Freitagsfragen

Hallo, werte Leserinnen und Leser,

da ich gelegentlich auch ein Faible für Blogstöckchen habe, in letzter Zeit aber eher selten damit beworfen werde, kam mir eine Aktion im Brüllmausblog sehr gelegen. Dort werden nämlich gerade die „Freitagsfragen“ ins Leben gerufen. Von Zeit zu Zeit werden im Rahmen dieser Aktion drei bis fünf Fragen gestellt, die jede/r die/der möchte, beantworten kann. Auch abseits dieser Aktion lohnt sich übrigens ein Blick in den Brüllmausblog, schaut also mal rein. 😉

Nun, da ich also einerseits gelegentlich gerne Blogstöckchen-Fragen beantworte und andererseits gerade erschreckenderweise Zeit habe, schreite ich also nunmehr zur Beantwortung folgender Fragen:

  1. Was war Dein erster Gedanke, als Du heute Morgen aufgewacht bist?
  2. Welches Talent hättest Du gern?
  3. Montag = Waschtag, Freitag = Fischtag, Sonntag = Ruhetag. Früher hatten die Wochentage besondere Funktionen. Was wäre für Dich ein gutes Ritual an einem festen Tag?

Antwort zu 1:

Mein erster Gedanke? Ganz ehrlich? Nun gut, mein erster Gedanke heute morgen war: „Ach, Schei**!“. Würde ich eine statistische Erhebung meiner ersten Gedanken nach dem Aufwachen durchführen, dann würde „Ach, Sche**“ übrigens aller Voraussicht nach uneinholbar den ersten Platz belegen, gefolgt von „Och, nööö“ und „Verdammt“. Das liegt in erster Linie daran, dass ich generell keine Tage mag, die mit dem Aufstehen anfangen und ich insgesamt überhaupt kein Morgenmensch bin. Gute Laune am frühen Morgen ist mir generell suspekt! Wer mich innerhalb der ersten Stunde nach dem Aufwachen etwas fragt, darf sich nicht wundern, wenn er zwar Zeuge eines Antwortversuchs wird, dieser aber eher grob bis unfreundlich ausfällt. So erinnere ich mich beispielsweise, nach einer Feier und nur wenigen Stunden Schlaf morgens gegen 5 Uhr mit einem fröhlich geträllerten „Guten Morgeeeen!“ konfrontiert worden zu sein, welches ich reflexartig mit „Ach, Du mich auch!“ beantwortete. Nein, ich bin wirklich kein Morgenmensch…

Antwort zu 2:

Tja, welches Talent hätte ich gerne? Nun einerseits würde ich gerne schreiben können. Was sich jetzt seltsam liest, schließlich tue ich selbiges ja gerade.  Aber ich meine eher das kreative Schreiben. Nicht, dass ich mir nicht zutrauen würde, etwas aufs Papier zu bringen. Und sei es auch nur virtuell. Also, das Papier. Leider aber scheitert es bei mir bereits an der Ideenfindung. Und ich schätze, die Gabe, sich spannende Plots – ich meine natürlich Handlungen, Handlungen meine ich ! – auszudenken und niederzuschreiben, die hat man oder man hat sie nicht. Ich jedenfalls habe sie nicht. Schade eigentlich.

Und andererseits würde ich gerne singen können. Ein nicht unerheblicher Teil der deutschen Autofahrer singt im Auto. Ich bin übrigens einer davon. Wenn Euch also in Zukunft jemand entgegenkommt, der während der Fahrt augenscheinlich gerade lauthals „Mr. Jones“ von den „Counting Crows“ schmettert – das könnte ich sein! Tragischerweise führte die regelmäßige Ausübung dieses mangelnden Talents bislang nicht dazu, qualitative Fortschritte in dieser Hinsicht zu machen, weswegen ich besagte Ausübung – zum Wohle meiner Mitmenschen – weiterhin ausschließlich auf das Auto beschränke.

Antwort zu 3:

Eigentlich habe ich bereits ein Ritual an einem festen Tag, nämlich die Fußball-Bundesliga am Samstag. Oder am Sonntag. Oder auch am Freitag. Manchmal auch am Dienstag oder Mittwoch, wenn es eine „englische Woche“ ist. Je nachdem, wann Werder spielt eben.

Ansonsten glaube ich nicht, dass ein besonderes Ritual an einem bestimmten Tag sonderlich gut für mein Seelenheil wäre. Und zwar aus dem einfachen Grund, dass ich fürchterlichst unspontan bin. Und wenn ich mir etwas fest vornehme, dann kann ich es überhaupt nicht leiden, wenn mir etwas dazwischenkommt. Wenn ich also fest vorhabe, abends einfach nur Buch XY zu lesen und man mich dann anruft, um mich zu fragen: „Ich bin gerade in der Gegend, hast Du kurz Zeit?“, dann kann es sein, dass ich ähnlich freundlich reagiere wie an einem Montag Morgen kurz nach dem Aufstehen. Besser wäre da schon die Frage: „Ich bin morgen in der Gegend, hast Du kurz Zeit“. Oder noch besser: „Ich bin nächsten Dienstag in der Gegend, hast Du kurz Zeit?“

Wenn ich die Woche also strikt durchplanen würde und mir vornehme bestimmte Tätigkeiten an bestimmten Tagen zu erledigen, und diese Planung dann regelmäßig durch die Konfrontation mit der Realität scheitert, dann würde das wahrscheinlich mittelfristig dazu führen, dass ich frustbedingt plündernd und brandschatzend durch Norddeutschlands Innenstädte ziehe. Und das kann ja nun niemand wollen!

Nun denn, das soll es an dieser Stelle gewesen sein. Falls Euch danach ist, die „Freitagsfragen“ ebenfalls zu beantworten: Nur zu!

Gehabt Euch wohl!

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„Auerhaus“ von Bov Bjerg – Wohldosierte Nostalgie

Buch: „Auerhaus“

Autor: Bov Bjerg

Verlag: atb

Ausgabe: Taschenbuch, 236 Seiten

Der Autor: Bov Bjerg ist ein 1965 in Heiningen geborener deutscher Schriftsteller und Kabarettist. Bjerg studierte Politik- und Literaturwissenschaften sowie Linguistik in Berlin, Amsterdam und Leipzig.

1989 war er Mitgründer der Literaturzeitschrift Salbader. Darüber hinaus war er Initiator mehrerer Berliner Lesebühnen, darunter Dr. Seltsams Frühschoppen und Mittwochsfazit.

Bjerg veröffentlichte bislang zwei Romane, sowie die Geschichtensammlung „Die Modernisierung meiner Mutter“ und mehrere Tonträger. Für sein kabarettistisches und literarisches Schaffen wurde der Autor mehrfach ausgezeichnet, so erhielt er unter anderem im Jahre 2002 den Deutschen Kabarettpreis sowie  – ich zitiere – bereits 1975 eine „Lobende Erwähnung beim Lego-Wettbewerb der Kreissparkasse Göppingen“.

Das Buch: Deutschland, irgendwo in der Gegend um Stuttgart, Mitte bis Ende der 80er-Jahre. Der junge Höppner besucht die Oberstufe am Gymnasium und bereitet sich auf das Abitur vor. Vor allem auf die Zeit danach. Immer an seiner Seite: Sein bester Freund Frieder, der eigentlich irgendwie schon immer da war.

Dann jedoch unternimmt Frieder einen Selbstmordversuch. Er überlebt und muss einen Klinikaufenthalt über sich ergehen lassen. Dort rät man ihm, nach Ende des Aufenthaltes nicht wieder zu seinen Eltern zurückzuziehen. Eine Alternative ist schnell gefunden: Frieder zieht in das leerstehende Haus seines verstorbenen Großvaters ein. Und das tut er nicht allein, denn Höppner kommt mit. Der wiederum möchte seine Freundin Vera mitnehmen. Da die nicht allein zu den Jungen ziehen darf, zieht auch Cäcilie mit ein. Später komplettieren der homosexuelle Elektriker und Dealer Harry und die pyromanisch veranlagte Pauline die WG. Kurz darauf bekommt ihr neues Domizil von den Nachbarn den Namen „Auerhaus“, da sich die jungen Leute permanent mit „Our house“ von „Madness“ beschallen.

Anfangs in beständiger Sorge um Frieder, lebt das skurrile Sextett schließlich exzessiv gegen das Erwachsenwerden und einen Lebenslauf nach dem Schema „birth, school, work, death“ an – wohlwissend, dass das „Auerhaus“, in dem sie leben, nur eine Übergangsstation sein kann.

Fazit: Bei Erscheinen wurde „Auerhaus“ allenthalben landauf, landab gefeiert. Und zwar vollkommen zu Recht, wie ich finde!

Das beginnt schon mit der skurrilen Sechsergruppe, die Bjerg da geschaffen hat. Höppner, den der Autor als Erzähler der Ereignisse agieren lässt, arbeitet neben der Schule in einem Geflügelzuchtbetrieb und hat eigentlich, neben Frieder, nur zwei Sorgen: Wie soll er durchs Abi kommen und, vor allem, wie umgeht er den Wehrdienst!? Sowohl dem Abi als auch dem Wehrdienst steht nämlich Höppners Einstellung entgegen. „Ich konnte mich nicht entscheiden, auf welches Prüfungsfach ich zuerst nicht lernen sollte.“ (S. 138) Und mit der Bundeswehr bzw. dem Gebrauch eines Gewehrs hätte er ja eigentlich keine Probleme – nur eben nicht auf Befehl!

Frieder, um den sich die Geschehnisse in „Auerhaus“ eigentlich drehen, ist ein einerseits sehr intelligenter, andererseits sehr introvertierter Charakter. Die hinsichtlich seines Selbstmordversuchs von Höppner gestellte Frage nach dem „warum“ beantwortet er nie zufriedenstellend und lässt sich höchstens zu der Aussage hinreißen: „Ich wollte mich nicht umbringen. Ich wollte bloß nicht mehr leben. Ich glaube, das ist ein Unterschied.“ (S. 65)

Hinsichtlich der Charaktere ist vor allem interessant, was man gerade nicht über sie erfährt. Und damit sind wir gleich beim Stil angelangt, in dem „Auerhaus“ geschrieben ist. Denn Bov Bjerg ist ein Meister der Auslassungen. Vieles – zum Beispiel über Höppners Familienverhältnisse – erfährt man nur in Nebensätzen oder Andeutungen. Es wird zwar deutlich gesagt, dass seine Mutter mit einem neuen Freund zusammenlebt, mit dem Höppner nicht gut auskommt, und dass sie sich im Einzelhandel kaputt schuftet. Was mit Höppners Vater passiert ist, sowie die Tatsache, dass es da auch mal einen Bruder gegeben haben muss, das muss man als Leser erahnen, erlesen, schlussfolgern.

Diese Auslassungen kann man auch auf andere Charaktere, inbesondere Frieder, übertragen. Ich persönlich fand die Art des Erzählens ganz hervorragend und bin sicher, bei einem erneuten Durchlesen von „Auerhaus“ würden mir weitere Details auffallen.

Wie erwähnt, tritt Höppner als Erzähler der Begebenheiten in Erscheinung. Und er bedient sich dabei nicht gerade eines elaborierten Codes. Man kann das bemängeln, schließlich handelt es sich bei ihm ja um einen angehenden Abiturienten, der sich sprachlich vielleicht gewählter ausdrücken könnte. Aber Höppner schreibt ja keinen Aufsatz, er erzählt. Und da bedient man sich eben schon mal, je nach Umfeld und Anlass, einer gewissen Umgangssprache. Mir persönlich hat auch das gut gefallen.

Womit wir bei der Handlung wären. Bjerg gibt dem Leser anhand einzelner Erlebnisse einen Überblick über das Zusammenleben der WG kurz vor und nach deren Abitur. Da reihen sich Episoden über eine Art Diebstahl-Training, welche mich mit dem Kopf schütteln ließ oder auch über eine sehr skurril verlaufende Musterung, welche mich laut auflachen ließ – was mir beim Lesen ansonsten höchst selten passiert – aneinander.

Das Ganze umfasst ein übergeordneter Handlungsbogen, über den ich mich wegen der latenten Spoilergefahr jetzt aber ausschweigen muss. Aus genau diesem Grund habe ich auch auf weitere Einlassungen bezüglich der oben erwähnten Auslassungen verzichtet und kann leider auch nicht auf einen oder zwei weitere Kritikpunkte eingehen, die ich in anderen Rezensionen gelesen habe.

Kurz gesagt: Ein Buch, das derartig gut konstruiert ist und durch seine Art zu erzählen eine so hohe Spoilergefahr hat, muss man eigentlich selbst lesen!

Wertung:

Handlung: 8,5 von 10 Punkten

Charaktere: 9 von 10 Punkten

Stil: 9,5 von 10 Punkten

Atmosphäre: 10 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 9,25 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: Entweder „Nullnummer“ von Umberto Eco oder „Das Geheimnis des Poeten“ von Guido Dieckmann. Bevor ich mich aber mit einem der beiden Bücher auseinandersetze, klopfe ich mir jetzt nochmal kurz wegen der Formulierung mit den Ein- und Auslassungen auf die Schulter. 🙂

„Die Grausamen“ von John Katzenbach – Genre-Ausflug

Buch: „Die Grausamen“

Autor: John Katzenbach

Verlag: Droemer

Ausgabe: Broschiert, 570 Seiten

Der Autor: John Katzenbach, geboren 1950 in Princeton, New Jersey, ist ein amerikanischer Thriller-Autor. Er ist der Sohn einer Psychoanalytikerin und eines früheren US-Justizministers und war vor seiner Autorentätigkeit Gerichtsreporter für zwei amerikanische Zeitungen.

Bereits mit seinem Debüt „Das mörderische Paradies“ konnte er große Erfolge verbuchen und wurde für den „Edgar Award“ nominiert. Auch viele seiner nachfolgenden Werke, beispielsweise „Die Anstalt“ oder „Der Patient“ wurden zu Bestsellern. Insgesamt hat Katzenbach bislang 12 Romane veröffentlicht.

Er lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Amherst, Massachusetts.

Das Buch: Die dreizehn Jahre alte Tessa verschwindet auf dem Nachauseweg von einer Freundin spurlos. Die Ermittlungen beginnen sofort, bleiben aber erfolglos. Tessa wird nie gefunden, Die Familie zerbricht daran.

20 Jahre später: Gabriel „Gabe“ Dickinson und Marta Rodriguez-Johnson sind zwei Detectives, die am Tiefpunkt ihrer Karriere angekommen sind. Gabes Ehefrau hat sich von ihm getrennt, nachdem ihr Bruder bei einem Unfall während eines Bootsausflugs mit Gabe zu Tode kam.

Gabe Dickinson gibt sich dem Alkohol hin, was sich im Laufe der Zeit auch unweigerlich auf seinen Job auswirkt.

Marta Rodriguez-Johnson wiederum hat während eines gemeinsamen Einsatzes im Drogenmilieu unabsichtlich ihren Partner erschossen. Ihre Kollegen stehen ihr nun abweisend und misstrauisch gegenüber.

Da die beiden Detectives in ihren bisherigen Tätigkeitsbereichen nicht mehr tragbar sind, lassen sich ihre Vorgesetzten etwas ganz Besonderes einfallen: Gabe und Marta bilden jetzt zusammen eine neue Abteilung und sind für „cold cases“ zuständig, also für in der Vergangenheit nicht aufgeklärte Verbrechen. Zusammen mit unzähligen Aktenordnern werden die beiden in einen entlegenen Winkel des Dezernats abgeschoben.

Und nach einiger Eingewöhungszeit stoßen die beiden Detectives in den alten Akten tatsächlich auf neue Spuren, die auch mit der verschwundenen Tessa in Verbindung gebracht werden können. Damit begeben sie sich allerdings in tödliche Gefahr. Offensichtlich möchte jemand, dass Gabe und Marta die Vergangenheit ruhen lassen.

Fazit: Dass die Hannoversche Allgemeine Zeitung auf der Rückseite des Buches urteilt, Katzenbach sei „einer der fesselndsten Autoren, die die Krimibranche derzeit zu bieten hat“, fand ich spontan ein wenig putzig. Denn ich wäre nicht unbedingt auf die Idee gekommen, Katzenbach und seine Bücher dem Krimigenre zuzuordnen. Thriller, Psychothriller, bisweilen Gerichtsthriller à la Grisham, ja, aber Krimis!?

Nun, aber mit „Die Grausamen“ hat sich Katzenbach schließlich ja tatsächlich dem Krimi zugewandt, also stimmt die Einschätzung der HAZ ja auch irgendwie wieder. Denn mit seinem neuen Buch tritt der Autor den Beweis an, dass er auch über Genregrenzen hinweg gute Bücher schreiben kann.

Bei „Die Grausamen“ handelt es sich um einen lupenreinen Ermittler-Krimi. Für mich persönlich ist es in solchen Büchern wichtig, Protagonisten zu haben, die mir wenigstens im weitesten Sinne sympathisch sind. Während ich in Büchern vieler skandinavischer Krimi-Autoren – was ich weiterhin als Zufall einstufe – sehr häufig Probleme mit den dortigen manchmal recht verschrobenen Ermittlern habe, so ist das hier glücklicherweise anders.

Gabe und Marta haben beide unterschiedliche Schicksalsschläge zu verkraften und gehen auch unterschiedlich damit um. Während sich Gabe nach dem Alkohol nun auch ausgiebigem Selbtmitleid hingibt, erscheint mir Marta in dieser Hinsicht gefestigter. Letztlich eint beide ihre berufliche Situation, in der sie schlicht und einfach gezwungen sind, halbwegs gut miteinander auszukommen. Und das klappt im Laufe der Handlung auch immer besser. Segenswerterweise verzichtet Katzenbach auf jeglichen pathetischen „best-friends-forever“-Schmonsens, dem man in diesem Genre manchmal begegnet: Gabe und Marta sind Kollegen, die gut zusammenarbeiten, sich mögen und respektieren. Nicht weniger, aber auch nicht mehr.

Im Zuge der Handlung sind die beiden Ermittler genretypisch viel unterwegs, um Gespräche mit damaligen Zeugen, Angehörigen oder Verdächtigen zu führen. Auf diese Weise erhält der Leser Stück für Stück immer weitere Puzzleteile, um diese schließlich zu einem Gesamtbild hinsichtlich der Geschehnisse um Tessa zusammenzusetzen. Das klingt vielleicht trocken, ist es aber nicht. Auch weil der Autor von Zeit zu Zeit wohldosiert an der Action-Schraube dreht, etwa wenn sich die Ermittler durch ihre Nachforschungen wiederholt in Gefahr bringen.

Wenn ich schon an den Protagonisten und der Handlung nichts zu bemängeln habe, dann muss das doch wenigstens auf den Stil zutreffen!? Tja, also, nein, eigentlich nicht. Katzenbach bedient sich eines Stils, den man so oder ähnlich in einem solchen Krimi erwartet: Unkompliziert und angenehm zu lesen. Besonders die Dialoge haben mir ziemlich gut gefallen.

Wer also sowieso die Bücher von John Katzenbach mag, auch wer sich allgemein für Ermittlerkrimis begeistern kann oder wer gerne Bücher liest, die es dem Leser ermöglichen, sich seine eigenen Gedanken zu machen und seine eigenen Schlüsse zu ziehen, der macht mit „Die Grausamen“ nichts verkehrt.

Wertung:

Handlung: 9 von 10 Punkten

Charaktere: 8 von 10 Punkten

Stil: 8 von 10 Punkten

Spannung: 8,5 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 8,375 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Auerhaus“ von Bov Bjerg.

Die Sparschwein-Challenge – Ein kurzer Überblick

Zu Beginn des Jahres, dessen erstes Quartal seltsamerweise schon wieder um ist, habe ich mich begeistert zur Teilnahme an der Sparschwein-Challenge bereit erklärt, auf die ich bei Tirilu aufmerksam geworden bin.

Das recht überschaubare Regelwerk besagt eigentlich nur, dass für jedes gelesene Buch im Jahr 2017 Geld in ein Sparschwein wandert, und zwar in unterschiedlichen Abstufungen, je nach Aufenthaltsdauer beim Leser. Sprich: Ein Buch welches sich weniger als zwei Monate in meinem Besitz befindet, schlägt mit einem Euro zu Buche. Bücher, die sich schon länger als zwei Monate auf meinen SuB (Plural) tummeln, bringen zwei Euro für das Schwein. Und Bücher, die schon seit mindestens zwei Jahren herumliegen, ohne gelesen worden zu sein, sind drei Euro wert. Mit der erlesenen Summe – in diesem Zusammenhang bekommt „erlesen“ eine völlig neue Bedeutung – kann dann am Jahresende nach Gutdünken verfahren werden.

Meine übliche Verhaltensweise wäre jetzt, an dieser Challenge teilzunehmen und irgendwann gegen Jahresende völlig überrascht festzustellen, dass ich nicht die geringste Ahnung habe, ob der Geldbetrag im Sparschwein – oder in meinem Fall: in der Spar-Eule, was ich, vor dem Hintergrund, dass die Eule allgemein als Vogel der Weisheit betrachtet wird, für eine Aktion, die mit Büchern zu tun hat, unfassbar passend finde -, ob also der Geldbetrag in meiner Spar-Eule auch dem entspricht, den ich mir im Laufe des Jahres tatsächlich erlesen habe.

Im Normalfall würde das dann zu einem komplizierten und zeitintensiven Prüfungsprozedere am Jahresende führen, in dessen Verlauf ich mich permanent fragen würde, warum ich das nicht eher überprüft habe und was ich mir so ganz generell überhaupt dabei gedacht habe. Um dem entgegenzuwirken, gibt es jetzt, aus ganz egoistischen Motiven, einen kurzen Zwischenstand.

Januar 2017:

„Gefrorener Schrei“ – Tana French – 653 Seiten – 1 Euro

„Finderlohn“ – Stephen King – 556 Seiten – 1 Euro

„Die Blausteinkriege I“ – T. S. Orgel – 606 Seiten – 1 Euro

Februar 2017:

„Die Suche“ – Nick Louth – 408 Seiten – 2 Euro

„Tiefe Narbe“ – Arno Strobel – 364 Seiten – 1 Euro

„Wohin der Wind uns weht“ – Joao Ricardo Pedro – 229 Seiten – 1 Euro

März 2017:

„Der Finne“ – Taavi Soininvaara – 498 Seiten – 1 Euro

„Butcher´s Crossing“ – John Williams – 365 Seiten – 2 Euro

„Good as Gone“ – Amy Gentry – 317 Seiten – 1 Euro

„Die Glücklichen“ – Kritine Bilkau – 301 Seiten – 1 Euro

„Das Buch der Spiegel“ – E. O. Chirovici – 382 Seiten – 1 Euro

„Untreue“ – Paulo Coelho – 315 Seiten – 2 Euro

Somit müssten sich also bislang 15 Euro in meiner Spar-Eule befinden. Das wird bei nächster Gelegenheit überprüft.

Eigentlich, das gebe ich zu, hätte ich mit mehr gerechnet. Dem steht aber offensichtlich entgegen, dass ich in letzter Zeit vermehrt Bücher gar nicht erst lange herumliegen lassen habe. Das wiederum ist nicht so wirklich gut für den Abbau meiner SuB. Und auch eine andere Entwicklung steht diesem Abbau entgegen: Die in jüngerer Vergangenheit gelesenen Bücher wurden im Laufe der Zeit anscheinend immer kürzer. Und auch diese Entwicklung ist nicht gut für meine SuB, erklärt aber deren Zusammensetzung, tummeln sich da doch vermehrt Bücher der Kategorie „Wälzer“. Und ich würde ja auch gerne den neuen Zafón mit über 900 Seiten oder auch „Natchez Burning“ oder „Der Distelfink“ lesen, mit deren jeweils über 1.000 Seiten, aber irgendwie scheint das bei mir gerade nicht im Trend zu liegen. 🙂

Aber hey, irgendwann habe ich ja Sommerurlaub. Und spätestens dann schlägt auch die Stunde dieser Wälzer.

Ich wünsche allseits noch ein schönes Bergfest und den Mitstreitern der Sparschwein-Challenge weiterhin gutes Gelingen.

Bis demnächst.

„Des Teufels Gebetbuch“ von Markus Heitz – Body Count´s in the house

Buch: „Des Teufels Gebetbuch“ (2017)

Autor: Markus Heitz

Verlag: Knaur

Ausgabe: Broschiert, 672 Seiten

Der Autor: Markus Heitz ist ein 1971 in Homburg/Saar geborener deutscher Schriftsteller. Nach seinem Abitur an einer katholischen Privatschule und dem anschließenden Wehrdienst, studierte Heitz Germanistik und Geschichte auf Magisterabschluss.

Nach seinem Studium war er als freier Journalist bei der Saarbrücker Zeitung tätig, bevor im Jahr 2002 sein erstes Buch „Die dunkle Zeit – Schatten über Ulldart 1“ erschien. Dafür erhielt Heitz den Deutschen Phantastik-Preis für das beste Romandebüt. Besagten Preis gewann er in verschiedensten Kategorien auch in den Jahren 2005 – 2007 sowie 2009 – 2012.

Seit seinem großen Erfolg mit seinem Buch „Die Zwerge“ ist Heitz ausschließlich als freier Autor tätig.

Das Buch: Tadeus Boch ist ein ehemaliger Profi-Kartenspieler. Nach einer Zeit voller Ruhm und Reichtum folgt der Absturz. Boch versinkt in einem Sumpf aus Alkohol und Drogen. Heute ist er stark verschuldet und arbeitet – ausgerechnet – beim Sicherheitsdienst eines Casinos in Baden-Baden.

Durch Zufall gerät er in den Besitz einer Spielkarte aus dem 18. Jahrhundert. Kurz darauf sieht er sich mit gefährlichen Gegners konfrontiert, die ebenfalls in den Besitz dieser Karte kommen wollen. An der Seite der Ärztin Hyun Poe, deren Ehemann bei einer Partie des Kartenspiels Supérior ums Leben kam, macht sich Boch auf, hinter das Geheimnis der Karte zu kommen. Wer hat sie erschaffen? Gibt es noch weitere? Und wie ist der dunkle Einfluss zu erklären, den sie auf Thadeus Boch ausübt?

Fazit: Wir schreiben das Jahr 1993. Israel und der Heilige Stuhl  beschließen die Aufnahme diplomatischer Beziehungen. Das Space Shuttle „Endeavour“ startet, um die erste Wartung des Hubble-Teleskops durchzuführen. Das deutsche Tennis-Team gewinnt durch Siege von Michael Stich und Marc-Kevin Goellner den Davis Cup gegen Australien. Und ich sitze mit ein paar Freunden im Kino, um mir den Film „Demolition Man“ mit Sylvester Stallone und Sandra Bullock anzusehen.

Jene Sandra Bullock hat für diesen Film übrigens eine Nominierung für die „Goldene Himbeere“ als schlechteste Nebendarstellerin erhalten. Diese Nominierung verstehe ich nach wie vor als Fehdehandschuh der dafür verantwortlichen, selbsternannten Verteidiger des guten Filmgeschmacks mir gegenüber. Selbigen retourniere ich allerdings mit Freuden, indem ich lapidar darauf hinweise bzw. der/dem geneigten Leser/in ins Gedächtnis rufe, dass im Jahr 1993 doch gaaanz andere Filme die Leinwände unsicher machten, die für eine solche „Auszeichnung“ vielleicht eher in Frage gekommen wären. So  erschien in diesem Jahr beispielsweise der CGI-Knaller „Carnosaur“, der Martial-Arts-Meilenstein „Best of the Best 2 – Der Unbesiegbare“ oder auch der Horror-Klassiker „Return of the Living Dead III“. Nur, einen Sly-Stallone-Film zu bashen, hat dem Komitee sicherlich mehr Vergnügen bereitet. Aber ich schweife ab…

Wir sitzen also im Kino, als jemand aus der Runde (wahrscheinlich in Erinnerung an diverse Rambo-Filme) auf die Idee kommt, man könne ja mal zählen, wie viele Gegner Sly Stallone nun diesmal in den folgenden 110 Minuten so beseitigt. Ja, eine möglicherweise seltsame Idee…

…die aber über 20 Jahre später tatsächlich doch noch einmal zur Anwedung kommt. Denn als mir nach den ersten Seiten von „Des Teufels Gebetbuch“ auffällt, dass bis dahin schon bemerkenswert viele Nebenfiguren – meist gänzlich ohne Sprechrolle – das Zeitliche gesegnet haben, fange ich eben auch wieder an, zu zählen. Das damalige Ergebnis ist so wie das aktuelle statistischen Ungenauigkeiten unterworfen. Im Kino u.a. verursacht durch Sandra Bullock, die mir, das gebe ich gerne zu, aufmerksames Zählen unmöglich machte. Im vorliegenden Buch verursacht durch akute und wiederholt auftretende Müdigkeitsattacken.

Der langen Rede kurzer Sinn: Heitz schafft es, auf gut 670 Seiten mindestens 85 seiner Haupt-, Neben- und sonstigen Figuren in die literarischen Jagdgründe zu schreiben. Und das ist ist auch gleichzeitig einer der größten Kritikpunkte meinerseits. Das ist einfach zu viel! Man hat das Gefühl, wann immer Heitz mit der Handlung nicht weiterwusste, mussten ein paar Nebencharaktere dran glauben. Dabei ist das Ganze noch nicht einmal mit sonderlich gewalttätigen Schilderungen verbunden, nein, aber nervt einfach nur, erfüllt es in den meisten Fällen doch noch nicht mal einen nachvollziehbaren Zweck. Das kann man machen, wenn sich Milla „Alice“ Jovovich in „Resident Evil“ durch Horden von Zombies ballert, hier allerdings wirkt das irgendwie albern.

Dabei hätte „Des Teufels Gebetbuch“ durchaus Potenzial gehabt, ein gutes Buch zu sein. Dass Heitz gute Bücher schreiben kann, ist hinlänglich erwiesen und auch sein neuestes Werk ist in einem für ihn typischen und sehr gefälligen Stil gehalten. Darüber hinaus ist das Thema ein erfrischend Unverbrauchtes, ich jedenfalls kann mich nicht daran erinnern, schon mal ein Buch über historische Spielkarten gelesen zu haben.

Aber die Handlung sowie die Charaktere haben die Lektüre von „Des Teufels Gebetbuch“ für mich zu einer sehr zähen Angelegenheit gemacht. Heitz gliedert die Handlung in zwei Teile bzw. Zeitstränge auf. In einem erfährt der Leser alles über die Entstehung der Karten in Leipzig im 18 Jahrhundert. Und hätte sich der Autor auf diesen Teil der Handlung beschränkt, wäre „Des Teufels Gebetbuch“ wahrscheinlich ein lesenswerter Historischer Roman aus dem Bereich „magischer Realismus“ á la Kai Meyer geworden. Aber da gibt es ja eben noch den zweiten in der Gegenwart spielenden Handlungsstrang. Und in dem wiederum dreht Heitz so häufig an der Action- und Gewalt-Schraube, dass es mich wirklich genervt hat.

Erschwerend hinzu kommen seine Charaktere. Ich gebe zu, ich hatte auch früher schon in regelmäßigen Abständen Schwierigkeiten mit den Charakteren des Autors, aber selten so massive wie hier. Ich möchte mich da mal auf die beiden Protagonisten beschränken. Hyun Poe ist Ärztin, koreanischer Abstammung, und (fast) eine Mudang. Also, eine Art koreanische Schamanin. Als solche hat sie auch geradezu übersinnliche Fähigkeiten. Darüber hinaus hat sie Modellmaße, beherrscht Kampfsport und handelt vollkommen rational, als sie vom Tod ihres Mannes hört, den sie nicht für einen Unfall hält, wie die offizielle Todesursache lautet. Sie handelt so, wie jede normale Frau es tun würde: Sie stürmt mit einer Wumme in die Spielhöhle des Löwen…

Während Hyun Poe nur zu ausgiebigem Stirnrunzeln Anlass gab, war bei Tadeus Boch jedoch ausgiebiges Ärgern angesagt. Boch entspricht eins-zu-eins den anderen unkaputtbaren Helden, die es in vielen seiner früheren Bücher schon so häufig gab. Da hilft es auch nichts, wenn der Autor regelmäßig auf Knie- oder sonstige Schmerzen seines Protagonisten hinweist. Im Zweifelsfall setzt sich Boch eben doch wieder auf eine Art durch, die den jungen Jackie Chan neidvoll erblassen ließe. Auch darüber hinaus ist Boch ein ganz harter Hund. Er trinkt dreifachen Espresso. Er schluckt Schmerzmittel wie ein Großer. Und wenn es was zu feiern gibt, greift er auch mal zum Bierchen. Als Charakter, dem man eine Suchtproblematik andichten möchte, ist das eine eher unübliche Handlungsweise, finde ich. Am allerschlimmsten finde ich noch, dass Boch eine Reihe verschiedener Sprachen fließend spricht. Und das, ohne zu wissen, warum eigentlich! Er schiebt es auf seine Zeit im Alkohol- und Drogenrausch, mehrere Jahre hat Boch mehr oder weniger vergessen. Aber dennoch muss er diese Sprachen ja in dieser Zeit irgendwie gelernt haben. Heitz hatte über 670 Seiten die Gelegenheit, mir zu sagen, was dahinter steckt. Er hat es nicht getan. Ich jedenfalls kann mir nicht vorstellen, dass Boch über einige Jahre dauernd hackedicht am PC vor babbel.com gesessen hat. Aber vielleicht funktioniert das ja. Obwohl ich noch nie in der Kneipe von Leuten nach ihrem zehnten Bier so etwas gehört habe wie:
„Ich muss jetzt nach Hause, Jungs!“
„Na, gibt es sonst Stress mit Deiner Freundin?“
„Nein, aber ich möchte noch ein bisschen finnisch lernen…“

Kurz: Wer auf actionlastige Handlung steht, wer auch mit früheren Büchern von Heitz schon Spaß hatte, wer vor allem nicht dazu neigt, überflüssige Fragen zu stellen, der dürfte mit „Des Teufels Gebetbuch“ seinen Spaß haben. Und offensichtlich haben den viele, wie ich nicht verschweigen möchte. Denn die von mir gelesenen Rezensionen waren zum größten Teil recht positiv. Ich allerdings warte lieber ab, bis der Autor eine Fortsetzung von „Wédora“, „Die Zwerge“ oder „Ulldart“ veröffentlicht, da weiß ich, was ich bekomme!

Übrigens: Witzigerweise kam ich bei der Lektüre, als in meinem Kopf diese gesamte obige „Demolition-Man“-Einleitung schon fertig war, an eine Stelle, an der Heitz tatsächlich kurz diesen Film anspricht. Ein wirklich lustiger Moment! Gut, man muss dabei gewesen sein…

Wertung:

Handlung: 6 von 10 Punkten

Charaktere: 3 von 10 Punkten

Stil: 8 von 10 Punkten

Spannung: 6 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 5,75 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: Auf unerklärliche Weise hat sich der neue Roman von John Katzenbach, „Die Grausamen“ heute in meinen Besitz geschlichen. Alles andere wird daher warten müssen.