„Unter Wölfen – Der verborgene Feind“ von Alex Beer

Buch: „Unter Wölfen – Der verborgene Feind“

Autorin: Alex Beer

Ausgabe: Taschenbuch

Verlag: Limes

Die Autorin: Alex Beer, geboren in Bregenz, hat Archäologie studiert und lebt in Wien. Nach »Der zweite Reiter«, ausgezeichnet mit dem Leo-Perutz-Preis für Kriminalliteratur, »Die rote Frau«, nominiert für den Friedrich Glauser Preis 2019 und »Der dunkle Bote« erscheint im Mai 2020 der vierte, von den Fans lang erwartete Roman um August Emmerich. Neben dem Wiener Kriminalinspektor hat Alex Beer mit Isaak Rubinstein eine weitere faszinierende Figur erschaffen, die während des Zweiten Weltkriegs in Nürnberg ermittelt. Um es mit den Worten der Jury des Leo-Perutz-Preises zu sagen: »Was Alex Beer erzählt, betrifft auch die heutige Zeit, aber wie sie erzählt, lässt die ferne Vergangenheit lebendig werden.« (Quelle: Random House)

Das Buch: Nürnberg, April 1942: Der jüdische Antiquar Isaak Rubinstein, der sich noch immer als Sonderermittler Adolf Weissmann ausgibt, lässt sich auf eine Liaison mit der Nazigröße Ursula von Rahn ein. Durch sie erhält er Zugang zu den höchsten gesellschaftlichen Kreisen und bekommt Einsicht in die Pläne der Gegenseite. Doch dann wird Nürnberg plötzlich von brutalen Morden erschüttert. Zwei junge Frauen werden erdrosselt aufgefunden. Ausgerechnet Isaak bekommt von Berlin die Order, den »Würger« aufzuspüren. Darüber hinaus hat er noch ganz andere Probleme: Seine Popularität hat Neider auf den Plan gerufen und besonders ein Mann könnte ihm gefährlich werden … (Quelle: Random House)

Fazit: Wenn ich vergleichsweise kurze Zeit nach der Lektüre des ersten Teils einer Krimireihe den zweiten Teil lese, dann will das schon etwas heißen, denn ich mag zwar Krimis sehr gerne, bin aber eben wahrlich kein passionierter Leser von Krimireihen. Im vorliegenden Fall hat mir aber der erste Teil von Alex Beer „Unter Wölfen“-Krimis trotz der einen oder anderen Schwäche gut gefallen. Für die Fortsetzung gilt das leider nicht mehr in vollem Umfang.

Am wenigsten auszusetzen habe ich dabei noch am Personal des Romans. Inbesondere Protagonist Isaak Rubinstein muss man einfach gerne haben. Er wirkt zwar manchmal etwas realitätsfern altruistisch, hat dafür aber wenigstens handfeste Gründe und insgesamt wirkt seine Entwicklung über zwei Teile der Reihe hinweg absolut schlüssig. An seiner Seite wirkt diesmal kein unbedarfter Polizisten-Eleve, sondern mit Paul Köhler ein ausgefuchster Ermittler-Profi, der alles andere als begeistert darüber ist, dass ihm führende Nazi-Schergen die vermeintliche Kriminalisten-Koryphäe Adolf Weissmann vor die Nase setzen. Insgesamt wirkt Köhler eher wie der brummige, schweigsame, rustikale Typ und bietet dabei einen ähnlich guten Partner für den Protagonisten, wie es ihn schon im ersten Teil gab.

Ein wenig schade fand ich, dass es für Isaak Rubinstein durch diese Konstellation nicht mehr möglich ist, sich wie einstmals mit Sherlock-Holmes-Zitaten durchzulavieren. Teil 1 bekam dadurch etwas Tragikkomisches, das ich in der Fortsetzung schmerzlich vermisst habe.

Größeren Anlass zur Kritik als das Figurenensemble bietet da schon der Stil. In diesem Zusammenhang schrieb ich über den Reihenauftakt: „Stilistisch bewegt sich das Buch auf, sagen wir mal, nicht überzogen hohem Niveau. Anfangs beschlich mich tatsächlich das Gefühl, es richte sich eher an jüngere Leser, was aber unwahrscheinlich erscheint. Zumindest lässt es sich so recht einfach lesen.“ Und daran hat sich auch grundlegend nichts geändert. Allerdings stört mich das eben mittlerweile mehr als noch bei Teil eins. Im Prinzip spricht nicht gegen einfach zu lesende Bücher, aber etwas komplexer hätte es in sprachlicher und stilistischer Hinsicht schon sein dürfen.

Auch was den Plot angeht, lassen sich einige Schwächen ausmachen, die es noch im ersten Band in der Form nicht gab. So wirken manche Ergebnisse der Ermittlungsarbeit bzw. einige Zeugenaussagen etwas befremdlich. Als Beispiel sei hier mal die Aussage eines Mannes genannt, der zu Protokoll gab, dass gegenüber des Tatortes ein Mann in einem Hauseingang rumgelungert habe, der irgendwie traurig gewirkt habe. Kurz darauf befindet sich Isaak Rubinstein bei einer Zusammenkunft lokaler Nazigrößen und überprüft diese doch tatsächlich darauf hin, ob sie traurig wirken …

Als weiteres Beispiel möchte ich die Aussage eines Obdachlosen anführen, der bei der Polizei angab, in unmittelbarer Entfernung zu seinem Unterschlupf habe in der Tatnacht jemand geweint und immer wieder Dinge wie: „Warum hast du mir das angetan?“ gesagt. Warum der Obdachlose diesen Vorfall für ausreichend hält, um sich zur Polizei zu begegeben und ihn zu Protokoll zu geben, erschließt sich mir nicht. Warum man diese Aussage für relevant hält, anstatt sie einfach nur als das alkoholinduzierte Geseiere eines unter Liebeskumemr leidenden Nürnbergers abzutun, erschließt sich mir ebenfalls nicht.

Auch die Schlussfolgerungen, die die beiden Ermittler aus solchen Zeugenaussagen ziehen, kann ich persönlich nicht immer nachvollziehen. Für mich entsteht dadurch der Eindruck, als ginge bei den Ermittlungen alles irgendwie zu glatt und als sei der Plot unter dem Goethe-Motto „Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt“ behandelt worden.

Glücklicherweise ändert sich das Ganze in Richtung Finale erheblich. Während der Plot bis dahin manchmal zu kontruiert wirkt, so ist er insbesondere im letzten Drittel sehr klug konstruiert und kann mit einem sehr cleveren Finale aufwarten, das mich persönlich für fast alle bis hierhin geäußerten Kritikpunkte entschädigt.

Und so ist es nicht ausgeschlossen, dass ich mich auch einer etwaigen weiteren Fortsetzung nochmal zuwenden würde.

Wer Krimis mag, die sich recht einfach lesen lassen und überzeugende Figuren vor einem spannenden Setting bieten, ist mit „Unter Wölfen – Der verborgene Feind“ richtig beraten.

„Mein abenteuerliches Leben als Hochstapler“ von Georges Manolescu

Buch: „Mein abenteuerliches Leben als Hochstapler“

Autor: Georges Manolescu / „Fürst Lahovary“

Verlag: Manesse

Ausgabe: Hardcover

Der Autor: Georges Manolescu alias Fürst Lahovary (1871-1908) kam als Georgiu Mercadente Manolescu am Fuß der Karpaten zur Welt. Mit 14 floh er als blinder Passagier nach Konstantinopel, betörte in Athen die griechische Königin und brach mit 23 nach Übersee auf. Zurück in Europa, beklaute er die Hautevolee von Paris, London und Nizza, heiratete als Fürst von eigenen Gnaden eine deutsche Gräfin und renommierte als Boxer, Segler und Motorbootfahrer, vor allem aber als Tartüff der modernen Welt. 1905 erschienen seine Hochstapler-Memoiren und wurden ein Sensationserfolg. Als er mit nur 37 Jahren in Mailand starb, hinterließ er zwölf Anzüge, vierzig Seidenhemden, zehn Paar Lackschuhe und einen gefälschten Adelsbrief. (Quelle: Klappentext)

Das Buch: Hoteldieb, Hochstapler, Glücksspieler. Georges Manolescu, um 1900 eine Weltberühmtheit, gebot über alles, was es braucht, um die Welt im großen Stil zu betrügen: gutes Aussehen, Charme, Geistesgegenwart, 1-A-Manieren, Chuzpe und «ein elastisches Gewissen». Als falscher Fürst Lahovary steckte er alle und alles in die Tasche, betörte die Schönen und Reichen und brachte es sogar zu künstlerischen Ehren: Thomas Mann setzte ihm mit dem «Felix Krull» ein weltliterarisches Denkmal, und Ernst Lubitsch huldigte ihm in der Filmfigur des Juwelendiebs «Gaston Monescu». Seine Memoiren waren Manolescus wohl raffiniertester Clou. Hier erfährt man amüsiert, mit welchen Bluffs sich der arme Schlucker aus der rumänischen Provinz in schwindelnde Höhen empormogelte. Zugleich verspottet der «Jahrhunderthochstapler» (Peter Sloterdijk) aber die Adelsgläubigkeit der besseren Kreise, ihre Oberflächlichkeit und Einfalt – ein unverschämtes Lesevergnügen.

Diese Neuausgabe, die erste originalgetreue seit über hundert Jahren, vereint beide Bestsellerbände des Jahres 1905, «Ein Fürst der Diebe» und «Gescheitert. Aus dem Seelenleben eines Verbrechers». (Quelle: Random House)

Fazit: Ich erwähne ja gelegentlich, dass ich generell bekennender „True-Crime“-Fan bin. Im Besonderen gilt das – nicht erst seit, aber wohl spätestens nach meiner ersten Lektüre von Carl Zuckmayers „Der Hauptmann von Köpenick“ – für das Gebiet der Hochstapler. Wenn Victor Lustig den Eiffelturm verkauft, oder Leonardo di Caprio als Frank Abagnale in Flugzeugcockpits sitzt, in denen er eigentlich nichts verloren hat, dann versetzt mich das in einen spannenden Gemütszustand zwischen Entrüstung und Amüsiertheit.

Derart vorgebildet ging ich der Frage nach, ob auch Georges Manolescus Memoiren diesen Gemütszustand hervorrufen würde. Letztlich überwog aber deutlich die Entrüstung, und so wirklich warm wurde ich mit dem Buch und insbesondere mit seinem Verfasser und Protagonisten nie.

Georges Manolescu mag ein begnadeter Dieb und Hochstapler gewesen sein – wobei die Tatsache, dass er viele Jahre hinter Gittern diverser Gefängnisse in ganz Europa verbringen musste, vermuten lässt, dass er so begnadet nun auch wieder nicht gewesen sein kann  -, ein begnadeter Literat war er jedenfalls nicht. Insbesondere im ersten Teil seiner Memoiren wird das deutlich. Zwar hat man die originale Übersetzung seines Verlegers Paul Langenscheidt behutsam an heutige Verhältnisse angepasst, was dazu führt, dass das Werk in einem leicht antiquiert zu lesenden Stil gehalten ist, der mir aber ausnehmend gut gefiel – trotz unzähliger Fremdworte, einem „polyglotten Distinktions-Jargon“, wie es in den literarischen Anmerkungen zum Buch heißt, wofür es allerdings wiederum ein umfangreiches und gelungenes Glossar gibt -, die Probleme liegen für mich aber eher im Aufbau und der Erzählweise.

Manolescu erzählt, insbesondere im ersten Band, auf eine atemlose, sprunghafte Weise. Begebenheit reiht sich an Begebenheit, Anekdote an Andekdote, Handlungsort an Handlungsort. Teilweise springt der Autor wild in der Zeit vor und zurück, weist beispielsweise häufig darauf hin, dass er nun gerade inhaltlich vorgreift. Nun kann man so etwas ja machen, nur leidet die Struktur der Memoiren darunter deutlich.

Das liegt auch daran, dass sich der Autor nahezu ausschließlich auf seine Erlebnisse beschränkt. Nun mag man einwerfen, dass es sich hierbei um Memoiren handelt, die eigenen Erlebnisse also im Vordergrund stehen sollten. Allerdings fehlt in diesen Memoiren jegliche Einordnung in die zeitlichen, politischen oder gesellschaftlichen Gegebenheiten ihrer Zeit. Im Grunde ist insbesondere der erste Teil eine reine Beweihräucherung des Verfassers. Verstärkt wird dieser Eindruck noch durch den großspurigen Ton, den der Fürst anschlägt.

Der Aufbau des zweiten Teils überzeugt da schon mehr, was wohl an der umfassenderen Bearbeitung durch den Herausgeber Langenscheidt liegt. Die Probleme des zweiten Teils liegen ganz woanders, nämlich in erster Linie in seiner bemerkenswerten Redundanz. Viele Ereignisse, die im zweiten Teil angesprochen werden, kennt man bereits aus dem ersten Teil, ohne hier noch einen großen Erkenntnisgewinn verbuchen zu können.

In rein inhaltlicher Sicht, abseits der literarischen Wertungskriterien, mag die Lektüre streckenweise unterhaltsam sein, hätte man als Leser nicht schon im ersten Teil den Eindruck, man würde hier dem Baron Münchhausen lauschen. Vieles von dem, was Manolescu schildert, klingt unglaubwürdig und vieles davon ist es auch. Das mag der Autor auch selbst gespürt haben, weist er an einer Stelle doch beispielsweise darauf hin, dass, sollte man ihm das geschilderte nicht glauben, man gerne die örtliche Polizei bzw. die entsprechende Tagespresse befragen könne, die über den Vorfall berichtet haben. Mir wäre es lieber gewesen, wenn der angebliche Fürst etwas faktenbasierter erzählt und weniger versucht hätte, den Leuten unablässig vorzumachen, was er für ein großartiger Kerl ist.

Wenn auch das Geschilderte nur in Teilen der Realität entsprechen mag, so bleibt aber immer noch die Selbstdarstellung der Person Georges Manolescu. Und auch damit habe ich so meine Probleme. Der Autor lässt keine Gelegenheit aus, sich über den – überspitzt gesagt – hart arbeitenden Pöbel zu erheben, zu dem er nicht gehören will, denn Arbeit könnte ja anstrengend sein. Dabei wäre es mit dem, was er aus diversen Diebstählen „erwirtschaftet“ hätte, durchaus möglich gewesen, ein einträgliches Leben zu führen, wenn man es eben beispielsweise auch in ein Geschäft investiert hätte. Aber damit wäre ja eben wieder Arbeit verbunden gewesen, da erschien es augenscheinlich einfacher, Unsummen in Monte Carlo zu verspielen. Manolescus Laufbahn beruht einzig und allein auf einem tief empfundenen Neidgefühl gegen wirtschaftlich und gesellschaftlich besser gestellte Menschen, zu denen er gemeinerweise nicht gehören darf. Es fällt schwer, diese historische Figur zu mögen, auch wenn er gelegentlich den Versuch unternimmt, die Leserschaft für sich einzunehmen, beispielsweise wenn er mehrfach betont, seine Ehefrau und sein Kind ehrlich und aufrichtig zu lieben.

Vor dem Erscheinen des zweiten Band hat der Herausgeber Kontakt mit Karl May aufgenommen, um ihn zu fragen, ob er diesen zweiten Band nach den Angaben von Manolescu nicht zu Papier bringen könne. Hätte May – vermutlich peinlich berührt, aufgrund eigener Erfahrungen als Hochstapler – nicht abgelehnt, wäre vermutlich ein besseres Gesamtwerk dabei herausgekommen. Und hätte ein unbeteiligter aber talentierter Außenstehender insgesamt keine Memoiren, sondern ein Sachbuch aus dieser Lebensgeschichte gemacht, das idealerweise genau die Einordnungen in Gesamtzusammenhänge, die mir so fehlt, entält, so wäre ebenfalls ein besseres Buch daraus geworden.

So bleiben nur die geschönten Lebenserinnerungen einer Person, die mich in keiner Weise für sich und ihr Buch einnehmen konnte. Und ein ausgesprochen gelungenes Nachwort des Literaturwissenschaftler Thomas Sprecher, das insgesamt erhellender ist als das eigentliche Buch.

Ich danke dem Blogger-Portal sowie dem Manesse Verlag für die freundliche Übersendung des Rezensionsexemplars. Die Tatsache, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, beeinflusst meine Meinung selbstredend nicht.

„Dorfroman“ von Christoph Peters

Buch: „Dorfroman“

Autor: Christoph Peters

Verlag: Luchterhand

Ausgabe: Hardcover

Der Autor: Christoph Peters wurde 1966 in Kalkar geboren. Er ist Autor zahlreicher Romane und Erzählungsbände und wurde für seine Bücher mehrfach ausgezeichnet, unlängst z. B. mit dem Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburg (2016) und dem Wolfgang-Koeppen-Preis (2018). Christoph Peters lebt heute in Berlin. Zuletzt erschienen von ihm bei Luchterhand der Erzählungsband „Selfie mit Sheikh“ (2017) sowie der Roman „Das Jahr der Katze“ (2018). (Quelle: Random House)

Das Buch: Die große weite Welt gibt es nur im Fernsehapparat – zumindest in Hülkendonck, einem kleinen Dorf am Niederrhein in den 70er Jahren. Bäuerlich und zutiefst katholisch ist das Milieu, in dem der Erzähler seine Kindheit und Jugend verbringt. Doch diese Welt wird brüchig mit dem geplanten Bau eines neuartigen Atomkraftwerks, das die Menschen im Ort genauso tief spaltet wie im ganzen Land. Als die Atomkraftgegener schließlich im Dorf ihr Lager beziehen, prallen die Gegensätze aufeinander. (Quelle: Klappentext)

Fazit: Der Autor verlegt die Handlung seines Romans in die 70er Jahre des genauso beschaulichen wie fiktiven Dörfchens Hülkendonck am Niederrhein. Ich gestehe, bei dem Namen Hülkendonck immer ein bisschen an Fräulein Müller-Wachtendonk gedacht zu haben, die uns allen im Zusammenspiel mit Siggi Sorglos ab Anfang der 90er in vom Bundesumweltministerium in Auftrag gegebenen Zeichentrickfilmchen Dinge wie die Mülltrennung erklärte. Und tatsächlich liegt der echte Ort Wachtendonk nur ein paar Dutzend Kilometer von den Schauplätzen des Buches entfernt, aber ich schweife ab.

Hülkendonck gehört zur Stadt Kleve, liegt aber unweit des Ortes Kalkar, wo ein Atomkraftwerk des Typs „Schneller Brüter“ gebaut werden soll. Die Älteren werden sich erinnern: Nach einer schon Ende der 60er beginnenden Planungsphase wurde mit dem Bau begonnen. Letztlich verschlang das Projekt ein Vielfaches der ursprünglich in Aussicht gestellten Kosten, ans Netz ging der Schnelle Brüter nach einem Regierungswechsel in NRW, dem Erstarken der Anti-Atomkraft-Bewegung und schließlich auch aufgrund von Störfällen wie in Harrisburg und insbesondere natürlich nach der Tschernobyl-Katatrophe, jedoch nie. Im Jahr 1991 wurde das endgültige Ende für das Projekt beschlossen. Heute ist aus dem geplanten AKW von einst ein Freizeitzentrum mit Kletterwand am Kühlturm entstanden …

In diesem zeitlichen und geografischen Umfeld lässt der Autor seinen Protagonisten in den 70ern aufwachsen, und macht daraus einen Roman, der in so vielen Bereichen gut gelungen ist, dass ich ausnahmsweise kaum weiß, wo ich anfangen soll.

Nun, vielleicht am Anfang. Denn zu Beginn schildert der Autor erst mal die Gegebenheiten im idyllischen Hülkendonck der 70er. Peters entwirft das Bild eines landwirtschaftlich geprägten Dorfes, in dem die Bauern das Sagen haben, beschreibt Hierarchien und Gemeinschaften, in denen es Hilfsarbeiter und insbesondere Zugezogene schwer haben, dazu zu gehören. Ein Dorf, dessen Bewohner zumeist tiefreligiös und erzkonservativ sind und denen eine intensive Obrigkeitshörigkeit inne zu sein scheint, unterwirft man sich doch gerne dem Urteil von Kirchenvorstand, Bischof oder Papst, Lokal-, Kommunal- oder Bundespolitiker, denn die werden ja schon wissen, was sie tun und außerdem ist gewählt eben gewählt, da kann man dann ja auch sowieso nichts mehr ändern. So oder ähnlich scheint die vorherrschende Denkweise der Bewohner Hülkendoncks zu sein.

In diesem Umfeld sozialisiert, wundert es nicht, dass der junge Protagonist des Buches zunächst ähnlich tickt. Das Urteil der eigenen Eltern scheint ein unfehlbares zu sein, zudem führt der Junge regelmäßig religiöse Begründungen dafür an, warum er etwas gut oder nicht so gut findet. Erst mit den aufkommenden Plänen für das AKW, für das große Teile der zum kirchlichen Grundbesitz gehörende Flächen verkauft werden müssten, tauchen die Probleme auf, denn erstmals ist man im Dorfe uneins. Da sind auf der einen Seite beispielsweise die Bauern, die bislang davon profitierten, dass sie die der Kirchengemeinde gehörenden Flächen zu einem wesentlich geringeren Preis pachten konnten als das bei einem anderen Eigentümer des Grund und Bodens möglich wäre, und die daher aus rein wirtschaftlichen Gründen dagegen sind. Und auf der anderen Seite sind die, so wie der als Kirchenvorstand tätige Vater der Hauptfigur, die für den Verkauf der Flächen sind, weil Fortschritt eben sein muss, die entsprechenden Fachleute sicherlich schon wissen, was sie da tun und letztlich alles besser ist, als die Flächen im Endeffekt einfach enteignet zu bekommen. Und dann ist da noch der Gastwirt, der sich zu keiner Seite richtig bekennt, weil er Sorge davor hat, dass die Vertreter der jeweiligen Gegenseite dann nicht mehr seinen Gasthof betreten würden …

Und spätestens nachdem eine Gruppe Atomkraftgegner ist Dorf zieht, ändert sich nicht nur die Stimmung im Dorf, sondern eben diese Änderung setzt auch beim Protagonisten ein. Er wird durch Kontakt mit den Gegnern politisiert, verliebt sich in eine der Protestlerinnen und beginnt, die Denkweisen der Eltern zu hinterfragen, in Zweifel zu ziehen und auf Konfrontationskurs zu gehen.

Vor diesem Hintergrund ist „Dorfroman“ erst einmal eine Coming-of-Age-Geschichte. Aber das Buch ist eben nicht nur im Bezug auf seine Hauptfigur ein Entwicklungsroman, sondern auch hinsichtlich der Entwicklung des ländlichen Raums in den letzten Jahrzehnten. Das literarische Bild, dass Peters diesbezüglich malt, deckt sich übrigens sehr mit meinen eigenen Erfahrungen, in denen in einem ähnlichen Zeitraum aus meinem beschaulichen heimatlichen Dörfchen mit nahezu 1.100 Einwohnern mit eigener Post- und Sparkassenfiliale, zwei Gaststätten, einer co op-Filiale und täglichem Zug von Rinderherden auf und von den Weiden quer durchs Dorf, ein Dorf geworden ist, in dem es all das nicht mehr gibt, dafür aber seit Anfang der 90er ein schon vor Jahren durch einen amerikanischen Konzern mit Milliardenumsatz aufgekauftes Großunternehmen mit 400 Mitarbeiten und einen Schweinemastbetrieb mit 3.000 Mastplätzen, und dessen Einwohnerzahl mittlerweile bei etwa 900 stagniert. Lediglich die im Buch geschilderte nahezu fundamentale Religiösität habe ich hier nicht so wahrnehmen können, aber vielleicht ist der südniedersächsiche Raum damals schon säkularisierter gewesen, als der des westlichen NRW, wer weiß …!?

Wenn man den Blickwinkel weiter fasst, ist „Dorfroman“ in einem weiteren Punkt ein Entwicklungsroman, nämlich hinsichtlich der Entwicklungen in der damaligen Bundesrepublik und ihrer Bevölkerung, eben weg von einer obbrigkeitshörigen Generation, hin zu einer jungen, kritischen Generation, die Fragen an ihre Eltern- und Großelterngeneration hat. Und zwar berechtigte Fragen. Fragen, die leider teilweise bis heute unbeantwortet geblieben sind.

Christoph Peters Erzählweise passt sich dabei dem geschilderten Umfeld an. Er hat eine über weite Strecken des Romans gemütliche Art zu erzählen, was ich im Übrigen ausnehmend positiv verstanden wissen möchte. Besonders erwähnenswert finde ich in stilistischer Hinsicht, wie gut es dem Autor gelingt, den beiden Versionen seines Protagonisten zwei völlig unterschiedliche und dem jeweiligen Alter angemessene Erzählstimmen zu geben. Gerade für die junge Ausgabe der Hauptfigur gilt, dass diese vollkommen überzeugend wirkt, sowohl in sprachlicher als auch intellektueller Hinsicht, der Junge wirkt an keiner Stelle des Buches klüger als er sein sollte.

Nun ließe sich die Liste der positiven Aspekte noch beliebig verlängern, aber ein bisschen Eigenleistung kann von der potenziellen Leserschaft ja auch erwartet werden, deswegen belasse ich es bei der abließenden Feststellung, dass „Dorfroman“ ein 412 Seiten umfassendes, reines Lesevergnügen darstellte, und wenn Denis Scheck über den Roman urteilt: „Ein wunderbar humorvoll geschriebener Roman…für mich einer der lesenswertesten Romane in diesem Herbst.“ dann hat er damit vollumfänglich recht.

Ich danke dem Luchterhand Verlag sowie dem Bloggerportal für die freundliche Übersendung des Rezensionsexemplars. Die Tatsache, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, beeinflusst meine Meinung selbstredend nicht.

Demnächst in diesem Blog: „Mein abenteuerliches Leben als Hochstapler“ von Georges Manolescu/Fürst Lahovary

„Alphavirus“ von Peter Georgas-Frey

Buch: „Alphavirus“

Autor: Peter Georgas-Frey

Verlag: Selbstverlag

Ausgabe: Taschenbuch, 102 Seiten

Der Autor: Peter Georgas-Frey ist ein 1970 geborener Autor, der seit 1999 am schönen Bodensee lebt. Er veröffentlichte bereits Erzählungen und Gedichte wie „Als Paolos Hände reden lernten“, „Soantà“ und „Zeitspuren“, den Roman „Die Revolte“ sowie eine Trilogie rund um die außerirdischen Aurumer, bestehend aus „Die Heimkehr“, „Die Rückkehr“ und „Projekt Epilog“.

Wer mehr über den Autor und seine Bücher erfahren möchte, dem sei der Besuch seines sehr lesenswerten Zeilen-Portals empfohlen. Wer das nicht möchte, dem sei ein dortiger Besuch ebenfalls empfohlen!

Das Buch: Drei Jahre nach der letzten Pandemie beschäftigt erneut einer Virus die Menschheit. Doch diesmal scheint der Erreger noch gefährlicher, noch tödlicher. Ohne erkennbare Infektionskette verbreitet sich die Krankheit über die Welt. Auf der Suche nach der Ursache wird der Sonderermittler Reeves eingeschaltet. Sein kühnster Verdacht wird von der Realität übertroffen. (Quelle: Klappentext)

Fazit: Einerseits wartet der geschätzte Bloggerkollege Peter schon recht lange auf diese Zeilen. Zu lange. Andererseits ist diesbezüglich alles besprochen, insofern stellt die Tatsache, dass der Umstand hier dennoch erwähnt wird, eher so eine Art Notiz an mich dar, zukünftig Besserung zu geloben.

Zumal es in literarischer Hinsicht gar nicht notwendig gewesen wäre, „Alphavirus“ auf die lange Bank zu schieben,  denn es überzeugt trotz seiner Kürze absolut.

Zwar kann ein Buch, das gut dafür geeignet ist, an einem regnerischen Nachmittag gelesen zu werden, von denen wir in absehbarer Zeit ja wohl noch so einige bekommen werden, in gewissen Bereichen nicht gleichwertig punkten, wie das ein unfangreicheres Werk könnte, beispielsweise bei den Figuren. Das wäre auch zu viel verlangt, denn gut 100 Seiten reichen eben nicht aus, um Figuren wirklich komplex darzustellen. Vor dem Hintergrund der Kürze sind die handelnden Personen allerdings gut gelungen, insbesondere Mark, so eine Mischung aus Scharlatan und Aluhutträger, hat es mir hier angetan. Insgesamt erfüllen die Charaktere ihre Aufgaben also zufriedenstellend.

In stilistischer Hinsicht hatte ich bei den Büchern des Autors noch nie wirklich viel zu meckern und das gilt auch für „Alphavirus“. Er schreibt vergleichsweise kurze Sätze und passt sich damit stilistisch der Länge des Buches an. Komplizierte Satzkonstruktionen wären hier insgesamt auch völlig fehl am Platze, in Summe passt das also schon.

In diesem Zusammenhang sei mal das Lektorat erwähnt, ein Punkt der bei Selfpublishern – aus meiner Erfahrung heraus – häufig etwas stiefmüttlicher behandelt wird bzw. behandelt werden muss, aus ganz naheliegenden und nachvollziehbaren Gründen. Oftmals werden daher Rechtschreibfehler oder unpassende Kommasetzung nicht erkannt und finden letztlich ihren Weg ins Buch. Auffällig war das beispielsweise in „Projekt Epilog“, über das ich seinerzeit in diesem Zusammenhang schrieb: “ Erwähnen muss ich allerdings so ein oder zwei Wort-, Komma- oder Kasus-Stolperer, über die ich aber insgesamt großzügig hinweggelesen habe“

Diesbezüglich kann man konstatieren, dass hier eine deutliche Besserung eingetreten ist, was der Lesbarkeit des Buches natürlich zuträglich ist. Lediglich ein, zwei Tippfehler haben sich eingeschlichen sowie eine mich irritierende Eigenheit: Wenn man beispielsweise schreibt “ „Gehen Sie nachsehen.“ Forderte er die Krankenschwester auf.“ (S.7), so könnte man – ich finde, man sollte auch – „Forderte“ klein schreiben und mittels eines Kommas zusammen mit dem Rest an die wörtliche Rede anhängen. Die hier gewählte Vorgehensweise findet sich allerdings mehrfach und wirkte, zumindest auf mich, irgendwann etwas störend. Abseits davon muss aber darauf hingewiesen werden, dass im Bereich des Lektorats eine deutliche Besserung im Vergleich zu früheren Büchern das Autors zu verzeichnen ist.

Das naturgemäß Wichtigste in einem Buch von überschaubarer Länge ist aber ja ohnehin die Handlung selbst. Und die hat mich vollständig überzeugt. Lange ließ mich das Gelesene die Stirn runzeln, weil ich mir dachte: „Na, da bin ich ja mal gespannt, wie er mir erklären will, was er mir hier so erzählt.“ Letztlich folgt diese Erklärung dann, wie sich das gehört, ganz zum Schluss, und ließ mich anerkennend nicken. Tolle Idee!

In Summe ist „Alphavirus“ also ein spannendes Leseerlebnis für zwischendurch, und ich hoffe, dass der Autor diesem literarischen Häppchen baldmöglichst weitere folgen lässt.

Ein herzlicher Dank geht an Peter für die Übersendung des Rezensionsexemplars. Die Tatsache, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, beeinflusst meine Meinung selbstredend nicht.

Demnächst in diesem Blog: „Dorfroman“ von Christoph Peters.

„Die Republik“ von Maxim Voland

Buch: „Die Republik“

Autor: Maxim Voland

Verlag: Piper

Ausgabe: Hardcover, 528 Seiten

Der Autor: Hinter Maxim Voland verbirgt sich ein deutscher Bestsellerautor. Seine Werke – bereits international bekannt. Sein Spektrum – vielfältig. Sein Roman „Die Republik“ – ein faszinierendes Gedankenspiel: Was wäre, wenn die Geschichte anders gelaufen wäre?
Maxim Voland plant bereits weitere Romane. (Quelle: Piper)

Das Buch:Europa, 1949: Die neu gegründete DDR umfasst nach einem unglaublichen Coup das gesamte deutsche Staatsgebiet, mit Ausnahme des westlichen Teils von Berlin. Gegenwart: Die DDR ist führende europäische Macht – ein hochmoderner Überwachungsstaat mit einem glücklichen Volk. So scheint es. Während internationale Agentenorganisationen im autonomen West-Berlin ihre Pläne schmieden, wird die DDR von einem furchtbaren Vorfall erschüttert: Über den Platz der Akademie zieht eine Giftgaswolke und fordert zahlreiche Tote. Ein Unfall? Ein Anschlag? Welche Macht steckt dahinter? Ein desillusionierter Stasi-Oberst, der französische Dolmetscher Christopher und die junge DDR-Bürgerin Alicia geraten in eine Verschwörung gigantischen Ausmaßes, die das Ende Europas bedeuten könnte … (Quelle: Piper)

Fazit: Mit Romanen im Stile von Robert Harris oder auch Philip K. Dick, die alternative Geschichtsverläufe zum Thema haben, kann man mich wirklich gut kriegen, behandeln diese Romane häufig eben spannende Was-wäre-wenn-Szenarien, die auf mich als halbstudierten Historiker einen gewissen Reiz ausüben. Allerdings habe ich bei diesem Genre eben auch ziemlich genaue Vorstellungen, wie ein entsprechendes Buch zu sein hat und was es behinhalten sollte und was eben nicht. Daher scheitert „Die Republik“ bei mir leider an meinen Erwartungen, mag für andere Leser aber durchaus eine gute Wahl darstellen.

Meine Schwierigkeiten mit dem Buch begannen schon bei den Charakteren, insbesondere bei der Agentin Harper. Innerhalb recht kurzer Zeit schafft es der Autor, diese Figur als frustrationsintolerante Person darzustellen, bei der es schon mal vorkommen kann, dass ein sie auf ihre „niedlichen Sommersprossen“ ansprechender Kollege „mit einem Schlag wegen seines Machospuchs die Nase gebrochen“ bekommt (S. 28), eine Person, die einen gewissen Hang zur zwanglosen One-Night-Stand-Promiskuität aufweist und die ingesamt so gewollt edgy und unangepasst rüberkommt, dass es manchmal etwas albern wirkt. Das männliche Pendant zu dieser Figur hätten sensiblere Lesergruppen dem Autoren vermutlich um die Ohren gehauen. Aber darum geht es mir nicht, mir geht es lediglich darum, dass Harper keine überzeugende Figur darstellt.

In abgeschwächter Form gilt das auch für den Dolmetscher Chris, der den Eindruck einer typischen Fitzek-Hauptfigur macht, die unbedarft und unabsichtlich in eine gefährliche Handlung hineinstolpert. Überhaupt hatte ich bei der Lektüre von Maxim Voland durchgehend das Gefühl, ich lese einen Fitzek. Schauen wir mal, wenn die Identität von Maxim Voland irgendwann geklärt ist, ob ich recht hatte.

Lediglich der Stasi-Oberst Gustav Kuhn weiß zu überzeugen. Dieser hat vom Regime die Nase voll und will beim Einsetzen der Handlung eigentlich rübermachen. Seine Hintergrundgeschichte ist schlüssig, seine Motive nachvollziehbar und insgesamt kann er bei mir durchaus Smypathiepunkte sammeln.

Ähnlich wie bei den handelnden Personen erging es mir auch in stilistischer Hinsicht, nur in abgeschwächter Form. Im Grunde kann man Maxim Voland hier wenig Vorwürfe machen, denn das Buch ist in einem äußert lesbaren Ton formuliert, von dem ich persönlich mich allerdings ein wenig unterfordert fühlte. Darüber enthielt das Buch aus meiner Sicht auch zu viele simple pew-pew-Schießereien, inklusive permanenter, für mich etwas befremdlicher Erwähnung der dabei verwendeten Schießeisen, bei denen es dann beispielsweise heißt „Die leblosen Körper der Männer und Frauen dampften in der Winterkühle, Blut sickerte über den Boden; zerplatzte Gedärme lagen wie Girlanden zwischen den Toten“ oder auch „Keuchend glitt er bäuchlings durch den Belag aus Blut, Dreck und Exkrementen und rutschte bis an die Kante; der stinkende, warme Dampf aus den Leichen gab ihm Deckung. Es roch wie in einer Schlachterei.“ (S. 314 und 315). Nun mag es zweifellose Leser geben, die diese eher rustikale Art der Darstellung mögen, nur gehöre ich nicht dazu. Insgesamt gilt für den stilistischen Bereich aber eindeutig, dass er eben Geschmackssache ist. Meiner wurde halt leider nicht getroffen.

Abseits von Charakteren und Stil lebt ein Buch wie „Die Republik“ natürlich in erster Linie von seiner Handlung und seinem Setting. Und hier kann der Roman erfreulicherweise am meisten punkten, auch wenn es trotzdem Anlass zur Kritik gibt. Zum einen ist die Handlung durchweg spannend, ideenreich und temporeich erzählt. Zum anderen ist das Setting als solches zwar ebenfalls spannend, auch weil immer die Frage im Raum steht, wie es denn überhaupt zur Übernahme des gesamten bundesdeutschen Gebiet durch die DDR kommen sollte, bzw. warum die Alliierten diesen Gebietsanspruch so widerstandlos geschehen ließen. Leider wird dieses Setting dann aber zu wenig mit Leben gefüllt, im Grunde besteht der Unterbau das Handlungsrahmens häufig lediglich in einer Art Namedropping von DDR-Begriffen wie der Hotelkette Interhotel. Einerseits hätte ich mir hier ein wenig mehr Unterbau für das Setting gewünscht, zum anderen muss erwähnt werden, dass die Art und Weise wie, bzw. wann, die oben genannte Frage nach dem Usprung des Settings beantwortet wird, aus meiner Sicht fast schon ein bisschen frech ist. Das mag bewusst so entschieden worden sein, erweckt aber leider den Eindruck, als wäre Maxim Voland bis zum Abschluss des Buches keine schlüssige Begründung für sein Setting eingefallen, als hätte man diese dann erst während es Lektorats drangeflanscht. Natürlich möchte und würde ich niemandem unterstellen, dass das wirklich so abgelaufen ist, ich sage nur wie es auf mich als Leser wirkt. Und auf mich wirkt diese Vorgehensweise eben eher unglücklich. Ein bisschen so also würde man die Identität des Mörders in einem Krimi beiläufig in der Danksagung kundtun.

Insgesamt hatten Maxim Voland und ich also wenig Glück miteinander. Das muss aber natürlich nicht heißen, dass es anderen Leserinnen und Lesern nicht vollkommen anders gehen könnte. Wer also auf eine wilde Mischung von Robert Harris, John le Carré und Fredrick Forsyth steht, dürfte mit „Die Republik“ sein Glück finden. Ich persönlich war leider eher enttäuscht.

Ich bedanke mich beim Piper Verlag für die freundliche Übersendung des Rezensionsexemplars. Die Tatsache, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, beeinflusst meine Meinung selbstredend nicht.

Demnächst in diesem Blog: „Alphavirus“ von Peter Georgas-Frey.

Happy birthday to me #6

Errungenschaft: 6. Jahrestag

Hallo, liebe Leserinnen und Leser,

heimlich still und leise ist mein Blog heute beachtliche sechs Jahre alt geworden. Rein rechnerisch kommt er also bald in die Grundschule und nervt mich mit Fragen nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest, deren Antworten ich selbst gerne erst mal wüsste.

Nun mache ich für gewöhnlich keine große Sache daraus, behandle meine Bloggeburtstage eher unter dem Motto „Gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen“, aber ein paar Worte müssen zu diesem Anlass natürlich doch verloren werden. Zum einen gibt sich so die Gelegenheit, einmal mehr Danke zu sagen. In erster Linie natürlich an eine ganz zauberhafte Person, ohne die das hier alles nicht möglich wäre. Also an, ähm, na ja, an mich. Muss auch mal sein …

Ein sehr viel größerer Dank gebührt aber wie immer den anderen Bewohnern der Blogosphäre, die hier so fleißig lesen, was mir immer noch, wie auch schon vor sechs Jahren, ein echtes Ministerium ist, oder wie das heißt. Herzlichen Dank! Besonders erwähnenswert ist hier erneut ein ganz zauberhafter Personenkreis, bestehend aus einer gefühlten Handvoll Menschen aus meinem persönlichen Umfeld, die hier gelegentlich, zwischendurch, regelmäßig oder immer lesen. Danke sehr!

Zum anderen nutze ich die Gelegenheit aber eigentlich auch immer zu einer kurzen Rückschau und einem kleinen Ausblick. Und gerade in diesem Jahr möchte ich nun wirklich nicht davon abweichen. Denn so ereignis- und veränderungsreich das Jahr auch im „echten“ Leben war und ist, so war und ist es eben auch – zumindest bei mir – innerhalb der Blogosphäre.

Da gab es beispielsweise den neuen WordPress-Editor. Hätte ich gewusst, dass der kommt, hätte ich die DSGVO zu schätzen gewusst. Aber sei es drum, es ist nun mal so wie es ist, und nachdem die entsprechenden Fachleute – die einstmals für Microsoft tätig gewesen sein und beruflich früher perfekt laufende Versionen von „Word“ und „Excel“ verschlimmbessert haben müssen – beschlossen haben, dass der neue Editor eine ganz tolle Idee ist, mit dem früher oder später alle Menschen der Blogosphäre besser zurechtkommen werden, als mit überhaupt irgendwas vorher – bis eben auf diesen veränderungsphobischen, technikfernen, anchronistischen, angehenden alten Sack, der diesen dubiosen „reisswolfblog“ betreibt, von dem er sich bis heute fragt, warum er ihn seinerzeit eigentlich klein geschrieben hat, bis auf diesen Typen also, den man eben als natürlichen Schwund einbezieht -, müssen wir nun wohl damit zufrieden sein.

Aber auch hinsichtlich meines Blogs haben sich ein paar Kleinigkeiten verändert. So ist heimlich still und leise, und augenscheinlich von allen unbemerkt, jegliche Punkte-Vergabe verschwunden, denn einerseits war die mir immer so ein bisschen ein Dorn im Auge, weil andererseits eben doch gilt, dass ich, wenn es mir am Ende eines über 1.000 Worte umfassenden Textes nicht gelungen ist, eine greifbare Meinung zu transportieren, ohne der Leserschaft zusätzlich noch plakative Punktezahlen vor die Füße werfen zu müssen, ohnehin irgendwas falsch mache und das Ganze dann vielleicht lieber lassen sollte. Deshalb: Weg mit den Punkten!

Die vielleicht größte Änderung war die Entscheidung, in meinem Blog zukünftig und für alle Zeit ausschließlich und nur noch Buchrezensionen zu veröffentlichen. Denn auch der wilde Mix von Rezensionen und anderen Texten in meinem Blog war mir schon seit Ewigkeiten ein Dorn im Auge. Im Grunde meines Herzens habe ich es nämlich gerne aufgeräumt. Idealerweise wenn ich nicht selbst Ordnung machen muss, aber manchmal bleibt das ja nicht aus. Flugs wurde also alles, was keine Buchrezension ist, ausgelagert und in meinen Zweitblog verschoben, der einem Stern am Firmament der Blogosphäre gleich aufging, eine wahre Follower-Flut zu verzeich… – nein, warte, das muss ich verwechseln. Ich fang nochmal an: Flugs wurde also alles, was keine Buchrezension ist, ausgelagert und in meinen Zweitblog verschoben, auch wenn ich den eigentlich, gemessen daran, was das so los oder viel mehr auch nicht los ist, akkustisch mit Grillenzirpen und legendären Mundharmonika-Klängen von Ennio Morricone sowie grafisch mit virtuellen Tumbleweeds versehen müsste. Ungeachtet dessen war auch das eine gute Entscheidung.

Anders als beispielsweise der neue WP-Editor, der … ja, ich weiß, das hatten wir schon …

Jedenfalls: Nachdem ich meinen Blog der genannten Verschlankung unterzogen habe, fühle ich mich ausreichend gerüstet, um ins nächste Jahr des Blogbestehens durchzustarten.

Ich bleib‘ noch ’ne Weile. Und ihr hoffentlich auch.

Gehabt euch wohl!

 

„Zeitenwende“ von Michel Friedman und Harald Welzer

Buch: „Zeitenwende“

Autoren: Michel Friedman und Harald Welzer

Verlag: Kiepenheuer & Witsch

Ausgabe: Hardcover, 288 Seiten

Die Autoren: Michel Friedman, Prof. Dr. Dr., Philosoph und Jurist, ist Direktor des Center for Applied European Studies (CAES) an der Frankfurt University of Applied Sciences, Moderator verschiedener Talkshows für die Deutsche Welle, SWR und Welt. Autor der Tageszeitung Die Welt und Gastgeber einer politischer Gesprächsreihe im Berliner Ensemble. (Quelle: Kiepenheuer & Witsch)

Harald Welzer, Prof. Dr., Mitbegründer und Direktor von FUTURZWEI / Stiftung Zukunftsfähigkeit. Er lehrt an der Europa-Universität Flensburg sowie an den Universitäten Sankt Gallen so wie Zürich und ist Herausgeber von taz FUTURZWEI. Magazin für Zukunft und Politik. Seine Bücher (zuletzt »Alles könnte anders sein. Eine Gesellschaftsutopie für freie Menschen«) sind in 22 Sprachen übersetzt worden. (Quelle: Kiepenheuer & Witsch)

Das Buch: Erleben wir einen Epochenbruch? Die Coronakrise hat nicht nur virologische Fragen aufgeworfen, sondern auch soziale, politische und kulturelle, die zuvor allzu leicht übersehen wurden. Insofern kann man die Krise auch als eine Lerngeschichte lesen, die für die Zukunft der Demokratie und die Lösung ihrer Zukunftsprobleme von Rassismus bis Ungleichheit äußerst wichtig ist. Michel Friedman und Harald Welzer untersuchen die Frage, ob wir einen Epochenbruch erleben, und skizzieren, wie unsere Gesellschaft modernisiert werden kann. (Quelle: Klappentext)

Fazit: Während ich zugeben muss, dass mir Harald Welzer bislang völlig unbekannt war, was vielleicht damit zu entschuldigen ist, dass ich mich vergleichsweise selten in einschlägigen Sozialpsychologenkreisen bewege, war mir Michel Friedman natürlich ein Begriff. Und ich gestehe, dass mein Interesse an „Zeitenwende – Der Angriff auf Demokratie und Menschenwürde“ primär auf seinem Mitwirken beruhte.

Denn so sehr ich Herrn Friedman einerseits als scharfsinnigen und phrasenbefreiten Denker und Redner zu schätzen weiß, so sehr geht mir leider häufig auch seine unter anderem oftmals vom Unterbrechen des Gegenübers geprägte Gesprächsleitung in diversen Talkformaten auf den Geist, auch wenn mir bewusst ist, dass diese Gesprächsführung offensichtlich zum Ziel hat, auch das Gegenüber nicht mit inhaltsleeren Phrasen davonkommen zu lassen.

Dementsprechend war ich also gespannt, welche Version des Michel Friedman hier die Oberhand gewinnen würde und ob er mich diesmal mit seiner Art, zu diskutieren, überzeugen konnte. Nun, er konnte. Und Herr Welzer konnte auch. Und zusammen konnten sie ganz wunderbar!

Die beiden Autoren teilen ihr Buch in verschiedene Kapitel bzw. Themenkomplexe ein – beispielweise Bildung, Digitalisierung etc. -, die den Vorteil haben, nicht unbedingt chronologisch gelesen werden zu müssen, auch wenn es natürlich Sinn ergäbe, das trotzdem zu tun. Zu den verschiedenen Themenkomplexen arbeiten die beiden Autoren dann den jeweiligen status quo heraus, werfen interessante und bedenkenswerte Fragen auf und zeigen idealerweise Verbesserungsvorschläge auf. Am Beispiel des Kapitels über die Bildung würde das also in etwa bedeuten, dass die Autoren herausstellen, dass es mit der Chancengleichheit im Bildungssystem nach wie vor jetzt nicht sooo weit her ist und stellen die Frage, was das denn wohl so mit Schülerinnen und Schülern sowie Studierenden macht, und welcher Eindruck ihnen vermittelt wird, wenn sie marode Schul- oder Universitätsbauten betreten müssen. Und wer beispielsweise mal Anfang der 90er das Historische Seminar der Leibniz-Uni in Hannover betreten hat, weiß, wie berechtigt diese Frage ist …

Der Austausch der beiden Autoren findet dabei in Form eines knapp 300 Seiten umfassenden Dialogs statt. Und das ist über die gesamte Dauer des Buches, trotz der ernsten Themen und Anlässe, höchst vergnüglich zu lesen.

Natürlich ist man nicht immer mit den Autoren einer Meinung oder folgt ihrer Argumentation. So irritierten mich Herrn Welzers anfängliche oft vorgebrachte Hinweise darauf, dass es dieses und jenes ja bereits in einem seiner Bücher geschrieben habe, ebenso wie gelegentlichen Seitenhiebe auf die SPD, da ich beides als überflüssig empfand. Auch inhaltlich gehe ich persönlich nicht an allen Stellen mit. Nehmen wir beispielsweise mal das Thema Fleischkonsum. Sinngemäß und verkürzt wiedergegeben plädiert Welzer dafür, die Produktionsbedingungen für Mitarbeiter und Tiere besser zu gestalten – was eine absolut unstrittige Forderung ist – und wer sich dann den damit verbundenen Preis nicht mehr leisten kann, tja, für den ist es dann eben so.

Von Michel Friedman mehrfach darauf angesprochen, dass das quasi eine Ungleichbehandlung der sozial Schwächeren darstelle, die somit eine Art Privileg verlieren, antwortet Welzer, dass es in der Geschichte immer schon so gewesen sei, dass Gruppen früher oder später auf Privilegien verzichten mussten und sagt: „Die Manchesterkapitalisten fanden die Kinderarbeit super, trotzdem mussten sie irgendwann darauf verzichten. Die britische Oberschicht hatte wunderbare Anwesen mit jeder Menge Dienstboten in Indien, irgendwann mussten sie das aufgeben.“ (S. 54) Dabei verkennt er aber meines Erachtens, dass er hier mit Beispielen argumentiert, in denen ohnehin schon Privilegierte auf einen Teil dieser Privilegien verzichten mussten, während bei gestiegenen Fleisch- oder allgemein Lebensmittelpreisen zumeist die „leiden“, die eh finanziell schwächer gestellt sind, während die oberen Zehntausend weiter sorglos schmausen dürfen.

Aber auch die Argumentation von Herrn Friedman ruft bei mir manchmal Prostest hervor. So bekommt man irgendwann während der Lektüre den Eindruck, dass es ihm egal ist, wann wie viele Menschen auf die Straße gegangen sind, um gegen Pegida, Rassismus, Antisemitismus zu demonstrieren, weil es ihm einfach nicht reicht. Das habe ich durchaus kritisch gesehen, denn wenn man dem Engagement von Menschen mit einem dauernden „Das reicht mir nicht!“ entgegentritt, wertet man dieses Engagement, wie klein es auch sein mag, ab, und erzeugt im schlechten Fall eher Widerspruch und erzieht sich im schlechtesten Fall eine Bevölkerung voller Streber, die dann nur noch auf die Straße gehen, um gegen was auch immer zu demonstrieren, aber nicht, weil sie die Inhalte der Demos stützten, sondern weil sie meinen, dass es von ihnen erwartet wird. Außerdem wurden Streber auf dem Schulhof früher immer verhauen. Ja, das war auch damals schon falsch, aber verhauen wurden sie trotzdem. Insgesamt sah ich diese Einstellung also kritisch – und dann las ich in den letzten Tagen Zeitung:

Der antisemitische Angriff auf einen Studenten in Hamburg geht als die Tat eines Irren durch, der mutmaßlich sogar als schuldunfähig eingestuft werden könnte. Der Bundespräsident – den ich persönlich ja eigentlich mag – sagt sinngemäß, wenn es zu solchen Taten käme, sei es Zeit für die Bevölkerung aufzustehen und dagegen anzugehen. Er sagt „wenn“, er sagt nicht „bevor“ … – Und in Hannover versammeln sich zum Gedenken an die Opfer des Anschlags von Halle 200(!) Leute, bestehend aus den Organisatoren, dem Bündnis „Omas gegen rechts“, Vertretern von Stadt, Parteien und Gewerkschaften, so war es in der Zeitung zu lesen. Und man fragt sich, ob da überhaupt jemand war, der nicht zur eigentlichen Organisation gehörte oder aber dort aufschlug, weil angenommen wurde, dass das von Volkes Seite so erwartet wurde, sondern ob da auch irgendjemand eigentlich Unbeteiligtes war, der teilgenommen hat, weil er den Anlass unterstützt!? Und dann liest man, dass der Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz einen steil ansteigenden Antisemitismus in diesem Land beklagt – ein Anstieg, der seinem Vorgänger mutmaßlich nicht aufgefallen wäre … Und dann fällt einem ein, dass es ja seinerzeit einen regelrechten Skandal gab, als Beatrix von Storch „mausrutschte“, während es vier Jahre später keinen solchen Skandal gab, als ein ehemaliger Presseprecher der AfD in einer Pro7-Doku verkündete, die AfD müsse durch weiteren Flüchtlingszuzug dafür sorgen, dass es Deutschland schlechter gehe, um Stimmenanteile zu behalten, während man die Flüchtlinge später ja immer noch „erschießen“ oder „vergasen“ könne.

Und dann denkt man sich, dass er vielleicht doch recht hat, der Herr Friedman. Es reicht nicht! Es reicht hinten und vorne noch nicht. Deshalb ist einer der Schlüsse der beiden Autoren auch, dass man in Zukunft wieder mehr streiten müsse. Zugegeben, da habe ich ein Problem mit der Begrifflichkeit. Streit ist für micht etwas, das beginnt, wenn Menschen keine Argumente mehr haben und anfangen zu brüllen. Und ich will mich nicht streiten. Ich bin ein harmoniebedürftiger Mensch und wenn sich zwei streiten, tendiert die Wahrscheinlichkeit, dass ich deswegen den Raum verlasse, gegen 100 Prozent.

Ersetzt man „streiten“ aber durch „diskutieren, ist die Schlussfolgerung der Autoren meines Erachtens absolut richtig. Denn wem ging es nicht schon mal so, dass man lieber wieder resigniert den Mund gehalten hat, wenn jemand über (hier beliebige Personengruppe einfügen) oder über „die da oben“ geschimpft hat, weil man einfach keine Lust mehr auf eine vermutlich fruchtlose Diskussion mit offenkundigen Idioten hat!? Aber vielleicht ist das ganz genau verkehrt …!?

Letztlich ist „Zeitenwende“ ein Buch, das ich mit wahrer Begeisterung gelesen habe, eines das spannende Fragen aufwirft, aber eben auch Lösungsansätze bietet. Vor allem aber ist es ein Buch, dass man nach erfolgter Lektüre in den Schrank stellen und nach 5 und/oder 10 Jahren mal wieder hervornehmen kann und einen Abgleich mit der Frage, ob wir wirklich vor einer Zeitenwende stehen, durchführen kann.

Ich danke dem Verlag Kiepenheuer & Witsch für die freundliche Übersendung des Rezensionsexemplars. Die Tatsache, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, beeinflusst meine Meinung selbstredend nicht.

„Effingers“ von Gabriele Tergit

Buch: „Effingers“

Autorin: Gabriele Tergit

Verlag: btb

Ausgabe: Taschenbuch, 899 Seiten

Die Autorin: Gabriele Tergit (1894-1982), Journalistin und Schriftstellerin, wurde durch ihre Gerichtsreportagen bekannt. Sie schrieb drei Romane, zahlreiche Feuilletons und Reportagen sowie posthum veröffentlichte Erinnerungen. Im November 1933 emigrierte sie nach Palästina, 1938 zog sie mit ihrem Mann nach London. (Quelle: Random House)

Das Buch: „Effingers“ ist ein Familienroman – eine Chronik der Familie Effinger über vier Generationen hinweg. Außer dass sie Juden sind, unterscheidet sich ihr Schicksal in nichts von dem anderer gutsituierter gebildeter Bürger im Berlin der Jahrhundertwende. Alle fahren sie im sich immer wiederholenden Lebenskarussell, das sich durch Glück, Schmerz, Leichtsinn, Erfolg und Scheitern dreht. Erst als der Nationalsozialismus sich breitmacht, wird aus dem deutschen Schicksal der Effingers ein jüdisches. (Quelle: Random House)

Fazit: Ich erwähne ja gelegentlich sinngemäß, dass ich Thea Dorn auch dann noch begeistert zuhören würde, wenn sie gerade ein vierstündiges Spontanreferat in einer mir unbekannten Sprache über die Außenhandelsbilanz von Surinam halten würde. Und nachdem Frau Dorn über „Effingers“ in den allerhöchsten Tönen schwärmte, war es daher nur zu folgerichtig, dass ich die Herausforderung dieser etwa 900 Seiten auf mich nehmen würde. Und das hat sich mehr als gelohnt.

Die erzählte Geschichte beginnt im Jahr 1878 mit Paul Effinger, dem, geboren und aufgewachsen als Sohn eines Uhrmachers im ebenso beschaulichen wie fiktiven Kragsheim am Neckar, seine provinzielle Umgebung zu klein wird, der hochtrabende Pläne hat, und daher nach Berlin geht, um dort eine Fabrik hochzuziehen. Später tritt sein Bruder Karl in den Betrieb ein und heiratet zudem in die alteingesessene Bankiers-Familie Goldschmidt-Oppner ein.

In der Folge begleitet die Autorin diese Familien durch das ausgehende Kaiserreich, den Ersten Weltkrieg, die Weimarer Republik sowie die Zeit des Nationalsozialismus. Und allein aufrund des Zeitraums über den sich die Handlung erstreckt und des damit einhergehenden umfassenden Figuren-Ensembles kommt die Handlung sehr vielschichtig und abwechslungsreich daher.

Zugegeben, das alles über die Dauer von 900 Seiten aufrecht zu erhalten, ist durchaus schwierig, und zwischenzeitlich kann die Schilderung des, überspitzt gesagt, viertausendsten Sonntagsessens mit anschließendem Mittagsschlaf in den unterschiedlichsten Räumen der heimischen Villa schon ermüdend wirken. Aber gerade diese Schilderungen, auch in ihrer Häufigkeit, sind meines Erachtens wichtig, um später den Kontrast herauszustellen, der sich im Leben der Familien aufgrund der veränderten politischen Gegebenheiten zwangsweise ergibt. Aber es lohnt sich dranzubleiben, und auch mal Schwächephasen in der Lektüre zu durchleiden, denn insgesamt wird man, nicht nur inhaltlich, mit einem wunderbaren Roman belohnt.

Dass aber eben auch und gerade dieser Inhalt wichtig ist, muss angesichts eines erneuten Übergriffs vor einer Synagoge und der Tatsache, dass wir in einem Land leben, das seinen jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern die Ausübung ihrer Religionsfreiheit in der Synagoge nur unter Polizeischutz gewährleisten kann, wohl nicht extra betont werden. Aber wahrscheinlich werden die, die dieses Buch am dringendsten lesen sollten, es sowieso wieder nicht lesen, vermutlich auch, weil sie gerade wieder damit beschäftigt sind, die Einschränkung ihrer Grundrechte durch die Alltagsmasken zu beklagen, während nur wenige Meter weiter tatsächlich Menschen, und zwar seit jeher und dauerhaft, eingeschränkt sind, wenn es um die Ausübung ihrer Grundrechte geht. Sei´s drum …

Wenn man sich vom reinen Inhalt der Geschichte ab- und den Figuren zuwendet, dann fällt auf, dass die Autorin schon sehr nah bei ihren Figuren ist. Naturgemäß, bei einer derartigen Fülle von handelnden Personen, gefallen einem da einige mehr und andere weniger, allein weil man sich aufgrund der Dinge, die sie tun und sagen, unterschiedlich mit ihnen identifizieren kann. Dessen ungeachtet sind aber alle Charaktere nachvollziehbar und lebensnah gestaltet. Besonders erwähnenswert finde ich, wie gut es der Autorin gelingt, das Unverständnis ihrer Charaktere gegenüber ihren jeweiligen Nachfolgegenerationen darzulegen. So steht beispielsweise Waldemar Goldschmidt, geboren 1850, bereits dem Lebenswandel seiner Enkel mit ähnlichem Unverständnis gegenüber wie ich heute als mittelalter Mensch vor TikTok. Zeiten ändern sich oft schneller als Menschen …

Stilistisch kann ich „Effingers“ nicht wirklich viel vorwerfen. Gut, 900 Seiten sind 900 Seiten sind 900 Seiten. Aber Gabriele Tergit versteht es, jede einzelne davon mit Leben zu füllen. Als einziger Kritikpunkt sei angemerkt, dass es oftmals eine irritierende Diskrepanz zwischen Erzählzeit und erzählter Zeit gibt. Als Beispiel sei hier sinngemäß eine Szene wiedergegeben, in der zwei Frauen miteinander einkaufen gehen. In der ersten und zweiten Zeile des Dialogs beschließt man, sich zu trennen und in unterschiedlichen Geschäften zu suchen, in der dritten gleicht man bereits ab, ob die Suche Erfolg gehabt hat. Als weiteres Beispiel stehen während eines Dialogs plötzlich Menschen mit im Raum, auf deren erwartetes Eintreffen zwar hingewiesen, deren eigentliches Ankommen aber nicht geschildert wird. Anfangs wirkte das auf mich wirklich teils verwirrend, teils befremdlich, aber wenn sich mal dran gewöhnt hat …

Wenn man all das zusammen nimmt, dann kommt, wie erwähnt, ein ganz wunderbarer Roman dabei heraus. Darüber hinaus auch ein in seiner Urfassung sehr mutiger, denn „Effingers“ erschien bereits 1951. Vorausgegangen war eine mehrjährige, kräftezehrende Verlagssuche, denn in der deutschen Verlagslandschaft war man seinerzeit wohl der Meinung, dass die deutsche Leserschaft mit einem solchen Buch (noch) nicht konfrontiert werden wollte. Und der immer stärker um sich greifende Antisemitismus heutzutage scheint darauf hinzudeuten, dass sich daran nicht so wirklich viel geändert hat. Auch und gerade deshalb bleibt mir, wenn Frau Dorn sagt: „Dass dieses Buch nicht längst ein fester Bestandteil des deutschen literarischen Kanons ist, halte ich für einen Skandal.“, nichts anderes übrig, als ihr in vollem Umfang zuzustimmen. Wieder einmal …

Ich danke dem Bloggerportal und dem btb-Verlag für die freundliche Übersendung des Rezensionsexemplars. Die Tatsache, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, beeinflusst meine Meinung selbstredend nicht.

Demnächst in diesem Blog: „Zeitenwende“ von Michel Friedman und Harald Welzer.

 

„Ein anderer Takt“ von William Melvin Kelley

Buch: „Ein anderer Takt“

Autor: William Melvin Kelley

Verlag: Hoffmann und Campe

Ausgabe: Taschenbuch, 300 Seiten

Der Autor: William Melvin Kelley wurde 1937 in New York geboren. Mit vierundzwanzig Jahren veröffentlichte er seinen bis heute gefeierten Debütroman A Different Drummer. Nach mehrjährigen Aufenthalten in Paris und auf Jamaika kehrte er mit seiner Familie 1977 nach New York zurück und unterrichtete am Sarah Lawrence College Kreatives Schreiben. Für seine Romane, Kurzgeschichten, Essays und Filme wurde Kelley vielfach ausgezeichnet. Er starb 2017 in Harlem. (Quelle: Hoffmann und Campe)

Das Buch: Die kleine Stadt Sutton im Nirgendwo der Südstaaten. An einem Nachmittag im Juni 1957 streut der schwarze Farmer Tucker Caliban Salz auf seine Felder, tötet sein Vieh, brennt sein Haus nieder und zieht nach Norden. Ihm folgt die gesamte schwarze Bevölkerung. Fassungslos verfolgen die zurpckgebliebenen Weißen den Auszug. Es scheint nur eine frage der Zeit zu sein, bis sich ihre Wut und ihre Hilflosigkeit entladen. (Quelle: Klappentext)

Fazit: Ich finde es immer wieder faszinierend, wenn das Werk eines weitgehend in Vergessenheit geratenen Autors wiederentdeckt und der aktuellen Lesergeneration zugänglich gemacht wird. Als aktuell bekanntestes Beispiel kann hier wohl John Williams genannt werden. Und ähnlich verhält es sich auch mit William Melvin Kelley, dessen bereits in den 60ern erstmals erschienener Roman „Ein anderer Takt“ einen vergleichsweise großen Erfolg vorweisen konnte. Aus unterschiedlichen Gründen, zu denen wohl auch gezählt werden kann, dass Kelleys nachfolgende Romane inhaltlich und stilistisch wesentlich weniger zugänglich gewesen sein sollen, blieb aber danach eben dieser Erfolg aus und Kelley geriet in Vergessenheit.

Und ähnlich wie bei John Williams ist das auch im Fall Kelley überaus schade, denn bei „Ein anderer Takt“ handelt es sich um ein Buch, das eine möglichst große Leserschaft verdient hat.

In diesem Roman befinden wir uns in den 50ern in dem fiktiven Städtchen Sutton in einem fiktiven Teil eines fiktiven Bundesstaates ganz im Süden der USA. Ohne jegliche Vorankündigung versalzt der schwarze Farmer Tucker Caliban seine Felder, erschießt seine Tiere, zerstört seinen gesamten Besitz und verlässt die Stadt mit unbekanntem Ziel. Calibans Tat stellt eine Art Initialzündung für die schwarze Bevölkerung Suttons nach, denn in kürzester Zeit folgen alle schwarzen Bewohner Calibans Beispiel und verlassen Sutton ebenfalls. Die ratlose weiße Bevölkerung wird vom Gouverneur beruhigt: „Es gibt keinen Grund zur Sorge. Wir haben sie nie gewollt, wir haben sie nie gebraucht, und wir werden sehr gut ohne sie zurechtkommen, der Süden wird sehr gut ohne sie zurechtkommen. Auch wenn unsere Bevölkerungszahl um ein Drittel verringert ist, werden wir prima zurechtkommen. Es sind noch immer genug gute Männer da.“ (S. 12) Pfeifen im Walde und rassistischer Standpunkt gleichzeitig …

Kelley erzählt seine Geschichte durch unterschiedlichste Figuren. Der Clou dabei ist, dass diesen Figuren allen gemein ist, dass sie ausnahmslos weiß sind. Einerseits gelingt es ihm so, die Sichtweisen der weißen Bevölkerung gegenüber der schwarzen klarzumachen und deren Einstellung, die bestenfalls zwischen offen rassistisch und gönnerhaft liberal liegt, zu verdeutlichen. Andererseits wird bereits durch die Wahl der Erzählweise klar, dass die Schwarzen im übertragenen Sinne keine Stimme, dass sie nichts zu sagen haben. Ein durchaus kluger, erzählerischer Schachzug.

Hinsichtlich des Stils kann man darüber hinaus wohl nicht umhin, darauf hinzuweisen, dass Kelley in seinem Roman einen offenen Umgang, will sagen: eine häufige Verwendung aller möglichen N-Wörter pflegt. Mir erschien das vor dem Hintergrund des Settings und Zeitraums absolut angemessen, aber andere Leserinnen und Leser mögen damit vielleicht ein Problem haben, weswegen es hier angemerkt wird.

Ein weiteres herauszuhebendes stilistisches Merkmal ist, dass es Kelley sehr gut gelingt, die Stimmung, die in der weißen Bevölkerung herrscht, zu transportieren. Denn hier brodelt es unter dem Kessel. Unabhängig davon, was der Gouverneur nun sagt oder nicht, sind die Weißen in Sutton verunsichert, vielleicht auch ein bisschen verängstigt, was ihre eigene Zukunft angeht. Und aus Unsicherheit und Angst entstehen oft Aggression und Gewalt. Bezeichnend ist, dass niemandem in der weißen Bevölkerung der Einfall kommt, sich mal näher mit den Ursachen dieses Exodus zu beschäftigen oder gar einmal die Frage aufzuwerfen, ob man den Schwarzen Zugeständnisse welcher Art auch immer machen könnte, um sie so zum Bleiben zu bewegen.

Eben das sind wohl auch die Dinge, die Kelley mit seinem Roman anprangern wollte. Dass der schwarzen Bevölkerung Amerikas keine Stimme gegeben wird, keine Chance bzw. kein Angebot für eine wirkliche allgemeingesellschaftliche Teilhabe. Dass die Weißen nicht bereit sind, auch nur einen Millimeter von ihren vorgegebenen Denkmustern und ihren Privilegien abzurücken. Aber auch, dass die Weißen mit ihrem verächtlichen Umgang mit den Schwarzen offensichtlich Erfolg haben, denn er kritisiert eben auch, dass die Schwarzen die ihnen zugebilligte Rolle wohl klaglos akzeptieren, sich allerhöchstens in Interessengruppen zusammenfinden, aber nicht für sich selbst höchstpersönlich einstehen und ihr Schicksal, anders als Tucker Caliban, nicht in die eigene Hand nehmen.

Und ja, natürlich erinnert das schon deutlich an heutige Zustände in den USA. Während in Kelleys Szenario die Schwarzen die Stadt verlassen, während irgendwelche rassistischen Rednecks auf der Veranda eines Gemischtwarenladens herumstehen und der Situation mit Unverständnis begegnen, demonstriert heute die BLM-Bewegung in den Straßen, während vereinzelte weiße Menschen diesem Umstand mit Unverständnis begegnen, sich augenscheinlich vernachlässigt fühlen und bar jeder Empathie irgendwas davon blubbern, dass es ja eigentlich „All Lives Matter“ heißen müsste, weil mimimi, da sie augenscheinlich schwer damit zurechtkommen, dass es hier auch nur ein einziges Mal nicht explizit um sie geht.

Offensichtlich hat sich wohl in den letzten gut 60 Jahren doch nicht so fürchterlich viel verändert. Auch und gerade deshalb wünsche ich diesem Buch eben eine möglichst große Leserschaft und empfehle es mit allem mir zur Verfügung stehenden Nachdruck. Unbedingt lesen!

Ich danke den Damen und Herren bei Hoffmann und Campe für die freundliche Übersendung des Rezensionsexemplars. Die Tatsache, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, beeinflusst meine Meinung selbstredend nicht.

 

Demnächst in diesem Blog: Das weiß ich noch nicht so genau …

 

„In zwangloser Gesellschaft“ von Leonhard Hieronymi

Buch: „In zwangloser Gesellschaft“

Autor: Leonhard Hieronymi

Verlag: Hoffmann und Campe

Ausgabe: Hardcover, 237 Seiten

Der Autor: Leonhard Hieronymi wurde 1987 in Bad Homburg geboren, studierte Philosophie, Informatik und Europäische Literatur in Berlin, Mainz und Wien und ist Gründungsmitglied des Literaturkollektivs Rich Kids of Literature sowie der Kairo-Gesellschaft. Er schreibt unter anderem für SZ, Zeit, Das Wetter und Metamorphosen. 2017 erschien sein umstrittenes Manifest Ultraromantik. Die darin abgedruckte Kurzgeschichte „Formalin“ gilt als „die beste deutschsprachige Kurzgeschichte des Jahres“ (SZ). In zwangloser Gesellschaft ist sein Debüt als Romanautor. Hieronymi lebt in Hamburg. (Quelle: Hoffmann und Campe)

Das Buch: Nach einem Lachanfall in den Katakomben von Rom, der doch irgendeinen Grund gehabt haben muss, macht sich ein junger Mann auf den Weg: Durch Ohlsdorf, Constanţa, Wien und Prag, entlang der Grabsteine Europas größter und kleinster Literaten beginnt er eine Spurensuche – nach den unheimlich Verschwundenen und den Unsterblichen. Häufiger als erhofft stößt er dabei auf knutschende Paare, Bonbonpapier, Champagnerflaschen und dann doch keine Mentholzigaretten; trifft Orgelsachverständige, Totengräber und Hermann Hesses Enkel, und es braucht neben Durchhaltevermögen nicht zuletzt Rotwein, eine Arminius-Schreckschusspistole und eine frisierte Vespa, bis er erstaunt zu dem Schluss kommt: Verschwinden ist Luxus. — Ein wildes, phänomenales Debüt, das uns berauscht, beglückt und amüsiert und ganz nebenbei ein völlig neues Licht auf das Europa unserer Tage wirft. (Quelle: Hoffmann und Campe)

Fazit: „In zwangloser Gesellschaft“ war so etwas wie ein Zufallsfund beim Stöbern durch die Neuerscheinungen in der Verlagswelt. Und ich gebe zu: Eigentlich hatte mich der Autor schon nach der Lektüre einiger vereinzelter Textausschnitte, weil so schöne Sätze wie „Wir saßen im Auto meines Bruders und hörten das zweite Album der neuseeländischen Band Die! Die! Die!, was ich während der Fahrt zu einem Friedhof als etwas Unangenehmes empfand, aber man bekam die CD nicht mehr aus dem Schlitz der Anlage heraus.“ („S.17) oder auch nur herrliche Satzanfänge wie „Als Ende April 1945 das letzte Telegramm aus Tokio mit den Worten „Viel Glück für Euch Alle“ Berlin erreichte (…)“ S. 73 genau meinen Humor treffen.

Und auch mit Humor, genau genommen mit einem Lachkrampf, fängt für Leonhard Hieronymis Protagonisten alles an. Jeder hat wohl schon mal zu den unpassendsten Gelegenheiten lachen müssen, den Protagonisten ereilt dieses Schicksal ausgerechnet in den Katakomben Roms, unweit einer Menge verstorbener Päpste. Ausgehend von der Frage, „(…) ob nicht die Angst vorm Sterben und Verschwinden dieses Lachen ausgelöst hatte“, macht sich der Protagonist auf, die Gräber allerlei bekannter und unbekannter Autorinnen und Autoren zu besuchen, die ihrerseits in Vergessenheit geraten, also gleichsam verschwunden, sind oder aber Gefahr laufen, alsbald ein solches Schicksal zu erleiden. Ein entferntes Ziel der Reise soll schließlich der Besuch des Grabes von Ovid bzw. Seneca sein.

In der Folge bringt einem der Autor nicht nur diverse Friedhöfe nahe und überrascht mit der Tatsache, dass es offensichtlich tatsächlich Portale mit Sterne-Bewertungen für Friedhöfe gibt, sondern widmet sich eben auch und ganz besonders den dort untergekommenen Literaten und Literatinnen. So geht es über Robert Gernhardt, der mir persönlich unlängst wieder in Form seiner „Deutung eines allegorischen Gedichts“ begegnete, über Roger Willemsen bis hin zu Karl-Herbert Scheer, liebevoll „Kanonen-Herbert“ oder auch „Handgranaten-Herbert“ genannt, den Schöpfer der Perry-Rhodan-Reihe, die es mittlerweile auf schlanke 3.084 Hefte gebracht hat.

Man erfährt so nebenbei vieles über die genannten und unzählige weitere Personen, während der Weg des Protagonisten von Deutschland über Rumänien bis hin nach Italien führt. Und man merkt charmanterweise auch, wo die literarischen Sympathien der Hauptfigur, wer immer das sein mag, liegen. So scheint der passionierte Friedhofsbesucher einerseits ein glühender Anhänger von Anna Seghers, andererseits Hellmuth Karasek gegenüber jedoch nicht so wohlgesinnt zu sein. Warum auch immer …

Nun mag man sich die Frage stellen, was das Ganze denn nun soll!? Ist „In zwangloser Gesellschaft“ ein Roman über eine Sinnsuche? Einer Suche nach etwas, womit man die ureigenste Angst vor dem Tod ausblenden oder wenigstens langfristig sedieren kann? Oder ist es in erster Linie eine Liebeserklärung an die Literatur und eine Erinnerung daran, dass eben diese Literatur von sehr viel mehr Menschen und Werken ausgemacht wurde und wird, als von ewig gleichen Personen in den Bestsellerlisten? Oder eine Liebeserklärung an das Europa von heute? Oder gar eine Warnung vor der Eintwicklung in Europa, auch und gerade im Hinblick auf die sich immer weiter verschärfende Klimasituation, die der Autor mehrfach anspricht? Vielleicht aber auch eine subtile Kritik am Tourismus, der heutzutage vor wirklich keinem Ort der Welt mehr haltmacht, und in dem Menschen, die man gerade für viel Geld aus Gründen des Seuchenschutzes wieder in die Heimat geflogen hat, schon wieder darüber nachdenken, wann und wohin sie im Sommer, im Herbst, über Weihnachten und Neujahr hinfliegen können? Oder ist das Ganze am Ende nichts weiter als ein unendlicher Spaß, um es mal mit den Worten von David Foster Wallace zu sagen?

Nun habe ich die oben genannten Fragen für mich zu meiner Zufriedenheit beantworten können, aber jeder Jeck ist ja anders, deswegen kann ich wärmstens empfehlen, sich mit Hieronymis Buch selbst auseinanderzusetzen und sich seine eigenen Antworten zu geben.

Für mich ist „In zwangloser Gesellschaft“ ein ausgesprochen gelungener und kurzweiliger Debütroman, wer sich nach meinen Einlassungen aber immer noch nicht sicher ist, ob das Buch etwas für sie oder ihn ist – das soll ja manchmal vorkommen – kann sich Hieronymis Lesung eines Teils des Textes beim diesjährigen Ingeborg-Bachmann-Preis hier ansehen.

Ich danke dem Verlag Hoffmann und Campe für die freundliche Übersendung des Rezensionsexemplars. Die Tatsache, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, beeinflusst meine Meinung selbstredend nicht.

 

Demnächst in diesem Blog: „Ein anderer Takt“ von William Melvin Kelley.