„Von Männern, die keine Frauen haben“ von Haruki Murakami – Zwischen selt- und einfühlsam

Buch: „Von Männern, die keine Frauen haben“ (2016)

Autor: Haruki Murakami

Verlag: btb

Ausgabe: Taschenbuch, 254 Seiten

Der Autor: Haruki Murakami ist ein 1949 in Kyoto geborener, japanischer Autor von Romanen und Erzählungen. Er wuchs in der Nähe der Stadt Kobe auf und studierte ab 1969 an der Waseda-Universität in Tokio Theaterwissenschaften.

Angeblich begann Murakami 1978 mit dem Schreiben, als Inspiration diente ihm dabei ein besonders guter Hit in einem Baseballspiel. Der genaue Kausalzusammenhang ist mir nicht ganz klar, aber Menschen haben schon wegen weniger mit dem Schreiben angefangen.

Dennoch scheint Murakami von seinen ersten literarischen Gehversuchen im Nachhinein nicht ganz überzeugt gewesen zu sein: Seine ersten beiden Romane „Wenn der Wind singt“ und „Pinball“ erschienen hierzulande erst 2015, weil der Autor sich jahrzehntelang gegen Übersetzungen gewehrt hat.

Im späteren Verlauf seiner Karriere haben seine Bücher aber offensichtlich an Qualität gewonnen und Romane wie „Mister Aufziehvogel“, „Kafka am Strand“ oder „1Q84“ erfreuen sich einer großen Fangemeinde.

Insgesamt hat Murakami im Laufe seines literarischen Schaffens 13 Romane und neun Erzählungen geschrieben.

In schöner Regelmäßigkeit wird der Japaner seit einigen Jahren beharrlich als Literatur-Nobelpreisträger gehandelt. Nun ja, dieses Jahr hat sich das Komitee ja lieber dazu entschlossen, einen Musiker mit diesem Preis zu beehren… Vielleicht wird es im nächsten Jahr Johann Lafer für seine „kompakte Koch-Prosa“, 2018 dann Jan Hofer wegen seiner „naturalistischen Nachrichten-Lyrik“ und 2019 Dieter Bohlen für „Geronimo´s Cadillac“, man weiß es nicht. Ihr merkt schon, wie zufrieden ich mit der diesjährigen Entscheidung bin. Das soll uns aber jetzt nicht weiter beschäftigen, widmen wir uns den „Männern, die keine Frauen haben“.

Das Buch: „Von Männern, die keine Frauen haben“ ist eine Sammlung von sieben, auch als „long short stories“ bezeichneten, Erzählungen. Diese Geschichten beschäftigen sich alle mit Männern und ihrem Zusammenleben mit oder ihrem Alleinsein ohne Frauen.

„Drive my car“ z.B. ist die Geschichte eines Schauspielers, der aufgrund gesundheitlicher Probleme vorübergehend auf eine Chauffeurin angewiesen ist, der er sein Leid hinsichtlich seiner verstorbenen Frau klagt. Diese hat ihn mehrfach mit anderen Männern betrogen. Er jedoch blieb, in völligem Bewusstsein ihres Tuns, bei ihr und beklagt nun, nie den Grund für ihre Seitensprünge erfahren zu haben.

In „Das eigenständige Organ“ wird die unerwiderte Liebe eines Mannes zu einer verheirateten Frau und ihre Folgen beschrieben.

Und in „Samsa in Love“ wird ein Ungeziefer morgens im Körper von Gregor Samsa wach und hadert mit seinem Schicksal, bis zu einer besonderen Begegnung.

Die letzte Erzählung „Von Männern, die keine Frauen haben“ befasst sich genau mit dem, was der Titel erwarten lässt.

Fazit: Als ich in der Buchhandlung zu „Von Männern, die keine Frauen haben“ griff, hatte das drei Gründe. Erstens gefiel mir der Titel sofort, zweitens wollte ich nach der Lektüre von „1Q84“ vor einigen Jahren immer mal wieder etwas von Murakami lesen. Regelmäßig werden mir auch Bücher wie „Mister Aufziehvogel“ oder „Kafka am Strand“ empfohlen. Angesichts deren Umfangs erschien es mir allerdings sinnvoll, mit einem kürzeren Roman wieder in Murakamis Werk einzusteigen. Denn drittens: Ich dachte, bei „Von Männern, die keine Frauen haben“ handele es sich um einen Roman. 😉

Meine anfängliche Enttäuschung darüber, einen Band mit Erzählungen in der Hand zu haben – das ist nämlich im Normalfall nicht so ganz meins – wich aber recht schnell einer tiefen Zufriedenheit.

Murakami widmet sich in seinen Erzählungen Protagonisten, die auf die eine oder andere Art mit ihrem Schicksal hadern, weil ihnen das Fehlen der richtigen Frau zu schaffen macht.

So ist der Protagonist der Geschichte „Das eigenständige Organ“, Dr. Tokai, unglücklich verliebt. Er ahnt, dass sich das nicht gut auf ihn auswirken könnte, daher fragt er einen Freund: „Herr Tanimura, kann man beschließen, jemanden nicht zu sehr zu lieben?“(S.99). „Denn, ich weiß nicht, warum, sie ist für mich ein besonderes Wesen.“ (S.102) Und schließlich: „Aber seit ich mich in sie verliebt habe, haben alle anderen Frauen für mich ihren Zauber verloren.“ (S.109) Keine wirklich gute Ausgangsposition.

Auch der Protoganist in „Scheherazade“ hadert mich sich und seinem Leben. „Es ist ja eigentlich nicht so, dass ich tatsächlich allein auf einer einsamen Insel wäre. Ich bin selbst eine einsame Insel.“ (S. 133)

Diese Art des Leids zeichnet die Hauptfiguren in Murakamis Erzählungen aus. Der Autor hat keine starken, gefestigten Charaktere geschaffen, sondern einsame, unzufriedene, teils gebrochene Personen. Und er beschreibt deren Situation so anschaulich, dass die Personen absolut nachvollziehbar bleiben. Kurz, die Charaktere seiner Erzählungen gefallen mir, trotz der erzwungenen Kürze ihrer Schilderungen, sehr gut.

Auch stilistisch trifft Murakami den richtigen Ton. Nämlich einen eher unaufgeregten, leisen, manchmal melancholischen. Ich habe, wie eingangs erwähnt, wenig Erfahrung mit Murakamis Werk, weiß aber, dass es früher öfter Diskussionen über seinen Stil gab, weil einige seiner Bücher erst ins Englische und von dort ins Deutsche übersetzt wurden. Hier ist das anders. Die Übersetzerin Ursula Gräfe, der an dieser Stelle ein Lob gebührt, hat den Text aus dem japanischen Original übersetzt. Möglicherweise kommt er deshalb bei mir gut an, ich habe aber, wie gesagt, keine Vergleichsmöglichkeiten.

Inhaltlich lassen Murakamis Erzählungen viel Spielraum, um sich seine eigenen Gedanken darüber zu machen. Das fällt z.B. bei „Samsa in Love“ noch relativ leicht, selbst wenn man Kafkas „Verwandlung“ letztmals vor etwa 20 Jahren gelesen hat. Dagegen bin ich mir sicher, die Erzählung „Kinos Bar“ in naher Zukunft nicht mehr zu begreifen. Wer für sich in Anspruch nimmt, „Kinos Bar“ verstanden zu haben, möge mich bitte erleuchten!

Meine persönliche Lieblingserzählung ist die titelgebende. Sie enthält auch meine Lieblingstextstellen: „Nur Männer, die keine Frauen haben, können verstehen, wie herzzerreißend, wie furchtbar traurig es ist, Männer zu sein, die keine Frauen haben.“ (S.246) und „Für Männer, die keine Frauen haben, ist die Welt ein weites Feld mit scharfkantigem Geröll, genau wie die Rückseite des Mondes.“ (S.250)

Dem ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen, außer vielleicht: So ist es, Herr Murakami!

Klare Leseempfehlung!

Wertung:

Handlung: 8,5 von 10 Punkten

Charaktere: 8,5 von 10 Punkten

Stil: 9 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 8,67 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Das Paket“ von Sebastian Fitzek

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„Die Heimkehr“ von Peter Georgas-Frey – 3…2…1…liftoff?

Buch: „Die Heimkehr“ (2014)

Autor: Peter Georgas-Frey

Ausgabe: Taschenbuch, 742 Seiten

Verlag: Selbstverlag

Der Autor: Peter Georgas-Frey ist ein 1970 geborener Autor, der mit seiner Familie seit 1999 am schönen Bodensee lebt. Er veröffentlichte bereits Erzählungen und Gedichte wie „Als Paolos Hände reden lernten“, „Soantà“ und „Zeitspuren“ sowie den Roman „Die Revolte“.

Wer mehr über den Autor und seine Bücher erfahren möchte, dem sei der Besuch seines sehr lesenswerten Blogs „literaturfrey“ empfohlen. Wer das nicht möchte, dem sei ein dortiger Besuch ebenfalls empfohlen!

Das Buch: Vor 10.000 Jahren landete das Raumschiff der Aurumer auf der Erde. Oder besser, es bruchlandete.

Das Volk der Aurumer befindet sich naturgemäß auf einem technisch ungleich höheren Niveau als die Menschheit vor Tausenden von Jahren. Das alles hilft den 100 Aurumern, die die Besatzung des Raumschiffs bilden, leider gar nichts, denn mit dem zerstörten Schiff ist an eine Abreise von der Erde nicht mehr zu denken.

Also bleibt ihnen nur eine Möglichkeit: Sie errichten eine Basis und nehmen Kontakt mit den noch spärlich vorhandenen Menschen auf und versuchen, den technologischen Fortschritt der Menschheit voranzutreiben, um irgendwann auch auf der Erde die technologischen Voraussetzungen für eine Rückreise zu ihrem Heimatplaneten zu haben.

Und so lenken sie über die Jahrtausende hindurch die Geschicke der Menschheit, ohne dass die Masse der Weltbevölkerung davon auch nur den Hauch einer Ahnung hat.

10.000 Jahre nach ihrer Bruchlandung steht das Vorhaben der Heimkehr für die Aurumer kurz vor dem Abschluss. Allerdings sind nicht alle Aurumer gewillt, die Erde wieder zu verlassen. Eine kleine Gruppe des außerirdischen Volkes ersinnt eine Intrige, die die Rückreise verhindern soll. Damit rufen sie die verschiedensten Interessengruppen auf den Plan, die aus unterschiedlichsten Gründen für den Verbleib oder die Heimkehr der Aurumer sind, und die versuchen, das Schicksal der außerirdischen Weltenlenker in ihrem Sinne zu beeinflussen.

Fazit: Die Grundidee des Romans erinnert an die Prä-Astronautik, mit der sich im vergangenen Jahrhundert immer mal wieder Autoren beschäftigt haben, deren hierzulande prominentester Vertreter Erich von Däniken sein dürfte. Umso erleichterter war ich, dass der Autor sich dieses Themas nicht im Rahmen eines weiteren pseudo-wissenschaftlichen Fachbuchs fragwürdigen Inhalts, sondern im Rahmen eines überaus lesenswerten Romans angenommen hat. 😉

Bereits der Beginn des Buches erleichtert den Einstieg ungemein, da sich der Autor eines Stils bedient, der sich durch kurze Kapitel sowie kurze Sätze ohne unnötige Verschachtelungen auszeichnet. Ich persönlich mag ja Verschachtelungen jeder Art – jedenfalls behaupten das Menschen – und neige auch dazu, meine Sätze – so die öffentliche Meinung – durch mehr oder weniger sinnfreie Einschübe – glaubt man das – doch tatsächlich zu verkomplizieren…

In diesem speziellen Fall  ist der Stil, in dem das Buch gehalten ist, aber die richtige Wahl, wie sich im späteren Handlungsverlauf herausstellt. Denn sobald die Existenz der Aurumer öffentlich gemacht werden soll, wird klar, wie viele unterschiedliche Gruppen ihre Interessen vertreten sehen wollen: Politik, Wirtschaft, Militär, Geheimdienste, die katholische Kirche, Whistleblower, Spinner usw. Und aus all deren Sicht werden in den einzelnen Kapiteln die Geschehnisse berichtet. Dass der Leser dennoch nie den Überblick verliert, liegt eben auch an der erwähnten Erzählweise.

Diese ist es auch, die der spannenden Handlung durch permanente Orts- und Personenwechsel eine hohe Dynamik und Tempo verleihen.

Da in „Die Heimkehr“ eindeutig die Geschichte selbst im Vordergrund steht, macht es auch wenig aus, dass ich mir persönlich ein wenig detailiertere Charaktere gewünscht hätte. Zumindest wird bei den wichtigsten Charakteren deren Hintergrund beleuchtet und die Intention, die hinter den Handlungen der agierenden Personen steckt, wird deutlich.

Das zweite persönliche Problem, das ich mit den Charakteren habe, liegt in meiner Unaufmerksamkeit: Jeder Aurumer verfügt über einen Namen, der nur unter den Aurumern selbst genutzt wird, und einen Namen, mit dem er bei den Menschen bekannt ist. Mir fiel durchaus schwer, diese beiden Namen manchmal einer Person zuzuordnen. Wäre mir schon vor Beginn der Lektüre aufgefallen, dass es am Ende des Buches ein sehr hilfreiches Personenregister gibt, hätte ich diese Schwierigkeiten wohl nicht bekommen. 😉

Alles in allem ist Peter Georgas-Frey ein angenehm zu lesender, temporeicher und spannender Roman gelungen. Ein Roman der abseits der Handlung auch noch spannendes Wissen vermitteln kann, so z. B. mit Informationen über das Forschungszentrum CERN. Ein Roman, der mit einem bemerkenswerten Showdown aufwarten kann. Ein Roman, dem ich sehr bald die Lektüre der Fortsetzung „Die Rückkehr“ folgen lassen werde!

Abschließend noch einen herzlichen Dank, lieber Peter, für die Zusendung der Rezensionsexemplare!

Wertung:

Handlung: 9 von 10 Punkten

Charaktere: 7,5 von 10 Punkten

Stil: 8,5 von 10 Punkten

Spannung: 8,5 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 8,375 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Von Männern, die keine Frauen haben“ von Haruki Murakami.

Schon wieder Konfetti: 2 Jahre „reisswolfblog“!

Hallo, liebe Leser und Innen,

eigentlich wollte ich als Überschrift „Der Tragödie zweiter Teil“ nehmen, das klang dann aber irgendwie doch zu negativ und erinnert an einen Dichterfürsten, der bei manch einem meiner Leser doch tatsächlich unfassbarerweise auf Ablehnung stößt… Sei´s drum!

Ihr, die ihr vor einer guten Woche meinen Beitrag anlässlich meiner über 100 Follower gelesen habt: Habt ihr noch etwas Konfetti übrig? Gut, das könnt ihr heute gleich nochmal benutzen. Habt ihr noch etwas Sekt übrig? Gut, kippt ihn weg, der ist hin! 😉

Jedenfalls, heute ist schon wieder ein Anlass, zu feiern! Denn heute vor genau zwei Jahren erblickte mein Blog mit meiner ersten Rezension zu „Homerun“ von John Grisham das Licht der virtuellen Welt.

Was hat sich nun im Laufe des letzten Jahres getan? Tja, in meinem Blog: wenig! Also, wenn man jetzt mal von stetig steigenden Besucherzahlen absieht – vielen Dank dafür. Ich meine eigentlich eher die äußere Form. Da hat sich trotz des einen oder anderen diesbezüglichen Gedankens irgendwie nichts getan.

Und was hat sich in der Welt verändert? Nun, im letzten Jahr schrieb ich anlässlich meines ersten Blog-Geburtstages folgende Zeilen, um letztes Jahr mit vorletztem Jahr zu vergleichen:
„In Dresden und anderswo ziehen unter dem Deckmantel des „Das-wird-man-doch-wohl-noch-sagen-dürfen“ immer noch Tausende von *** (setzt ein beliebiges Schimpfwort im Plural ein) durch die Straßen, Angie ist immer noch Kanzlerin und Werder ist wieder im Tabellenkeller, während der FC Bayern einsam seine Kreise zieht. Alles wie gehabt also. Ich gebe allerdings die Hoffnung nicht auf, dass sich an diesen Dingen etwas ändert.“

Merkt ihr etwas? Erschreckend, oder!? 😉 „Die Welt ist im Wandel“, heißt es.

Die ganze Welt? Nein! Ein von unbeugsamen Veränderungsphobikern bevölkertes Land hört nicht auf, dem Wandel Widerstand zu leisten! Und das Leben ist nicht leicht für die Weltuntergangspropheten Petry, Höcke und von Storch, die als Besatzung in den befestigten Lagern Dummheit, Hass und Gewalt als Demagogen stationiert sind. Aber lassen wir das! 😉

Kommen wir lieber zu den Zahlen im letzten Jahr:

Ich habe in dieser Zeit 49 Bücher rezensiert, mit einer Gesamtseitenzahl von 21.042, sofern OpenOffice sich nicht verzählt hat! Das ist im Vergleich zum Vorjahr ein klarer Rückschritt um fast 10 Bücher und viele, viele Seiten und muss eindeutig besser werden, habe ich damit doch mein Ziel von einer Rezension pro Woche klar verfehlt. Die, rein von der Seitenzahl her, umfangreichsten Wälzer im letzten Jahr waren im Übrigen: „Die Knochenuhren“ von David Mitchell und „Welt in Flammen“ von Benjamin Montferat. Beide im übrigen uneingeschränkt empfehlenswert. Sind wir mal ehrlich: Mitchell geht immer! 🙂

Auch in diesem Jahr geht mein Dank an jeden einzelnen meiner Leser! Vielen, herzlichen Dank, dass ihr lest, was ich aufs virtuelle Papier bringe! Macht ruhig weiter so! 😉

Und nun? Wie wird das nächste Jahr? Tja, woher soll ich das wissen? Ich wäre aber bereit zu wetten, das alles beim alten bleibt! 😉 Angesichts der Tatsache, dass für mich ab morgen ein mehrwöchiger Urlaub beginnt, – der zugegebenermaßen nur teilweise freiwillig ist – ist damit zu rechnen, dass die Rezensionsanzahl in naher Zukunft wieder sprunghaft ansteigen dürfte. Ich wünsche diesbezüglich schon mal viel Vergnügen beim Lesen, bedanke mich aufs Neue bei euch allen und verbleibe

mit freundlichen Grüßen

euer reisswolf

 

 

Ein Drittel Sparta: 100!

Lieber Leser und Innen,

bevor jemand fragt: Nein, mir fiel keine bescheuertere Überschrift für diesen Beitrag ein! 😉 Allerdings auch keine bessere, also müssen wir jetzt alle gezwungenermaßen mit obiger vorliebnehmen.

Um den passenden Rahmen für diesen Beitrag zu schaffen, stellt euch jetzt doch alle mal in Gedanken eine Wagner-Ouvertüre vor, eine beliebige. Für die, die das nicht möchten oder ertragen – für beides hätte ich im Übrigen vollstes Verständnis – tut es zur Not auch der erste Satz von Beethovens 5. Sinfonie, oder „Conquest of Paradise“ von Vangelis oder „Dry County“ von Bon Jovi, oder was auch immer, „Stairway to heaven“, es ist mir völlig egal. Hauptsache, es hat irgendwie epischen Charakter.

Dann sucht ihr euch irgendwo eine Flasche Sekt her. Eine Piccolo-Flasche tut es auch, wir wollen ja auch nicht übertreiben.

Und zu guter Letzt platziert ihr in Griffnähe eine große Schale Konfetti. Von mir aus auch Popcorn, Styroporkügelchen aus Kartons oder irgendetwas anderes, von dem ihr willens wärt, es werfenderweise in eurem Domizil zu verteilen.

Alles fertig und bereit? Gut, dann können wir ja jetzt aus gegebenem Anlass zusammen feiern, denn am heutigen Tag hat mein Blog doch tatsächlich die Anzahl von

100 Followern

erreicht und überschritten!  🙂

Ich gebe zu, das hätte ich, als ich vor ziemlich genau zwei Jahren mit all dem hier anfing, nicht gedacht, auch und vor allem aufgrund meiner bisherigen völligen Verweigerung von allem, was mit „social media“ zu tun hat. All diesen hundert Menschen gebührt heute mein aufrichtiger Dank! Auch denen, die ich nach ihrem Folgen nie wieder gelesen habe! 🙂 Vielen herzlichen Dank, liebe Leute!

Ein ganz besonderer Dank geht dabei wie immer an den „harten Kern“ meiner „Gefolgschaft“, der schon in den Anfangszeiten des Blogs alles las was ich verbrochen  hatte. Die Angesprochenen wissen dann schon Bescheid!

Und, wie gehts jetzt weiter? Nun, ich könnte dazu aufrufen, meinen Blog durch euch weiter in der Welt bekannt zu machen, Flyer in der Fußgängerzone zu verteilen, Aufkleber an Laternen zu kleben und jeden meiner Beiträge zu rebloggen – und ich möchte auch niemanden von derart absonderlichem Verhalten abhalten -, ich könnte es aber auch genauso gut lassen und weitermachen wie bisher. Ich tendiere da eher zu Letzterem.

Denn auch ohne solche Maßnahmen sehe ich mit meinem Blog goldenen Besucherzahlen entgegen, ganz bestimmt: Denn in den fast 24 Monaten seines Bestehens hat mein Blog genau 101 Follower bekommen. Das sind im Schnitt 4,2083333… pro Monat! Bei gleichbleibender Zuwachsrate können meine Follower in etwa 47 Monaten Xerxes bei den Thermopylen aufhalten und in etwa 138 Millionen Jahren wird mich die gesamte derzeit existierende Weltbevölkerung lesen! Also: Ich kann warten! 😉

Nein, mal im Ernst, hier geht es in naher Zukunft weiter mit den nächsten Rezensionen, und zwar spätestens, nachdem ich meinen derzeitigen Zustand zwischen Kreativitätstief und Lesefaulheit – wie ich vorhin an anderer Stelle schrieb – abgelegt habe, der daher rührt, dass ich eigentlich gerade ganz andere Dinge existenzieller Natur im Kopf habe, die ein angemessenes, ausführliches oder gar entspanntes Lesen von Büchern momentan massiv erschweren bis nahezu unmöglich machen. Das gibt sich aber sicherlich zeitnah, dann geht es weiter! 😉

Zumal sich auf meinen SuB (im Plural) gerade unheimlich viele Bücher tummeln, die ich ansonsten geradezu verschlingen würde! Was für mich als Entscheidungsneurotiker allerdings gleich wieder in die nächste Schwierigkeit führt. 😉 Hach ja, „first world problems“! 😉

Also nochmal: Vielen Dank an euch alle! Ich wünsche euch einen schönen Abend und

bis bald!

„Loney“ von Andrew Michael Hurley – Auf der Suche nach der verlorenen Spannung

Buch: „Loney“ (2016)

Autor: Andrew Michael Hurley

Ausgabe: Gebunden, 384 Seiten

Verlag: Ullstein

Der Autor: Andrew Michael Hurley, geboren 1975, ist ein britischer Autor. Er unterrichtet in Lancashire Englische Literatur und Kreatives Schreiben. Er veröffentlichte bereits zwei Erzählungsbände, bevor mit „Loney“ sein erster Roman erschien. Ursprünglich nur in einer sehr kleinen Auflage auf den Markt gebracht, entwickelte sich „Loney“ recht bald zum Geheimtipp und wurde im Januar 2016 mit dem Costa Book Award für das beste Debüt des Jahres ausgezeichnet.

Das Buch: In den 70er Jahren wachsen die beiden Brüder Tonto und Andrew, genannt Hanny, in einem stark christlich geprägten Elternhaus auf. Andrew ist stumm, daher unternimmt die Familie jedes Jahr aufs Neue eine Pilgerfahrt in den Norden Englands, wo es in der Nähe des Strandes „The Loney“ einen Wallfahrtsort mit einem Schrein gibt. Dort bittet die Familie jährlich um Hannys Genesung – bislang ohne Erfolg.

Jahrzehnte später erfährt Tonto aus der Zeitung, dass in den Trümmern eines eingestürzten Hauses in „The Loney“ eine Babyleiche gefunden wurde. Und sofort stehen ihm wieder die Ereignisse des Jahres 1976 vor Augen. Und er beginnt zu erzählen, was damals am unwirtlichen Küstenstreifen Nordenglands passiert ist.

Fazit: Schon nach der Hälfte der Lektüre wurde mir bewusst, dass es mir schwer fallen würde, über „The Loney“ zu schreiben. Denn eigentlich macht Andrew Michael Hurley in seinem Debütroman sehr viel richtig. Wenn aber die „Sunday Times“ urteilt, dieses Buch sei „Eine meisterhafte Exkursion ins Grauen“, dann liegt sie meiner Meinung nach damit eindeutig daneben. Nun, fangen wir erstmal mit den positiven Aspekten des Buches an.

Bereits in den ersten Kapiteln wird deutlich, dass „Loney“ stilistisch hervorragend geschrieben ist. Zu Beginn erfährt man einiges über die kleine religiöse Gemeinde und deren personelle Zusammensetzung, bevor sie in der Gegend um „The Loney“ ankommt. Spätestens dort punktet der Autor nicht nur mit sehr plastischen Beschreibungen der Landschaft und der rauhen klimatischen Bedingungen vor Ort, er baut an diesem Punkt des Romans auch eine düstere und, ja, auch etwas unheimliche Atmosphäre auf und schafft es, diese über die gesamte Länge des Romans beizubehalten. Leider lebt das Buch zu lange fast ausschließlich von dieser Atmosphäre und von der Hoffnung des Lesers, dass da jetzt doch irgendwann mal etwas kommen möge.

Indes, es bleibt bei der Hoffnung. Denn der Autor lässt trotz der düsteren Stimmung, die irgendwo zwischen Edgar Allen Poe und Bram Stoker liegt, keine wirkliche Spannung aufkommen. Stattdessen mäandert die Handlung sich gemächlich durch die Seiten und beschäftigt sich eine lange Zeit mit den Begebenheiten zwischen den wenigen Personen des Romans, wodurch der Roman manchmal etwas kammespielartiges bekommt. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Das muss nichts Schlechtes sein. Aber von seiner gesamten Aufmachung her erweckt der Roman eher den Eindruck, man habe es mit so etwas wie einer modernen Version des viktorianischen Schauerromans zu tun. Und das stimmt leider nur bedingt.

Die Stärken des Romans liegen eher abseits der Handlung, im Stil und vor allem in den Figuren. Im Laufe der Ereignisse bekommt man ein detailliertes Bild von der „heilen“ Welt der Religionsgemeinschaft: Hannys und Tontos Mutter klammert sich sklavisch an ihren Glauben und vor allem daran, dass alles immer genau so abzulaufen hat wie immer schon. Dabei hat sie sich nie mit der Behinderung ihres jüngeren Sohnes abgefunden und fühlt sich bestraft. Ihr Mann wagt ihr lange Zeit nicht zu widersprechen. Das begleitende Ehepaar Mr und Mrs Belderboss haben gegenseitig Geheimnisse voreinander. Miss Bunce und ihr angehender Ehemann, die die Gruppe komplettieren, wollen eigentlich gar nicht dort sein. Auch Neid und Missgunst gehen um, und man bekommt einen Eindruck, dass eben doch nicht alles so „heil“ ist in dieser Gemeinschaft. Und das unterhielt mich als Leser im Grunde genommen schon, es war nur meilenweit davon entfernt, „eine meisterhafte Exkursion ins Grauen“ zu sein.

Es war eher so, als wenn die Handlung des als Horrorfilms angepriesenen Films „Blairwitch Project“ darin bestanden hätte, dass vier Studenten in unheimlicher Umgebung im Wald am Lagerfeuer sitzen und zwei Stunden lang wohlformulierte Rilke-Gedichte zitieren – während der Zuschauer darauf wartet, dass doch endlich irgendein Irrer im Clownskostüm mit Machete aus dem Gebüsch springt, oder etwas Ähnliches passiert. 😉

Kurz, für mich scheiterte „Loney“ an meiner Erwartungshaltung, ist aber sicherlich kein schlechtes Buch. Wer wohlformulierte Bücher mag, die eine düstere Atmosphäre und detailliert gezeichnete Personen beinhalten und die ohne große Spannungsmomente auskommenn, der dürfte mit Hurleys Debüt zufrieden sein.

Wertung:

Handlung: 5,5 von 10 Punkten

Charaktere: 7,5 von 10 Punkten

Stil: 9 von 10 Punkten

Atmosphäre: 8,5 von 10 Punkten

Spannung: 5 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 7,1 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Die Heimkehr“ von Peter Georgas-Frey