„Die Erfindung des Countdowns“ von Daniel Mellem

Buch: „Die Erfindung des Countdowns“

Autor: Daniel Mellem

Verlag: dtv

Ausgabe: Hardcover, 286 Seiten

Der Autor: Daniel Mellem, geboren 1987, lebt in Hamburg. Sein Studium der Physik schloss er mit einer Promotion ab, bevor er sich am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig der Arbeit an seinem ersten Roman widmete. Für »Die Erfindung des Countdowns« wurde er bereits mit dem Retzhof-Preis für junge Literatur und dem Hamburger Literaturförderpreis ausgezeichnet. (Quelle: dtv)

Das Buch: Nach dem Ersten Weltkrieg bricht das Zeitalter der Utopien an. Während der junge Hermann Oberth den Menschheitstraum von einer Mondrakete verwirklichen will, steht seine lebenslustige Frau Tilla vor der Herausforderung, ein Familienleben möglich zu machen. Als Hermanns Forschung in den 1930er Jahren das Interesse der Nazis weckt, stellt sich beiden mit voller Wucht die Frage nach der eigenen Verantwortung vor der Geschichte. (Quelle: Klappentext)

Fazit: Wenn man bereits seit einer ganzen Weile über Bücher schreibt, stellt sich früher oder später immer öfter – zumindest in meiner Wahrnehmung – der Effekt ein, dass man nicht genau weiß, was man denn nun über dieses oder jenes Buch schreiben soll. Man hat den Eindruck, dass im Laufe der Zeit jeder Satz schon mal geschrieben, jede Formulierung bereits benutzt worden ist. Und im schlimmsten Fall passiert das irgendwann sogar bei Büchern, die einem – wie eben Daniel Mellems Roman – sogar gefallen haben. Und wenn dann die Lektüre sogar schon eine Weile zurück liegt, eben weil man sich zu ausgiebig mit der Frage beschäftigt hat, was man denn nun darüber schreiben soll, dann macht es das auch nicht einfacher. Um meiner Chronistenpflicht genüge zu tun – und weil „Die Erfindung des Countdowns“ ein wirklich lesenswerter Roman ist -, versuche ich im Folgenden, doch noch das eine oder andere Wort darüber aufs virtuelle Papier zu bekommen.

Mellem beschreibt in seinem Roman die Lebensgeschichte des mir bis dato völlig unbekannten Hermann Oberth, der als einer der Begründer der wissenschaftlichen Raketentechnik und Raumfahrt gilt. Aufgewachsen als Sohn eines Arztes scheint für den jungen Hermann der Lebensweg vorgezeichnet, der Junge soll natürlich ebenfalls Arzt werden. Zumindest wenn es nach seinem Vater geht, mit dem Hermann wegen seiner eigenwilligen Interessen immer öfter aneckt.

Das Anecken wird ihn durch sein gesamtes Leben begleiten, denn schon recht früh wird deutlich, dass Hermann Oberth in zwischenmenschlicher Hinsicht ein bisschen anders funktioniert als andere. Er hat schlicht kein Gespür für die menschliche Natur als solche und erst recht keines dafür, was man in welcher Situation sagen oder eben manchmal auch besser nicht sagen sollte. Manchmal ist das unterhaltsam, beispielsweise als er sich bei seinem Ausbilder während des Ersten Weltkriegs über die Waffen der Truppe beschwert, darauf hinweist, dass man auf deutscher Seite im Besitz von Repetierwaffen sei und im Folgenden detailliert die Funktionsweise dieser Gewehre erklärt, bis der Vorgesetzte irrtiert fragt:

„Wollen Sie damit sagen, wir sollten all unsere schönen Gewehre am besten wegschmeißen?“

Hermann trat von einem Fuß auf den anderen. „Gründe hätte man.“ (S. 36)

Manchmal ist das aber eben auch tragisch, weil es sich auch im Umgang mit seiner Familie fortsetzt. Hinzu kommt noch die Tatsache, dass Oberth seine Forschungen jederzeit an die erste Stelle in seinem Leben setzt, eben noch vor besagter Familie. Dabei scheitert er eigentlich regelmäßig, die Familie zieht häufig um und schließlich scheint Oberth so überhaupt kein Problem mehr damit zu haben, zum Lebensunterhalt das Geld seines Vaters anzunehmen, mit dem er sich in jungen Jahren wegen seiner angestrebten Forschung doch so in die Haare gekriegt hat. Und so wundert es nicht, dass sich seine Frau an der Seite eines solchen Menschen von einer anfangs liebenswürdigen, freundlichen Person in eine zynische und überhebliche, verletzte Frau wandelt, die eigentlich im weitesten Sinne schließlich ebenfalls macht, wozu sie Lust hat. Als Regulativ für ihren Mann bleibt sie jedoch durchgehend nicht zu unterschätzen.

Überhaupt sind es eben diese Charaktere, die diesen Roman so lesenswert machen. Nicht nur, aber eben auch. Mellems Protagonist ist als Person, die sich in der Interaktion mit anderen Menschen nicht immer ganz geschickt anstellt und sich augenscheinlich dabei auch nicht immer so wirklich wohlfühlt, bemerkenswert gut gezeichnet. Gleiches gilt für seine Ehefrau Tilla.

Der Plot selbst, also die Beschreibung des Lebenswegs von Hermann Oberth, kann auch mit der Materie unkundige Leser wie mich überzeugen und führt idealerweise, zumindest in meinem Fall, zu einer nach der Lektüre erfolgten Suchmaschinenrecherche, wonach ich festgestellt zu haben glaube, dass „Die Erfindung des Countdowns“ gut recherchiert ist und der Autor sich erfreulich nahe an die historischen Tatsachen gehalten hat.

Viel passiert in diesem Roman allerdings abseits der Handlung, im Inneren des Lesers selbst, auf der, sagen wir mal, Deutungsebene. Wesentlich hierfür ist natürlich die Frage nach der Verantwortung des Menschen für seine Schöpfungen, wenn deutlich wird, dass diese für Zwecke missbraucht werden, hinter denen man nicht stehen kann. Im vorliegenden Fall führt Oberths eigentlicher Wunsch nach einer Weltraumrakete eben dazu, dass er an der Entwicklung der V2 beteiligt war. Von einem moralisch erhobenen Standpunkt aus müsste man natürlich anmerken, dass ein vollständig integrer Mensch sich an diesem Punkt von seiner Forschung verabschiedet hätte und die Beteiligung an der Entwicklung von Waffen schlicht abgelehnt hätte. Aber so einfach ist es halt eben selten im Leben. Und so versucht sich Oberth, die Entwicklung der Waffe dahingehend schönzureden, dass sie zu einer Verkürzung des Krieges und damit zur Rettung von Menschenleben beitragen könne. Allerdings scheint er dem NS-Regime und dessen Ideologie auch alles andere als ablehnend gegenübergestanden zu haben, und so erscheint es nur folgerichtig, dass Oberth 1965 in bereits fortgeschrittenem Alter in die NPD eintrat.

Ein durchaus streitbarer Charakter also, dem Daniel Mellem hier versucht, mit seinem Debütroman in literarischer Hinsicht gerecht zu werden. Und dieser Versuch, so darf man konstatieren, ist nicht nur besser geglückt als Oberths erste Raketenversuche in jugendlichem Alter auf einem Friedhof, verbunden mit anschließenden Löschversuchen der ortansässigen Flora, sondern tatsächlich vollständig geglückt.

Ein sehr lesenswerter Debütroman!

Demnächst in diesem Blog: „Schachnovelle“ von Stefan Zweig.

 

„Der Bruder“ von John Katzenbach

Buch: „Der Bruder“

Autor: John Katzenbach

Verlag: Droemer Knaur

Ausgabe: Taschenbuch, 624 Seiten

Der Autor: John Katzenbach, geboren 1950, war ursprünglich Gerichtsreporter für den »Miami Herald« und die »Miami News«. Bei Droemer Knaur sind inzwischen zahlreiche Kriminalromane von ihm erschienen, darunter die Bestseller »Die Anstalt«, »Der Patient«, »Der Professor« und »Der Psychiater«. Zweimal war Katzenbach für den Edgar Award nominiert. Er lebt mit seiner Familie in Amherst im Westen des US-Bundesstaates Massachusetts.  (Quelle: Droemer Knaur)

Das Buch: Für die junge Architektur-Studentin Sloane Connolly ist es ein schwerer Schlag, als ihre exzentrische Mutter spurlos verschwindet. Sloane hat sonst niemanden, ist fast völlig isoliert aufgewachsen.
Zur selben Zeit erhält sie über einen Anwalt ein merkwürdiges Angebot: Ein reicher Mäzen möchte, dass Sloane Denkmäler für sechs Personen, die in seinem Leben eine wichtige Rolle gespielt haben, entwirft. Allerdings sind alle sechs bereits verstorben, und das nicht an Altersschwäche. Sloane nimmt den Auftrag an, um sich von der Sorge um ihre Mutter abzulenken – und ahnt nicht, auf was für ein perfides Spiel sie sich einlässt … (Quelle: Droemer Knaur)

Fazit: Als langjähriger Katzenbach-Fan war es nur folgerichtig, dass ich mich so schnell als möglich mit seinem neuem Roman befasse, hat der Autor mir doch mit Büchern wie „Der Reporter“ oder insbesondere „Das Tribunal“ Leseerlebnisse geschenkt, an die ich heute noch gerne zurückdenke. Zugegeben, es hat in unserer Autor-Leser-Beziehung in den letzten Jahren ein bisschen gekriselt, weil mich Bücher wie „Der Wolf“ nicht mehr vollumfänglich, Thriller wie „Der Psychiater“ oder auch „Der Verfolger“ leider dann so gar nicht mehr überzeugt haben und das zufriedenstellendste Katzenbach-Leseerlebnis der letzten Jahre war mit „Die Grausamen“ ausgerechnet ein Buch, das sich von den Thrillern abwendet und einen Genreausflug hin zu den Krimis darstellt.

Aber all das bedeutet ja nicht unbedingt, dass mir Katzenbachs neuer Thriller noch doch gefallen könnte, weswegen ich mich motiviert an die Lektüre machte – nur um nach einiger Zeit festzustellen, dass ich auch mit „Der Bruder“ so meine Probleme habe, teilweise schwerwiegende.

Am wenigsten kann man John Katzenbach wohl im stilistischen Bereich vorwerfen, das konnte man aber eigentlich nie so wirklich. Und auch im vorliegenden Fall gelingt es ihm, tempo- und actionreich zu schreiben und mit gut gewählten Cliffhanger-Kapitelenden Spannung zu erzeugen. Zwar mag „Der Bruder“ nicht ganz auf dem Niveau des meiner Meinung nach stilistisch ganz hervorragend gelungenen „Der Reporter“ liegen, insgesamt geht das allerdings vollkommen in Ordnung. Irritierend fiel einzig auf, dass John Katzenbach wohl eher nur so ein rudimentäres Verständnis von moderner Technik zu haben scheint, als belanglosestes Beispiel dafür sei genannt, dass öfter die Bildschirmschoner von PCs, mit denen Sloane arbeitet, angesprochen werden, dabei sind diese Dinger eigentlich schon seit einer halben Ewigkeit obsolet und haben, wenn überhaupt, nur noch einen unterhaltenden Charakter. Und einen stromfressenden. Aber sei es drum.

Die Schwierigkeiten liegen auch eher woanders. Beispielsweise in den Figuren. So hat mich die Protagonistin Sloane nie so wirklich erreicht, wobei ich gern eingestehe, dass das ein vollkommen subjektiver Eindruck ist, und es sicherlich Leserinnen und Leser geben wird, denen das völlig anders geht. Für mich persönlich blieb Sloane aber schwer nachvollziehbar. Die junge Frau hat gerade ihre Mutter verloren, die in einen reißenden Fluss gesprungen ist, stürzt sich aber trotzdem Hals über Kopf in das – zugegebenermaßen äußerst lukrative – Angebot ihres Auftraggebers zur Errichtung eines Denkmals. Natürlich, diese Ausgangssituation braucht das Buch, denn hätte Sloane abgelehnt, wäre das Buch schnell beendet gewesen, dennoch blieb mir ihre Handlungsmotivation – abseits der guten Bezahlung – oft fremd.

Schwerwiegender als Sloane finde ich aber eindeutig ihren Antagonisten, denn dieser ist so absurd böse, eigentlich indiskutabel böse, dass es fast schon ein bisschen albern ist. Natürlich, die Antagonisten in Katzenbachs Büchern liefen noch nie so richtig rund und eine gewisse Portion Boshaftigkeit kann ein guter Antagonist schon gebrauchen, denn sonst wäre er kein Antagonist. Im vorliegenden Fall hat der Gutste allerdings mehr als nur eine Schraube locker, was in Summe ähnlich befremdlich wirkt wie die Protagonistin.

Wenn wir mal annehmen, dass man über die Charaktere hinwegsehen kann, oder man sie vielleicht als positiver empfindet und bewertet als ich das tue, dann bliebe da noch die Handlung, die im Grunde genommen wenig Anlass zur Kritik gibt. Zwar ist der Plot letztlich nicht hochkomplex, aber in sich stimmig und gut konstruiert. Hier kommt nur leider das mit Abstand größte Problem des Buches zum Tragen: Es ist zu lang!

Zu Beginn wird Sloane von einer ihr unbekannten Person durch deren Rechtsbeistand damit betraut, ein Denkmal für sechs Menschen zu erschaffen, die im Leben des Auftraggebers eine große Rolle gespielt haben. Nach kurzer Recherche zur ersten der sechs Personen stellt Sloane fest, dass dieser Mann bereits gestorben ist. Und zwar nicht eines natürlichen Todes. Ihre Recherchen zur zweiten Person ergeben, wenig überraschend, dass diese ebenfalls bereits verstorben ist und gewaltsam zu Tode kam. Ebenso bei der dritten Person. Und der vierten. Und so weiter. Sicherlich, die Geschichten, die dahinter stehen, sind immer andere, das ändert aber nichts daran, dass das Buch auf diese Weise zu Beginn eine bemerkenswerte Redundanz an den Tag legt, die nicht hätte sein müssen. Wenn man die Anzahl der Personen, die es mit dem Denkmal zu ehren gilt, ein wenig zusammengestrichen hätte, so wären dadurch nur unwesentliche Änderungen am Plot notwendig gewesen, man hätte sich aber einen immens langen Einstieg gespart. So nimmt die Handlung erst so etwa ab Seite 250 richtig Fahrt auf, was meines Erachtens für ein Buch mit gut 600 Seiten schlicht viel zu spät ist.

Ähnlich verhält es sich dann mit dem Schluss des Buches. Dort wird der Showdown derart überzogen ausgewälzt, dass der Eindruck eines Orchesters auf der verzweifelten Suche nach dem Schlussakkord entsteht.

In Summe wurde ich also mit diesem Katzenbach-Thriller nicht wirklich warm. Und nach der zweiten Katzenbach-Enttäuschung in Folge muss ich vielleicht generell unsere Autor-Leser-Beziehung nochmal überdenken.

Ich bedanke mich bei Droemer Knaur ganz herzlich für die freundliche Übersendung des Rezensionsexemplars. Die Tatsache, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, beeinflusst meine Meinung selbstredend nicht.

Weitere Rezensionen bei:

 

Demnächst in diesem Blog: „Die Erfindung des Countdowns“ von Daniel Mellem.

„Die Geschichte eines Lügners“ von John Boyne

Buch: „Die Geschichte eines Lügners“

Autor: John Boyne

Verlag: Piper

Ausgabe: Hardcover, 432 Seiten

Der Autor: John Boyne, geboren 1971 in Dublin, ist einer der renommiertesten zeitgenössischen Autoren Irlands. Seine Bücher wurden in mehr als vierzig Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Der internationale Durchbruch gelang ihm mit seinem Roman „Der Junge im gestreiften Pyjama“, der in vielen Ländern auf den Bestsellerlisten stand und von der Kritik als „ein kleines Wunder“ (The Guardian) gefeiert wurde. (Quelle: Piper)

Das Buch: Maurice Swift ist Schriftsteller. Er hat Stil, kann brillant erzählen, doch ihm fehlen die Geschichten. In Westberlin trifft er auf sein Idol, Erich Ackermann, der gerade mit einem großen Literaturpreis ausgezeichnet wurde. Ackermann verfällt dem charmanten jungen Mann, der sich für alles, was er sagt, interessiert. Er nimmt ihn mit auf Lesereise durch Europa und erzählt ihm sein Geheimnis. Es ist diese Geschichte, für die Maurice endlich als Autor gefeiert wird. Und die Ackermanns Karriere beendet. Maurice dagegen ist schon auf der Suche nach dem nächsten Stoff… (Quelle: Piper)

Fazit: In meiner Vorstellung wurde John Boyne einmal zu häufig die wohl unkreativste Frage aller Interviewfragen gestellt, nämlich: „Woher nehmen Sie eigentlich Ihre Ideen?“, woraufhin er dann ein diabolisches Grinsen aufgesetzt und sich gedacht hat: „Ach, dann schreib ich halt einfach mal ein Buch darüber!“. Aber egal, ob mein fiktives Szenario zutrifft oder welche Ursache tatsächlich der Entstehung dieses Romans zugrunde liegt, seine Veröffentlichung ist ein absoluter Glücksfall, denn „Die Geschichte eines Lügners“ rangiert für mich im Bereich der Kategorie „absolutes Meisterwerk“, so viel sei eingangs schon mal verraten.

Zu Beginn des Buches begegnen wir dem Protagonisten Maurice Swift, der eigentlich alles hat, was man braucht, um in literarischer Hinsicht erfolgreich zu sein. Nur leider hat er ein Problem damit, sich eigene Geschichten, eigene Handlungen auszudenken. Zufällig trifft er auf den renommierten Schriftsteller Erich Ackermann und freundet sich mit ihm an. Während Ackermann gerne eine intimere Liasion aus dieser Bekanntschaft entstehen lassen würde, macht ihm Swift zwar durchaus entsprechende Hoffnungen, hält ihn aber ansonsten auf Abstand. Stattdessen stellt der junge Mann dem Autoren unablässig Fragen über Ackermanns Leben während des Zweiten Weltkrieg. Letztlich verarbeitet er dessen Lebensgeschichte klammheimlich zu einem Bestseller-Roman und beendet damit Ackermanns Karriere. Ich fühlte mich hier ein wenig an Günther Grass erinnert und tatsächlich taucht der auch irgendwann auf, allerdings eher passiv, als sich zwei Schriftsteller über Ackermann unterhalten:

„Das war aber nicht der Typ, den wir bei dem Festival in Jaipur getroffen haben, oder doch? Der mit dem Schnäuzer und der Pfeife? Der ständig in den unpassendsten Momenten gesungen hat?“

„Nein, das war Günther Grass.“ (S. 136)

Herrlich! :-)

Sehr zu meiner Verwunderung geht die Handlung des Romans allerdings mit dieser Geschichte erst so richtig los. In der Folge intrigiert sich Maurice Swift munter durch die Gegend, immer auf der Suche nach Ideen oder nach Menschen mit Ideen, um ihnen selbige wegzunehmen.

Mit der Idee, einen solchen Menschen zur Hauptfigur eines Romans zu machen, geht Boyne eigentlich ein großes Risiko ein, denn Swift taugt nun wahrlich nicht als Sympathieträger. Im Grunde muss man ihn eigentlich sogar leidenschaftlich verabscheuen. Uneigentlich auch. Dieser Wirkung seiner Hauptfigur war sich mutmaßlich auch Boyne bewusst, weswegen er sich eines gelungenen literarischen Kunstgriffs bedient: Er lässt seinen Protagonisten in den ersten beiden des insgesamt drei Teile umfassenden Romans nicht als Erzähler auftauchen. Das sorgt aus meiner Sicht für eine gewisse erzählerische Distanz, die es der Leserschaft einfacher macht, ihn während seines Tuns zu begleiten und mit ihm im Rahmen der Möglichkeiten warm zu werden. So hangelt man sich von Ungläubigkeit über Fassungslosigkeit, manchmal aber auch anerkennende diebische Freude über seine Kreativität beim Aneignen von Ideen, ohne die Figur so zu verabscheuen, dass man die Lektüre abbrechen würde. Erst im letzten Teil fungiert der Protagonist auch als Erzähler.

Aber nicht nur der dieser Protagonist kann überzeugen, im Grunde sind die Figuren – wie eigentlich immer in John Boynes Romanen von „Tristan Sadler“ bis hin zu „Cyril Avery“ – hervorragend gelungen. Ich könnte diesbezüglich ins Detail gehen und Beispiele nennen, müsste damit aber zu viel von der Handlung vorwegnehmen, weswegen man mir in dieser Hinsicht jetzt einfach mal glauben muss.

In ebenso gewohnt hoher Qualität befindet sich der Roman in stilistischer Hinsicht. Allein die Dialoge des ersten Zwischenspiels – die drei Teile der Handlung werden von zwei Zwischenspielen unterbrochen -, möchte man sich ausdrucken und an die Wand hängen. Darüber hinaus beherrscht der Autor es in diesem Buch meisterhaft, auf der Emotionsklaviatur seiner Leserschaft zu spielen, ohne dass der Roman in eine Richtung kippt. Wann immer das Buch droht, zu düster oder zu traurig zu werden, bringt Boyne es mit seinem teils beißenden Humor wieder in die Balance.

In Summe ergibt sich ein phasenweise bitterböses Schelmenstück, ein Roman der sich dem Literaturbetrieb umfangreicher als Joel Dicker in „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ und treffender und überzeugender als Edward St Aubyn in „Der beste Roman des Jahres“ widmet und der der Frage nach der Herkunft von Romanideen auf satirisch-böse Art nachgeht.

Sollte man mich bitten, eine Liste mit Büchern zu erstellen, die man aus meiner Sicht unbedingt mal gelesen haben müsste, so wäre „Die Geschichte eines Lügners“ mit Sicherheit dabei!

Ich danke dem Piper Verlag für die freundliche Übersendung des kostenlosen Rezensionsexemplars. Die Tatsache, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, beeinflusst meine Meinung selbstredend nicht.

Weitere Rezensionen bei:

Buchstabenträumerei

Buchsichten

Schreiblust Leselust

Demnächst in diesem Blog: „Der Bruder“ von John Katzenbach

5 in 1: Was hier noch so herumlag …

Hallo, liebe Leserinnen und Leser,

ich bin ja bekennender „completionist“, will sagen, ich habe die Angewohnheit, einmal angefangene Dinge auch zu beenden, bzw. zu vervollständigen, gleich wie lange das dann dauert. Gut, in letzter Konsequenz führt diese Angewohnheit dazu, dass ich mittlerweile sicherheitshalber Dinge meistens gar nicht erst anfange, aber das gehört hier eigentlich nicht her …

Was hier aber hergehört – einerseits aus Chronistenpflicht, andererseits, um meinen inneren „Monk“ zufriedenzustellen – sind wenigstens kurze Erwähnungen der Bücher, zu denen – aus welchen Gründen auch immer – im letzten Jahr keine Rezensionen erschienen sind. Teilweise liegt die Lektüre schon recht lang zurück, weswegen ich nicht wirklich ins Detail gehe. Zumindest versuche ich das … – sei es drum, auf der Liste der Unrezensierten sind im Einzelnen:

„Klonk“ von Terry Pratchett

„Klonk“, so viel sei der diesebezüglich möglicherweise unkundigen Leserschaft gesagt, ist das Geräusch von Zwergenaxt auf Trollkeule, damals, bei der historischen Schlacht im Koomtal. Passenderweise dreht sich dieses Buch inhaltlich auch um die Rivalität zwischen Zwergen und Trollen, gegen die die Rivalität zwischen Dortmundern und Schalkern einer Fanfreundschaft ähnelt. 

Ich glaube, entweder man liebt Terry Pratchetts Bücher, oder man kann mit ihnen so gar nichts anfangen. Ich persönlich gehöre glücklicherweise zur ersten Kategorie, aber auch für mich sind seine Bücher in etwa so wie Schokolade. Sehr lecker, aber bei übermäßigem Genuss wird einem übel. Deswegen liegen zwischen zwei Pratchett-Büchern bei mir gerne auch mal einige Jahre.

Nun wurde es mal wieder Zeit und es hat sich durchaus gelohnt. In gewohnt witziger Manier und mit gewohnt skurrilen Charakteren transportiert Pratchett seine Geschichte uralter Rivalität auf sehr erfrischende Art. Und – wie ich kürzlich mal an anderer Stelle sagte – mal ganz im Ernst: Jemand, der sich Figuren mit Namen wie Grinsi Kleinpo – im Original Cheery Littlebottom – einfallen lässt, muss ein Genie sein. Oder gewesen sein … *seufz* (Notiz für mich: Mail an den in Großbuchstaben sprechenden Mann mit Sense schreiben, mit dem Ziel, Pratchett wieder zu bekommen).

Fans seiner Bücher machen mit „Klonk“ nichts falsch, alle anderen steigen aber besser mit anderen Romanen in Pratchetts Scheibenwelt ein.

„Mutation – Alte Freunde und profitable Kriege“ von Ivan Ertlov

Dieser im Selbstverlag erschienene Science-Fiction-Roman hat eine durchaus gewollte, eindeutig trashige Komponente, die ihn zu einem sehr empfehlenswerten Äquivalent des Popcorn-Kinos macht, wenn man denn das Genre mag. Schon bei den Charakteren, insbesondere bei der Hauptfigur, greift Ertlov tief in die Klischeekiste, denn sein Protagonist ist ein ähnlich abgewrackter, zwielichtiger Einzelgänger-Raumpilot, wie man ihn aus „Star Wars“, Romanen von Kai Meyer oder unzähligen anderen Werken kennt. Aber ich mochte diese Mischung aus Han Solo und Ijon Tichy echt gerne. Und das gilt auch für das gesamte Buch, das mit einer überraschend spannenden Handlung ebenso punkten kann wie mit zuweilen etwas infantilem, phasenweise aber ganz großartigem Humor und modernen Popkultur-Anspielungen, beispielsweise findet man in Erlovs Buch auf der Venus das überaus schöne Summerglau-Valley …

Fans leicht trashiger Sci-Fi Bücher, die keine Lust mehr auf die siebenhunderste Wiederholung von „Spaceballs“ haben, sollten hier vielleicht mal einen Blick riskieren.

„Die Phileasson-Saga III – Die Wölfin“ von Bernhard Hennen und Robert Corvus

Während im ersten Band, wie üblich, die Charaktere und Schauplätze sowie der Ausgangspunkt der Handlung etabliert wurde und man im zweiten Band faszinierende Einblicke in die Geschichte des von mir so heiß und innig geliebten DSA-Universums erhielt, geht im dritten Band alles etwas gemächlicher zu. Das gilt für die Entwicklungen der bereits etwas ausgedünnten Charaktergruppen ebenso wie für die Handlung an sich. So wirklich warm wurde ich persönlich mit „Die Wölfin“ nicht, vermutlich auch, weil ich wenig mit Winter- und Schneesettings anfangen kann. Winter haben wir schließlich gerade selbst. Oder zumindest etwas, das sich für Winter hält. In der Hoffnung, dass Tempo, Action, Charakterentwicklung, die Geschichte selbst, im Grunde genommen also eigentlich fast alles, im nächsten Band wieder anziehen bzw. mehr zu überzeugen wissen, bleibe ich der Reihe natürlich treu, bis hier war Teil 3 aus meiner Sicht aber leider der schwächte der Saga.

„Nichts weniger als ein Wunder“ von Markus Zusak

Ach, du liebe Zeit, was soll ich bloß über dieses Buch schreiben!? Beginnen wir vielleicht mal chronologisch: Vor einer halben Ewigkeit, es muss so 15 Jahre her sein, bekam ich von einer ganz zauberhaften Person mit einer Trefferquote von ziemlich genau 100 %, wenn es um Buchgeschenke für mich geht, „Die Bücherdiebin“ geschenkt. Meiner unmaßgeblichen Meinung nach kann man „Die Bücherdiebin“ nur mindestens großartig finden, weswegen ich nahezu aufgeregt war, als ich im Jahr 2018 von der Veröffentlichung dieses Buchs erfuhr. Ich holte es mir am Erscheinungstag – und kam dann leider nie wirklich in dieses seltsame Stück Literatur hinein.

In Zusaks Buch geht es um 5 Brüder, die in irgendeinem australischen Kaff ohne ihre Eltern aufwachsen, sich regelmäßig bis aufs Blut auf die Schnauze hauen und insgesamt eher als eine ziemlich disharmonische Gruppe zu funktionieren scheinen. Schon da habe ich mich gefragt, ob es in Australien keine Behörden gibt, die sich in solchen Fällen wenigstens im Ansatz für verantwortlich halten.

In dieser brüderlichen Harmonie – muhaha – vertreibt sich jeder die Zeit auf unterschiedlichste Weise. Einer veranstaltet Wettläufe gegen andere Jungen aus der Gegend, der nächste bändelt mit einem Mädchen aus der Nachbarschaft an usw. usf. In eben diese brüderliche Idylle platzt nun der Vater der Kinder, der kundtut, er möchte eine Brücke über einen Fluss bauen und seine Söhne dafür um Unterstützung anfragt. Entrüstet lehnen alle ab. Alle bis auf einen.

In der Folge gehen dann die überschaubaren Ereignisse der verbliebenen Jungen weiter, während sich einer weiterer Handlungsstrang dem Fortschritt des Brückenbaus zuwendet.

Irgendwann aber war für mich der Punkt erreicht, an dem ich mich fragte, was mit der Autor nur damit sagen will. Nicht nur, dass er eine Atmosphäre schafft, die es mir unmöglich machte, dieses Buch mit auch nur dem Ansatz von Entspannung zu lesen, ich habe auch nicht den Hauch einer Ahnung, wohin er erzählerisch möchte, welche Aussage er verfolgt. Letztlich bekam das Buch dann an einer Stelle noch eine gruselig-verstaubte purity-ring-Komponente, die mich diesen Roman dann nach etwa zwei Dritteln unbeendet weglegen ließ.

Bücher nicht zu beenden, liegt eigentlich nicht in meiner Natur – man denke nur an die Eingangszeilen dieses Beitrags -, hier hatte ich aber irgendwie keine andere Möglichkeit. Und für gewöhnlich habe ich, wenn ich ein Buch dann doch mal abbreche, ein ungutes Gefühl, vielleicht, weil ich unterbewusst doch wissen will, wie das Ganze endet und ob ich nicht vielleicht doch etwas verpasst habe. Hier allerdings nicht, leider. Die letzten etwa 200 Seiten sind mir schlicht vollkommen wurscht, was letzten Endes dazu führt, dass „Nichts weniger als ein Wunder“ für mich persönlich eine der herbsten literarischen Enttäuschungen der letzten Jahre darstellt.

„Ein ganzes Leben“ von Robert Seethaler

Ich gebe zu, dieses Buch hätte eigentlich eine eigenständige, eine anständige Rezension verdient, denn Seethalers Roman ist ein ganz wunderbares Buch. Auf nicht mal 200 Seiten schafft der Autor das, was sein Buchtitel ankündigt, nämlich wirklich „Ein ganzes Leben“ darzustellen. Herausgekommen ist ein leiser, nahezu poetischer und wirklich schöner Roman, über den ich mehr Worte verlieren könnte, als er letztendlich selbst enthält. Ich könnte etwas über den bodenständigen Protagonisten schreiben, der ein eher seichtes Gemüt ist, über die Landschaftsbeschreibungen, und das wohlige Gefühl, das die Lektüre auslöst. Ich könnte es aber auch dabei belassen, zu sagen: Unbedingt lesen!

 

Demnächst in diesem Blog: Eine Lobhudelei zu John Boyne neuem Roman „Die Geschichte eines Lügners“.