„Heimweh“ von Graham Norton

Buch: „Heimweh“

Autor: Graham Norton

Verlag: Rowohlt

Ausgabe: Hardcover, 384 Seiten

Der Autor: Graham Norton, Schauspieler, Comedian und Talkmaster, ist eine der bekanntesten Fernsehpersönlichkeiten der englischsprachigen Welt. Geboren wurde er in Clondalkin, einem Vorort von Dublin, aufgewachsen ist der Sohn einer protestantischen Familie aber im County Cork im Süden Irlands. Sein erster Roman «Ein irischer Dorfpolizist» überraschte viele durch seine Wärme und erzählerische Qualität, er avancierte in Irland und Großbritannien zum Bestseller, wurde mit dem Irish Book Award 2016 ausgezeichnet und wird nun auch zu einer Fernsehserie. «Möglicherweise war es Verschwendung, dass der Mann die ganzen Jahre im Fernsehen war», schrieb Bestsellerautor John Boyne in der «Irish Times». (Quelle: Rowohlt)

Das Buch: Ein Sommertag Ende der Achtziger, sechs junge Leute fahren ans Meer. Auf dem Rückweg ein schrecklicher Unfall: Es sterben ein junges Paar, das am nächsten Tag hätte heiraten sollen, und eine Brautjungfer; die andere überlebt schwer verletzt. Kaum blessiert sind Martin, der Arztsohn, und Connor, der eigentlich nicht zur Clique gehörte. Er saß am Steuer.

Der ganze Ort Mullinmore ist wie gelähmt. Und nach dem Prozess wird Connor nach England geschickt. Niemand weiß, dass er noch vor etwas ganz anderem flieht. Bald bricht er den Kontakt zu den Eltern ab. Connors Schwester wird derweil von Martin umworben. Die beiden heiraten, und die Ehe wird für Ellen ein Unglück.

Zwanzig Jahre später betritt ein Gast eine Bar in New York. Er versteht sich sofort gut mit dem jungen Barkeeper. Dann stellen sie fest, was sie verbindet. Und jenseits des Atlantiks, in einem kleinen Ort im County Cork, löst dies eine dramatische Kette von Ereignissen aus. (Quelle: Rowohlt)

Fazit: Seinerzeit über Grahams Nortons Debütroman „Ein irischer Dorfpolizist“ gestolpert zu sein, betrachte ich nach wie vor als absoluten Glücksfall. Und auch sein Nachfolgeroman „Eine irische Familiengeschichte“ wusste zu gefallen, auch wenn sich leise Besorgnis bei mir breitmachte, Norton würde zukünftig alle seine Romane in ähnlichem Schema betiteln, wie das bei den gefühlten 842 „Wanderhure“-Romanen der Fall ist. Diese Sorge war augenscheinlich unbegründet, was glücklicherweise nicht das einzig Positive ist, was sich über Nortons aktuellen Roman sagen lässt.

Der Roman beginnt mit den dramatischen Ereignissen rund um Connors Unfall, bei dem einige seiner Freunde ums Leben kommen. Da er am Steuer gesessen hat, wird er im Rahmen des folgenden Gerichtsprozesses für die Ereignisse verantwortlich gemacht. Zudem ist die gesellschaftliche Ächtung Connors innerhalb der beschaulichen Kleinstadt Mullinmore immens. Nachdem der junge Mann einige Zeit sein Zimmer praktisch nicht mehr verlassen hat, steht für die Familie fest: Connor muss fort!

Und da in Irland augenscheinlich jeder jemanden kennt, der jemanden kennt, so kennt auch Connors Vater jemanden, zu er seinen Sohn schicken kann und so macht sich Connor auf, um in Dublin Arbeit auf einer Baustelle zu beginnen. Das allerdings ist jedoch nur der Beginn einer langen Reise des jungen Mannes, die in erster Linie eine Suche nach sich selbst darstellt.

Faszinierenderweise ist – und diesbezüglich war ich mir in einem kürzlich erfolgten Gespräch über diesen Roman mit einer ganz zauberhaften Person vollkommen einig – so ziemlich nichts, was in der Folge im Rahmen der Handlung so passiert, wirklich überraschend. Im Grunde erahnt man viele der inhaltlichen Entwicklungen von Connors Lebensgeschichte bereits voraus. „Heimweh“ ist also tatsächlich weitgehend frei von dramatischen Wendungen und nervenzerreißender Spannung. Aber das ist auch völlig in Ordnung so. „Heimweh“ ist ein bisschen wie ein Fußballspiel deines Lieblingsvereins, bei dem dein Team nach 20 Minuten mit 5:0 führt: Du weißt, dass in den noch folgenden 70 Minuten vielleicht nicht mehr alles rund läuft, du weißt aber auch, dass du das nicht mehr verlieren und dich deswegen zurücklehnen und genießen kannst. Und ähnlich verhält es sich eben hier auch. Trotz aller Unbill, die Connor im Laufe der Zeit so durchleben und durchleiden muss, ist Nortons Buch eher das, was ich „Wohlfühlliteratur“ nennen und den Begriff grundpositiv meinen würde.

Das liegt sicherlich zu großen Teilen auch daran, dass es Graham Norton gelungen ist, die Stärken seiner vorherigen Bücher auch in seinen dritten Roman zu retten. So beweist er erneut ein gutes Händchen für Charaktere. Man hat trotz aller möglichen Vorhersehbarkeit eben doch deswegen deutlich Anteil an Connor und seinem Schicksal, weil der Autor seinen Protagonisten so menschlich, nachvollziehbar und nahbar zeichnet. Connor ist nicht mehr und nicht weniger als ein ganz normaler, junger Mann, der seinen Platz im Leben sucht. Man muss ihn irgendwie gern haben.

Nortons Händchen für Charaktere zeigt sich überdies aber auch in den Nebenfiguren, exemplarisch sei hier mal seine Schwester und deren Ehemann Martin genannt. Lediglich die überlebende Brautjungfer, die als Folge des Unfalls dauerhaft im Rollstuhl sitzen muss, fiel mir anfangs negativ auf, weil sie mir viel zu verbittert erschien. Bei genauerer Betrachtung stelle ich aber fest, dass eine solche charakterliche Zeichnung einer unfallbedingt behinderten Frau wesentlich realistischer erscheint, als diese ganzen Inspiration-Porn-Darstellungen aktueller Medien, die gefühlt ausschließlich behinderte Menschen zeigen, um über diese dann sagen zu können, dass sie sich „mutig ins Leben zurückkämpfen“ oder „bewundernswert ihr Schicksal meistern“ oder ähnlichen Murks, während die Lebensrealität der diesbezüglichen Mehrheit eher in täglich neu auftauchenden Barrieren und endlosen Diskussionen mit Behördern oder Kostenträgern besteht.

Kurz: Erneut sind die Charaktere in einem Graham-Norton-Roman mehrheitlich von „gelungen“ bis „großes Kino“ einzustufen.

In Summe ist der Roman also die mit zauberhaften Figuren ausgestattete Suche eines jungen Mannes nach Identität und seinem Platz im Leben und davon ausgehend ein zutiefst menschliches Plädoyer dafür, sich selbst – und andere – eben so zu nehmen wie man ist und einen entsprechenden Umgang abseits jeglicher Vorbehalte und Vorurteile miteinander zu pflegen.

Klingt vielleicht kitschig, ist es aber nicht.

Ich danke dem Rowohlt-Verlag für die freundliche Zusendung des Rezensionsexemplars. Die Tatsache, dass es sich hierbei um ein kostenloses Rezensionsexemplar handelte, beeinflusst meine Meinung selbstredend nicht.

Demnächst in diesem Blog: „Nachruf auf mich selbst: Die Kultur des Aufhörens“ von Harald Welzer