„Abels Auferstehung“ von Thomas Ziebula – Gelungene Fortsetzung

Buch: „Abels Auferstehung“

Autor: Thomas Ziebula

Verlag: Wunderlich

Ausgabe: Hardcover, 462 Seiten

Der Autor: Thomas Ziebula ist freier Autor und schreibt vor allem Fantasy- und historische Romane. 2001 erhielt er den Deutschen Phantastik-Preis, 2020 den Goldenen Homer. Seine erste Krimi-Reihe um Inspektor Paul Stainer vereint auf beeindruckende Weise Thomas Ziebulas Leidenschaft für deutsche Zeitgeschichte, spannende Kriminalfälle und seine Liebe zu Leipzig, das bis heute seine Lieblingsstadt in Deutschland ist. Der erste Band der Reihe um Inspektor Stainer, „Der rote Judas“, stand auf der Shortlist für den Crime Cologne 2020. Der Autor lebt in der Nähe von Karlsruhe. (Quelle: Rowohlt)

Das Buch: Leipzig 1920: Nach dem Tod seiner Frau stürzt sich Inspektor Paul Steiner in die Arbeit – daran mangelt es nicht in der politisch aufgeheizten Stadt. Die Ermittlungen im Morf an einem jungen Soldaten führen Stainer in das Milieu schlagender Studentenverbindungen; der Fall scheint eindeutig. Bis in Basel ein weiterer toter Soldat aus dem Rhein geborgen wird. Haben die Morde miteinander zu tun? Ein Zigarettenetui, das der Tote bei sich trug, führt auf eine neue Fährte – die der drei Adamek-Brüder: Adrian ist im Krieg gefallen, Konrad führt ein unaufgeregt bürgerliches Leben, doch Roman benimmt sich verdächtig. Stainer folgt der Spur, ohne zu bemerken, wie sich an anderer Front ein Gewitter aufbaut … (Quelle: liebevoll abgetippter Klappentext)

Fazit: Man kann den hehren Vorsatz verfolgen, die jeweils einzelnen Bände einer Buchreihe nicht in Relation zueinander zu setzen, sondern jeweils als eigenständiges Buch zu betrachten, ohne sein Hauptaugenmerk darauf zu legen, was der Autor in diesem oder jedem Band der Reihe vielleicht besser oder schlechter gemacht hat als im vorliegenden. So ganz gelingen will mir das allerdings nie, weswegen sich auch Thomas Ziebulas „Abels Auferstehung“, die Fortsetzung seiner Reihe rund um den Inspektor Paul Steiner den Vergleich mit „Der rote Judas„, dem Auftakt der Reihe, gefallen lassen muss. Auch und gerade, weil eben jener Auftakt seinerzeit so gelungen war.

Glücklicherweise kann man konstatieren, dass es Ziebula gelingt, den Großteil der Stärken des ersten Teils zumindest in ähnlicher Form zu übernehmen. Das beginnt schon beim Setting. Im ersten Teil wurde dieses Setting unter anderem durch Erwähnung politischer und sonstiger historischer Ereignisse mit Leben gefüllt. Im zweiten Teil wurde die Einordnung in den historischen Kontext auf den ersten Blick zwar in meiner Wahrnehmung deutlich zurückgefahren, was ich eigentlich ziemlich schade fand, bei genauerer Betrachtung findet sie aber eben doch statt, nur eben in Form von Ereignissen, die eher regionale Bedeutung, insbesondere für die Stadt Leipzig haben. Und so erwähnt Ziebula dann eben weniger die große Weltpolitik, sondern beispielsweise mehr die Rolle und Situation der Straßenbahnfahrerinnen in Leipzig, die in Kriegszeiten diese Aufgabe von den Männern übernommen haben, nun aber eben wieder von diesen aus ihrem Beruf gedrängt werden sollen. Im Zuge der Gesamthandlung ergibt diese regionalere Sichtweise durchaus Sinn und der Roman fühlt sich dadurch nicht weniger lebendig an als sein Vorgänger.

Auch das Figurenensemble wurde logischerweise in den zweiten Band übernommen und war schon im Auftakt eine große Stärke des Autors. Insbesondere gilt das nach wie vor für den Protagonisten. Jener Paul Steiner wurde bezüglich des ersten Bandes von mir mit dem Kriegheimkehrer Beckmann aus Borcherts „Draußen vor der Tür“ verglichen und diesen Eindruck habe ich immer noch. Nicht nur die Figur an sich, sondern auch ihre Entwicklung gefiel mir gut. Trug Stainer im ersten Teil noch eine überhebliche „Ich kann jederzeit aufhören, wenn ich will!“-Einstellung hinsichtlich seiner Alkoholsucht vor sich her, scheint er nun bereit zu sein, sich einzugestehen, dass hier ein Problem vorliegen könnte. Ebenso verhält es sich mit den ihn darüber hinaus plagenden Schwierigkeiten, die man heute wohl als „Flashbacks“ und „posttraumatische Belastungsstörung“ bezeichnen würde. Für mich persönlich würde sich das Weiterlesen der Reihe allein deshalb lohnen, weil ich wissen möchte, wie die weitere Entwicklung Stainers so voranschreitet.

Das einzige Manko – allerdings leiden wir hier auf vergleichsweise hohem Niveau – des zweiten Teils bietet ausgerechnet die Geschichte selbst. Diese setzt nahezu unmittelbar nach den Ereignissen des ersten Teils ein – den man übrigens für die Lektüre nicht unbedingt gelesen haben muss, weil Ziebula gekonnt wesentliche Stichpunkte rekapituliert; sinnvoll wäre die vorherige Lektüre allerdings dennoch – und man trifft auch wieder auf altbekannte Figuren.

Die Story wirkt etwas geerdeter als im ersten Teil, und vielleicht war es eben das, was sie für mich schlicht weniger spannend machte. Natürlich kann man sich nicht immer mit den Großen in Politik und Militär anlegen und es darf auch gerne mal eine bodenständigere Handlung sein, aber irgendwie hat mich eben diese Handlung im zweiten Teil nicht vollständig überzeugt. Nun sollte man eine solche Einschätzung anschaulich begründen können, fatalerweise kann ich das aber nicht. Im Gegensatz zum ersten Teil – und obwohl dort sogar verhältnismäßig früh klar war, mit wem sich Stainer da angelegt hat und im Groben auch, welchen Fortgang die Ereignisse gehen dürften – hat mich die Handlung des zweiten Teils irgendwie nicht so wirklich erreicht. Ich schiebe das aber einfach mal auf meine schon während der Lektüre im Entstehen begriffene Leseflaute, die mit mangelnder Begeisterung für eigentlich alles einherging bzw. -geht. Mein Eindruck zur Handlung ist daher als ein vollständiger subjektiver zu sehen und es ist durchaus wahrscheinlich, dass andere Leser einen vollständig anderen Eindruck zu Story haben.

Insgesamt hat mich Thomas Ziebula allerdings eindeutig gut genug unterhalten, um der Reihe die Treue zu halten. Und wer Krimis mit historischen Flair mag, der liegt mit „Abels Auferstehung“ nicht verkehrt.

Ich danke dem Wunderlich Verlag für die Übersendung des Rezensionsexemplars. Die Tatsache, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, beeinflusst meine Meinung selbstredend nicht.

Demnächst in diesem Blog: „Das Geheimnis von Zimmer 622“ von Joël Dicker. Ein neuer Joël-Dicker-Roman, yaaaaay! ;-)

„Der seltsame Fall des Benjamin Button“ von F. Scott Fitzgerald

Buch: „Der seltsame Fall des Benjamin Button“

Autor: F. Scott Fitzgerald

Verlag: Anaconda

Ausgabe: Hardcover, 72 Seiten

Der Autor: Francis Scott Fitzgerald (1896-1940), geboren in St. Paul, Minnesota, ging nach seinem Studium in Princeton als Reporter nach New York. Sein erster Roman „This Side of Paradise“, erschienen 1920, brachte ihm schnellen Ruhm und plötzlichen Reichtum. Zwei Jahre später erschien seine Kurzgeschichtensammlung „Tales of the Jazz Age“, mit der er den ausgelassenen 1920er Jahren ihren Namen gab. Eine ganze Generation erkannte sich in seinen Figuren wieder. Fitzgerald war jedoch nicht nur der Chronist, sondern auch selbst die Hauptfigur der endlosen, verschwenderischen Parties des Jazz-Zeitalters. Gemeinsam mit seiner Frau Zelda inszenierte er sich als charmanter, mondäner Weltenbummler und extravaganter Lebemann; die Ausschweifungen des Paares füllten die New Yorker Klatschblätter.

Dieses Leben forderte jedoch seinen Tribut: Zelda erlitt 1930 einen Nervenzusammenbruch und wurde in eine psychiatrische Klinik eingewiesen; Scott verfiel zusehends seiner Alkoholsucht. Seine Veröffentlichungen in den 1930er Jahren konnten an die großen Erfolge nicht mehr anknüpfen. Die letzten drei Jahre seines Lebens verbrachte er als Drehbuchautor in Hollywood. Finanziell und gesundheitlich ruiniert, starb Fitzgerald im Alter von nur 44 Jahren an Herzversagen. (Quelle: Anaconda)

Das Buch: Benjamin Button ist kein Kind wie alle anderen: Er ist groß, hat einen Bart, und statt im Kindergarten herumzutollen. döst er schon mal ein. Irgendwann begreift seine Familie, dass er rückwärts altert – oder wie auch immer man das befremdliche Phänomen nennen soll, das Benjamin ständig mit der Welt kollidieren lässt. Keine gute Aussicht, wie seine Frau Hildegarde bald zu spären bekommt.

Fitzgeralds Erzählung aus dem Jahr 1922 wurde berühmt durch die Kinofassung. „Der seltsame Fall des Benjamin Button“ erzählt auf so skurrile wie anrührende Weise von der Vergänglichkeit des Lebens. (Quelle: liebevoll abegetippter Klappentext)

Fazit: Wenn man, so wie mir neulich passiert, eher unerfreuliche Post bekommt – die Stammleserschaft wird sich erinnern -, dann hat das durchaus Folgen. Beispielsweise wirkt es sich nicht gerade förderlich auf eine seinerzeit ohnehin schon im Entstehen befindliche Schreib- und Leseunlust aus. Darüber hinaus sieht man sich mit ganz grundsätzlichen Fragen zur eigenen schreibenden Tätigkeit, und sei selbige noch so unbedeutend, und deren Fortsetzung konfrontiert. Und wenn dann der Vorsatz, gegen diesen Trend aktiv gegenzuschreiben nach ganz kurzer Zeit mit einem leisen „Piff!“ ver…äh…pifft, und man sich ohnehin gerade fühlt wie ein Hund, der dem Universum in einer Geste der Unterwürfigkeit seine Kehle darbietet, auf dass es zu Ende bringen möge, was es begonnen, dann … wird es Zeit, den urspünglich gefassten, aber, äh, verpifften Vorsatz doch konsequenter in die Tat umzusetzen.

Also: Seit 5:45 Uhr wird jetzt zurückgeschrieben! Gut, nicht wirklich schon seit kurz vor sechs, eher so seit eben. Ich will sagen, zukünftig versuche ich, zu alten Schreibintervallen zurückzukehren, und sowohl diesen als auch meinen von der Weltöffentlichkeit bemerkenswert weitreichend unentdeckt gebliebenen Zweitblog regelmäßiger mit Inhalten zu befüllen. 

Wenden wir uns also, um diesen Vorsatz in die Tat umzusetzen, von meiner persönlichen Unbill ab und der Kurzgeschichte von F. Scott Fitzgerald zu. Denn exakt darum handelt es sich, eben um eine Kurzgeschichte. Und gäbe es da nicht diesen gleichnamigen Film mit Brad Pitt – den ich übrigens nicht gesehen habe, weil man mich mittlerweile auch außerhalb von Pandemiezeiten ähnlich oft in Kinos vorfinden kann wie U-Boot-Christen in Kirchen -, dann hätte ich wohl bislang noch nie davon gehört. Welch glücklich Geschick also, dass eine ganz zauberhafte Person, der an dieser Stelle mein Dank dafür gebührt, mir dieses schmale Büchlein unlängst überantwortet hat, damit ich nun drüber schreiben kann.

Fitzgerald wendet sich in seiner Kurzgeschichte einem in der Literatur altbekannten Thema zu: Dem Altern bzw. der Vergänglichkeit des Lebens an sich. Und damit kennen wir uns ja schließlich alle aus. Eben noch war alles gut, dann steht man morgens vor dem Spiegel und fragt sich: „Wann ist das passiert?“, kurz danach bemerkt man dann, dass man das eine oder andere graue Haar bekommt, plötzlich bislang unbekannte Geräusche von sich gibt, vorzugsweise beim Hinsetzen oder Aufstehen, und dass einige Dinge tatsächlich mehr Zeit in Anspruch nehmen als früher™. Früher™ hat man beispielsweise heruntergefallene Gegenstände einfach wieder aufgehoben. Heute hat man eine andere Definition von „aufgehoben“ und fragt sich in so einem Fall, ob der Gegenstand dort unten nicht eigentlich auch ganz gut aufgehoben ist oder ob man – im Falle eines tatsächlichen Aufhebeversuchs – später noch wichtige Termine hat, die man deswegen vielleicht versäumen könnte.

Allerdings würde es Fitzgerald nicht gerecht werden, wenn man seine Kurzgeschichte nur auf dieses Thema beschränkt. Tatsächlich gelingt ihm auf gerade mal 72 kleinformatigen und groß bedruckten Seiten das Kunststück, anhand der Lebensgeschichte seines Protagonisten eine Fülle von Themen einzuarbeiten. Beispielweise der unterschiedliche Umgang mit Menschen unterschiedlichen Alters. So wird der namensgebende Benjamin Button als anfangs „alter“ Mann ebensowenig ernst genommen – seine Eltern wollen ihm beispielsweise beharrlich Babynahrung geben – wie im späteren Verlauf, als er immer jünger wird und sich um Dinge, die er sich beruflich und gesellschaftlich erarbeitet hat, immer stärker kämpfen muss.

Darüber hinaus ist Fitzgeralds Buch auch ein hervorragendes Plädoyer für die Akzeptanz von Andersartigkeit. Und damit erreicht seine Geschichte auch und gerade in heutigen Zeiten eine bemerkenswerte Aktualität. „Der unabdingbare Respekt vor Vielfalt und Anderssein ist nicht alles.“ schrieb Wolfgang Thierse kürzlich in einem vielbeachteten Artikel und trieb mich damit auf die Palme. Nicht auf den Palmer. Der Palmer wiederum würde ihm wahrscheinlich zustimmen. Nun kann man von Thierses Meinung ja halten, was man will, wenn er nicht von sich behaupten würde, er sei „zum Symbol geworden für viele normale Menschen“. Wenn die Menschen, die seine Meinung teilen, die „normalen“ Menschen sind, was sind denn dann die anderen?

Ich schweife ab …

Neben der inhaltlichen Vielfalt bietet Fitzgeralds Kurzgeschichte auch eine bemerkenswerte emotionale Bandbreite. Die Geschichte changiert gekonnt zwischen Tragödie und Komödie und erzeugt eine Wirkung, die ich ihr – das gebe ich gerne zu – vorher nicht zugetraut hätte.

Alles in allem also ein überzeugendes Leseerlebnis auch und gerade für alle, die sich mit Fitzgeralds Werk ein bisschen vertraut machen, aber nicht gleich zum großen „Gatsby“ greifen möchten. Um den geht es übrigens auch bald. :-)

Demnächst in diesem Blog: „Abels Auferstehung“ von Thomas Ziebula

In eigener Sache

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

ich hab da mal ´ne Frage. Wir müssen reden quasi. Also – jetzt nicht eigentlich „wir“. Mehr nur ich. Ihr müsst nur zuhören. Also – genau genommen „müsst“ ihr das im eigentlichen Sinne natürlich auch nicht. Es wäre halt schön, wenn ihr würdet. Falls ihr aber Besseres …

Ich fang nochmal an …

Was war passiert? Nun, in erster Linie habe ich am Wochenende Post bekommen. Jetzt mag das erst mal nichts Ungewöhnliches sein. Wenn die Post aber unverlangt und augenscheinlich von einer mir unbekannten Person kommt, dann bin ich schon skeptisch. Zu Recht, wie sich herausstellte, denn nach kurzer Auseinandersetzung mit dem Inhalt des Schreibens stellte ich fest, dass dieser in erster Linie rassistischer Natur war und aus Kopien fragwürdiger „Quellen“ bestand, beispielsweise einem bekannten Artikel aus der „Daily Express“ vom 24. März 1933, dem „Weltalmanach“ von 1947/48 und ähnlichem Zeug. Und anhand dieser Quellen wurde dann allerlei rassistisches Geschwurbsel behauptet, das von bekannten geschichtsrevisionistischen Verschwörungserzählungen bis hin zur handfesten Holocaust-Leugnung reicht.

Diesem Dreck beigefügt war eine Art „Beipackzettel“ im Umgang mit dem Inhalt des Schreibens. Es wurde darum gebeten, die Kopien erneut zu kopieren – es wurde übrigens auch geraten, im Falle der Existenz eines Hochleistungskopierers am Arbeitsplatz „Überstunden“ in Abwesenheit der Kollegen einzulegen … –  und diese dann anonym in den Briefkästen der „Lieblingsfeinde“, wie Lokalpolitikern, Journalisten, Sozialarbeitern, Pastoren und ähnlichen „charakterlichen Minusvarianten“ (O-Ton) zu deponieren. Das darin darüber hinaus enthaltene „white supremacy“-Geschwafel, gegen das das sonstige Geblubber der AfD wirkt wie eine astruistische NGO auf Kohlfahrt, erspare ich euch.

Nun wirft so ein Schreiben natürlich Fragen auf. Die Frage, woher die urhebenden Schergen meine Adresse haben, beantwortet sich recht schnell von allein, schließlich ist das Telemediengesetz hinsichtlich einer Impressumpflicht recht deutlich und die DSGVO hat zusätzlich vieles verschlimmbessert. Kurz: Jeder Idiot – und somit selbst Rassisten – kann im Internet meinen Namen und meine Anschrift erfahren, ob ich das nun will oder nicht. Übrigens ein Punkt, den sich viele, die so polemisch die Klarnamennennung im Internet fordern, mal durch den Kopf gehen lassen sollten. Das kommt dann nämlich dabei raus, herzlichen Dank auch …

Zudem kommt natürlich die Frage auf, warum gerade ich solche Post bekomme? Wer den Eindruck hat, dass derartiger geistiger Auswurf bei mir auf fruchtbaren Boden fällt, hat entweder nie etwas gelesen, was ich geschrieben habe, oder aber es nicht verstanden. Letzteres möchte ich ausdrücklich nicht ausschließen, weil Rassisten per se nicht sonderlich helle sind und die Tatsache, dass ich ein-, zweimal über den gesprochenen gender gap gewettert habe – und das mit Wonne sicherlich auch zukünftig noch tun werde -, vielleicht bei den Urhebern des Schreibens den Eindruck erweckt hat, ich könnte einer von ihnen sein. Das bin ich nicht!

Am wichtigsten ist natürlich nun die Frage: Was mache ich denn nun? Das Schreiben ist mit Absender- und Adressat-Aufklebern versehen, ich könnte mich also ganz kollegial an die vermeintliche Absenderin wenden und darum bitten, dass sie ihren geistigen Auswurf bitte zukünftig für sich behalten möge. Nun kann aber ja niemand so blöd sein – und die Tatsache, dass Rassisten, wie erwähnt, per se nicht ganz helle sind, ist in dieser Einschätzung bereits berücksichtigt -, Holocaust-Leugnungen unter Angabe des eigenen Namens per Post zu verschicken, denn ich bin zwar kein Jurist, aber § 130 StGB ist auch mir bekannt, und den werden auch diese Handlampen kennen. Viel mehr glaube ich angesichts der Tatsache, dass es sich um Adressaufkleber – somit also nichts Handschriftliches – handelt, dass auch die angebliche Absenderin nichts von ihrem Glück weiß und man an ihre Adresse auf ganz ähnliche Weise gekommen ist, wie an meine. Dann wäre es vielleicht angeraten, sie dahingehend zu informieren.

Ich könnte den ganzen Mist auch einfach im Garten abfackeln, dann bekäme das Ganze angesichts der Tatsache, dass die Schwachmaten, die dahinterstehen, vermutlich einen Hang zur Verbrennung von Druckerzeugnissen haben, sogar noch eine fancy Metaebene.

Natürlich könnte ich das Ganze auch an die dafür wohl zuständigen Stellen weiterleiten, allerdings würde ich mich ungern weiter exponieren und ins Visier dieser Deppen begeben, zumal der oben erwähnte „Beipackzettel“ auch zahlreiche Verweise auf rechte Blogs – auch bei WP – wie „PI-News“ und ähnliches Geschwurbsel enthält, mein Beitrag möglicherweise also ohnehin nicht unbeachtet bleiben könnte.

Falls also jemand Ideen zur weiteren Vorgehensweise hat oder gar mit eigenem Erfahrungswerten aufwarten kann, wäre ich für eine kurze Rückmeldung dankbar.

Gehabt euch wohl.

„Der Älteste“ von Peter Georgas-Frey

Buch: „Der Älteste“

Autor: Peter Georgas-Frey

Verlag: Selbstverlag

Ausgabe: Taschenbuch, 200 Seiten

Der Autor: Peter Georgas-Frey ist ein 1970 geborener Autor, der seit 1999 am schönen Bodensee lebt. Er veröffentlichte bereits Erzählungen und Gedichte wie „Als Paolos Hände reden lernten“, „Soantà“ und „Zeitspuren“, den Roman „Die Revolte“ sowie eine Trilogie rund um die außerirdischen Aurumer, bestehend aus „Die Heimkehr“, „Die Rückkehr“ und „Projekt Epilog“. Zuletzt erschien der Thriller „Alphavirus“.

Wer mehr über den Autor und seine Bücher erfahren möchte, dem sei der Besuch seines sehr lesenswerten Zeilen-Portals empfohlen. Wer das nicht möchte, dem sei ein dortiger Besuch ebenfalls empfohlen!

Das Buch: Auf Ogden lastet der Sommer, auf Joe der Konsum von zu viel Whiskey und zu wenig Glück mit Frauen. Deshalb ist ihm der Anruf seines indianischen Freundes Kho willkommen, um ein wenig Abwechslung zu erleben. Die Suche nach einer gestohlenen Indianertrommel scheint ihm kein würdiger Auftrag für einen Bounty Hunter. Aber ehe Joe sich versieht, ist er mitten in einen indianischen Mythos geraten, der alle seine Vorstellungen der Welt verändert. (Quelle: Klappentext)

Fazit: Zunächst sei in eigener Sache verkündet, dass mein Ärger mit Schriftartänderungen und ähnlichem wohl weitgehend der Vergangenheit angehört – der mich darauf aufmerksam machenden Bloggerkollegin gilt mein zutiefst empfundener Dank. Es ist zwar nicht ganz dasselbe wie früher™, weil ich immer noch Dinge mit „Strg+U“ unterstr… – ach lassen wir das, wenden wir uns lieber dem neuen Thriller „Der Älteste“ von Peter Georgas-Frey zu.

Ich verfolge das Schaffen des geschätzten Autors und Bloggerkollegen Peter bereits vergleichsweise lange und es war daher eine Art Selbstverständlichkeit, dass ich mich auch mit diesem neuen Buch befassen würde. Ein ganz herzlicher Dank für das Übersenden des Rezensionsexemplars geht an Peter höchstselbst.

Noch bevor man zum Einstieg des Buches nennenswerte Informationen über die Handlung bekommt, stößt der unbedarfte Leser auf Joe, den Protagonisten dieses Thrillers. Und es wird relativ schnell deutlich: Joe ist anders. Er ist einsiedlerisch, zurückhaltend, zynisch, konfliktscheu, nahezu misanthropisch – und er trinkt zu viel. In Summe also eine Freude für jeden Sozialpädagogen mit Helfersysnrom. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sich an Joe die Geister der Leserschaft scheiden werden. Ich persönlich mochte ihn nicht. Als Person, nicht als Figur. Denn als Charakter, als eine Art schlechtgelaunte und daueralkoholisierte Version von Lorenzo Lamas – die Älteren werden sich erinnern – funktioniert er durchaus. Und das gilt ebenfalls für die Entwicklung, die Joe im Laufe der Handlung durchmacht. Man mag diese Entwicklung vergleichsweise vorhersehbar finden – ich zumindest tue das -, in sich schlüssig und überzeugend ist sie allerdings allemal.

Schlüssig und überzeugend sind auch die weiteren Figuren des Thrillers, exemplarisch sei hier mal die Studentin Lily genannt, mit der Joe eine Liaison beginnt und die mit der Beharrlichkeit des oben erwähten Sozialpädagogen versucht, Zugang zu Joe zu bekommen. Ich mochte Lily und hätte ihr gerne noch ein paar mehr Seiten innerhalb des Buches gegönnt.

In Summe gibt es also gewohnt wenig an den Charakteren des Autors auszusetzen.

Mit leichten Abstrichen gilt das auch für die Handlung. Erzählt wird eine spannende Geschichte rund um indianische Historie und die Mythen der indianischen Ureinwohner. Und das passiert auf gewohnt tempo- und zuweilen auch actionreiche Art und Weise. Allerdings wird für mich ganz persönlich hier ein wenig die Kürze des Buches zum Problem, denn ich hätte gerne noch viel mehr über indianische Hintergründe, Geschichte und ähnliche Dinge erfahren, ein bisschen mehr Hintergrund für die Geschehnisse gehabt. Nun muss man diesbezüglich ja nicht in Schätzingsche Schwafelei ausbrechen und zudem sind mir die Gründe für den Umfang des Buches durchaus bewusst, dennoch wäre für mich persönlich an dieser Stelle mehr auch wirklich mehr gewesen.

Dazu kommt, dass gewisse Handlungselemente des Stammlesern des Autors aus früheren Veröffentlichungen in im weitesten Sinne ähnlicher Form bekannt vorkommen könnten, was ich persönlich schade fand, für andere Leserinnen und Leser – und gleiches gilt für die Kürze des Buches, auf die man sich ohnehin wissentlich einlässt – mag das kein Problem darstellen.

Was aus meiner Sicht tatsächlich ein größeres Problem darstellt, ist die Erzählweise und der Ton, in dem das Buch gehalten ist. Der Protagonist Joe fungiert hier als Erzähler und schildert die Geschichte dementsprechend in dem ihm eigenen Duktus. An der Vorgehensweise ist auch erst mal wenig auszusetzen. Nur bedient sich Joe eben selten eines elaborierten Codes, sagt stattdessen Sätze wie: „Ich schoss ihm eine Gerade mitten in die Fresse und traf mit gefühlt 250 km/h“. (S. 194), die für sich sich allein betrachtet überhaupt kein Problem darstellen, in Verbindung mit zahlreichen anderen Äußerungen, die darauf schließen lassen, dass Joe ein eher archaisches Verständnis vom Typus Mann hat, aber dazu führen, dass die andauernde (Selbst-)Darstellung des Protagonisten als eigentlich unverstandener, aber sich ganz dolle böse gebender Outlaw irgendwie überzogen und zu gewollt wirkt. „Wenn wir uns trafen, taten wir, was Männer tun: Wir redeten über Belangloses, lachten über Albernes und behielten unsere Gedanken über Sinn, Kummer und Einsamkeit für uns.“ (S. 14) Armer Joe …

In stilistischer Hinsicht abschließend unbedingt noch zu erwähnen ist übrigens ein offensichtlich im Vergleich zu früheren Veröffentlichungen deutlich ausgefeilter wirkendes Lektorat. So liest sich „Der Älteste“ deutlich flüssiger als frühere Werke.

In Summe bleibt ein Thriller, den ich gerne gelesen habe, auch wenn er aus meiner Sicht nicht ganz mit früheren Werken des Autors mithalten kann.

Demnächst in diesem Blog: „Abels Auferstehung“ von Thomas Ziebula.

„Schachnovelle“ von Stefan Zweig

Buch: Schachnovelle

Autor: Stefan Zweig

Verlag: Fischer

Ausgabe: Taschenbuch, 110 Seiten

Der Autor: Stefan Zweig wurde am 28. November 1881 in Wien geboren und lebte ab 1919 in Salzburg, bevor er 1938 nach England, später in die USA und schließlich 1941 nach Brasilien emigrierte. Mit seinen Erzählungen und historischen Darstellungen erreichte er weltweit in Millionenpublikum. Zuletzt vollendete er seine Autobiographie ›Die Welt von Gestern‹ und die ›Schachnovelle‹. Am 23. Februar 1942 schied er zusammen mit seiner Frau »aus freiem Willen und mit klaren Sinnen« aus dem Leben. (Quelle: Fischer)

Das Buch: Das Erstaunen ist groß, als der unscheinbare Dr. B., österreichischer Emigrant auf einem Passagierdampfer von New York nach Buenos Aires, eher zufällig gegen den amtierenden Schachweltmeister Mirko Czentovic antritt und seinen mechanisch routinierten Gegner mit verspielter Leichtigkeit besiegt. Doch das Schachspiel fördert Erinnerungen an den Terror seiner Inhaftierung im Nationalsozialismus zutage und reißt eine seelische Wunde wieder auf, die erneut Dr. B.s geistige Gesundheit bedroht. (Quelle: Fischer)

Fazit: Gut dreieinhalb Wochen sind seit meiner letzten Rezension vergangen. Kein gutes Zeichen. Und kaum komme ich wieder, habe ich den Eindruck, als hätte WordPress in meiner Abwesenheit etwas an Schriftgrößen und/oder Zeilenabständen und/oder Schriftart in den Entwürfen geändert. Ich mag mich aber auch irren oder falsch erinnern, es ist ja lange her. Nein, eigentlich bin ich mir sicher, dass irgendwas anders ist. Und dass es wieder eines Informatikstudiums bedarf, es in den vorherigen Zustand zu versetzen, sofern überhaupt möglich. Schließlich zwingt man mich ja mittlerweile auch, Textbestandteile mit „Strg+U“ zu unterstreichen, was allein schon ausreicht, um mich annähernd in den Wahnsinn zu treiben.

Ich persönlich möchte den Urheber all dieser Verschlimmbesserungsideen ja gerne in Dantes neuntem Kreis der Hölle unterbringen und Spaß macht das alles irgendwie nicht mehr. Mittelfristig muss ich mal darüber nachdenken, ob ich meine Zeit nicht doch anders verschwenden kann. Werder-Spiele ansehen zum Beisp… okay, nein. Dann vielleicht Raufasertapeten anstarren und ihre Muster auswendig lernen? Ja, schon besser! Oder vielleicht Schach? Das Spiel soll ja gerade in Pandemiezeiten und begünstigt durch eine Netflix-Serie wieder auf dem Vormarsch sein. Und bei Schach sind wir eigentlich auch „schon“ beim Thema und wenden uns von meiner persönlichen Unbill ab und Zweigs Novelle zu.

Man schreibt den 21. Februar 1942: Stefan Zweig schickt die Typoskripte seiner „Schachnovelle“ an drei Verleger. Am folgenden Tag nimmt er sich zusammen mit seiner Frau in seinem brasilianischen Exil in Petropolis das Leben.

Die Gründe dafür sind sicherlich vielfältig und teils auch aus der Lektüre seiner Novelle zu erahnen, die erkennbar autobiografische Züge trägt. In dieser beschäftigt sich Zweig mit den Geschehnissen an Bord eines Passagierdampfers. Nach langwierigen Überredungsversuchen lässt sich der ansonsten eher unnahbare Schachweltmeister Centovic herab – gegen Bezahlung – gegen Passagiere Schach zu spielen. Eher zufällig kommt der „Dr. B“ vorbei und mischt sich intuitiv in die Partie ein. Es stellt sich heraus, dass es sich bei Dr. B. augenscheinlich um einen begnadeten Schachspieler handeln muss, den man letztlich allein gegen Centovic spielen lassen will.

Vor Beginn dieser Partie berichtet Dr. B. dem Erzähler, wie es zu seinen bemerkenswerten Schachkenntnissen gekommen ist und dieser Bericht bildet im Grunde das zentrale Element der Novelle. Er lässt sich kurz dahingehend zusammenfassen, dass Dr. B. durch Hitlers Schergen inhaftiert und in einem Hotelzimmer, als eine Art innovativer Foltermethode, weggesperrt und weitgehend sich selbst überlassen wurde. Und ein ganz kleines bisschen können wir derzeit ja alle nachempfinden, wie es sich anfühlt, wenn man weitegehend sich selbst überlassen wird und nirgendwo hin kann. Die einzige Ablenkung, die Dr. B. in seiner Einzelhaft zur Verfügung steht, das einzige Mittel, dessen er sich bedienen kann, um nicht dem Wahnsinn anheimzufallen, ist ausgerechnet ein Schachbuch, das er unbemerkt aus dem Mantel eines Soldaten stehlen konnte. Nun, Jahre später, kehren die Erinnerungen an diese Zeit, ausgelöst durch das Schachspiel gegen Centovic, mit aller Macht zurück.

Im Detail lässt sich über die „Schachnovelle“ tatsächlich wenig Erhellendes schreiben, ohne immensen Aufwand zu betreiben, den ich aber scheue. Ich könnte allenfalls darauf hinweisen, dass ich die Novelle stilistisch für äußerst gelungen halte und der sprachliche Aspekt neben dem überschaubaren Umfang niemanden überfordern dürfte, oder gar davon abhalten sollte, sich mit diesem Stück deutschsprachiger Lieteratur mal zu beschäftigen. Ich könnte auch – ebenfalls mit massivem Aufwand verbunden – intensiv in die Interpretationsebene einsteigen, und darauf hinweisen, dass beispielsweise der Schachweltmeister Centovic, der außer Schach eigentlich nichts kann oder weiß und im Umgang mit Menschen mindestens ungeschickt ist, mit seinem tumben, ausschließlich auf Siege beim Schach ausgerichteten Weltbild ebenso für die Nazis stehen dürfte wie der Industrielle McConnor, der vorrangig auf persönliches Gewinnstreben ausgelegt ist. Ich könnte es aber auch lassen, da ich meiner Leserschaft selbstredend eine gewisse Eigenleistung vollständig zutraue.

Ich belasse es daher dabei, kundzutun, dass mir persönlich die Lektüre ausgesprochen gut gefallen hat. Nicht nur, aber sicherlich auch, weil sie einen gewissen Anteil ihrer Wirkung aus den tragischen Umständen rund um ihren Verfasser bezieht.

Denn letztlich ist es der Hintergrund des immer weiter um sich greifenden Nationalsozialismus, der Stefan Zweig und seine Frau Lotte dazu bewogen haben wird, sich das Leben zu nehmen. Zweig konnte augenscheinlich nie wirklich gut mit der Tatsache umgehen, dass die Nazis ihn ins Exil trieben und so von allem, was sein bisheriges Leben ausgemacht hat, getrennt haben. Und letztlich fehlte beiden wohl auch der Glaube, dass sich an diesem Umstand nochmal irgendwann etwas ändern würde, so schreibt Zweig in seinem Abschiedsbrief an seine Freunde: „Ich grüsse alle meine Freunde! Mögen sie die Morgenröte noch sehen nach der langen Nacht! Ich, allzu Ungeduldiger, gehe ihnen voraus.“

Wäre dieser allzu Ungeduldige nur etwas geduldiger gewesen oder hätte er gewusst, dass er bis zum Ende der Nazi-Diktatur „nur“ noch etwa drei Jahre hätte warten müssen – schließlich hatten beide bereits acht Exiljahre hinter sich -, vielleicht hätten sie sich dann anders entschieden.

Geblieben ist diese Novelle, die ich guten Gewissens wärmstens empfehlen kann und durchaus unter „sollte man mal gelesen haben“ einordnen würde.

Demnächst in diesem Blog: „Der Älteste“ von Peter Georgas-Frey.

 

„Die Erfindung des Countdowns“ von Daniel Mellem

Buch: „Die Erfindung des Countdowns“

Autor: Daniel Mellem

Verlag: dtv

Ausgabe: Hardcover, 286 Seiten

Der Autor: Daniel Mellem, geboren 1987, lebt in Hamburg. Sein Studium der Physik schloss er mit einer Promotion ab, bevor er sich am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig der Arbeit an seinem ersten Roman widmete. Für »Die Erfindung des Countdowns« wurde er bereits mit dem Retzhof-Preis für junge Literatur und dem Hamburger Literaturförderpreis ausgezeichnet. (Quelle: dtv)

Das Buch: Nach dem Ersten Weltkrieg bricht das Zeitalter der Utopien an. Während der junge Hermann Oberth den Menschheitstraum von einer Mondrakete verwirklichen will, steht seine lebenslustige Frau Tilla vor der Herausforderung, ein Familienleben möglich zu machen. Als Hermanns Forschung in den 1930er Jahren das Interesse der Nazis weckt, stellt sich beiden mit voller Wucht die Frage nach der eigenen Verantwortung vor der Geschichte. (Quelle: Klappentext)

Fazit: Wenn man bereits seit einer ganzen Weile über Bücher schreibt, stellt sich früher oder später immer öfter – zumindest in meiner Wahrnehmung – der Effekt ein, dass man nicht genau weiß, was man denn nun über dieses oder jenes Buch schreiben soll. Man hat den Eindruck, dass im Laufe der Zeit jeder Satz schon mal geschrieben, jede Formulierung bereits benutzt worden ist. Und im schlimmsten Fall passiert das irgendwann sogar bei Büchern, die einem – wie eben Daniel Mellems Roman – sogar gefallen haben. Und wenn dann die Lektüre sogar schon eine Weile zurück liegt, eben weil man sich zu ausgiebig mit der Frage beschäftigt hat, was man denn nun darüber schreiben soll, dann macht es das auch nicht einfacher. Um meiner Chronistenpflicht genüge zu tun – und weil „Die Erfindung des Countdowns“ ein wirklich lesenswerter Roman ist -, versuche ich im Folgenden, doch noch das eine oder andere Wort darüber aufs virtuelle Papier zu bekommen.

Mellem beschreibt in seinem Roman die Lebensgeschichte des mir bis dato völlig unbekannten Hermann Oberth, der als einer der Begründer der wissenschaftlichen Raketentechnik und Raumfahrt gilt. Aufgewachsen als Sohn eines Arztes scheint für den jungen Hermann der Lebensweg vorgezeichnet, der Junge soll natürlich ebenfalls Arzt werden. Zumindest wenn es nach seinem Vater geht, mit dem Hermann wegen seiner eigenwilligen Interessen immer öfter aneckt.

Das Anecken wird ihn durch sein gesamtes Leben begleiten, denn schon recht früh wird deutlich, dass Hermann Oberth in zwischenmenschlicher Hinsicht ein bisschen anders funktioniert als andere. Er hat schlicht kein Gespür für die menschliche Natur als solche und erst recht keines dafür, was man in welcher Situation sagen oder eben manchmal auch besser nicht sagen sollte. Manchmal ist das unterhaltsam, beispielsweise als er sich bei seinem Ausbilder während des Ersten Weltkriegs über die Waffen der Truppe beschwert, darauf hinweist, dass man auf deutscher Seite im Besitz von Repetierwaffen sei und im Folgenden detailliert die Funktionsweise dieser Gewehre erklärt, bis der Vorgesetzte irrtiert fragt:

„Wollen Sie damit sagen, wir sollten all unsere schönen Gewehre am besten wegschmeißen?“

Hermann trat von einem Fuß auf den anderen. „Gründe hätte man.“ (S. 36)

Manchmal ist das aber eben auch tragisch, weil es sich auch im Umgang mit seiner Familie fortsetzt. Hinzu kommt noch die Tatsache, dass Oberth seine Forschungen jederzeit an die erste Stelle in seinem Leben setzt, eben noch vor besagter Familie. Dabei scheitert er eigentlich regelmäßig, die Familie zieht häufig um und schließlich scheint Oberth so überhaupt kein Problem mehr damit zu haben, zum Lebensunterhalt das Geld seines Vaters anzunehmen, mit dem er sich in jungen Jahren wegen seiner angestrebten Forschung doch so in die Haare gekriegt hat. Und so wundert es nicht, dass sich seine Frau an der Seite eines solchen Menschen von einer anfangs liebenswürdigen, freundlichen Person in eine zynische und überhebliche, verletzte Frau wandelt, die eigentlich im weitesten Sinne schließlich ebenfalls macht, wozu sie Lust hat. Als Regulativ für ihren Mann bleibt sie jedoch durchgehend nicht zu unterschätzen.

Überhaupt sind es eben diese Charaktere, die diesen Roman so lesenswert machen. Nicht nur, aber eben auch. Mellems Protagonist ist als Person, die sich in der Interaktion mit anderen Menschen nicht immer ganz geschickt anstellt und sich augenscheinlich dabei auch nicht immer so wirklich wohlfühlt, bemerkenswert gut gezeichnet. Gleiches gilt für seine Ehefrau Tilla.

Der Plot selbst, also die Beschreibung des Lebenswegs von Hermann Oberth, kann auch mit der Materie unkundige Leser wie mich überzeugen und führt idealerweise, zumindest in meinem Fall, zu einer nach der Lektüre erfolgten Suchmaschinenrecherche, wonach ich festgestellt zu haben glaube, dass „Die Erfindung des Countdowns“ gut recherchiert ist und der Autor sich erfreulich nahe an die historischen Tatsachen gehalten hat.

Viel passiert in diesem Roman allerdings abseits der Handlung, im Inneren des Lesers selbst, auf der, sagen wir mal, Deutungsebene. Wesentlich hierfür ist natürlich die Frage nach der Verantwortung des Menschen für seine Schöpfungen, wenn deutlich wird, dass diese für Zwecke missbraucht werden, hinter denen man nicht stehen kann. Im vorliegenden Fall führt Oberths eigentlicher Wunsch nach einer Weltraumrakete eben dazu, dass er an der Entwicklung der V2 beteiligt war. Von einem moralisch erhobenen Standpunkt aus müsste man natürlich anmerken, dass ein vollständig integrer Mensch sich an diesem Punkt von seiner Forschung verabschiedet hätte und die Beteiligung an der Entwicklung von Waffen schlicht abgelehnt hätte. Aber so einfach ist es halt eben selten im Leben. Und so versucht sich Oberth, die Entwicklung der Waffe dahingehend schönzureden, dass sie zu einer Verkürzung des Krieges und damit zur Rettung von Menschenleben beitragen könne. Allerdings scheint er dem NS-Regime und dessen Ideologie auch alles andere als ablehnend gegenübergestanden zu haben, und so erscheint es nur folgerichtig, dass Oberth 1965 in bereits fortgeschrittenem Alter in die NPD eintrat.

Ein durchaus streitbarer Charakter also, dem Daniel Mellem hier versucht, mit seinem Debütroman in literarischer Hinsicht gerecht zu werden. Und dieser Versuch, so darf man konstatieren, ist nicht nur besser geglückt als Oberths erste Raketenversuche in jugendlichem Alter auf einem Friedhof, verbunden mit anschließenden Löschversuchen der ortansässigen Flora, sondern tatsächlich vollständig geglückt.

Ein sehr lesenswerter Debütroman!

Demnächst in diesem Blog: „Schachnovelle“ von Stefan Zweig.

 

„Der Bruder“ von John Katzenbach

Buch: „Der Bruder“

Autor: John Katzenbach

Verlag: Droemer Knaur

Ausgabe: Taschenbuch, 624 Seiten

Der Autor: John Katzenbach, geboren 1950, war ursprünglich Gerichtsreporter für den »Miami Herald« und die »Miami News«. Bei Droemer Knaur sind inzwischen zahlreiche Kriminalromane von ihm erschienen, darunter die Bestseller »Die Anstalt«, »Der Patient«, »Der Professor« und »Der Psychiater«. Zweimal war Katzenbach für den Edgar Award nominiert. Er lebt mit seiner Familie in Amherst im Westen des US-Bundesstaates Massachusetts.  (Quelle: Droemer Knaur)

Das Buch: Für die junge Architektur-Studentin Sloane Connolly ist es ein schwerer Schlag, als ihre exzentrische Mutter spurlos verschwindet. Sloane hat sonst niemanden, ist fast völlig isoliert aufgewachsen.
Zur selben Zeit erhält sie über einen Anwalt ein merkwürdiges Angebot: Ein reicher Mäzen möchte, dass Sloane Denkmäler für sechs Personen, die in seinem Leben eine wichtige Rolle gespielt haben, entwirft. Allerdings sind alle sechs bereits verstorben, und das nicht an Altersschwäche. Sloane nimmt den Auftrag an, um sich von der Sorge um ihre Mutter abzulenken – und ahnt nicht, auf was für ein perfides Spiel sie sich einlässt … (Quelle: Droemer Knaur)

Fazit: Als langjähriger Katzenbach-Fan war es nur folgerichtig, dass ich mich so schnell als möglich mit seinem neuem Roman befasse, hat der Autor mir doch mit Büchern wie „Der Reporter“ oder insbesondere „Das Tribunal“ Leseerlebnisse geschenkt, an die ich heute noch gerne zurückdenke. Zugegeben, es hat in unserer Autor-Leser-Beziehung in den letzten Jahren ein bisschen gekriselt, weil mich Bücher wie „Der Wolf“ nicht mehr vollumfänglich, Thriller wie „Der Psychiater“ oder auch „Der Verfolger“ leider dann so gar nicht mehr überzeugt haben und das zufriedenstellendste Katzenbach-Leseerlebnis der letzten Jahre war mit „Die Grausamen“ ausgerechnet ein Buch, das sich von den Thrillern abwendet und einen Genreausflug hin zu den Krimis darstellt.

Aber all das bedeutet ja nicht unbedingt, dass mir Katzenbachs neuer Thriller noch doch gefallen könnte, weswegen ich mich motiviert an die Lektüre machte – nur um nach einiger Zeit festzustellen, dass ich auch mit „Der Bruder“ so meine Probleme habe, teilweise schwerwiegende.

Am wenigsten kann man John Katzenbach wohl im stilistischen Bereich vorwerfen, das konnte man aber eigentlich nie so wirklich. Und auch im vorliegenden Fall gelingt es ihm, tempo- und actionreich zu schreiben und mit gut gewählten Cliffhanger-Kapitelenden Spannung zu erzeugen. Zwar mag „Der Bruder“ nicht ganz auf dem Niveau des meiner Meinung nach stilistisch ganz hervorragend gelungenen „Der Reporter“ liegen, insgesamt geht das allerdings vollkommen in Ordnung. Irritierend fiel einzig auf, dass John Katzenbach wohl eher nur so ein rudimentäres Verständnis von moderner Technik zu haben scheint, als belanglosestes Beispiel dafür sei genannt, dass öfter die Bildschirmschoner von PCs, mit denen Sloane arbeitet, angesprochen werden, dabei sind diese Dinger eigentlich schon seit einer halben Ewigkeit obsolet und haben, wenn überhaupt, nur noch einen unterhaltenden Charakter. Und einen stromfressenden. Aber sei es drum.

Die Schwierigkeiten liegen auch eher woanders. Beispielsweise in den Figuren. So hat mich die Protagonistin Sloane nie so wirklich erreicht, wobei ich gern eingestehe, dass das ein vollkommen subjektiver Eindruck ist, und es sicherlich Leserinnen und Leser geben wird, denen das völlig anders geht. Für mich persönlich blieb Sloane aber schwer nachvollziehbar. Die junge Frau hat gerade ihre Mutter verloren, die in einen reißenden Fluss gesprungen ist, stürzt sich aber trotzdem Hals über Kopf in das – zugegebenermaßen äußerst lukrative – Angebot ihres Auftraggebers zur Errichtung eines Denkmals. Natürlich, diese Ausgangssituation braucht das Buch, denn hätte Sloane abgelehnt, wäre das Buch schnell beendet gewesen, dennoch blieb mir ihre Handlungsmotivation – abseits der guten Bezahlung – oft fremd.

Schwerwiegender als Sloane finde ich aber eindeutig ihren Antagonisten, denn dieser ist so absurd böse, eigentlich indiskutabel böse, dass es fast schon ein bisschen albern ist. Natürlich, die Antagonisten in Katzenbachs Büchern liefen noch nie so richtig rund und eine gewisse Portion Boshaftigkeit kann ein guter Antagonist schon gebrauchen, denn sonst wäre er kein Antagonist. Im vorliegenden Fall hat der Gutste allerdings mehr als nur eine Schraube locker, was in Summe ähnlich befremdlich wirkt wie die Protagonistin.

Wenn wir mal annehmen, dass man über die Charaktere hinwegsehen kann, oder man sie vielleicht als positiver empfindet und bewertet als ich das tue, dann bliebe da noch die Handlung, die im Grunde genommen wenig Anlass zur Kritik gibt. Zwar ist der Plot letztlich nicht hochkomplex, aber in sich stimmig und gut konstruiert. Hier kommt nur leider das mit Abstand größte Problem des Buches zum Tragen: Es ist zu lang!

Zu Beginn wird Sloane von einer ihr unbekannten Person durch deren Rechtsbeistand damit betraut, ein Denkmal für sechs Menschen zu erschaffen, die im Leben des Auftraggebers eine große Rolle gespielt haben. Nach kurzer Recherche zur ersten der sechs Personen stellt Sloane fest, dass dieser Mann bereits gestorben ist. Und zwar nicht eines natürlichen Todes. Ihre Recherchen zur zweiten Person ergeben, wenig überraschend, dass diese ebenfalls bereits verstorben ist und gewaltsam zu Tode kam. Ebenso bei der dritten Person. Und der vierten. Und so weiter. Sicherlich, die Geschichten, die dahinter stehen, sind immer andere, das ändert aber nichts daran, dass das Buch auf diese Weise zu Beginn eine bemerkenswerte Redundanz an den Tag legt, die nicht hätte sein müssen. Wenn man die Anzahl der Personen, die es mit dem Denkmal zu ehren gilt, ein wenig zusammengestrichen hätte, so wären dadurch nur unwesentliche Änderungen am Plot notwendig gewesen, man hätte sich aber einen immens langen Einstieg gespart. So nimmt die Handlung erst so etwa ab Seite 250 richtig Fahrt auf, was meines Erachtens für ein Buch mit gut 600 Seiten schlicht viel zu spät ist.

Ähnlich verhält es sich dann mit dem Schluss des Buches. Dort wird der Showdown derart überzogen ausgewälzt, dass der Eindruck eines Orchesters auf der verzweifelten Suche nach dem Schlussakkord entsteht.

In Summe wurde ich also mit diesem Katzenbach-Thriller nicht wirklich warm. Und nach der zweiten Katzenbach-Enttäuschung in Folge muss ich vielleicht generell unsere Autor-Leser-Beziehung nochmal überdenken.

Ich bedanke mich bei Droemer Knaur ganz herzlich für die freundliche Übersendung des Rezensionsexemplars. Die Tatsache, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, beeinflusst meine Meinung selbstredend nicht.

Weitere Rezensionen bei:

 

Demnächst in diesem Blog: „Die Erfindung des Countdowns“ von Daniel Mellem.

„Die Geschichte eines Lügners“ von John Boyne

Buch: „Die Geschichte eines Lügners“

Autor: John Boyne

Verlag: Piper

Ausgabe: Hardcover, 432 Seiten

Der Autor: John Boyne, geboren 1971 in Dublin, ist einer der renommiertesten zeitgenössischen Autoren Irlands. Seine Bücher wurden in mehr als vierzig Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Der internationale Durchbruch gelang ihm mit seinem Roman „Der Junge im gestreiften Pyjama“, der in vielen Ländern auf den Bestsellerlisten stand und von der Kritik als „ein kleines Wunder“ (The Guardian) gefeiert wurde. (Quelle: Piper)

Das Buch: Maurice Swift ist Schriftsteller. Er hat Stil, kann brillant erzählen, doch ihm fehlen die Geschichten. In Westberlin trifft er auf sein Idol, Erich Ackermann, der gerade mit einem großen Literaturpreis ausgezeichnet wurde. Ackermann verfällt dem charmanten jungen Mann, der sich für alles, was er sagt, interessiert. Er nimmt ihn mit auf Lesereise durch Europa und erzählt ihm sein Geheimnis. Es ist diese Geschichte, für die Maurice endlich als Autor gefeiert wird. Und die Ackermanns Karriere beendet. Maurice dagegen ist schon auf der Suche nach dem nächsten Stoff… (Quelle: Piper)

Fazit: In meiner Vorstellung wurde John Boyne einmal zu häufig die wohl unkreativste Frage aller Interviewfragen gestellt, nämlich: „Woher nehmen Sie eigentlich Ihre Ideen?“, woraufhin er dann ein diabolisches Grinsen aufgesetzt und sich gedacht hat: „Ach, dann schreib ich halt einfach mal ein Buch darüber!“. Aber egal, ob mein fiktives Szenario zutrifft oder welche Ursache tatsächlich der Entstehung dieses Romans zugrunde liegt, seine Veröffentlichung ist ein absoluter Glücksfall, denn „Die Geschichte eines Lügners“ rangiert für mich im Bereich der Kategorie „absolutes Meisterwerk“, so viel sei eingangs schon mal verraten.

Zu Beginn des Buches begegnen wir dem Protagonisten Maurice Swift, der eigentlich alles hat, was man braucht, um in literarischer Hinsicht erfolgreich zu sein. Nur leider hat er ein Problem damit, sich eigene Geschichten, eigene Handlungen auszudenken. Zufällig trifft er auf den renommierten Schriftsteller Erich Ackermann und freundet sich mit ihm an. Während Ackermann gerne eine intimere Liasion aus dieser Bekanntschaft entstehen lassen würde, macht ihm Swift zwar durchaus entsprechende Hoffnungen, hält ihn aber ansonsten auf Abstand. Stattdessen stellt der junge Mann dem Autoren unablässig Fragen über Ackermanns Leben während des Zweiten Weltkrieg. Letztlich verarbeitet er dessen Lebensgeschichte klammheimlich zu einem Bestseller-Roman und beendet damit Ackermanns Karriere. Ich fühlte mich hier ein wenig an Günther Grass erinnert und tatsächlich taucht der auch irgendwann auf, allerdings eher passiv, als sich zwei Schriftsteller über Ackermann unterhalten:

„Das war aber nicht der Typ, den wir bei dem Festival in Jaipur getroffen haben, oder doch? Der mit dem Schnäuzer und der Pfeife? Der ständig in den unpassendsten Momenten gesungen hat?“

„Nein, das war Günther Grass.“ (S. 136)

Herrlich! :-)

Sehr zu meiner Verwunderung geht die Handlung des Romans allerdings mit dieser Geschichte erst so richtig los. In der Folge intrigiert sich Maurice Swift munter durch die Gegend, immer auf der Suche nach Ideen oder nach Menschen mit Ideen, um ihnen selbige wegzunehmen.

Mit der Idee, einen solchen Menschen zur Hauptfigur eines Romans zu machen, geht Boyne eigentlich ein großes Risiko ein, denn Swift taugt nun wahrlich nicht als Sympathieträger. Im Grunde muss man ihn eigentlich sogar leidenschaftlich verabscheuen. Uneigentlich auch. Dieser Wirkung seiner Hauptfigur war sich mutmaßlich auch Boyne bewusst, weswegen er sich eines gelungenen literarischen Kunstgriffs bedient: Er lässt seinen Protagonisten in den ersten beiden des insgesamt drei Teile umfassenden Romans nicht als Erzähler auftauchen. Das sorgt aus meiner Sicht für eine gewisse erzählerische Distanz, die es der Leserschaft einfacher macht, ihn während seines Tuns zu begleiten und mit ihm im Rahmen der Möglichkeiten warm zu werden. So hangelt man sich von Ungläubigkeit über Fassungslosigkeit, manchmal aber auch anerkennende diebische Freude über seine Kreativität beim Aneignen von Ideen, ohne die Figur so zu verabscheuen, dass man die Lektüre abbrechen würde. Erst im letzten Teil fungiert der Protagonist auch als Erzähler.

Aber nicht nur der dieser Protagonist kann überzeugen, im Grunde sind die Figuren – wie eigentlich immer in John Boynes Romanen von „Tristan Sadler“ bis hin zu „Cyril Avery“ – hervorragend gelungen. Ich könnte diesbezüglich ins Detail gehen und Beispiele nennen, müsste damit aber zu viel von der Handlung vorwegnehmen, weswegen man mir in dieser Hinsicht jetzt einfach mal glauben muss.

In ebenso gewohnt hoher Qualität befindet sich der Roman in stilistischer Hinsicht. Allein die Dialoge des ersten Zwischenspiels – die drei Teile der Handlung werden von zwei Zwischenspielen unterbrochen -, in dem Maurice Swift den  möchte man sich ausdrucken und an die Wand hängen. Darüber hinaus beherrscht der Autor es in diesem Buch meisterhaft, auf der Emotionsklaviatur seiner Leserschaft zu spielen, ohne dass der Roman in eine Richtung kippt. Wann immer das Buch droht, zu düster oder zu traurig zu werden, bringt Boyne es mit seinem teils beißenden Humor wieder in die Balance.

In Summe ergibt sich ein phasenweise bitterböses Schelmenstück, ein Roman der sich dem Literaturbetrieb umfangreicher als Joel Dicker in „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ und treffender und überzeugender als Edward St Aubyn in „Der beste Roman des Jahres“ widmet und der der Frage nach der Herkunft von Romanideen auf satirisch-böse Art nachgeht.

Sollte man mich bitten, eine Liste mit Büchern zu erstellen, die man aus meiner Sicht unbedingt mal gelesen haben müsste, so wäre „Die Geschichte eines Lügners“ mit Sicherheit dabei!

Ich danke dem Piper Verlag für die freundliche Übersendung des kostenlosen Rezensionsexemplars. Die Tatsache, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, beeinflusst meine Meinung selbstredend nicht.

Weitere Rezensionen bei:

Buchstabenträumerei

Buchsichten

Schreiblust Leselust

Demnächst in diesem Blog: „Der Bruder“ von John Katzenbach

5 in 1: Was hier noch so herumlag …

Hallo, liebe Leserinnen und Leser,

ich bin ja bekennender „completionist“, will sagen, ich habe die Angewohnheit, einmal angefangene Dinge auch zu beenden, bzw. zu vervollständigen, gleich wie lange das dann dauert. Gut, in letzter Konsequenz führt diese Angewohnheit dazu, dass ich mittlerweile sicherheitshalber Dinge meistens gar nicht erst anfange, aber das gehört hier eigentlich nicht her …

Was hier aber hergehört – einerseits aus Chronistenpflicht, andererseits, um meinen inneren „Monk“ zufriedenzustellen – sind wenigstens kurze Erwähnungen der Bücher, zu denen – aus welchen Gründen auch immer – im letzten Jahr keine Rezensionen erschienen sind. Teilweise liegt die Lektüre schon recht lang zurück, weswegen ich nicht wirklich ins Detail gehe. Zumindest versuche ich das … – sei es drum, auf der Liste der Unrezensierten sind im Einzelnen:

„Klonk“ von Terry Pratchett

„Klonk“, so viel sei der diesebezüglich möglicherweise unkundigen Leserschaft gesagt, ist das Geräusch von Zwergenaxt auf Trollkeule, damals, bei der historischen Schlacht im Koomtal. Passenderweise dreht sich dieses Buch inhaltlich auch um die Rivalität zwischen Zwergen und Trollen, gegen die die Rivalität zwischen Dortmundern und Schalkern einer Fanfreundschaft ähnelt. 

Ich glaube, entweder man liebt Terry Pratchetts Bücher, oder man kann mit ihnen so gar nichts anfangen. Ich persönlich gehöre glücklicherweise zur ersten Kategorie, aber auch für mich sind seine Bücher in etwa so wie Schokolade. Sehr lecker, aber bei übermäßigem Genuss wird einem übel. Deswegen liegen zwischen zwei Pratchett-Büchern bei mir gerne auch mal einige Jahre.

Nun wurde es mal wieder Zeit und es hat sich durchaus gelohnt. In gewohnt witziger Manier und mit gewohnt skurrilen Charakteren transportiert Pratchett seine Geschichte uralter Rivalität auf sehr erfrischende Art. Und – wie ich kürzlich mal an anderer Stelle sagte – mal ganz im Ernst: Jemand, der sich Figuren mit Namen wie Grinsi Kleinpo – im Original Cheery Littlebottom – einfallen lässt, muss ein Genie sein. Oder gewesen sein … *seufz* (Notiz für mich: Mail an den in Großbuchstaben sprechenden Mann mit Sense schreiben, mit dem Ziel, Pratchett wieder zu bekommen).

Fans seiner Bücher machen mit „Klonk“ nichts falsch, alle anderen steigen aber besser mit anderen Romanen in Pratchetts Scheibenwelt ein.

„Mutation – Alte Freunde und profitable Kriege“ von Ivan Ertlov

Dieser im Selbstverlag erschienene Science-Fiction-Roman hat eine durchaus gewollte, eindeutig trashige Komponente, die ihn zu einem sehr empfehlenswerten Äquivalent des Popcorn-Kinos macht, wenn man denn das Genre mag. Schon bei den Charakteren, insbesondere bei der Hauptfigur, greift Ertlov tief in die Klischeekiste, denn sein Protagonist ist ein ähnlich abgewrackter, zwielichtiger Einzelgänger-Raumpilot, wie man ihn aus „Star Wars“, Romanen von Kai Meyer oder unzähligen anderen Werken kennt. Aber ich mochte diese Mischung aus Han Solo und Ijon Tichy echt gerne. Und das gilt auch für das gesamte Buch, das mit einer überraschend spannenden Handlung ebenso punkten kann wie mit zuweilen etwas infantilem, phasenweise aber ganz großartigem Humor und modernen Popkultur-Anspielungen, beispielsweise findet man in Erlovs Buch auf der Venus das überaus schöne Summerglau-Valley …

Fans leicht trashiger Sci-Fi Bücher, die keine Lust mehr auf die siebenhunderste Wiederholung von „Spaceballs“ haben, sollten hier vielleicht mal einen Blick riskieren.

„Die Phileasson-Saga III – Die Wölfin“ von Bernhard Hennen und Robert Corvus

Während im ersten Band, wie üblich, die Charaktere und Schauplätze sowie der Ausgangspunkt der Handlung etabliert wurde und man im zweiten Band faszinierende Einblicke in die Geschichte des von mir so heiß und innig geliebten DSA-Universums erhielt, geht im dritten Band alles etwas gemächlicher zu. Das gilt für die Entwicklungen der bereits etwas ausgedünnten Charaktergruppen ebenso wie für die Handlung an sich. So wirklich warm wurde ich persönlich mit „Die Wölfin“ nicht, vermutlich auch, weil ich wenig mit Winter- und Schneesettings anfangen kann. Winter haben wir schließlich gerade selbst. Oder zumindest etwas, das sich für Winter hält. In der Hoffnung, dass Tempo, Action, Charakterentwicklung, die Geschichte selbst, im Grunde genommen also eigentlich fast alles, im nächsten Band wieder anziehen bzw. mehr zu überzeugen wissen, bleibe ich der Reihe natürlich treu, bis hier war Teil 3 aus meiner Sicht aber leider der schwächte der Saga.

„Nichts weniger als ein Wunder“ von Markus Zusak

Ach, du liebe Zeit, was soll ich bloß über dieses Buch schreiben!? Beginnen wir vielleicht mal chronologisch: Vor einer halben Ewigkeit, es muss so 15 Jahre her sein, bekam ich von einer ganz zauberhaften Person mit einer Trefferquote von ziemlich genau 100 %, wenn es um Buchgeschenke für mich geht, „Die Bücherdiebin“ geschenkt. Meiner unmaßgeblichen Meinung nach kann man „Die Bücherdiebin“ nur mindestens großartig finden, weswegen ich nahezu aufgeregt war, als ich im Jahr 2018 von der Veröffentlichung dieses Buchs erfuhr. Ich holte es mir am Erscheinungstag – und kam dann leider nie wirklich in dieses seltsame Stück Literatur hinein.

In Zusaks Buch geht es um 5 Brüder, die in irgendeinem australischen Kaff ohne ihre Eltern aufwachsen, sich regelmäßig bis aufs Blut auf die Schnauze hauen und insgesamt eher als eine ziemlich disharmonische Gruppe zu funktionieren scheinen. Schon da habe ich mich gefragt, ob es in Australien keine Behörden gibt, die sich in solchen Fällen wenigstens im Ansatz für verantwortlich halten.

In dieser brüderlichen Harmonie – muhaha – vertreibt sich jeder die Zeit auf unterschiedlichste Weise. Einer veranstaltet Wettläufe gegen andere Jungen aus der Gegend, der nächste bändelt mit einem Mädchen aus der Nachbarschaft an usw. usf. In eben diese brüderliche Idylle platzt nun der Vater der Kinder, der kundtut, er möchte eine Brücke über einen Fluss bauen und seine Söhne dafür um Unterstützung anfragt. Entrüstet lehnen alle ab. Alle bis auf einen.

In der Folge gehen dann die überschaubaren Ereignisse der verbliebenen Jungen weiter, während sich einer weiterer Handlungsstrang dem Fortschritt des Brückenbaus zuwendet.

Irgendwann aber war für mich der Punkt erreicht, an dem ich mich fragte, was mit der Autor nur damit sagen will. Nicht nur, dass er eine Atmosphäre schafft, die es mir unmöglich machte, dieses Buch mit auch nur dem Ansatz von Entspannung zu lesen, ich habe auch nicht den Hauch einer Ahnung, wohin er erzählerisch möchte, welche Aussage er verfolgt. Letztlich bekam das Buch dann an einer Stelle noch eine gruselig-verstaubte purity-ring-Komponente, die mich diesen Roman dann nach etwa zwei Dritteln unbeendet weglegen ließ.

Bücher nicht zu beenden, liegt eigentlich nicht in meiner Natur – man denke nur an die Eingangszeilen dieses Beitrags -, hier hatte ich aber irgendwie keine andere Möglichkeit. Und für gewöhnlich habe ich, wenn ich ein Buch dann doch mal abbreche, ein ungutes Gefühl, vielleicht, weil ich unterbewusst doch wissen will, wie das Ganze endet und ob ich nicht vielleicht doch etwas verpasst habe. Hier allerdings nicht, leider. Die letzten etwa 200 Seiten sind mir schlicht vollkommen wurscht, was letzten Endes dazu führt, dass „Nichts weniger als ein Wunder“ für mich persönlich eine der herbsten literarischen Enttäuschungen der letzten Jahre darstellt.

„Ein ganzes Leben“ von Robert Seethaler

Ich gebe zu, dieses Buch hätte eigentlich eine eigenständige, eine anständige Rezension verdient, denn Seethalers Roman ist ein ganz wunderbares Buch. Auf nicht mal 200 Seiten schafft der Autor das, was sein Buchtitel ankündigt, nämlich wirklich „Ein ganzes Leben“ darzustellen. Herausgekommen ist ein leiser, nahezu poetischer und wirklich schöner Roman, über den ich mehr Worte verlieren könnte, als er letztendlich selbst enthält. Ich könnte etwas über den bodenständigen Protagonisten schreiben, der ein eher seichtes Gemüt ist, über die Landschaftsbeschreibungen, und das wohlige Gefühl, das die Lektüre auslöst. Ich könnte es aber auch dabei belassen, zu sagen: Unbedingt lesen!

 

Demnächst in diesem Blog: Eine Lobhudelei zu John Boyne neuem Roman „Die Geschichte eines Lügners“.

Jahresendurlaub

Hallo, liebe Leserinnen und Leser,

es sei mir gestattet, an dieser Stelle ganz kurz darauf hinzuweisen, dass mein Blog und ich uns für den kurzen Rest des Jahres, und ein wenig darüber hinaus, in einen verdienten Urlaub verabschieden. Daher wünsche ich allseits ein schönes, besinnliches Weihnachtsfest, einen anschließenden guten Rutsch und hoffe dann auf baldiges Wiederlesen im neuen und hoffentlich um einiges besseren Jahr.

Zwar wäre mir – ganz entgegen meiner sonstigen Gepflogenheiten – danach, dieses Jahr am 31.12. unter Zuhilfenahme des gigantischsten, weltgrößten, gefährlichsten, höchstgradig illegalsten „Polenböller“ in der Geschichte der Pyrotechnik in ein Paralleluniversum zu ballern, das die Existenz des nun bald vergangenen Jahres auch wirklich verdient, also beispielsweise eines, in dem Friedrich Merz Kanzler ist, im Zuge des mir innewohnenden doch eher kontemplativen Wesens werde ich die freie Zeit vermutlich aber doch wesentlich leiser verbringen.

Im neuen Jahr hoffe ich, diesen seit nunmehr etwa zwei Monaten weitgehend brachliegenden Blog dann wiederzubeleben, nicht zuletzt deshalb, weil noch über zwei Rezensionsexemplare zu schreiben ist, wovon mindestens eines schon mal geeignet scheint, im entsprechenden Beitrag angemessen zu ekstas… ekstatis… – gibt es ein Verb zu „Ekstase“? – nun, also, geeignet scheint, angemessen in Ekstase zu verfallen.

Inwieweit mir die Wiederbelebung des Blogs anschließend gelingt, bleibt abzuwarten, da ich einerseits momentan gar nicht mal so viel Muße verspüre, etwas zu schreiben und andererseits noch sehr viel weniger, auch in anderen Blogs vorbei zu schauen.

Erfahrungsgemäß ändert sich das nach ein bisschen Abstand auch wieder, ich bin da also guten Mutes.

Bis demnächst also!

Gehabt euch wohl.