„In zwangloser Gesellschaft“ von Leonhard Hieronymi

Buch: „In zwangloser Gesellschaft“

Autor: Leonhard Hieronymi

Verlag: Hoffmann und Campe

Ausgabe: Hardcover, 237 Seiten

Der Autor: Leonhard Hieronymi wurde 1987 in Bad Homburg geboren, studierte Philosophie, Informatik und Europäische Literatur in Berlin, Mainz und Wien und ist Gründungsmitglied des Literaturkollektivs Rich Kids of Literature sowie der Kairo-Gesellschaft. Er schreibt unter anderem für SZ, Zeit, Das Wetter und Metamorphosen. 2017 erschien sein umstrittenes Manifest Ultraromantik. Die darin abgedruckte Kurzgeschichte „Formalin“ gilt als „die beste deutschsprachige Kurzgeschichte des Jahres“ (SZ). In zwangloser Gesellschaft ist sein Debüt als Romanautor. Hieronymi lebt in Hamburg. (Quelle: Hoffmann und Campe)

Das Buch: Nach einem Lachanfall in den Katakomben von Rom, der doch irgendeinen Grund gehabt haben muss, macht sich ein junger Mann auf den Weg: Durch Ohlsdorf, Constanţa, Wien und Prag, entlang der Grabsteine Europas größter und kleinster Literaten beginnt er eine Spurensuche – nach den unheimlich Verschwundenen und den Unsterblichen. Häufiger als erhofft stößt er dabei auf knutschende Paare, Bonbonpapier, Champagnerflaschen und dann doch keine Mentholzigaretten; trifft Orgelsachverständige, Totengräber und Hermann Hesses Enkel, und es braucht neben Durchhaltevermögen nicht zuletzt Rotwein, eine Arminius-Schreckschusspistole und eine frisierte Vespa, bis er erstaunt zu dem Schluss kommt: Verschwinden ist Luxus. — Ein wildes, phänomenales Debüt, das uns berauscht, beglückt und amüsiert und ganz nebenbei ein völlig neues Licht auf das Europa unserer Tage wirft. (Quelle: Hoffmann und Campe)

Fazit: „In zwangloser Gesellschaft“ war so etwas wie ein Zufallsfund beim Stöbern durch die Neuerscheinungen in der Verlagswelt. Und ich gebe zu: Eigentlich hatte mich der Autor schon nach der Lektüre einiger vereinzelter Textausschnitte, weil so schöne Sätze wie „Wir saßen im Auto meines Bruders und hörten das zweite Album der neuseeländischen Band Die! Die! Die!, was ich während der Fahrt zu einem Friedhof als etwas Unangenehmes empfand, aber man bekam die CD nicht mehr aus dem Schlitz der Anlage heraus.“ („S.17) oder auch nur herrliche Satzanfänge wie „Als Ende April 1945 das letzte Telegramm aus Tokio mit den Worten „Viel Glück für Euch Alle“ Berlin erreichte (…)“ S. 73 genau meinen Humor treffen.

Und auch mit Humor, genau genommen mit einem Lachkrampf, fängt für Leonhard Hieronymis Protagonisten alles an. Jeder hat wohl schon mal zu den unpassendsten Gelegenheiten lachen müssen, den Protagonisten ereilt dieses Schicksal ausgerechnet in den Katakomben Roms, unweit einer Menge verstorbener Päpste. Ausgehend von der Frage, „(…) ob nicht die Angst vorm Sterben und Verschwinden dieses Lachen ausgelöst hatte“, macht sich der Protagonist auf, die Gräber allerlei bekannter und unbekannter Autorinnen und Autoren zu besuchen, die ihrerseits in Vergessenheit geraten, also gleichsam verschwunden, sind oder aber Gefahr laufen, alsbald ein solches Schicksal zu erleiden. Ein entferntes Ziel der Reise soll schließlich der Besuch des Grabes von Ovid bzw. Seneca sein.

In der Folge bringt einem der Autor nicht nur diverse Friedhöfe nahe und überrascht mit der Tatsache, dass es offensichtlich tatsächlich Portale mit Sterne-Bewertungen für Friedhöfe gibt, sondern widmet sich eben auch und ganz besonders den dort untergekommenen Literaten und Literatinnen. So geht es über Robert Gernhardt, der mir persönlich unlängst wieder in Form seiner „Deutung eines allegorischen Gedichts“ begegnete, über Roger Willemsen bis hin zu Karl-Herbert Scheer, liebevoll „Kanonen-Herbert“ oder auch „Handgranaten-Herbert“ genannt, den Schöpfer der Perry-Rhodan-Reihe, die es mittlerweile auf schlanke 3.084 Hefte gebracht hat.

Man erfährt so nebenbei vieles über die genannten und unzählige weitere Personen, während der Weg des Protagonisten von Deutschland über Rumänien bis hin nach Italien führt. Und man merkt charmanterweise auch, wo die literarischen Sympathien der Hauptfigur, wer immer das sein mag, liegen. So scheint der passionierte Friedhofsbesucher einerseits ein glühender Anhänger von Anna Seghers, andererseits Hellmuth Karasek gegenüber jedoch nicht so wohlgesinnt zu sein. Warum auch immer …

Nun mag man sich die Frage stellen, was das Ganze denn nun soll!? Ist „In zwangloser Gesellschaft“ ein Roman über eine Sinnsuche? Einer Suche nach etwas, womit man die ureigenste Angst vor dem Tod ausblenden oder wenigstens langfristig sedieren kann? Oder ist es in erster Linie eine Liebeserklärung an die Literatur und eine Erinnerung daran, dass eben diese Literatur von sehr viel mehr Menschen und Werken ausgemacht wurde und wird, als von ewig gleichen Personen in den Bestsellerlisten? Oder eine Liebeserklärung an das Europa von heute? Oder gar eine Warnung vor der Eintwicklung in Europa, auch und gerade im Hinblick auf die sich immer weiter verschärfende Klimasituation, die der Autor mehrfach anspricht? Vielleicht aber auch eine subtile Kritik am Tourismus, der heutzutage vor wirklich keinem Ort der Welt mehr haltmacht, und in dem Menschen, die man gerade für viel Geld aus Gründen des Seuchenschutzes wieder in die Heimat geflogen hat, schon wieder darüber nachdenken, wann und wohin sie im Sommer, im Herbst, über Weihnachten und Neujahr hinfliegen können? Oder ist das Ganze am Ende nichts weiter als ein unendlicher Spaß, um es mal mit den Worten von David Foster Wallace zu sagen?

Nun habe ich die oben genannten Fragen für mich zu meiner Zufriedenheit beantworten können, aber jeder Jeck ist ja anders, deswegen kann ich wärmstens empfehlen, sich mit Hieronymis Buch selbst auseinanderzusetzen und sich seine eigenen Antworten zu geben.

Für mich ist „In zwangloser Gesellschaft“ ein ausgesprochen gelungener und kurzweiliger Debütroman, wer sich nach meinen Einlassungen aber immer noch nicht sicher ist, ob das Buch etwas für sie oder ihn ist – das soll ja manchmal vorkommen – kann sich Hieronymis Lesung eines Teils des Textes beim diesjährigen Ingeborg-Bachmann-Preis hier ansehen.

Ich danke dem Verlag Hoffmann und Campe für die freundliche Übersendung des Rezensionsexemplars. Die Tatsache, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, beeinflusst meine Meinung selbstredend nicht.

 

Demnächst in diesem Blog: „Ein anderer Takt“ von William Melvin Kelley.

„Wer auf dich wartet“ von Gytha Lodge

Buch: „Wer auf dich wartet“

Autorin: Gytha Lodge

Verlag: Hoffmann und Campe

Ausgabe: Taschenbuch

Die Autorin: Gytha Lodge ist eine britische Schriftstellerin und mehrfach ausgezeichnete Theaterautorin. Sie studierte Englische Literatur in Cambridge und Kreatives Schreiben an der University of East Anglia. Ihr Krimidebüt Bis ihr sie findet war international ein großer Erfolg und stand in Deutschland viele Wochen auf der Spiegel-Bestsellerliste. (Quelle: Hoffmann und Campe)

Das Buch:  Abends, kurz vor elf. Aidan loggt sich ein, um mit seiner Freundin Zoe zu skypen. Doch als die Verbindung steht, sieht er nur ihr leeres Zimmer. Dann einen Schatten. Ist Zoe etwa nicht allein? Hilflos muss Aidan mitanhören, wie im Hintergrund gekämpft wird. Bis schließlich Stille herrscht… Als DCI Jonah Sheens und sein Team von der Kriminalpolizei Southampton Stunden später Zoes Wohnung betreten, finden sie die Leiche der jungen Frau. Was hat Aidan dazu gebracht, so lange zu zögern, bis er die Polizei gerufen hat? Und warum kannte er die Adresse seiner Freundin nicht? Niemand aus Zoes großem Freundeskreis weiß etwas Schlechtes zu sagen über die hilfsbereite junge Künstlerin. Tatsächlich scheinen sehr viele Menschen auf Zoes Unterstützung angewiesen gewesen zu sein. Schon bald stoßen die Ermittler auf ein Geflecht aus Abhängigkeiten, dunklen Geheimnissen und Missgunst. Verdächtige gibt es genug – doch wessen Motiv ist mörderisch genug? (Quelle: Hoffmann und Campe)

Fazit: Durch eine Rezension der zauberhaftesten aller Bloggerkolleginnen wurde ich seinerzeit auf Gytha Lodges Debütroman „Bis ihr sie findet“ aufmerksam, welcher mich nachhaltig beeindruckt hat. Nur umso verständlicher ist es wohl, dass ich den zweiten Fall rund um Ermittler DCI Jonah Sheens nicht ungelesen an mir vorbeigehen lassen konnte. Und das war eine wirklich kluge Entscheidung.

Denn eben jene Zoe, ja, eigentlich das gesamte Charakterensemble sowie dessen Konstellation zueinander, und ihre Entwicklung machen einen Großteil dessen aus, was diesen Krimi so lesenswert macht. Sinngemäß heißt es auf dem Buchrücken, Gytha Lodge würde ihre Figuren im Buch platzieren wie die Spielfiguren auf einem Schachbrett. Und ich finde diesen Vergleich sehr treffend. Stück für Stück lässt sie – um im Bild zu bleiben – ihre Figuren ihre Züge machen, wodurch immer wieder eine neue Spielsituation entsteht. Bezogen auf den Roman hat man also – zumindest mir ging das so – immer wieder neue Verdächtige und neue Vermutungen. Ich war beispielsweise irgendwann so ab Mitte des Buches absolut felsenfest davon überzeugt, dass ich bereits im Prolog auf einen unwiderlegbaren Hinweis zur Täterschaft gestoßen bin und ich rückte, egal wie viele Gegenbeweise es gab, bis zum Ende des Buches auch nicht mehr von meiner Vermutung zur Täterschaft ab, nur um dann mit dieser Vermutung eine krachende Bauchlandung hinzulegen. Täter raten kann ich halt einfach nicht … Die Auflösung selbst empfand ich als, sagen wir mal erzählerisch hinterhältig, aber nachvollziehbar.
Aber nicht nur die Interaktion der Charaktere – die übrigens, das sei hier nur kurz erwähnt, wie schon im Reihenauftakt netterweise im Buchumschlag nochmal kaurz aufgeführt sind – überzeugt vollständig, auch die Charaktere selbst sind nachvollziehbar dargestellt, wenn sie auch alle ein bisschen „obendrüber“, ein bisschen überzeichnet sind. Allen voran sei hier Zoe genannt, die innerhalb ihres Freundeskreises eine Mischung zwischen der Schweiz und Mutter Teresa zu sein scheint, die also niemandem zu nahe treten will, immer möchte, dass alle zu ihrem Recht kommen und die bis zur persönlichen Selbstaufgabe hilfsbereit erscheint. Erfahrungsgemäß ist es mittelfristig um das Nervenkostüm solcher Menschen nicht gut bestellt … Und auch wenn sowohl das Mordopfer als auch die Verdächtigen für mich zu den besseren Charakteren des Buches gehören, vernachlässigt die Autorin auch ihr Ermittlerteam nicht, das die Leserschaft ja nun mutmaßlich über mehrere Teile begleiten soll.
Im stilistischen Bereich lässt sich abseits des eigentlichen Aufbaus des Buches ebenfalls nicht viel kritisieren, deswegen kann ich mich in dieser Hinsicht recht kurz fassen. Lodge ist nach wie vor in der Lage, auf beeindruckende Weise Stimmungen zu erzeugen und erzählt insbesondere hinsichtlich der Dialoge vergleichsweise lebensnah.
Zusammenfassend kann man sagen, dass Lodges zweites Buch allen passionierten Krimileserinnen und -lesern gefallen dürfte, die gerne vergleichsweise unblutige Krimis mit spannender Figurenkonstellation lesen. Und ausnahmsweise lehne ich mich mal weit aus dem Fenster, indem ich behaupte: Allen Leserinnen und Lesern, denen bereits „Bis ihr sie findet“ gefallen hat, werden mit hundertpozentiger Sicherheit auch an „Wer auf dich wartet“ ihre Freude haben.
Demnächst in diesem Blog: „In zwangloser Gesellschaft“ von Leonhard Hieronymi.

„Das Verschwinden des Dr. Mühe“ von Oliver Hilmes

Buch: „Das Verschwinden des Dr. Mühe“

Autor: Oliver Hilmes

Verlag: Penguin

Ausgabe: Hardcover

Der Autor: Oliver Hilmes, 1971 geboren, wurde in Zeitgeschichte promoviert und arbeitet als Kurator für die Stiftung Berliner Philharmoniker. Seine Bücher über widersprüchliche und faszinierende Frauen „Witwe im Wahn. Das Leben der Alma Mahler-Werfel“ (2004) und „Herrin des Hügels. Das Leben der Cosima Wagner“ (2007) wurden zu großen Verkaufserfolgen. Zuletzt erschienen „Liszt. Biographie eines Superstars” (2011), „Ludwig II. Der unzeitgemäße König” (2013) und „Berlin 1936. Sechzehn Tage im August“ (2016), das in viele Sprachen übersetzt und zum gefeierten Bestseller wurde. (Quelle: Random House)

Das Buch: Ein angesehener Arzt verschwindet über Nacht. Sein Sportwagen wird verlassen am Ufer eines Sees bei Berlin gefunden. Die Mordkommission ermittelt und stößt hinter der sorgsam gepflegten Fassade des ehrenwerten Doktors auf die Spuren eines kriminellen Doppellebens, das von Berlin nach Barcelona führt. Oliver Hilmes hat die Akten dieses aufsehenerregenden Kriminalfalls aus der Spätzeit der Weimarer Republik im Berliner Landesarchiv entdeckt. Auf der Basis dieser Dokumente und angereichert mit fiktionalen Elementen, setzt er das mysteriöse Puzzle zusammen. Auf packende Weise und höchst raffiniert erzählt er von der Suche nach Wahrheit und von den Abgründen der bürgerlichen Existenz am Vorabend der Diktatur. (Quelle: Random House)

Fazit: Ich bin ja – ich erwähnte und wiederholte das gelegentlich – bekennender True-Crime-Fan. Und als solcher ist es mir naturgemäß nicht möglich, Bücher wie „Das Verschwinden des Dr. Mühe“ ungelesen an mir vorbeiziehen lassen. Und das hat sich durchaus gelohnt, nicht nur als True-Crime-Fan. Dabei ist Hilmes‘ Buch im Grunde nichts anderes als das Resultat eines Zufallsfundes im Berliner Landesarchiv, in dem sich der Autor zwecks Recherche zu einem ganz anderen Buch befand.

In seinem Krimi geht es um den namensgebenden Dr. Mühe aus Berlin, der sich spätabends aufmacht, angeblich um einen Hausbesuch bei einem Patienten zu machen. Nur kehrt der Dr. von diesem Besuch nie zurück. Lediglich sein Auto wird am Ufer eines Sees gefunden, verschwindet später aber ebenso vollständig wie sein Besitzer. Um die Verwirrung um das Auto komplett zu machen, wird eine Plakette, die unzweifelhaft von Dr. Mühes Wagen stammt, später recht weit von Berlin entfernt halb verscharrt in einem Acker gefunden. Und damit nicht genug: Nicht nur Dr. Mühe und dessen Auto sind verschwunden, am nächsten Tag ist auch das Konto des Mediziners leer geräumt.

Grund genug, nunmehr den Polizisten Ernst Keller mit den Ermittlungen zu betrauen, der an der Seite seines Assistenten eine Reihe von Vernehmungen durchführt. In jedem Kapitel wendet sich Keller dabei einer anderen wichtigen Person zu und passenderweise sind die Kapitel dann auch mit dem Namen der im entsprechenden Kapitel die Hauptrolle spielenden Person, sowie mit dem Datum und der Uhrzeit überschrieben.

Sehr bald fallen Keller dabei zwei Dinge auf. Erstens widersprechen sich die Aussagen einiger Zeugen, insbesondere die von Dr. Mühes Frau, ihres Dienstmädchens sowie der Untermieterin des Ehepaar Mühe teils deutlich. Und zweitens scheint sich hinter der Fassade der augenscheinlich glücklichen Ehe des Mühes ein ganz anderes Bild darzustellen. Das eines Arztes, der aus zweifelhaften bis illegalen Tätigkeiten Geld beziehen könnte, in erster Linie um das anscheinend rein auf größtmöglichen Luxus ausgerichtete Leben der Ehefrau zu finanzieren.

Die Ermittlungen Kellers lesen sich spannend, immer wieder tauchen Wendungen auf, mit denen man – sonst wären es auch keine Wendungen – so nicht gerechnet hat oder die die Geschehnisse in einem anderen Licht erscheinen und einen anderen Zusammenhang der Ereignisse vermuten lassen. Ich fühlte mich hier ein wenig an „Das Buch der Spiegel“ von E. O. Chirovici erinnert, in dem man sich ebenfalls mit vielen inhaltlich teils deutlich unterschiedlichen Zeugenaussagen konfrontiert sieht und ebenso wie im Hilmes‘ Roman gezwungen ist, sich seine eigenen Gedanken zu machen und seine eigenen Schlüsse zu ziehen.

Abseits der eigentlichen Ermittlungen bzw. der Krimihandlung bemüht sich der Autor, ein möglichst lebendiges Bild vom Berlin der 30er-Jahre des letzten Jahrhunderts zu entwerfen. So werden natürlich die politischen Ereignisse dieser Zeit erwähnt, aber auch damalige Zeitungsmeldungen oder Zahlen aus dem Statistischen Reichsamt. Das zeugt von umfassenden Recherchearbeiten des Autors und ich weiß den Aufwand auch zu schätzen, nur fügen diese Stellen, die mutmaßlich doch dazu dienen sollen, den Handlungsrahmen möglichst lebendig zu gestalten, sich – insbesondere im ersten Drittel des Romans – nur wenig organisch in den restlichen Text ein. Für mich wirkten die entsprechenden Stellen leider eher so, als habe der Autor von Zeit zu Zeit zur Liste mit seinen Rechercheergebnissen gegriffen, um dann Punkt für Punkt in den Text einzufügen und abzuhaken. Aus meiner Sicht lesen sich diese Passagen daher eher wie ein Geschichtsbuch und weniger wie ein Roman.

Im Grunde ist das aber auch schon der einzige Kritikpunkt, und dieser verliert aufgrund der Tatsache, dass derartige Einschübe mit zunehmender Dauer des Romans weniger werden, im späteren Verlauf immer mehr an Bedeutung.

Dessen ungeachtet ist „Das Verschwinden des Dr. Mühe“ eine überzeugend erzählte Cold-Case-Geschichte, an der Liebhaber des „Roman Noir“-Genres ebenso ihre Freude haben dürften, wie passionierte Krimileser, die endlich mal wieder eine unblutige Geschichte aus ihrem Lieblingsgenre lesen wollen.

Ich danke dem Penguin Verlag für die freundliche Übersendung des Rezensionsexemplars. Die Tatsache, dass es sich hier um ein Rezensionsexemplar handelt, beeinflusst meine Meinung selbstredend nicht.

Demnächst in diesem Blog: „Wer auf dich wartet“ von Gytha Lodge.

„Agathe“ von Anne Cathrine Bomann

Buch: „Agathe“

Autorin: Anne Cathrine Bomann

Verlag: btb

Ausgabe: Taschenbuch, 156 Seiten

Die Autorin: Anne Cathrine Bomann, geboren 1983, arbeitet als Psychologin. Sie lebt in Kopenhagen mit ihrem Freund, einem Philosophen, und dem Hund Camus. Eine Saison lang spielte sie Tischtennis in Fontenay-sous-Bois, einem Vorort von Paris. Dort lebte sie in der 9, Rue des Rosettes, genau wie die Hauptfigur aus »Agathe«. (Quelle: Random House)

Das Buch: Ein alternder Psychiater zählt die Tage bis zu seinem Ruhestand. Bald wird er die Türen seiner Praxis für immer hinter sich schließen. Doch eine letzte Patientin lässt sich nicht abwimmeln. Und die Gespräche mit Agathe verändern alles für ihn. Ist es jemals zu spät, um Nähe zuzulassen? (Quelle: Random House)

Fazit: Zugegeben, bei „Agathe“ handelt es sich jetzt nicht um die im Rahmen meiner letzten Rezension in Aussicht gestellte „abgedrehte Science-Fiction“. Vermutlich könnte sogar kaum ein Buch weiter davon entfernt liegen als „Agathe“. Aber ich habe kurzerhand beschlossen, erst über die mir zur Verfügung gestellten schon gelesenen (und noch ungelesenen) Rezensionsexemplare zu schreiben. Die Science-Fiction läuft dann schon nicht weg. Das nur zur Vorrede, wenden wir uns nun Anne Cathrine Bormanns Roman zu.

In dessen Handlung befinden wir uns im Frankreich der 30er-Jahre des letzten Jahrhunderts. Protagonist des Buches ist ein auf die Pensionierung zusteuernder Psychiater. Dieser hat anscheinend aber schon vor geraumer Zeit die Lust an seiner Tätigkeit verloren, nimmt seine Patienten – in manchen Fällen auch vollkommen zu recht – nicht im Geringsten mehr ernst, sehnt sich daher seinen Ruhestand herbei und zählt die Tage, Patienten, Sitzungen, die ihm bis dahin noch bevorstehen. „Die Zeit lief durch mich hindurch wie Wasser durch einen rostigen Filter, den niemand Lust hat zu wechseln“, sagt er denn auch auf Seite 18.

Andererseits bringt ihn der anstehende Ruhestand in ein nicht unbedeutendes Dilemma, denn so richtig weiß der Protagonist gar nicht, was er zukünftig mit seiner Zeit anfangen soll. Im Wesentlichen verbringt er seine spärliche Freizeit bislang allein zu Hause, da er keine Familie hat und auch so etwas wie ein Freundeskreis scheint nicht zu existieren. Und dort hört er dann gerne klassische Musik, denn „abgesehen von einem unkultivierten Interesse an klassischer Musik, lag mir wenig mehr am Herzen als guter Tee und der Anspruch, meine Arbeit ordentlich zu erledigen.“ (S. 68)

In dieser Situation tritt die titelgebende Agathe auf den Plan. Sie möchte eine Therapie bei ihm beginnen, er lehnt aber mit Hinweis auf seinen baldigen Ruhestand und die überschaubare Anzahl bis dahin möglicher Termine ab. Aber Agathe ist anders als seine anderen Patienten. Sie ist, laienhaft und uneuphemistisch ausgedrückt, ein schwerwiegender Fall, hat Aufenthalte in geschlossenen, pychiatrischen Einrichtungen hinter sich und neigt dazu, sich physisch selbst zu verletzen. Und vor allem lässt sie sich nicht abwimmeln. Schließlich gibt der Psychiater nach.

In der Folge entspannt sich ein feines Zusammenspiel zwischen den beiden Charakteren, das dazu führt, dass der Protagonist seinen bisherigen Lebenswandel zu überdenken beginnt und das daher schon sehr bald die Frage aufwirft, wer hier eigentlich wen therapiert.

Und sehr viel mehr lässt sich über den schmalen Band auch nicht sagen, ohne zu viel zu verraten oder selbst die Wortzahl des Buches zu überschreiten.

„Agathe“ ist eines jener Bücher, die sich gut an einem regnerischen Nachmittag lesen lassen – was ich weiß, weil ich genau das getan habe – und die einen mit einem durchaus wohligen, angenehmen Gefühl zurücklassen. Bomanns Roman ist Wohlfühlliteratur im besseren Sinne, streift den Kitsch hier und da nur hauchzart und wer beispielsweise Bücher von Paulo Coehlo mag, der wird auch hier vermutlich auf seine Kosten kommen.

Und das ist alles, was ich darüber sagen kann. :-)

Demnächst in diesem Blog: „Das Verschwinden des Dr. Mühe“ von Oliver Hilmes.

„Insel“ von Ragnar Jónasson

Buch: „Insel“

Autor: Ragnar Jónasson

Verlag: btb

Ausgabe: Taschenbuch, 371 Seiten

Der Autor: Ragnar Jónasson, 1976 in Reykjavík geboren, ist Mitglied der britischen Crime Writers‘ Association und Mitbegründer des »Iceland Noir«, dem Reykjavík International Crime Writing Festival.
Seine Bücher werden in 21 Sprachen in über 30 Ländern veröffentlicht und von Zeitungen wie der New York Times und Washington Post gefeiert.
Ragnar Jónasson lebt und arbeitet als Schriftsteller und Investmentbanker in der isländischen Hauptstadt. An der Universität Reykjavík lehrt er außerdem Rechtswissenschaften. Die preisgekrönte Hulda-Trilogie erscheint bei btb erstmals auf Deutsch. (Quelle: Random House)

Das Buch: Hulda Hermannsdóttir, Kommissarin bei der Polizei Reykjavík, ist auf dem Höhepunkt ihrer Karriere und wird zu einer abgelegenen Insel geschickt. Was ist dort in dem Haus geschehen, das von der Bevölkerung als das isolierteste Haus Islands bezeichnet wird? Huldas Ermittlungen kreuzen Vergangenheit und Gegenwart – und plötzlich ist sie einem Mörder auf der Spur, der möglicherweise nicht nur ein Leben auf dem Gewissen hat … (Quelle: Random House)

Fazit: Ich finde es irgendwie immer ein bisschen undankbar, über „Mittelteile“ von Trilogien zu schreiben. Meistens können sie das Niveau des ersten Teils nichts ganz halten, dienen als Infodump oder als Lückenfüller und notwendiger Übergang, bevor im abschließenden Teil alles auf einen dramatischen Showdown hinausläuft. Ich finde es insbesondere dann undankbar, wenn man, wie im vorliegenden Fall, den ersten Teil der Reihe eher im Bereich von „Okay“ einordnet und die trotzige Lektüre von Teil 2 primär auf dem Prinzip Hoffnung beruht. Weil man vielleicht ein Potenzial sieht, das zum Beginn der Reihe noch nicht ausgeschöpft scheint. Weil man vielleicht vieles zu kritisieren hatte, aber grundsätzlich auch viel Positives gefunden hat. Oder weil man vielleicht auch grundsätzlich ein hoffnugsvoller Mensch ist.

Umso positiver überrascht wurde ich daher, dass mir „Insel“, trotz aller meiner Vorbehalte, deutlich besser gefiel, als der Reihenauftakt „Dunkel“. Auch wenn trotzdem aus meiner Sicht in allen Bereichen immer noch Luft für Verbesserungen ist.

Beginnen wir einmal mit Jónassons Charakteren. Im ersten Teil habe ich noch bemängelt, dass der Fokus, den der Autor so deutlich auf seine Hauptfigur richtet, mir persönlich ein bisschen zu viel des Guten ist, weil andere tragende Elemente des Buches meines Erachtens darunter litten. Auch wenn eine intensive Auseinandersetzung mit der eigenen Hauptfigur natürlich erst mal nicht Schlechtes ist und außerdem mittlerweile innerhalb des Genres schon eher eine Ausnahme bildet. Hierzu muss konstatiert werden, dass Jónasson einen eindeutigen Schritt nach vorne macht. Einerseits steht seine Figur auch in „Insel“ noch deutlich im Fokus, andererseits war das erwartbar, stört weit weniger, hat auf die eigentliche Krimihandlung meiner Meinung nach quasi keinen nachteiligen Einfluss und es gelingt ihm sogar, noch hilfreiche Zusatz- und Hintergrundinformationen zu seiner Protagonistin auszugraben. Dass ich besagte Protagonistin bereits seit Beginn des ersten Teils, aus seinerzeit genannten Gründen, die nicht erneut hier durchgekaut werden müssen, leider nicht mag, tut hier überhaupt nichts zur Sache. Im Bezug auf die Ermittlerfigur ist also eine positive Entwicklung zu verzeichnen, auch wenn ich finde, dass sich gerade hier die zeitlich rückwärts gerichtete Erzählweise rächt und es sinniger gewesen wäre, Huldas Lebensgeschichte chronologisch zu erzählen, denn dann hätte ich unter Umständen vielleicht mehr Verständnis und Empathie für sie entwickelt. Wobei – nein, hätte ich nicht, sinniger wäre es aber trotzdem gewesen.

Eine positive Entwicklung ist auch im Bereich der weiteren Charaktere zu verzeichnen. Waren die mir im ersten Teil noch recht gleichgültig, so wurde ich mit den vier Leuten auf der einsamen namensgebenden „Insel“ schon besser warm. Die Dynamik zwischen den Figuren funktioniert, die Stimmung wird angemessen rüber gebracht. Auch wenn ich zugeben muss, dass mir Autorinnen und Autoren einfallen würden, die beides noch besser umsetzen können, aber sei es drum. Die Richtung stimmt also auch hier.

Gleiches gilt für den Kriminalfall an sich. Das mag sicherlich daran liegen, dass ich jegliche Art von „Whodunit“-Szenarien liebe und deswegen voreingenommen bin, aber im Gegensatz zum ersten Teil wird hier ein tatsächlich spannender Fall präsentiert, einer der auch zum Mitraten einlädt und einer, bei dem man sogar mit ein bisschen Glück auf die richtige Lösung kommen könnte, eben weil sich Jónasson offensichtlich nicht genötigt sah, die Täterschaft als vermeintlich spannende Wendung dem Milchmann, der auf Seite 179 rechts oben eine kurze Sprechrolle hat, in die Schuhe zu schieben. Ein rein fiktives Szenario, hier gibt es keinen Milchmann, mir geht es ums Prinzip.

Lediglich hinsichtlich der Erzählweise bzw. des Stils werden der Autor und ich wohl weiterhin keine Freunde mehr. Schon hinsichtlich des ersten Teils beschrieb ich das als „eine seltsam nüchterne, reduzierte und schnörkellose Erzählweise“, an der sich auch in der Fortsetzung nicht Wesentliches geändert hat, ohne das jetzt an Beispielen verdeutlichen oder mit dem Finger auf etwas zeigen zu können, was mich stört.

Insgesamt werte ich „Insel“ aber als deutlichen Schritt nach vorne. Wer sich mit den Krimis des isländischen Autors auseinandersetzen möchte, dem rate ich trotzdem, erst mal mit „Dunkel“ anzufangen, denn ohne die Kenntnisse zur Hauptfigur, die man aus dem Trilogie-Start entnehmen kann, würde die Fortsetzung wohl nicht so wirklich funktionieren.

Ich danke dem Bloggerportal und dem btb Verlag für die freundliche Übersendung des Rezensionsexemplars. Dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, beeinflusst meine Meinung selbstredend nicht.

Demnächst in diesem Blog: „Mutation“ von Ivan Ertlov. Abgedrehte Science-Fiction. Warum auch nicht!?

„Die Pest“ von Albert Camus

Buch: „Die Pest“

Autor: Albert Camus

Verlag: Rowohlt

Ausgabe: Taschenbuch, 350 Seiten

Der Autor: Albert Camus wurde am 7. November 1913 in ärmlichen Verhältnissen als Sohn einer Spanierin und eines Elsässers in Mondovi, Algerien, geboren. Von 1933 bis 1936 studierte er an der Universität Algier Philosophie. 1934 trat er der Kommunistischen Partei Algeriens bei und gründete im Jahr darauf das «Theater der Arbeit». 1937 brach er mit der KP. 1938 entstand sein erstes Drama «Caligula», das 1945 uraufgeführt wurde. Camus zog 1940 nach Paris. Neben seinen Dramen begründeten der Roman «Der Fremde» und der Essay «Der Mythos von Sisyphos» sein literarisches Ansehen.

1957 erhielt Albert Camus den Nobelpreis für Literatur. Am 4. Januar 1960 starb er bei einem Autounfall. Das Gesamtwerk von Albert Camus liegt im Rowohlt Verlag vor. (Quelle: Rowohlt)

Das Buch: Die Stadt Oran wird von rätselhaften Ereignissen heimgesucht. Die Ratten kommen aus den Kanälen und verenden auf den Straßen. Kurze Zeit später sterben die ersten Menschen an einem heimtückischen Fieber: Die Pest wütet in der Stadt. Oran wird hermetisch abgeriegelt. Ein Entkommen ist nicht möglich. Albert Camus’ erfolgreichster Roman gehört zu den Klassikern der Weltliteratur. In ihm seziert er hellsichtig das menschliche Handeln im Angesicht einer Katastrophe. (Quelle: Rowohlt)

Fazit: Um Albert Camus‘ „Die Pest“ mitten während eines Pandemiegeschehens zu lesen, muss man vermutlich entweder Zyniker sein oder aber einen eher schrägen Humor besitzen. Auf den Verfasser dieser Zeilen trifft zwar beides mehr oder weniger zu, relevant ist aber weder das eine noch das andere. Denn dass ich dieses Buch gelesen habe, lag in erster Linie daran, dass ich unlängst von einer ganz zauberhaften Person anlassbedingt und auf eigenen Wunsch hin mit einer erhöhten Anzahl an Büchern aus der Rubrik „Klassiker“ beschenkt worden bin. Und so zierte nun ganz plötzlich neben beispielsweise Shakespeare, Dickens und Dostojewski auch Camus mein Bücherregal. An dieser Stelle nochmals herzlichen Dank dafür.

Der Einstieg in das Buch gelingt vergleichsweise einfach, der Autor nimmt sich ein paar kurze Seiten, um dem Leser seinen Handlungsrahmen, die Stadt Oran, näher zu bringen. Dort hinein platziert er dann seinen Protagonisten, den Arzt Rieux und stellt ihm in der Folge eine Handvoll Mitstreiter an die Seite, bei der ich mich der Einfachheit halber auf die für mich wichtigeren beschränke. Schon sehr bald wird Rieux mit der Tatsache konfrontiert, dass auf offener Straße die ersten Ratten verenden. Dieser Umstand lässt sich früher oder später auch nicht mehr wirklich ignorieren, denn die Ursache für den Tod der Ratten greift nun auch auf den Menschen über und es gibt schnell die ersten Todesopfer. In der Folge wird die gesamte Stadt Oran abgeriegelt, niemand kommt mehr hinein oder heraus. Und mittendrin befinden sich Doktor Rieux und seine Freunde, um so gut als irgend möglich zu helfen oder aber wenigstens zu überleben.

Faszinierend dabei ist, wie sich die Ereignisse in Camus´ Buch mit denen decken, die man im aktuellen Pandemiegeschehen so betrachten muss. Menschen lehnen sich gegen die Abriegelung der Stadt auf, es gibt Demonstrationen, Tumulte und Krawalle, die Bewohner suchen verzweifelt Schuldige, während die Klügeren eher lösungsorientiert denken und auch die sonstigen Auswirkungen auf die Menschen kommen mir bekannt vor, etwa wenn der Autor schreibt „Nichts ist nämlich weniger aufsehenerregend als eine Seuche und schon durch ihre Dauer sind große Unglücke eintönig. In der Erinnerung jener, die sie miterlebt haben, scheinen die schrecklichen Tage der Pest nicht als grandiose und grausame hohe Flamme, sondern eher als ein endloser Leerlauf, der alles zermalmte.“ (S.204).  Lediglich den verstärkten Zustrom hin zur Religion, den nehme ich in der Realität nicht wahr, was wohl heimischen Zeiten und Sitten geschuldet ist, anderswo aber vielleicht auch tatsächlich so stattfindet oder stattfinden würde.

Der Autor schrieb seinen Roman aber natürlich nicht nur dazu, seine Handlung zu präsentieren, sondern nutzt verschiedene Stellen auch, insbesondere über seine Charaktere, um der Leserschaft ein besseres Bild über ihn und wie er die Welt sah zu vermitteln. Beispielsweise wenn er, noch recht früh im Roman, über die modernen hektischen Zeit und die anscheinend immer beliebter werdende sinnentleerte Jagd nach dem schnöden Mammon schreibt: „Unsere Mitbürger arbeiten viel, aber immer nur, um reich zu werden. (…) „heute ist ja nichts normaler als Leute von morgens bis abends arbeiten gehen zu sehen. (…) Aber es gibt Städte und Länder, wo die Leute hin und wieder eine Ahnung von etwas anderem haben. Im Allgemeinen ändert das ihr Leben nicht. Doch die Ahnung war da, und das ist immerhin etwas.“ (S. 8/9) Ich mag diese Stelle sehr. :-)

Auch über seine Figuren gelingt ihm die Verbreitung seiner Weltsicht recht gut. So lässt sein Protagonist keine Gelegenheit aus, um seine Abscheu gegenüber der Religion und dem Glauben kundzutun, sodass ich mich wiederum – natürlich ohne es zu wissen – zu dem Glauben veranlasst sehe, dass Camus kein allzu religiöser Mensch gewesen sein dürfte …

Auch sein sonstiges, zahlenmäßig überschaubares Figurenensemble weiß zu überzeugen. Das gilt für den Journalisten Rambert, der zum Zeitpunkt der Abriegelung eigentlich mehr oder weniger zufällig in der Stadt weilt und nun nicht mehr davonkommt. Das gilt aber insbesondere für Grand, einen ehemaligen Patienten von Rieux, der seit Ewigkeiten in einer Arbeit als kleines Licht in der Stadtverwaltung verharrt und der mindestens ebenso beharrlich auf seinem Vorhaben beharrt, ein Buch zu schreiben. Das Kuriose daran: Grand kommt nie über den ersten Satz hinaus. Eben diesen ersten Satz möchte er in absoluter Perfektion herausarbeiten, weswegen schon unzählige Papierseiten mit noch viel unzähligeren Varianten seines Einstiegssatzes gefüllt sind. Ich verstehe ihn so gut, den Monsieur Grand.

Hintergründig lässt sich, da ist sich die Literaturwissenschaft einig, und auch Camus äußerte sich entsprechend, sein Roman als Abrechnung mit dem Krieg lesen und als Schilderung dessen, was Krieg mit den Menschen, ihrer Ethik und Moral macht. Nun bin ich kein Literaturwissenschaftler, jedenfalls kein zu Ende studierter, deswegen wäre mir das so jetzt nicht aufgefallen, aber rückblickend wirkt diese Deutung absolut schlüssig. Ich persönlich habe den Roman tatsächlich ohne Gedanken an Kriege gelesen, sondern als ein Buch, das sich thematisch mit der Frage beschäftigt, wie Menschen denn in Ausnahmesituationen so ticken und wie weit her es dann noch mit ihrer Rationalität ist. Und ausgehend von diesem Ansatz muss ich sagen, dass „Die Pest“ ein ziemlich beeindruckendes Leseerlebnis darstellte, das ich allen, an denen dieser Roman bislang vorbeimarschiert ist, wärmstens empfehlen kann.

Demnächst in diesem Blog: „Insel“ von Ragnar Jónasson

„Natchez Burning“ von Greg Iles

Buch: „Natchez Burning“

Autor: Greg Iles

Verlag: Aufbau-Verlag

Ausgabe: Taschenbuch, 1024 Seiten

Der Autor: Greg Iles wurde 1960 in Stuttgart geboren. Sein Vater leitete die medizinische Abteilung der US-Botschaft. Mit vier Jahren zog die Familie nach Natchez, Mississippi. Mit der »Frankly Scarlet Band«, bei der er Sänger und Gitarrist war, tourte er ein paar Jahre durch die USA. Mittlerweile erscheinen seine Bücher in 25 Ländern. Greg Iles lebt heute mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Natchez, Mississippi. Fünf Jahre hat er kein Buch herausgebracht, da er einen schweren Unfall hatte, nun liegen im Aufbau Taschenbuch seine Thriller „Natchez Burning“, „Die Toten von Natchez vor“ und „Die Sünden von Natchez“ vor. (Quelle: Aufbau-Verlag)

Das Buch: Penn Cage, Bürgermeister von Natchez, Mississippi, hat eigentlich vor, endlich zu heiraten. Da kommt ein Konflikt wieder ans Tageslicht, der seine Stadt seit Jahrzehnten in Atem hält. In den sechziger Jahren hat eine Geheimorganisation von weißen, scheinbar ehrbaren Bürgern Schwarze ermordet oder aus der Stadt vertrieben. Nun ist mit Viola Turner, eine farbige Krankenschwester, die damals floh, zurückgekehrt – und stirbt wenig später. Die Polizei verhaftet ausgerechnet Penns Vater – er soll sie ermordet haben. Zusammen mit einem Journalisten macht Penn sich auf, das Rätsel dieses Mordes und vieler anderer zu lösen. (Quelle: Aufbau-Verlag)

Fazit: „Haha – niemals wieder wirst Du dieses Buch anfangen (…)“ war die Reaktion einer geschätzten Bloggerkollegin, nachdem ich seinerzeit verkündete, „Natchez Burning“ abgebrochen zu haben, durchaus aber die Möglichkeit in den Raum stellte, irgendwann, wenn ich mal ganz viel Zeit habe, einen zweiten Versuch zu unternehmen. Ebenso verkündete ich seinerzeit, dass ich zukünftig auch allgemein konsequent die Lektüre von Büchern abbrechen werde, wenn sie mir nicht gefallen. Ein Entschluss, den ich in der Folge dann doch nie in die Tat umsetzte. Ich lese halt Bücher zu Ende, was soll ich machen!? Wenn ich dereinst vor meiner Schöpferin stehe und Alanis mich fragt, was ich mit meiner Zeit angefangen habe, werde ich sagen müssen, dass ich unzählige Stunden darin investiert habe, Bücher zu Ende zu lesen, die ich nicht wirklich gut fand, und ob es das dann wert war, wird man sehen.

Aber zurück zur Ausgangsäußerung, mit der also angezweifelt wurde, dass ich jeeeemals wieder „Natchez Burning“ lesen würde. Nun ja, „Herausforderung angenommen!“, hätte Barney Stinson wohl gesagt, und so machte ich mich frohen Mutes erneut ans Werk. An dieses umfangreiche, sehr, sehr umfangreiche, viel  zu umfangreiche Werk …

Dabei waren die Gründe, die Lektüre seinerzeit abzubrechen, schon wirklich zahlreich. Dazu zählte in erster Linie die unheimlich redundante Erzählweise. Darüber schrieb ich in dem damaligen entsprechenden Beitrag:

„So erfährt der Leser im Prolog, was damals in den 60ern in Natchez passiert ist. Anschließend erzählt die damals beteiligte Person A der Person B, was damals in Natchez passiert ist, ergänzt um wenige Details. Der Leser weiß das aber ja bereits aus dem Prolog. Dann erzählt Person B dem Protagonisten Person C, was er im Gespräch mit Person A erfahren hat. Das wiederum weiß der Leser aber ja bereits aus dem Prolog und dem Gespräch zwischen Person A und Person B. Person C nun, man ahnt es bereits, erzählt zu Hause seiner bald Angetrauten, Person D, was er im Gespräch mit Person B erfahren hat. Das wiederum weiß der Leser aber ja bereits aus dem Prolog, dem Gespräch zwischen Person A und Person B sowie dem Gespräch zwischen Person B und Person C.“

Auch wenn diese redundante Erzählweise ihre Vorteile haben mag, sagte doch eine ganz zauberhafte Person hierzu sinngemäß, dass diese Art zu erzählen zumindest die Möglichkeit bietet, längere Lektürepausen zu machen, ohne etwas zu vergessen, weil einem die wesentlichen Handlungselemente ja zigmal vorgekaut würden – und das war auch tatsächlich so -, so muss man konstatieren, dass das im Grunde genommen aber wirklich einfach schlecht erzählt ist. Und das ist schade, denn einerseits hat das Buch dadurch einen Umfang bekommen, der die einen abschrecken und die anderen zur vorzeitigen Aufgabe animieren wird, und andererseits geht dadurch die eigentlich lesenswerte Geschichte etwas unter.

Nimmt man diese Redundanz nämlich weg, fällt auf, dass Greg Iles durchaus spannend erzählen kann. Und diese Feststellung beschränkt sich nicht nur auf die Geschichte, sondern insbesondere auch auf Dinge, die keine wesentlichen Handlungselemente sind, beispielsweise in Form einer immer wieder mal mehr, mal weniger subtil durchscheinenden Kritik am amerikanischen Justizsystem. Ich meine, mich sogar erinnern zu können, dass Iles an einer kurzen Stelle so nebenbei darauf hinweist, dass die Richter an hierarchisch untergeordneten Gerichten im Staat Mississippi noch nicht mal studierte Juristen sein müssen …

Auch bei der elementaren Handlung fällt auf, dass Iles durchaus komplexe, spannende Plots entwickeln kann, denn die Geschichte rund um die Morde an Schwarzen in den 60ern, die hat schon was. Nur leider hält der Autor seine Leserschaft offenbar für dusseliger als sie ist, sonst würde er seinen Plot ja nicht in wesentlichen Teilen dauernd wiederholen … – aber mittlerweile wiederhole ich mich auch, kommen wir also weg von der Geschichte und ihrer Redundanz und wenden uns den Charakteren zu.

Und da treffen wir auf strahlendes Licht, ebenso aber auch auf Schatten, die so dunkel sind wie Vantablack. Positiv zu erwähnen ist hier beispielsweise der Journalist Henry Sexton, der schon seit Jahrzehnten versucht, den Mördern aus den 60ern auf die Schliche zu kommen und der ein bisschen an Redford und Hoffman als Woodward und Bernstein erinnert.

Auf der genau gegenüberliegenden Seite gibt es da aber eben auch Tom Cage, Vater des Protagonisten, und Arzt in Natchez. Und ein begnadeter, so scheint es, vermutlich, weil in Mississippi wenigstens die Ärzte noch studierte Mediziner sein müssen, aber lassen wir das. Aber nicht nur das, Tom Cage scheint auch so eine Art lokaler Heiliger zu sein. Die Überidealisierung, die bei dieser Figur, insbesondere durch den Protagonisten Penn Cage, durchgeführt wird, die war schon schwer erträglich. Einen Konflikt der Hauptfigur zwischen seiner persönlichen Wahrnehmung des eigenen Vaters und dem möglichen Dreck, den besagter Vater seit den 60ern am Stecken haben könnte, hätte man auch gut – vermutlich sogar besser – darstellen können, wenn man aus dem erwähnten Vater nicht so eine Art Sankt Lukas, Schutzpatron der Kranken, gemacht hätte.

So wird über den später auf der Flucht befindlichen Tom Cage an einer Stelle sinngemäß gesagt, dass er an unzähligen Orten sein könne, weil sicherlich die Hälfte seiner Patienten – und damit viele hundert Leute – ihn aus Dankbarkeit bei sich aufnehmen würden … Jetzt stellen wir uns mal folgende Situation vor: Ihr sitzt zu Hause vor dem Fernseher und seht euch eine Diskussionsrunde auf arte an, da klingelt es an der Tür und dort steht euer Hausarzt und sagt: „Hallo! Sie wissen, wer ich bin? Ihr Hausarzt! Ich habe ihr/e (hier beliebiges Leiden einfügen) geheilt. Die Sache ist die: Ich bin auf der Flucht vor der Justiz. Dürfte ich eine Weile bei Ihnen bleiben?“ Ich wüsste ja, was ich täte, aber vermutlich sind die Menschen in Mississippi anders drauf …

Letztlich klingt das alles vielleicht deutlich negativer als es gemeint ist, denn hinter all den unnötigen Wiederholungen und den kitschig-überhöhten Idealistenfiguren verbirgt sich eben eine wirklich gute Geschichte von tragischer Aktualität. Ob es diese dann wert ist, sich durch über 1.100 Seiten zu arbeiten. muss jede/r für sich selbst wissen. Von mir gibt es dazu ein klares, definitives „Vielleicht!“ …

Demnächst in diesem Blog: „Die Pest“ von Albert Camus.

„Asymmetrie“ von Lisa Halliday

Buch: „Asymmetrie“

Autorin: Lisa Halliday

Verlag: btb

Ausgabe: Taschenbuch

Die Autorin: Lisa Halliday, aufgewachsen in Massachusetts, studierte in Harvard und lebt als freie Lektorin und Übersetzerin in Mailand. 2005 erschien ihre Kurzgeschichte „Stump Louie“ in der Paris Review. Für »Asymmetrie«, ihren ersten Roman, erhielt sie 2017 den Whiting Award for Fiction. (Quelle: Random House)

Das Buch: Sie ist fünfundzwanzig, er in den Siebzigern. Es beginnt auf einer Bank im Central Park. Hals über Kopf stürzt sich Alice in eine Lovestory mit dem berühmten Schriftsteller Ezra Blazer. Ein erotisches, tragikomisches Kammerspiel. Doch dann setzt eine ganz andere Erzählung ein: Amar, ein amerikanisch-irakischer Doktorand wird am Londoner Flughafen in Gewahrsam genommen und landet im Vakuum von Wartesälen und endlosen Verhören. Zwei so ungleiche Geschichten. Ein so kühner, provokanter Roman. (Quelle: Random House)

Fazit: In ihrem Debütroman verarbeitet Lisa Halliday literarisch ihre Liaison, die sie in ihren Zwanzigern mit dem deutlich älteren und skandalöserweise bis zu seinem Tod nicht mit dem Nobelpreis ausgezeichneten Philip Roth führte. Und ich gebe zu, dass ich gewisse besorgte Vorbehalte gegen „Asymmetrie“ hatte, weil derartige Rückblicke in modernen Zeiten ja gerne mal zu einer Art über Twitter geführten Rachefeldzug gegen jemanden, der sich aufgrund des eigenen Ablebens nicht mehr wehren kann oder zu fragwürdigen Homestorys in ebenso fragwürdigen Mittags- und Vorabendformaten bei RTL verkommen. Aber für meine Vorbehalte, die augenscheinlich dadurch entstehen, dass ich irgendwie die falschen Medien konsumiere, kann Lisa Halliday nichts. Denn sie wählt einen anderen Weg. Einen behutsameren und literarisch ansprechenden Weg.

Sie teilt ihren Roman in drei Teile ein, in deren erstem wir die Protagonistin Mary-Alice kennenlernen, die in einer Literaturagentur arbeitet. Durch Zufall begegnet sie dem bekannten Schriftsteller Ezra Blazer, einer Art Dauernobelpreisanwärter. Und im Folgenden entspannt sich zwischen beiden eine hauchzarte Liebesgeschichte. Allerdings eine, die weder zum eingangs erwähnten Rundumschlag verkommt, noch eine, die eine total romantisierte, verklärte Version der Tatsachen darstellt. Stattdessen lässt Halliday ihre Protagonisten die Geschehnisse sehr reflektiert und realitätsgetreu schildern. Dass sich Mary-Alice Gedanken darüber macht, dass sie vielleicht Jahre ihres jungen Lebens an einen hinfälligen Greis verschwendet, wird dabei ebenso wenig verschwiegen, wie der Umgang mit Ezras körperlichen Malässen im späteren Bereich des Romans. Das alles hat, so unterstelle ich mal, eben nicht den Hintergrund, Philip Roth, um den es ja nun eigentlich geht, posthum bloßzustellen, sondern ganz klar zu machen, welche Schwierigkeiten eine solche Beziehung, bei aller sonstigen Freude darüber, sich überhaupt gefunden zu haben, mit sich bringt oder bringen kann.

Und wenn Ezra Blazer Mary-Alice Geld zusteckt, damit sie sich mal schön einkleiden kann oder ihr stapelweise Bücher in die Hand drückt, von denen er der Meinung ist, sie sollte sie mal gelesen haben, oder ihr gerade allgemein die Welt erklärt, dann könnte man denken, dass das etwas Gönnerhaftes hat, etwas von Gutsherrrenart, etwas in Richtung „Mansplaining“. Aber auch all das ist es meiner Meinung nach nicht, sondern es ist in erster Linie der Wunsch des Älteren, der jungen Frau einerseits etwas Gutes zu tun und sie andererseits an seiner Lebenserfahrung teilhaben zu lassen. Und daran ist erst meiner Meinung nach erst mal wenig auszusetzen.

Kaum hat man sich jedoch an die beiden und ihre sympathischen Turteleien gewöhnt, erzeugt Halliday einen gigantischen Bruch in ihrem Roman. Die Perspektive wechselt hin zu Amar Ala Jaafari, einem US-Amerikaner, dessen Eltern im Irak geboren und nach Amerika ausgewandert sind. Jaafari wird aus für ihn unklaren Gründen am Flughafen in London festgehalten, von wo aus er nach einem kurzen Aufenthalt eigentlich zu seiner Familie im Irak weiterfliegen möchte. Die zur Verfügung stehende Zeit nutzt Jafaari für ausgiebige Rückblicke auf seinen Lebensweg und den seiner Familie. Hierbei entwickelt sich dann nicht nur ein spannender Blick auf das Leben eines Einwanderers in zweiter Generation, der zwischen allen Stühlen sitzt, wie sein Erzählteil zwischen dem von Mary-Alice und Ezra und dem Abschlussteil, sondern auch auf den Irak, ein von Kriegen zerrüttetes Land in dem die Situation heute unsicherer ist als überhaupt irgendwann.

Dieser Bruch mag spannend sein, ist er zweifellos sogar, zumal er anschaulich die titelgebende Asymmetrie verdeutlicht, die ja nun nicht nur aufgrund des Altersunterschieds zwischen den Lebensrealitäten von Mary-Alice und Ezra besteht, sondern eben auch zwischen den beiden auf der einen Seite, die sich vornehmlich – von Ezras gesundheitlichen und somit durchaus existenziellen Problemen mal abgesehen – mit „first world problems“ beschäftigen, während auf der anderen Seite jemand sitzt, der anhand des Geburtslandes seiner Eltern und des Schicksals, das der im Irak verbliebene Teil der Familie erduldet, weiß, was wirkliche Probleme sind.

So richtig verziehen habe ich Halliday diesen Bruch aber dennoch nicht, und das aus ganz banalen Gründen: Ich wäre gerne weiter bei Mary-Alice und Ezra geblieben, hätte gerne weiter etwas über Literatur, Ezras Lesetipps, Buchauszüge aus diversen Werken der Weltliteratur, von Ahrendt über Camus und Joyce bis hin zu Mark Twain und über first world problems gelesen. Aber das ist ja nun mein eigenes first world problem.

Im abschließenden Teil kommt dann – und das finde ich wirklich klug und charmant gewählt – Ezra selbst im Rahmen eines Radiointerviews zu Wort, in dem er sozusagen einen Rückblick auf sein Leben führen soll.

Im Summe ergibt sich ein absolut runder Roman, der inhaltlich zwischen der Sinnsuche und Selbstfindung einer jungen Frau und den Problemen von Einwanderern in allen Ländern dieser Welt changiert und der es schafft, zwischen diesen Extremen in seiner Themenpalette nie den roten Faden zu verlieren. Ein überaus gelungener Debütroman.

Ich danke dem Bloggerportal und dem btb Verlag für die freundliche Übersendung des Rezensionsexemplars. Die Tatsache, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelte, beeinflusst meine Meinung selbstredend nicht.

Demnächst in diesem Blog: „Natchez Burning“ von Greg Iles.

„Die Zeit der Ruhelosen“ von Karine Tuil

Buch: „Die Zeit der Ruhelosen“

Autorin: Karine Tuil

Verlag: Ullstein

Ausgabe: Taschenbuch, 505 Seiten

Die Autorin: Karine Tuil, geboren 1972, Juristin und Autorin mehrerer gefeierter Bücher, darunter der Roman „Die Gierigen“. Zuletzt erschien ihr vielbeachteter Roman „Die Zeit der Ruhelosen“, der in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde. Karine Tuil lebt mit ihrer Familie in Paris. (Quelle: Ullstein)

Das Buch: Der Aufstieg des brillanten Managers François Vély scheint unaufhaltsam. Bis seine Exfrau sich aus dem Fenster stürzt, als sie erfährt, dass er wieder heiraten will. Der Tragödie folgt die Entdeckung, dass seine neue Lebensgefährtin in eine Affäre mit einem Offizier verstrickt ist, der völlig traumatisiert aus Afghanistan heimkehrt. Außerdem wird Vély ein Mediencoup zum Verhängnis, man bezichtigt ihn des Rassismus und Sexismus. Als er persönlich und beruflich am Ende ist, ergreift ausgerechnet der Politiker Osman Diboula Partei für ihn – dabei ist Diboula bekannt als Wortführer gegen eine weiße gesellschaftliche Elite. Wenige Wochen später kommt es im Irak zu einer Begegnung aller Beteiligten, die für Vély fatale Konsequenzen hat. (Quelle: Ullstein)

Fazit; „Es ist für mich das Buch der Stunde.“, urteilt die von mir durchaus geschätzte Elke Heidenreich über diesen bereits 2018 in der deutschen Taschenbuch-Ausgabe erschienenen Roman. Nun mag man von solchen Autorinnen-Empfehlungen auf Buchrückseiten denken, was man mag, aber recht hat Frau Heidenreich damit trotzdem. Und heute sogar noch mehr als vor zwei Jahren.

Denn Karine Tuil beschäftigt sich in ihrem Roman unter anderem mit der Situation der französischen people of colour mit „afrikanischen Wurzeln“, wie es so schön heißt, mit den Schwierigkeiten, mit denen sie konfrontiert sind, wenn es um sozialen Aufstieg jeglicher Art geht und letztlich auch mit Rassismus sowie mit Antisemitismus.

Im Vordergrund der Handlung stehen in erster Linie vier Personen:

Osman Diboula, der sich während Ausschreitungen in der Banlieue als besonnener Vermittler zwischen Demonstranten und Politik hervorgetan hat und somit ins Blickfeld der Reichen und Mächtigen gekommen ist, was ihm letztlich sogar einen Job als Präsidentenberater verschafft.

Der Mobilfunk-Mogul François Vély, dem ein Fototermin zum Verhängnis wird. Vély ist Kunstliebhaber und als solcher im Besitz eines sogenannten „Black Woman Chair“ des Künstlers Bjarne Melgaard, auf dem er sich nichtsahnend ablichten lässt. (Den „Black Woman Chair“ kann man googeln und versteht dann vielleicht die Entüstung.) In der Folge prasselt ein veritabler, medialer Shitstorm ungekannten Ausmaßes über Vély herein, der sich plötzlich wegen seiner jüdischen Herkunft auch noch antisemitisch beleidigen lassen muss.

Die Journalistin Marion, die in ihrer Eigenschaft als zweite Ehefrau von Vély praktisch der Auslöser für die erster Ehefrau war, aus dem Fenster zu springen und die eine Affäre mit dem Soldaten Romain Roller anfängt.

Und eben dieser Romain Roller, nach einem Afghanistan-Einsatz kurzzeitig zum Kopf frei bekommen und Sau rauslassen in einer entsprechenden Freizeitanlage untergebracht, stellt den vierten der Hauptcharaktere dar.

Die Lebenswege dieser vier augenscheinlich so unterschiedlichen Menschen kreuzen sich auf verschiedene Art. Die Autorin springt in ihrer Erzählung beständig von Person zu Person, was dem Roman eine angenehme Dynamik verleiht und sie nutzt die Chance, über ihre Figuren die verschiedensten politischen und/oder gesellschaftlichen Ansichten zu äußern.

So ist und bleibt Vély, als Superreicher deutlich abgehoben von allen Normalsterblichen, der Meinung, dass Kunst Kunst bleiben müsse und er sich nichts vorzuwerfen habe. So sagt er in einem Anfall von „Man darf heute aber auch gar nichts mehr sagen!“ auf Seite 201: „Man kann heute offenbar nicht mehr mit den Codes von Rasse, Religion und Herkunft spielen, ohne gleich des Rassismus verdächtigt zu werden, man kann Sexualität und Erotik nicht mehr darstellen, ohne die Moral der Selbstgerechten auf den Plan zu rufen. Das ist intellektueller Totalitarismus!“

„Intellektueller Totalitarismus“ gefällt mir, den Begriff muss ich mir merken …

In die selbe Kerbe schlägt Osmans Mentorin Corsini, die sagt: „Ein Mann, der auf einem Kunstwerk sitzt – das mag ungeschickt sein, aber es handelt sich doch um Kunst, und Kunst ist von Natur aus provokativ und verstörend. (S.285)

Tuil lässt Nebenfiguren wie Aline, die an dieser Stelle nicht weiter interessieren soll, Dinge sagen wie: „Wir leben doch in einer Demokratie, oder nicht? Man kann ja wohl sagen, dass die Juden unangreifbar sind, deshalb ist man noch lange kein Antisemit.“ (S.230) und Osmans Frau, selbst mit „afrikanischen Wurzeln“ äußert sich zur Opferrolle: „Du siehst überall nur Herbwürdigung durch die Weißen. Vielleicht solltest du deinen Horizont mal etwas weiten. (…) Du hast dir eine Bemerkung anhören müssen, weil du scharz bist – ich höre den ganzen Tag sexistische Kommentaren und stelle mich trotzdem nicht als Opfer dar.“ (S.234)

Mittels dieser Textbeispiele soll verdeutlicht werden, dass Karine Tuil ihre Figuren durchaus diskutable Dinge sagen und durchaus provokante Sichtweisen vertreten lässt. Aber das ist einer der Gründe, die diesen Roman so spannend machen. Weil es zum Denken anregt, dazu den eigenen Standpunkt zu überprüfen. Und das alles gelingt der Autorin ohne eine oberlehrerinnenhafte Pose einzunehmen oder sich gar angreifbar zu machen, denn sie lässt ja schließlich nur ihre Figuren interagieren, und was kann eine Autorin schon dafür, was ihre Figuren sagen!? :-)

Eben diese Figuren treffen dann im späteren Verlauf aufeinder, Dramatik, Spannung und Tempo nehmen zu und lassen den Roman sicherlich auch für Leserinnen und Leser, die mit der eigentlichen Thematik nichts anfangen können, zu einem mehr als zufriedenstellenden Erlebnis werden.

Stilistisch kann man Karine Tuil ebenfalls keine Vorwürfe machen. Nach einem ersten Kapitel von etwa 13 Seiten, das in Präsentation und Wirkung an die ersten Minuten des Films „Der Soldat James Ryan“ erinnert, und in dem Tuil unablässig Sätze auf die Leserschaft abfeuert, in denen die Schrecken des Krieges und die Erfahrungen, mit denen die Soldaten in Afghanistan und anderswo konfrontiert werden und die man sich als pazifistischer Heimatfrontler nicht mal vorstellen kann, ist man fast schon froh, dass es danach in erzählerisch ruhigeres Fahrwasser geht, das hohe Niveau an sich hält aber an, die Autorin erzählt durchgehend lebhaft, realitätsnah, insbesondere was die Dialoge angeht, und temporeich.

In Summe ergibt sich das Bild eines Romans, den man – ganz einfach und knapp gesagt – tatsächlich mal gelesen haben sollte!

Wertung:

Handlung: 9 von 10 Punkten

Charaktere 9,5 von 10 Punkten

Stil: 9 von 10 Punkten

Atmosphäre: 9 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 9,125 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Asymmetrie“ von Lisa Halliday.

„Liebe machen“ von Moses Wolff

Buch: „Liebe machen“

Autor: Moses Wolff

Verlag: Piper

Ausgabe: Taschenbuch, 286 Seiten

Der Autor: Moses Wolff, geboren 1969, ist Autor, Schauspieler und Komiker. Er schreibt regelmäßig für das Satiremagazin „Titanic“ und ist Mitveranstalter der erfolgreichen Münchner Lesebühne „Schwabinger Schaumschläger Show“. 2015 erhielt er den Schwabinger Kunstpreis. Gemeinsam mit Arnd Schimkat hat er den mit Christoph Maria Herbst in der Hauptrolle verfilmten Romans „Highway to Hellas“ verfasst. Moses Wolff wohnt in der Münchner Isarvorstadt. (Quelle: Piper)

Das Buch: Als die zwanzigjährige Dagmar in einer lauen Kölner Nacht im März 1970 aus dem Schlaf hochschreckt, ahnt sie nicht, dass in Hamburg ein junger Mann, Götz, ebenfalls wach liegt und denselben Traum träumt wie sie. Und vor allem ahnen weder Dagmar noch Götz, dass das Schicksal sie füreinander bestimmt hat … Noch im selben Jahr werden sie sich auf dem Oktoberfest begegnen, sich verlieben – und dann für lange Zeit aus den Augen zu verlieren, ohne zu wissen, wie nah sie sich eigentlich die ganzen Jahre über sind. (Quelle: Piper)

Fazit: Kennt ihr noch Prilblumen? Viele werden jetzt wissend nicken, weil sie entweder zu der Generation gehören, die selbst einstmals ihre Kinderzimmer, ihre Zimmertüren, Schränke, und eigentlich alles, was eine glatte Oberfläche hatte, mit diesen Teilen „verschönert“ haben oder aber zu deren Elterngeneration, die irgendwann später versucht haben, diese Aufkleber wieder von den eben genannten Gegenständen zu entfernen. Allerdings konnte man die Kleberückstände dieser Dinger von den Oberflächen leider schwerer entfernen als Andi Scheuer von seinem Ministerposten, weil dieses Zeug besser hielt, als modernster Zweikomponenten-Idiotenkleber der NASA …

Und Prilblumen – zusammen mit alten ARAL-Aufklebern auf einem Kofferradio – sind es auch, die das Cover von Moses Wolffs Roman „Liebe machen“ zieren. Der Kenner weiß anhand dieser Kombination: Es muss um die 70er gehen. Und das tut es auch.

Nun habe ich als 77er-Baujahr zugegebenermaßen eher so rudimentäre Erinnerungen an diese Zeit. Vielleicht wollte mein Hirn mich aber auch nur vor Schaden bewahren, denn bei „D.I.S.C.O.“ – halt, das war 1980 … – na, sagen wir stattdessen, bei allem von Boney M. setzt bei mir nach wie vor der natürliche Fluchtreflex ein, Demis Roussos sang immer irgendwie so, dass er mir leidtat und Tony Marshall habe ich noch nie begriffen.

Nee, irgendwie würde ich naturgemäß eher die späten 80er sowie natürlich die 90er als „mein Jahrzehnt“ bezeichnen. Da gabs auch Beispiele aus dem musikalischen Gruselkabinett, keine Frage, aber darum soll es ja jetzt nicht gehen, sondern eben darum, dass Moses Wolff mit seinem Roman angetreten ist, um meine Meinung über ein Jahrzehnt, das aus meiner Sicht in erster Linie durch musikalische Totalausfälle auffiel, zu revidieren, was ihm auf äußert charmante Art gelungen ist.

Zu Beginn des Romans lernen wir die Protagonisten Dagmar und Götz kennen, die in Köln bzw. Hamburg leben. Beide sind in Beziehungen, beide aber darin mehr oder weniger unzufrieden. Und so verwundert es nicht, dass sie sofort Feuer und Flamme sind, als sie sich 1970 auf dem Oktoberfest begegnen. Wobei „begegnen“ etwas hochgegriffen ist, sagen wie lieber, sie sehen sich. Nur um sich danach sofort wieder aus den Augen zu verlieren. Aber dieser flüchtige Moment hat Spuren hinterlassen, sodass beide den Versuch unternehmen, sich wiederzusehen.

Vorrangig beschäftigt sich Moses Wolff in seinem Roman also tatsächlich mit der Liebe. Dahinter steht allerdings ein Streifzug durch die deutsche Geschichte der letzten 50 Jahre. So widmet sich der Autor anfangs detailliert dem letzten Konzert von Jimi Hendrix auf Fehmarn, während in späteren Kapiteln beispielsweise die Anfänge der „Love Parade“ geschildert werden. Und immer wieder der Kölner Karneval und das Münchner Oktoberfest.

Und obwohl ich als Norddeutscher das Verkleiden und extensive Werfen von Süßwaren ebenso verzichtbar finde wie hunderttausendfache Druckbetankung in lokaler Tracht unter dem Deckmantel der kulturellen Tradition und ich mit der Musik von Jimi Hendrix ebenfalls wenig anfangen kann, weil er gelegentlich so klingt, als würde er ums Verrecken die Gitarre nicht auskriegen, gelingt Moses Wolff das Kunsstück, dass ich das Buch nicht entnervt weglege und „Nicht mein Thema!“ behaupte, sondern dass ich dranbleibe. Einerseits, weil ich wissen will, wie es sich mit Dagmar und Götz entwickelt, aber eben auch, weil ich wahnsinnig viel Wissenswertes aus der Zeit erfahre, was ich vorher noch nicht wusste.

Wolffs Figurenensemble ist dabei quantitativ überschaubar. Im Fokus stehen ganz klar die beiden Hauptfiguren. Und diese überzeugen vollumfänglich. Der unstete Freigeist Götz, der immer etwas Neues sehen, immer etwas Neues erleben möchte, ist genau so treffend gezeichnet wie die etwas zurückhaltende aber auch aufgeschlossene Dagmar. Im Hinblick auf die Nebenfiguren ist hier in erster Linie Dagmars zweiter Freund Hartmut zu erwähnen, der wahnsinnig verkrampft wirkt und sehr verklausuliert spricht und daher solche Dinge von sich gibt wie: „Ich würde vorschlagen, dass wir unsere gemeinsamen Empfindungen bündeln, indem wir uns körperlichen Dingen zuwenden. Ich möchte nun gerne ausgiebig Liebe mit dir machen.“ (S. 131) Herrlich! Großartiger Typ! :-) Heute würde man das kürzer formulieren. :-)

Stilistisch kann man Moses Wolff nichts vorwerfen, er schreibt launig und lebendig. Lediglich der Aufbau des Romans gibt Anlass zur Diskussion. Denn während der Autor sich den ersten Kapiteln bzw. den ersten Jahren der Handlung noch vergleichsweise detailliert widmet, und er in Jahresschritten vorgeht, werden diese Schritte im späteren Verlauf der Handlung immer größer und die behandelten Jahre immer kürzer abgehandelt. Nun mag das versinnbildlichen, dass für die Protagonisten die Zeit mit zunehmendem Alter auch immer schneller vergeht bzw. sie weniger davon zur Verfügung haben, dennoch hätte ich mir hier ein etwas ausgewogeneres Verhältnis gewünscht. Auch wenn ich mir natürlich der Tatsache bewusst bin, dass in erster Linie die 70er behandelt werden sollten und der Roman, hätte man sich auch den späteren Jahren der Handlung so detailliert zugewendet wie den früheren, in etwa den Umfang von Tolstois „Krieg und Frieden“ gehabt hätte.

Geblieben ist ein sehr charmanter Streifzug durch die Geschichte, ein vergleichsweise leichtes, aber an keiner Stelle seichtes Sommerbuch, das ich allen Prilblumenzeitgenossen wärmstens empfehlen kann. Selbst wenn sie Boney M. mögen.

Wertung:

Handlung: 8,5 von 10 Punkten

Stil: 8,5 von 10 Punkten

Charaktere: 8,5 von 10 Punkten

Atmosphäre: 10 von 10 Punkten. Und es wären 11, wenn es 11 gäbe.

Gesamtwertung: 8,875 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: Zu oben genanntem Buch möchte ich übrigens noch anfügen, dass ich die darin enthaltene Verunglimpfung norddeutschen Bieres, namentlich „Astra“ und „Holsten“, niemals nicht so stehen lassen kann, während augenscheinlich das süddeutsche Bier – ausgeschenkt in, euphemistisch genannt, „Maßkrügen“, die angesicht ihrer Litergröße doch eigentlich auch nicht anderes sind als Mallorca-Sangria-Eimer aus Glas – dagegen jedoch als göttliches Mana dargestellt wird. „Astra“ ist eine norddeutsche über 100 Jahre alte Institution und mitnichten das „Lebenselixier der Gescheiterten“ wie es auf Seite 114 heißt, und Holsten, tja, wie wir alle wissen: Holsten knallt am dollsten! Das musste mal gesagt werden. ;-) Was die nächste Rezension angeht: Keinen Schimmer.