„Noah“ von Sebastian Fitzek – Nur noch EIN Kapitel…

Buch: „Noah“ (2013, Auflage Dezember 2014)

Autor: Sebastian Fitzek

Verlag: Bastei Lübbe

Ausgabe: Taschenbuch, 558 Seiten

Der Autor: Sebastian Fitzek, 1971 in Berlin geboren, gehört zu den erfolgreichsten deutschen Autoren der letzten Jahre. Die Gesamtauflage seiner Bücher hat mittlerweile 4,5 Millionen Exemplare überschritten.

Er arbeitete in Berlin beim Radiosender 104.6 RTL, dort ist er mittlerweile nur noch in beratender Funktion tätig. 2005 verfasste er in Zusammenarbeit mit Jürgen Udolph das Sachbuch „Professor Udolphs Buch der Namen“. Seit 2006 schreibt Fitzek Psychothriller, sage und schreibe 13 Stück mittlerweile. Und die habe ich bis auf ganz wenige Ausnahmen doch tatsächlich alle gelesen.

Sebastian Fitzek ist seit 2010 verheiratet und lebt mit Frau und 3 Kindern in Berlin

Das Buch: Die sogenannte „Manila-Grippe“ ist ausgebrochen und hat in letzter Zeit pandemische Ausmaße erreicht. In verschiedenen Staaten drohen die Behörden, die Kontrolle zu verlieren, teilweise wird der Ausnahmezustand ausgerufen. In Deutschland herrscht bislang noch vergleichsweise Ruhe.

In dieser Situation lebt Noah als Obdachloser in Berlin. Immer an seiner Seite ist sein Kumpel Oscar. Oscar hat ihm vor kurzem das Leben gerettet, als er ihn mit einer Schußverletzung aufgefunden, in sein „Versteck“ gebracht und gesund gepflegt hat. Irgendjemand trachtet Noah offensichtlich nach dem Leben.

Doch das ist nicht sein einziges Problem. Zu allem Überfluss hat Noah auch noch sein Gedächtnis verloren. Er kann sich an kein Detail aus seiner persönlichen Vergangenheit erinnern, während ihm unpersönliche Dinge durchaus geläufig sind. Er ist sich nicht mal sicher, ob Noah überhaupt sein richtiger Name ist, aber zumindest hat ihm jemand diesen Namen in den linken Handballen tätowiert.

Spät abends suchen sich die beiden Obdachlosen ein Nachlager. Dabei fällt Noahs Blick auf eine der Zeitungen, die eigentlich als Decke dienen sollten. In dieser Zeitung ist ein Gemälde abgedruckt, das ein Unbekannter aus unerfindlichen Gründen bei einer amerikanischen Zeitung abgegeben hat. Ein Kunstkritiker schätzt einen absurd hohen Preis für das Bild, wodurch sich die Zeitung veranlasst sieht, eine riesige Suchaktion nach dem Mann zu beginnen, der es abgegeben hat.

Noah erkennt das Bild wieder und ist sich sofort sicher, dass er es gemalt hat. Er ruft bei der Zeitung an und spricht mit der Journalistin Celine – und setzt damit Ereignisse in Gang, die den Tod eines Großteils der Menschheit zur Folge haben können. Oder ihn vielleicht verhindern…

Fazit: Treffen sich zwei Planeten. Sagt der eine: „Na, wie geht´s?“ Der andere antwortet: „Echt beschissen, ich habe Menschen!“ Darauf der erste: „Ach, das kenne ich, die hatte ich auch. Keine Sorge, das geht vorbei!“

Genau darum geht es im Grunde in Fitzeks Buch „Noah“.  „Oha“, dachte ich recht bald. „Herr Fitzek wird sich doch nicht etwa mit einem ernsten Thema beschäftigen wollen?“ Doch, doch, das tu er, er thematisiert Überbevölkerung, Ressourcenknappheit und Armut. Und das macht er über weite Strecken gar nicht mal schlecht.

Die Charaktere in Fitzeks Büchern sind eigentlich immer recht außergewöhnlich, ich erinnere mich da an Alina Gregoriev aus „Der Augensammler“ oder natürlich an Viktor Larenz aus „Die Therapie“. Auch in „Noah“ findet sich der eine oder andere interessante Charakter. Noahs Kumpel Oscar zum Beispiel, den muss man gern haben, trotz seiner paranoiden Verschwörungstheorien, für die ich ja mal so gar nichts übrig habe. Kaspar Hauser war nicht der Prinz von Baden, sondern ein geltungssüchiger Freak, JFK wurde tatsächlich von Lee Harvey Oswald erschossen, die Mondlandung vom 21.07.1969 hat natürlich stattgefunden und Kondensstreifen sind keine über der Menschheit versprühten Chemikalien. Nur, damit das mal klar ist! 😉

Stilistisch bietet Fitzek das, was man von ihm gewohnt ist und erwarten kann. Er schreibt kurze Kapitel, die einen dazu verleiten, abends zu sagen: „Ach, komm, DAS Kapitel lese ich eben noch.“ Und seine Geschichte legt wie üblich ein enormes Tempo vor.

Auch inhaltlich gibt es wenig Grund zur Kritik. Die Geschichte ist spannend und vermittelt Wissen, das ich lieber nicht gehabt hätte. Trotzdem gibt es einiges, was mir an diesem Buch nicht so wirklich gefällt:

Ich habe es schon mal geschrieben und ich schreibe es wieder: Diese „Ich-hab-mein-Gedächtnis-verloren-und-kann-mich-an-nichts-erinnern-Nummer“ geht mir mittlerweile dermaßen auf den Geist. Klar, sie bietet dem Autor die Möglichkeit, aus der Hauptfigur zu machen, was immer er will. Trotzdem: Bitte keine Amnesie mehr, das hat mich schon in „Inferno“ von Dan Brown gestört.

Ach ja, übrigens: „Inferno“. Wer beide Bücher gelesen hat, dem fallen zahlreiche Parallelen auf. Die Hintergrundstory, „Menschheit von Pandemie erfasst“, taucht in beiden Büchern auf. In beiden Büchern aus dem selben Grund. Der Protagonist hat in beiden Fällen sein Gedächtnis verloren. Und beide Bücher sind 2013 erschienen. Mich würde mal interessieren, wer da von wem abgeschrieben hat…

Außerdem erinnert mich Noah irgendwie an Jason Bourne. Auch dem fehlt seine Erinnerung und auch der hinterlässt reihenweise Leichen auf seinem Weg…

Na, ich höre sie schon, die Fitzek-Leserschaft, die ruft: „Buuuh, Du hast doch überhaupt keine Ahnung, Du Pfeife!“ Um mich anschließend zu teeren, zu federn und auf Bahnschienen aus der Stadt zu tragen. Doch Gemach, wütender Lynchmob: Abgesehen von den erwähnten Punkten hat Herr Fitzek ein recht gutes Buch geschrieben. Nicht mehr, aber wenigstens auch nicht weniger! Tragischerweise hat mir bis heute sein erstes Buch, „Die Therapie“, das ich auch als erstes gelesen habe, am besten gefallen… 😦

Wertung:

Handlung: 7,5 von 10 Punkten

Charaktere: 7,5 von 10 Punkten

Stil: 8 von 10 Punkten

Spannung: 7,5 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 7,625 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: Ich habe mir gerade gestern den „Doktor Faustus“ von Thomas Mann gekauft… Aber ich denke, den erspare ich Euch lieber. 😉 Stattdessen gibt es bald „Der Mitternachtspalast“ von Carlos Ruiz Zafón.

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„Das Haus am Abgrund“ von Marc Freund – Steil bergab

Buch: „Das Haus am Abgrund“ (2013)

Autor: Marc Freund

Verlag: Boyens

Ausgabe: Taschenbuch, 300 Seiten

Der Autor: Marc Freund, geboren 1972 in Flensburg, hat bereits 1989 seine erste Kurzgeschichte veröffentlicht. 2009 gewann er einen Kurzgeschichtenwettbewerb mit „Über ihnen schwebte der Tod“, auch als Hörbuch veröffentlicht. Neben seinen Kurzgeschichten hat Freund auch zwei Krimis geschrieben, „Endstation Steilküste“ und eben „Das Haus am Abgrund“. Er arbeitet hauptberuflich in erster Linie als Hörbuchautor.

Das Buch: Der Industrielle Siegfried Waldow liegt im Sterben. Kurz vor seinem Tod sagt er im Beisein seiner Haushälterin Angela Vogt und seines Arztes Dr. Eckels: „In meinem Haus ist ein Verbrechen geschehen. Mord! Sie wurde…umgebracht!“ Dann verstirbt er.

Kurz nach seinem Tode verliest sein Testamentsvollstrecker das Testament. Angela Vogt hat ihren Sohn Dominik bevollmächtigt, an ihrer Stelle dort zu erscheinen. Er trifft im Amtsgericht auf Marieke Kielmann, die beiden jungen Leute finden im Gespräch heraus, dass sie sich aus frühester Kindheit flüchtig kennen. Marieke, lange Zeit im Heim und später bei eher lieblosen Pflegeeltern aufgewachsen, war so etwas wie die Ziehtochter von Waldow. In dessen Garten haben die Beiden früher zusammen gespielt.

Siegfried Waldow vererbt Marieke die Summe von 300.000,- € und sein Haus an der Ostsee. Dominiks Mutter, Angela Vogt, erhält als langjährige Haushälterin Waldows das Haus in Hamburg und eine monatliche Rente, die es ihr ermöglicht, dieses Haus auch zu erhalten.

Kurz danach macht sich Marieke auf in Richtung Norden, um ihr neues Eigentum in Augenschein zu nehmen. Dabei gehen ihr die letzten Worte Waldows, die mittlerweile die Runde gemacht haben, nicht aus dem Kopf. Hat er mit dem Haus, in dem angeblich ein Mord geschehen sein soll, dieses Haus hier an der Küste gemeint? Oder sein Haus in Hamburg?

Dieselbe Frage stellen sich auch Dominik und seine Mutter. Schließlich bricht Dominik beunruhigt ebenfalls in Richtung Ostsee auf, um sich nach Mariekes Wohlbefinden zu erkundigen.

Diese hat die Zeit mittlerweile genutzt, um ihr Haus in einen wohnlichen Zustand zu versetzen und sich ein wenig in der Nachbarschaft umzuhören. Nur warum reagieren die Bewohner der kleinen Dorfes so abweisend auf sie, sobald sie wissen, in welchem Haus sie wohnt? Und was sind das für Geräusche, die da mitten in der Nacht auf ihrem Dachboden zu hören sind?

Marieke und Dominik versuchen, Licht in das Dunkel zu bekommen und heraus zu finden, ob an den letzten Worten Waldows tatsächlich etwas dran ist…

Fazit: „Das Haus am Abgrund“ ist mit seinen 300 Seiten ein recht kurzer Krimi. Marc Freund hält sich daher nicht mit solchen Belanglosigkeiten wie Charakterbeschreibungen auf, sondern konzentriert sich ganz auf seine Geschichte. Schade nur, wenn die dann einige Schwächen hat…

Tatsächlich scheint es Freund nicht für nötig zu halten, dem Leser mehr Informationen über seine Charaktere zu vermitteln als absolut unbedingt nötig. Gut, bei einem Umfang von 300 Seiten erwarte ich jetzt keine Sozialstudie, aber so ein wenig mehr wäre ganz toll gewesen. Über Marieke erfährt der Leser im Grunde genommen nur, dass sie „schulterlange rötlichbraune Haare“ und „ein fein geschnittenes, fast zierliches Gesicht“ hat. Und eben den oben erwähnten familiären Hintergrund. Das war es aber auch schon… Über die anderen Personen erfährt man sogar weniger… Und die Information zu Mariekes Familie muss der Autor schon deswegen kundtun, weil er sie im späteren Verlauf nochmal für eine, ähm, spektakuläre Wendung braucht, die aber, wie vieles in diesem Krimi, arg konstruiert wirkt.

Dafür hat Freund aber einen gefälligen, zweckmäßigen Schreibstil. Nur reicht der alleine halt eher selten aus, damit ein Buch wirklch gut ist…

Das eigentliche Problem des Buches liegt für mich aber in der Geschichte selbst. Kurz nach ihrem Einzug hört Marieke auf ihrem Dachboden verdächtige Geräusche, schließlich Schritte. Von diesem Punkt an hätte man eine schöne Poltergeist-Geschichte schreiben können. Freund jedoch hat sich entschlossen, seine Geschichte lieber in den Sand zu setzen. Zu viele Dinge, wie die erwähnte „spektakuläre Wendung“ wirken einfach zu sehr konstruiert! Auch war der Ausgang der Geschichte für mich frustrierend früh zu erraten. Auf all das kann ich inhaltlich natürlich nicht im Detail eingehen, ohne massiv zu spoilern. Ihr werdet mir da also einfach vertrauen müssen.

Die Stelle, die mich im Buch am meisten gestört hat, die kann ich aber mal beschreiben: Der dolle böse Mörder hat Dominik in seine Gewalt gebracht. Dominik erwacht aus seiner Ohnmacht (in solchen Büchern wird immer irgendwann irgendjemand ohnmächtig) und wähnt sich in einem Silo eingesperrt. Später stellt sich der Silo als Brunnenschacht heraus. Es ist leider nicht möglich, die Natursteinwand einfach heraufzuklettern. Aber glücklicherweise ist der Brunnen schmal genug um sich an einer Seite mit den Händen abzustützen und an der anderen mit den Füßen. Auf diese Weise, also quasi quer, also praktisch waagerecht, im Brunnen steckend bewegt sich Dominik dann nach oben. Okaaaay, so weit, so anstrengend. Aaaaber: (Textauszug)

„Nach etwa 40 Minuten hatte er fast die halbe Distanz überwunden und hing kopfüber und keuchend im Schacht.“

BITTE??? Da kraxelt jemand waagerecht zum Boden mit ausgestreckten Armen und Beinen einen Brunnenschacht hoch (und schafft es dann auch noch zwei halbrunde Betondeckel wegzuschieben, aber das soll uns jetzt mal nicht interessieren…) und macht das Ganze über einen Zeitraum von 40 Minuten, die für „fast die halbe Distanz“ reichen??? Dann braucht der für die zweite Hälfte nochmal so 50 Minuten und ist dann nach 90 Minuten draußen, ja!? Na, DAS möchte ich sehen.

Ich möchte ja jetzt niemanden ermutigen, in Silos oder Brunnenschächte zu springen, aber wer es mal ausprobieren sollte, der kann dann ja mal schauen, ob er oder sie das 90 Minuten, oder auch nur 40, durchhält! Wer das als erstes schafft und ein aussagekräftiges Video davon bei youtube reinstellt, dem schenke ich die komplette Ausgabe von Marcel Prousts Werk „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“… 😉

Langer Rede kurzer Sinn: Entschuldigung, Herr Freund, das war zwar nicht nichts, aber das war fast nichts!

Bewertung:

Handlung: 5 von 10 Punkten

Charaktere: 2,5 von 10 Punkten

Stil: 7 von 10 Punkten

Spannung: 4 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 4,625 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Noah“ von Sebastian Fitzek. Erstens, weil ich seine Bücher mag. Und zweitens, damit diese im Dunkeln leuchtende Hand auf dem Cover so schnell wie möglich von meinem Bücherstapel verschwindet…

„Die Philosophin“ von Peter Prange – Alles klärt sich auf

Buch: „Die Philosophin“ (2003, Auflage von 2014)

Autor: Peter Prange

Verlag: S. Fischer

Ausgabe: Taschenbuch: 557 Seiten

Der Autor: Peter Prange ist ein 1955 in Altona geborener Schriftsteller. Nach seinem Studium der Romanistik, Germanistik und Philosophie und einer Promotion über das Zeitalter der Aufklärung war Prange lange Zeit in Wirtschaft und Wissenschaft tätig. Seit vielen Jahren ist er hierzulande einer breiten Leserschaft als Autor historischer Romane ein Begriff. Neben einigen Sachbüchern hat Prange bereits 11 historische Romane veröffentlicht, die in insgesamt 19 Sprachen übersetzt wurden.

Das Buch: Frankreich im Jahre 1740, mitten im Zeitalter der Aufklärung: Die elfjährige Sophie Volland ist ein aufgewecktes junges Mädchen. Ihre Mutter hat ihr bereits früh das Lesen beigebracht und ihr sich häufig auf Reisen befindlicher Vater versorgt sie regelmäßig mit Büchern. Nun bereitet sie sich voller Aufregung auf ihre Kommunion vor. Zur Beruhigung bekommt sie von ihrer Mutter einen Kräutertrunk verabreicht. Davon wird Sophie allerdings so übel, dass sie sich in der Kirche übergeben muss und die Hostie auf den Pfarrer erbricht. Sophies Mutter wird daraufhin wegen Hexenwerks angeklagt und zum Tode verurteilt. Das Mädchen muss die Hinrichtung auf dem Scheiterhaufen mitansehen.

Sie wird in ein nahes Kloster gebracht, wo sie die nächsten Jahre verbringt. Im Alter von 18 Jahren reist sie nach Paris und findet schließlich eine Anstellung im Café Procope, einem berühmten Treffpunkt für Schriftsteller und Philosophen der Aufklärung. Dort lernt sie auch Denis Diderot kennen und lieben. Diderot, gut zehn Jahre älter als Sophie, beginnt gerade ein Projekt ungeheuren Ausmaßes: Zusammen mit dem Schriftsteller d´Alembert und dem Verleger Le Bréton möchte er das größte Wörterbuch der Welt herausbringen, eine „Enzyklopädie“, die das gesamte Wissen der Menschheit enthält, mit einer Unzahl an Einzelartikeln und Querverweisen.

Sophie bemerkt bald, dass Diderot diesem Projekt alles unterordnet und für sie kein Platz in seinem Leben ist. Daher entschließt sie sich, den jungen Polizeioffizier Antoine Sartine zu heiraten. Der wiederum ist beauftragt, als Spitzel sämtliche aufklärerischen Umtriebe im Café Procope unter die Lupe zu nehmen. Schließlich gerät auch Denis Diderot ins Visier seiner Ermittlungen.

Fazit: Peter Prange erzählt den Lebensweg von Sophie Volland und Denis Diderot und die Geschichte der Enzyklopädie über einen Zeitraum von 1740 bis 1794. Nach der Heirat mit Sartine verlieren sich die beiden nie ganz aus den Augen, zeitweise arbeitet Sophie sogar an der Enzyklopädie mit, einem wahren Mammutprojekt für damalige Verhältnisse: Der erste Band erschien 1751, der 35. und letzte 1780. 142 Enzyklopädisten haben über 72.000 Artikel verfasst, einer der Enzyklopädisten, Louis de Jaucourt, hat allein 17.266 Artikel geschrieben – am Ende des Projekts war er pleite und wurde von Diderot äußerst undankbar als „pedantischer Vielschrieber“ bezeichnet. Allein die Beschreibung dieses großen Unternehmens hätte die die doppelte Anzahl an Seiten verdient. Prange begnügt sich jedoch mit 557 Seiten. Sehr schade. Denn gerade mit der Geschichte der Enzyklopädie konnte Prange bei mir punkten. In anderen Bereichen eher weniger.

Die Probleme fangen für mich bereits mit einigen Charakteren an. Sophie Volland ist die Tochter von Madeleine, die als Bedienstete am Hofe eines Barons wohnt und von Dorval, einem Kiepenkerl, man könnte auch Hausierer sagen. Und der bringt ihr Bücher mit? Ein Hausierer? Ja, nee, kosten ja nichts die Dinger in Frankreich Mitte des 18. Jahrhunderts! Mit den Unsummen, die ein Kiepenkerl mit dem Verkauf von Kupferkesseln, Kämmen und Gedöns verdient, ist das natürlich gar kein Problem… Und wer von den beiden Elternteilen mit der umfassenden humanistischen Bildung des dritten Standes im 18. Jahrhundert hat ihr denn lesen beigebracht??? Nee, also den familiären Hintergrund von Sophie nehme ich Herrn Prange einfach nicht ab. (Neugieriges googlen hat dann auch die Information erbracht, dass Herr Prange in diesem Bereich, nun, sagen wir mal, „etwas“ an der historischen Wahrheit gedreht hat: Ihr Vater war Advokat am Parlament und Generalinspekteur der Pachtgüter seiner Majestät. Und ihre Mutter wurde niemals nicht verbrannt. Das hätte man auch einfach so lassen können, aber dann wäre natürlich der hochdramatische Anfang des Buches weggefallen…)

Auch andere Charaktere erschließen sich mir nicht so ganz: Antoine Sartine z. B. ist der Stereotyp eines Bösewichts der Polizei, das gab´s bereits hundertmal besser in „Les Misérables“ von 1882.

Stilistisch macht Prange dann wieder einiges Boden gut. Die Beschreibungen des dreckigen Paris´ in der Mitte des 18. Jahrhunderts sind ihm gut gelungen. Der Schauplatz und die Atmosphäre des Café Procope (das gibt es heute noch!) mit seinen Schriftstellern, Philosophen und hitzigen Debatten wird gut wiedergegeben. Insgesamt kann man sagen, dass Prange gerade für historische Romane eine ziemlich gute Schreibe hat!

Inhaltlich sind wir sehr schnell wieder bei dem Problem mit den 557 Seiten. Das Hin und Her der Liebesgeschichte zwischen Sophie und Diderot war mir leider Gottes vollkommen wurscht – weil mir eben die Charaktere vollkommen wurscht waren. Irgendwie nahm das nur Platz weg! Und dass Prange bei jeder romantischen Szene schreibt, Sophie habe das Gefühl von „Mücken im Nacken“ macht es auch nicht besser, die inflationäre Verwendung einer Formulierung nervt. Wenn wir also den gefühlduseligen Teil (den eine Fülle von Autoren übrigens ansprechender hätte schreiben können) weglassen, dann bleibt größtenteils die Enstehungsgeschichte der Enzyklopädie. Und dieser Teil des Buches war auch wirklich spannend. Hätte Prange ein Sachbuch aus dem Thema gemacht, ich hätte es verschlungen! Hat er aber nicht…

Letzten Endes hat es Peter Prange geschafft, mich nach der Lektüre seines Buches zu einer längeren Google-Sitzung zu verleiten, um die im Buch erwähnten Informationen zu vertiefen. Dass dieses Googeln für mich spannender und informativer war als das Buch selbst, das lasse ich jetzt mal unkommentiert…

Wenn sich mal wieder die Gelegenheit ergibt, werde ich sicher noch weitere Bücher Pranges lesen, denn, trotz aller Schwächen von „Die Philosphin“: Dass Prange schreiben kann, das merkt man. Vielleicht habe ich mit einem seiner anderen Romane mehr Glück.

Fazit:

Handlung: 7 von 10 Punkten

Charaktere: 5 von 10 Punkten

Stil: 8,5 von 10 Punkten

Atmosphäre: 8 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 7,125 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Das Haus am Abgrund“ von Marc Freund. Es ist ja nicht so, dass ich keine Krimis mehr hätte… 😉

„Der amerikanische Architekt“ von Amy Waldman – Gefährliches Halbwissen

Buch: „Der amerikanische Architekt“ (2013)

Autorin: Amy Waldman

Verlag: Heyne

Ausgabe: Taschenbuch, 507 Seiten

Die Autorin: Amy Waldman, Jahrgang 1969, ist eine amerikanische Journalistin und Autorin. Sie studierte an der Yale University und arbeitetete anschließend einige Jahre für die „New York Times“. Drei Jahre lang war sie Mitleiterin des Zeitungsbüros in Neu-Delhi. Anschließend war sie für die Zeitschrift „The Atlantic“ tätig.

„Der amerikanische Architekt“ ist ihr erster Roman.

Sie lebt mit ihrer Familie in Brooklyn.

Das Buch: New York, zwei Jahre nach den Terroranschlägen des 11. September 2001: Am „Ground Zero“ soll eine Gedenkstätte für die Opfer entstehen. Aus diesem Grund beginnt eine Ausschreibung. Jeder der sich dazu berufen fühlt, eine solche zu entwerfen und zu bauen, kann anonym einen Vorschlag zur Gestaltung des Mahnmals einreichen. Zur Entscheidungsfindung wird eine Jury ins Leben gerufen, bestehend aus Intellektuellen aller Art, Künstlern, Historikern usw. Als Vertreterin der Angehörigen der Opfer sitzt Claire Burwell mit am Tisch.

Am Ende des Ausschreibungsverfahrens sind nur noch zwei Vorschläge im Rennen, der „Garten“ und „das Nichts“. Claire empfindet „das Nichts“ als zu bedrückend und spricht sich vehement für den Garten aus. Im Laufe der Diskussion schafft sie es, die Mehrheit der Jurymitglieder auf ihre Seite zu ziehen. Der Garten macht das Rennen. Voller Spannung wird der Umschlag geöffnet aus dem die Identität des Einsenders hervorgeht. Dann macht sich Fassungslosigkeit unter den Jury-Mitgliedern breit: Der Einsender des Vorschlags ist niemand anderes als Mohammed Khan, Architekt, in Amerika geboren – und Moslem. Die Jury ist entrüstet. Ein Moslem? Niemals! So jemanden kann man doch nicht gewinnen lassen, oder!? Aber, nun ja, gewonnen ist ja eigentlich gewonnen…

Die Jury beschliesst, das Ergebnis vorerst geheimzuhalten und auszuloten, ob es eine juristisch wasserdichte Möglichkeit gibt, einen anderen Gewinner zu verkünden. Nur leider plaudert jemand aus dieser Jury sofort alles bei der Presse aus. Dadurch erfährt auch Mohammed Khan von seinem Sieg, und davon, dass er ihm wieder genommen werden soll. Er beginnt, um seinen Garten zu kämpfen, koste es, was es wolle.

Nur: Neben der Jury ist auch die ach so tolerante amerikanische Öffentlichkeit nicht begeistert davon, die Gedenkstätte von einem Moslem bauen zu lassen. Als sich dann noch herausstellt, dass der Garten angeblich Stilelemente muslimischer Gärten aufweist, gibt es im ganzen Land Proteste und Demonstrationen, bis hin zu Übergriffen gehen Muslime…

Fazit: Es gibt Bücher, bei denen ich schon beim Kauf die starke Vermutung habe, dass sie mir gut gefallen werden. „Der amerikanische Architekt“ gehört dazu. Und ich hatte recht! Amy Waldman behandelt ein Thema, dass im Moment auch hierzulande erschreckend aktuell ist: Den Umgang mit Muslimen und das gefährliche Halbwissen, dass die meisten über den Islam haben. Und das macht sie gut!

Im Vordergrund steht bei Amy Waldman eindeutig die Geschichte selbst. Sie hält sich nicht mehr als notwendig mit der Beschreibung und Erklärung ihrer Charaktere auf. Auch wenn zumindest die Hauptpersonen eine solide persönliche Hintergrundgeschichte haben, die wenigstens grob ihre Handlungsweise erklärt, so hätte ich mir in diesem Bereich ein wenig mehr Tiefe gewünscht. So machen z. B. einige Protagonisten im Laufe des Buches eine Wandlung ihrer Sichtweise durch, die sich mir nicht so wirklich erschlossen hat. Nun, vielleicht habe ich es auch einfach überlesen oder vielleicht gar nicht begriffen, aber ein wenig mehr Detailfülle hätte in diesem Bereich nicht geschadet, auch wenn ich zugegebenermaßen auf relativ hohem Niveau jammere.

Aber wie gesagt, im Vordergrund steht nun mal die Geschichte, deswegen verzichtet Amy Waldman auch auf sprachliche Kapriolen aller Art und bewegt sich stilistisch auf sicherem aber unspektakulärem Terrain. Das ist aber zumindest insofern förderlich, als es hilft, den Roman trotz des vielleicht nicht leicht verdaulichen Themas schnell durchzulesen. Sprachlich jedenfalls fällt „Der amerikanische Architekt“ weder positiv noch negativ besonders auf.

Kommen wir also zu dem, was, ich erwähnte es, im Vordergrund steht: Zu der Geschichte. Und die ist großartig!

Mohammed „Mo“ Khan kämpft tapfer um seinen Entwurf. Er ist nicht bereit, auch nur ein Detail daran zu ändern oder den Entwurf näher zu erläutern, mit der Begründung, dass niemand das von ihm fordern würde, wenn er Christ wäre. Das wiederum stachelt die amerikanische Gesellschaft nur weiter an, gegen den Garten vorzugehen. Sie sehen darin einen Entwurf des islamischen Paradieses und somit mehr eine Gedenkstätte für die Attentäter als für die Opfer. Nicht zuletzt unter Mithilfe der Medien bekommt der Widerstand gegen den Garten eine Eigendynamik die auch zu Gewalt führt. Ein wunderbares Beispiel dafür, was passiert, wenn Menschen einfach nicht miteinander reden wollen oder können.

Dabei hatte ich während des Lesens immer den Eindruck, dass diese Geschichte genau so auch in der Realität passieren könnte und wahrscheinlich würde.

Mit „Der amerikanische Architekt“ hat Amy Waldman nicht nur ein gutes Buch geschrieben, sie hat auch ein wichtiges Buch geschrieben! Ich verstehe es als einen Aufruf, miteinander zu kommunizieren, um Halbwissen und Vorurteile abzubauen und den oft erwähnten „clash of cultures“ zu vermeiden. Man sollte dieses Buch an jeden Teilnehmer der unsäglichen Pegida-Demos verteilen. Na, oder zumindest an den verschwindend geringen Teil der Teilnehmer, die des Lesens mächtig sind…

Wertung:

Handlung: 10 von 10 Punkten

Charaktere: 7,5 von 10 Punkten

Stil: 8 von 10 Punkten

Anspruch: 8 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 8,375 vom 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Die Philosphin“ von Peter Prange. Es wird einfach mal wieder Zeit für einen historischen Roman.

„Die amerikanische Nacht“ von Marisha Pessl – Terribilis est locus iste…

Buch: „Die amerikanische Nacht (2014)

Autorin: Marisha Pessl

Verlag: S. Fischer

Ausgabe: Taschenbuch

Die Autorin: Marisha Pessl, geboren 1977, ist die Tochter einer amerikanischen Mutter und eines österreichischen Vaters. Sie studierte Englische Literatur an der Northwestern University und der Columbia University. Im Jahr 2006 erschien ihr genialer Debüt-Roman „Die alltägliche Physik des Unglücks“. Eine Roman über eine Vater-Tochter-Beziehung, der bis oben hin vollgestopft mit Zitaten und Verweisen auf (zum Teil fiktionale) andere Bücher ist. Ein Roman, dessen Einstieg so schwierig ist, dass man sich zum Weiterlesen zwingen muss. International hochgelobt, wurde ihr Werk von deutschen Kritikern als „postmoderne Besserwisser- und Zitatliteratur“ und sie selbst als „new American Streber“ bezeichnet. – Ich allerdings fand das Buch großartig!

Über 8 Jahre hat es gedauert, bis jetzt mit „Die amerikanische Nacht“ ihr zweiter Roman erschienen ist. Ein Studium wollte erst beendet und eine Schreibblockade überwunden werden.

Das Buch: Stanislav Cordova ist der Star-Regisseur des Horrorfilms. Seine Filme sind mysteriös, bösartig, düster, schockierend. Sie werden auch nicht in Kinos gezeigt, sondern bei nächtlichen illegalen Vorführungen in Kellern und an ähnlichen Orten. Cordova selbst ist ähnlich mysteriös wie seine Filme. Im Jahr 1977 gab der Regisseur sein letztes Interview für das Rolling-Stone-Magazine, seitdem ist er förmlich von der Bildfläche verschwunden. Seit Jahren ist kein neuer Film von ihm erschienen. Stattdessen hat er sich ein großes Herrenhaus gekauft, genannt „The Peak“, mit einem riesigen Grundstück, eingezäunt und mit Stacheldraht gesichert. Dort verschanzt er sich vor der Außenwelt.

Der investigative Journalist Scott McGrath hat vor einigen Jahren über Cordova recherchiert. Im Zuge dieser Recherchen teilte ihm ein Informant telefonisch mit: „Er (Cordova) stellt irgendwas mit den Kindern an…“ McGrath bringt die Geschichte an die Öffentlichkeit, kann aber nichts beweisen, sein Informant ist spurlos verschwunden. Cordova reagiert mit einer Verleumdungsklage, Scott wird verurteilt, verliert seinen Job, eine Viertelmillion Dollar und letztlich auch seine Ehefrau.

Dann begeht Ashley Cordova, die 24-jährige Tochter de Regisseurs, Selbstmord. Scotts Spürsinn erwacht aufs Neue und zusammen mit der Möchtegern-Schauspielerin Nora und dem Drogenfreak Hopper ermittelt er und versucht, der Ursache für Ashleys Selbstmord auf die Spur zu kommen. Und letztlich führen alle Hinweise nach „The Peak“, dem unheimlichen Landsitz Cordovas. Welche Geheimnisse verbergen sich dort…?

Fazit: Wie schwer es ist, über dieses Buch eine angemessene Rezension zu schreiben, bemerke ich genau jetzt, da ich es tue. „Die amerikanische Nacht“ lässt sich nicht in Schubladen stecken oder gar einem bestimmten Genre zuordnen. Irgendwie ist von allem etwas dabei. Aber wie immer: Ich versuch´s trotzdem:

Scott McGrath beginnt die Nachforschungen über den Tod Ashley Cordovas zusammen mit seinen beiden Mitstreitern. Der Weg führt sie in eine psychiatrische Einrichtung, in der Ashley wenige Wochen vor ihrem Tod eingeliefert wurde – und aus der sie später ausgebrochen ist. Das Ermittlerteam versucht, Ashleys Aufenthaltsorte in der Zeit zwischen ihrer Flucht aus der Klinik und ihrem Tod heraus zu finden. Dabei führt eine Spur zur nächsten, von einem Klaviergeschäft zu einer heruntergekommenen Wohnung und so weiter.

Das klingt alles nach einem handelsüblichen Krimi oder Thriller, aber „Die amerikanische Nacht“ ist mehr, ist außergewöhnlicher. Als ein Beispiel dafür kann man anführen, dass ein Großteil der Unterlagen, die McGrath während seiner Recherchen sammelt (Kopie des Polizeiberichts, Screenshots von Internetseiten, Fotos, Mitschriften von Telefonaten etc.) dem Leser nicht nur beschrieben werden, sie sind im Buch abgedruckt!!! Das verleiht der Geschichte nochmal zusätzlich Authentizität. Mir ist bisher kaum ein Buch untergekommen, das schon von der Aufmachung her soviel hergibt.

Die Charaktere sind schlicht und ergreifend große Klasse, und zwar alle, bis in scheinbar unwichtige Nebenfiguren. Besonders Scott und Nora haben es mir angetan. Die beiden nennen sich untereinander in Anlehnung an die Journalisten der Watergate-Affäre Woodward und Bernstein. Ein sehr symphatisches Duo, ergänzt um den Schmalspur-Dealer Hopper, der entweder gerade vollkommen dicht ist oder aber einen Geistesblitz hat. Charaktere, an die ich mich auch in einiger Zeit noch gerne erinnern werde.

Stilistisch kann man Marisha Pessl ebenfalls wenig vorwerfen. Dass sie schreiben kann, hat sie mit ihrem Erstlingsroman bereits bewiesen. Dass sie aber auch so schreiben kann, dass man einen Satz nicht fünfmal von vorne anfangen muss, dass hat sie jetzt erst gezeigt. Der Roman war sehr flüssig zu lesen, so dass ich es kaum fassen konnte, als die 800 Seiten schon vorbei waren.

Wenn man unbedingt etwas zu meckern suchen möchte, dann Folgendes:

Marisha Pessl hat mit „Die amerikanische Nacht“, einen Krimi geschrieben, einen Thriller, einen Horrorroman, einen Fantasy-Roman, eine Gothic-Novel, einen…ja, was denn nun eigentlich? Ich hatte phasenweise das Gefühl, als hätte die Autorin sich selbst nicht ganz für ein bestimmtes Genre entscheiden können und sich gedacht: „Na, mal schauen, wo mich das alles hinführt…“

Nun, letztlich hat es immerhin dahin geführt, dass sie ein wirklich gutes Buch geschrieben hat. Die einzelnen Ergebnisse von Scotts Recherchen scheinen lange Zeit kein Gesamtbild zu ergeben, erst auf den letzten ca. 150 Seiten fügt sich ein Teil puzzlemäßig ins andere und letztlich passt alles zusammen wie ein Zahnradgetriebe. Großes Kino!

Nun kann ich eigentlich nur hoffen, dass die gute Marisha sich nicht wieder 8 Jahre Zeit bis zu ihrem nächten Buch lässt…

Wertung:

Handlung: 9 von 10 Punkten

Charaktere: 10 von 10 Punkten

Stil: 9,5 von 10 Punkten

Spannung: 7,5 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 9 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: Schon wieder „amerikanisch“. Diesmal: „Der amerikanische Architekt“ von Amy Waldman. Eine Geschichte über New York und Amerika nach dem 11. September. Also etwas Anspruchsvolles, ich möchte Euch ja nicht unterfordern! 😉

„Haus der Geister“ von John Boyne – Spoooky…

Buch: „Haus der Geister“ (2014)

Autor: John Boyne

Verlag: Piper

Ausgabe: Taschenbuch, 333 Seiten

Der Autor: John Boyne, geboren 1971, ist ein renommierter irischer Schriftsteller – von dem ich bislang trotzdem nicht das Geringste gehört hatte. Er studierte Englische Literatur und Kreatives Schreiben in Dublin und Norwich. Mittlerweile hat Boyne 14 Romane veröffentlicht, sein bekanntester und erfolgreichster war „Der Junge im gestreiften Pyjama“ (2006). Der Autor lebt in Dublin.

Das Buch: Im Jahre 1867 lebt die junge Eliza Caine mit ihrem Vater zusammen in London. Sie ist Lehrerin, Anfang 20 – und unverheiratet, denn Eliza ist leider alles andere als attraktiv. Dennoch fühlt sie sich wohl im Hause ihres Vaters und geht gerne ihrer Arbeit nach. Plötzlich jedoch erkrankt dieser schwer und stirbt in kürzester Zeit. Noch in der Zeit der größten Trauer erfährt Eliza, dass das Haus, in dem sie mit ihrem Vater lebte, nur gemietet war, sie war jedoch immer davon ausgegangen, dass es ihrem Vater gehöre. Allein sieht sie sich außerstande, das Haus weiter zu finanzieren und muss sich etwas einfallen lassen.

Daher bewirbt sie sich aufgrund einer Zeitungsannonce eines gewissen „H. Bennet“ auf die Stelle eines Kindermädchens im Anwesen Gaudlin Hall in der Grafschaft Norfolk. Ohne zu einem Vorstellungsgespäch eingeladen worden zu sein, erhält sie eine Zusage, mit der Aufforderung, sich zu einem bestimmten Termin am Bahnhof Norfolk einzufinden, der Kutscher werde sie abholen.

Eliza bricht ihre Londoner Zelte ab und nach Norfolk auf. Dort angekommen, sieht sie sich mit dem mürrischen Kutscher Mr. Heckling konfrontiert. Er bringt sie zwar nach Gaudlin Hall, ist ansonsten aber ungewöhnlich schweigsam und beantwortet nur widerwillig ihre Fragen nach ihrem neuen Arbeitgeber „H. Bennet“. Dennoch erfährt Lisa, dass es keinen Mr. Bennet gebe und dass „Bennet“ der Nachname ihrer Vorgängerin sei. Überhaupt gebe es zurzeit keinen Hausherrn auf Gaudlin Hall. Für alles Organisatorische sei der Anwalt Mr. Raisin zuständig.

Irritiert erreicht Eliza das Anwesen und lernt dort auch bald ihre Schützlinge kennen, die zwölfjährige Isabella und den achtjährigen Eustace. Um sie soll sie sich von nun an kümmern.

Während ihr Eustace als ein zwar schüchterner aber freundlicher Junge vorkommt, erscheint ihr Isabella als nachdenkliches, irgendwie seltsames Kind…

Als auch nach Tagen weder der Vater noch die Mutter der Kinder auftaucht, um ihr neues Kindermädchen zu begrüßen, macht sich Eliza auf den Weg zum Anwalt Mr. Raisin, um dort Antworten einzufordern. Schließlich erfährt sie dort einerseits, was in der Vergangenheit Schreckliches in Gaudlin Hall passiert ist und andererseits, dass es dort seit Anfang des Jahres bereits fünf Kindermädchen gab, von denen vier durch „unglückliche Unfälle“ ums Leben kamen.

Und von nun an ist sich auch Eliza ihres Lebens auf Gaudlin Hall nicht mehr sicher…

Fazit: „Haus der Geister“ ist eine Leihgabe einer weiteren der zauberhaften Personen, die mir immer wieder Bücher zukommen lassen. An dieser Stelle nochmal einen herzlichen Dank an die edle Spenderin.

„Eine unheimlich gute Geistergeschichte“ steht auf dem Buchrücken. Und ja, ich bin geneigt, mich dieser Meinung anzuschließen. Grundsätzlich mag ich es, wenn ein Autor sich mit einem relativ aus der Mode gekommenen Genre beschäftigt, in diesem Fall der viktorianischen Gruselgeschichte. Und wenn man es dann so gut macht, wie John Boyne, dann gibt es relativ wenig zu meckern, bis auf die eine oder andere Kleinigkeit.

Die Charaktere passen hervorragend in das Umfeld der Geschichte: Der mürrische und undurchsichtige Kutscher Heckling ist ein Charakter, den eine solche Geschichte unbedingt braucht. Die zwölfjährige Isabella ist wirklich unheimlich! Und Eliza Caine möchte man des öfteren zurufen: „Ja, dann hau da doch einfach ab, wenn´s für Dich zu gefährlich wird, Du dusselige…“ Aber sie ist eben eine Frau ihrer Zeit, mit einem gewissen Pflicht- und Verantwortungsgefühl für ihre Arbeit und die Kinder. In diesem Bereich ist alles soweit ganz stimmig also!

Der Stil von „Haus der Geister“ ist erfreulich leicht verdaulich und trug dazu bei, dass ich das Buch an zwei Abenden durchlesen konnte. Auch hier ist also alles im Lot.

Wenn ich schon etwas kritisieren könnte, dann im Bereich der Handlung. Zwar ist diese durchaus spannend und macht Spaß, allerdings ist sie über weite Strecken aber auch arg vorhersehbar. Jedenfalls ging mir das so. Aber „Das Haus der Geister“ ist eben nicht „Krieg und Frieden“, sndern eine Geistergeschichte, und zwar eine gute. Nicht mehr, aber eben auch nicht weniger.

Besagte Geistergeschichte würde meiner Meinung nach übrigens als Film super funktionieren. Ich fühlte mich dauernd an einen bestimmten Fim erinnert, den ich mal gesehen habe – und dessen Titel mir seit Tagen partout nicht einfallen will… Sei es drum, eine Filmversion läge irgendwo zwischen „The Others“ und „Orphan“.

Die Buchversion ist etwas für einen lange dunklen Gewitterabend bei Kerzenlicht und passt im Bücherschrank gut zwischen „Das Bildnis des Dorian Gray“ und „Der Hund von Baskerville“.

Wertung:

Ich habe mir überlegt, im Wertungsbereich etwas zu verändern. Und zwar werde ich einzelne Punktzahlen für Handlung, Charaktere und Stil vergeben sowie ggf. für eine oder zwei weitere Kategorien, die abhängig vom Genre unterschiedlich sind. Im Idealfall führt das Ganze dann zu einer deutlich differenzierteren Wertung. Mich würde ja interessieren, was Ihr so davon haltet… Im vorliegenden Fall sähe das dann so aus:

Handlung: 7 von 10 Punkten

Charaktere: 9 von 10 Punkten

Stil: 8,5 von 10 Punkten

Gruselfaktor: 7,5 von 10 Punkten:

Gesamtwertung: 8 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Die amerikanische Nacht“ von Marisha Pessl. Das habe ich schon seit Monaten hier liegen und freue mich seitdem drauf. Wenn das Buch nur halb so schön ist wie die Autorin, dann…

„Der Mann im Park“ von Pontus Ljunghill – Starkes Debüt

Buch: „Der Mann im Park“ (2015)

Autor: Pontus Ljunghill

Verlag: Heyne

Ausgabe: Taschenbuch, 558 Seiten

Der Autor: Pontus Ljunghill ist Kriminologe und arbeitet als Journalist für verschiedene Zeitungen. Der Autor lebt in Stockholm. „Der Mann im Park“ ist sein erster Roman und wurde in Schweden – völlig berechtigterweise – hoch gelobt.

Das Buch: 1928: Die achtjährige Ingrid Bengtsson fasst schnell Vertrauen zu dem Mann, den sie im Park kennenlernt. Kein Wunder, behauptet dieser doch, Ingrids Vater zu kennen, den sie selbst nie kennengelernt hat, und ihn sogar zu ihr bringen zu können. Das wird Ingrid zum Verhängnis. Auf dem verlassenen Gelände der aufgegebenen Djurgardswerft wird das Mädchen ermordet aufgefunden.

John Stierna, junger aufstrebender Komissar der Kriminalpolizei, ermittelt in dem Fall. Er garantiert der verzweifelten Mutter des Mädchens, den Täter zu fassen. Die Ermittlungen schreiten routiniert voran, große Erfolge sind aber nach einigen Tagen und auch nach Wochen nicht zu verzeichnen. Und obwohl Stierna immer wieder das Gefühl hat, ganz nah am Mörder dran zu sein, wird dieser doch nie gefasst…

Knapp 25 Jahre später: Stierna hat sich mittlerweile aufgrund einer im Dienst erlittenen Schussverletzung, aber auch überdrüssig von der permanenten Konfrontation mit sinnloser Gewalt, die sein Beruf mit sich führte, in das Polizeimuseum versetzen lassen und feiert dort den letzten Tag seiner Dienstzeit.

Er nimmt sich anschließend für längere Zeit ein Zimmer in einem Gasthaus abseits jeglichen Trubels. Bei sich hat er die wichtigsten Unterlagen zum Fall Ingrid Bengtsson. Denn in wenigen Tagen läuft die Frist von 25 Jahren seit dem Mord ab, der Zeitraum nach dem ein Mord in Schweden verjährt ist…

In diesem Gasthaus spürt ihn der Journalist Börje Grönwall auf, der ein Buch über aufsehenerregende ungelöste Kriminalfälle schreibt und bittet Stierna, ihm vom Fall Ingrid Bengtsson zu erzählen. Stierna lässt die damaligen Ermittlungen Revue passieren. Wurde damals etwas übersehen? Vielleicht ist es ja doch noch möglich, den Täter zu fassen? Doch die Zeit wird langsam knapp…

Fazit: Mit Buchhändlern und Innen verhält es sich für mich wie mit Hausärzten oder Anwälten – sie sind Vertrauenssache. Da meine Buchhändlerin mein unumstößliches Vertrauen besitzt, habe ich bei diesem Buch zugegriffen, das ich ansonsten unter Garantie im Regal hätte stehen lassen. Zu mittelmäßig waren meine Erfahrungen mit teils hochgelobten skandinavischen Krimiautoren manchmal. Glücklicherweise habe ich es nicht im Regal gelassen.

Pontus Ljunghill hat wirklich ein beachtliches Erstlingswerk hingelegt:

Die Hauptfigur Komissar John Stierna unterscheidet sich leider herzlich wenig von anderen Vertretern des Genres, irgendwie sind sie alle grimmig, desillusioniert, frustriert. Allerdings arbeitet er ja auch in der Abteilung für Gewaltverbrechen, das geht dann sicherlich nicht spurlos an einem vorbei… Auch, dass Stierna so viel Zeit mit seiner Arbeit verbringt, dass er häufig erst spät abends oder gar nach Mitternacht nach Hause zu seiner Frau kommt, und das natürlich Auswirkungen auf die Ehe hat, das ist auch kein neuer Krimi-Kunstgriff. Dennoch schafft es Ljunghill, mich mit der Figur des Stierna wenigstens nicht zu nerven, das ist doch schon mal was. Da gab es in jüngerer Vergangenheit schlimmere Protagonisten, die ich über mich ergehen lassen musste…

Dennoch liegen die Stärken des Buches eindeutig in anderen Bereichen, im Stil und in der Handlung als solche. Stilistisch ist der Roman wirklich beeindruckend. Der Autor schreibt nüchtern, zweckmäßig, eingängig, stark. Umso beeindruckender, wenn man bedenkt, dass dieser Bereich nicht unbedingt eine Stärke der Krimis ist. Auch da habe ich ja in letzter Zeit so einiges ertragen müssen…

Die Handlung selbst ist für mich aber der Star des Buches. Ljunghill beschreibt die damaligen Ermittlungen im Mordfall Ingrid Bengtsson wirklich spannend und obwohl ich ja wusste, dass diese Ermittlungen erfolglos verlaufen sind, war das Buch für mich an keiner Stelle langweilig, ich wollte immer wissen, wie es weiter geht, wie eng sich die Schlinge der Polizisten um den Mörder zieht. Und ob er nicht doch noch gefasst werden kann…

Auch aus dessen Sicht werden die Ereignisse an manchen Stellen geschildert, so erfährt man trotz der gescheiterten Polizeiarbeit etwas über die Hinter- und Beweggründe des Täters.

Einer der größten Pluspunkte des Buches ist für mich aber, dass der Autor es schafft, trotz des bedrückenden Szenarios, dem Mord an einem kleinen Mädchen, keine dauerhaft übertrieben bedrückende Atmosphäre zu schaffen, die den Leser zusehends deprimiert werden lässt. Zumindest ging mir das so. Auch dass er auf unnötige Gewaltdarstellungen, die über die Schilderung des Mordes hinausgehen, verzichtet, finde ich erfreulich. In diesem Buch überwiegen nicht Blut und Depression, sondern die Spannung!

Ich freue mich jetzt schon auf das zweite Buch des talentierten Schweden, auch wenn das noch eine ganze Weile dauern dürfte!

Wertung:  9 von 10 möglichen Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Das Haus der Geister“ von John Boyne. Eine im viktorianischen Zeitalter in England spielende Geistergeschichte. Mal etwas anderes…