„Caspers Weltformel“ von Victoria Grader

Buch: Caspers Weltformel

Autorin: Viktoria Grader

Verlag: Diederichs

Ausgabe: Hardcover, 320 Seiten

Die Autorin: Victoria Grader (Jg. 1992) hat in München und Venedig Praktische Philosophie studiert. Sie promoviert im Bereich der Technikphilosophie und lehrt Ethik für Naturwissenschaftler. Die Autoren der Münchner Autorengruppe Prosathek sagen von ihr: »Victoria erzählt vom Surrealen im Sinnesmeer.« (Quelle: Random House)

Das Buch: Der Physik-Doktorand Casper aus Berlin hat eine Formel entwickelt, mit der er soziale Interaktionen berechnen kann. Mit Hilfe der Formel kann er all das, was ihm widerfährt, vorherbestimmen. Seine Lebensfreude geht in der Gleichförmigkeit verloren – bis er die erstbeste Gelegenheit am Schopfe packt, um auszubrechen: Eine Reihe von Zufällen verschlägt Casper nach Budapest, wo er auf Ilona trifft. Im Bemühen, die Dinge und Menschen vorherzusehen, kommt Casper bei ihr an seine Grenzen. Mit ihrer verträumten Lebensweise ist sie so ganz das Gegenteil von ihm. Doch gerade die Unterschiede sind es, die beiden helfen, einen neuen Blick auf das Leben zu gewinnen.  (Quelle: Random House)

Fazit: Ich gebe zu, dass ich anfangs die Befürchtung hatte, bei „Caspers Weltformel“ könnte es sich um einen wirklich kitschigen Roman handeln. Das ist glücklicherweise nicht der Fall, dafür hakt es dann aber an anderen Stellen. Welche das sind, und ob das Buch trotzdem empfehlenswert ist, darum soll es im Folgenden gehen:

Physik-Doktorand Casper hadert mit sich und dem Leben, fühlt sich gefangen in einem einengenden Büro, in dem er tagaus, tagein denselben ebenso einengenden Job ausführt. Sein Leben schreitet bar jeder Aufregung gleichförmig voran. Allerdings ist Casper auch so ein bisschen selbst dran schuld, denn im Laufe jahrelanger Rechenarbeiten hat er eine Formel entwickelt, mit der er Reaktionen seines Gegenübers berechnen kann. In der Folge bereitet das Leben dem jungen Mann daher kaum noch Überaschungen oder Abwechslungen und in der ewigen Routine des redensartlichen Hamsterrads fragt sich der junge Mann irgendwann: „Soll das jetzt alles gewesen sein?“

In einer Art Übersprungshandlung besteigt Casper den nächstbesten Zug nach Irgendwohin, und Irgendwohin ist in diesem Fall Budapest. In der ungarischen Hauptstadt lässt sich der junge Mann ein wenig treiben, begegnet erst dem Fernfahrer Jànos, dann läuft ihm Ilona über den Weg.

Und bis hierhin hat mir der Roman ausnehmend gut gefallen. Nicht nur, weil ich mit vollständig auf anekdotischer Evidenz basierender Kompetenz behaupten kann, dass sich die Frage nach dem „Soll das jetzt alles gewesen sein?“ die meisten Menschen im Laufe ihres Lebens mal gestellt haben oder noch stellen werden. Und bis hierhin hat Victoria Grader mit Casper auch einen recht zugänglichen Protagonisten geschaffen.

Das ändert sich dann allerdings spätestens, als Casper in Budapest auf Ilona trifft. Und zwar nicht, weil ich mit dieser neuen Figur wenig anfangen kann. Ich gebe zu, dass ich mit Ilona kein Bier trinken gehen wollen würde, da mir ihre Oberflächlichkeit, ihre Unfähigkeit, Dinge wirklich auf die Reihe zu kriegen, ihr schon seit langer Zeit massiv defekter moralischer Kompass und ihre augenscheinliche Selbstversicherung, für diverse Jobs des einfachen Volks schlicht zu gut zu sein, suspekt sind, aber als Figur finde ich Ilona tatsächlich ganz spannend.

Umso mehr, als mit ihr ein spannender Gegenpol zu Casper geschaffen ist, der Anlass für zahlreiche Konflikte liefern könnte.

Mein Problem liegt eher daran, dass Casper ab diesem Moment sein wahres Gesicht zeigt. Und eben dieses gefällt mir so gar nicht. Denn der junge Doktorand ist ein Mensch, der schon sehr auf sich, seine Ernährung und seinen ökologischen Fußabdruck achtet, was im Übrigen überhaupt nicht verwerflich ist, sondern im Gegenteil eher wünschenswert. Allerdings geht er damit missionieren und trägt seine Weltsicht demonstrativ monstranzartig vor sich her. Und wenn jemand mit seiner Meinung missionieren geht und versucht, andere zu etwas zu bekehren, gleich ob es sich dabei um Ernährung, Religion oder die Fanszene des FC Bayern München handelt, dann habe ich damit so meine Probleme. Möglicherweise mag das daran liegen, dass ich grundsätzlich ein Problem damit habe, wenn jemand unaufgefordert anfängt, mir mein Leben zu erklären. Und Casper tut das dauernd …

Er ist einer dieser Menschen, über die man in unfreundlicheren Zeiten gesagt hat: „Woran erkennt man einen Vegetarier? Er erzählt es dir!“, einer der Menschen, die im Restaurant an dir vorbeigehen, während du gerade deinen Schnitzelteller bekommst, um sich dann zu dir runterzubeugen und Sätze von sich zu geben, die mit „Du weißt aber schon, dass …“ beginnen.

Er belässt es aber nicht bei Ernährung, sondern geißelt auch Arbeitsbedinungen in verschiedenen Gegenden der Welt, die Überfischung der Ozeane und vieles andere. Das kann man auch alles tun, sogar berechtigterweise. Allerdings tut Casper das mit bemerkenswerter Arroganz und einer Art Alleinvertretungs- und Unfehlbarkeitsanspruch, der sonst nur diversen Religionen gleich welcher Ausprägung innewohnt und der unfassbar nervt.

So unterlässt er es beispielsweise auch nicht, seine Mutter davon zu unterrichten, dass ihre Rosenträucher im Garten reine Zierpflanzen seien, mit denen die Bienen und andere Insekten ja so gar nichts anfangen könnten. Und wenn mir am Frühstückstisch, nachdem ich eröffnet habe, keinen Hunger zu haben und nur einen Kaffee trinken will, jemand entgegnet: „Das kann ich nicht akzeptieren!“, so wie Casper das gegenüber Ilona tut, dann würde ich ihm, je nach Tagesform, wohl im Rahmen eines länger angelegten Monologs darlegen, dass die Frage, inwieweit mein Gegenüber hinsichtlich meine Nahrungsaufnahme betreffender Fragen zur Akzeptanz bereit ist, für mich keinerlei Relevanz besitzt oder aber einfach nur perplex fragen: „Bitte was kannst du?“

All die ökologischen Fragen, die die Autorin in ihrem Buch präsentiert, haben ja durchaus ihre Berechtigung, es wäre nur schön gewesen, man hätte sie in irgendeiner Weise subtil präsentiert, wenigstens aber nicht mit der moralinsauren Dampfhammermethode, für die man sich entschieden hat.

Wenn wir uns wegbewegen von der Figurenebene und uns der inhaltlichen zuwenden, dann stellen wir fest, dass es auch hier Anlass zur Kritik gibt. Denn mir hat sich bis zum Ende nicht erschlossen, was „Caspers Weltformel“ denn nun sein soll. Soll es ein Roman sein, der sich vorwiegend mit ökologischen Fragestellungen und Problemen beschäftigt, dann ist, wie beschrieben, die Art der Präsentation ein Problem, weswegen daraus hier eher ein moralinsaurer Weltverbesserungsroman würde. Vielleicht soll es aber auch eine Art Coming-of-Age-Geschichte sein, denn zumindest Caspers Wunsch nach Sicherheit, Stabilität und Vorhersagbarkeit im Leben wird ebenso mit seiner Vorgeschichte begründet, wie es hinsichtlich Ilonas Wesen und Verhaltensweisen ebenfalls passiert!? Dafür geht der Roman hier aber eben nicht genug in die Tiefe. Man hätte auch einen Roman daraus machen können, in dem zwei Menschen vollkommen gegensätzlicher Ausprägung über philosophische Fragen, das Leben, das Universum und den ganzen Rest diskutieren, wie das weiland Julie Delpy und Ethan Hawke in einem Zug taten. Und in Ansätzen passiert das auch. Aber eben auch hier kommt der Roman nicht über Ansätze hinaus und vermeidet jegliche Tiefe. Stattdessen wird die Leserschaft permanent mit dem moralischen Zeigefinger ins Auge gepikt, während sich der Roman irgendwo verrennt. Auf nur knapp 320 Seiten hätte man sich meines Erachtens stärker für irgendeine Richtung dahingehend entscheiden müssen, was das Buch sein und was es sagen soll.

Und das ist in Summe alles tatsächlich irgendwie ärgerlich, denn in stilistischer Hinsicht merkt man dem Buch beispielsweise an, dass Victoria Grader wirklich gut schreiben kann. Ihre Dialoge wissen zu gefallen – sofern Casper nicht gerade wieder „Das kann ich nicht akzeptieren!“ sagt – und auch der Aufbau ist gelungen. Abwechselnd werden die Kapitel mal aus Ilonas mal aus Caspers Sicht erzählt, was für gewöhnlich eine bemerkenswert hohe Gefahr für Redundanz birgt. Der Autorin gelingt es aber ausgesprochen gut, eben dieser Gefahr auszuweichen, und insgesamt kann „Caspers Weltformel“ daher in erzählerischer Hinsicht sehr gut punkten.

Das täuscht jedoch nicht über die vorher angesprochenen Schwierigkeiten hinweg, die ich mit dem Buch hatte.

Letztlich bleibt ein überraschend leichter, dafür aber nicht seichter Roman, dem man einiges verzeihen können muss, den man aber zumindest dann guten Gewissens lesen kann, wenn man selbst gerade im Hamsterrad sitzend vom Fernweh geplagt wird.

Ich bedanke mich beim Bloggerportal und beim Diederichs Verlag für die freundliche Übersendung des kostenlosen Rezensionsexemplars. Die Tatsache, dass es sich um ein kostenloses Rezensionsexemplar handelt, beeinflusst meine Meinung selbstredend nicht.

Demächst in diesem Blog: „Die Eroberung Amerikas“ von Franzobel

 

„Shanghai fern von wo“ von Ursula Krechel

Buch: „Shanghai fern von wo“

Autorin: Ursula Krechel

Verlag: btb

Ausgabe: Taschenbuch, 504 Seiten

Die Autorin: Ursula Krechel, geboren 1947 in Trier, seit 1974 zahlreiche literarische Veröffentlichungen: Theaterstücke, Gedichte, Hörspiele, Romane, Essays, zuletzt »Stark und leise«. Für ihre Romane »Shanghai fern von wo« und »Landgericht« wurde sie vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Joseph-Breitbach-Preis und dem Deutschen Buchpreis. Ursula Krechel lebt in Berlin. (Quelle: btb)

Das Buch: Shanghai am Vorabend des Zweiten Weltkriegs. Für Tausende Juden ist es das letzte Schlupfloch. Sie kamen ohne Visum und Illusionen mit einem Koffer und zehn Reichsmark in der Tasche: Anwälte, Handwerker, Kunsthistoriker, und wenn sie in dieser überfüllten Stadt und dem feucht drückenden Klima zurechtkommen wollten, dann waren Erfindungsgabe und Tatkraft gefordert. Ursula Krechels bewegender Roman erzählt von Menschen, die versuchen, das Überleben zu lernen. (Quelle: btb)

Fazit: Hach, was schreibe ich nur über dieses Buch? Na, beginnen wir vielleicht einfach mal von vorn: Im Jahr 2012 erschien Ursula Krechels vielfach gelobter Roman „Landgericht“, der seitdem auf meiner „Wollte ich eigentlich immer mal lesen“-Liste steht. Anlässlich ihres 2018 erschienenen Romans „Geisterbahn“ kam der Plan zur Lektüre von „Landgericht“ wieder mal hoch und ich stellte nach kurzer Recherche fest, dass beide Bücher zusammen zumindest thematisch grob eine Art Trilogie zusammen mit dem 2008 erschienenen „Shanghai fern von wo“ darstellen, weswegen es mir einigermaßen sinnvoll erschien, genau damit anzufangen, um festzustellen, ob ich generell mit Frau Krechels Schreibe klarkomme. Nur leider liegt genau da der Hase im Pfeffer.

Dabei gibt es ausreichend Gründe, Krechels Roman ausgiebig zu loben. Allen voran sei da erst mal das Thema genannt. Die Autorin widmet sich einem Stück Geschichte, das zumindest mir in der Form gar nicht präsent war: Shanghai als Exil. Im Jahr 1938 fliehen viele Juden aus Nazi-Deutschland, die meisten Schlupflöcher sind dabei allerdings bereits schon zu, die Möglichkeiten der Ausreise bereits stark begrenzt. Shanghai jedoch ist seit den Opiumkriegen des 19. Jahrhunderts eine offene Stadt für Europäer unterschiedlichster Nationalitäten, ein Visum wird bei der Einreise nicht verlangt. Und so wird die Stadt zur vorübergehenden Heimat für insgesamt 18.000 Juden.

Krechel beschreibt die Schicksale der Vertriebenen anhand etwa einer Handvoll Protagonisten, als da wären das Ehepaar Tausig – er Rechtsanwalt, sie Inhaberin eines Holzhandels -, der Buchhändler Lazarus sowie der Kunsthistoriker Brieger. Wie 18.000 andere Vertriebene kommen sie mit den erlaubten 10 Mark in der Tasche und allem was sie tragen konnten als Gepäck in der Stadt an und stehen zunächst mal vor der Frage, was sie denn so können, bzw. was sie zukünftig denn so tun wollen und sollen. Denn im Grunde sind Kunsthistoriker in Shanghai selbstredend genauso wenig gefragt wie Rechtsanwälte, die sich in erster Linie mit österreichisch-ungarischem Recht auskennen.

Die Zeit der Orientierung der Vertriebenen wird von Krechel ebenso überzeugend dargestellt, wie deren erneuter Niedergang. Denn während in Europa der Krieg erst ein Jahr nach der Ausreise der letzten Flüchtlinge beginnt, wütet in und um Shanghai bereits seit 1937 der Zweite Japanisch-Chinesische Krieg. Letztlich besetzen die Japaner die Stadt, wobei die Neuankömmlinge vermutlich eigentlich recht unbehelligt hätten weiterleben können, denn mit dem Antisemitismus haben es die Japaner nun ja nicht so. Allerdings gibt es da ja kompetente Achsenmacht-Kollegen, die ihnen die Grundzüge des Antisemitismus darlegen und die Sinnhaftigkeit eines Gettos vermitteln können, weswegen die Flüchtlinge kurzerhand in ein eben solches verlegt werden und erneut unter Repressalien zu leiden haben.

Besonders eindringlich in Erinnerung bleibt mir persönlich allerdings der abschließende Teil, in dem deutlich wird, dass Deutschland sich schon in und seit den 50ern an jeder nur verfügbaren Stelle um Entschädigungszahlungen drückt und sich dabei auch nicht entblödet, vor Gericht klären zu lassen, wann ein Getto denn ein Getto ist. Denn würde man damit mal anfangen, dann könnte man hierzulande wohl einfach abschließen und den Schlüssel wegwerfen. Da bekommt „Wehret den Anfängen“ eine völlig neue Bedeutung …

Die Autorin stellt die Lebensläufe ihrer Protagonisten zunächst scheinbar separat nebeneinander, nur um sie im Laufe der Handlung dann doch zusammenzuführen. Und das ist genau so gut gelungen wie beispielsweise der gesamte Aufbau oder aber die Charakterzeichnungen.

Das größte und eigentlich einzige Problem, das ich mit Ursula Krechels Roman hatte, betrifft die Erzählweise bzw. die sprachliche Ebene. Immer wieder verfällt die Autorin in einen ausschweifenden, für mich überzogen literarischen Erzählstil, der mir als Leser ganz deutlich meine Grenzen aufgezeigt hat und dem ich mich nicht wirklich gewachsen sah. Es mag sein, dass „Shanghai fern von wo“ für literarisch gebildetere und/oder allgemein klügere Menschen als ich das bin wesentlich zugänglicher ist. Es mag also beispielsweise sein, dass Thea Dorn, Ijoma Mangold und Denis Scheck in der Lage sein würden, stundenlang über diesen Roman zu philosophieren. Ich dagegen empfand während er Lektüre allerdings dagegen leider eine fortwährende Überforderung und befand mich durchgehend auf der Suche nach dem, was mir der Roman abgesehen von der reinen Inhaltsebene und versteckt hinter diesem ganzen elaborierten Sprachdickicht denn so sagen möchte. Ich vermute allerdings, es nicht gefunden zu haben.

Nichtsdestotrotz bereue ich nicht, den Roman gelesen zu haben. Denn auch wenn er vielleicht über meinen literarischen Horizont hinausging, hat er diesen – und meine historischen Kenntnisse – wenigstens erweitert. Und das ist doch auch schon mal was. Von der Lektüre von „Landgericht“ und „Geisterbahn“ werde ich – unter Annahme eines darin vergleichbaren vorherrschenden Stils – dann aber doch Abstand nehme. Ich fühle mich nicht gerne doof.

Demnächst in diesem Blog: „Caspers Weltformel“ von Victoria Grader