„Helgoland“ von Carlo Rovelli

Buch: „Helgoland“

Autor: Carlo Rovelli

Verlag: Rowohlt

Ausgabe: Hardcover, 208 Seiten

Der Autor: Carlo Rovelli, geboren 1956 in Verona, ist seit 2000 Professor für Physik an der Universität Marseille. Zuvor forschte und lehrte er unter anderem am Imperial College London, der Universität Rom, der Yale University, an der Universita dell‘ Aquila und an der University of Pittsburgh. 1998/99 war er Forschungsdirektor am Zentrum für Theoretische Physik (CPT) in Luminy. Er hat die italienische und die amerikanische Staatsbürgerschaft Zusammen mit Lee Smolin entwickelte er die Theorie der Schleifenquantengravitation, die international als verheißungsvollste Theorie zur Vereinigung von Einsteins Gravitationstheorie und der Quantentheorie gilt. (Quelle: Rowohlt)

Das Buch: Als der junge deutsche Physiker Werner Heisenberg 1925 auf Helgoland die mathematischen Grundlagen der Quantenmechanik schuf, setzte er einen Prozess in Gang, der Mikrokosmos und Makrokosmos voneinander trennte. Hundert Jahre später verdanken wir der Quantenphysik unser Wissen um die Grundlagen der Chemie, die Funktionsweise der Sonne oder auch unseres Gehirns, sie ist die Basis moderner Hochtechnologie vom Laser bis zum Computer. Und doch gibt sie der Forschung nach wie vor Rätsel über Rätsel auf. (Quelle: Rowohlt)

Fazit: Ich bin – das gebe ich gerne zu – ein in naturwissenschaftlich-mathematischer Hinsicht durchaus unterdurchschnittlich begabter Mensch. Dazu kommt noch, dass die Physik – eigentlich sehr zu meinem Unverständnis, wenn ich das Ganze rückblickend betrachte – die erste Naturwissenschaft war, derer ich mich zu Schulzeiten entledigt habe. Daher war die Lektüre von „Helgoland“ ein mit einer Menge Enthusiasmus, aber überschaubaren Fachkenntnissen angegangener Selbstversuch hinsichtlich der Frage, ob ich mich der Thematik gewachsen sehen würde. Die Antwort ist ein klares, definitives „jein“.

Rovelli skizziert zu Beginn die Situation in der Physik zum Zeitpunkt von Heisenbergs Helgoland-Aufenthalt. Berühmte Physiker wie Max Planck oder Albert Einstein hatten auf dem Gebiet der Quantenphysik bereits wertvolle Vorarbeit geleistet, als Niels Bohr im Jahr 1913 sein Atommodell entwarf. dem allerdings zu eigen war, dass für die darin agenommenen stabilen Kreisbahnen, die Elektronen um den Atomkern ziehen sollten, die Gültigkeit diverser Bereiche der klassischen Physik über Bord geworfen werden mussten.

Heisenberg nun warf seinerseits die stabilen Kreisbahnen über Bord und stützte seine Forschung nicht auf Annahmen, sondern ausschließlich auf Beobachtungen. Unter Zuhilfenahme von Matrizenrechnung gelingt es ihm schließlich, das Verhalten atomarer Bestandteile zuverlässig zu berechnen. In der Folge gelangt er unter anderem zu der Erkenntnis – später „Heisenbergsche Unschärfterelation“ genannt -, dass es nicht möglich ist, zwei Eigenschaften eines Elektrons gleichzeitig zuverlässig zu bestimmen. Man kann zwar beispielsweise entweder den Ort oder die Geschwindigkeit eines Elektrons im Detail berechnen, aber nicht beides gleichzeitig. Und es macht durchaus einen Unterschied, ob ich zuerst die Geschwindigkeit oder zuerst den Ort messen möchte, denn wenn ich zuerst die Geschwindigkeit bestimme, wird das Elektron sich bei der Messung des Orts eben schon an einem völlig anderen befinden, als wenn ich die Messreihenfolge umgedreht hätte.

Nun könnte ich noch auf Dinge wie Superpositionen eingehen, in denen sich etwas bis zum Zeitpunkt der Beobachtung theoretisch in zwei verschiedenen Zuständen befinden könnte – Schrödingers vielzitierte Katze ist hierzu ein populäres Beispiel -, auf Verschränkungen und vielerlei anderes – allerdings hat, wer bis hier gelesen hat, ohnehin schon meinen höchsten Respekt, weswegen ich guten Gewissens darauf verzichte.

Und auch der Autor selbst kommt irgendwann weg von den physikalischen Fakten und wendet sich eher philosophischen Fragen zu. Er thematisiert nicht nur das menschliche Bewusstsein, sondern insgesamt die Frage, ob wir hinsichtlich der Eigenschaften von Dingen überhaupt in irgendeiner Weise Gewissheit erlangen können, wenn etwas doch nur im Moment seiner Betrachtung – mehr noch: gerade durch die Betrachtung! – bestimmte Eigenschaften aufweist und ohnehin alles von Wechselwirkungen untereinander abhängig ist. 

Insbesondere diese Unbestimmtheit der Quantenmechanik, in der es lediglich um Beobachtungen und Wahrscheinlichkeiten geht, war es angeblich auch, die den eingangs erwähnten Albert Einstein zu seinem Ausspruch animiert haben soll, dass Gott nicht würfele. Daraufhin erwiderte Niels Bohr übrigens seinerzeit: „Es kann doch nicht unsere Aufgabe sein, Gott vorzuschreiben, wie er die Welt regieren soll.“ Darin liegt viel Weisheit, wie ich finde.

Jahrzehnte später sagte Stephen Hawking zu Einsteins Ausspruch übrigens: „Gott würfelt doch, nur wirft er die Würfel mitunter dorthin, wo man sie nicht sehen kann.“

Und so hatte ich zum Ende des Buches den Eindruck, den einen oder anderen inhaltlichen Würfel, den Rovelli geworfen hat, nicht so ganz gefunden zu haben. Was aber letztlich bleibt, was aber unweigerlich im voranstehenden, trockenen Text so gar nicht transportiert werden konnte, ist, dass „Helgoland“ auch für Physik-Laien eine faszinierende Lektüre bietet, bei der es gar nicht so entscheidend ist, ob man die physikalischen Fakten nun bis ins Detail nachvollziehen kann, sondern die auch abseits davon faszinierende Denkanstöße bietet, die mich länger beschäftigen werden.

Dabei fällt mir gerade ein: Woher weiß ich eigentlich, dass voranstehender Text so trocken ist und dass keinerlei Faszination transportiert werden konnte? Genaugenommen gilt das nur für den Augenblick eurer Lektüre, für die Beobachtung des Textes also. Es mag sein, dass eine neuerliche Lektüre – morgen, übermorgen, am besten fürderhin einmal täglich für alle Zeiten – ein ganz anderes Ergebnis bringt!?

Ich danke dem Rowohlt Verlag für die freundliche Übersendung des Rezensionsexemplars. Die Tatsache, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, beeindlusst meine Meinung selbstredend nicht.

Demnächst in diesem Blog: „Amerikas Gotteskrieger“ von Annika Brockschmidt.

„Die Reise ins Reich“ von Tobias Ginsburg

Buch: „Die Reise ins Reich“

Autor: Tobias Ginsburg

Verlag: Rowohlt

Ausgabe: Taschenbuch, 320 Seiten

Der Autor: Tobias Ginsburg, Jahrgang 1986, ist Autor und Regisseur. Er studierte Dramaturgie, Literaturwissenschaft und Philosophie. 2016 war er Fellow des Hanse-Wissenschaftskollegs, 2020 erhielt er das Grenzgänger-Stipendium der Robert-Bosch-Stiftung. (Quelle: Rowohlt)

Das Buch: Acht Monate lang tauchte Tobias Ginsburg inkognito in die Szene der «Reichsbürger» und rechten Verschwörungstheoretiker ein. Er baute sich eine Scheinidentität im Netz auf und bewegte sich unter AfD-Politikern, gewaltbereiten Neonazis und friedensbewegten Esoterikern in Braun, Sektierern und Systemumstürzlern. Sein Buch ist ein ebenso erschütternder wie komischer Streifzug durch eine Welt böser Verführer und verführter Irregeleiteter, das zugleich einen neuen, literarischen Ton in die investigative Reportage einführt. Ein ungewöhnliches Enthüllungsbuch. Es erscheint hier in einer aktualisierten, überarbeiteten und um neue Kapitel erweiterten Fassung. (Quelle: Rowohlt)

Fazit: Ob man sein Vergnügen mit der Lektüre von „Die Reise ins Reich“ hat, hängt – so viel sei eingangs schon verraten – maßgeblich davon ab, was man sich von dem Buch erwartet. Erwartet man neue, revolutionäre sozial- oder politikwissenschaftliche Erkenntnisse zur Reichsbürgerszene, zu Neonazis oder sonstigen Geistesgestörten, wird man vielleicht enttäuscht sein. Wenn man das Buch aber als das betrachtet, was es ist, nämlich eine Art Sachbuch-Erfahrungsbericht-Hybrid, dann wird man schon sehr viel eher seine Freude damit haben. Ein aus meiner Sicht wichtiges Buch ist es jedoch in jedem Fall.

Denn es ist noch gar nicht so lange her, da wurden die sogenannten „Reichsbürger“ eher milde belächelt. Dass es hierbei allerdings eigentlich eher weniger zum Lächeln gibt, das arbeitet Ginsburg in seinem Buch heraus.

Seine „Reise ins Reich“ beginnt der Autor mit der Ausarbeitung eines Alter Ego. Er erstellt Facebook-Account und Website für den fiktiven Journalisten Tobias Patera und unternimmt mit der dadurch aufgebauten Glaubwürdigkeit einen Kopfsprung in den braunen Sumpf. Dieser führt ihn zuerst ins „Königreich Deutschland“, einen Fantasiestaat unter Leitung des „Königs“ Peter Fitzek – einer großen Nummer in der Reichsbürgerszene – der allerdings zum Zeitpunkt von Ginsburgs Eintreffen leider gerade im Gefängnis weilt … Vor Ort kommt Ginsburg mit vielen Menschen ins Gespräch, lernt ihre Lebensgeschichten und Hintergründe kennen. Und  bereits hier kommt eine große Stärke des Buches zum Tragen. Denn während es ein Leichtes wäre, all diese Menschen als Verrückte abzustempeln – was ich, der ich weniger gnädig als der Autor bin, geneigt wäre, zu tun -, setzt Ginsburg eben den Fokus auf den Menschen hinter dem „Verrückten“, begibt sich mit ihnen auf Augenhöhe und versucht, herauszufinden, wodurch sie in ihre Parallelwelt abgedriftet sind. Er mag ihre Weltanschauung verdammen, aber er macht sich nicht über sie lustig – was ich wiederum, da ich weniger gnädig als der Autor bin, zu tun geneigt wäre.

In der Folge wendet sich der Autor dann dem Bereich der Esoterik zu. Einem Themenfeld, deren Anhängern ich noch wesentlich weniger gnädig … sei´s drum. Hier zeigt sich dann, dass bemerkenswert viele Anhänger der Esoterik auch diversen Verschwörungserzählungen gegenüber nicht abgeneigt sind. Nun mag diese Erkenntnis nicht unbedingt neu sein, schon im letzten Jahr sagte die Sozialpsychologin Pia Lamberty im Deutschlandfunk,  „dass ähnliche Faktoren den Glauben an esoterische Welterklärungsmodelle befeuern wie auch Verschwörungserzählungen.“ Dennoch war es erfrischend entlarvend zu lesen, wie Menschen, die ihren eigentlichen Unfug mit schon fast chakraler Hingabe vehement verteidigen, auch anfällig für anderen Unfug jedweder Couleur sind.

Natürlich setzt sich die Reichsbürgerszene nicht nur aus gescheiterten Existenzen und gutgläubigen Spinnern zusammen, nein, auch entschiedene Unsympathen sind darunter. Und auf seiner Reise in den braunen Sumpf begibt sich Ginsburg auch in Kontakt mit eben diesen:

Er lernt Ernst Köwing kennen, den „Honigmann“, der in seinem Blog bis zu seinem Tod im Jahr 2018 allerlei fragwürdiges Zeug von sich gab und isst mit ihme Kuchen, ohne ihn, den Kuchen, zweckzuentfremden, was mir einmal mehr Respekt abnötigt.

Er nimmt an konspirativen Treffen allerlei Grupierungen, von strammen Neonazis bis hin zum Verein „Weltfrieden global“ – denkt über den Namen mal eine Sekunde nach … – teil und findet sich immer weiter in seine Rolle als „Systemkritiker“ ein.

Er landet schließlich auch im Umfeld von Jörg Elsässer, dem Mitherausgeber des seit 2020 vom Verfassungsschutz als sogenannten Verdachtsfall eingestuften „Compact“-Magazins. Ein Machwerk, das in einem aktuellen Meinungsartikel Björn „Landolf Ladig“ Höcke als „Hoffnungsträger“ bezeichnet – ein erwiesener Faschist als „Hoffnungsträger“! – und im selben Artikel ausführt: „Je mehr Moslems das Wahlrecht erhalten, desto stärker werden sie die Zusammensetzung der Parlamente bestimmen.“ Ein Machwerk, das derzeit behauptet: „Die Gewalt gegen Querdenker und Impfskeptiker ist längst in vollem Gange: das Zusammenschlagen von Corona-kritischen Demonstranten durch Polizei findet unter lautem Jubel der Mainstream-Faschisten statt.“ Ein Machwerk, von dem monatlich angeblich etwa 40.000 Exemplare abgesetzt werden Ich weiß nicht, was es da seitens des Verfassungsschutzes nur zu „verdächtigen“ gilt, aber was solls.

Spätestens beim Elsässer überkommt den Leser dann so eine diffuse Übelkeit, die man bis zum Ende der Lektüre auch nicht mehr los wird. Zumal Ginsburg deutlich klarstellt, dass eine Gefahr für die Demokratie nicht nur von der AfD – die paradoxerweise in Parlamenten sitzt, die sie am  liebsten auflösen würde – oder von strammen Neonazis ausgeht, sondern dass die Menge an unterschiedlichen Gruppierungen, denen allen gemein ist, dass sie die Demokratie offensichtlich für eine dumme Idee halten, schier unüberschaubar ist. Das wiederum mag ein Glücksfall sein, weil es dieser Querfront schwieriger macht, sich zu einer einheitlichen Gruppe mit einheitlichen Zielen zusammenzufinden. Aber schön ist anders.

Die Schilderung all dessen gelingt Tobias Ginsburg auf eine trocken-humorvolle Art und Weise, die mich beeindruckt, und die allerdings vielleicht auch notwendig ist, um all die menschenfeindliche Schwurbelei, die da in den „Hass-Maufakturen“ (O-Ton Ginsburg“) entwickelt wird, zu ertragen, ohne sich vor Seite 320 zu übergeben.

Und auch sonst ist Humor im Leben nicht verkehrt, manche Dinge muss man mit Humor betrachten. So veröffentlichte die ansonsten nicht unbedingt für ihre Weltoffenheit bekannte „Welt am Sonntag“ unlängst eine Statistik, nach der etwa 1.500 als mutmaßliche Rechtsextremisten eingestufte Personen in diesem Land im Besitz einer Schusswaffe sind und erlaubte sich dabei den Scherz einer Unterteilung zwischen „Rechtsextremisten“ einerseits und „Reichsbürgern“ andererseits. Was beide sichtbar voneinander unterscheidet, weiß offensichtlich nur die „Welt am Sonntag“ allein. Ein Nebenaspekt der Statistik war übrigens, dass der Anteil an Rechtsextremisten mit Waffen mit 443 in Mecklenburg-Vorpommern ganz besonders groß ist. Nun, vermutlich sieht man sich dort gezwungen, sich mit der Waffe gegen die ungebremste Zuwand…, nein, warte, Mecklenburg-Vorpommern hat den geringsten Ausländeranteil aller Bundesländer …

Nun, wie auch immer, letztlich bietet „Reise ins Reich“ ein ob der Thematik schon fast unangemessen vergnügliches Leseerlebnis, zu dem ich allen nur raten kann. Auch wenn die Erkenntnis für mich letztlich die bleibt, die ich schon vorher hatte, nämlich, dass wir in einem Land leben, dass zu nennenswerten Teilen von Idioten bevölkert wird.

Ich danke dem Rowohlt Verlag für die freundliche Übersendung des Rezensionsexemplars. Die Tatsache, dass es sich um ein kostenloses Rezensionsexemplar handelt, beeinflusst meine Meinung selbstredend nicht.

Demnächst in diesem Blog: „Helgoland“ von Carlo Rovelli

 

„Terra Alta“ von Javier Cercas

Buch: Terra Alta

Autor: Javier Cercas

Verlag: Fischer

Ausgabe: Hardcover, 448 Seiten

Der Autor: Javier Cercas, geboren 1962 in Ibahernando in der spanischen Extremadura, lebt als Schriftsteller, Publizist und Universitätsdozent in Girona. Mit seinem Roman »Soldaten von Salamis« wurde er international bekannt. Heute ist sein Werk in mehr als 30 Sprachen übersetzt. Für »Der falsche Überlebende« (S. Fischer 2017), erhielt er u.a. den Prix du livre européen 2016 und den chinesischen Taofen-Preis 2015 für das beste ausländische Buch. Für seinen zuletzt erschienenen Roman »Terra Alta« wurde er mit dem Premio Planeta 2019 ausgezeichnet. (Quelle: Fischer)

Das Buch: Er ist der Sohn einer Prostituierten, sein Zuhause ist die Unterwelt Barcelonas. Melchor Marín arbeitet für ein Drogenkartell und wird bei einer Razzia festgenommen. Als er im Gefängnis von der Ermordung seiner Mutter erfährt, beschließt er, nach dem Absitzen der Strafe Polizist zu werden.
Jahre später ist Melchor als bewährter Polizist in der kargen Landschaft der Terra Alta im Einsatz, wo er mit Frau und Tochter ein ruhiges Leben führt. Aber dann erschüttert ein Verbrechen die Region, ein altes Unternehmerpaar wird grausam ermordet. Ein brutaler Raubüberfall? Eine alte Fehde? Als das Kommissariat den Fall ungelöst abschließt, ermittelt Melchor auf eigene Faust. (Quelle: Fischer)

Fazit: Um ehrlich zu sein: Javier Cercas hatte mich als Leser seines Romans „Terra Alta“ schon fast verloren, noch ehe er, der Roman, so recht begonnen hat. Ziemlich zu Beginn des Buches wird Melchor Marín, Polizist und Protagonist der Geschichte, an den Schauplatz eines Verbrechens gerufen. Und der könnte blutiger nicht sein.Gleiches gilt für die Beschreibung der Situation. Von Aufschlitzen und Ausweiden ist da die Rede, von ausgerissenen Fingernägeln, Augen, Zähnen, von abgeschnittenen … lassen wir das. Irritiert sehe ich mir nochmal das Cover an und denke mir: „Nein, da steht nicht Quentin Tarantino. Hm, wenn das so weitergeht …“

Glücklicherweise tut es das nicht, denn die zugegebenermaßen allzu brutale Schilderung der Szenerie ist ausgesprochen kurz, kann bei Bedarf auch übersprungen werden und ist zudem der einzige Moment, an dem es der Autor ein wenig übertreibt. Nun mag man einen solchen Einstieg als ungünstiges Timing erachten, mit dem man Leser wie mich für gewöhnlich recht zuverlässig abschrecken und von der Fortsetzung der Lektüre abhalten kann, aber ich kann die versammelte Leserschaft beruhigen, denn: Hinter diesem Einstieg verbirgt sich ein durchaus lesenswerter Roman.

Darüber hinaus ergibt der Bucheinstieg durchaus Sinn, denn auf diese Weise wird deutlich: Das ermordete Unternehmerehepaar wurde nicht einfach „nur“ ermordet, sie wurden gequält und gefoltert. Und Marín stellt sich völlig berechtigt die Frage, welcher Mensch um Himmels Willen so etwas tut. Daher beschließt er, nachdem die Polizei den Fall nach einiger Zeit ungelöst zu den Akten legt, weiter auf eigene Faust zu ermitteln.

Dabei stellt sich für den Leser in der Folge heraus, dass „Terra Alta“ mitnichten ein einfacher Kriminalroman mit unnötig blutigem Einsteig ist, es ist vielmehr eine Charakterstudie, in deren Mittelpunkt voll und ganz der Protagonist Melchor Marín steht. Selbst unter widrigen Bedingungen aufgewachsen, ohne genaue Kenntnis über seinen eigenen Vater, früh kriminell geworden und ebenso früh ins Gefängnis gekommen, beschließt er, nach seiner Entlassung die Seiten zu wechseln und Polizist zu werden. Aufgrund einer Verkettung von Ereignissen steht er nach einiger Zeit extrem im Licht der Öffentlichkeit und wird, um ihn aus eben diesem öffentlichen Fokus zu entfernen, ins ländliche Terra Alta versetzt. In eine Gegend, in der eigentlich nie etwas passiert. Wenn nicht gerade ein Industriellenehepaar ermordet wird, versteht sich.

An diesem Protagonisten werden sich vermutlich die Geister der Leserschaft scheiden. Cercas widmet sich ihm in zahlreichen Rückblicken in einem Detailreichtum, der mit persönlich sehr gut gefiel, weil er Melchor für mich greifbarer und verständlicher machte, der vielen aber auch eben einfach zu viel sein könnte. Maríns fast schon manische Begeisterung für Victor Hugos Roman „Les Misérables“ beispielsweise wirkt irgendwann ob der häufigen Erwähnung irgendwie aufgesetzt, obwohl sie durchaus Sinn ergibt und man Parallelen entdecken kann, wenn man Hugos Roman kennt. Und von seiner Art her erinnerte der Protagonist mich manchmal irgendwie an eine eher unterkühlte Version von Lorenzo Lamas in „Renegade“. Insgesamt betrachtet ist Marín aber ein durchaus als vielschichtig zu bezeichnender Charakter, dessen Weg weiter zu verfolgen mir Freude machen wird, denn im Sommer kommt Teil zwei von Cercas Romanreihe heraus.

Auch wenn man sich weniger dem Protagonisten, sondern eher der Krimigeschichte zuwenden will, kommt man auf seine Kosten. Nachdem die Polizei die Ermittlungen offiziell eingestellt hat, führt Marín sie auf eigene Faust fort. Anders als in unzähligen anderen Romanen mit ähnlich gelagerten Ermittlerfiguren pflügt er sich aber eben in der Folge nicht als unschlagbare Ein-Mann-Armee durch den Roman, sondern trifft durchaus auf Schwierigkeiten. So bleiben seine Ermittlungen beispielsweise von Kollegen und Vorgesetzten natürlich nicht unbemerkt. Zudem scheinen sich einige Menschen durch seine Fragerei auf die Füße getreten zu fühlen und machen es dem Polizisten zunehmend ungemütlich.

Insgesamt liegen die Stärken des Romans einerseits deutlich im Bereich der Handlung und der Figuren, dafür weniger im stilistischen. „Terra Alta“ ist nicht sonderlich komplex geschrieben, was der Lesbarkeit natürlich zuträglich ist, andererseits aber irritiert und schade ist, wenn man berücksichtigt, dass es ein Roman ist, der sich inhaltlich – nicht nur am Beispiel „Les Misérables“ – unter anderem mit der Macht von Büchern beschäftigt.

Letztlich ist „Terra Alta“ ein sehr gelungener Roman, der sich hinter der eigentlichen Handlungsebene mit der Frage beschäftigt, inwieweit es legitim ist, selbst Rache zu üben, wenn die staatliche Gewalt – aus welchen Gründen auch immer – nicht willens oder in der Lage ist, für Gerechtigkeit zu sorgen. Die Frage muss jeder für sich selbst beantworten.Oder aber „Terra Alta“ lesen.

Ich danke dem Fischer Verlag für die freundliche Zusendung des Rezensionsexemplars. Die Tatsache, dass es sich hierbei um ein kostenloses Rezensionsexemplar handelt, beeinflusst meine Meinung selbstredend nicht.

Demnächst in diesem Blog: „Die Reise ins Reich“ von Tobias Ginsburg. Dauert vielleicht noch ein bisschen.

„Der Sucher“ von Tana French

Buch: „Der Sucher“

Autorin: Tana French

Verlag: Fischer

Ausgabe: Hardcover, 496 Seiten

Die Autorin:»Meisterhaft, wie Tana French Stimmungen einfängt und geniale Plots konstruiert«​, sagt die​ Washington Post​ über Tana French. ​Mit ihrer eindrücklichen Sprache zeichnet die irische Autorin ​markante Gesellschaftsporträts und schaut tief in die Seelen der Menschen. Tana French wurde für ihr Werk vielfach ausgezeichnet; ihre Romane stehen weltweit auf den Bestsellerlisten. Sie wuchs in Irland, Italien und Malawi auf, absolvierte eine Schauspielausbildung am Trinity College und arbeitete für Theater, Film und Fernsehen. ​Tana French lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern im nördlichen Teil von Dublin. (Quelle: Fischer)

Das Buch: Cal Hooper, ehemaliger Cop aus Chicago, hat sich in den Westen von Irland geflüchtet. Die Natur scheint friedlich, im Dorf nimmt man ihn freundlich auf. Da springt sein langjährig trainierter innerer Alarm an: Er wird beobachtet. Immer wieder taucht ein Kind bei ihm auf. Auf den umliegenden Farmen kommen auf seltsame Weise Tiere zu Tode. Stück für Stück gerät Cal in eine Suche, die ihn tief in die Dunkelheit führt. (Quelle: Fischer)

Fazit: Zu den wenigen zuverlässigen Gewissheiten im Leben gehört neben regelmäßig wiederkehrenden Meisterschaften des FC Bayern München auch die, dass Tana French ebenfalls regelmäßig, wenn auch in größeren Intervallen, einen ausgesprochen lesenswerten Roman auf den anderen folgen lässt lässt. Gut, zwischenzeitlich fremdelte ich ein bisschen mit „Gefrorener Schrei“, dem Abschluss ihrer Dublin-Reihe, aber spätestens mit ihrem aktuellen Roman „Der Sucher“ hat sie mich wieder ins Boot geholt.

Protagonist des Romans ist Cal Cooper, der aus recht trifftigen Gründen seinen Job als Polizist in Chicago drangegeben sowie all sein Hab und Gut versetzt hat, um in die Einöde des ländlichen Irlands überzusiedeln. Dort möchte Cal sich sich neu einleben, angeln, die Stille und Abgeschiedenheit genießen, regelmäßig mit seiner schon erwachsenen Tochter telefonieren und ansonsten eigentlich nur in Ruhe gelassen werden. Leider funktioniert das nicht so wirklich gut, denn Cal merkt, dass er beobachtet wird. Und tatsächlich steht irgendwann Trey vor der Tür, ein etwa zwölf Jahre alter Rotzlöffel, der auf den ersten Blick den Eindruck vermittelt, in nicht gerade gefestigten Verhältnissen aufzuwachsen. Langsam fassen der Ex-Polizist und das Kind Vertrauen zueinander und so erfährt Cal den Grund für die das Beobachten und Nachstellen: Treys Bruder Brendan ist verschwunden und da sich längst durchgeschwiegen hat, dass es sich bei dem neu Zugezogenen um einen Ex-Polizisten handelt, fordert Trey von Cal, seinen Bruder auszuspüren und zurückzubringen. Ungeachtet der Tatsache, dass Cal eigentlich wirklich liebend gerne nur in Ruhe gelassen werden würde, erklärt er sich – im sicheren Glauben, Brendan sei einfach nur ausgerissen – bereit, Trey zu helfen.

Die sich daraus entwickelnde Krimihandlung bildet, wie man es aus Tana Frenchs Romanen gewöhnt ist, nicht unbedingt das Zentrum des Buches. Nicht umsonst urteilt die „New York Times“ über die Autorin, sie schreibe „große Romane, in denen auch Verbrechen geschehen.“ Und exakt so verhält es sich auch. Die Krimihandlung geht dabei zwar weit über bloßes Beiwerk hinaus, weiß für sich allein also zu überzeugen, aber im Grunde genommen geht es in Frenchs Romanen häufig um das, was nicht unmittelbar Bestandteil der Krimihandlung ist.

Im vorliegenden Fall hat die Autorin daher in erster Linie ein Buch über das ländliche Irland geschrieben, über die Sorgen und Nöte, mit denen man sich dort befassen muss. Über das Wesen der Bevölkerung, die – zumindest im geschilderten Ort – eher eine Art Wagenburgmentalität hinsichtlich bestimmter Ereignisse bilden und sich wünschen, der Neuzugang würde aufhören, so viele Fragen zu stellen, während es hierzulande ja zielsicher gelingt, immer wenn etwas wirklich Schlimmes passiert ist, mindestens einen mitteilsamen Nachbarn vor die Mikros zu schleppen, der dann kundtut, dass er eigentlich nichts weiß und niemanden kennt, sich aber trotzdem nie habe vorstellen können, dass so etwas Schlimmes gerade dort usw. Darüber hinaus widmet sie sich Themen wie sozialer Ausgrenzung von Menschen, die vermeintlich nicht ins Raster passen und ähnlichen Dingen. Das Gesamtbild, das die Autorin aus diesen vielfältigen Thematiken und Eindrücken macht, ist ein ausgesprochen stimmiges.

Stimmig ist auch, wie fast schon gewöhnt, Tana Frenchs Sprache. Sei es die zwischenzeitlich immer bedrohlicher werdende Atmosphäre in Cals neuem Wohnort, sei es die Beschreibung der rauen, wilden Natur, der gefühlt unendlichen Weite in einem gleichzeitig doch vergleichsweise kleinen Land – für all das findet sie die richtigen Worte. Selbst für den unwahrscheinlichen Fall, dass man inhaltlich mit dem Buch also wenig anfangen können sollte, bleibt dennoch ein in stilistischer Hinsicht mehr als überzeugendes Lesevergnügen.

Zudem wird der Roman durch eine Reihe merk- bis denkwürdiger Charaktere bevölkert, die schlicht gut im Gedächtnis bleiben. Sei es Cals Nachbar Mart, mit dem er sich gerne mal auf ein Schwätzchen trifft und dem er auch aus dem Dorfladen seine Lieblingskekse mitbringt, nachdem sich Noreen, die Inhaberin eben dieses Dorfladens, weigert, Mart diese direkt zu verkaufen, „weil es in den 1980ern zwischen ihren Onkeln und Marts Vater einen komplizierten Konflikt wegen Weiderechten gab.“ (S.13) – man kennt das … Sei es aber auch besagte Noreen selbst, die eine Art Epizentrum des Dorfklatschs darstellt, und beharrlich versucht, Cal mit ihrer Schwester Helena zu verkuppeln. Zudem ist Cal ein überzeugender Protagonist, der allenfalls vielleicht gelegentlich schon fast ein bisschen zu tugendhaft erscheint.

Alles in allem bleibt so ein mehr als lesenswerter Roman, in dem auch Verbrechen geschehen. Einer, der Tana-French-Fans mit Sicherheit glücklich machen wird, den ich aber auch allen anderen aufs Wärmste empfehlen kann.

Ich danke dem Fischer-Verlag für die freundliche Übersendung des Rezensionsexemplars. Dass es sich hierbei um ein kostenloses Rezensionsexemplar handelte, beeinflusst meine Meinung selbstredend nicht.

Demnächst in diesem Blog: „Terra Alta“ von Javier Cercas

9 in 1: Kurzrezensionen

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

die Menge der Bücher, über die ich in den letzten sieben Jahren nicht geschrieben habe, obwohl sie von mir gelesen wurden, lässt sich an einer Hand abzählen. Im Allgemeinen versuche ich also, meine Leseeindrücke ziemlich vollständig wiederzugeben. Da kommt mein penibler, innerer Chronist wieder zum Tragen. Wenn man nun aber, so wie mir geschehen, eine längerfristige, ungeplante Blogosphären-Abstinenz einlegt, in der Zwischenzeit, wenn auch in gebremsten Tempo, aber dennoch weiterliest, kommt man in Situationen wie die meine. Dann hat man nämlich eine Unzahl Bücher auf Halde liegen, die ihrer Besprechung harren, aber nicht in adäquatem Zeitraum „abgearbeitet“ werden können. In der Folge wird der Abstand zur eigentlichen Lektüre immer größer, was einer den eigenen Ansprüchen genügenden Rezension zusehends im Wege steht. Ganz unerwähnt sollten sie aber nicht bleiben, die Bücher, die bei mir nun auf Halde liegen, zu denen ich aber keine detaillierte Besprechung mehr verfassen könnte oder wollte. Daher gibts im Folgenden Kurzeindrücke zu eben diesen Büchern. Los geht es mit:

„Die letzte Astronautin“ von David Wellington

Die NASA spielt verrückt, weil sich ein Objekt der Erde nähert, das augenscheinlich in der Lage ist, selbstständig seine Geschwindigkeit zu ändern, somit nicht natürlichen Urprungs sein kann. Üblicherweise würde man jetzt eine bemannte Mission losschicken, um dieses Objekt in Augenschein zu nehmen und eine etwaige Bedrohung für die Menschheit auszuschließen. Blöd nur, dass die bemannte Raumfahrt vor Jahren eingestellt wurde, nachdem die letzte Marsmission in einer vollständigen Katastrophe endete. Die Einzige, die somit noch Astronautenerfahrung hat, ist die damalige Missionsleiterin Sally Jensen, die überzeugt wird, mit einer kleinen Gruppe Astronauten-Azubis den Auftrag anzunehmen.

Für diesen Roman habe ich, gemessen an seinem Umfang, überdurchschnittlich lange gebraucht. Und das, obwohl er durchaus seine Stärken hat. Wellington hat durchaus ein Händchen für bedrohliche Szenarien und dazu passende Stimmungen. Ganz überzeugt  hat mich das Buch allerdings dann doch nicht, die xte Abwandlung von „Ellen-Ripley-Double rettet die Welt“ muss dann irgendwie doch nicht sein.

„Der Polizist“ von John Grisham

Manche Teile der Leserschaft mögen Grishams Bücher für das literarische Äquivalent zu Reiskeksen halten, ich persönlich mag sie aber eigentlich ganz gerne. In seinem neuesten Roman lässt der Autor den Rechtsanwalt Jake Brigance, Protagonist aus „Die Jury“ und „Die Erbin“ erneut auftreten. Und mit Jake Brigance selbst habe ich auch keine Probleme, man hat allerdings das diffuse Gefühl, die Geschichte rund um einen alkoholkranken und gewalttätigen und deshalb Opfer von Selbstjustiz gewordenen Polizisten irgendwie schon mal gelesen zu haben. Vermutlich in „Die Jury“, mit veränderten Vorzeichen. Das mag der Grund sein, weswegen mich Grishams neuester Streich ebenfalls nicht ganz überzeugen konnte.

„Der große Gatsby“ von F. Scott Fitzgerald

„Der große Gatsby“ gehörte bis zu diesem Jahr zu meinen literarischen Versäumnissen. Nach der Lektüre stellte ich allerdings fest, dass ich es auch weiter hätte versäumen können. Der namensgebende Jay Gatsby mag ein überzeugender Protagonist sein, der als Erzähler fungierende Nick Carraway erfüllt seine Rolle ebenfalls gut. Meine Schwierigkeiten mit dem Roman beruhen in erster Linie auf dem fragwürdigen Erzähltempo. Fitzgerald bekommt seine Handlung erst so gar nicht aus dem Quark, nur um die Leserschaft im letzten Drittel dann mit sich überschlagenden Ereignissen und einem Übermaß an Dramatik zu überschütten. Insgesamt eines der Bücher, von denen ich allenfalls bei passender Gelegenheit erwähnen kann, dass ich es gelesen habe …

„Alle, die vor uns da waren“ von Birgit Vanderbeke

Vanderbekes Buch ist Teil drei einer Trilogie, was ich hätte wissen müssen, denn dann hätte ich erahnt, dass eine von den beiden vorangegangenen Teilen losgelöste Lektüre des Buches keinen Sinn ergibt. Die inhaltliche Grundprämisse des Romans – die autobiografische Erzählerin zieht mit ihrem Mann im Urlaub in das Ferienhaus von Heinrich Böll  – gefiel mir ganz gut, auch die Umsetzung mag gelungen sein, die Lektüre scheiterte eben daran, dass ich die ersten beiden Teile nicht kenne, inhaltliche Rückgriffe und Bezüge also nicht kennen oder erkennen konnte. Als einzelne Lektüre bleibt das Gefühl, es mit einem eher abgehobenen, übermäßig vergeistigten Roman mit einer autobiografischen Erzählerin, die sich selbst über dem semi-intellektuellen Plebs einordnet, zu tun zu haben.

„Verweigerung“ von Graham Moore

Graham Moore blieb mir in erster Linie wegen seines Romans „Die letzten Tage der Nacht“ aus dem Jahr 2017 im Kopf, den ich immer noch gerne allen empfehle, die es nicht wissen wollen. In seinem neuen Roman geht es um die junge Maja, die als Teil einer Jury vor Gericht vor zehn Jahren als einzige gegen die Veruteilung des Lehrers Bobby Nock für den Mord an seiner Schülerin Jessica Silver gestimmt hat. Nach 10 Jahren wird der Prozess neu aufgerollt, und nachdem einer der Geschworenen ums Leben kommt, gerät Maja selbst als Verdächtige ins Visier der Polizei.

Man muss Gerichtsromane mögen, ansonsten wird man mit „Verweigerung“ wenig Vergnügen haben. Glücklicherweise tue ich das, und auch wenn Moores neues Buch weder mit seinem oben erwähnten und erst recht nicht mit seinem Drehbuch zu „The Imitation Game“ mithalten kann, so handelte es dennoch um eine insgesamt lohnenswerte, unterhaltsame Lektüre. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

„Wer die Nachtigall stört“ von Harper Lee

Bei der Lektüre dieses Buches handelt es sich um etwas, das meine Nachfolgegeneration vollkommen unnötiger- und nutzloserweise so fürchterlich als „re-read“ bezeichnen würde, will sagen: Ich hatte den Roman bereits vor einer halben Ewigkeit schon mal gelesen. Und auch bei meiner Leserschaft setze ich Kenntnisse zum Inhalt jetzt mal voraus und spare mir inhaltlichen Zusammenfassungen. Auch weil der Platz dafür viel sinnvoller dafür genutzt werden kann, zu sagen, dass Harper Lees Buch nach wie vor nichts an Eindrücklichkeit und Aktualität eingebüßt hat und ich die Lektüre wirklich allen guten Gewissens empfehlen kann, an denen der Roman bislang vorbeigegangen ist. Zudem überzeugt das Buch in Person der kleinen Scout durch eine der wohl besten Protagonistinnen der Literaturgeschichte, auch wenn das ein zutiefst subjektiver Eindruck ist.

„Der Fremde“ von Albert Camus

Mit Camus´ Büchern habe ich etwas gefunden, von dem ich nicht gewusst habe, dass ich es gesucht habe. Schon „Die Pest“ fiel bei mir auf fruchtbaren Boden, „Der Fremde“ gefiel mir nicht minder. Zugegeben, auf manche Teile der Leserschaft mögen seine Romane teils absurd, teils befremdlich wirken, aber wenn man sich auf die Bücher einlässt, dann kann man seine Freude damit haben. Im vorliegenden Fall geht es um einen Mann namens Mersault, der dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest mit einer ebenso teilnahms- und antriebslosen Gleichgültigkeit gegenübertritt wie er es beispielsweise auch gegenüber dem Tod seiner eigenen Mutter tut, mit dem der Roman beginnt. Als er infolge eines Streits teilnahmslos einen Mann erschießt, erscheint das daher nur zu folgerichtig. Camus´ Buch wird mir als eines der besseren Bücher der letzten Zeit in der Erinnerung bleiben und verstärkt nur meinen Entschluss, mich auch seinem restlichen Werk zuzuwenden. Zudem enthält es mit der Unterhaltung zwischen Mersault und dem Gefängnisgeistlichen zum Ende des Romans einen der aus meiner Sicht ganz großen Dialoge der Literaturgeschichte.

„Von Mäusen und Menschen“ von John Steinbeck

Steinbecks Roman gehört aus meiner Sicht zu den Romanen, bei denen man bei der Lektüre merkt, dass man es hier mit Weltliteratur zu hat, selbst wenn man den Titel und den Autor des Buches nicht kennen würde. Die Geschichte rund um die beiden Protagonisten Lennie Small und George Milton über das Wesen des Menschen und die Frage, was man zum Erreichen eigener Ziele zu opfern bereit ist, hat mich auf ganzer Linie überzeugt. Sein Roman besticht durch seine szenische Darstellung und sein überzeugendes Figurenensemble. Sollte man mal gelesen haben!

„Große Erwartungen“ von Charles Dickens

Ich bin mir sicher, Charles Dickens hätte es zu verschmerzen gewusst, aber die Tatsache, dass „Große Erwartungen“ keine eigene, große, ausufernde, lobhudelnde Besprechung bei mir bekommt, tut mir selbst ein bisschen weh. Denn bei Dickens Buch handelt es sich um eines meiner bisherigen Jahreshighlights. Mag man den Plot auch überschaubar und in Teilen leicht vorhersehbar finden, so ist es doch in erster Linie der stilistische Aspekt,der Dickens Roman für mich so lesenswert machte. Die feine Ironie mit der der Autor die teils dramtischen Geschehnisse um seinen Protagonisten Pip erzählt, sucht meines Erachtens seinesgleichen. Nicht nur die namensgebenden Erwartungen in diesem Roman sind groß, hinsichtlich seines Umfangs ist es das Buch selbst auch. Mit seinen über 800 Seiten ist „Große Erwartungen“ somit sicherlich kein Buch für zwischendurch, wer aber etwas sucht, in dem man sich mal eine ganze Weile verlieren kann, dürfte hier fündig werden.

Happy birthday to me #7

 

Errungenschaft: 7. Jahrestag

Hallo, liebe Leserinnen und Leser,

gut, eigentlich hätte ich gerade etwas ganz anderes zu tun und auch wenn dem nicht so wäre, hielte sich meine Begeisterung zum Verfassen jeglicher Beiträge arg in Grenzen. Aber was soll ich machen, mein innerer Monk und meine verhaltensorigineller Hang zur vollständigen Chronistenpflicht zwingen mich dazu, anlassbedingt ein paar Zeilen auf das virtuelle Papier zu bringen, denn:

Der Reisswolfblog wird heute ganze sieben Jahre alt!

Nun gäbe es zwar keinen weltgeschichtlichen Anlass, der mehr Beachtung verdiente und niemanden auf diesem Planeten, dem zu huldigen heute angebrachter wäre, als dem genialen Mastermind hinter diesem Blog, aufgrund der mir innewohnenden Bescheidenheit erwarte ich das alles aber natürlich gar nicht, halte mich vielmehr vergleichsweise zurück und fasse mich kurz.

Denn viel gibt es aus dem vergangenen Jahr Reisswolfblog auch eigentlich nicht zu berichten. Genau genommen war das Jahr von diversen Versuchen geprägt, mir – mit Verlaub – in die Schnauze zu treten, was sich letztlich unter anderem auch darin äußerte, dass mein Blog die längste Blogpause seit Bestehen über sich ergehen lassen musste.

Positiv ist dagegen anzumerken: Egal, wie lange man Pause macht, man trifft in der Blogosphäre tatsächlich doch wieder die selben Leute. :-)

Gerade diese Leute, also die fleißige Leserschaft, also ihr, sind es, seid es, die … ich fang den Satz nochmal an. Gerade euch Leserinnen und Lesern da draußen gebührt daher in diesem Jahr mein größter Dank, denn so ganz ohne diese charakterlich ausnahmslos extremst hochwertigen Menschen, also euch, würde das hier gar keinen Sinn ergeben. Und dass ihr trotz meines langen Fernbleibens doch immer noch hier seid, ist schon großes Kino.

Nachdem das nun gesagt ist, soll es das zu dieser ganzen Angelegenheit auch schon gewesen sein, deswegen: Gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen …!

Gehabt euch wohl!

„Erebus“ von Michael Palin

Buch: „Erebus“

Autor: Michael Palin

Verlag: Goldmann

Ausgabe: Taschenbuch, 464 Seiten

Der Autor: Sir Michael Palin, geboren 1943 in Sheffield, war Mitglied der britischen Komikergruppe Monty Python und ist bekannt aus zahlreichen Film- und Fernsehproduktionen. Er hat mehrere Reiseberichte, Romane und Tagebuchbände veröffentlicht und vielbeachtete Reisedokumentationen gedreht. Von 2009 bis 2012 war er Präsident der Royal Geographical Society, 2013 wurde er zum BAFTA Fellow ernannt, Ende 2018 von Queen Elizabeth II zum Ritter geschlagen. Er lebt in London. (Quelle: Random House)

Das Buch: 19. Mai 1845, Greenhithe, England: Sir John Franklin macht sich mit 134 Männern und zwei Schiffen, der Terror und der Erebus, auf den Weg ins arktische Eis, um den letzten weißen Fleck der Nordwestpassage zu kartieren. Drei Jahre später verschwinden die Schiffe, ihr Schicksal und das ihrer Crews bleibt mehr als anderthalb Jahrhunderte lang ein Rätsel – bis 2014 vor der Nordküste Kanadas ein wahrhaftiger Schatz gefunden wird: das Wrack der HMS Erebus.

Michael Palin – Monty-Python-Star, Weltenbummler und begnadeter Erzähler – entfaltet in seinem lebendigen und atmosphärischen Bestseller die so glanzvolle wie tragische Geschichte der Erebus; von ihrem Stapellauf über zahlreiche Fahrten auf allen Weltmeeren, die ihr und den vom Forschungsgeist getriebenen Entdeckern Ruhm brachte, bis hin zu der verhängnisvollen Expedition in die Arktis, die in einer Katastrophe endete. (Quelle: Random House)

Fazit: Anstelle eines Disputs über den norwegischen Blauling oder der Tätigkeit von Mr. Putey im Ministry of Silly Walks beschäftigt sich der Autor mit einem deutlich ernsteren, historischen Thema: Der 1845 unter Leitung von John Franklin aufgebrochenen Expedition zur Entdeckung der Nordwestpassage. Von den letztlich 129 in die Arktis gefahrenen Männern kehrte jedoch keiner zurück.

Zu Beginn wendet sich der Autor recht ausführlich der Herstellung der „Erebus“ sowie ihrem inneren und äußeren Aufbau zu. Möglicherweise mag dieser Einstieg einigen Teilen der Leserschaft als etwas behäbig erscheinen, den geschichts- sowie insbesondere seefahrtsinteressieren Leser – also mich – hat Palin aber bereits damit in seinen Bann gezogen und entlässt ihn aus diesem bis zum Ende des Buches nicht mehr.

Im Anschluss an diesen Einstieg beschäftigt sich der Autor mit vorangegangenen Polarexpeditionen, beispielsweise der unter John Ross im Jahr 1818, ebenfalls mit dem Auftrag, die Nordwestpassage zu finden. Diese Expedition machte im Nachhinein insbesondere deswegen von sich reden, weil der Expeditionsleiter Ross eine Wolkenformation im Lancastersund – und damit für die Entdeckung der Nordwestpassage eigentlich an genau richtiger Stelle – für ein Gebirge hielt, diesem den Namen „Croker Mountains“ gab und gegen den Protest einiger seiner Offiziere umdrehte und den Heimweg antrat. Mit Ross´ Reputation hatte es sich spätestens mit der nächsten Expedition unter William Edward Perry ein Jahr später erledigt, die an gleicher Stelle mitten durch dieses „Gebirge“ hindurchfuhr.

Die „Erebus“ und die „Terror“ kommen anschließend erstmals ins Spiel. 1839 segeln beide Schiffe unter dem Kommando von James Clark Ross – dem ungleich erfolgreicheren Neffen des oben genannten Ross – in Richtung Süden, um den magnetischen Südpol zu erreichen. Auch wenn dieses Ziel nicht erreicht wird, hatten beide Schiffe zumindest ihre Tauglichkeit für die Polarregion unter Beweis gestellt, was einer der zentralen Gründe dafür war, dass sie später unter John Franklin wieder in See stechen sollten.

Palin beschreibt all diese Expeditionen basierend auf Informationen aus Briefen, Büchern, Tagebuch- und Logbucheinträgen und auf eine derartig atmosphärische und lebhafte Art, dass kein Roman es besser könnte. Eine Reihe eingefügter Fotos unterstützen diese Wirkung noch. Unterbrochen werden die Schilderungen der geschichtlichen Ereignisse gelegentlich von Palins Eindrücken, die er im Hier und Jetzt bei Reisen an die Originalschauplätze der Expeditionen gewonnen hat. Gelegentlich ordnet er das damalige Geschehen auch angemessen in heutige Verhältnisse ein. So mögen die Briten der damaligen Zeit noch so gebetsmühlenartig wiederholt haben, nur im Dienste der Wissenschaft unterwegs gewesen zu sein, für den Autor ist allerdings unzweifelhaft, dass diese Expeditionen in erster Linie aus wirtschaftlichen Beweggründen erfolgten. Und wer möchte ihm da widersprechen? Anders als heute, wo vergleichbare Studien wirklich nur wissensch… wobei – hinsichtlich der Nordwestpassage entbrennt mit Fortschreiten des Klimawandels ja auch wieder eine erneute Diskussion um Eigentumsrechte, da die Kanadier einen Reibach mit Durchfahrtsrechten … ach, manche Dinge ändern sich nie.

Der letzten Fahrt der „Erebus“ und der „Terror“ räumt Palin in seinem Buch leider vergleichsweise wenig Platz ein, gefühlt beschäftigt sich lediglich das letzte Fünftel des Textes mit dieser letzten Expedition. Dafür wird es dann hier umso spannender. Aus nachvollziehbaren Gründen bewegt man sich hinsichtlich der genauen Geschehnisse und des Ablaufs dieser Fahrt auf eher spekulativer Ebene. Aber dennoch gelingt es Michael Palin, aus den bekannten vorliegenden Fakten über die bis dahin größte Suchaktion des 19. Jahrhunderts und den dabei sowie später gemachten Funden – von handschriftlichen und in Steinhaufen deponierten Notizen der Expeditionsteilnehmer über Dinge des täglichen Lebens bis hin zu kryptischen Aufzeichnungen eines Matrosen – ein schlüssiges Gesamtbild zusammenzustellen.

Palin schließt sein Buch mit einer Ursachenforschung bezüglich der Gründe, die zum Scheitern der Franklin-Expedition geführt haben. Nun mögen von Skorbut über Tuberkulose bis hin zu Bleivergiftungen aufgrund mangelhaft hergestellter Lebensmittelkonserven viele Ursachen in Frage kommen, vollständig lösen wird man dieses Rätsel aber vermutlich nie.

Wer aber nur einen Hauch Begeisterung für hervorragend atmosphärisch geschriebene Sachbücher, die Romanen bezüglich ihrer Spannung in nichts nachstehen, aufbringen kann, sollte sich dessen ungeachtet trotzdem unbedingt mit Palins Buch beschäftigen.

And now for something completely different.

Demnächst in diesem Blog: „Der Sucher“ von Tana French.

„Die Entdeckung des Unendlichen – Georg Cantor und die Welt der Mathematik“ von David Foster Wallace

Buch: „Die Entdeckung des Unendlichen“

Autor: David Foster Wallace

Verlag: Piper

Ausgabe: Taschenbuch, 416 Seiten

Der Autor: David Foster Wallace, geboren 1962 in Ithaca/New York, gilt als postmoderner Kultautor und Chronist des amerikanischen Way of life. Seine Romane, Essays und Storys „gehören zum intellektuell und künstlerisch Verwegensten, was die moderne amerikanische Literatur in den vergangenen Jahren hervorgebracht hat“ (Der Spiegel). Im September 2008 nahm sich David Foster Wallace in seinem Haus in Kalifornien das Leben. (Quelle: Piper)

Das Buch: David Foster Wallace, Legende der amerikanischen Gegenwartsliteratur, erzählt die Geschichte des Unendlichen. Dieses Buch ist eine philosophische Einführung in ein großes Thema der Mathematik und zugleich eine Verneigung vor der Totalität des Kosmos und der menschlichen Geisteskraft: Wie das Unendliche denken? (Quelle: Piper)

Fazit: Menschen, die mich näher kennen, wissen, dass ich alles andere als ein mathematisches Genie bin. Ich habe die Mathematik in Schulzeiten in einem Zustand, der mir sicherlich ohne Aufhebens Zutritt zu Dantes fünftem Kreis der Hölle gewährt hätte, bis einschließlich der Klasse 12 absolviert bzw. durchlitten. Als ich der Lehrkraft eröffnete, dass es das dann in mathematischer Hinsicht für mich war, sagte besagter Mathelehrer in verächtlich-sarkastischem Ton vor versammelter Mannschaft: „Och, schade, die Stütze des Kurses verlässt uns!“, wofür er sich heute noch eine Schelle verdient hätte.

Aber er hatte ja recht, denn hinsichtlich der Vermittlung von Mathekenntnissen war mit mir zu dem Zeitpunkt schon lange nichts mehr anzufangen. Aber: Ich fordere mich gerne! Gut, in erster Linie nur in literarischer Hinsicht, aber was solls!? Und weil das so ist, habe ich in der Vergangenheit bereits schon den einen oder anderen Roman, das eine oder andere Sachbuch mit mathematischem Sujet gelesen. Anzuführen wären hierbei beispielsweise Simon Singhs Buch „Fermats letzter Satz“ oder Patrick Hofmanns Roman „Nagel im Himmel„.

Zugegeben, in die Kernbereiche der jeweiligen mathematischen Thematik bin ich dabei üblicherweise nicht vorgedrungen, will sagen, dass ich den Autoren in dieser Hinsicht nicht vollumfänglich folgen konnte. Aber das ist ja kein Grund, es nicht trotzdem nochmal zu probieren. Und so stand ich also vor langer, laaaaanger Zeit – seit ebenso laaaaanger Zeit lag das Buch nämlich nach drei erfolglosen Leseversuchen auf meinem Stapel ungelesener Bücher – in der Buchhandlung meines Vertrauens und ergriff frohen Mutes Wallace Buch, auf dass dieser Autor nun geeignet sei, sämtliche mathematischen Defizite bei mir hinwegzufegen und … nun ja, den Versuch war es wert.

Dabei gibt sich Wallace ja redlich Mühe. Zugegeben, seine Erwähnung, dass das Buch ein Versuch sei, Cantors Mathematik auch denen verständlich nahezubringen, die keine mathematische Hochschulbildung besitzen, war sicher gut gemeint, wirkt für jemanden, der bereits an der normalen Oberstufenmathematik gescheitert ist, allerdings nahezu einschüchternd. Zu recht, wie sich später herausstellen sollte …

Der Einstieg jedoch gelingt tatsächlich recht gut. Wallace beschäftigt sich erfreulich ausgiebig mit der Geometrie der alten Griechen und ähnlichen Grundlagen. Die ganze Sache auflockernd kommen dabei beispielsweise auch nochmal die Paradoxa des Zenon zur Sprache – u. a. die Geschichte mit Achilles und der Schildkröte, die Älteren werden sich erinnern. Auffällig ist hierbei der extensive Gebrauch von Fußnoten in Form von „FESI“-Abschnitten. „FESI“=Falls es Sie interessiert“ Diese Abschnitte dienen der Vertiefung des Gelesenen, stellen aber für entsprechend vorgebildete Teile der Leserschaft keinen Erkenntnisgewinn dar und können daher weggelassen werden.

Bereits hier zeigten sich beim Rezensenten kleine Ausfallerscheinungen im Basiswissen, denn: „Welche Zahlenmengen gab jetzt noch gleich und welche Zahlen gehören dazu.“? Die Gründe für diese Ausfallerscheinungen sind allerdings in erster Linie im massiven zeitlichen Abstand zum Matheunterricht zu finden und waren mittels Suchmaschinennutzung flugs auszubügeln.

Das Lesetempo ließ dann in der Folge allerdings deutlich nach, denn Wallace bewegt sich von den Griechen weg und diversen Mathematikern, die alle in irgendeiner Weise für Cantors Erkenntnisse wichtige Vorarbeiten geleistet haben, zu. Hier war ich zeitweise lange mit einzelnen Seiten, einzelnen Formeln beschäftigt, um selbige wirklich zu verinnerlichen, was dazu führte, mich zwischenzeitlich zu fragen, ob ich nicht lieber Prousts Gesamtwerk oder das Telefonbuch von Olpe im Sauerland auswendig lernen sollte …

Gänzlich vorbei war es für mich dann, als sich Wallace erstmals seinem Protagonisten und dessen Arbeit zuwendet. Der mehrseitige Abriss über Cantors Lebenslauf entzog sich selbstredend nicht meinem Verständnis, alles Folgende jedoch schon. Innerhalb weniger Seiten hatte ich als Leser das Gefühl, zusehends mit Formeln beworfen zu werden, die nie gesehene Symbole beinhalteten und sich nicht nur deswegen meinem Verständnis entzogen. Zusehends fragte ich mich halt eben auch, warum ich mir das antue. Und meine linke Gehirnhälfte, mit der Lektüre selbst vollauf beschäftigt, begann bereits zu winseln und stimmte der mir selbst gestellten Frage vehement zu: „Genau! Wieso eigentlich?“ Mein limbisches System forderte derweil ein, sich doch lieber das Nachtprogramm von Sport1 anzusehen, während meine rechte Gehirnhälfte lapidar verlauten ließ, für all das nicht zuständig zu sein. Nach der Ankündigung des Nachhirns, sich mit den anderen solidarisch zu erklären und seine Tätigkeit umgehend einzustellen, was recht unerfreuliche Folgen hätte haben können, und dem sich daraus entwickelnden zerebralen Generalstreik, sah ich mich zum Einlenken gezwungen.

Tja, und an der Stelle war es das dann für mich, so etwa ab Seite 160 war absehbar, dass alles Folgende für mich keinen Erkenntisgewinn, sondern schlicht eine massive Überforderung und vollständige Zeitverschwendung darstellen würde.

Ich werde also wohl nie erfahren, wie Georg Cantor mathematisch das Unendliche bewiesen hat. Und wenn, dann würde ich es nicht verstehen. Mit dieser Erkenntnis ausgestattet und zudem seit jüngster Vergangenheit um die Erfahrung reicher, dass ich nach Jahren der entsprechenden Abstinenz mittlerweile echt schlecht Schach spiele, sollte ich vielleicht die Erkenntnis ableiten, mich von allen die Logik betreffenden Dingen weitgehend fernzuhalten und mich banaleren Dinge zuzuwenden.

RTL II oder so, irgendwas, was mich halt nicht überfordert …

Demnächst in diesem Blog: Keine Ahnung, vielleicht „Erebus“ von Michael Palin …

„Der Name der Rose“ von Umberto Eco

Buch: „Der Name der Rose“

Autor: Umberto Eco

Verlag: dtv

Ausgabe: Taschenbuch

Der Autor: Umberto Eco, 1932 in Alessandria (Piemont) geboren, lebte bis zu seinem Tod am 19. Februar 2016 in Mailand und lehrte Semiotik an der Universität Bologna. Er verfasste zahlreiche Schriften zur Theorie und Praxis der Zeichen, der Literatur, der Kunst und nicht zuletzt der Ästhetik des Mittelalters. Der Roman ›Der Name der Rose‹ (dt.1982) machte Eco weltberühmt, viele weitere Romane folgten und wurden Bestseller. Er war einer der bedeutendsten Schriftsteller und Wissenschaftler unserer Zeit. Für sein Werk wurde er mit nicht weniger als neunundvierzig Ehrendoktorwürden aus aller Welt geehrt. (Quelle: dtv)

Das Buch: Italien, 1327. In einem abgeschiedenen Benediktinerkloster kommt es innerhalb kürzester Zeit zu unheimlichen Todesfällen: Ein Mönch ertrinkt im Schweineblutbbottich, ein anderer springt aus dem Fenster und ein dritter liegt tot im Badehaus. Der Abt bittet den für seinen Scharfsinn weithin bekannten William von Baskerville um Hilfe. Bei seinen Nachforschungen schafft sich der ehemalige Inquisitor einen ebenso gnadenlosen wie mächtigen Feind. Die Spuren führen William und seinen jungen Adlatus in die labyrinthische Klosterbibliothek, über die der blinde Jorge von Burgos wacht … (Quelle: dtv)

Fazit: Unlängst stand ich in der Buchhandlung meines Vertrauens und sagte zum dazu passenden Buchhändler meines Vertrauens sinngemäß: „Falls Sie übrigens mal wissen wollen, was aus dem Genre des historischen Romans geworden ist: DAS DA!“ Nur um dabei mit dem anklagenden Zeigefinger verächtlich auf die lange Reihe mutmaßlich kitschiger Machwerke zu deuten, auf deren in Fluchtreflexe auslösenden Pastellfarben gehaltenen Covern immer und ausschließlich eine Frau in vorsintflutlicher Kleidung inklusive Reifrock abgebildet ist, die sich in malerischer Umgebung befindet, wozu zwingend eine Burg oder aber ein Bau aus der Romantik im Hintergrund gehört, während besagte Frau beispielsweise in einem Mohnfeld steht, mutmaßlich weil sie in dreiundzwanzigster Generation eine gutgehende Opiumhandel-Dynastie leitet.

Denn sie ist augenscheinlich vorbei, die Zeit gut recherchierter und spannend geschriebener, aber eben nicht überromantisierter historischer Romane, die Zeit also von Büchern wie „Das Halsband der Taube“ von E.W. Heine, Tanja Kinkels „Unter dem Zwillingsstern“ oder meinetwegen dem allgegenwärtigen „Die Säulen der Erde“ von Ken Follett. Und sie wurde ersetzt durch eine Zeit von „Die Wanderhure und die Nonne“, „Die Entführung der Wanderapothekerin“, „Ein Schatten von Verrat und Liebe“ oder ähnlichen Werken, was ich ganz wertfrei meine, weil offensichtlich alles irgendwie seine Daseinsberechtigung hat. Haben soll …

Mit dieser Entwicklung konfrontiert, bleibt einem eigentlich passionierten Leser historischer Romane also vermutlich kaum ein gangbarer Ausweg, als sein Hauptaugenmerk auf ältere Werke zu richten. Und so fügte es sich ganz gut, dass ich – ich erwähne das gelegentlich – eine ganz zauberhafte Person, die sich an dieser Stelle herzlich gegrüßt fühlen darf,  davon überzeugen konnte, mir mehrmals im Jahr anlassbedingt Bücher aus der Abteilung „Klassiker“ zukommen zu lassen, zu der Ecos Buch zweifelsohne zählt.

Wobei es keine Selbstverständlichkeit war, dass ich mich mit „Der Name der Rose“ nochmal beschäftigen würde, denn meine bisherige Auseinandersetzung mit Ecos Bücher verlief nicht gänzlich ohne Komplikationen. Eigentlich hatte ich ja vergleichsweise viel Freude mit Büchern wie „Baudolino“, „Der Friedhof in Prag“ oder auch „Nullnummer“, da war aber immer noch mein bis heute andauerndes Scheitern an „Das Foucaultsche Pendel“ – und von der legendären Verfilmung von 1986, die ich einige Jahre nach ihrem Kinostart gesehen habe, ist in meinem damaligen jugendlichen Ich in erster Linie die halbnackige Valentina Vargas hängengeblieben.

Nach einem weiteren Blick auf die oben genannten Pastellalbträume stand mein Entschluss jedoch unwiderruflich fest … Und bereut habe ich diesen Entschluss nicht, “ Der Name der Rose“ reiht sich nahtlos ein in die Reihe überzeugender Eco-Leserfahrungen. Auch und gerade weil er so viel mehr darstellt, als „nur“ einen Krimi im historischen Gewand.

Als Erzähler fungiert Adson von Melk, der als Adlatus an der Seite des britischen Franziskanermönchs William von Baskerville im Jahr 1327 in einer Abtei im Appenin ankommt. Ursprünglich hat William dort den Auftrag, ein Treffen zwischen Vertretern des Papstes, des Kaisers und des Franziskanerordens zur grundsätzlichen Klärung einiger theologischer Fragen organisieren. Zum Zeitpunkt der Ankunft ist in der Abtei jedoch bereits ein Mord geschehen und Abt Abbo beauftragt William mit den Ermittlungen. In der Folge entwickelt sich unter anderem durch die Abgeschiedenheit der Abtei ein Art Whodunit-Krimi, der in seiner Komplexität seinesgleichen sucht, zumindest wenn man heutige Genrevertreter als Vergleich heranzieht. In sieben Kapiteln, die einen Zeitraum von sieben Tagen abdecken und ihrerseits nach dem Stundenbuch in Abschnitte von Prim bis Matutin eingeteilt sind führt der Autor seine Leserschaft über eine Vielzahl von falschen Fährten und zahlreichen Verdächtigen hin zu einem furiosen Finale in einer labyrinthisch angelegten Bibliothek.

„Der Name der Rose“ beschränkt sich aber nicht nur auf seine Krimihandlung, die ich als solches bereits als völlig ausreichend empfinden würde. Es ist darüber hinaus eben auch ein Sittengemälde zumindest des religiösen Elfenbeinturms vergangener Zeiten sowie ein Buch, das sich ausufernd mit philosphischen und theologischen Fragestellungen beschäftigt. Das muss man mögen und wer keinen Bezug dazu und kein Interesse daran hat, sondern sich stattdessen einfach „nur“ einen historischen Krimi wünscht, wird mit weiten Teilen des Buches keine Freude haben. Ich allerdings hatte sie, weil in meiner Wahrnehmung eben die Passagen der oben genannten Fragestellungen ausgesprochen viel zur Atmosphäre des Buches beitrugen.

Das tun ihrerseits auch die Charaktere im Rahmen ihrer Möglichkeiten, bei denen ich mich der Einfachheit halber auf die beiden Protagonisten beschränke. Adson von Melk liefert hierbei, auch in erzählerischer Hinsicht, einen überzeugenden Adlatus ab. Er weiß sehr genau, wo sein Platz ist, erlaubt sich aber im Laufe der Zeit mit zunehmendem Vertrauen zu William immer häufiger kritische Nachfragen. William wiederum ist der alles übertrahlende Protagonist dieser Erzählung. Ein ehemals für die Inquisition tätiger, sehr scharfsinniger Mann, der gerne diskutiert. Mit zunehmender Dauer des Romans fällt William mir allerdings immer wieder mit schon auffällig progressiven Meinungen auf, die zum Teil eher heutiger Zeit zuzuordnen wären und die als solche irgendwie deplaziert bis anachronistisch wirken. Zugunsten des Autors vermute ich aber einfach mal, dass das so sein soll. Grundsätzlich sei jedenfalls gesagt, dass Ecos überraschend zahlreiches Figurenensemble keine Wünsche offen lässt.

Wünschen werden sich Teile der Leserschaft allerdings vielleicht, dass Eco seinen Roman phasenweise in sprachlicher Hinsicht etwas zugänglicher gestaltet hätte. Gerade in den Passagen, in denen philosophische oder theologische Themen und Grundsatzfragen diskutiert werden, neigt der Autor ein wenig zur sprachlichen Weitschweifigkeit. Aber auch abseits dieser Passagen ist „Der Name der Rose“ ein Buch, dass seine Leserschaft durchaus fordert, ohne sie allerdings so wirlich zu überfordern. Ich persönlich mag so etwas ja, weswegen ich den Roman in Summe für ein hervorragend geschriebenes Buch halte.

Wer also wie ich die eine oder andere literarische Kenntnislücke aufweist oder auch nur genervt von den Pastellcovern ist, dem kann man die Lektüre nur wärmstens empfehlen.

Demnächst in diesem Blog: „Die Entdeckung des Unendlichen – Georg Cantor und die Welt der Mathematik“ von David Foster Wallace. Eine Geschichte des Scheiterns. Und zwar meines eigenen …

„Die Eroberung Amerikas“ von Franzobel

Buch: „Die Eroberung Amerikas“

Autor: Franzobel

Verlag: Zsolnay

Ausgabe: Hardcover, 544 Seiten

Der Autor: Franzobel, geboren 1967 in Vöcklabruck, erhielt u. a. den Ingeborg-Bachmann-Preis (1995), den Arthur-Schnitzler-Preis (2002) und den Nicolas-Born-Preis (2017). Bei Zsolnay erschienen zuletzt die Krimis „Wiener Wunder“ (2014), „Groschens Grab“ (2015) und „Rechtswalzer“ (2019) sowie 2017 der Roman „Das Floß der Medusa“, für den er auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis stand und mit dem Bayerischen Buchpreis ausgezeichnet wurde. Zuletzt erschien 2021 der Roman „Die Eroberung Amerikas“.  (Quelle: Hanser)

Das Buch: Ferdinand Desoto hatte Pizarro nach Peru begleitet, dem Inkakönig Schach und Spanisch beigebracht, dessen Schwester geschwängert und mit dem Sklavenhandel ein Vermögen gemacht. Er war bereits berühmt, als er 1538 eine große Expedition nach Florida startete, die eine einzige Spur der Verwüstung durch den Süden Amerikas zog. Knapp 500 Jahre später klagt ein New Yorker Anwalt im Namen aller indigenen Stämme auf Rückgabe der gesamten USA an die Ureinwohner. (Quelle: Hanser)

Fazit: Erwartungshaltungen und daraus resultierende Enttäuschungen sind ein weites Feld, wie Effi Briests Vater vielleicht gesagt hätte. Wäre ich beispielweise mit der unrealistischen Erwartung in diesen Tag gestartet, zu Hause bleiben und den Radiosender meines Vertrauens irgendwie davon überzeugen zu können, weiter „Alter Bridge“ zu spielen, so wäre ich nahezu unausweichlich sehr enttäuscht worden.

Und unter anderem eine unrealistische Erwartungshaltung war es eben auch, an der Franzobels neuer Roman bei mir gescheitert ist. So ging ich in meiner grenzenlosen Unkenntnis davon aus, dass sich der Autor in seinem Buch inhaltlich mehr mit der Klage des New Yorker Anwalts beschäftigen würde. Vor dem Hintergrund, dass sich beispielsweise mittlerweile diverse US-amerikanische Sportteams aus NFL und MLB der schon gefühlte Ewigkeiten bestehenden Forderung amerikanischer Ureinwohner nach einer Änderung ihrer Teamnamen berechtigterweise gebeugt haben, hätte dieser thematische Ansatz mit einer gewissen Aktualität punkten und viele relevante Fragestellungen behandeln können. Tatsächlich macht dieser Handlungsstrang allerdings nur einen minimalen Anteil des Buches aus.

Stattdessen hat Franzobel im Kern einen historischen Roman geschrieben, der sich inhaltlich detailliert mit der Expedition Ferdinand Desotos nach Florida beschäftigt, was ja nun per se nichts Schlechtes sein muss, zumal ich historische Romane mag. Ich beschloss also, mich von meiner enttäuschten Erwartungshaltung nicht weiter beeinflussen zu lassen, sondern mich vielmehr auf das einzulassen, was da denn nun kommen sollte.

Aber auch im weiteren Verlauf wollte „Die Eroberung Amerikas“ bei mir irgendwie nicht zünden. Und das wundert mich rückblickend schon, denn realistisch betrachtet macht Franzobel hier wenig anders als beispielsweise in seinem Roman „Das Floß der Medusa“, welches ich seinerzeit mit großer Begeisterung gelesen habe. Aber alles was dort in erzählerischer Hinsicht funktioniert hat, funktioniert für mich in seinem neuen Roman eben nicht.

Schon in „Das Floß der Medusa“ hat der Autor erzählerisch durchblicken lassen,  dass er eher einen Tatsachenbericht aus heutiger Sicht als einen reinen historischen Roman geschrieben hat. Ausmachen ließ sich das an allerlei anachronistischen Motiven, die an diversen Stellen mehr oder weniger beiläufig eingestreut wurden. Und auch in „Der Eroberung Amerikas“ verhält es sich ganz ähnlich. Es wirkt aus meiner Sicht nur leider vollkommen deplaziert.

Im Laufe der Handlung wird das Verhalten der Konquistadoren gegenüber den Ureinwohnern immer rauer und gipfelt schließlich in diversen Massakern, die explizit, blutig und schonungslos dargestellt werden. Anstatt es nun bei diesen Fakten zu belassen und sich tatsächlich eher im Bereich des Tatsachenberichts zu bewegen und die Ereignisse entsprechend auf die Leserschaft wirken zu lassen, versucht der Autor augenscheinlich, das Geschilderte ein bisschen aufzulockern, „die Grausamkeit erträglich“ zu machen, wie die Frankfurter Rundschau in ihrer Rezension schreibt. Nur: Hier gibt es nichts erträglich zu machen! Durch Franzobels durchweg humoristischen Ansatz – er dichtet der Expedition unter anderem die Urheberschaft für Fritten, Hamburger, Football und Personenkontrollen an Flughäfen an – verkommt das Geschilderte zur Farce und sein Roman zur Groteske. Und ja, im Grunde war der Ansatz in „Das Floß der Medusa“ ähnlich und in dort ging es immerhin um Themen wie Kannibalismus. Im vorliegenden Fall halte ich persönlich den humoristischen Ansatz – der im Übrigen, auch wenn man ihn schätzen würde, ohnehin nur mäßig unterhaltsam ist und eine überschaubare Halbwertzeit hat – nur leider für gänzlich unangemessen. So wirkt das Ganze nicht wie ein adäquater Umgang mit den Ereignissen, sondern eher wie „Kick-Ass“. Schade.

Eine rühmliche Ausnahme von dieser Kritik stellt lediglich der Notar Turtle Julius dar, der im Verlaufe der Handlung einiges durchmachen muss und irgendwie an Monty Pythons „Schwarzen Ritter“ erinnert. Der ist wirklich komisch – und hätte als humoristisches Element des Buches vollkommen ausgereicht.

Ein weiteres Ärgernis stellen die Charaktere des Buches dar. Während sie in Franzobels letztem Buch bereits guten Gewissens als etwas überzeichnet durchgehen dürften, gilt hier das ziemliche Gegenteil. Empfand ich den Protagonisten selbst noch als recht vielschichtige Figur, als einen aus reiner Zweckmäßigkeit mit einer ungeliebten Frau verheirateten, vom Erfolgshunger getriebenen und  von der Angst vor der Bedeutungslosigkeit verfolgten Mann, ist es dem Autor nicht gelungen, seinen Nebenfiguren ausreichend Profil zu verleihen, um sie als Leser auch nur halbwegs sicher auseinanderhalten zu können. Das ist selbstverständlich ein äußerst subjektiver Eindruck, aber ich zumindest habe es irgendwann aufgegeben, zwischen den überdies sehr skurrilen Figuren unterscheiden zu wollen und sie der Einfachheit halber für mich zu einer Art Personen-Pool zusammengefasst.

In Summe entsteht der letztlich Eindruck, als habe ich sich der Autor an seinem letzten Roman orientieren und in jeglicher Hinsicht noch eines draufsetzen wollen. Nur manchmal ist weniger halt eben doch mehr.

Nun mag man angesichts der Tatsache, dass „Die Eroberung Amerikas“ auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2021 steht, und auch die Pressestimmen, zumindest in meiner Wahrnehmung, mehrheitlich positiv waren, den Schluss ableiten, dass ich keine Ahnung habe, und das mag vielleicht so sein. Die genannten Punkten wiegen für mich allerdings zu schwer, als dass ich mit Franzobels neuestem Werk so richtig glücklich geworden wäre. Und das ist für mich ebenso überraschend wie schade.

Demnächst in diesem Blog: „Der Name der Rose“ von Umberto Eco.