„Schweig für immer“ von Linwood Barclay – Wenn Du geschwiegen hättest,…

Buch: „Schweig für immer“ (2016)

Autor: Linwood Barclay

Verlag: Knaur

Ausgabe: Taschenbuch, 502 Seiten

Der Autor: Linwood Barclay ist ein kanadisch-US-amerikanischer Autor und Journalist. Sein Vater war Zeichner und Maler und entwarf Werbung für die Autoindustrie. In den 60ern erwarb die Familie ein ein Feriendorf für Wohnwagen. Mit 22 Jahren, Barclay war nach dem Tode des Vaters mittlerweile hauptverantwortlich für das Feriendorf, verließ er das selbe und begann ein Studium der Englischen Literatur.

Anschließend schlug er eine Laufbahn im Journalismus ein, die ihn bis zum „Toronto Star“ führte, wo er von 1981 bis 1993 in verschiedenen Redaktionsbereichen tätig war. Bis 2008 schrieb er berühmte Kolumnen für den „Star“, bevor er sich ganz seiner literarischen Karriere widmete.

Barclay machte sich vor allem als Autor von Psychothrillern einen Namen. Bereits mit seinem ersten Werk aus diesem Genre „Ohne ein Wort“ aus dem Jahr 2007 konnte er einen Bestseller verbuchen. Nun erschien mit „Schweig für immer“ die „langersehnte Fortsetzung“.

Barclay lebt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in der Nähe von Toronto. Ein schöne Ecke, habe ich mir sagen lassen!

Das Buch: Familie Archer ist vor sieben Jahren nur knapp mit dem Leben davon gekommen und versucht seither, so etwas wie Normalität ins Familienleben einkehren zu lassen. Besonders Cynthia, die Mutter, hat mit den zurückliegenden Ereignissen zu kämpfen: Als sie ein Teenager war, verschwanden von einem Tag auf den anderen sowohl ihre Eltern als auch ihr Bruder spurlos. Vor sieben Jahren nun hat Cynthia mithilfe des Kriminellen Vince einen Versuch unternommen, die damaligen Ereignisse aufzuklären und ihre Familie zu finden. Dieser Versuch führte jedoch fast in die Katastrophe.

Jetzt, sieben Jahre später, bemüht man sich also um Normalität. Aber die Ereignisse haben, ganz im Gegensatz zu Cynthias Familie, ihre Spuren hinterlassen. Cynthia ist eine übervorsorgliche Mutter geworden, die ihre mittlerweile 14 Jahre alte Tochter Grace auf Schritt und Tritt beschützen und überwachen will. Naturgemäß kommt das bei Grace nicht sonderlich gut an. Die beiden streiten sich mehr und mehr, während Terry, Cynthias Ehemann und Grace´ Vater erfolglos versucht zu vermitteln. Schließlich entschließt sich Cynthia für einen taktischen Rückzug: Sie packt ihre Koffer und zieht für einige Wochen in das leerstehende Apartment einer Kollegin, um den Kopf wieder frei zu bekommen und nachzudenken.

In dieser Situation begeht Grace einen folgenschweren Fehler: Als sie spätabends mit ihrem Freund Stuart unterwegs ist, überredet er sie, in ein benachbartes Haus einzubrechen, um einen kleinen Ausflug mit dem Porsche der Hausbesitzer zu unernehmen. Dabei geht jedoch einiges schief: Schüsse fallen, Grace flüchtet und die Versuche ihres Vaters, die Situation möglichst schadlos zu bereinigen, führt die Familie direkt in die Fänge des organisierten Verbrechens.

Fazit: Schon so etwa neun Jahre ist es her, als mir eine ganz zauberhafte Person Barclays Buch „Ohne ein Wort“ zum Geburtstag schenkte. Und auch wenn ich spontan nicht mehr in der Lage gewesen wäre, eine detaillierte Inhaltsangabe des Buches zu machen, so hatte ich doch im Hinterkopf, dass es mir seinerzeit wirklich gut gefiel. Als ich nun etwas von „langersehnte Fortsetzung des Weltbessellers „Ohne ein Wort““ las, griff ich daher umgehend zu.

Das leidige Problem mit Fortsetzungen ist, dass sie selten die Qualität des Originals erreichen. Als Beispiele könnte ich mich da im Bereich der Kinofilme umsehen und, rein subjektiv, so etwas wie „Police Academy 2 – 67“, „Star Wars – Das Erwachen der Macht“ oder „Titanic 2“ anführen. (Ja, es gibt Titanic 2! Spoiler: Das Schiff sinkt!) Vor diesem Hintergrund ist „Schweig für immer“ leider eine typische Fortsetzung – wenn auch um Klassen besser als „Titanic 2“, was jetzt aber auch nicht wirklich sooo schwierig ist.

Allein der Schreibstil erinnert an den Vorgänger. Barclays Art zu schreiben sowie die Erzählperspektive aus Sicht der männlichen Hauptfigur erinnern an Harlan Coben. Und das ist durchaus als Kompliment gemeint.

Die Schwächen von „Schweig für immer“ liegen eher im Bereich der Charaktere und der Handlung. Terry als Familienvater ist im Grunde die einzige Hauptfigur, die ich so akzeptiere wie sie ist. Er steht innerfamiliär zwischen den Stühlen, versucht zu vermitteln und tut später alles nur in seiner Macht stehende, um jeden Schaden von seiner Tochter abzuwenden. Terry mag ich! Das war´s dann aber auch schon!

Grace wird zwar im Grunde genommen als typische 14-Jährige dargestellt, sie ist zickig, eigenbrötlerisch, schnell eingeschnappt (alle 14-Jährigen mögen mir verzeihen). Aber obwohl, vielleicht auch gerade weil sie so stereotyp dargestellt wird, ging sie mir unheimlich auf den Geist! Alt genug, um Mist zu verzapfen, aber jung genug, um danach zu Papa zu laufen, damit er alles wieder in Ordnung bringt…

Cynthia trifft bei mir ebenfalls auf Unverständnis. Ja, die Ereignisse, die sie durchmachen musste, haben logischerweise – auch und gerade in psychischer Hinsicht – ihre Spuren hinterlassen. Aber einfach die Klamotten packen, um das eigene Kind und den Ehemann zu verlassen, um den Kopf frei zu kriegen und zu sich selbst zu finden, das kann ich ihr nur schwer durchgehen lassen. Darüber hinaus stört mich ebenfalls ihre gluckenhafte Art.

Beim Kriminellen Vince wollte es Barclay dem Leser wohl schwer machen, sich eine Meinung über den Charakter zu bilden. Denn einerseits ist Vince zwar ein Verbrecher, der buchstäblich über Leichen geht, andererseits ist er aber auch schwer krank! Letzteres wiederum war mir aber vollkommen wurscht: Der Mann ist ein Killer, was interessiert mich sein Gesundheitszustand!? Ich bedauere Charles Manson auch nicht, wenn er mal eine Erkältung hat. Nein, Vince ist und bleibt ein Unsympath!

Genug von den Charakteren, bleibt noch die Handlung. Am Ende des Buches habe ich mich zugegebenermaßen gefragt: „Habe ich das Buch jetzt eigentlich begriffen?“ Der Handlungsverlauf ist, besonders zum Ende hin, doch eher verwirrend, über Hunderte von Seiten tauchen immer wieder Dialoge zwischen Charakteren auf, von denen man nicht weiß, wer diese denn nun eigentlich sind. Dankenswerterweise wird diese Frage am Ende geklärt, ganz erschöpfend auf 10 Seiten oder so…

Der verwirrende Handlungsverlauf ist nicht das einzige Problem. Hinzu kommen ein oder zwei Ideen inhaltlicher Art, die ich, gelinde gesagt, als vollkommen bescheuert empfinde. Vorsicht, Spoiler! Der Ganove Vince z. B. hat ein neues Geschäftsmodell: Nehmen wir mal an, jemand sei unrechtmäßig zu Geld gekommen. Oder aber jemand besitze Geld, dass er möglichst nicht den Finanzbehörden in den Rachen werfen will. Dann gibt er Vince die Kohle in bar(!), dieser zieht davon eine Provision ab – und deponiert das restliche Geld in verschiedenen Häusern der Nachbarschaft auf dem Dachboden. Ohne Wissen der Hausbesitzer. Zugang zu den Häusern verschafft er sich über Angestellte in den Häusern, Baby- und Hundesitter, Gärtner etc. Wenn der Kunde sein Geld wieder haben möchte, holt Vince es bei nächster Gelegenheit wieder aus den Häusern. Jetzt mal abgesehen davon, dass es im heutigen Zeitalter unzählige Möglichkeiten gibt, Summe X in etwa sieben Sekunden nacheinander auf 24 verschiedene Konten zu überweisen und letztlich auf den Caymans in Sicherheit zu bringen, finde ich diese Idee der Finanzmittelunterbringung echt dusselig. Man entzieht das Geld somit bewusst dem eigenen Zugriff, steht Dingen wie Blitzeinschlägen, Hausbränden, Renovierungen und Umzügen machtlos gegenüber, bei dem sonstwas mit der Kohle passieren kann. Nee, also so wirklich durchdacht finde ich das ja nicht. Vielleicht geht das aber auch nur mir so…Spoiler Ende

Letztlich ist „Schweig für immer“ ein Buch für Fans von Harlan Coben und solche Leser, die ein Buch sehr genau lesen und sich bei Bedarf nicht davor scheuen ein „Wer-war-das-noch-gleich-Diagramm“ anzulegen.

Wertung:

Handlung: 6,5 von 10 Punkten

Stil: 9 von 10 Punkten

Charaktere: 6,5 von 10 Punkten

Spannung: 6,5 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 7,125 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: Um zu erläutern, was es hier demnächst gibt – und was nicht – muss ich ein wenig ausholen. Ich habe nämlich gestern Abend eine Entscheidung getroffen! Und wer mich näher kennt, der weiß, dass das ein selten vorkommendes Ereignis ist, das mindestens einen rotstiftigen Eintrag im Kalender rechtfertigt!

Jedenfalls: Vor geraumer Zeit habe ich den folgenschweren Fehler begangen, mir die Bücher „Die Entdeckung des Unendlichen“ von David Foster Wallace sowie „Wittgensteins Mätresse“ von David Markson zu kaufen. Seither verfolgen mich diese zwei Werke wie Sigourney Weaver das Alien! Beide Bücher waren in der Lage, meine geistige Infrastruktur schon auf den jeweils ersten 100 Seiten in ihren Grundfesten zu erschüttern, um sie danach in ihre Bestandteile zu zerlegen, anschließend in die Bestandteile der Bestandteile! Bei der Lektüre der beiden Werke habe ich ungefähr soviel Vergnügen empfunden, wie während einer sechstägigen chinesischen Wasserfolter in einem nordkoreanischen Knast mit anschließendem 168-stündigem Schlafentzug mittels Verwendung unzähliger Halogen-Scheinwerfer sowie ohrenbetäubender Dauerbeschallung mit Nana Mouskouri und Boney M. Ihr versteht, was ich meine…

Also, um es kurz zu machen: Trotz der einen oder anderen Ankündigung des einen bzw. anderen Buches unter „Demnächst in diesem Blog“ werde ich auf absehbare Zeit auf beide Bücher verzichten und sie stattdessen möglichst weit unten in meinen Stapeln ungelesener Bücher parken. Irgendwann vielleicht, wenn ich mal ganz dolle viel Lust habe, sinnlos wertvolle Lebenszeit zu verschwenden  – oder wenn ich einfach etwas zugänglicher für beide bin – dann werde ich mich wieder damit beschäftigen, vorher nicht!

Stattdessen habe ich nämlich eine Fülle von Büchern, die ich doch tatsächlich auch lesen will! Zum Beispiel „Der Jesus-Deal“ von Andreas Eschbach. Das gibt es dann als nächstes.

Herzlichen Dank für die Aufmerksamkeit! 😉

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7 Kommentare zu „„Schweig für immer“ von Linwood Barclay – Wenn Du geschwiegen hättest,…

  1. Drei Dinge:
    1. Hoffentlich bekommst Du nie eine Fortsetzung meiner Geschichten in die Finger 😉
    2. Ist das immer so eine Sache mit Fortsetzungen, seien es Bücher oder Filme. Da ich die Erfahrung gemacht habe, dass Fortsetzungen vorschnell zerrissen werden, betrachte ich jede Fortsetzung stets als einzelnes Werk, ohne es von vornherein mit einem anderen Buch, in diesem Fall dem Original, zu vergleichen. Bei dieser Betrachtungsweise schneiden die meisten Fortsetzungen überraschend gut ab.
    3. Muss ich Deine Leser augenzwinkernd daran erinnern, dass ich es war, der Dich 1997 in den Film Titanic geschleift habe. Deine abwehrende, fast hämisch klingende Prophezeihung: „Sie sinkt!“ hat sich meines Erinnerns am Ende des Abspanns in einen angemessenen, verhaltenen, fast zeufzenden Ausruf: „Sie ist gesunken!“ verwandelt 🙂

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    1. Also, zu 1.: Doch, das hoffe ich eigentlich schon! 😉

      Zu 2.: Ja, das ist zugegebenermaßen eine Betrachtungsweise. Ich fühle mich dazu aber irgendwie nicht in der Lage. 😉

      Und zu 3.: Ähm, nja, ich würde das ja gerne vehement bestreiten, aber soweit ich mich erinnere, verlief die Sache genau so! 😉

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    1. Ich habe das Buch auf deutsch gelesen. Im Grunde genommen würde ich mir englische Originalversionen auch zutrauen, aber so lange es die deutsche Übersetzung gibt… 😉

      Das einzige Problem bei deutschen Übersetzungen ist halt, fundiert etwas zum Stil zu sagen, weil da das Original aussagekräftiger ist. Aber damit kann ich leben. 😉

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      1. ich bin inzwischen vorsichtig geworden, wenn ein Buch übersetzt ist. Nicht immer ist die Übersetzung gelungen, da sparen die Verlage auch ab und zu.. Mein Englisch ist gut genug, das beurteilen zu können.

        Ich habe sogar einmal ein Buch erst auf deutsch gelesen und war rundum fasziniert. Erst Jahre später las ich das Original, auch eine kanadische Schriftstellerin, es war wesentlich schlechter. (Ich war erstaunt, weil die anderen Bücher sehr mässig waren und habe dann mein Lieblingsbuch nochmal gelesen!)

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