„Todesengel“ von Andreas Eschbach – Alles muss man selber machen…

Buch: „Todesengel“ (2015)

Autor: Andreas Eschbach

Verlag: Bastei Lübbe

Ausgabe: Taschenbuch, 541 Seiten

Der Autor: Andreas Eschbach, 1959 in Ulm geboren, ist ein deutscher Bestseller-Autor. Er studierte Luft- und Raumfahrttechnik, wechselte aber noch vor seinem Abschluss in die EDV-Branche und war von 1993 bis 1996 geschäftsführender Gesellschafter einer EDV-Beratungsfirma.

Bereits während dieser Tätigkeit widmete sich Eschbach der Schriftstellerei. Eine wirklich gute Entscheidung! 1995 erschien sein erster Roman „Die Haarteppichknüpfer“, der mit dem Literaturpreis des Science Fiction-Clubs Deutschland ausgezeichnet wurde. Spätestens mit dem 1998 erschienenen Bestseller „Das Jesus Video“ konnte sich der Autor ausschließlich auf das Schreiben konzentrieren und veröffentlicht seitdem in schöner Regelmäßigkeit weitere Bestseller.

Seit 2003 lebt Eschbach mit seiner Frau in der Bretagne.

Bis 2007 war er über viele Jahre leitender Referent bei Schreibseminaren. Einen Überblick über die ihm während dieser Tätigkeit am häufigsten gestellten Fragen – natürlich inklusive der Antworten – sowie weitere generelle Tipps zum Schreiben finden sich übrigens auf seiner Homepage, was ich persönlich sehr spannend finde. Wer sich also mit dem Gedanken trägt, mal ein Buch zu schreiben, sollte dort nachschauen. Die Tipps eines Bestsellerautors können nicht die schlechtesten sein. 😉

Das Buch: Der Rentner Erich Sassbeck ist auf dem Weg zur U-Bahn. An der Haltestelle angekommen, sind dort gerade zwei Jugendliche damit beschäftigt, eine Sitzbank mittels Fußtritten auseinanderzunehmen. Sassbeck weist die beiden Halbwüchsigen auf ihr Fehlverhalten hin – woraufhin die Jugendlichen nun ihn anstelle der Sitzbank malträtieren. Am Boden liegend und schwer verletzt hat Sassbeck mit seinem Leben bereits abgeschlossen, als plötzlich eine grellweiß gekleidete, leuchtende Gestalt um die Ecke kommt, die beiden Jugendlichen erschießt und wieder verschwindet.

Als Sassbeck wenig später seine Geschichte der Polizei erzählt, sind die Beamten davon natürlich wenig angetan. Denn auf den Bildern der Überwachungskameras der U-Bahn-Haltestelle ist keine weiß leuchtende Gestalt zu erkennen. Daher gerät der Rentner schließlich selbst in das Visier der Ermittler.

Der Journalist Ingo Praise finder jedoch Beweise, die die Geschichte von Erich Sassbeck stützen und veröffentlicht sie. Tatsächlich geht ein weiß gekleideter Rächer in der Stadt um, der Unschuldigen in Gefahr beisteht und die Gewalttäter bestraft. Indem er sie erschießt.

Praise bekommt als Lohn für seine journalistische Tätigkeit den Moderatorenjob bei einer Talkshow. Endlich hat er die Gelegenheit, die Missstände anzuprangern, die ihn schon lange stören: Wieso ist die Polizei nicht in der Lage, für die Sicherheit der Bevölkerung zu sorgen? Weshalb werden Steuerhinterzieher schlimmer bestraft als Gewalttäter, die ihr Opfer krankhausreif geprügelt haben? Und warum werden Menschen, die sich gegen Attacken zu Wehr setzen, von der Justiz eher verfolgt als die Angreifer? Und letztlich: Ist es in so einer Situation nicht legitim, wenn Menschen Selbstjustiz üben, wenn der Staat doch so offensichtlich mit der Aufgabe, die Bevölkerung zu schützen, überfordert ist?

Praise singt in seiner Sendung regelrechte Loblieder auf den „Todesengel“, wie der unbekannte Rächer mittlerweile genannt wird. Er ahnt nicht, was für Konsequenzen er damit heraufbeschwört!

Fazit: „Der Nobelpreis“ heißt ein 2005 erschienener Roman von Andreas Eschbach. Noch gar nicht so lange ist es her, als die EU den Friedensnobelpreis bekam, 2012 war das. Weil sie, die EU, mehr als sechs Jahrzehnte entscheidend zum Frieden und der Verbreitung der Demokratie in Europa beigetragen habe, so hieß es sinngemäß in der Begründung des Komitees.

Tja, offensichtlich ist die Demokratie vielerorts in Europa wieder auf dem Rückzug und was den Frieden angeht…

Nun gut, das Komitee hat bei seiner Begründung den Krieg in Jugoslawien in den 90ern entweder großzügig ausgeblendet, Jugoslawien geografisch anders verortet oder das Ganze höchstens als „kriegsähnliche Zustände“ deklariert, die ja kein Krieg sind, wie wir seit Afghanistan wissen.

Und dass seit 2014 in der Ukraine praktisch durchgehend Menschen aufeinander schießen, das konnten die Herren in Stockholm auch noch nicht wissen.

Spätestens aber, als sich abzeichnete, dass sich die EU-Staaten im Hinblick auf eine gesamteuropäische Flüchtlingspolitik nur darin einig sind, dass sie sich uneinig sind, hätte EU-Ratspräsident Barroso eigentlich sämtliche Staats- und Regierungschefs der EU zusammentrommeln müssen, um sie in härene Büßergewänder zu kleiden, in einen vergitterten Ochsenkarren zu sperren – gezogen von Frauke Petry und den Herren Seehofer und de Maizière – und im Rahmen einer riesigen Prozession – 100 Jahre später unter Historikern als „Gang nach Stockholm“ bekannt – nach Stockholm zu pilgern und den 2012 erhaltenen Preis reumütig zurück zu geben.

Alternativ hätte das Komitee auch bei Barroso anrufen können und sagen: „Gib wieder her, das Ding, wir haben uns geirrt!“. Aber o.g. Lösung gefällt mir besser! 😉

Seit diese Einigkeit der Uneinigkeit herrscht, droht auch hierzulande tragischerweise die Stimmung zu kippen. Spätestens seit den Vorkommnissen an diversen Bahnhöfen in der Silvesternacht macht sich in Teilen der Bevölkerung ein – meiner Meinung nach – recht irrationales Gefühl von „Ich fühle mich schon unwohl, wenn ich auf die Straße gehe“ und von „Man kann wirklich nirgendwo mehr hingehen!“ breit, das sich in – meiner Meinung nach – noch viel irrationaleren Hamsterkäufen von Pfefferspray und Elektroschockern äußert, die – wieder nur meiner Meinung nach – viel häufiger zu Unfällen führen werden, als dass sie helfen.

Um dieses Gefühl der Angst in der Bevölkerung – und damit komme ich, nach einer längeren Einleitung, die mir hoffentlich gestattet ist, weil sie einfach mal sein musste, zum vorliegenden Buch – geht es auch in Andreas Eschbachs „Todesengel“. Und um viel mehr als das.

Auch wenn die Bücher von Eschbach zu den wenigen gehören, die ich kaufe,  ohne auch nur durchzulesen, worum es darin geht, muss ich zugeben, diesmal nach dem Kauf etwas skeptisch gewesen zu sein. Der martialische Titel sowie die Buchgestaltung und Klappentext legten die Befürchtung nah, es handele sich um einen Gewaltexzess im Tarantino-Stil, bei dem eine Mischung aus Chuck Norris und Batman durch die Straßen wandert, um böse Buben zu bestrafen. Aber glücklicherweise ist Andreas Eschbach nicht Tom Clancy oder Frederick Forsyth, bei denen wäre es auf ein solches Machwerk hinausgelaufen.

„Todesengel“ ist jedoch glücklicherweise kein Actionthriller. Und auch die Frage nach der Identität des Todesengels rückte für mich immer mehr in den Hintergrund. Stattdessen konfrontiert der Autor den Leser durch seinen Protagonisten Ingo Praise immer wieder mit spannenden Fragen auf die es keine so wirklich einfachen Antworten geben kann. Praise lädt in seine Sendung Gesprächspartner ein, die Opfer von Gewalttaten wurden und schließlich teilweise selber noch von der Justiz belangt worden. Eschbach bezieht sich an diesen Stellen auf teilweise real existierende Fälle, z. B. den des Studenten, der sich mit einem Messer gegen fünf Angreifer zur Wehr setzt und deshalb zu einer Haftstrafe wegen „unangemessener Notwehr“ verurteilt wird. „Unangemessene Notwehr“… Ja, man darf sich verteidigen, aber man muss dabei sanft sein…

Auch der Umgang der Justiz mit den eigentlichen Gewalttätern wird in Praises Sendung thematisiert. Oft klagen diese über ihre schwere Kindheit – und seien wir mal ehrlich, wir hatten doch alle eine – und werden nur leicht bestraft. Praise vertritt die Meinung, dass man deshalb, also wegen einer schweren Kindheit, noch lange kein Gewalttäter werden müsse, Beweise dafür gibt es unzählige. Und er sieht den Grund für harmlose Bestrafungen auch bei den Richtern: Leichte Strafen erfordern kürzere Begründungen, machen also weniger Arbeit. Außerdem werden seltener Rechtsmittel dagegen eingelegt, es muss also nicht nochmal verhandelt werden – wieder weniger Arbeit. Ziemlich widerlich!

Letztlich spricht sich der Journalist für die durch den Todesengel durchgeführte Selbstjustiz aus, wenn doch die staatliche Gewalt eben nur gegen die Opfer vorgeht und die Täter immer wieder davonkommen lässt. Und irgendwann hatte mich der Autor soweit, dass ich mir die Frage stellte: „Hat er damit nicht irgendwo Recht?“ Nein, hat er natürlich nicht, mit allem nicht. Aber den Leser in seiner Gedankenwelt soweit zu treiben, das schafft auch nicht jeder.

„Todesengel“ gehört zu den Büchern, die den Leser auch nach der Lektüre noch eine Weile beschäftigen. Ein ziemlich fieses Buch. 😉 Jedenfalls, wer schon mal Bücher von Eschbach gelesen und gemocht hat, der kann mehr als bedenkenlos zugreifen. Und wer das bisher nicht getan hat, dem sei gesagt, dass ich das als schwere Wissenslücke werte! 😉

Fazit:

Handlung: 10 von 10 Punkten

Stil: 8,5 von 10 Punkten

Charaktere: 8,5 von 10 Punkten

Atmosphäre: 10 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 9,5 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Saubere Verhältnisse“ von Marie Hermanson.

„Flut der Angst“ von Hannes Nygaard – Mal Ebbe, mal Flut…

Buch: „Flut der Angst“ (2014)

Autor: Hannes Nygaard

Verlag: emons:

Ausgabe: Taschenbuch, 275 Seiten

Der Autor: Hannes Nygaard, 1949 in Hamburg als Rainer Dissars-Nygaard geboren, ist ein deutscher Krimi-Autor.

Er absolvierte eine kaufmännische Ausbildung und anschließend ein BWL-Studium. Mehrere Jahrzehnte war Nygaard als Unternehmensberater tätig, bevor er mit dem Schreiben begann.

Bereits 2004 erschien sein erster „Hinterm Deich Krimi“ um das Husumer Ermittlerteam Johannes, Mommsen und Große Jäger bzw. um Lüder Lüders von der Kieler Polizei. Neben den „Hinterm Deich Krimis“ hat Nygaard mittlerweile eine zweite Krimiserie rund um die beim LKA in Hannover tätige Frauke Dobermann begonnen.

Zum zehnjährigen Bestehen der „Hinterm-Deich-Krimis“ erschien als insgesamt 19. Band der mittlerweile zwanzigbändigen Reihe „Flut der Angst“ in dem die Protagonisten aus Husum, Kiel und Hannover zusammen ermitteln.

Der Autor hat nach eigener Aussage sein „halbes Leben in Schleswig-Holstein zugebracht“. Nach einiger Zeit in Münster lebt Nygaard nun auf der nordfriesischen Halbinsel Nordstrand.

Das Buch: In Husumer Hafenbecken wird die Leiche eines Mannes entdeckt. Der Tote heißt Maurizio Archetti und war Mitarbeiter bei der EU-Komission in Brüssel. Archetti hielt sich in Husum auf, um mit Gegnern und Befürwortern der Elbvertiefung Gespräche zu führen.

Ungefähr zur selben Zeit wird der eigentlich zu lebenslanger Haft verurteilte Mafioso Dottore Alberto Carretta ermordet. Der Dottore befand sich in einem Boot auf der Oste, in der Nähe von Cuxhaven, als er von Unbekannten erschossen wurde. Bei sich hatte der Mafioso eine Kamera, auf der sich Aufnahmen verschiedenster Containerschiffe befinden.

Nach kurzer Zeit stellt sich heraus, dass beide Mordopfer mit der selben Waffe erschossen wurden, dem Scharfschützengewehr M40. Ursprünglich für die US-Marines hergestellt, ist diese Waffe eine eher ungewöhnliche Wahl für einen Doppelmord im beschaulichen Norddeutschland.

Wer ist für den Tod der beiden Männer verantwortlich? Wollte EU-Mann Archetti sich in Brüssel für die Förderung der Elbvertiefung stark machen und wurde dadurch militanten Umweltschützern ein Dorn im Auge? Aber wie passt dann der Mafiaboss ins Bild? Nach intensiven Ermittlungen der Husumer Polizei, ihren Kollegen aus Hannover sowie dem Kieler Lüder Lüders stellt sich heraus, dass die Bedrohung noch weit über die Ermordung Archettis und Carrettas hinausgeht: Unbekannte wollen durch einen Terroranschlag die Elbe blockieren, die Lebensader für den gesamten Norden.

Nun ist die Zusammenarbeit der verschiedenen Ermittlerteams bei der Suche nach den Drahtziehern des geplanten Anschlags gefordert.

Fazit: Nygaards 19. „Hinter-Deich-Krimi“ wurde mir freundlicherweise von einer wirklich ganz zauberhaften Person zur Verfügung gestellt. An dieser Stelle herzlichen Dank dafür!

Irgendwie empfinde ich es allerdings als etwas undankbare Aufgabe, Bücher wie „Flut der Angst“ zu rezensieren. Warum? Ganz einfach: Wenn ich ein Buch richtig schlecht finde, dann gibt es genügend Argumente, mit denen ich meine Meinung – meistens im Rahmen eines launigen Verrisses – kundtun kann. Gefällt mir ein Buch dagegen richtig gut, so habe ich ebenfalls wenig Probleme damit, ausführlich auf die Stärken des Werkes einzugehen und zu erläutern, warum es mir gefällt.

Wenn ein Buch allerdings – so wie in diesem Fall –  für mich zur Kategorie „ganz okay“ gehört, dann wird es schon schwieriger, das plausibel zu begründen. Ich versuche es, wie üblich, dennoch.

Ich habe bereits vor geraumer Zeit das erste halbe Dutzend der „Hinterm Deich Krimis“ gelesen und war davon nicht nur schwer begeistert, sondern halte die Reihe für eine der besten in der deutschen Krimilandschaft, zumindest des mir bekannten Teils besagter Krimilandschaft. Insofern war ich relativ überzeugt davon, dass ich auch von „Flut der Angst“ begeistert sein würde. Doch das war ich leider nicht.

Die frühen Hintern-Deich-Krimis um die Polizisten Johannes, Mommsen und Große Jäger spielten sich größtenteils in und um Husum herum ab und lebten von der typisch norddeutschen Atmosphäre, den bodenständigen Krimihandlungen mit begrenztem Ermittlungsumfeld und den gut getroffenen Charakteren, allen voran Wilderich Große Jäger, eine der skurrilsten und sympathischsten Figuren, die mir beim Lesen je begegnet sind. Diese Krimis vermittelten das gemütliche Gefühl einer Folge „Neues aus Büttenwarder“ – nur eben mit Leichen.

Von dieser Art Erfolgsrezept rückt Nygaard mit seinem Jubiläumskrimi nun deutlich ab. Einmal, indem er das überschaubare Husumer 3-Mann-Team mit den Beamten des LKA Hannover und mit Lüder Lüders zusammenarbeiten lässt. Und zum zweiten, indem er mit der Handlung die Bühne des beschaulichen Städtchens Husum verlässt und sie mehr in Richtung Weltpolitik führt. Das kann man machen! Und in diesen Passagen merkt man auch, wie gut recherchiert dieser Roman ist. Er wirft Fragen auf. Mit welcher Legitimation sitzen eigentlich diese ganzen Leute im EU-Parlament? Wie genau funktionieren die EU-Fördermaßnahmen? Und nicht zuletzt: Wie anfällig ist Deutschland für Terroranschläge der anderen Art?

Hinsichtlich der Handlung, der Charaktere und des Stils kann man zusammenfassend sagen: Die Handlung als solche bietet durchaus eine gewisse Spannung, war aber weit davon entfernt, mich durchgehend zu fesseln. Die mittlerweile liebgewonnen Charaktere dagegen wissen auch in „Flut der Angst“ voll zu überzeugen, lediglich die Dialoge klingen im Vergleich mit den früheren Krimis irgendwie seltsam gezwungen, teilweise albern. Und an die Angewohnheit Nygaards, seine Charaktere mit seltsamen Nachnamen zu versehen (Große Jäger, Dobermann, Putensenf) werde ich mich wohl nie gewöhnen. Abgesehen von den Dialogen ist der Krimi aber gewohnt gut geschrieben.

Letzten Endes scheitert „Flut der Angst“ für mich persönlich ganz klar an den falschen Erwartungen, die ich an das Buch hatte. Daher möchte ich aber auch nicht verschweigen, dass andere Rezensionen wahre Lobhudeleien auf den Krimi ausbringen. Vielleicht liege ich mit meiner Meinung diesmal auch daneben, aber: Ich hätte gerne „mein“ Husum wieder und dazu noch eine ganz „normale“ Mordermittlung! Geht das, Herr Nygaard?

Wertung:

Handlung: 7 von 10 Punkten

Stil: 8 von 10 Punkten

Charaktere: 7,5 von 10 Punkten

Spannung: 6,5 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 7,25 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Todesengel“ von Andreas Eschbach. Dazu habe ich dann auch wieder mehr zu sagen und die Rezension wird mir leichter fallen. 😉

„Der Rätselmacher“ von Neal Baer und Jonathan Greene – K.O. in Runde 10

Buch: „Der Rätselmacher“ (2015)

Autoren: Neal Baer und Jonathan Greene

Verlag: blanvalet

Ausgabe: Taschenbuch, 448 Seiten

Die Autoren: Neal Bear ist ein 1955 geborener Kinderarzt,  Schriftsteller und Drehbuchautor. Er wuchs in einer Medizinerfamilie auf. Sein Vater war Chirurg, seine beiden Brüder sind es ebenfalls. Bear studierte Soziologie in der Harvard Graduate School of Arts and Sciences, bevor er an die Harvard Medical School wechselte, um Medizin zu studieren.

Bereits während seines Medizinstudiums begann Bear, Drehbücher für die Serie „Emergency Room“ zu verfassen, ingesamt 20 zwischen 1994 und 2000. Anschließend war er viele Jahre als Drehbuchautor und Produktionsleiter der Serie „Law & Order: Special Victims Unit“ tätig. Dort lernte er auch Jonathan Greene kennen.

Informationen über Jonathan Greene zu beschaffen, gestaltete sich schon schwieriger. Benügen wir uns damit, dass er Politikwissenschaft studierte und als Fernsehjournalist und Drehbuchautor tätig ist.

Greene und Bear leben mit ihren jeweiligen Familien in Los Angeles.

Das Buch: Claire Waters ist forensische Psychiaterin und arbeitet im Rahmen eines Forschungsstipendiums im Manhattan State University Hospital. Zu ihren Patientinnen gehört auch Rosa Sanchez. Rosa saß unschuldig im Gefängnis, wurde dort vergewaltigt und wird nun aufgrund einer posttraumatischen Belastungsstörung von Claire behandelt.

Als Claire nach einer dieser Therapiesitzungen vom Fenster ihrer Praxis aus sieht, wie Rosa auf der Straße von einem Polizisten in Handschellen abgeführt wird, macht sie sich große Sorgen um ihre Patientin. Ihre Anrufe bei der Polizei vergrößern diese Sorgen noch, denn dort weiß man nichts von einer Verhaftung von Rosa Sanchez.

Claire wendet sich in ihrer Verzweiflung an den Polizeibeamten Nick Lawler vom NYPD, den sie durch einen anderen Kriminalfall während des letzten Jahres kennengelernt hat. Lawler ist aufgrund einer Augenerkrankung eigentlich aus dem aktiven Dienst ausgeschieden und mit einer Schreibtischtätigkeit versorgt worden, für Claire setzt er dennoch sämtliche Hebel und eine Ermittlung in Bewegung. Mit Erfolg, sofern man dabei von Erfolg sprechen kann. Denn kurz darauf wird Rosa Sanchez tot aufgefunden. Oder, vielmehr das, was von ihr übrig ist. Der Mörder hat sein Opfer gekocht(!), um nur die Knochen zurückzubehalten, die nun gefunden wurden.

Nick Lawler kennt diese Vorgehensweise. Sein Vater, früher ebenfalls als Polizist tätig, hat ihm von einem Fall erzählt, bei dem ein Serienmörder den gleichen „modus operandi“ verwendet hat. Dieser wurde nie gefasst, weil die Ermittlungen genau in die Zeit der Verhaftung von David „Son of Sam“ Berkowitz 1977 fielen, die Medien sich nur damit beschäftigten und die Polizei ohnehin überlastet war. (Jener Berkowitz ist übrigens zu putzigen 365 Jahren Haft verurteilt worden, er wird also etwa im Jahr 2342 entlassen…)

Mit vereinten Kräften versuchen Nick und Claire, den Serienmörder diesmal zu schnappen. Und viel Zeit haben sie dafür nicht, denn bald stellt sich heraus, dass der Täter es auch auf Claire abgesehen hat.

Fazit: Tja, liebe Leser und Innen, wie beschreibt man am besten dieses Buch? Vielleicht folgendermaßen: Kennt Ihr noch den guten, alten Wuschelkopf Bob Ross mit seiner Sendung „The joy of painting“? In dieser Sendung, mittlerweile tragischerweise irgendwo im Nachtprogramm von ARD-alpha verschwunden, zeigte Bob Ross seinen Zuschauern, wie sie auf einfache Art und Weise, ohne jahrelangen Besuch einer Kunsthochschule, in der Lage sein können, selbst schöne Bilder zu malen. Das tat er mit einer ruhigen, sonoren Stimme, die ausgesprochen beruhigend wirkte. Diese Sendung habe ich vor einigen Jahren mit einer ganz zauberhaften Person und wachsender Begeisterung häufig gesehen.

Eine Angewohnheit von Bob Ross war nämlich, dass er immer – IMMER – wenn man meinte, das Bild sei nun eigentlich fertig, irgendetwas in das Bild eingefügt hat, was den Gesamteindruck des entstandenen Werkes nachhaltig beschädigte. Meistens Bäume, mittig im Vordergrund! Sehr, sehr bald riefen besagte zauberhafte Person und ich in dieser Situation immer reflexartig und gleichzeitig: „Und JETZT versaut er´s wieder!“ Daraus ist so eine Art geflügeltes Wort geworden, das sich bis heute gehalten hat. 😉

So, – und da schließt sich der Kreis, liebe Leser und Innen – genau so könnte man „Der Rätselmacher“ beschreiben. Wie ein Fußballspiel, bei dem man sagt, dass man mit dem Unentschieden seines Lieblingsvereins gut leben kann, nur um anschließend Zeuge zu werden, wie der Gegner in der sechsten Minute der Nachspielzeit noch das Siegtor macht. Wie ein Klitschko-Kampf, bei dem man in Runde 10 sagt, dass er den jetzt nicht mehr verlieren kann, nur um unmittelbar darauf mitzuerleben, wie der stattliche Ukrainer mittels eines gigantischen Dampfhammers seines Kontrahten in die Welt der Träume geschickt wird. Genau so ist „Der Rätselmacher“.

Zu Beginn überzeugte mich erstmal die Aufmachung des Buches. Das Layout der Titelseite besteht aus einem QR-Code. Der funktioniert übrigens. Der Klappentext las sich auch spannend. Und Rätsel, Rätsel gehen in Büchern eigentlich immer.

Und über lange Zeit las sich „Der Rätselmacher“ auch recht gut. Da konnte man auch über die eine oder andere Schwäche hinwegsehen, z.B. die Hauptfiguren: Claire ist vom Schicksal arg gebeutelt. In ihrer Kindheit wurde ihre beste Freundin entführt und ist bis heute verschwunden. Darüber kam sie nie so ganz hinweg. Im letzten Jahr musste sie den Tod ihres Verlobten verkraften, der während einer anderen Ermittlung ermordet wurde. Dazu kommen nnoch so ein, zwei Dinge,  die ich nicht erwähnen kann, ohne zu spoilern.

Auch mit Nick meint es das Schicksal nicht gut. Seine Frau hat sich vor einiger Zeit mit Nicks Dienstwaffe das Leben genommen, er zieht seine beiden Töchter jetzt alleine groß. Darüber hinaus leidet er an einer unheilbaren Augenkrankheit, die im Laufe der Zeit zu seiner vollständigen Erblindung führen wird.

Irgendwie ist mir das alles ein bisschen dolle viel Schicksal. Warum kann man nicht mal ganz „normale“ Hauptfiguren kriegen? Das wirkt für mich dann doch klischeehaft. Dann fiel mir jedoch wieder die Vita der Autoren ein: „Emergency Room“ und „Law & Order“ – das erklärt einiges. Überhaupt, die Vita der Autoren: Die Tatsache, das Neil Baer Kinderarzt ist, gab mir zu denken. Würde ich die Gesundheit meiner Kinder, so ich denn welche hätte, in die Obhut eines Menschen geben, der sich Geschichten ausdenkt in denen Mordopfer gekocht werden? Ich weiß nicht so recht…

Und überhaupt, Mordopfer kochen! Was soll das? Können die Opfer in solchen Büchern nicht mal unspektakulärer in Jenseits befördert werden? Vielleicht mit´m Aufsitzrasenmäher überfahren? Oh, nee, das gäbe auch ´ne Sauerei. Na, dann vielleicht: Mit der Schneeschaufel erschlagen! Unspektakulär, und würde auch zur Jahreszeit passen. Na, sei´s drum!

Nun, die Schwächen bei den Charakteren werden über lange Zeit vom durchgehend guten Schreibstil und der spannenden Handlung überdeckt. Aber dann… Irgendwo so im letzten Drittel der Handlung, als man schon denkt, das Ganze könnte jetzt langsam mal in einem großen Showdown und in einer spektakulären Aufdeckung der Identität des Mörders enden, tja, irgendwo da versauen sie´s wieder!

Da wird eine vollkommen nutzlose Romanze zwischen Claire und Nick eingebaut. Und ja, ich weiß, für den Durchschnittsmann ist es ein Ding der Unmöglichkeit, die vielschichtige weibliche Psyche auch nur im Ansatz zu erfassen und zu verstehen, aaaber: Hier hat es den Anschein, als würde Claire denken: „Ja gut, ein durchgeknallter Serienmörder hat es auf mich abgesehen. Und mich sogar schon angeschossen! Aber dieser Nick da, hach, was ist der süß…!“ NEI-EN! Sowas macht doch keiner! Das eigene Leben retten geht vor knutschen, jawohl!

Dann wird auf – ich möchte dieses vom Aussterben bedrohte Wort mal wieder nutzen – hanebüchene Art und Weise erklärt, warum Claire so tickt, wie sie tickt. Und es sooo schade, dass ich darauf nicht eingehen kann, weil es sooo skurril ist. Und unnötig!

Auch auf den großen Showdown wartet der Leser vergeblich. Dieser findet auf ganzen drei(!) Seiten statt. Der Hintergrund und die Beweggründe des Täters werden anschließend im Rahmen von Tagebuchnotizen näher beleuchtet. Das in die laufende Handlung einzufügen, hätte vermutlich zu viel Platz in Anspruch genommen, wahrscheinlich waren mehr als 448 Seiten nicht genehmigt. Oder der Abgabetermin stand vor der Tür. Oder – ach, ich weiß es nicht.

Dass die namensgebenden Rätsel des Rätselmachers für die Handlung eine eher untergeordnete Rolle spielen, und man Rätsel in diesem Zusammenhang eigentlich nicht mal im Plural verwenden kann, fällt dabei kaum noch ins Gewicht.

Was bleibt, ist ein gut geschriebener Roman, der über weite Strecken, trotz aller erkennbaren Schwächen,  gut unterhält, dem aber auf der Zielgeraden leider die Puste ausgeht. So wie mir jetzt auch.

Wertung:

Handlung: 6,5 von 10 Punkten

Stil: 8 von 10 Punkten

Charaktere: 5,5 von 10 Punkten

Spannung: 7,5 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 6,875 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Flut der Angst“ von Hannes Nygaard

„Der König von Berlin“ von Horst Evers – Alle gegen Ratmaster Big

Buch: „Der König von Berlin“ (2014)

Autor: Horst Evers

Verlag: rororo

Ausgabe: Taschenbuch, 381 Seiten

Der Autor: Horst Evers ist ein 1967 geborener Autor und Kabarettist. Er studierte Germanistik und Soziologie in Berlin, schloss dieses Studium jedoch nicht ab.

Schon während seiner Studienzeit war er Mitbegründer der Zeitschrift „Salbader“, für die er auch einige Texte schrieb. Für diese Texte verwendete er verschiedene Pseudonyme. So nannte sich der Kabarettist, der mit bürgerlichem Namen eigentlich Gerd Winter heißt, unter anderem Horst Evers, nach dem nahe seines Geburtsortes Diepholz liegenden Örtchen Evershorst. Er war damit erfolgreich und blieb dabei.

Bekannt geworden ist Evers in den letzten Jahren vor allem durch seine Bücher, die üblicherweise komische, skurrile Kurzgeschichten aus dem Alltag enthalten und die durch kreative Titel wie „Für Eile fehlt mir die Zeit“ auffallen.

Das Buch: Der Seniorchef der größten Berliner Kammerjägerfirma, Erwin Machalik, ist gestorben. Oder gestorben worden. Denn auch wenn die Polizei den Tod Machaliks als Unfall deklariert – er hat unabsichtlich sein eigenes Rattengift getrunken – so gibt es doch einige Personen, die das nicht so recht glauben wollen. Darüber hinaus hat Machalik als eine Art Vermächtnis ein Video hinterlassen, auf dem er sturzbetrunken ankündigt, im Falle seines gewaltsamen Ablebens werde die Stadt zunehmend Probleme mit Ratten bekommen. Nach 55 Tagen solle Berlin förmlich von Ratten überschwemmt werden.

Die Stadt ist also in Aufruhr. Nicht nur, weil man dort gefühlt seit der Wende verzweifelt versucht, einen halbwegs funktionsfähigen Flughafen zu bauen –  was angesichts einer im Jahr 2013 veröffentlichten Liste von etwa 20.000 Mängeln noch ein paar Dienstage dauern dürfte – nein, die Stadt leidet außerdem seit Machaliks Tod tatsächlich an einer zunehmend größer werdenden Rattenplage. Und die 55 Tage, von denen der Verblichene in seinem Abschiedsvideo sprach,  sind in wenigen Tagen vorbei…

Die Söhne des Verstorbenen haben nicht die leiseste Ahnung, wie sie der Krise Herr werden sollen. Daher tun sie in dieser Situation das einzig Richtige: Sie geben die Verantwortung weiter und erklären den Kammerjäger Toni Karhan zum Experten und Hauptverantwortlichen zur Beseitigung der Plage…

Währenddessen ermittelt der junge Hauptkommissar Lanner, der aufgrund eines beachtlichen Ermittlungserfolgs gegen eine korrupten Geflügelzüchter aus dem beschaulichen Cloppenburg in die Hauptstadt versetzt wurde, im Falle des toten Erwin Machalik. War sein Tod wirklich ein Unfall?

Fazit: Auf vielfachen Wunsch einer einzelnen, ganz zauberhaften Person sollte ich diese Rezension schon gestern schreiben. Mein Biorhythmus sah das aber anders, daher gibt es sie heute. 😉

Es ist schon einige Jahre her, dass mir eine andere ganz zauberhafte Person Evers´ Buch „Die Welt ist nicht immer Freitag“ zum Geburtstag geschenkt hat. Die urkomischen, kurzen Geschichten haben mich damals begeistert und sie tun es heute noch. Beispielsweise die Geschichte aus dem Buch „Mein Leben als Suchmaschine“, in der ein Kunde eine unschuldige Bäckereifachverkäuferin schwer durcheinanderbringt, mit dem Wunsch, heute für morgen ein Brot von gestern vozubestellen! Guckst Du hier!

Umso erstaunter war ich, dass Evers bereits vor einiger Zeit einen Ausflug ins Krimigenre unternommen hat. Und das Ganze von mir auch noch völlig unbemerkt! Diese Wissenslücke musste gefüllt werden.

Wer mit den Büchern von Evers vertraut ist, erwartet von Anfang an keinen bierernsten Krimi und wird mit dieser Erwartung auch nicht enttäuscht. Der Autor streut immer wieder kleine Passagen zum Schmunzeln ein. Beispielsweise als sich Machaliks Söhne Helmut und Max zum xten Mal das Video des Seniors ansehen, weil sie glauben, einen Hinweis übersehen zu haben, wie man die Rattenplage stoppen könne. Nachdem der alte Machalik auf dem Bildschirm sturzbetrunken etwas von einem Krieg der Ratten gegen Berlin schwafelt, fällt er am Ende hackedicht und gurgelnd aus dem Bild, woraufhin die Aufnahme endet. Helmut erklärt daraufhin, er könne keinen Hinweis erkennen, „nur eine subtile Warnung vor den Gefahren des Alkohols.“ (S. 44) 😉

Darüber hinaus kann sich Evers ein, zwei Sticheleien in Richtung des heute gängigen Krimis nicht verkneifen. So lässt er seinen Kommissar Lanner sarkastisch über Polizisten philosphieren, die ja tatsächlich, ohne jeden Zweifel, alle „kauzige Typen“ oder „alkoholkranke Einzelgänger“ seien, die nach Verlust von Freunden, Familie und Hoffnung quasi zwanghaft „immer neue, noch bizarrere, noch brutalere Serienmörder“ jagen. (S.93)

Auch der zunehmende Gewaltgrad in der heutigen Spannungsliteratur bekommt sein Fett weg. So schimpft Lanner über „diese schwachsinnigen, grausamen Gewaltphantasien aus albernen Perversenkrimis“, die „besonders hart und realistisch“ sein wollen, mit dem wahren Polizeialltag angesicht der Häufigkeit tatsächlich vorkommender Serienmörder allerdings nicht das Geringste zu tun hätten. (S. 342)

Evers spricht mir mit seiner Kritik da aus tiefster Seele. Es ist ja nicht so, dass ich stereotype Ermittler und überzogene Gewaltdarstellung nicht auch schon öfter kritisiert hätte. Aber vielleicht hört ihm wenigstens jemand zu. Kein Krimi wird besser, nur weil ein Mordopfer auf möglichst blutige, grausame Weise aus dem Leben scheidet!

Abseits des humorigen Einschlags hat es Evers überraschend gut geschafft, eine absolut stimmige Krimihandlung zu entwerfen, die – bei aller Skurrilität – Hand und Fuß hat. Und die sogar mit einem Finale im Stile von Agatha Christie aufwarten kann. Wenn das mal nichts ist!

Neben der stimmigen Handlung und dem humorvollen, angenehm zu lesenden Stil hat Evers Figuren entworfen, die zum Teil an seine Kurzgeschichten erinnern. Kommissar Lanner beispielsweise hat es nicht leicht in seinem neuen Job. Spätestens seit er sich selbst bei seinen neuen Kollegen als „Dorfsheriff“ vorgestellt hat. Seine Kollegen lassen keine Gelegenheit aus, ihn nach Strich und Faden zu verkaspern. Und die Berliner als solche tun ihr Übriges: Da Lanner sich in der großen Stadt noch nicht so wirklich auskennt und sein Dienstwagen kein Navi besitzt, ist er öfter gezwungen, nach dem Weg zu fragen. Die Berliner machen sich regelmäßig einen Spaß daraus, ihn nur aus Dönekens kilometerweite Umwege durch diverse Stadtteile fahren zu lassen…

Kurz und abschließend gesagt: An „Der König von Berlin“ gibt es eigentlich nicht wirklich etwas zu meckern. Wer die Bücher von Horst Evers und Krimis der etwas anderen Art mag, für den dürfte dieses Buch ein reines Lesevergnügen sein.

Wertung:

Handlung: 8 von 10 Punkten

Stil: 8,5 von 10 Punkten

Charaktere: 8 von 10 Punkten

Humor: 8,5 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 8,25 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Der Rätselmacher“ von Neal Baer und Janathan Greene

„Teufelsloch“ von Antonia Hodgson – Gehen Sie nicht über „Los“…

Buch: „Teufelsloch“ (2015)

Autorin: Antonia Hodgson

Verlag: Knaur

Ausgabe: Taschenbuch, 475 Seiten

Die Autorin: Antonia Hodgson ist eine 1971 geborene britische Schriftstellerin. Von 1991 bis 1994 studierte sie an der University of Leeds Englische Literatur und befasste sich nach eigenen Worten in dieser Zeit mit mittelalterlicher Literatur, road movies, isländischen Sagas und billigem Rotwein – eine dieser Sachen sei ihr in ihrer beruflichen Laufbahn sehr behilflich gewesen…

Nach ihrem Abschluss war sie für mehrere Buchverlage tätig. Ihr eigenes Manuskript von „Teufelsloch“ schickte sie jedoch an einen Konkurrenzverlag, um sich nicht mit dem Vorwurf der Vetternwirtschaft auseinander setzen zu müssen.

Mit ihrem Debütroman gewann Hodgson 2014 einen “ Endeavour Historical Dagger Award“. Grund genug, die Erlebnisse ihres Protagonisten Tom Hawkins in einem zweiten Roman fortzusetzen: „The last Confession of Tom Hawkins“ erschien 2015 im englischen Original – und wird hoffentlich schnellstmöglich übersetzt.

Das Buch: London, 1727: Der junge Tom Hawkins sollte ursprünglich in die Fußstapfen seines Vaters treten und eine Laufbahn als Geistlicher einschlagen. Tom entschließt sich jedoch dagegen, verlässt im Unfrieden die Familie und setzt fortan andere Prioritäten: Er zieht nach London, genießt das Leben und beschäftigt sich überwiegend mit Wein, Weib und Gesang. Und mit Glücksspiel.

Unerwünschter Nebeneffekt dieses Lebenswandels ist ein stetig ansteigender Schuldenberg, dem sich Tom gegenübersieht. Irgendwann platzt seinen Gläubigern der Kragen: Tom bekommt 24 Stunden Zeit, um mindestens die Hälfte der Schulden zurückzuzahlen, andernfalls droht ihm die Haft im Schuldgefängnis „The Marshalsea“. Der junge Lebemann leiht sich von seinem besten Freund aus Studienzeiten, Charles Buckley, ein wenig Geld und versucht, es auf die einzig ihm bekannte Art zu vermehren: Am Spieltisch. Und diesmal hat er Glück!

Voller Freude und mit gefülltem Geldbeutel feiert er mit Buckley seinen Erfolg. Von diesem Moment an geht jedoch alles reichlich schief: Auf dem Heimweg wird Tom überfallen und ausgeraubt. Als er aus seiner Bewusstlosigkeit erwacht, wird er, noch bevor er überhaupt zu Hause angekommen ist, von seinen Gläubigern aufgegriffen. Da er die geforderte Summe nun nicht mehr bezahlen kann, führt ihn sein Weg auf direktem Weg ins Marshalsea.

Aber damit haben die Schwierigkeiten für Tom noch kein Ende. Denn der Aufenthalt im Marshalsea ist mitnichten kostenlos. Die Gefangenen haben für ihr Zimmer sowie für Verpflegung  zu zahlen. Wer nicht dazu in der Lage ist, die wöchentliche Miete zu bezahlen, wird ohne viele Worte in die andere Hälfte des Gefängnisses verfrachtet, die „common side“. Dort herrschen unhaltbare Zustände. Die Gefangenen dort leiden Hunger und werden in großer Zahl in winzigen Zellen zusammengepfercht, jede Nacht sterben an Seuchen und Krankheiten etwa ein Dutzend Menschen.

Angesichts seiner fehlenden finanziellen Mittel droht Tom sehr bald die „common side“. Da jedoch bietet sich ihm ein unerwarteter Ausweg: Im Marshalsea wurde vor Kurzem ein Mann umgebracht, der Tom Hawkins zum Verwechseln ähnlich sah. Sir Philip Meadows, als „Knight Marshal“ der Hauptverantwortliche für das Marshalsea, beauftragt ihn, auf Bitten von Toms Freund Charles, mit den Ermittlungen in der Mordsache. Sollte er erfolgreich sein, so winkt ihm die Entlassung. Sollte er scheitern – die „common side“.

Fazit: Der Einstieg in den Roman gestaltet sich als nicht ganz einfach. Sobald Tom das Marshalsea betritt, werden in rasantem Tempo weitere Charaktere eingeführt: Gefangene, Wärter und so weiter. Es bedarf schon einiger Mühen, sich diese alle zu merken und zuordnen zu können. Hat man sich aber erst einmal damit zurechtgefunden, wird „Teufelsloch“ zu einem reinen Vergnügen.

Das beginnt bereits mit den Charakteren, als Beispiel seien hier zwei genannt: Der Protagonist Tom Hawkins ist gut getroffen und wandelt sich im Laufe der Geschichte vom sorglosen Lebemann zu einem – wenigstens vorübergehend – angstgetriebenen Nervenbündel. Sein Mitbewohner, Samuel Fleet, wird von allen im Gefängis als das personifizierte Böse angesehen. Und so gibt er sich auch: Düster, geheimnisvoll, sarkastisch und gefährlich. Und vielschichtig. Ein toller Charakter.

Auch sprachlich ist „Teufelsloch“ ein großer Wurf. Die Autorin versteht es, dem Buch etwas zu verleihen, was wahrlich nicht jedem Roman gegeben ist: Atmosphäre! Durch den bildhaften Stil hat man als Leser das Gefühl, man könne das Marshalsea förmlich sehen, als wäre man selbst dort. Die plastischen Beschreibungen der hygienischen Verhältnisse im Gefängnis führten mich zu der Annahme, ich könne es sogar riechen. Nun, entweder das, oder in irgendeiner Zwischenwand meines Domizils ist kürzlich ein glückloser Iltis verendet. 😉 Jedenfalls, dieses Gefühl, derart intensiv in die Welt eines historischen Romans abtauchen zu können, das habe ich sonst ausgesprochen selten, allenfalls bei Büchen wie „Die Säulen der Erde“ oder „Das Parfüm“. Wirklich großes Kino.

Leider fällt die Handlung selbst neben den anderen großen Stärken des Buches ein wenig ab. Allerdings ist das Meckern auf hohem Niveau, denn „Teufelsloch“ bleibt über die gesamte Länge stets unterhaltsam. Das außergewöhnliche Erzähltalent der Autorin führt bei mir dazu, dass die leichten Mängel in der Handlung außerdem gar nicht mehr groß ins Gewicht fallen. Tom Hawkins und seine Mitgefangenen hätten von mir aus auch auf 350 Seiten des Buches ausschließlich Backgammon spielen können –  ich hätte es mit Begeisterung gelesen.

Einziger Kritikpunkt bleibt eine Szene, in der Tom Hawkins – ohne zu viel zu verraten –  eine, sagen wir, traumatische Nacht verbringt. Die meisten Normalsterblichen würden sich nach dieser Nacht noch drei Tage lang in Fötushaltung in der Zimmerecke zusammenrollen und unter schwerstem Hospitalismus leiden. Tom jedoch ist am nächsten Tag schon nach kurzer Zeit wieder in bemerkenswert guter Form. Das habe ich der Autorin mal so gar nicht abgenommen. Abgesehen von dieser Szene und leichter Kritik an der Handlung bleibt „Teufelsloch“ ein klare Leseempfehlung für alle, die mal wieder einen atmosphärischen historischen Roman lesen wollen.

Wertung:

Handlung: 8 von 10 Punkten

Charaktere: 8,5 von 10 Punkten

Stil: 9,5 von 10 Punkten

Atmosphäre: 10 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 9 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Der König von Berlin“ von Horst Evers. Ein Krimi.