Jahresendurlaub

Hallo, liebe Leserinnen und Leser,

es sei mir gestattet, an dieser Stelle ganz kurz darauf hinzuweisen, dass mein Blog und ich uns für den kurzen Rest des Jahres, und ein wenig darüber hinaus, in einen verdienten Urlaub verabschieden. Daher wünsche ich allseits ein schönes, besinnliches Weihnachtsfest, einen anschließenden guten Rutsch und hoffe dann auf baldiges Wiederlesen im neuen und hoffentlich um einiges besseren Jahr.

Zwar wäre mir – ganz entgegen meiner sonstigen Gepflogenheiten – danach, dieses Jahr am 31.12. unter Zuhilfenahme des gigantischsten, weltgrößten, gefährlichsten, höchstgradig illegalsten „Polenböller“ in der Geschichte der Pyrotechnik in ein Paralleluniversum zu ballern, das die Existenz des nun bald vergangenen Jahres auch wirklich verdient, also beispielsweise eines, in dem Friedrich Merz Kanzler ist, im Zuge des mir innewohnenden doch eher kontemplativen Wesens werde ich die freie Zeit vermutlich aber doch wesentlich leiser verbringen.

Im neuen Jahr hoffe ich, diesen seit nunmehr etwa zwei Monaten weitgehend brachliegenden Blog dann wiederzubeleben, nicht zuletzt deshalb, weil noch über zwei Rezensionsexemplare zu schreiben ist, wovon mindestens eines schon mal geeignet scheint, im entsprechenden Beitrag angemessen zu ekstas… ekstatis… – gibt es ein Verb zu „Ekstase“? – nun, also, geeignet scheint, angemessen in Ekstase zu verfallen.

Inwieweit mir die Wiederbelebung des Blogs anschließend gelingt, bleibt abzuwarten, da ich einerseits momentan gar nicht mal so viel Muße verspüre, etwas zu schreiben und andererseits noch sehr viel weniger, auch in anderen Blogs vorbei zu schauen.

Erfahrungsgemäß ändert sich das nach ein bisschen Abstand auch wieder, ich bin da also guten Mutes.

Bis demnächst also!

Gehabt euch wohl.

 

„Quick“ von Hannes Råstam

Buch: „Quick – Die Erschaffung eines Serienmörders“

Autor: Hannes Råstam

Verlag: Heyne

Ausgabe: Taschenbuch

Der Autor: Hannes Råstam (1955–2012) arbeitete als investigativer Journalist für den Sender SVT (Swedish Public Broadcasting) und produzierte einige der wichtigsten Dokumentarfilme über das schwedische Rechtssystem. Für seine Arbeit wurde er vielfach ausgezeichnet, unter anderem fünfmal mit dem Golden Spade (verliehen von der Organization of Investigative Journalists) und zweimal mit dem Great Journalist Award. Während der Schlussredaktion an seinem Buch über Thomas Quick erlag Råstam einem Krebsleiden. (Quelle: Random House)

Das Buch: Thomas Quick ist das schlimmste Monster der schwedischen Geschichte – ein Serienkiller, Vergewaltiger, Sadist und Kannibale. So jedenfalls das Bild, das die Medien von ihm zeichneten. In den Jahren zwischen 1992 und 2001 gesteht Thomas Quick dreißig Morde und wird für acht davon verurteilt. Nachdem immer wieder Zweifel an seiner Schuld aufkommen, beginnt der bekannte Enthüllungsjournalist Hannes Råstam mit der Recherche. Das Ergebnis seiner Arbeit schlägt ein wie eine Bombe. Thomas Quick kann die Morde nicht begangen haben. Es gibt keinen haltbaren technischen Beweis. Thomas Quick ist unschuldig. (Quelle: Random House)

Fazit: *Eingangs sei erwähnt, dass das Folgende mit Sicherheit diverse Spoiler enthält, denn es handelt sich hier um ein Sachbuch, das sich naturgemäß nur schwerlich besprechen lässt, ohne auf die Inhalte einzugehen.*

Wenn man berücksichtigt, dass ich einen Hang zu „True Crime“ jeder Art habe, ist es schon bemerkenswert, dass die Geschichte um Thomas Quick seinerzeit so ziemlich unbemerkt an mir vorbeigegangen ist, handelt es sich hierbei doch um einen Justizskandal ungeahnten Ausmaßes. Da trifft es sich gut, dass Råstams hierzulande bereits 2012 erschienenes Buch anlässlich des daraus entstandenen Films nun erneut veröffentlicht wird. Darin löst der Autor Stück für Stück auf, wie es dazu kommen konnte, dass Quick für ingesamt acht Morde verurteilt werden konnte, von denen er letztlich nicht einen einzigen begangen hat.

Sture Bergwall, der sich später in Thomas Quick umbenennt, wird 1950 geboren und gerät schon in seiner Jugend in ersten Kontakt zu Drogen. Aufgrund körperlicher Übergriffe gegen andere Jungen und seines Drogenkosums wird er immer wieder in psychiatrische Einrichtungen eingewiesen. Dort landet er auch, nachdem er für einen Banküberfall, der noch dilettantischer ausgeführt wurde als die späteren Ermittlungen, vor Gericht verurteilt wurde.

Hier untergebracht, behauptet Bergwall dann, bereits im Jahr 1964 einen Mord begangen zu haben. Die Polizei wird eingeschaltet, die Ermittler verhören Bergwall wieder und wieder. In der Folge gesteht er weitere Morde, insgesamt 30, und wird für acht davon verurteilt. In keinem dieser Fälle bestehen tatsächliche kriminaltechnische Beweise in Form von DNA-Spuren, Fingerabdrücken, Zeugenaussagen oder was auch immer, aber faszinierenderweise kann Bergwall die Ermittler zielgenau zu einzelnen Tatorten führen und gibt in den Vernehmungen Wissen preis, das nur der Täter haben kann. 

Polizei, Staatsanswaltschaft und die schwedische Öffentlichkeit sind in der Folge zufrieden, ein offensichtlich schuldiger Mann wurde weggesperrt, die Bevölkerung somit vor ihm geschützt.

Aber es gibt Menschen, die haben leise Zweifel, nicht zuletzt die Angehörigen einiger Mordopfer. Und auch Hannes Råstam hat diese Zweifel und beginnt, genauer hinzusehen. Er arbeitet sich zusammen mit einer Kollegin durch unzählige Vernehmungsprotokolle, stundenlanges Videomaterial der Polizei und 50.000 Seiten Gerichtsprotokolle, konfrontiert Bergwall schließlich selbst mit den Ergebnissen seiner Recherchen, woraufhin dieser letztlich einknickt, seine Geständnisse wiederruft und behauptet, nicht einen der ihm zur Last gelegten oder von ihm gestandenen Morde wirklich begangen zu haben.

Und es ist wirklich – mir fällt kein passenderer Begriff dafür ein – ungeheuerlich, was der Autor während seiner Recherchen so zutage fördert:

Zunächst mal ist die Verantwortung für den Fortgang der Ereignisse natürlich bei Bergwall selbst zu suchen, denn dieser hat sich ohne Not und aus reiner Geltungssucht in seine Situation manövriert. Nachdem er das Personal der Einrichtung gelegentlich nahezu andächtig und respektvoll über ehemals in der Einrichtung therapierte „schwere Fälle“ wie Gewaltverbrecher reden hört, er selbst aber den Eindruck hat, in den Therapiesitzungen nur langweiliges und unbedeutendes Zeug von sich geben zu können, beschließt er, einen Mord zu gestehen, der lang genug zurückliegt, damit er aufgrund der schwedischen Verjährungsfrist für Mord dafür nicht mehr belangt werden kann. In der Folge bekommt diese Situation dann einfach eine Eigendynamik, der er nicht mehr entkommen kann.

Aber sowohl die Polizei, als auch Therapeutinnen und Mediziner hätten bei genauerer Betrachtung der Geständnisse genug Anlasse gehabt, an deren Realitätsgehalt zu zweifeln, und die Verpflichtung gehabt, hier einen Menschen vor sich selbst zu schützen.

Stattdessen wird Bergwall von den Therapeuten mit Medikamenten gefüttert. Mit abhängig machenden Medikamenten. Und wenn er dann, allein um diesen Strom an Trips nicht versiegen zu lassen, in den Therapiesitzungen immer neue Morde gesteht, wird das vom medizinischen Personal gefeiert, wie die Erfindung des Penicillins, vermeint man doch, wieder einmal in neue versteckte Areale von Bergwall Geist und Erinnerungsvermögen vorgedrungen zu sein, die dieser bisher erfolgreich abgesperrt hatte. Ein Therapieerfolg also! Letztlich gerät Bergwalls Medikation derart außer Kontrolle, dass er praktisch selbst darüber entscheidet, wann er was bekommt und bei Vernehmungen eigentlich permanent „zugedröhnt“ ist, teilweise so sehr, dass er bei Tatortbegehungen gestützt werden muss.

Aber auch die Polizei hat selbstredend ihren Anteil an diesem Justizskandal, zweifelsohne sogar den größten. Dass die Ermittlungen in den einzelnen Mordfällen nach den jeweiligen Geständnissen immer von den zwei selben Polizeibeamten geführt wurden, kann man bereits kritisch sehen. Aber auch wie sie geführt wurden, gibt Anlass zur Kritik. Bei genauerer Betrachtung der Vernehmungsprotkolle fällt nämlich auf, dass Bergwall mitnichten immer von Beginn an korrekte Angaben zu den Morden macht, sondern dass diese Angaben teilweise deutlich von den tatsächlichen Gegebenheiten abweicht. Bergwall hat schlicht ein Gespür dafür, was die Beamten hören wollen, wenn wieder und wieder ein bestimmter Aspekt der vermeintlichen Tat thematisiert wird und ändert seine Geschichte so oft, bis sie schließlich mit den Tatsachen weitgehend übereinstimmt. Gedeckt wird diese Vorgehensweise von den Medizinern, die quasi behaupten, dass Bergwall sich erst an seine Erinnerungen „herantasten“ muss.

Sehr viel erschwerender wiegt im Bereich der Ermittlungen noch die Tatsache, dass den Gerichten entlastende Fakten und Zeugenaussagen quasi nicht vorgelegt wurden. Bergwalls ersten gestandenen Mord kann er beispielsweise schon deswegen nicht begangen haben, weil er am Tattag am gefühlt anderen Ende der Welt konfirmiert wurde. Auch als zwei vermeintliche Opfer, für deren Ermordung Bergwall die Verantwortung übernimmt, sich quicklebendig – pun intended! – bei der Polizei melden und sinngemäß sagen: „Hurra, wir leben noch!“ kommt man bei der Polizei nicht auf die Idee, das große Ganze mal zu hinterfragen.

Komplettiert wird der Dilettantismus dann von Bergwalls Rechtsanwalt. Anstatt Indizien für die Unschuld seines Mandanten zu sammeln und vor Gericht zu präsentieren, fasst er seine Aufgabe so auf, dass er behauptet, sein Mandant wolle unbedingt verurteilt werden und es sei seine Aufgabe, dem nicht entgegenzustehen.

Und so wundert es in Summe nicht, dass erst ein investigativer Journalist kommen muss, um die Verantwortlichen auf Ungereimtheiten und ihre fragwürdige Arbeit hinzuweisen. Meine Vermutung ist, dass sie alle geahnt haben, dass da irgendwas nicht stimmen kann, sich aber im Sonnenlicht der Quick-Ermittlungen ganz wohlgefühlt haben und deswegen nicht genauer hinsahen.

Bergwall wurde schließlich im Jahr 2013 nach einem Wiederaufnahmenverfahren auch vom letzten Mordvorwurf entlastet, freigesprochen und ein Jahr später aus der Psychiatrie entlassen.

Das Tragische an der Geschichte ist eigentlich nur, dass der Autor selbst dieses Ende der von ihm eigens angestoßenen Geschichte nicht mehr miterleben durfte. Aber er hat der Nachwelt ein äußert spannend geschriebenes Buch hinterlassen, dass ich zumindest allen, die im True-Crime-Bereich unterwegs sind, von Herzen empfehlen kann, sofern sie es ertragen, ob der Unfähigkeit der handelnden Personen permanent nahe am hysterischen Kickern zu balancieren.

Ich danke dem Heyne Verlag für die freundliche Übersendung des Rezensionsexemplars. Die Tatsache, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, beeinflusst meine Meinung selbstredend nicht.

Demnächst in diesem Blog: „Die Entdeckung des Countdowns“ von Daniel Mellem.