Freitagsfragen #93

Freitagsfragen

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

seht, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird, denn die Freitagsfragen im Brüllmausblog gehen in ihre nächste Runde und in die erste im Jahr 2020. Ich gebe zu, sie schmerzlich vermisst zu haben, die Freitagsfragen. Auch wenn sie mich heute teilweise vor Schwierigkeiten stellen. Legen wir los:

 

1.) Hast Du Dir für dieses Jahr Vorsätze gemacht? Wie lauten sie?

Nein, das habe ich nicht. Ich fänd es dagegen schön, wenn sich das Jahr mal Vorsätze gemacht hätte, in erster Linie vielleicht den, mich ausnahmsweise mal weitgehend unbehelligt zu lassen, mich nahezu zu vergessen. Ja, das wäre toll. Ich glaube nicht daran, aber es wäre toll.

Vorsätze, so sage ich immer, sind etwas für Leute, die im Laufe des Jahres versäumt haben, etwas umzusetzen, was sie für änderungswürdig halten, von dem sie aber wissen, dass sie es sowieso nicht gebacken kriegen, weswegen sie sich das Jahresende für ihr Vorhaben aussuchen, um zu den etwa 50 % zu gehören, die dann mit der Umsetzung ihrer Vorsätze innerhalb der ersten zwei Monate des Jahres scheitern.

2.) Du hast die Wahl zwischen einem schnellen, ungesunden und einem gesunden aber tristen Essen. Welches wählst Du?

Nun, machen wir uns mal den Spaß und googeln „gesunde Lebensmittel“, um anschließend die Liste der im „Focus“ – einem Medium, das abseits unserer aktuellen Recherche gerne im Orkus des Vergessens verschwinden möge – aufgeführten Lebensmittel aufzurufen, dann sehen wir, dass dort bereits unter dem Buchstaben A kulinarische Köstlichkeiten wie Algen, Amaranth, Artischocken und Austern aufgeführt werden. Und nachdem ich mich über H wie Hafer oder Hüttenkäse nach K wie Kefir oder Kürbis vorgearbeitet habe, wende ich mich schaudernd ab und entscheide mich für anständiges, reelles, kalorienhaltiges und ungesundes Essen.

Jetzt mal ehrlich: Hüttenkäse!

3.) Woran denkst Du zuerst, wenn Du das Wort „auffällig“ hörst?

Um ehrlich zu sein, denke ich da spontan nichts. Außer vielleicht, dass man das „auffällig“ in „verhaltensauffällig“ mittlerweile in „originell“ geändert hat.

4.) Die Wahl der Qual: Du musst sterben, doch wirst wiedergeboren. Leider warst Du nicht so wohlverhalten wie Du hättest sein können und wirst vor eine schwierige Wahl gestellt: Wann sollst Du wiedergeboren werden: In der schwierigen Zeit während der Inquisition oder der ungewissen und eher dystopischen Zukunft?

Wir befinden uns in der Hölle, dem Stammsitz der Fate LLP unter Leitung des Geschäftsführers S. Atan, der zusammen mit seinem Stellvertreter, Prokuristen und Faktotum Lübke etwas zu feiern hat.

„Wir haben ihn, Lübke, wir haben ihn! Endlich gehört der Reissswolfblog-Spinner uns! Wie lange habe ich auf diesen Tag gewartet?“

„Ja, Chef, ich kann es auch noch nicht ganz fassen.“

„Wie lange ist er jetzt eigentlich schon hier? Und wurde er schon einem Arbeitsbereich eingeteilt? Ich wäre für die Schwefelminen …“

„Seit gestern, Chef. Ich habe ihn bis jetzt in einer Zelle eingesperrt, bis entschieden wird, was mit ihm werden soll. Es sollen also die Schwefelminen …“

*Es klopft an der Tür*

„Herein!“

*Ein sichtlich nervöser Lakai betritt stammelnd den Raum*

„Die, ähm, die P-P-P-Post für Euch, mein Herr und Meister und diabolischste fürstliche Durchlaucht!“

„Danke, er kann sich entfernen.“

*Der Lakai tritt dankend ab, S. Atan öffnet den Brief und beginnt zu lesen*

„Was? WAS? Wollen die mich verarschen?! Ich … oh, dieser … irgendwann werde ich ihn …“

„Chef, was ist denn los? Ich hätte nie gedacht, das mal zu sagen, aber: Sie sind ein bisschen blass geworden.“

„Hier steht, Lübke, hier steht …, dass die uns übergeordnete Instanz …“

„Wer?“

„Na, ER!“

„Ach, ER!“

„Genau. Also, dass ER beschlossen hat, dass der Reisswolfblog-Spinner wiedergeboren werden soll. Raus wir ihn herrücken sollen.“

„Was?“

„Ich meinte, wir sollen ihn herausrücken.“

„Und dann?“

„Na, hier steht, er hat zwei Wahlmöglichkeiten …  Ganz ehrlich, das verzeihe ich den Himmelsspinnern nie, Lübke, meine Rache wird fürchterlich sein, ich …“

„Was machen wir denn jetzt?“

„Na, zuerst holen Sie mir mal den Reisswolfblog-Spinner!“

*Lübke geht ab und betritt kurz danach mit besagtem Spinner wieder den Raum*

„Ähm, wo bin ich …?“

„In der Hölle! Und Schnauze, Sie haben jetzt Sendepause. Hier rede ich.“

„Und Sie sind?“

„Ich habe gesagt, hier rede ich! Ich bin S. Atan, diabolischste, fürstliche Hoheit und Leiter des ganzen Kappes hier.“

„Sie sind der Teufel?“

„Nun, wenn Sie so wollen.“

„Den Teufel hatte ich mir irgendwie … anders …“

„Schnauze jetzt! Also: Punkt eins: Sie sind tot! Punkt zwei: Das kann man ändern! Denn Punkt drei: In meiner grenzenlosen Güte und Milde habe ich entschieden, dass …“

„Aber Chef, das waren nicht …“

„Schnauze, Lübke! Also, ich habe entschieden, dass sie wiedergeboren werden. Sie haben zwei Möglichkeiten: Entweder in Zeiten der Inquistion oder aber in einer ungewissen und dystopischen Zukunft. Entscheiden Sie! Jetzt!“

„Nun ja, also, das will ja gut überlegt sein. Inquisition sagen Sie? Nun, einerseits bin ich ein Mann und nur etwa ein Viertel aller Opfer der Inquisition waren männlich, insofern … Und darüber hinaus bin ich Protestant und in der Liste der Häresien – wussten Sie eigentlich, dass es bei Wikipedia eine Liste der Häresien gibt? Ich finde das witzig – also, jedenfalls in der Liste der Häresien stehen Protestanten nicht drin. Obwohl, ich habe kürzlich einen Blogbeitrag eines offensichtlich fundamentalen Katholiken gefunden, mit dem Titel „Protestantismus ist die radikalste aller Häresien. Wirklich, sie brauchen nur „Protestantismus Häresie“ googeln, da ist es gleich der erste Treffer. Aber, nun ja, jedenfalls, die Meinung hat dieser Mensch wohl eher exklusiv, denn in der Liste der Häresien stehen Protestanten nicht drin. Ganz im Gegensatz zum Semipeliaganismus oder Jansenismus, was immer beide sein mögen. Lustigerweise stehen auch „Enthusiasten“ drin, wenn Sie also das nächste Mal etwas voller Enthusiasmus tun, denken Sie mal drüber nach. Wo war ich? Ach ja, Inquisiton … nun ja, aus den vorliegenden Gründen müsste ich von der Inquisition relativ unbehelligt bleiben, deshalb … andererseits … ich bin durchaus geschichtlich interessiert und möglicherweise lande ich dann ja in einer Epoche, in der ich mich auskenne und in der ich weiß, was passieren wird. Politisch und so. Mal ganz davon abgesehen, dass ich damit eine bemerkenswerte Karriere à la Nostradamus hinlegen könnte, wäre das vielleicht etwas langweilig, deshalb … wie war die zweite Möglichkeit?“

„Ähm … Dystopie …ungewisse, dystopische Zukunft …“

„Nun, was eine Dystopie ist, liegt ja immer im Auge des Betrachters. Eine Welt, in der alle Menschen glücklich sind und fern jeder Sünde, fände ich persönlich zum Beispiel super, Sie dagegen dürften das als durchaus dystopisch bezeichnen. Oder nehmen wir mal Alice Weidel. Eine weltoffene Gesellschaft aus Menschen unterschiedlichster Herkunft und ohne Ressentiments gegeneinander wäre doch eigentlich super, oder!? Für Frau Weidel muss das eine wahre Dystopie sein. Das merken Sie, wenn Sie sich mal den Twitter-Account von Frau Weidel ansehen. Haben Sie das schon mal getan?“

„…“

„Jedenfalls: Richtig übel! Richtig, richtig übel! Aber wirklich riiichtig übel, was da so steht. Beispielsweise hat sie vor zwei Tagen getwittert, dass die Zahl der Salafisten in Deutschland immer mehr zunehme – insgesamt 12.150 Personen – und der Staat nichts unternehme. Währenddessen hat die Anzahl der Neonazis im letzten Jahr einen neuen Höchststand erreicht und liegt bei über 24.000 Menschen. In Frau Weidels Wahrnehmung sind die aber offensichtlich trotz höherer Anzahl das geringere Problem. Oder hier, zur Organspende: Mal ganz davon ab, dass man zur Widerspruchsregelung kritisch stehen kann, schreibt sie „Sich nicht zu äußern, kann bei sensiblen Themen wie der Organspende nie Zustimmung bedeuten.“ Nun bin ich kein Jurist, aber „Tun, Dulden und Unterlassen sind Rechtshandlungen, die zu Rechtsfolgen führen“ ist schon bei Wikipedia zu lesen und „Tun durch Unterlassen“ habe sogar ich als Nichtjurist mal gelernt. Man kann ja auch nicht sagen „Die Kündigung nicht zu äußern, kann nie die Zustimmung zur Fortführung des Arbeitsverhältnisses bedeuten.“ Doch, kann sie. Und so ist das hier eben auch. Zwar ist Frau Weidel auch keine Juristin, hat aber zumindest VWL und BWL studiert – wie langweilig – und sollte davon vielleicht auch mal gehört haben. Wie auch immer, am besten gefiel mir aber ihr Tweet, in dem sie der Opfer vor Flucht und Vertreibung gedachte, auch erst vier Tage her. „Vor 75 Jahren flohen 2,5 Millionen Deutsche vor der vorrückenden Roten Armee, völlig überhastet nur mit dem Notwendigsten auf Pferdewagen oder mit Schubkarren in den minus 20 Grad kalten Winter.“, schrieb sie. Die russische Botschaft antwortete darauf mit: „Da sollte man sich vielleicht auch daran erinnern, weswegen die Rote Armee vorrücken musste.“ Ich fands witzig! Na, jedenfalls, wie gesagt, Dystopie ist immer Ansichtssache und wenn Sie etwas als Dystopie bezeichnen, dann bin ich guten Mutes, dass mir hingegen das Szenario ganz gut gefallen dürfte, deshalb …“

„Chef, sollten wir nicht sagen, dass das nicht von uns …“

„Schnauze, Lübke! Also, Sie Spinner, wofür entscheiden Sie sich!?“

„Ich nehme die ungewisse, dystopische Zukunft, ich bin mir sicher, dass das spann…“

*Es macht „paff“ und der Reisswolfblog-Spinner verschwindet in einer Rauchwolke*

„Endlich! Ich dachte, der hört nie auf! Ganz ehrlich, Lübke, ich bin froh, dass wir diesen Schwätzer los sind. Diese Ruhe, diese wunderbare Stille.“

„Und jetzt?“

„Jetzt ziehen Sie los und kaufen einen Geschenkkorb.“

„Für wen?“

„Na, für IHN!“

 

Das war es dann auch schon wieder! Ich wünsche allseits einen schönen Restfreitag und einen guten Start in ein anschließendes, hoffentlich schönes Wochenende.

Gehabt euch wohl!

„Die Wälder“ von Melanie Raabe

Das Buch: „Die Wälder“

Autorin: Melanie Raabe

Verlag: btb

Ausgabe: Paperback

Die Autorin: Melanie Raabe wurde 1981 in Jena geboren. Nach dem Studium arbeitete sie tagsüber als Journalistin – und schrieb nachts heimlich Bücher. 2015 erschien „Die Falle“, 2016 folgte „Die Wahrheit“, 2018 dann „Der Schatten“. Ihre Romane werden in über 20 Ländern veröffentlicht, mehrere Verfilmungen sind in Arbeit. Melanie Raabe betreibt zudem gemeinsam mit der Künstlerin Laura Kampf einen erfolgreichen wöchentlichen Podcast rund um das Thema Kreativität, „Raabe & Kampf“. Melanie Raabe lebt und arbeitet in Köln. (Quelle: Random House)

Das Buch: Als Nina die Nachricht erhält, dass Tim, ihr bester Freund aus Kindertagen, unerwartet gestorben ist, bricht eine Welt für sie zusammen. Vor allem, als sie erfährt, dass er sie noch kurz vor seinem Tod fast manisch versucht hat, zu erreichen. Und sie ist nicht die Einzige, bei der er sich gemeldet hat. Tim hat ihr nicht nur eine geheimnisvolle letzte Nachricht hinterlassen, sondern auch einen Auftrag: Sie soll seine Schwester finden, die in den schier endlosen Wäldern verschwunden ist, die das Dorf, in dem sie alle aufgewachsen sind, umgeben. Doch will Nina das wirklich? In das Dorf und die Wälder zurückkehren, die sie nie wieder betreten wollte … (Quelle: Random House)

Fazit: Es ist nun schon über drei Jahre her, seit ich Melanie Raabes Debüt „Die Falle“ gelesen habe und nachhaltig beeindruckt war. Die kammerspielartige, psychologische Spannung des Romans ist mir ebenso nachhaltig im Gedächtnis geblieben wie die mehr als überzeugende Darstellung einer vielschichtigen und manchmal nicht ganz rund laufenden Hauptfigur.

Derlei mit Vorkenntnissen ausgestattet, fühlte ich mich ausreichend gerüstet, um mich nach langer Zeit erneut auf ein weiteres Buch von Melanie Raabe einzulassen. Schade nur, dass mich selbiges eher enttäuscht zurücklasst. Aber beginnen wir mal der Reihe nach.

Wir haben also Nina, deren bester Freund Tim verstorben ist und sie mittels einer vor seinem Ableben verschickten Sprachnachricht sowie eines Briefes auffordert, sich auf die Suche nach seiner vor 20 Jahre verschwundenen Schwester Gloria zu machen.

In der Folge wechselt die Autorin beständig zwischen zwei Handlungssträngen. In der Gegenwart wird geschildert, wie Nina sich mit dem Polizisten David in Verbindung setzt – einem weiteren Freund aus Kindertagen -, um ihn davon zu überzeugen, gemeinsam Tims letzten Wunsch zu erfüllen und wie beide dann zusammen versuchen, den Geschehnissen von damals auf den Grund zu gehen.

Der zweite Handlungsstrang widmet sich den damaligen Ereignissen, dem Verschwinden von Gloria und erläutern, warum Nina und David so große Vorbehalte haben, sich wieder in das tief in den Wäldern abgelegene Dorf ihrer Kindheit zu wagen.

Die Schwierigkeiten beginnen dabei für mich schon beim Setting, das ich Frau Raabe in der vorliegenden Form so einfach nicht abnehme: Nina organisiert eine Mitfahrgelegenheit, um in ihr weit abgelegenes Dorf zu kommen. Und das muss wirklich,  wirklich abgelegen sein … Nicht, dass es nicht auch hier in der Gegend entferntere in Wäldern gelegene Ortschaften gäbe, aber wenn erwähnt wird, dass Ninas Plan unter anderem vorsieht, auf ihrem Weg in dieses in den Wäldern gelegene Dorf an Kilometer 158 nach der letzten Autobahntankstelle auf bestimmte Art aktiv zu werden, die an dieser Stelle nicht weiter interessiert, dann frage ich mich: Ernsthaft? Es gibt keine Autobahntankstelle, die am Zielort näher als 158 Kilometer dran ist? Kann man hierzulande überhaupt 158 Kilometer am Stück in eine beliebige Richtung fahren, ohne an einer Autobahn bzw. Autobahntankstelle vorbeizukommen?

Darüber hinaus ist es für Ninas Plan von elementarer Wichtigkeit, dass sie den Kilometer 158 ihrer Strecke nicht verpasst. Trotzdem schätzt sie einige Zeit nach Beginn der Fahrt notgedrungen, wie viele Kilometer sie denn nun wohl schon zurückgelegt haben, um dann zu rechnen, wie viele der 158 Kilometer noch vor ihr liegen. Sie muss schon sehr gut schätzen können, eine Fehlertoleranz ist zur Umsetzung ihres Plans nämlich nicht drin.

Es geht mit Ninas Fahrgelegenheit weiter: Es stellt sich heraus, dass der Fahrer – aus Gründen, die nicht näher genannt werden, das ist also einfach so – in regelmäßigen Abständen in „die Stadt“ fährt, in der Nina wohnt und mit dem sie aus genau diesem Grund mitfährt. Genaue Ortsnamen gibt Frau Raabe übrigens wohlweislich nicht an. Warum der Fahrer nun genau in diese Stadt fährt, die, wie wir ja nun wissen, mehr als 158 Kilometer von seinem Heimatdorf entfernt liegen muss und ob es da nicht eine gäbe, die vielleicht näher liegt, in der er auch seinem Tun, welches auch immer das ist, nachgehen kann, all das wissen wir nicht. Ich persönlich hätte es gerne erfahren …

Kleinigkeiten, wie die Tatsache, dass es im kleinen Dorf eine Bäckerei gegenüber des Rathauses gibt und mich ob dieses Umstands frage, warum denn dieses winzige Dorf ein Rathaus hat, weil Rathäuser meines Erachtens nur in Städten beheimatet sind, fallen da dann auch nicht mehr nennenswert ins Gewicht.

Auch in stilistischer Hinsicht konnte mich Frau Raabe diesmal nicht überzeugen, gerade wenn man weiß, zu welch guten Leistungen sie in diesem Bereich fähig ist. Zwar ist der bewährte Aufbau mit zwei Handlungssträngen nicht zu bemängeln und darüber hinaus enthält das Buch eine klug eingearbeitete Schlüsselszene, die man als Wendepunkt in der Motivation der Figuren begreifen kann, aber spachlich und gerade im Bereich der Dialoge wäre noch viel Luft nach oben gewesen. Gut, es mag sein, dass ich dialogtechnisch nach wie vor Star-Wars-geschädigt bin und deshalb besonders gut darauf achte, aber insbesondere der Dialog zwischen Nina und David, in dem sie ihn davon zu überzeugen versucht, dass sie Tims Bitten zur Suche nach dessen Schwester nachkommen sollen, ist an Kitsch, Pathos und Gemeinplätzen schwer zu überbieten. Die Dialoge der Jugendlichen im in der Vergangenheit spielenden Handlungsstrang sind dabei deutlich besser, weil lebensnäher, gelungen. In Summe allerdings bleibt, wie gesagt, viel Luft nach oben.

Das gilt nun leider, wenn auch in abgeschwächtem Maße, auch für die Charaktere. Ja, sie werden mit einer Hintergrundgeschichte versehen, diese beschränkt sich aber ausschließlich darauf, zu erläutern, was Nina, David und Co. in ihrer Kindheit im Dorf passiert ist, um daraus ihre Motivation fürs heutige Handeln abzuleiten. Ich hätte da durchaus gerne ein wenig mehr gehabt. Außerdem kann man insbesondere Ninas Handeln phasenweise durchaus als wenig nachvollziehbar bezeichnen. Merke: Nur weil ich mir in einer Gemeinschaft aus 11-Jährigen mal geschworen habe, jemanden umzubringen, weil ich davon überzeugt bin, dass dieser Jemand ein böser Mensch ist und böse Dinge getan hat, taugt das nicht als eine Motivation für Erwachsene, genau diesen Plan mit der Argumentation „Aber wir haben es geschworen!“ durchzusetzen, weil man eben nunmehr erwachsen sein sollte und in der Lage, eine gute Idee von einer dummen, strafbaren zu unterscheiden.

Der Plot selbst wartet, abseits des oben erwähnten guten Wendepunktes mit vergleichsweise wenig Überraschungen auf, es mag aber sein, dass ich diesen Kritikpunkt exklusiv hatte. Er wirkt insgesamt, angesicht der ebenfalls oben erwähnten Schwierigkeiten mit dem Setting, teils arg konstruiert und kann leider nicht in vollem Umfang überzeugen.

Insgesamt finde ich es durchaus schade, dass ich über „Die Wälder“ nichts Besseres sagen kann, insbesondere da mit „Die Falle“ so gefallen (ha!) hat, aber manchmal soll es halt nicht sein. Vielleicht probiere ich es mal mit einem von Raabes anderen Büchern …

Wertung:

Handlung: 6,5 von 10 Punkten

Charaktere: 4,5 von 10 Punkten

Stil: 6 von 10 Punkten

Atmosphäre: 2,5 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 4,875 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: Claire Adam und ihr „Goldkind“ mussten sich jetzt eine Weile gedulden, da sich Frau Raabe dazwischengeschummelt hat, als nächstes sollte dann aber wirklich „Goldkind“ dran sein.

abc.Etüden KW 2/3 IV

abc.etüden 2020 02+03 | 365tageasatzaday

 

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leserm

ja, ich gebe zu, mir fällt selbst auf, dass ich mich im Rahmen der Etüden über immer dieselben Schergen des Politzirkus echauffiere. Insofern tut mir die Themenarbmut schon etwas leid. Aber was soll ich denn machen, wenn eben diese Schergen immer wieder Bockmist produzieren!? Aus diesem und aus dem Grund, dass ich niemandem die neuesten Untaten des Herrn S. vorenthalten  möchte, gibt es nunmehr eine weitere der von Christiane geleiteten Etüden, die diesmal auch die Wortspende beigesteuert hat.

 

„Oh, die Farbe kenne ich. Das ist Zornesröte! Über wen regen wir uns denn diesmal wieder auf? Die AfD? Ja, oder!? Nein, warte, Seehofer? Ja, der, sicherlich! Oder Trump?“

„Angesichts der Tatsache, dass der amerikanische Verteidigungsminister Esper zugegeben hat, dass die angeblich „konkreten Anschlagspläne“, mit denen Trump den Mord an Soleimani begründet hat, genauso wenig in der Form existieren, wie die Massenvernichtungswaffen im Irak Anfang der 2000er, könnte ich mich über den auch aufregen, ja. Tatsächlich rege ich mich aber über Spahn auf. Ich würde mir wünschen, irgendjemand würde ihn zum Skiurlaub auf einer mickrigen Lofoten-Insel abkommandieren.“

„Oh, den hattest Du länger nicht. Was hat er getan?“

„Nun, von Anfang an: 2017 hat das Bundesverwaltungsgericht entschieden, dass „in extremen Ausnahmesituationen“ todkranken Menschen der Zugang zu Medikamenten zur Selbsttötung nicht verwehrt werden dürfe.“

„Aha.“

„Dafür musste man dann Anträge stellen, die, so das Gerichtsurteil, im Einzelfall geprüft werden müssen.“

„Okay. Und?“

„Nun kam heraus, dass das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte – die Stelle, an der die Anträge gestellt werden müssen und die Spahn untersteht – wohl auf Anweisung des Herrn Spahn 102 solche Anträge pauschal, also ohne Einzelfallprüfung, abgelehnt hat. Über 34 weitere sei noch nicht entschieden.“

„Das heißt, es setzt sich über geltendes Recht hinweg? Mit welcher Begründung?“

„Weil er seinerseits Rechtssicherheit haben will und deshalb das Urteil des Bundeverfassungsgerichts abwartet, das am 26. Februar über das Verbot zur gewerbsmäßigen Sterbehilfe entscheiden will.“

„Er will abwarten?“

„Er will abwarten!“

„Er weiß aber schon, dass „Abwarten“ für todkranke Patienten jetzt keine so optimale Option ist, oder!?“

„Da bin ich mir leider nicht so sicher.“

„Zusammengefasst: Es existiert ein Urteil, das todkranken, verzweifelten Menschen ermöglicht, sich länger andauernde Qualen zu ersparen, man hat also auch beim Gesundheitsministerium aktuell geltende Rechtssicherheit und unseren Gesundheitsminister interessiert das einen Scheißdreck!?“

„So kann man das sagen.“

„Jetzt verstehe ich Deine Zornesröte.“

 

300 Worte

 

 

 

 

 

abc.Etüden KW 2/3 III

abc.etüden 2020 02+03 | 365tageasatzaday

 

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

es gibt halt so Dinge, bei denen es mir schlicht nicht möglich ist, nicht darüber zu schreiben. So auch heute, deswegen gibt es zur Wortspende der Etüdenorganisatorin Christiane nunmehr der Etüden dritten Streich.

 

 

„Worüber freust Du Dich so?“

„Weil die Österreicher offenbar Humor haben.“

„Hast Du das angezweifelt? Humor ist nicht nationenexklusiv.“

„Was? Nein! Was? Ich … – Du weißt genau, was ich meine!“

„Ist ja gut. Worum geht es denn nun?“

„Um den Beitrag in der ORF-Mediathek über die Vereidigung der neuen Regierung – in Österreich nutzt man meines Wissens das wunderschöne Wort „Angelobung“. Diesen Beitrag hat jemand versehentlich mit den Untertiteln einer vorher ausgestrahlten Telenovela versehen …“

„Und?“

„Nun ja, das hat zur Folge, dass man nun beispielsweise Kurz auf ein Dokument deuten sieht und als Untertitel steht dort „Sind die für Mama?“. Oder an anderer Stelle wendet sich Herr van der Bellen dem Herrn Kurz zu und der dazugehörige Untertitel lautet „Wie würdest Du dieses Küken nennen?“

„Okay, das ist … witzig!“

„Ja, sag ich doch! Meine Lieblingseinblendungen sind aber immer noch: „Hoffentlich hält die Strumpfhose.“ und „Danke, dass Du den Schwimmunterricht erlaubst“.“

„Wie geil! Aber wie um alles in der Welt passiert so was?“

„Na, ich schätze, der offizielle Untertiteleinblendungsbeauftragte war im Skiurlaub und dem Chef vom Dienst fiel gerade nichts anderes ein, als einen Praktikanten als Ersatz abzukommandieren …“

„Herrlich!“

„Ja, oder!? Weniger herrlich ist allerdings, dass man in Österreich derzeit beweist, dass auch Dummheit nicht nationenexklusiv ist.“

„Inwiefern?“

„Na, neue Justizministerin wird Alma Zadić, die in ihrer Kindheit vor dem Jugoslawienkrieg nach Österreich geflohen ist. Und die hat nun in erster Instanz einen Prozess wegen eines Fotos auf Twitter verloren, das einen Burschenschaftler beim vermeintlichen Hitergruß zeigt.“

„Und?“

„Und? Ja, was glaubst Du denn? Sie sieht sich auf Twitter mit Kommentaren wie „Eine kriminelle Muslima wird Justizministerin.“ und „Jetzt bekommen Ausländer Ministerposten“ auseinandergesetzt. Dabei ist sie weder Ausländerin, noch Muslima, noch kriminell. Aber Falschbehauptungen und Hetzte laufen halt auch woanders gut.“

„Hach, welch mickriges Hirn muss man haben, um so widerlichen …“

„Gar keines!“

 

 

300 Worte.

 

abc.Etüden KW 2/3 II

abc.etüden 2020 02+03 | 365tageasatzaday

 

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

wenn schon von sonst niemandem, so werde ich wenigstens gelegentlich von der Muse geküsst. Nein, nicht die Band! Und da die kurze, etüdenfreie Zeit ja segenswerterweise vorbei ist, kann ich dem Ergebnis daraus ja auch wieder gelegentlich Ausdruck verleihen. Also gibt es heute zur angenehmen Wortspende der Etüdenorganisatorin Christiane höchstselbst eine weitere Etüde. Bar jeden Humors und unter der Rubrik „Return of the Versmaß“ übrigens. Auf  gehts:

 

„Na, was machst Du?“

„Pssst, ich dichte. Auch in 2020 wieder.“

„Oh, na dann will ich Dich mal nicht weiter …“

„Warte! Hör Dir wenigstens an, was ich habe.“

„Also, um ehrl…“

„Och, bitte.“

„Na gut.“

„Okay, also hier, ich nenne es „Der Weltenwächter“.

„Klingt nach Fantasy …“

„Leider nicht … – also:

Es war einmal ein Präsident,
und noch dazu ein ziemlich schlechter,
der sich in ´ne Idee verrennt,
er hält sich für den Weltenwächter.

Entdeckt für sich das Kommandieren,
kurz darauf sind Menschen tot,
nun, das kann ja mal passieren,
des Opfers Auto glüht noch rot.

Man wünscht, es wäre noch Advent,
der Präsident im Skiurlaub,
man wünscht, er hätte dort verpennt,
und wär´ verfall´n zu Staub.

Stattdessen nun Raketen ziehen,
ihre Spur am Firmament,
ob bald nun wieder Menschen fliehen?
Na, sicher nicht der Präsident.

Er sieht sich weiter voll im Rechte,
obschon nun weit´re Menschen tot,
wohl dieser Mensch, der schlechte,
nie hat gehört von Mordverbot.

Es schmiedet nun der micktig´Wicht,
weiter stur sein Ränkespiel,
warum, weshalb, das weiß man nicht,
was ist denn nun sein Ziel?

Man wünscht ihm endlich mal ein Hirn,
denn ohne eins erscheint er dumm,
selbst wenn er trägt den feinsten Zwirn,
ach wäre er doch endlich stumm.

Na, was hältst Du davon?“

„Gefällt mir! Das muss man sich aber wirklich vorstellen: Da befiehlt ein Präsident einen Mord – ohne Haftbefehl, Festnahme, Anklage, Prozess oder Gerichtsurteil, einfach so. Nun handelt es sich beim Mordopfer nicht um ein Unschuldslamm, allerdings ist das völlig egal, denn dieses Vorgehen entspricht nicht meinem Verständnis eines Rechtsstaats.“

„Exakt! Und niemand stellt sich hin und sagt: „Das war eine dumme Idee und Du bist ein Trottel!“ Nein, alle sagen der Gegenseite: „Bitte seid lieb, schießt nicht zurück!“ Kannste Dir nicht ausdenken, so was.“

„Ich sehe, wir sind uns ausnahmsweise einig.“

 

300 Worte.

 

 

 

„Willkommen in Lake Success“ von Gary Shteyngart

Buch: „Willkommen in Lake Success“

Autor: Gary Shteyngart

Verlag: Penguin Verlag

Ausgabe: Hardcover, 432 Seiten

Der Autor: Gary Shteyngart wurde 1972 als Sohn jüdischer Eltern in Leningrad, dem heutigen St. Petersburg, geboren und kam im Alter von sieben Jahren in die USA. Er legte 2002 mit »Handbuch für den russischen Debütanten« seinen Erstling vor, ein New-York-Times-Bestseller, der u.a. mit dem National Jewish Book Award for Fiction geehrt wurde. Es folgten die vielfach ausgezeichneten Erfolgsromane »Absurdistan« und »Super Sad True Love Story« sowie zuletzt sein autobiografisches Buch »Kleiner Versager«. »Willkommen in Lake Success« ist der vierte Roman des New Yorker Kultautors, er wurde mehrfach zu einem der besten Bücher des Jahres 2018 gekürt und wird von HBO als Serie mit Jake Gyllenhaal in der Hauptrolle verfilmt. (Quelle: Random House)

Das Buch: Eines frühen Morgens entledigt sich Barry Cohen, Master of the Universe, der Fesseln seines allzu perfekten Lebens. Der Sohn eines jüdischen Poolreinigers hat eine traumhafte Karriere gemacht: Seine Hedgefonds spülen ihm Millionen aufs Konto, für ihn zählen nur Status, Ruhm, Prestige und Perfektion. Doch dann kommt der Tag des tiefen Falls: Er begreift, dass sein Sohn niemals in seine Fußstapfen treten wird. Mit nichts als seinen Lieblingsuhren im Gepäck flieht Barry mit einem Greyhound-Bus aus New York. Sein irrwitziger Plan: nach zwanzig Jahren seine College-Liebe Layla in El Paso zu treffen. Ob er mit ihr das echtere Leben von damals wieder aufnehmen kann? (Quelle: Penguin)

Fazit: Werden Männer mit einem großen Problem konfrontiert, so handeln sie meiner Erfahrung nach zur Lösung dieses Problems auf eine von drei unterschiedlichen Arten: Die einen gehen kurz weg, ziehen sich sozusagen in ihre sinnbildliche Höhle mit sich selbst zurück, denken intensiv über das Problem nach und kommen kurz darauf mit der aus ihrer Sicht besten Lösung zurück. Die nächsten gehen weg, kommen irgendwann wieder und hoffen, dass sich das Problem in der Zwischenzeit von selbst erledigt hat oder aber von anderen gelöst wurde. Und die letzten gehen einfach weg. Punkt.

Gary Shteyngarts Protagonist Barry Cohen gehört eindeutig zur letzten Gruppe.

Cohen ist Hedgefondsmanager, schwer reich, irgendwo so im oberen zwei- bis niedrigen dreistelligen Millionenbereich und verheiratet mit der umwerfend schönen und deutlich jüngeren Seema. Dass sich beide eigentlich nicht mehr lieben, das könnte Barry wohl noch verschmerzen. Aber da wäre ja noch Shiva, Seemas und Barrys Sohn. Shiva ist Autist. Und damit wiederum kann Barry so gar nichts anfangen. Und da ihm praktischerweise sowieso gerade das FBI bzw. die Steuerfahnung im Nacken sitzt, macht sich Barry aus dem Staub. Er besteigt einen Greyhound-Bus und fährt quer durch die Vereinigten Staaten auf der Suche nach seiner Jugendliebe, um mit ihr ein Leben zu leben, das ihm bislang verwehrt blieb.

Hach, was könnte ich alles über diesen wunderbaren Roman schreiben. Ich versuche dennoch, mich mal auf das minimal Notwendige zu beschränken, das dürfte schon genug sein …

Shteyngart lässt seinen Roman hauptsächlich im letzen Vor-Trump-Sommer spielen. Dabei werden die Ereignisse kapitelweise abwechselnd aus Barrys und Seemas Sicht erzählt. Vor dem Hintergrund dieses Handlungsrahmens ist „Willkommen in Lake Success“ nicht nur die Schilderung einer Reise, sondern immer auch der Versuch, sich dem Phänomen Trump und der Denkweise seiner Wählerschaft zu nähern, auch wenn dieser Aspekt des Romans sich wohltuend im Hintergrund abspielt.

Und die Skurrilitäten, mit denen Barry sich auf seiner Reise konfrontiert sieht, beispielsweise, als er mit dem Gedanken spielt, das „Geschäft“ eines jungen Drogendealers auf Vordermann zu bringen und so etwas wie dessen Mentor zu werden – dieses Motiv des verhinderten Mentors findet sich im Laufe des Romans immer wieder -, diese Skurrilitäten zu lesen, macht großen Spaß. Mit oft witzig-ironischem Ton begleitet Shteyngart seinen Protagonisten von der traurigen Gestalt und stellt ihn genau als die Wurst dar, die er auch ist, aber dazu später. Eben dieser Ton ist es auch, der maßgeblich dazu beiträgt, „Willkommen in Lake Success“ zu einem locker-flockigen Leseerlebnis zu machen, auch wenn die Geschichte selbst phasenweise alles andere als locker-flockig ist.

Ob man mit diesem Roman seine Freude haben kann oder nicht, hängt meiner Meinung nach primär davon ab, inwiefern man bei der Lektüre seinen Wunsch beherrschen kann, Barry Cohen den Hals umzudrehen, ob  man in der Lage ist, sich von diesem, mit Verlaub, Arschloch nicht das Buch versauen zu lassen.

Für seinen Protagonisten hat der Autor harmlose Anleihen bei sich selbst gemacht, in Form eines ähnlich klingenden Vornamens, der jüdischen Herkunft und der ausufernden Leidenschaft für teure Armbanduhren, angeblich besitzt Shteyngart selbst eine ganze Sammlung davon. Nun, wems gefällt …

Ansonsten besteht Barry Cohen aus in etwa drei realen Vorlagen, Hedgefondsmanager, mit denen der Autor zum Zwecke der Recherche seine Zeit verbracht hat bzw. verbringen musste. In Summe kommt dabei ein veritabler Kotzbrocken heraus. Auffallend dabei ist die Diskrepanz zwischen Cohens Eigenwahrnehmung und der Fremdwahrnehmung durch andere. Tatsächlich hält er sich für einen guten Menschen, hat viele „gute“ Ideen, wie man unterprivilegierten Menschen weiterhelfen kann, so beispielsweise, indem man „Milliardärssammelkarten“ für arme Kinder herausbringt, um vorzugsweise schwarze Jugendliche in der Schule anzuspornen, es genau so weit zu bringen …

Darüber hinaus ist Cohen, wen wundert es, begeisterter Anhänger des (nicht funktionierenden) trickle-down-Effektes, sieht eigentlich keine Notwendigkeit Steuern zu bezahlen – mutmaßlich, weil ihm nicht klar ist, was davon eigentlich so bezahlt werden muss – und hält alles unterhalb von utopischem Wirtschaftsliberalismus für Sozialismus.

Das alles wäre ja noch gar kein Problem und man könnte diese Verhaltensweisen seinem Umfeld und seiner Herkunft zuschreiben. Da wäre aber ja noch das „Problem“ Shiva. Sein Sohn, den Shteyngart selbst an einer Stelle als „nicht funktionierendes“ Kind bezeichnet, so als rede er da von einer seiner Armbanduhren. Und den er, da er nicht im Geringsten weiß, wie er mit ihm umgehen soll, einfach verlässt.

Und lange Zeit ist Seema, Shivas Mutter, Barry Frau, nicht besser. So behalten sie Shivas Autismus in einer Art „Was-sollen-die-Nachbarn-denken?“-Reaktion für sich, nennen das Kind – also, den Autismus, nicht Shiva selbst – nicht einmal beim Namen, sondern sagen immer nur dass der Junge „im Spektrum“ liegt. Diese Art des Umgangs mit Shivas Einschränkung war der Part des Buches, der mit am meisten zugesetzt hat. Dabei versteht es Shteyngart, sich mit dem Thema Autismus nicht oberflächlich „weil halt“ auseinanderzusetzten, sondern geht hier durchaus in die Tiefe.

Es ist eine Sache, dass Barry nicht genau weiß, wie er mit Shiva umgehen soll. Es ist aber eine ganz andere, dass er es gar nicht erst versucht! Das alleine macht ihn neben all seinen sonstigen Unzulänglichkeiten schon zu einem Drecksack, wie man ihm nur selten begegnet. Und zu einer ganz großartigen Hauptfigur, denn Barry ist wirklich richtig gut gelungen! Nur mögen kann man ihn halt nicht.

Aber den Roman insgesamt, den kann man mögen. Muss man wahrscheinlich sogar. Von mir gibt es daher eine ganz klare Leseempfehlung.

Ich danke dem Penguin Verlag und dem Bloggerportal für die Übersendung des Rezensionsexemplars. Die Tatsache, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, beeinflusst meine Meinung selbstredend nicht.

Wertung:

Handlung: 8,5 von 10 Punkten

Charaktere: 9,5 von 10 Punkten

Stil: 9 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 9 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Goldkind“ von Claire Adam.

 

 

abc.Etüden KW 2/3 I

abc.etüden 2020 02+03 | 365tageasatzaday

 

Hallo, liebe Leserinnen und Leser,

ha, die Etüden sind zurück! Grund genug, umgehend einen Text zu verfassen, von dem ich jetzt noch nicht die Bohne Ahnung habe, welchen Inhalts er sein wird. :-) Die Wortspende kommt diesmal von der Organisatorin Christiane höchstselbst, der an dieser Stelle mein Dank dafür gebührt. Für die Wortspende. Für die Etüden. Und sonst so. Auf gehts!

 

„Hey! Na, Du wirkst so zufrieden, dabei dachte ich, Du müsstest ab morgen wieder arb… – AUA! Was soll denn das!?“

„Entschuldige, das war keine Absicht, mehr so Reflex!“

„Keine Absicht? Du hast mir eine gefenstert, Du Penner!“

„Ja, aber doch nur, weil Du wegen der Arbeit angefangen hast.“

„Verstehe… – Reizthema?“

„Ja, schon. Dabei hätte es so viel anderes gegeben, über das man hätte diskutieren können. Aber nee …!“

„Wie, nee?“

„Ja, ging ja nicht, Du warst in Deinem dusseligen Skiurlaub. Und nicht mal Etüden schreiben konnte ich!“

„Warum?“

„Ach, das würde zu weit führen. Ging halt nicht.“

„Aber jetzt wieder?“

„Japp!“

„Und das scheint Dich glücklich zu stimmen?“

„Ja, sicher! Ab 17:10 wird jetzt zurückgeschrieben, in 2020 lasse ich mich von niemandem mehr herumkommandieren, ich …“

„Junge, komm mal runter! Da hat sich ja einiges aufgestaut.“

„Ja, sicher! Nicht mal über das mickrigste Thema konnte man schreiben! Die SPD hat neue Vorsitzende …“

„Ach ja, Borskens, oder so.“

„Ja, so ähnlich. Jedenfalls konnte ich nicht drüber schreiben! Auch nichts zu Trumps Impeachment-Verfahren.“

„Hat das eigentlich was mit Pfirsichen zu tun?“

„Was? Nein! Wieso?“

„Na, wegen „peach“ in „Impeachment“ …“

„Boah, der war schlecht. Egal, was war noch … Oh ja, einen Tag nach einer „Anstalt“-Sendung gibt unser Verkehrsminister ein Interview und ich denke noch: „Rücktritt, endlich!“ Nix is, der blubbert nur, dass es alles anders sieht und man immer so gemein zu ihm ist! Und. Ich. Konnte. Nicht. Drüber. Schreiben. – Oder dass man hierzulande über Tempolimit diskutiert oder darüber, dass es Menschen gibt, die ein allgemeines Böllerverbot befürworten, nur weil es Menschen gibt, die damit nicht umgehen können, obwohl man dann auch Autos und Alkohol verbieten müsste, es aber gleichzeitig nicht wichtig genug scheint, darüber zu diskutieren, dass im griechischen Moria mehr als 15.000 Menschen in einem Lager für 2.500 sitzen!“

„Hach ja, er ist wieder da, wie schön …“

 

300 Worte.

„Scherben der Ahnen – Erwachen des dunklen Königs“ von Stephan Linnenbank

Buch: „Scherben der Ahnen – Erwachen des dunklen Königs“

Autor: Stephan Linnenbank

Verlag: Books on Demand

Ausgabe: Taschenbuch, 498 Seiten

Detr Autor: Geboren im September 1985, wuchs Stephan Linnenbank im Münsterland auf. Heute verheiratet und begleitet von einem Hund (Thor). Schon sehr früh entdeckte er seine Affinität zu Fantasy in jeglicher Hinsicht. Jahrelang feilte er an diesem ersten Werk.

Wenn er seine Abende und Freizeit nicht seinem Buch und dem Schreiben widmet, genießt er die Natur, Sport, Reisen und auch gerne mit der Frau auf der Couch Binge Watching.

Wer mehr erfahren möchte, kann ihm gerne auf den Sozialen Netzwerken folgen oder auf https://www.autor-linne.de/ vorbeischauen. (Quelle: Klappentext)

Das Buch: Jahrhundertelang lebten die Völker Alandrias in Frieden. Doch ein alter Feind ist erwacht und stürzt die Welt in einen erbarmungslosen Krieg. Teldran und sein Bruder fliehen aus ihrer Heimat. Was sie nicht wissen: Sie führen ein Artefakt bei sich, das ihr Widersacher unbedingt in seinen Besitz bringen will. Städte gehen in Flammen auf, Bündnisse zerbrechen. Während die Helden von den unerbittlichen Kreaturen des dunklen Königs gejagt werden, entbrennt ein Kampf in ganz Alandria um das Überleben der Völker. (Quelle: Klappentext)

Fazit: Eingangs wünsche ich meiner gesamten Leserschaft erst mal ein frohes neues Jahr und allseits in erster Linie Gesundheit, denn ohne die ist alles nichts. Wie angekündigt geht es nun zu Beginn des Jahres gleich mit den ersten Rezensionen weiter, wenden wir uns also Stephan Linnenbanks Debüt zu.

Mehr oder weniger zufällig stolperte ich, ausgerüstet mit dem Wunsch, mal wieder Fantasy zu lesen, in der Buchhandlung meines Vertrauens über „Scherben der Ahnen“ und machte mich frohgemut ans Werk.

Der Autor teilt seinen fast 500 Seiten zählenden Roman in 16 also recht lange, für mich persönlich etwas zu lange, Kapitel und stellt diesen Prolog und Epilog voran bzw. nach. Linnenbank führt zu Beginn vier Personen bzw. Personengruppen ein, anhand derer er die Handlung transportiert und zwischen denen er erzählerisch beständig hin und her wechselt. Diese Erzählweise hat sich vielfach bewährt, bietet die Möglichkeit, zwischenzeitlich immer wieder das einzubauen, was man so fürchterlich „Cliffhanger“ nennt, um dann unvermittelt Schauplatz und Protagonisten zu wechseln und auch „Scherben der Ahnen“ überzeugt hier erzählerisch.

Leider ist das Buch stililstisch zuweilen holprig. Nun sind Rechtschreibfehler, holprige Formulierungen und Stilblüten nur allzu menschlich und können im Rahmen eines guten Lektorats weitgehend ausgemerzt werden, hier ist das allerdings nur in unzureichendem Maße passiert, was früher oder später durchaus das Lesevergnügen trübte, da ich mich auf einigen Seiten irgendwann dabei ertappte, weniger der Handlung zu folgen und mich mehr darauf zu konzentrieren, an welcher Stelle ich wieder auf stilistische Unzulänglichkeiten stoße. Diesbezüglich muss allerdings fairerweise gesagt werden – ein herzliches Dankeschön an den Autor für die Information -, dass es sich bei meinem Exemplar um eines aus der ersten Auflage handelt. Mittlerweile befindet sich „Scherben der Ahnen“ in der dritten Auflage und hat nochmals ein vollständiges Lektorat durchlaufen, insofern sollte sich hier also viel gebessert haben. Da ich aber ja leider nur das beurteilen kann, was mir zur Verfügung steht, muss ich den Stil phasenweise kritisieren.

Im Bereich der Charaktere sieht es da schon deutlich besser aus, obwohl ich auch hier noch Luft nach oben sehe. In erster Linie würde ich mir für den zweiten Teil eine den „Dramatis personae“ vorbehaltene Seite wünschen, damit man gelegentlich die Frage „Wer war das jetzt nochmal?“ beantworten kann, denn Linnenbank bevölkert seinen Roman mit einer durchaus ansehnlichen Anzahl an Personen, von denen einige – wie beispielsweise Teldran oder sein Bruder Coron sowie auch der Elf Lutariel – recht gut gelungen sind, einige aber eben auch recht blass bleiben. Hier würde ich mir eine deutlichere Betrachtung der Charaktere wünschen, die die eine genauere Differenzierung ermöglicht, denn so habe ich einige der eher blass gebliebenen Charaktere hinsichtlich der Frage „Wer war das jetzt nochmal?“ irgendwann bei der Lektüre nur noch nach Profession und Gruppenzugehörigkeit eingeteilt. Zielführend wäre meines Erachtens, dem Leser deutlicher klarzumachen, wer die Personen überhaupt sind, was sie ausmacht, was sie bewegt und was ihre Handlungsmotivation ist. Aber diesbezüglich bin ich hinsichtlich eines zweiten Teils durchaus optimistisch.

Optimistisch bin ich auch hinsichtlich der Handlung. Natürlich, uralte Artefakte, eine besiegt geglaubte Bedrohung und Heldengruppen, die sich dieser Bedrohung entgegenstellen, all das hat man irgendwo zwischen „Herr der Ringe“, „Das Schwarze Auge“ und dem halben AD&D-Universum schon mal gehört. Aber auch im Fantasybereich kann man das Rad nicht immer neu erfinden. Muss man im vorliegenden Fall aber auch nicht, denn die Geschichte kann durchaus überzeugen, enthält die eine oder andere der für mich so wichtigen Ideen, die ich so in anderen Fantasybüchern selten oder gar nicht gelesen habe, ist spannend und abwechslungsreich.

Einer der wenigen Kritikpunkte, die ich hinsichtlich der Handlung anzubringen habe, ist, dass „Scherben der Ahnen“ für mich so eine Art „Icewind Dale“ der Fantasy-Literatur darstellt, und da das wohl nahezu niemandem meiner Leserschaft etwas sagt, werde ich konkreter und sage: Es ist mir persönlich zu kampflastig. Dabei sind die Kampfszenen selber gut und rasant geschrieben, in der Menge aber störten sie mich dann doch. Auch, weil sie zulasten der Dinge gehen, die mir wichtiger gewesen wären, als da einerseits die oben erwähnte Charakterentwicklung wäre, zum anderen aber auch das Worldbuildung, denn auch da sehe ich Luft nach oben. So weiß ich zwar grundsätzlich, aus welchen Ländern Linnenbank Alandria besteht, auch, wer in welchen Ländern regiert – dadurch vereinfacht, dass einige der regierenden Personen Protagonisten sind -, aber Religion, Wirtschafts- und Gesellschaftsformen, Hintergrundgeschichten, Sagen, Mythen und Legenden würden der Welt eine Kontur und Lebendigkeit verleihen, die so in dieser Form noch nicht vorliegt. Und ja, das mag viel verlangt sein, aber da sind wir ja eben wieder beim extensiven Gebrauch der Kampfszenen, deren vereinzeltes Weglassen ermöglicht hätte, die darin investierte Arbeit anderweitig zu nutzen.

Letztlich stellt „Scherben der Ahnen“ einen grundsoliden Reihenauftakt dar, der in nennenswerten Bereichen punkten kann, in anderen Bereichen aber noch Schwächen hat. In Summe hat mich Linnenbank mit seinem Erstling davon überzeugt, auch Teil zwei zu lesen.

Fazit:

Handlung: 8 von 10 Punkten

Charaktere: 7 von 10 Punkten

Stil: 5 von 10 Punkten

Atmosphäre: 8,5 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 7,125 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Willkommen in Lake Success“ von Gary Shteyngart.

Hohoholidays …

Hallo, liebe Leserinnen und Leser,

„Jetzt ist ja gerade die stille Zeit. Ich persönlich freue mich, wenn es danach ruhiger wird.“, sagte man mir neulich. Und das deckt sich mit meiner Einschätzung.

Sollte also jemandem, wovon ich in der mir innewohnenden, grenzenlosen Selbstüberschätzung selbstredend ausgehe, bis zum Jahresende eine weitgehende Abwesenheit meiner Person in der Blogosphäre auffallen, so liegt das mitnichten daran, dass irgendetwas im Argen läge, sondern lediglich daran dass ich ebenfalls eine kurze, schnell vorübergehende stille Zeit einläute, in der Hoffnung, dass es anschließend ruhiger wird.

Mit anderen Worten: Mein Blog und ich machen Jahresendferien. Pünktlich zum neuen Jahr geht es dann an dieser Stelle mit den nächsten Rezensionen wieder los.

Ich wünsche daher allseits ein schönes Weihnachtsfest und vorausschauend auch schon mal einen guten Rutsch in ein Jahr 2020, das, da lehne ich mich im vollen Bewusstsein, das Universum damit zu provozieren, mal weit aus dem Fenster, nicht beschissener werden kann, als das nun bald abgelaufene.

Bis dahin gilt an dieser Stelle: Gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen!

Gehabt euch wohl!

„Zeit der Mörder“ von Ulf Torreck

Buch: „Zeit der Mörder“

Autor: Ulf Torreck

Verlag: Heyne

Ausgabe: Taschenbuch, 576 Seiten

Der Autor: Ulf Torreck, geboren 1972 in Leipzig, arbeitete bereits früh als Barmann, später als Journalist und Filmkritiker. Nach längeren Aufenthalten in Südostasien, Frankreich, Irland und Großbritannien begann er, Novellen und Romane zu schreiben. Seit April 2011 veröffentlichte Ulf Torreck unter dem Pseudonym David Gray fünfzehn Thriller und Kriminalromane, die regelmäßig Spitzenpositionen in den E-Book-Charts erreichten. Für seine historischen Thriller »Das Fest der Finsternis« (ebenfalls bei Heyne erschienen) und »Zeit der Mörder« recherchierte Torreck mehrere Jahre lang und befasste sich intensiv mit den dunklen Seiten des Menschen. (Quelle: Heyne)

Das Buch: Oktober 1947. In einem kleinen irischen Dorf erschießt der Maler Claas Straatmann einen Fremden, der in sein Haus eingebrochen ist. Alles deutet auf Notwehr hin. Doch die Aussage, die Straatmann bei dem jungen Inspector Lynch macht, führt zurück in eine dunkle Zeit. In Wahrheit heißt der vermeintliche Maler nämlich Carl von Maug und war während der deutschen Besetzung von Paris damit beauftragt, den furchtbarsten Serienkiller Frankreichs zu jagen. Die Geschichte, die er erzählt, reißt den Inspector in einen Strudel aus Hass und Gewalt. Doch Lynch kommt der Verdacht, dass Straatmann lügt… (Quelle: Heyne)

Fazit: Zugegeben, wenn im Klappentext eines Buches die Begriffe „Serienmörder“, „Hass“ und „Gewalt“ enthalten sind, ist absehbar, dass essentielle Bestandteile des Buches nun nicht gerade darin bestehen, dass die Protagonisten Pompons fuchtelnd gemeinsam „Do you hear the people sing“ aus „Les Misérables“ singen. Damit, dass „Zeit der Mörder“ phasenweise dann aber doch ziemlich harter Stoff ist, hätte ich allerdings dennoch nicht gerechnet, denn sonst hätte ich, das gebe ich gerne zu, von Anfang an wahrscheinlich von der Lektüre abgesehen. Warum Torrecks Roman dennoch ein sehr lesenswertes Buch ist, versuche ich im Folgenden nun mal zu erläutern.

Torreck teilt seinen Roman in zwei Handlungsstränge, die in zwei unterschiedlichen Zeitebenen spielen. Während im Irland des Jahres 1947 die Ermittlungen bzw. das Verhör vom Maler Claas Straatmann geschildert werden, wendet sich der zweite Handlungsstrang im Jahr 1943 in Frankreich den Ereignissen zu, die letztendlich zur Erschießung des Einbrechers 1947 geführt haben.

Im Mittelpunkt steht in beiden Handlungsebenen eben jener Claas Straatmann, bei dem es sich eigentlich um Carl von Maug handelt, einen Obersturmbannführer, der als Nachfolger des wegen Bestechlichkeitsvorwürfen abberufenen Kurt Lischka nach Paris versetzt wird, um dort unter anderem die Arbeit zwischen deutschen und französischen Polizeibehörden zu koordinieren.

Dabei geht von Maug seiner Tätigkeit nur semi-begeistert nach, denn er möchte, vor dem Hintergrund der Entwicklungen des Zweiten Weltkriegs und in völliger Gewissheit, dass Deutschland diesen verlieren wird, vor allem eines: sich zu Tode trinken, um nicht unbedingt miterleben zu müssen, was nach der Niederlage Deutschlands so kommt. Diesem Vorhaben wiederum kommt von Maug allerdings vollständig begeistert nach.

Das ändert sich erst, als deutlich wird, dass in Paris wohl ein Serienmörder umgeht, dem man tunlichst das Handwerk legen sollte, denn der französische Widerstand könnte diesen Umstand ausnutzen, um die Bevölkerung gegen die Besatzer aufzubringen, da diese eben augenscheinlich nicht mal imstande sind, die Bevölkerung vor einem solchen Widerling zu beschützen.

Also macht sich von Maug mit Unterstützung seines Adjutanten Heiliger sowie dem französischen Ermittler Perreau ans Werk …

Torrecks Stärke liegt in erster Linie in der Stimmung, die sein Roman erzeugt. Es gelingt ihm mittels eines eher reduzierten, sachlichen Stils eine düstere Atmosphäre zu erzeugen, die der Roman über seine gesamte Länge halten kann und die dazu führte, dass vor meinem inneren Auge seltsamerweise immer eine Art Schwarz-Weiß-Film ablief.

Der reduziert-sachliche Ton erstreckt sich auch auf die Charaktere des Romans. Torreck zeichnet keine komplizierten Psychogramme – das passiert tatsächlich nur im Hinblick auf die Frage nach der Urheberschaft der Mordserie -, aber seine Charaktere wirken stimmig und lebendig. Der einzige kleine Kritikpunkt, den ich hierbei anbringen möchte, liegt in der Person des Protagonisten Carl von Maug. Jener von Maug ist, ich erwähnte es, stark alkoholsüchtig. Irgendwann jedoch beschließt er, die Sauferei sein zu lassen. Löblich! Nur gelingt ihm das verdächtig einfach. Vor dem Hintergrund der sonstigen Atmosphäre wäre es viel passender gewesen, die mit dem Entzug verbundenen Schwierigkeiten stärker in den Vordergrund zu stellen. Das ist aber letztlich Jammern auf hohem Niveau.

Die Geschichte bezieht ihre Spannung zu großen Teilen aus der Frage, was man aus den Einlassungen des Carl von Maug nun glauben kann und was nicht. Vor dem Hintergrund entwickelt sich eine spannende Mörderjagd, bei der man als Leser nie so ganz sicher sein kann, ob das alles nun tatsächlich so stattgefunden hat, wie von Maug das behauptet. Eine Mörderjagd übrigens, bei der ich natürlich auch mitgeraten und auf die wirklich größtmögliche Art danebengelegen habe … Nicht, dass das neu wäre, aber so daneben lag ich selten.

Lediglich habe also eigentlich nur den eingangs erwähnten Gewaltgrad zu kritisieren. Ich muss nicht unbedingt in allem Detailreichtum lesen, wie ein Mörder seine Opfer zu bizarren Bildkompositionen drapiert. Oder wie er einzelne Körperteile seiner Opfer zu aussagekräftigen Formen und Bildern anordnet bzw. zusammenfügt. Für mich ist das einfach eine Nummer obendrüber und die Handlung hätte auch gut funktioniert, wenn man das etwas weniger plastisch geschildert hätte. Das ist allerdings mein persönliches Problem, weil ich eben Gewaltdarstellung in Büchern, bei der ich das Gefühl habe, dass sie eben um ihrer selbst Willen eingearbeitet ist, nicht sonderlich mag.

Wer damit kein Problem hat, bekommt einen spannenden Roman mit einem Handlungsrahmen, der vergleichsweise unverbraucht ist.

Ich bedanke mich beim Heyne Verlag sowie dem Bloggerportal für die freundliche Übersendung des Rezensionsexemplares. Dass es sich dabei um ein Rezensionsexemplar handelt, beeinflusst meine Meinung selbstredend nicht.

Wertung:

Handlung: 8 von 10 Punkten

Charaktere 7 von 10 Punkten

Stil: 8,5 von 10 Punkten

Atmosphäre: 10 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 8,375 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: Entweder „Könige der Finsternis“ von Nicholas Eames ooooder aber „Scherben der Ahnen“ von Stephan Linnenbank. Je nachdem, welches von beiden ich eher durchgelesen habe, wird es also so oder so auf Fantasy hinauslaufen.