„Natchez Burning“ von Greg Iles

Buch: „Natchez Burning“

Autor: Greg Iles

Verlag: Aufbau-Verlag

Ausgabe: Taschenbuch, 1024 Seiten

Der Autor: Greg Iles wurde 1960 in Stuttgart geboren. Sein Vater leitete die medizinische Abteilung der US-Botschaft. Mit vier Jahren zog die Familie nach Natchez, Mississippi. Mit der »Frankly Scarlet Band«, bei der er Sänger und Gitarrist war, tourte er ein paar Jahre durch die USA. Mittlerweile erscheinen seine Bücher in 25 Ländern. Greg Iles lebt heute mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Natchez, Mississippi. Fünf Jahre hat er kein Buch herausgebracht, da er einen schweren Unfall hatte, nun liegen im Aufbau Taschenbuch seine Thriller „Natchez Burning“, „Die Toten von Natchez vor“ und „Die Sünden von Natchez“ vor. (Quelle: Aufbau-Verlag)

Das Buch: Penn Cage, Bürgermeister von Natchez, Mississippi, hat eigentlich vor, endlich zu heiraten. Da kommt ein Konflikt wieder ans Tageslicht, der seine Stadt seit Jahrzehnten in Atem hält. In den sechziger Jahren hat eine Geheimorganisation von weißen, scheinbar ehrbaren Bürgern Schwarze ermordet oder aus der Stadt vertrieben. Nun ist mit Viola Turner, eine farbige Krankenschwester, die damals floh, zurückgekehrt – und stirbt wenig später. Die Polizei verhaftet ausgerechnet Penns Vater – er soll sie ermordet haben. Zusammen mit einem Journalisten macht Penn sich auf, das Rätsel dieses Mordes und vieler anderer zu lösen. (Quelle: Aufbau-Verlag)

Fazit: „Haha – niemals wieder wirst Du dieses Buch anfangen (…)“ war die Reaktion einer geschätzten Bloggerkollegin, nachdem ich seinerzeit verkündete, „Natchez Burning“ abgebrochen zu haben, durchaus aber die Möglichkeit in den Raum stellte, irgendwann, wenn ich mal ganz viel Zeit habe, einen zweiten Versuch zu unternehmen. Ebenso verkündete ich seinerzeit, dass ich zukünftig auch allgemein konsequent die Lektüre von Büchern abbrechen werde, wenn sie mir nicht gefallen. Ein Entschluss, den ich in der Folge dann doch nie in die Tat umsetzte. Ich lese halt Bücher zu Ende, was soll ich machen!? Wenn ich dereinst vor meiner Schöpferin stehe und Alanis mich fragt, was ich mit meiner Zeit angefangen habe, werde ich sagen müssen, dass ich unzählige Stunden darin investiert habe, Bücher zu Ende zu lesen, die ich nicht wirklich gut fand, und ob es das dann wert war, wird man sehen.

Aber zurück zur Ausgangsäußerung, mit der also angezweifelt wurde, dass ich jeeeemals wieder „Natchez Burning“ lesen würde. Nun ja, „Herausforderung angenommen!“, hätte Barney Stinson wohl gesagt, und so machte ich mich frohen Mutes erneut ans Werk. An dieses umfangreiche, sehr, sehr umfangreiche, viel  zu umfangreiche Werk …

Dabei waren die Gründe, die Lektüre seinerzeit abzubrechen, schon wirklich zahlreich. Dazu zählte in erster Linie die unheimlich redundante Erzählweise. Darüber schrieb ich in dem damaligen entsprechenden Beitrag:

„So erfährt der Leser im Prolog, was damals in den 60ern in Natchez passiert ist. Anschließend erzählt die damals beteiligte Person A der Person B, was damals in Natchez passiert ist, ergänzt um wenige Details. Der Leser weiß das aber ja bereits aus dem Prolog. Dann erzählt Person B dem Protagonisten Person C, was er im Gespräch mit Person A erfahren hat. Das wiederum weiß der Leser aber ja bereits aus dem Prolog und dem Gespräch zwischen Person A und Person B. Person C nun, man ahnt es bereits, erzählt zu Hause seiner bald Angetrauten, Person D, was er im Gespräch mit Person B erfahren hat. Das wiederum weiß der Leser aber ja bereits aus dem Prolog, dem Gespräch zwischen Person A und Person B sowie dem Gespräch zwischen Person B und Person C.“

Auch wenn diese redundante Erzählweise ihre Vorteile haben mag, sagte doch eine ganz zauberhafte Person hierzu sinngemäß, dass diese Art zu erzählen zumindest die Möglichkeit bietet, längere Lektürepausen zu machen, ohne etwas zu vergessen, weil einem die wesentlichen Handlungselemente ja zigmal vorgekaut würden – und das war auch tatsächlich so -, so muss man konstatieren, dass das im Grunde genommen aber wirklich einfach schlecht erzählt ist. Und das ist schade, denn einerseits hat das Buch dadurch einen Umfang bekommen, der die einen abschrecken und die anderen zur vorzeitigen Aufgabe animieren wird, und andererseits geht dadurch die eigentlich lesenswerte Geschichte etwas unter.

Nimmt man diese Redundanz nämlich weg, fällt auf, dass Greg Iles durchaus spannend erzählen kann. Und diese Feststellung beschränkt sich nicht nur auf die Geschichte, sondern insbesondere auch auf Dinge, die keine wesentlichen Handlungselemente sind, beispielsweise in Form einer immer wieder mal mehr, mal weniger subtil durchscheinenden Kritik am amerikanischen Justizsystem. Ich meine, mich sogar erinnern zu können, dass Iles an einer kurzen Stelle so nebenbei darauf hinweist, dass die Richter an hierarchisch untergeordneten Gerichten im Staat Mississippi noch nicht mal studierte Juristen sein müssen …

Auch bei der elementaren Handlung fällt auf, dass Iles durchaus komplexe, spannende Plots entwickeln kann, denn die Geschichte rund um die Morde an Schwarzen in den 60ern, die hat schon was. Nur leider hält der Autor seine Leserschaft offenbar für dusseliger als sie ist, sonst würde er seinen Plot ja nicht in wesentlichen Teilen dauernd wiederholen … – aber mittlerweile wiederhole ich mich auch, kommen wir also weg von der Geschichte und ihrer Redundanz und wenden uns den Charakteren zu.

Und da treffen wir auf strahlendes Licht, ebenso aber auch auf Schatten, die so dunkel sind wie Vantablack. Positiv zu erwähnen ist hier beispielsweise der Journalist Henry Sexton, der schon seit Jahrzehnten versucht, den Mördern aus den 60ern auf die Schliche zu kommen und der ein bisschen an Redford und Hoffman als Woodward und Bernstein erinnert.

Auf der genau gegenüberliegenden Seite gibt es da aber eben auch Tom Cage, Vater des Protagonisten, und Arzt in Natchez. Und ein begnadeter, so scheint es, vermutlich, weil in Mississippi wenigstens die Ärzte noch studierte Mediziner sein müssen, aber lassen wir das. Aber nicht nur das, Tom Cage scheint auch so eine Art lokaler Heiliger zu sein. Die Überidealisierung, die bei dieser Figur, insbesondere durch den Protagonisten Penn Cage, durchgeführt wird, die war schon schwer erträglich. Einen Konflikt der Hauptfigur zwischen seiner persönlichen Wahrnehmung des eigenen Vaters und dem möglichen Dreck, den besagter Vater seit den 60ern am Stecken haben könnte, hätte man auch gut – vermutlich sogar besser – darstellen können, wenn man aus dem erwähnten Vater nicht so eine Art Sankt Lukas, Schutzpatron der Kranken, gemacht hätte.

So wird über den später auf der Flucht befindlichen Tom Cage an einer Stelle sinngemäß gesagt, dass er an unzähligen Orten sein könne, weil sicherlich die Hälfte seiner Patienten – und damit viele hundert Leute – ihn aus Dankbarkeit bei sich aufnehmen würden … Jetzt stellen wir uns mal folgende Situation vor: Ihr sitzt zu Hause vor dem Fernseher und seht euch eine Diskussionsrunde auf arte an, da klingelt es an der Tür und dort steht euer Hausarzt und sagt: „Hallo! Sie wissen, wer ich bin? Ihr Hausarzt! Ich habe ihr/e (hier beliebiges Leiden einfügen) geheilt. Die Sache ist die: Ich bin auf der Flucht vor der Justiz. Dürfte ich eine Weile bei Ihnen bleiben?“ Ich wüsste ja, was ich täte, aber vermutlich sind die Menschen in Mississippi anders drauf …

Letztlich klingt das alles vielleicht deutlich negativer als es gemeint ist, denn hinter all den unnötigen Wiederholungen und den kitschig-überhöhten Idealistenfiguren verbirgt sich eben eine wirklich gute Geschichte von tragischer Aktualität. Ob es diese dann wert ist, sich durch über 1.100 Seiten zu arbeiten. muss jede/r für sich selbst wissen. Von mir gibt es dazu ein klares, definitives „Vielleicht!“ …

Demnächst in diesem Blog: „Die Pest“ von Albert Camus.

„Asymmetrie“ von Lisa Halliday

Buch: „Asymmetrie“

Autorin: Lisa Halliday

Verlag: btb

Ausgabe: Taschenbuch

Die Autorin: Lisa Halliday, aufgewachsen in Massachusetts, studierte in Harvard und lebt als freie Lektorin und Übersetzerin in Mailand. 2005 erschien ihre Kurzgeschichte „Stump Louie“ in der Paris Review. Für »Asymmetrie«, ihren ersten Roman, erhielt sie 2017 den Whiting Award for Fiction. (Quelle: Random House)

Das Buch: Sie ist fünfundzwanzig, er in den Siebzigern. Es beginnt auf einer Bank im Central Park. Hals über Kopf stürzt sich Alice in eine Lovestory mit dem berühmten Schriftsteller Ezra Blazer. Ein erotisches, tragikomisches Kammerspiel. Doch dann setzt eine ganz andere Erzählung ein: Amar, ein amerikanisch-irakischer Doktorand wird am Londoner Flughafen in Gewahrsam genommen und landet im Vakuum von Wartesälen und endlosen Verhören. Zwei so ungleiche Geschichten. Ein so kühner, provokanter Roman. (Quelle: Random House)

Fazit: In ihrem Debütroman verarbeitet Lisa Halliday literarisch ihre Liaison, die sie in ihren Zwanzigern mit dem deutlich älteren und skandalöserweise bis zu seinem Tod nicht mit dem Nobelpreis ausgezeichneten Philip Roth führte. Und ich gebe zu, dass ich gewisse besorgte Vorbehalte gegen „Asymmetrie“ hatte, weil derartige Rückblicke in modernen Zeiten ja gerne mal zu einer Art über Twitter geführten Rachefeldzug gegen jemanden, der sich aufgrund des eigenen Ablebens nicht mehr wehren kann oder zu fragwürdigen Homestorys in ebenso fragwürdigen Mittags- und Vorabendformaten bei RTL verkommen. Aber für meine Vorbehalte, die augenscheinlich dadurch entstehen, dass ich irgendwie die falschen Medien konsumiere, kann Lisa Halliday nichts. Denn sie wählt einen anderen Weg. Einen behutsameren und literarisch ansprechenden Weg.

Sie teilt ihren Roman in drei Teile ein, in deren erstem wir die Protagonistin Mary-Alice kennenlernen, die in einer Literaturagentur arbeitet. Durch Zufall begegnet sie dem bekannten Schriftsteller Ezra Blazer, einer Art Dauernobelpreisanwärter. Und im Folgenden entspannt sich zwischen beiden eine hauchzarte Liebesgeschichte. Allerdings eine, die weder zum eingangs erwähnten Rundumschlag verkommt, noch eine, die eine total romantisierte, verklärte Version der Tatsachen darstellt. Stattdessen lässt Halliday ihre Protagonisten die Geschehnisse sehr reflektiert und realitätsgetreu schildern. Dass sich Mary-Alice Gedanken darüber macht, dass sie vielleicht Jahre ihres jungen Lebens an einen hinfälligen Greis verschwendet, wird dabei ebenso wenig verschwiegen, wie der Umgang mit Ezras körperlichen Malässen im späteren Bereich des Romans. Das alles hat, so unterstelle ich mal, eben nicht den Hintergrund, Philip Roth, um den es ja nun eigentlich geht, posthum bloßzustellen, sondern ganz klar zu machen, welche Schwierigkeiten eine solche Beziehung, bei aller sonstigen Freude darüber, sich überhaupt gefunden zu haben, mit sich bringt oder bringen kann.

Und wenn Ezra Blazer Mary-Alice Geld zusteckt, damit sie sich mal schön einkleiden kann oder ihr stapelweise Bücher in die Hand drückt, von denen er der Meinung ist, sie sollte sie mal gelesen haben, oder ihr gerade allgemein die Welt erklärt, dann könnte man denken, dass das etwas Gönnerhaftes hat, etwas von Gutsherrrenart, etwas in Richtung „Mansplaining“. Aber auch all das ist es meiner Meinung nach nicht, sondern es ist in erster Linie der Wunsch des Älteren, der jungen Frau einerseits etwas Gutes zu tun und sie andererseits an seiner Lebenserfahrung teilhaben zu lassen. Und daran ist erst meiner Meinung nach erst mal wenig auszusetzen.

Kaum hat man sich jedoch an die beiden und ihre sympathischen Turteleien gewöhnt, erzeugt Halliday einen gigantischen Bruch in ihrem Roman. Die Perspektive wechselt hin zu Amar Ala Jaafari, einem US-Amerikaner, dessen Eltern im Irak geboren und nach Amerika ausgewandert sind. Jaafari wird aus für ihn unklaren Gründen am Flughafen in London festgehalten, von wo aus er nach einem kurzen Aufenthalt eigentlich zu seiner Familie im Irak weiterfliegen möchte. Die zur Verfügung stehende Zeit nutzt Jafaari für ausgiebige Rückblicke auf seinen Lebensweg und den seiner Familie. Hierbei entwickelt sich dann nicht nur ein spannender Blick auf das Leben eines Einwanderers in zweiter Generation, der zwischen allen Stühlen sitzt, wie sein Erzählteil zwischen dem von Mary-Alice und Ezra und dem Abschlussteil, sondern auch auf den Irak, ein von Kriegen zerrüttetes Land in dem die Situation heute unsicherer ist als überhaupt irgendwann.

Dieser Bruch mag spannend sein, ist er zweifellos sogar, zumal er anschaulich die titelgebende Asymmetrie verdeutlicht, die ja nun nicht nur aufgrund des Altersunterschieds zwischen den Lebensrealitäten von Mary-Alice und Ezra besteht, sondern eben auch zwischen den beiden auf der einen Seite, die sich vornehmlich – von Ezras gesundheitlichen und somit durchaus existenziellen Problemen mal abgesehen – mit „first world problems“ beschäftigen, während auf der anderen Seite jemand sitzt, der anhand des Geburtslandes seiner Eltern und des Schicksals, das der im Irak verbliebene Teil der Familie erduldet, weiß, was wirkliche Probleme sind.

So richtig verziehen habe ich Halliday diesen Bruch aber dennoch nicht, und das aus ganz banalen Gründen: Ich wäre gerne weiter bei Mary-Alice und Ezra geblieben, hätte gerne weiter etwas über Literatur, Ezras Lesetipps, Buchauszüge aus diversen Werken der Weltliteratur, von Ahrendt über Camus und Joyce bis hin zu Mark Twain und über first world problems gelesen. Aber das ist ja nun mein eigenes first world problem.

Im abschließenden Teil kommt dann – und das finde ich wirklich klug und charmant gewählt – Ezra selbst im Rahmen eines Radiointerviews zu Wort, in dem er sozusagen einen Rückblick auf sein Leben führen soll.

Im Summe ergibt sich ein absolut runder Roman, der inhaltlich zwischen der Sinnsuche und Selbstfindung einer jungen Frau und den Problemen von Einwanderern in allen Ländern dieser Welt changiert und der es schafft, zwischen diesen Extremen in seiner Themenpalette nie den roten Faden zu verlieren. Ein überaus gelungener Debütroman.

Ich danke dem Bloggerportal und dem btb Verlag für die freundliche Übersendung des Rezensionsexemplars. Die Tatsache, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelte, beeinflusst meine Meinung selbstredend nicht.

Demnächst in diesem Blog: „Natchez Burning“ von Greg Iles.

„Die Zeit der Ruhelosen“ von Karine Tuil

Buch: „Die Zeit der Ruhelosen“

Autorin: Karine Tuil

Verlag: Ullstein

Ausgabe: Taschenbuch, 505 Seiten

Die Autorin: Karine Tuil, geboren 1972, Juristin und Autorin mehrerer gefeierter Bücher, darunter der Roman „Die Gierigen“. Zuletzt erschien ihr vielbeachteter Roman „Die Zeit der Ruhelosen“, der in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde. Karine Tuil lebt mit ihrer Familie in Paris. (Quelle: Ullstein)

Das Buch: Der Aufstieg des brillanten Managers François Vély scheint unaufhaltsam. Bis seine Exfrau sich aus dem Fenster stürzt, als sie erfährt, dass er wieder heiraten will. Der Tragödie folgt die Entdeckung, dass seine neue Lebensgefährtin in eine Affäre mit einem Offizier verstrickt ist, der völlig traumatisiert aus Afghanistan heimkehrt. Außerdem wird Vély ein Mediencoup zum Verhängnis, man bezichtigt ihn des Rassismus und Sexismus. Als er persönlich und beruflich am Ende ist, ergreift ausgerechnet der Politiker Osman Diboula Partei für ihn – dabei ist Diboula bekannt als Wortführer gegen eine weiße gesellschaftliche Elite. Wenige Wochen später kommt es im Irak zu einer Begegnung aller Beteiligten, die für Vély fatale Konsequenzen hat. (Quelle: Ullstein)

Fazit; „Es ist für mich das Buch der Stunde.“, urteilt die von mir durchaus geschätzte Elke Heidenreich über diesen bereits 2018 in der deutschen Taschenbuch-Ausgabe erschienenen Roman. Nun mag man von solchen Autorinnen-Empfehlungen auf Buchrückseiten denken, was man mag, aber recht hat Frau Heidenreich damit trotzdem. Und heute sogar noch mehr als vor zwei Jahren.

Denn Karine Tuil beschäftigt sich in ihrem Roman unter anderem mit der Situation der französischen people of colour mit „afrikanischen Wurzeln“, wie es so schön heißt, mit den Schwierigkeiten, mit denen sie konfrontiert sind, wenn es um sozialen Aufstieg jeglicher Art geht und letztlich auch mit Rassismus sowie mit Antisemitismus.

Im Vordergrund der Handlung stehen in erster Linie vier Personen:

Osman Diboula, der sich während Ausschreitungen in der Banlieue als besonnener Vermittler zwischen Demonstranten und Politik hervorgetan hat und somit ins Blickfeld der Reichen und Mächtigen gekommen ist, was ihm letztlich sogar einen Job als Präsidentenberater verschafft.

Der Mobilfunk-Mogul François Vély, dem ein Fototermin zum Verhängnis wird. Vély ist Kunstliebhaber und als solcher im Besitz eines sogenannten „Black Woman Chair“ des Künstlers Bjarne Melgaard, auf dem er sich nichtsahnend ablichten lässt. (Den „Black Woman Chair“ kann man googeln und versteht dann vielleicht die Entüstung.) In der Folge prasselt ein veritabler, medialer Shitstorm ungekannten Ausmaßes über Vély herein, der sich plötzlich wegen seiner jüdischen Herkunft auch noch antisemitisch beleidigen lassen muss.

Die Journalistin Marion, die in ihrer Eigenschaft als zweite Ehefrau von Vély praktisch der Auslöser für die erster Ehefrau war, aus dem Fenster zu springen und die eine Affäre mit dem Soldaten Romain Roller anfängt.

Und eben dieser Romain Roller, nach einem Afghanistan-Einsatz kurzzeitig zum Kopf frei bekommen und Sau rauslassen in einer entsprechenden Freizeitanlage untergebracht, stellt den vierten der Hauptcharaktere dar.

Die Lebenswege dieser vier augenscheinlich so unterschiedlichen Menschen kreuzen sich auf verschiedene Art. Die Autorin springt in ihrer Erzählung beständig von Person zu Person, was dem Roman eine angenehme Dynamik verleiht und sie nutzt die Chance, über ihre Figuren die verschiedensten politischen und/oder gesellschaftlichen Ansichten zu äußern.

So ist und bleibt Vély, als Superreicher deutlich abgehoben von allen Normalsterblichen, der Meinung, dass Kunst Kunst bleiben müsse und er sich nichts vorzuwerfen habe. So sagt er in einem Anfall von „Man darf heute aber auch gar nichts mehr sagen!“ auf Seite 201: „Man kann heute offenbar nicht mehr mit den Codes von Rasse, Religion und Herkunft spielen, ohne gleich des Rassismus verdächtigt zu werden, man kann Sexualität und Erotik nicht mehr darstellen, ohne die Moral der Selbstgerechten auf den Plan zu rufen. Das ist intellektueller Totalitarismus!“

„Intellektueller Totalitarismus“ gefällt mir, den Begriff muss ich mir merken …

In die selbe Kerbe schlägt Osmans Mentorin Corsini, die sagt: „Ein Mann, der auf einem Kunstwerk sitzt – das mag ungeschickt sein, aber es handelt sich doch um Kunst, und Kunst ist von Natur aus provokativ und verstörend. (S.285)

Tuil lässt Nebenfiguren wie Aline, die an dieser Stelle nicht weiter interessieren soll, Dinge sagen wie: „Wir leben doch in einer Demokratie, oder nicht? Man kann ja wohl sagen, dass die Juden unangreifbar sind, deshalb ist man noch lange kein Antisemit.“ (S.230) und Osmans Frau, selbst mit „afrikanischen Wurzeln“ äußert sich zur Opferrolle: „Du siehst überall nur Herbwürdigung durch die Weißen. Vielleicht solltest du deinen Horizont mal etwas weiten. (…) Du hast dir eine Bemerkung anhören müssen, weil du scharz bist – ich höre den ganzen Tag sexistische Kommentaren und stelle mich trotzdem nicht als Opfer dar.“ (S.234)

Mittels dieser Textbeispiele soll verdeutlicht werden, dass Karine Tuil ihre Figuren durchaus diskutable Dinge sagen und durchaus provokante Sichtweisen vertreten lässt. Aber das ist einer der Gründe, die diesen Roman so spannend machen. Weil es zum Denken anregt, dazu den eigenen Standpunkt zu überprüfen. Und das alles gelingt der Autorin ohne eine oberlehrerinnenhafte Pose einzunehmen oder sich gar angreifbar zu machen, denn sie lässt ja schließlich nur ihre Figuren interagieren, und was kann eine Autorin schon dafür, was ihre Figuren sagen!? :-)

Eben diese Figuren treffen dann im späteren Verlauf aufeinder, Dramatik, Spannung und Tempo nehmen zu und lassen den Roman sicherlich auch für Leserinnen und Leser, die mit der eigentlichen Thematik nichts anfangen können, zu einem mehr als zufriedenstellenden Erlebnis werden.

Stilistisch kann man Karine Tuil ebenfalls keine Vorwürfe machen. Nach einem ersten Kapitel von etwa 13 Seiten, das in Präsentation und Wirkung an die ersten Minuten des Films „Der Soldat James Ryan“ erinnert, und in dem Tuil unablässig Sätze auf die Leserschaft abfeuert, in denen die Schrecken des Krieges und die Erfahrungen, mit denen die Soldaten in Afghanistan und anderswo konfrontiert werden und die man sich als pazifistischer Heimatfrontler nicht mal vorstellen kann, ist man fast schon froh, dass es danach in erzählerisch ruhigeres Fahrwasser geht, das hohe Niveau an sich hält aber an, die Autorin erzählt durchgehend lebhaft, realitätsnah, insbesondere was die Dialoge angeht, und temporeich.

In Summe ergibt sich das Bild eines Romans, den man – ganz einfach und knapp gesagt – tatsächlich mal gelesen haben sollte!

Wertung:

Handlung: 9 von 10 Punkten

Charaktere 9,5 von 10 Punkten

Stil: 9 von 10 Punkten

Atmosphäre: 9 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 9,125 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Asymmetrie“ von Lisa Halliday.

„Liebe machen“ von Moses Wolff

Buch: „Liebe machen“

Autor: Moses Wolff

Verlag: Piper

Ausgabe: Taschenbuch, 286 Seiten

Der Autor: Moses Wolff, geboren 1969, ist Autor, Schauspieler und Komiker. Er schreibt regelmäßig für das Satiremagazin „Titanic“ und ist Mitveranstalter der erfolgreichen Münchner Lesebühne „Schwabinger Schaumschläger Show“. 2015 erhielt er den Schwabinger Kunstpreis. Gemeinsam mit Arnd Schimkat hat er den mit Christoph Maria Herbst in der Hauptrolle verfilmten Romans „Highway to Hellas“ verfasst. Moses Wolff wohnt in der Münchner Isarvorstadt. (Quelle: Piper)

Das Buch: Als die zwanzigjährige Dagmar in einer lauen Kölner Nacht im März 1970 aus dem Schlaf hochschreckt, ahnt sie nicht, dass in Hamburg ein junger Mann, Götz, ebenfalls wach liegt und denselben Traum träumt wie sie. Und vor allem ahnen weder Dagmar noch Götz, dass das Schicksal sie füreinander bestimmt hat … Noch im selben Jahr werden sie sich auf dem Oktoberfest begegnen, sich verlieben – und dann für lange Zeit aus den Augen zu verlieren, ohne zu wissen, wie nah sie sich eigentlich die ganzen Jahre über sind. (Quelle: Piper)

Fazit: Kennt ihr noch Prilblumen? Viele werden jetzt wissend nicken, weil sie entweder zu der Generation gehören, die selbst einstmals ihre Kinderzimmer, ihre Zimmertüren, Schränke, und eigentlich alles, was eine glatte Oberfläche hatte, mit diesen Teilen „verschönert“ haben oder aber zu deren Elterngeneration, die irgendwann später versucht haben, diese Aufkleber wieder von den eben genannten Gegenständen zu entfernen. Allerdings konnte man die Kleberückstände dieser Dinger von den Oberflächen leider schwerer entfernen als Andi Scheuer von seinem Ministerposten, weil dieses Zeug besser hielt, als modernster Zweikomponenten-Idiotenkleber der NASA …

Und Prilblumen – zusammen mit alten ARAL-Aufklebern auf einem Kofferradio – sind es auch, die das Cover von Moses Wolffs Roman „Liebe machen“ zieren. Der Kenner weiß anhand dieser Kombination: Es muss um die 70er gehen. Und das tut es auch.

Nun habe ich als 77er-Baujahr zugegebenermaßen eher so rudimentäre Erinnerungen an diese Zeit. Vielleicht wollte mein Hirn mich aber auch nur vor Schaden bewahren, denn bei „D.I.S.C.O.“ – halt, das war 1980 … – na, sagen wir stattdessen, bei allem von Boney M. setzt bei mir nach wie vor der natürliche Fluchtreflex ein, Demis Roussos sang immer irgendwie so, dass er mir leidtat und Tony Marshall habe ich noch nie begriffen.

Nee, irgendwie würde ich naturgemäß eher die späten 80er sowie natürlich die 90er als „mein Jahrzehnt“ bezeichnen. Da gabs auch Beispiele aus dem musikalischen Gruselkabinett, keine Frage, aber darum soll es ja jetzt nicht gehen, sondern eben darum, dass Moses Wolff mit seinem Roman angetreten ist, um meine Meinung über ein Jahrzehnt, das aus meiner Sicht in erster Linie durch musikalische Totalausfälle auffiel, zu revidieren, was ihm auf äußert charmante Art gelungen ist.

Zu Beginn des Romans lernen wir die Protagonisten Dagmar und Götz kennen, die in Köln bzw. Hamburg leben. Beide sind in Beziehungen, beide aber darin mehr oder weniger unzufrieden. Und so verwundert es nicht, dass sie sofort Feuer und Flamme sind, als sie sich 1970 auf dem Oktoberfest begegnen. Wobei „begegnen“ etwas hochgegriffen ist, sagen wie lieber, sie sehen sich. Nur um sich danach sofort wieder aus den Augen zu verlieren. Aber dieser flüchtige Moment hat Spuren hinterlassen, sodass beide den Versuch unternehmen, sich wiederzusehen.

Vorrangig beschäftigt sich Moses Wolff in seinem Roman also tatsächlich mit der Liebe. Dahinter steht allerdings ein Streifzug durch die deutsche Geschichte der letzten 50 Jahre. So widmet sich der Autor anfangs detailliert dem letzten Konzert von Jimi Hendrix auf Fehmarn, während in späteren Kapiteln beispielsweise die Anfänge der „Love Parade“ geschildert werden. Und immer wieder der Kölner Karneval und das Münchner Oktoberfest.

Und obwohl ich als Norddeutscher das Verkleiden und extensive Werfen von Süßwaren ebenso verzichtbar finde wie hunderttausendfache Druckbetankung in lokaler Tracht unter dem Deckmantel der kulturellen Tradition und ich mit der Musik von Jimi Hendrix ebenfalls wenig anfangen kann, weil er gelegentlich so klingt, als würde er ums Verrecken die Gitarre nicht auskriegen, gelingt Moses Wolff das Kunsstück, dass ich das Buch nicht entnervt weglege und „Nicht mein Thema!“ behaupte, sondern dass ich dranbleibe. Einerseits, weil ich wissen will, wie es sich mit Dagmar und Götz entwickelt, aber eben auch, weil ich wahnsinnig viel Wissenswertes aus der Zeit erfahre, was ich vorher noch nicht wusste.

Wolffs Figurenensemble ist dabei quantitativ überschaubar. Im Fokus stehen ganz klar die beiden Hauptfiguren. Und diese überzeugen vollumfänglich. Der unstete Freigeist Götz, der immer etwas Neues sehen, immer etwas Neues erleben möchte, ist genau so treffend gezeichnet wie die etwas zurückhaltende aber auch aufgeschlossene Dagmar. Im Hinblick auf die Nebenfiguren ist hier in erster Linie Dagmars zweiter Freund Hartmut zu erwähnen, der wahnsinnig verkrampft wirkt und sehr verklausuliert spricht und daher solche Dinge von sich gibt wie: „Ich würde vorschlagen, dass wir unsere gemeinsamen Empfindungen bündeln, indem wir uns körperlichen Dingen zuwenden. Ich möchte nun gerne ausgiebig Liebe mit dir machen.“ (S. 131) Herrlich! Großartiger Typ! :-) Heute würde man das kürzer formulieren. :-)

Stilistisch kann man Moses Wolff nichts vorwerfen, er schreibt launig und lebendig. Lediglich der Aufbau des Romans gibt Anlass zur Diskussion. Denn während der Autor sich den ersten Kapiteln bzw. den ersten Jahren der Handlung noch vergleichsweise detailliert widmet, und er in Jahresschritten vorgeht, werden diese Schritte im späteren Verlauf der Handlung immer größer und die behandelten Jahre immer kürzer abgehandelt. Nun mag das versinnbildlichen, dass für die Protagonisten die Zeit mit zunehmendem Alter auch immer schneller vergeht bzw. sie weniger davon zur Verfügung haben, dennoch hätte ich mir hier ein etwas ausgewogeneres Verhältnis gewünscht. Auch wenn ich mir natürlich der Tatsache bewusst bin, dass in erster Linie die 70er behandelt werden sollten und der Roman, hätte man sich auch den späteren Jahren der Handlung so detailliert zugewendet wie den früheren, in etwa den Umfang von Tolstois „Krieg und Frieden“ gehabt hätte.

Geblieben ist ein sehr charmanter Streifzug durch die Geschichte, ein vergleichsweise leichtes, aber an keiner Stelle seichtes Sommerbuch, das ich allen Prilblumenzeitgenossen wärmstens empfehlen kann. Selbst wenn sie Boney M. mögen.

Wertung:

Handlung: 8,5 von 10 Punkten

Stil: 8,5 von 10 Punkten

Charaktere: 8,5 von 10 Punkten

Atmosphäre: 10 von 10 Punkten. Und es wären 11, wenn es 11 gäbe.

Gesamtwertung: 8,875 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: Zu oben genanntem Buch möchte ich übrigens noch anfügen, dass ich die darin enthaltene Verunglimpfung norddeutschen Bieres, namentlich „Astra“ und „Holsten“, niemals nicht so stehen lassen kann, während augenscheinlich das süddeutsche Bier – ausgeschenkt in, euphemistisch genannt, „Maßkrügen“, die angesicht ihrer Litergröße doch eigentlich auch nicht anderes sind als Mallorca-Sangria-Eimer aus Glas – dagegen jedoch als göttliches Mana dargestellt wird. „Astra“ ist eine norddeutsche über 100 Jahre alte Institution und mitnichten das „Lebenselixier der Gescheiterten“ wie es auf Seite 114 heißt, und Holsten, tja, wie wir alle wissen: Holsten knallt am dollsten! Das musste mal gesagt werden. ;-) Was die nächste Rezension angeht: Keinen Schimmer.

In eigener Sache

Hallo, liebe Leserinnen und Leser,

in jüngerer Vergangenheit – damit meine ich so etwa zwei Wochen – ist es hier vergleichsweise ruhig geworden. Ich musste nachdenken. Und zwar darüber, wie es hier so weitergeht. Und bevor jetzt die einen Schnappatmung der Enttäuschung kriegen und die anderen Sektkorken vor Freude knallen lassen: Keine Sorge, es geht weiter. Nur anders.

Anders in der Form, dass ich mir meinen heißgeliebten Reisswolfblog zukünftig tatsächlich ausschließlich für Buchrezensionen jeglicher Art vorbehalten werde. Damit aber ebenso liebgewordene Dinge wie die abc.Etüden oder die Freitagsfragen nicht ganz auf der Strecke bleiben, blieb eigentlich nur die einzig logische Lösung, für diese und weitere Texte, die ich in Zukunft in unweigerlich folgenden Anfällen der Logorrhö auf meine Mitmenschen loslassen werde, einen Zweitblog zu eröffnen.

Und daher präsentiere ich hiermit mit allem gebührenden Stolz meinen neuen Blog

Modern Wolfare

Da ich meinen neuen Blog zukünftig sicherlich das eine oder andere Mal für meine persönliche Art der modernen, literarischen Kriegsführung nutzen werde, erschien mir dieses dämliche Wortspiel, für das ich, nur so nebenbei bemerkt, unfassbar lange gebraucht habe und dementsprechend stolz drauf bin, nur zu logisch. :-)

Ich würde mich also freuen, wenn die eine oder der andere der mir hier folgenden Leserinnen und Leser gelegentlich auch dort einen Blick hineinwerfen würden.

Hier geht es dann in den nächsten Tagen – und von da an bis in alle Ewigkeit – mit den nächsten Rezensionen weiter.

Gehabt euch wohl!