtlich des Handlungsstrang der Mordermittlung, die üblicherweise ja eigentlich eine Art Kernelement eines Krimis ist, ist, dass diese eher so nebenbei stattfindet. Dabei werden die Ermittler auch vor vergleichsweise wenig Schwierigkeiten gestellt, bzw. und wenig gefordert. Zeugenaussagen und Indizien am Tatort führen vielmehr auf einem völlig logischen Weg von Ort zu Ort und Erkenntnis zu Erkenntnis. Inwieweit das dann zum gewünschten Ergebnis führt, wird hier natürlich nicht verraten.

Viel mehr stehen in Ziebulas Buch die Ereignisse in Leipzig rund um den Kapp-Lüttwitz-Putsch im Vordergrund. Das muss man mögen. Glücklicherweise mag ich das. Einmal, weil es Ziebula einmal mehr auf beneidenswert gute Art gelingt, Atmosphäre in seine Erzählung zu bringen, und zum zweiten, weil es heutzutage, zumindest in meiner Wahrnehmung, gut recherchierte und atmosphärische historische Romane in einem weitgehend verkitschten Genre kaum noch gibt. Hier hingegen verbinden sich im Kopf der Leserschaft Bilder aus „Babylon Berlin“ mit denen vom Reichstagssturm 2020 und bleiben nachhaltig dort.

Auf inhaltlicher und erzählerischer Ebene kann man Thomas Ziebula also wenig vorwerfen.

Wenn das doch nur auch für die Charaktere gelten würde! Von der Kritik ist Ziebulas Protagonist Paul Steiner ausdrücklich ausgenommen, die Schilderung der Dämonen, mit denen er zu kämpfen hat – von seinen Kriegserlebnissen, über diverse Schicksalsschläge der jüngeren Vergangenheit bis hin zu einem mittlerweile hart bekämpften Alkoholproblem – machen ihn zu einer recht menschlichen Figur.

Im Hinblick auf so manche Nebenfigur ist das allerdings anders. Da wären einerseits einzelne Figuren, über denen so deutlich das Schicksal eines Star-Trek-Redshirts prangt, dass ihre weitere Entwicklung eben oftmals auch keine Überraschung mehr darstellt. Das größte Ärgernis ist jedoch die Tänzerin Schwarz, liiert mit dem Oberstleutnant von Herzberg, der während der Unruhen in Leipzig alle Hände voll zu tun hat. Auch besagte Tänzerin gerät in das Visier des Mörders und mitmaßlich soll man sich als Leser nun also Sorgen um sie machen. Allerdings wird sie bis dahin schon durchgehend als so weltfremd-naive Person geschildert, dass sie und ihr Schicksal mir sehr zeitnah vollkommen egal war. In ihrem Oberstübchen scheint sich außer ihrer Leidenschaft für Tanz nicht viel zu tun, ein Verständnis für die Belange anderer Menschen ist ihr grundsätzlich fremd. Mehrmals scheint sie nicht nur regelrecht beleidigt, dass ihr Freund, Oberstleutnant von Herzberg, gerade damit beschäftigt ist, die Sicherheit der Stadt zu organisieren und diverse Schießereien zu unterbinden und ihr deswegen nicht pünktlich beim Tanzen in irgendwelchen Lokalen zusehen kann, sie ist es auch. Überspitzt gesagt: Würde Oberstleutnant von Herzberg ihr kundtun, er befinde ich gerade in den Schützengräben von Verdun, dann würde sie besorgt fragen, ob er denn auch ganz bestimmt daran denkt, auf dem Rückweg Brot mitzubringen.

Ich habe, man merkt das vielleicht, mich über die Personalie so echauffiert, dass es des Gesamtlesevergnügen nachhaltig beeinflusst. Weil sich mir diese Darstellung eben so gar nicht erschließt. Abseits einzelner, zu vernachlässigender Figuren hat Ziebula nämlich eigentlich schon ein recht gutes Händchen für Charaktere. Die Tänzerin Schwarz jedoch rangiert mit ihrer Persönlichkeit leider irgendwie zwischen Beatrix von Storch und Torf.

Wer darüber hinwegsehen kann und ein Herz für gut geschriebene, atmosphärische, historische Krimis, in denen der Fokus weniger auf akribischer Ermittlerarbeit, sondern eher auf dem Mörder, seiner Geschichte und Hintergrund, seiner Persönlichkeit und seiner Motivation liegen – ein Punkt der in meinem Text nun zu kurz gekommen, im Buch aber ebenfalls sehr gut gelungen ist -, der kann sich bedenkenlos an „Engel des Todes“ heranwagen. Allerdings rege ich vorher die Lektüre der ersten beiden Bände an, um alle Zusammenhänge nachvollziehen zu können.

Ich danke dem Rowohlt-Verlag für die freundliche Übersendung des kostenlosen Rezensionsexemplars. Die Tatsache, dass es sich um ein kostenloses Rezensionsexemplar handelt, beeinflusst meine Meinung selbstredend nicht.

Demnächst in diesem Blog: Entweder „Thronfall“ von Axel Simon oder „Der Mann, der zweimal starb“ von Richard Osman. Oder etwas anderes …

„Äquinoktium“ von Peter Georgas-Frey

Buch: „Äquinoktium

Autor: Peter Georgas-Frey

Verlag: Selbstverlag

Ausgabe: Taschenbuch, 200 Seiten

Der Autor: Peter Georgas-Frey ist ein 1970 geborener Autor, der seit 1999 am schönen Bodensee lebt. Er veröffentlichte bereits Erzählungen und Gedichte wie „Als Paolos Hände reden lernten“, „Soantà“ und „Zeitspuren“, den Roman „Die Revolte“ sowie eine Trilogie rund um die außerirdischen Aurumer, bestehend aus „Die Heimkehr“, „Die Rückkehr“ und „Projekt Epilog“. Zuletzt erschienen der Thriller „Alphavirus“ sowie mit „Der Älteste“ die erste der Geschichten rund um den auch in „Äquinoktium“ auftauchenden Protagonisten Joe.

Wer mehr über den Autor und seine Bücher erfahren möchte, dem sei der Besuch seines sehr lesenswerten Zeilen-Portals empfohlen. Wer das nicht möchte, dem sei ein dortiger Besuch ebenfalls empfohlen!

Das Buch: Ein unbedeutender Auftrag führt Joe in den Süden Floridas. Er ist seinem Freund einen Gefallen schuldig und versucht diesen mit so wenig Aufwand wie möglich zurückzuzahlen. Die letzte Sommerhitze lastet auf der Stadt, als Joe in Orlando landet. Es ist Mitte September, kurz vor der Tag-und-Nacht-Gleiche, wenn Licht und Dunkel ins Gleichgewicht geraten. Aber das bedeutet nicht, dass die Welt in Balance ist. Denn nach diesem Tag verliert die Welt mehr und mehr an Licht. (Quelle: Klappentext)

Fazit: Zu den Konstanten meines Blogschaffens gehört es einerseits, seit geraumer Zeit die Bücher des geschätzten Bloggerkollegen und Autors Peter Georgas-Frey zu besprechen und andererseits, dafür in schöner Regelmäßigkeit viel zu lange zu brauchen. Und so liegt auch die Zusendung des Rezensionsexemplars von „Äquinoktium“ – für die an dieser Stelle mein herzlichster Dank an Peter höchstselbst geht – schon eine Weile zurück. Das Buch selbst indes kann gar nichts dafür, denn das weiß sehr gut zu unterhalten.

Technisch gesehen handelt es sich bei „Äquinoktium“ zwar um die Fortsetzung von „Der Älteste“, dem Auftakt der Reihe rund um den Protagonisten Joe. Die Ereignisse der beiden Bücher haben jedoch nur einen losen Bezug zueinander, „Äquinoktium“ verfügt über eine eigenständige Geschichte und Vorkenntnisse aus „Der Älteste“ werden weder vorausgesetzt noch benötigt, um der Handlung folgen zu können.

Diese beschäftigt sich im Kern mit Botcoins.

Bitcoins, die digitale Geißel der Menschheit! Eine Geißel, für die man – überspitzt gesagt – am Montag ein Eigenheim und am Freitag allenfalls noch einen Döner bekommt, weil Elon Musk in der Zwischenzeit gehustet hat. Eine Geißel, deren Energieverbrauch seit Jahren über dem diverser, europäischer Staaten liegt, woran sich auch nichts ändern wird, solange man von proof-of-work nicht auf proof-of-stake umsteigt. Eine Geißel, die einer der Gründe dafür ist, dass – und ja, dabei handelt es sich um ein first world problem –  man als sogenannter Gamer seit Ewigkeiten keine Hardware im Bereich der Grafikkarten bekommt, die auch nur ansatzweise im Bereich der ursprünglichen UVP, sondern zweifach, dreifach drüber liegen. Just my two cents.

Um diversen Hintergründen zu diesen Bitcoins auf den Grund zu gehen, wird Joe von seinem alten Kumpel Crunchy beauftragt, ein Whitepaper des vermeintlichen Bitcoin-Erfinders zu beschaffen. Das gestaltet sich zunächst als verdächtig einfach, kurz danach findet sich Joe jedoch in Polizeigewahrsam wieder, weiß, dass er offensichtlich irgendwelchen großen Tieren auf die Füße getreten haben muss und macht sich, zusammen mit Crunchy sowie seiner neuen Nachbarin Beth auf, um eben diesen großen Tieren mächtig in die Suppe zu spucken.

Dabei wird der Handlung ein wenig die überschaubare Länge des Buches zum Verhängnis. Denn kurz vor Ende des Buches stellt man sich als Leser unwillkürlich die Frage, wie denn auf den wenigen noch verbliebenen Seiten ein konsistenter Abschluss der Ereignisse gefunden werden soll, nur um dann letztlich festzustellen: Im Wesentlichen gar nicht. Denn „Äquinoktium“ verfügt weitgehend über ein offenes Ende, die Ereignisse werden in baldigen Forsetzungen fortgeführt. Vor dem Hintergrund der Tatsache, dass die Geschichten um den Protagonisten Joe schon seit „Der Älteste“ als Fortsetzungen geplant waren, wird das nicht überraschen, vor dem Hintergrund, dass „Der Älteste“ aber ja nun trotzdem über eine in sich geschlossene Handlung verfügte, aber eben schon, daher sollte man das zumindest wissen.

Abseits davon hat sich „Äquinoktium“ inhaltlich nichts vorzuwerfen. Der Autor nimmt die Leser mit auf eine abwechslungs- und zuweilen actionreiche Reise in die spinnerte Welt der oberen Zehntausend dieses Planeten, die spannende Fragen aufwirft und es der Leserschaft überlässt, sich diese selbst zu beantworten.

Das Figurenensemble setzt sich zum Teil aus neuen, zum Teil aber natürlich auch als altbekannten Personen zusammen. Kenner des „Ältesten“ treffen beispielsweise wieder auf Crunchy, natürlich aber eben auch auf die Hauptfigur, den Kopfgeldjäger Joe. Mit ihm hatte ich in der Vergangenheit ja durchaus so meine Probleme, bezeichnete ihn in meiner Besprechung zu „Der Älteste“ als „eine Freude für jeden Sozialpädagogen mit Helfersysnrom“ – und das ist er auch weiterhin.

Sehr zu meiner Überraschung fängt Joe jedoch schon zu Beginn des Buches an, über sich und sein Leben zu reflektieren. Der Protagonist wirkt dabei nahbarer und menschlicher, als er es noch im Vorgänger war. Er bleibt zwar im Grunde ein misogyner, homophober Drecksack mit massivem Alkoholproblem, mit einem gewissen Weltschmerz und hohem Selbstmitleidspotenzial, aber er macht den Eindruck, als wäre er ein wenig auf dem Weg der Besserung. Mag mir Joe als Person immer noch nicht zusagen – und wird das vermutlich auch nie -, als Figur selbst ist er sehr gut gelungen und bekommt im Vergleich viel mehr Tiefe als noch im Vorgänger.

Auch die Nebenfiguren – und ich beschränke mich da mal auf die wichtigsten, in Form von Crunchy und Beth – wissen zu überzeugen, die Dialoge untereinander sind gelungen und insgesamt kann man im Figurenensemble wenig Anlass zur Kritik finden.

Das gilt auch, und diesmal ganz insbesondere für den stilistischen Aspekt des Buches. Noch über den „Ältesten“ schrieb ich, dass der als Erzähler fungierende Joe sich „eben selten eines elaborierten Codes“ bedient, was mich im Zusammenhang mit seiner „Django-zahlt-heute-nicht-Django-hat-Monatskarte“-Attitüde ein bisschen genervt hat. Diesbezüglich kann man aber vollständige Entwarnung geben. Joe bringt sicherlich immer noch nicht die sprachliche Gewandheit eines Ijoma Mangold mit, das wäre aber auch unpassend, da er ja nun auch die Rolle als Erzähler einnimmt. Und er tut das in einer in jedeweder Hinsicht überzeugenden Art und Weise. Sprachlich dürfte „Äquinoktium“ sogar das beste Buch des Autor sein. Dieser Eindruck wird noch von der Tatsache unterstützt, dass es auch hinsichtlich des früher gelegentlich schwächelnden Lektorats eine weitere postive Entwicklung zu vermelden gibt. Lediglich auf Seite 93 scheint man dort in einen kurzen Sekundenschlaf gefallen zu sein …

In Summe bleibt ein kurzes, sehr unterhaltsames Buch, das leider vorbei ist, bevor es so wirklich zu Ende ist. Wer kein Problem mit Fortsetzungsgeschichten hat, dem kann ich „Äquinoktium“ guten Gewissens empfehlen.

Demnächts in diesem Blog:  „Engel des Todes“ von Thomas Ziebula oder „Thronfall“ von Axel Simon

„Goldtod“ von Axel Simon

Buch: „Goldtod“

Autor: Axel Simon

Verlag: Rowohlt

Ausgabe: Hardcover, 464 Seiten

Der Autor: Axel Simon wuchs im Ruhrgebiet auf. Er hat an verschiedenen Theatern zeitgenössische Opern inszeniert und arbeitete danach lange als Creative Director in großen Werbeagenturen. Simon lebt heute in Hamburg. (Quelle: Rowohlt)

Das Buch: Berlin, 1889: Die Reichshauptstadt hält den Atem an! Wie ein großes, blutiges X hängt ein prominenter Bankier im Schlosspark von Charlottenburg. Doch der Duzfreund des Reichskanzlers bleibt nicht allein. Ein weiteres Opfer aus einflussreichen Kreisen folgt sogleich. Alles deutet auf eine Tat antikapitalistischer Gruppen hin, und unter den erfolgsverwöhnten Goldjungs der Stadt geht die Angst um. Aber Privatermittler Gabriel Landow lässt sich kein X für ein U vormachen. Gemeinsam mit seinem trickreichen Kompagnon Orsini ist er der Polizei einen entscheidenden Schritt voraus. Eine zweite Spur führt die beiden eigenwilligen Detektive in eine ganz neue Richtung und zugleich in tödliche Gefahr: Ein exklusiver Zirkel lässt sich im Verborgenen gern beflügeln. Von antiker Lyrik und den Apfelbäckchen goldiger, nackter Engelchen. Lebender Engelchen. (Quelle: Rowohlt)

Fazit: Anlässlich der baldigen Veröffentlichung von „Thronfall“, dem dritten Teil von Axel Simons Krimireihe um sein Ermittlerduo Landow und Orsini, wurde mir bewusst, dass mit „Goldtod“ bereits der zweite Teil unerklärlicherweise an mir vorbeigegangen war. Ein Versäumnis, das insbesondere vor dem Hintergrund, dass mir der Reihenauftakt „Eisenblut“ seinerzeit ziemlich gut gefallen hat, dringend ausgeräumt werden musste.

Axel Simon siedelt die Handlung seines Romans im Jahr 1889 an. Das Dreikaiserjahr ist Vergangenheit. Dafür steht die Weltausstellung in Paris, nebst Eröffnung des Eiffelturms – auf dessen Plattform man damals häufig den Schriftsteller Guy des Maupassant fand, weil das, nach seiner eigenen Aussage „der einzige Ort in Paris ist, wo man das verfluchte Ding nicht sehen muss“ -, vor der Tür. Und im damaligen „Deutsch-Südwestafrika“, dem heutigen Namibia, ist die „Deutsche Gesellschaft für Südwestafrika“ damit beschäftigt, das einst von Adolf Lüderitz mittels des sogenannten „Meilenschwindels“ in deutschen Besitz gebrachte Gebiet stetig zu vergrößern. Letztlich wird das zum Völkermord an den Herero und den Nama in den Jahren 1904 bis 1908 führen, den offiziell und auch in juristischer Hinsicht als solchen anzuerkennen Deutschland bis heute nicht vollständig gelungen ist. Man hatte dafür aber auch nur etwas über 100 Jahre Zeit …

Das Dreikaiserjahr, die Weltausstellung und „Deutsch-Südwest“ sind auch die historischen Zutaten, mit denen Simon seine Handlung unterfüttert. Wie bereits im Reihenauftakt, so gelingt es ihm auch hier, die Leserschaft einerseits nicht mit historischen Fakten zu überschütten, andererseits aber genug an Informationen zu liefern, um sich im gewählten Setting zurechtzufinden. Und für darüber hinaus neugierige Menschen wie mich gibt es ja Google.

In Axel Simons zweitem Streich finden sich die Protagonisten in einer vergleichsweisen Notlage wieder. Zwar trägt der begnadete Taschendieb Orsini viel zum Unterhalt des täglichen Lebens bei, und auch Landow verfügt noch über gewisse Rücklagen, das alles macht den Umstand, dass es ziemlich schlecht um die noch junge Detektei „Orlando“ steht, aber auch nicht wirklich besser. Denn die Aufträge bleiben weitgehend aus. Mehr oder weniger durch Zufall stoßen die beiden Ermittler auf eine Mordserie im Bankiersmilieu und beschließen, sich dieser anzunehmen, um mittels Lösung dieses prestigeträchtigen Falles auf ihre Detektei aufmerksam zu machen. So weit jedenfalls der Plan. Allerdings halten Pläne ja meistens nur so lange, bis sie zum ersten Mal mit der Wirklichkeit konfrontiert werden …

Dabei überzeugt der Plot über lange Zeit, als es dann jedoch an die Auflösung der Hintergründe rund um die Mordserie geht, driftet das Ganze – wie übrigens schon im Auftaktroman, der inhaltlich irgendwann aus mir bis heute unerfindlichen Gründen Bezug auf die Märchen der Gebrüder Grimm nahm – dezent ins Seltsame ab. Mir persönlich würde ein Simon-Roman, der mal ohne derartige skurrile Einfälle auskommt, auf die ich im vorliegenden Fall ja nun leider nicht genauer eingehen kann, vermutlich deutlich besser gefallen. Trotz allem hat die Handlung Hand und Fuß, wie man so schön sagt.

Dass es sich bei „Goldtod“ um ein rundum gelungenes Lesevergnügen handelt, liegt allerdings eher in Simons Art zu schreiben und insbesondere in seinen Protagonisten begründet.

Der Roman besticht stilistisch in erster Linie durch die feine Ironie, die der Autor immer wieder durchscheinen lässt, durch textliche Überleitungen, die ihresgleichen suchen – tatsächlich glaube ich, dass Axel Simon seinen Lebenunterhalt auch damit bestreiten könnte, Moderationsüberleitungen für das Fernsehen zu schreiben, sofern man für so etwas ausreichend bezahlt werden würde – und die erfrischenden Dialoge zwischen den beiden Protagonisten.

Eben diese Protagonisten sind mir – während ich sie im ersten Band noch etwas skeptisch beäugte – in Simons zweitem Buch doch deutlich ans Herz gewachsen. Sowohl der Taschendieb – der diesen Begriff so gar nicht gerne hört – Orsini, der sich leidenschaftlich als Innenarchitekt betätigt, die Wohnung der beiden in regelmäßigen Abständen neu dekoriert oder möbliert, der trotz fehlender Englischkenntnisse versucht, Arthur Conan Doyle in der Originalfassung zu lesen und der insgesamt den Eindruck eines Menschen macht, der verzweifelt versucht, einen irgendwie feingeistigen Eindruck zu hinterlassen als auch der von der Familie verstoßene Landjunker Landow, der sich, würde man ihm vorhersagen, dass morgen die Welt untergeht, vermutlich in seiner Wut, seinem Fatalismus und seinem Weltschmerz mit einem Klappstuhl und einer Flasche Cointreau bewaffnet auf den Weg machen würde, um für eben diesen Weltuntergang noch schnell einen Logenplatz zu ergattern und dann interessiert zuzusehen, sind tatsächlich richtig, richtig gut gelungen.

Und so stellte ich am Ende des Buches überrascht fest, dass es mich inhaltlich zwar durchaus überzeugte, ich mich aber insbesondere deswegen nur schwer davon lösen konnte, weil ich mich nur ungern von den Charakteren trennen konnte. Aber glücklicherweise gibt es ja bald Nachschub: „Thronfall“ erscheint am 22.03.2022.

Ich danke dem Rowohlt-Verlag für die freundliche Übersendung des kostenlosen Rezensionexemplars. Die Tatsache, dass es sich hierbei um ein kostenloses Rezensionsexemplar handelte, beeinflusst meine Meinung selbstredend nicht.

Demnächt in diesem Blog: „Äquinoktium“ von Peter Georgas-Frey

„Erkenne die Welt – Eine Geschichte der Philosophie 1“ von Richard David Precht

Buch: „Erkenne die Welt – Eine Geschichte der Philosophie“

Autor: RIchard David Precht

Verlag: Goldmann

Ausgabe: Hardcover, 576 Seiten

Der Autor: Richard David Precht, geboren 1964, ist Philosoph, Publizist und Autor und einer der profiliertesten Intellektuellen im deutschsprachigen Raum. Er ist Honorarprofessor für Philosophie an der Leuphana Universität Lüneburg sowie Honorarprofessor für Philosophie und Ästhetik an der Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin. Seit seinem sensationellen Erfolg mit »Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?« waren alle seine Bücher zu philosophischen oder gesellschaftspolitischen Themen große Bestseller und wurden in mehr als vierzig Sprachen übersetzt. Seit 2012 moderiert er die Philosophiesendung »Precht« im ZDF. (Quelle: Random House)

Das Buch: Im ersten Teil seiner auf vier Bände angelegten Geschichte der Philosophie beschreibt Richard David Precht die Entwicklung des abendländischen Denkens von der Antike bis zum Mittelalter. Kenntnisreich und detailliert verknüpft er die Linien der großen Menschheitsfragen und verfolgt die Entfaltung der wichtigsten Ideen – von den Ursprungsgefilden der abendländischen Philosophie an der schönen Küste Kleinasiens bis in die Klöster und Studierstuben, die Kirchen und Machtzentren des Spätmittelalters. Dabei bettet er die Philosophie in die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Fragen der jeweiligen Zeit ein und macht sie auf diese Weise auch für eine größere Leserschaft lebendig. Ein Buch, das dazu hilft, sich einen tiefen Einblick in die Geschichte der Philosophie zu verschaffen und die Dinge zu ordnen. (Quelle: Random House)

Fazit: Wie so viele andere Menschen auch, so hatte ich früher™, in meiner Jugendzeit, ein gewisses Interesse an der Philosophie. Rückblickend versprach ich mir davon vermutlich Antworten auf Fragen, die mir heute nicht mal mehr einfallen. Die Fragen, nicht die Antworten. Der Ausflug in dieses Themengebiet war seinerzeit jedoch recht kurz. Zwar hatte ich, wie Billionen andere zum damaligen Zeitpunkt junge Menschen auch, Jostein Gaarders „Sofies Welt“ gelesen, bin dafür aber schon einige Zeit später auf Weischedels philosophischer Hintertreppe schwer gestürzt. In der Folge hielt mein Interesse noch bis zum Schnuppertag an der Uni und einer dort stattfindenden Vorlesung über Karl Popper an, die mein jugendliches Ich allerdings weniger damit verbrachte, dem sicherlich hörenswerten Inhalt selbiger zu lauschen, sondern überwiegend damit, mich über den Namen Karl Popper zu beömmeln. Ich war jung. Und das war es dann fürs Erste …

Der Wunsch, mich mit der Philosophie als Ganzem und mit ihren Bestandteilen zu beschäftigen, mal zu wissen, was der hier einen Steinwurf entfernt seinerzeit als Oberprediger tätige Johann Gottfried Herder zum Themenkomplex beizutragen hatte und überdies vielleicht irgendwann mal in der Lage zu sein, die umfassende Biografie über Hegel von Klaus Vieweg zu lesen und idealerweise sogar zu begreifen, der war aber irgendwie immer noch vorhanden.

Und so wurde ich von einer ganz zauberhaften Person, der an dieser Stelle mein überbordender Dank dafür gebührt, im Laufe des letzten Jahres nicht nur mit Bertrand Russells Klassiker „Philosophie des Abendlandes“, über das dann auch irgendwann demnächst nochmal zu reden sein wird, sondern eben auch mit dem ersten Teil von Prechts Überblick über die Geschichte der Philosophie beglückt. Und der Einstieg in diese auf vier Bände ausgelegte Reihe, deren vierter Teil irgendwann im Herbst 2023 erscheinen soll, was in der Folge bedeutet, dass ich die Bände zwei und drei seeehr langsam lesen muss, dieser Einstieg also gelingt Richard David Precht ganz hervorragend.

Zu Beginn stellt der Autor gleich erst mal klar, was seine Buchreihe sein soll und was nicht. So soll „Eine Geschichte der Philosophie“ weder als Nachschlagewerk oder Kompendium dienen, sondern der Autor verfolgt einen eher erzählerischen Ansatz, der das Buch trotz der manchmal vielleicht trockenen Thematik locker-fluffig lesebar macht. Insbesondere die Einordnung der philosophischen Gedanken einzelner Vertreter in die politischen, geografischen und wirtschaftlichen Hintergründe ihrer Zeit trägt zum besseren Verständnis des Gelesenen bei.

Mit Thales von Milet als Ausgangspunkt hangelt sich Precht munter von Person zu Person, Ort zu Ort, Zeit zu Zeit und Idee zu Idee und versteht es dabei sehr gut, herauszustellen, inwiefern spätere Ideen auf früheren aufbauen, inwiefern sie variiert und weiterentwickelt wurden. Und so gelangt man schließlich irgendwann von Thales von Milet bei Platon und Aristoteles an, auf denen – aufgrund der Quellenlage verständlicherweise – das Hauptaugenmerk des Autors liegt.

Schon zu diesem Zeitpunkt wurde mir als Leser aber bereits deutlich, dass ich mir die Menge an Information, die mir Precht hier präsentiert, unmöglich werde merken können. Dieser Eindruck hielt sich auch über die anschließend geschilderte Philosophie des Mittelalters, obwohl diese im Vergleich zur Antike spärlich war, da das Christentum augenscheinlich alles Wissenswerte begründete, ohnehin wenig Widerspruch duldete und man als Philosoph, der etwas auf sich hielt, beständig auf dünnem Eis wandelte, das dann auch unter dem einen oder anderen einbrach.

Letztlich wurde mir dann aber bewusst, dass es hier auch nicht darum geht, sich das Ganze lückenlos zu merken. Es geht eher um die Freude an der Beschäftigung mit der Thematik. Für anschließend auftauchende Detailfragen kann man dann ja immer noch mal nachblättern. Besagte Freude jedenfalls, die war bei mir tatsächlich immens, weswegen ich persönlich mich sehr bald dem zweiten und dritten Band zuwenden werde und hoffe, dass dann Herbst 2023 ist und wir uns wieder in weniger durchgeknallten Zeiten befinden.

Wer also grundsätzliches Interesse an der Thematik mitbringt, dafür aber ohne große Vorbildung aufwarten kann und sich beispielsweise von Russells Klassiker überfordert sieht, der kann hier bedenkenlos zugreifen. Prechts Einstieg in die Geschichte der Philosophie macht einfach nur Spaß!

Demnächst in diesem Blog: „Goldtod“ von Axel Simon oder „Äquinoktium“ von Peter Georgas-Frey