„Der Psychiater“ von John Katzenbach – Mein ist die Rache

Buch: „Der Psychiater“ (2016)

Autor: John Katzenbach

Verlag: Knaur

Ausgabe: Taschenbuch, 574 Seiten

Der Autor: John Katzenbach, geboren 1950 in Princeton, New Jersey, ist ein amerikanischer Thriller-Autor. Er ist der Sohn einer Psychoanalytikerin und eines früheren US-Justizministers und war vor seiner Autorentätigkeit Gerichtsreporter für zwei amerikanische Zeitungen.

Bereits mit seinem Debüt „Das mörderische Paradies“ konnte er große Erfolge verbuchen und wurde für den „Edgar Award“ nominiert. Auch viele seiner nachfolgenden Werke, beispielsweise „Die Anstalt“ oder „Der Patient“ wurden zu Bestsellern. Insgesamt hat Katzenbach bislang 16 Romane veröffentlicht.

Er lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Amherst, Massachusetts.

Das Buch: Timothy Warner, genannt „Moth“ ist 24 Jahre alt und Doktorand der Geschichtswissenschaften einerseits und Alkoholiker andererseits. Allerdings befindet er sich auf dem Weg der Besserung, bereits 99 Tage ist Moth jetzt trocken. Erreicht hat er das zu großen Teilen durch die Hilfe seines Onkels Ed Warner, seines Zeichens prominenter Psychiater und ebenfalls seit langer Zeit trockener Alkoholiker.

Eines Abends erscheint Ed nicht zum Treffen der Anonymen Alkoholiker. Sein Neffe Moth macht sich Sorgen, sucht Eds Praxis auf und findet seinen Onkel tot am Schreibtisch auf. Offensichtlich hat sich der Psychiater mit einer Pistole das Leben genommen. Aber mit dieser Erklärung kann sich Moth nicht abfinden. Er geht von einem Mord aus, auch wenn sämtliche Indizien dagegen sprechen.

Moth nimmt Kontakt zu seiner Ex-Freundin Andrea, genannt „Andy Candy“, auf. Gemeinsam versuchen sie, Licht in das Dunkel der Umstände von Eds Tod zu bringen. Und bald schon fördern sie erste Ergebnisse zu Tage und begeben sich auf die Spur des Mörders. Denn Moth hat nur ein Ziel: den Mörder seines Onkels zu töten!

Fazit:  Eigentlich freue ich mich immer, wenn ich einen neuen Katzenbach-Roman in die Finger bekomme. In diesem Fall blieb die Freude aber erstaunlich und erschreckend schnell auf der Strecke. Denn „Der Psychiater“ besteht vor allem aus verschenktem Potential und offenen Fragen.

So fielen mir nach kurzer Zeit bereits die Charaktere unangenehm auf – und zwar alle, zumindest was die drei, vier Hauptfiguren angeht.

Mit Moth einen Alkoholiker zur Hauptperson zu machen, ist ja erstmal eine gute Idee, die muss man dann aber auch gut umsetzen. Zwar wird dem Leser deutlich gemacht, wie sehr das Fehlen seines Onkels – eine Stütze in Moth´ Leben – Moth psychisch belastet. Ansonsten werden die Schwierigkeiten, die mit dem Entzug und einer dauerhaften Abstinenz eines Alkoholikers zusammenhängen aber viel zu oberflächlich behandelt. So gibt sich Moth beispielsweise nach dem Tod seines Onkels einer zweiwöchigen Sauftour hin. Am Tag darauf erscheint er wieder bei den Anonymen Alkoholikern und nochmal kurz danach geht es ihm schon wieder relativ gut. Kaum ein Wort verliert der Autor über die Entzugserscheinunghölle durch die Moth eigentlich tage- und nächtelang in physischer und psychischer Hinsicht gehen müsste.

Darüber hinaus schweigt sich Katzenbach darüber aus, welche Motivation Moth haben könnte, den Mörder seines Onkels selbst zu töten. Eigentlich wirkt er nämlich recht zurechnungsfähig und könnte auch einfach versuchen, die Polizei auf ihn, den Mörder, aufmerksam zu machen.

Die Staatsanwältin Susan Terry hat ebenfalls ein Suchtproblem und befindet sich in der selben Therapiegruppe wie Moth. Sie unterstützt den jungen Mann bei seinen Recherchen, im vollen Bewusstsein, dass er einen Mord begehen möchte. Die Argumente die der Autor dafür anführt, dass sie sich nicht einfach an die Polizei wendet, sind bestenfalls fadenscheinig. Und auch Susan steckt einen Alkohol- und Kokainexzess vom Vorabend am Folgetag bemerkenswert gut weg.

Größtes Ärgernis im Bereich der Charaktere bleibt aber Moth´ Ex-Freundin Andrea „Andy Candy“ Martine. Die junge Frau wurde auf einer Party vergewaltigt, ungewollt schwanger und hat daher eine Abtreibung hinter sich. Ein schweres Schicksal, ganz unzweifelhaft. Daher vergräbt sich Andy Candy dauerhaft in ihrem Zimmer und weint. Warum sich aber ihre Lebensgeister wieder regen, als Moth sich bei ihr meldet und von seinem Vorhaben berichtet, erschließt sich mir wahrlich nicht! Ihr Handeln wirkt fast so, als hielte sie den Mord an einem Menschen für einen adäquaten Ersatz für ihr Selbstmitleid! Darüber hinaus gibt es meiner Meinung nach keine logische Begründung, warum Katzenbach sie während des gesamten Buches bei ihrem saublöden Spitznamen Andy Candy nennt. Wenn man 30 Seiten dauernd „Andy Candy“ gelesen hat, wirkt das noch nur befremdlich, 300 Seiten später ist das einfach durchgehend nervtötend.

Über den pösen, pösen „Die-waren-damals-so-gemein-zu-mir“-Antagonisten schweige ich mich besser vollumfänglich aus. Die Bezeichnung „klischeehaft“ wäre noch das Freundlichste, was mir dazu einfiele.

Die Handlung macht sich Katzenbach einerseits zum Teil selbst kaputt, andererseits beantwortet sie die eine oder andere Frage nicht. Es gibt Katzenbach-Romane, die große Ähnlichkeiten zu Whodunit-Krimis haben: Person A trachtet Person B nach dem Leben und Person B versucht herauszufinden, wer Person A überhaupt ist, um der Bedrohung Herr zu werden. Dieser Aspekt fällt in „Der Psychiater“ völlig weg, denn der Leser erfährt ziemlich schnell, um wen es sich bei dem Antagonisten handelt und auch seine Beweggründe – und seien sie auch noch so platt – sind dem Leser bald klar. Damit bleibt eigentlich nur eine Art gegenseitiger Verfolgungsjagd, die aber so wirklich spannend nicht ist.

Die offenen Fragen beschränken sich nicht nur auf die Motivation der handelnden Personen.

So erfährt man zum Beispiel nicht, woher der Antagonist seine offensichtlich unbeschränkten Finanzmittel hat, die es ihm erlauben, quer durch die Weltgeschichte zu reisen und drei verschiedene Wohnsitze zu unterhalten.

Wie es Moth gelingt, eine Schusswaffe durch zwei (!) verschiedene US-amerikanische Flughäfen zu schmuggeln, bleibt ebenso Katzenbachs Geheimnis. Moth hat anscheinend einfach Glück gehabt…

Die Erläuterung weiterer Ungereimtheiten erspare ich mir an dieser Stelle.

Tja, wie gesagt, eigentlich freue ich mich immer, wenn ich einen neuen Katzenbach-Roman in die Finger bekomme. Eigentlich! Mit „Der Psychiater“ kann ich allerdings leider wenig anfangen.

Wertung:

Handlung: 6,5 von 10 Punkten

Charaktere: 4 von 10 Punkten

Stil: 8,5 von 10 Punkten

Spannung: 5 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 6 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog:

„Wédora – Staub und Blut“ von Markus Heitz. Eigentlich schreibt sich „Wédora“ mit einem Makron, also Querstrich quasi, über dem o, ich weiß allerdings nicht, wie das geht… 😉

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13 Kommentare zu „„Der Psychiater“ von John Katzenbach – Mein ist die Rache

  1. Vor vielen Jahren hab ich mal einen Krimi von Katzenbach gelesen und der war gut. Den Titel weiß ich nicht mehr, ist schon zu lange her.
    Wenn ich mir den Intervall deiner Beiträge anschaue, dann hast du ja eine enorme Geschwindigkeit beim Lesen, Donnerwetter! 🙂
    Werd mal stöbern, ob wir schon dieselben Bücher gelesen haben …

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    1. Na, ich habe mir – als ich das Ganze hier angefangen habe – das Ziel gesetzt, eine Rezension pro Woche zu veröffentlichen. Das habe ich auch weitestgehend hinbekommen und bin damit zufrieden. Es gibt aber auch Blogger, die noch wesentlich mehr lesen als ich, was ich dann auch ein bisschen beängstigend finde… 😉

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      1. Respekt! Ich könnt das nicht, weil ich mich gar nicht immer gleich gut konzentrieren kann, und auch nicht immer das richtige Buch habe, bei dem ich dranbleiben will. Das eine oder andere Buch lohnt sich ja nicht wirklich. Gut, wenn mans vorher weiß. Werd das hier künftig checken. 🙂

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  2. Ah, John Katzwenbach. Ich habe vor einigen Jahren nur „Die Anstalt“ gelesen – ein Buch, dessen titel für viel Belustigung gesorgt hat, da es sich so super mit anderen Titeln im Regal kombinieren lässt. Leider hat mich das schon nicht überzeugt. Neigt John Katzenbach immer noch dazu, sehr, sehr viele Details in wenig Raum?

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    1. Ich gebe zu, mich würde interessieren, mit was sich das denn kombinieren ließ! 😉 Und ja, Katzenbach neigte immer schon dazu, sehr viele Details in zu wenig Platz zu packen, trotzdem gefielen mir seine Bücher eigentlich immer gut! Neben „Die Anstalt“ habe ich vor allem „Das Tribunal“ gerne gelesen. Das geht mehr in die Grisham-Richtung. Wenn man´s mag… 😉 Ich kriege ums Verrecken meine diesbezügliche Rezension nicht verlinkt…! Sei verflucht, WordPress! 😉

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      1. Ich habe das buch leider nicht hier, es ist in der letzten bücherkiste, die vom letzten Umzug noch woanders untergebracht ist und ich weiß auch gar nicht mehr, neben welchem Buch „Die Anstalt“ stand. Es ging irgendwie in Richtung „Denn sie betrügt man nicht – Die Anstalt“ oder so. 😀
        Kann man auf deinem blog nach Beiträgen suchen und ich bin nur zu blind, das zu finden? Mich würde deine Rezi wirklich interessieren. 🙂

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        1. „Denn sie betrügt man nicht – Die Anstalt“. 😉 Finde ich witzig! 😉 Man kann in meinem Blog nach Beiträgen suchen, ja. Eine Suchfunktion in dem Sinne gibt es aber nicht. Man muss sich durch den Unterpunkt „Genres“ kämpfen, da findet man dann auch im Bereich „Thriller“ „Das Tribunal“. Ich würde gerne sagen, dass mir eine bessere technische Umsetzung nicht eingefallen ist, die Wahrheit ist aber, dass ich zu einer besseren technischen Umsetzung nicht fähig bin! 🙂 Viel Glück beim Suchen! 😉

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  3. Hallo mein Herz,
    eine interessante Rezension 🙂 Immer wieder schön von dir zu lesen 😉

    Und als ein kleiner Tipp für deine nächste Rezension: Wédōra
    Einfach kopieren und einfügen, oder aber unter Einfügen -> Sonderzeichen -> und dann das „o“ mit dem Makron suchen 😉 Falls du Open Office verwendest und deine Texte vorschreibst 🙂

    Ich hab auch hin und wieder, wenn ich denn mal schreibe, mit etwas außergfewöhnlichen Namen zu tun und da funktioniert das Kopieren und Einfügen sehr gut 😀

    Freue mich schon sehr auf deine nächste Rezension 🙂
    Hab dich lieb!

    FY 🙂

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  4. „Doktorand der Geschichtswissenschaften einerseits und Alkoholiker andererseits“

    Das „einerseits – andererseits“ impliziert m. M. n. völlig zu unrecht, dass es Doktoranden der Geschichtswissenschaft ohne Alkoholproblem gibt. 😉

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    1. Das impliziert es, ja, allerdings völlig zu recht! 🙂 Wer sich mit der – neben der Literaturwissenschaft – schönsten aller Wissenschaften beschäftigen darf, hat eigentlich auch gar keinen Anlass, sich dem Alkohol hinzugeben! 😉

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