„Die Chronik der Drachenlanze 1 – Drachenzwielicht“ von Margaret Weis und Tracy Hickman – Nostalgie!

Buch: Die Chronik der Drachenlanze 1 – Drachenzwielicht (1989)

Autoren: Margaret Weis und Tracy Hickman

Verlag: Goldmann

Ausgabe: Taschenbuch, 315 Seiten

Die Autoren: Margaret Weis ist eine 1948 in Independence, Missouri, USA, geborene Fantasy- und Science-Fiction-Autorin. Weis studierte Literatur und Kreatives Schreiben in Columbia und arbeitete im Anschluss 13 Jahre lang im Herald Publishing House. Zu dieser Zeit schrieb sie auch ihr erstes Buch über die Brüder Frank und Jesse James. Durch einen beruflichen Wechsel zu TSR („Tactical Studios Rules“) lernte sie Tracy Hickman kennen und verfasste mit ihm die Drachenlanze-Romane und andere Fantasy-Zyklen.

Tracy Hickman, 1955 in Salt Lake City, Utah, USA, geboren, ist ein amerikanischer Fantasy-Autor und Co-Autor diverser Fantasy-Rollenspiel-Publikationen. 1974  schloss Hickman die High School ab. 1975 unternahm der Mormone eine zweijährige Missionarstätigkeit für die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage in Hawaii und Indonesien. Anschließend war er in unterschiedlichen Jobs tätig, so z. B. als Theatermanager oder Glasarbeiter. 1984 begann er für TSR zu arbeiten und lernte so Maragaret Weis kennen. Hickman lebt in St. George, Utah.

Das Buch: In der Stadt Solace treffen sich im Wirtshaus „Zur letzten Bleibe“ sechs Freunde: Tanis, der Halb-Elf, Sturm, der Ritter von Solamnia, der Magier Raistlin, sein Zwillingsbruder Caramon, der alte Zwerg Flint und der Kender Tolpan. Vor fünf Jahren trennte sich die Gruppe und verstreute sich in alle Windrichtungen der Welt Krynn, gab sich aber das Versprechen, sich nach fünf Jahren in diesem Gasthaus wiederzutreffen.

Zu den weiteren Gästen in der Gaststube zählen auch zwei Barbaren aus den Ebenen Krynns: Goldmond, die Tochter des Stammeshäuptlings, sowie Flusswind, Goldmonds Geliebter.

Die Stimmung im Wirtshaus ist angespannt, denn die Lage in Krynn ist unübersichtlich und unsicher. Im Norden sollen geheimnisvolle Armeen gesichtet worden sein, ein Krieg droht auszubrechen. In Solace sind die Truppen des Obersten Theokraten in Alarmbereitschaft und auf der Suche nach einem magischen Artefakt, einem Stab mit heilenden Kräften. Dieser Stab, ein Geschenk Flusswinds, befindet sich in Goldmonds Besitz und entscheidet über das Schicksal der Welt. Die Barbarin ist gezwungen, mit Flusswind und den anderen Gefährten die Flucht in eine ungewisse Zukunft anzutreten, um nicht in die Fänge des Obersten Theokraten zu kommen.

Fazit: Lange Jahre bevor ich erstmals mit J.R.R. Tolkien und seinem „Der Herr der Ringe“ konfrontiert wurde – woraufhin ich beschloss, irgendwann sämtliche jemals erschienenen und zukünftig noch erscheinenden Ausgaben dieser eigentlich genialen Fanatasy-Trilogie aufzukaufen, um sie anschließend in einem geschichtsträchtigen Akt des Altruismus, der einem ohnehin wieder nicht gedankt wird, in die Feuer des Schicksalsberges zu werfen, und kommende Generationen von Lesern damit vor einer Begegnung mit Tom Bombadil zu bewahren, der wahrscheinlich überflüssigsten, seltsamsten, sinnlosesten und nervtötendsten Romanfigur in der Geschichte der Literatur seit der ersten Niederschrift des Gilgamesch-Epos, 2400 v. Christus – lange Zeit vor diesen Ereignissen also, lieh mir ein damaliger Mitschüler den ersten Band der Chronik aus.

Und das war der Grundstein für meine seitdem anhaltende Begeisterung für alles, was mit dem Fantasy-Genre zu tun hat, seien es Bücher, Filme oder Spiele. Ein knappes Vierteljahrhundert nach der erstmaligen Lektüre der Chronik wollte ich eigentlich nur wissen, ob mich die Bücher heute noch begeistern können. Kurz gesagt: Ja, sie können! Mittlerweile bin ich bei Band 3 angelangt. Erstaunlich bei diesem Selbstexperiment war, an wie viele Teile der Handlung ich mich noch gut erinnern konnte, obwohl ich die Bücher in den sehr frühen 90ern gelesen habe. Ebenso erstaunlich war die Lieferzeit der Bücher: Eine Wanderdüne wäre vermutlich schneller gewesen. Bei der nächsten Bestellung ziehe ich die Option „Lieferung durch berittenen Boten“ ernsthaft in Betracht, auch der wäre schneller gewesen. Aber das ist ein anderes Thema, kommen wir wieder zum Buch:

Weis und Hickman erfinden das Genre nicht neu, fahren aber alles auf, was im Bereich der Fantasy Rang und Namen hat: Greife, Einhörner Zentauren, Echsenwesen – und Drachen natürlich. Orks sucht man seltsamerweise vergeblich. Dabei geraten die Gefährten auf ihrer Reise von einer spannenden, weil gefährlichen, Situation in die nächste. Wo mir J.R.R. Tolkien auf 70 Seiten erklärt, dass zwei Elben deshalb nicht gut miteinander auskommen, weil sich ihre Familien vor zwei Zeitaltern um den Kaufpreis für einen lahmenden Maulesel gestritten haben (ein rein fiktives Beispiel!) – eine Information, die man später nie, nie, nie wieder braucht –  halten sich Weis und Hickman nicht mit derlei Nebensächlichkeiten auf. In der Chronik gibt es in erster Linie eines: Action! Ich fand das damals großartig, heute nicht minder.

Dabei bedienen sich die beiden Autoren eines Stils, der einfach sehr angenehm und leicht zu lesen ist, perfekt auch für jüngere Leser, die man nicht gleich mit dem „Silmarillion“ verschrecken will. Ich habe mir bei einem großen Online-Versandhandel extra die deutsche Erstausgabe organisiert, um nicht Opfer einer möglicherweise verschlimmbesserten Neu-Übersetzung zu werden. Mit Schrecken erinnere ich mich auch da an “ Der Herr der Ringe“. Dort hatte man Anfang des Jahrtausends aus „Jawohl, Herr“ „Ja, Chef“ gemacht, irgendwo hieß es sogar „Cheffchen“, glaube ich… Sei´s drum. Die Chronik las sich glücklicherweise so, wie ich sie in Erinnerung hatte. Gut, bisweilen, beispielsweise bei der Begegnung mit einem Einhorn, driftet das Ganze sprachlich dezent ins Kitischige ab, aber das sei gestattet.

Neben der actiongeladenen Handlung und dem angenehmen Stil punktet die Chronik in erster Linie mit ihren Charakteren, sonst nicht unbedingt eine Stärke des Fantasy-Genres. Üblicherweise findet man dort unerschrockene Heldengruppen, die gemeinsam durch dick und dünn gehen um die Welt vor dem Untergang zu retten. Hier nicht. Das Verhältnis einzelner Personen untereinander kann man wohlwollend als „gespannt“ bezeichnen,  phasenweise bilden die Gefährten eher eine Interessengemeinschaft als ein eingeschworenes Team. Mal etwas anderes, ich find´s erfrischend.

Mir hat der Ausflug in die literarische Vergangenheit ausgesprochen gut gefallen. So gut, dass er definitiv fortgesetzt werden muss. Nach kurzer Recherche stellte sich jedoch heraus, dass die Drachenlanzen-Romane, einschließlich Prequels, Sequels und sonstiger Quels die stolze Anzahl von 73(!) erreicht haben. Das-wird-teuer!!! 😉 Und das kostet vor allem Zeit. Sollte ich also meine nächste Rezension erst irgendwann 2017 veröffentlichen, dann bin ich in Krynn unterwegs ! 😉

Wertung:

Handlung: 8,5 von 10 Punkten

Charaktere: 9 von 10 Punkten

Stil: 8,5 von 10 Punkten

Atmosphäre: 10 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 9 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: Falls ich nicht für Monate in Krynn verschwinden sollte, dann gibt es demnächst, „Das Teufelsloch“ von Antonia Hodgson, ein historischer Roman, auf den ich mich schon seit ca. 2 Monaten freue, aber irgendwie kamen immer andere Bücher dazwischen… 😉

„Das Geheimnis des unendlichen Raums“ von Christoph Andreas Marx – Neues Weltbild

Buch: „Das Geheimnis des unendlichen Raums“ (2015)

Autor: Christoph Andreas Marx

Verlag: Herder

Ausgabe: Taschenbuch, 277 Seiten

Der Autor: Christoph Andreas Marx, Jahrgang 1960, ist ein deutscher Autor historischer Romane. Er studierte Philosophie, Germanistik, Geschichte und Theologie. Nach seiner Promotion war er zwei Jahre Leiter eines historischen Museums und ist seit 1991 als Lehrer tätig.

2003 veröffentlichte Marx sein erstes Buch „Das Leben ist ein rätselhafter Hauch“. Dem Erstling folgten mit „Das Vermächtnis des Templers“, „Das Pergament des Teufels – Ein Faustroman“ und eben „Das Geheimnis des unendlichen Raums“ bislang drei historische Romane.

Marx lebt und arbeitet in Minden.

Das Buch: Der Astronom Nikolaus Kopernikus arbeitet 1542 bereits seit vielen Jahren in Frauenburg. Nach Jahrzehnten der Himmelsbeobachtungen entschließt er sich, seine Erkenntnisse in einem Buch zu veröffentlichen.

Die Inquisition schickt den betagten Benediktinermönch Giovanni Maria Tolosani in Begleitung seines jungen Ordensbruders Alanus von Buchholz nach Frauenburg, um das Buch vor seinem Erscheinen einer genaueren Betrachtung zu unterziehen und mit Kopernikus zu sprechen.

Doch sie kommen zu spät. Der Astronom hat vor ihrem Eintreffen einen Schlaganfall erlitten und ist nicht mehr in der Lage zu sprechen. Und das Manuskript des Buches befindet sich auch nicht mehr in Frauenburg, es wurde zum Druck nach Nürnberg gebracht.

Also brechen die beiden Mönche dorthin auf. Aber noch bevor sie, dort angekommen, einen Blick in das Manuskript werfen können, überschlagen sich die Ereignisse: Ein Lagerhaus der Handelsvertretung der Augsburger Handelsfamilie Fugger, geleitet von Julia Fugger, geht in Flammen auf. Der Drucker Siegfried Zellner wird in der Druckerei ermordet. Das Manuskript des Kopernikus wird gestohlen.

Julia Fugger gerät in das Visier des ermittelnden Bürgermeisters Leitner. Und auch Alanus von Buchholz gilt für ihn als Verdächtiger. Um einer Haft im Kerker zu entgehen, sind die beiden gezwungen, zu fliehen und dafür zu sorgen, die wahren Hintermänner der Vorkommnisse zu finden. Wer hat Siegfried Zellner wirklich ermordet? Und ist der Mörder auch gleichzeitig der Dieb des Manuskripts? Und was steht in diesem Manuskript, das Menschen dazu bringt, über Leichen zu gehen? Julia und Alanus haben nicht viel Zeit, um Antworten auf diese Fragen zu finden.

Fazit: Vor geraumer Zeit habe ich bereits „Das Pergament des Teufels“ von C. A. Marx gelesen. Und obwohl ich mich nicht im Geringsten an die Handlung zurückerinnern konnte, was allgemein ein schlechtes Zeichen ist, meinte ich mich zu erinnern, dass mir dieses Buch damals ziemlich gut gefallen hat, was wiederum ein gutes Zeichen ist, und die Tatsache, dass ich mich nicht an die Handlung erinnern konnte umso seltsamer erscheinen lässt. Nun, um es vorwegzunehmen: Auch „Das Geheimnis des unendlichen Raums“ hat mir ziemlich gut gefallen.

Die bildhafte Sprache des Autors passt wunderbar in einen historischen Roman, die Dialoge sind gut geschrieben. Die 277 Seiten kann man daher in einem zügigen Tempo lesen,  da gibt´s gar nichts zu meckern.

Auch die Charaktere wissen zu gefallen, allen voran – für mich – der langsam in die Jahre kommende Giovanni Maria Tolosani sowie der ermittelnde Bürgermeister Leitner, seine ganz eigene Methode zu ermitteln hat und oftmals den Wald vor lauter Bäumen und das Brett vor dem eigenen Kopf nicht sieht. Julia und Alanus dagegen haben mich dagegen seltsamerweise eher kalt gelassen. Insgesamt sind die auftretenden Personen aber alle ganz stimmig.

Am meisten punktet der Roman allerdings mit seiner Handlung. C. A. Marx hat mit „Das Geheimnis des unendlichen Raums“ nicht nur einen spannungs- und wendungsreichen historischen Wissenschaftskrimi geschrieben, sondern vor allem auch einen lehrreichen. Das Buch ist sehr gut recherchiert, soweit ich das beurteilen kann, und befasst sich intensiv mit dem Weltbild, das die Menschen des 16. Jahrhunderts hatten und das von Kopernikus so nachhaltig verändert wurde. Es befasst sich aber auch mit den Auswirkungen, die die Erkenntnisse des Kopernikus auf die Menschheit haben könnten. In diesem Momenten bricht der Philosoph aus C.A. Marx heraus. Das bemerkt man vor allem in dem absolut großartigen Epilog mit dem der Autor, logischerweise, sein Buch beschließt.

Wer gerne historische Romane liest, liegt mit diesem Buch sicher richtig. Und wer sich, wie ich, gerne ein wenig über die real existierenden Figuren informiert, die in so einem Buch auftauchen, für den ist dieser gut recherchierte Roman ein wahres Fest.

Wertung:

Handlung: 8,5 von 10 Punkten

Charaktere: 7,5 von 10 Punkten

Stil: 9 von 10 Punkten

Atmosphäre: 9 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 8,5 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: Nachdem ich vor einiger Zeit Rezensionen über von Lesern gewünschte Bücher verfasst habe, nehme ich mir jetzt einmal die Freiheit heraus, mir selbst einen Wunsch zu erfüllen. Deshalb gibt es demnächst die Rezension zu einem Buch, dass ich vor einer halben Ewigkeit gelesen habe, und von dem ich wissen wollte, ob es mir immer noch gefällt: „Die Chronik der Drachenlanze 1 – Drachenzwielicht“, ein Fantasy-Klassiker! Vielleicht gibt´s die Rezension sogar noch vor Weihnachten. Falls ich nicht vorher durch Geschenke, Gehetze, Gebimmel von Glöckchen und durch WHAM! die Nerven verliere…

„Veronika beschließt zu sterben“ von Paulo Coelho – Literarischer Sonnenstrahl

Buch: „Veronika beschließt zu sterben“ (2000)

Autor: Paulo Coelho

Verlag: Diogenes

Ausgabe: Taschenbuch, 224 Seiten

Das Buch: Veronika ist 24 Jahre alt und lebt in Slowenien in einem angemieteten Zimmer im Kloster. Und Veronika hat ein besonderes Ziel: Sie möchte sich das Leben nehmen. Nach einer Zeit des eher unsteten, ausschweifenden Lebenswandels kommt sie zum Schluss, nunmehr alles im Leben erlebt zu haben und erwartet von ihrer Zukunft, mit der ewigen Eintönigkeit immer gleich vergehender Tage, nichts Gutes mehr.

Daher organisiert sich die junge Frau eine ausreichende Menge Schlaftabletten und schluckt sie. Um die Zeit bis zur Wirkung der Tabletten zu verkürzen, verfasst sie einen Brief an eine Zeitschrift, in der ein Journalist einen Artikel mit der Frage „Wo liegt Slowenien?“ beginnt. Dann verliert sie das Bewusstsein.

Doch der Selbstmordversuch schlägt fehl, kurz danach erwacht sie wieder, in Villete, einer psychiatrischen Anstalt. Der leitende Arzt eröffnet ihr in einem Gespräch, dass Veronika mit der Einnahme der Tabletten ihr Herz irreparabel geschädigt habe, und sie innerhalb der nächsten sieben Tage daran sterben werde.

Nach anfänglicher Abschottung gegenüber allen und allem, gerät die junge Frau in den nächsten Tagen in Kontakt mit anderen Patienten in Villete. Und sie entdeckt auf diese Weise etwas zurück, das sie längst verloren glaubte: Ihren Lebenswillen. Aber die vom Arzt prognostizierten sieben Tage schreiten unaufhaltsam voran…

Der Autor: Paulo Coelho ist ein 1947 in Rio de Janeiro geborener brasilianischer Schriftsteller. In einem religiös geprägten Haushalt aufgewachsen, beschließt Coelho nach der Schule, Jura zu studieren. Dieses Studium unterbrach er zwischenzeitlich für eine zweijährige Weltreise. Durch seine anschließende Tätigkeit als Theater- und Drehbuchautor, seinen Drogenkonsum sowie seine Ablehnung gegenüber den Eltern zweifeln diese an seinem Geisteszustand und lassen ihn insgesamt dreimal in die psychiatrische Anstalt „Casa de Saúde Dr. Eiras“ einweisen.  Die Erlebnisse dort verarbeitet Coelho in seinem Roman „Veronika beschließt zu sterben“.

Die weitere Lebensgeschichte Coelhos ist zu umfang- und abwechslungsreich, als dass ich sie hier in ein paar Zeilen angemessen wiedergeben könnte. Daher beschränke ich mich auf sein literarisches Werk:

Coelhos erfolgreichster Roman ist bislang „Der Alchimist“, welcher in 80 Sprachen übersetzt und über 83 Millionen Mal verkauft wurde. Insgesamt verkauften sich seine Bücher über 210 Millionen Mal.

Zwischenzeitlich stellte der Autor seine Bücher online kostenlos zur Verfügung, ein vermeintliches Desaster für die Verlage, die ihr Aufbegehren dagegen erst einstellten, als sich herausstellte, dass dadurch mehr seiner Bücher verkauft wurden.

Als Information am Rande: 2014 wurde ein Asteroid nach Paulo Coelho benannt. 🙂

Fazit: Eine ganz zauberhafte Person gab mir die Anregung, im Rahmen der Wunschrezensionen anlässlich meines einjährigen Blogbestehens, „Veronika beschließt zu sterben“ zu rezensieren. An dieser Stelle vielen lieben Dank dafür!

Unangenehmerweise hat besagte Person bereits ca. 24 Stunden nachdem mein Blog das Licht dieser Welt erblickte, den Wunsch nach einer Rezension zu diesem Buch geäußert, vor über einem Jahr also… Tja, manche Dinge dauern bei mir eben etwas länger.  🙂 Jetzt aber schreiten wir endlich zur Tat:

Ich habe gewisse Grundsätze literarischer Natur: Zu diesen Grundsätzen gehört, dass ich keine Bücher von Iny Lorentz oder Diana Gabaldon ertrage, ich schaffe das einfach nicht. Wobei mir zu Letztgenannter kürzlich versichert wurde, ihre Bücher seien besser geworden. Keine besonders große Leistung, wie ich finde… Nun, wie dem auch sei, zu diesen Grundsätzen gehörte bis vor einiger Zeit auch: „Verschenke niemals „Veronika beschließt zu sterben“!“. Und eigentlich gehörte auch dazu: „Schreibe niemals eine Rezension über dieses Buch!“

Warum nun diese beiden letzten Grundsätze? Also, eigentlich ganz einfach: Von allen Büchern, die ich in meinem Leben bisher gelesen habe, gehört „Veronika beschließt zu sterben“ zu den vielleicht fünf oder sechs Büchern, die mir wirklich etwas bedeuten, wenn es gestattet ist, das einmal etwas pathetisch zu formulieren. Und wenn man ein solches Buch verschenkt, läuft man Gefahr, dass der oder die Beschenkte das Buch, nachdem er oder sie es gelesen hat, mit einem „Ja, doch, war ganz nett…“ quittiert. Und auf solche Kommentare reagiere ich schon bei Büchern allergisch, die ich einfach nur „gut“ finde. Bei Büchern wie „Veronika beschließt zu sterben“ würde mich fehlende Begeisterung wahrscheinlich schwer treffen… 😉 Bei Filmen lege ich übrigens eine ähnlich mangelnde Kritikfähigkeit an den Tag.

Die Tatsache, dass ich, aus welchen Gründen auch immer, vor geraumer Zeit gegen meinen eigenen Grundsatz mit dem Verschenken verstoßen habe, führt nun, einige Jahre später, dazu, dass ich auch gegen den mit der Rezension verstoßen muss. „Die ich rief, die Geister werd´ ich nun nicht los“! Aber ich tu´s ja gerne! 🙂

Was ist es nun, was dieses Buch von so vielen anderen unterscheidet, und was es zu einem meiner Lieblingsbücher macht? Jetzt könnte ich natürlich sagen, dass man das nicht erklären könne und das Buch einfach lesen müsse. Ersteres wäre auch gar nicht so falsch und Letzteres würde ich jedem anraten, aber ich fürchte, so billig komme ich nicht davon. Gehen wir also mal in medias res, wie Horaz gesagt hätte, und kümmern uns um Dinge wie Stil, Charaktere und Handlung.

Bevor sich mir Handlung und Charaktere erschlossen, gefiel mir schon mal der Stil des Buches, soweit man den bei einer Übersetzung aus dem Portugiesischen beurteilen kann. Coelho erfindet die Sprache nicht neu, aber es macht jederzeit Spaß ihn zu lesen.

Die Charaktere sind meiner Meinung nach eine Klasse für sich. Von jeder der Nebenpersonen erfährt der Leser die Lebensgeschichte und die Begründung für seinen Aufenthalt in Villete. Coelho erschafft mit ihnen eine Fülle von verschrobenen und oftmals einfach unverstandenen Persönlichkeiten, die man wirklich gern haben muss.

Die Handlung als solche sprüht nicht vor Wendungen, Dramatik und Überraschungen. Aber das tut Veronikas Aufenthalt in Villete überhaupt keinen Abbruch, man liest hier schließlich keinen Thriller, man liest einen Coelho.

Was das Buch letztlich so besonders macht, ist schlicht: Es tut einem gut! Praktisch auf jeder Seite stehen schöne Sätze, die dazu führen, dass viele Leute „Veronika beschließt zu sterben“ als eine „Liebeserklärung an das Leben“ bezeichen. Und ziemlich genau das ist es auch. Coelho verbreitet in seinem Buch keine revolutionären, neuen, allgemeingültigen Weisheiten, aber wenn man, so wie ich vor einigen Tagen, mit diesem Grau da draußen, und der Existenz des Winters im Allgemeinen, hadert und sich für nichts wirklich begeistern kann, DANN ist „Veronika beschließt zu sterben“ genau das Richtige.

Übrigens ist dieses Buch, von mir völlig unbemerkt, bereits 2010 verfilmt worden. Mit Sarah Michelle Gellar in der Hauptrolle. Wie konnte mir das entgehen? Ich meine, hey, Sarah Michelle Gellar!!! Gut lassen wir das! 😉

Fairerweise möchte ich an dieser Stelle auch die Kritiker zu Worte kommen lassen, deren es bezüglich des Herrn Coelho unzählige gibt. Der sonst von mir wegen seiner Sendung „Druckfrisch“ sehr geschätzte Denis Scheck bezeichnet Coelho unter anderem als „Schwachsinnsschwurbler“ und „unangefochtenen König des Esoterikschunds“. Das macht mich latent aggressiv, da sind wir wieder bei meiner Kritikfähigkeit. 😉 Andere Leser werfen dem Schriftsteller vor, Depressionen und Schizophrenie zu verharmlosen. Niemand, der sich das Leben nehmen wolle, ließe sich einfach nur vom Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit und Gesprächen mit anderen Menschen wieder zu neuem Lebensmut verhelfen, heißt es da. Besagten Lesern sei gesagt: NA-TÜR-LICH-NICHT!!! Deswegen handelt es sich bei diesem Buch auch um einen Roman und nicht um ein Sachbuch. Kein Therapeut dieser Welt wird einem an einer Depression erkrankten Patienten raten: „Ach, lesen Sie einfach Coelho, dann wird alles wieder gut!“ Aber jemand, dem es einfach mal zwischenzeitlich nicht so gut geht, dem kann man nur zur Lektüre des Buches raten.

Als ich anfing, diese Rezension im Kopf erstmals durchzuarbeiten (ich tue das bei jeder, man glaubt es kaum), habe ich auch den Entschluss gefasst, meine Lieblingsstelle zu zitieren. Nun stellte sich aber heraus, dass dafür ziemlich viele Stellen in Frage kommen und ich unmöglich so viele Sätze zitieren kann, ohne Probleme mit dem Copyright zu kriegen! 😉 Daher habe ich für Folgendes entschlossen: „Ich bin sehr müde, doch ich will nicht schlafen, ich habe noch viel zu tun. Dinge, die ich immer aufgeschoben habe, weil ich dachte, das Leben würde ewig währen. Dinge, an denen ich das Interesse verlor, als ich zu glauben begann, es lohne sich nicht, zu leben.“ (S. 149)

In diesem Sinne: Geht mal wieder raus, werte Leser und Innen, und lasst Euch den Wind um die Nase wehen. Tut mal wieder Sachen, an denen Ihr das Interesse verloren habt. Und vor allem: Tut Dinge, die Ihr aufgeschoben habt, weil Ihr dachtet, das Leben würde ewig währen!

Wertung:

Handlung: 8,5 von 10 Punkten

Charaktere: 9,5 von 10 Punkten

Stil: 9 von 10 Punkten

Atmosphäre: 10 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 9,25 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: Mit „Veronika beschließt zu sterben“ endet die Reihe an Wunschrezensionen anlässlich meines Blog-Geburtstags. Ich bedanke mich nochmal herzlich bei allen daran beteiligten zauberhaften Personen.

Ich selbst werde mich mit der Rezension eines vor Ewigkeiten gelesenen Buches auch noch daran beteiligen.

Bis es aber soweit ist, und mir der große Online-Versandhandel mit A das entsprechende Buch zugeschickt hat, gibt es demnächst erstmal einen historischen Roman: „Das Geheimnis des unendlichen Raums“ von Christoph Andreas Marx.

 

 

„Oneiros“ von Markus Heitz – No sleep till Brooklyn

Buch: Oneiros (2014)

Autor: Markus Heitz

Verlag: Knaur

Ausgabe: Taschenbuch, 624 Seiten

Der Autor: Markus Heitz ist ein 1971 in Homburg/Saar geborener deutscher Schriftsteller. Nach seinem Abitur an einer katholischen Privatschule und dem anschließenden Wehrdienst, studierte Heitz Germanistik und Geschichte auf Magisterabschluss.

Nach seinem Studium war er als freier Journalist bei der Saarbrücker Zeitung tätig, bevor im Jahr 2003 sein erstes Buch „Die dunkle Zeit – Schatten über Ulldart 1“ erschien. Dafür erhielt Heitz den Deutschen Phantastik-Preis für das beste Romandebüt. Besagten Preis gewann er in verschiedensten Kategorien auch in den Jahren 2005 – 2007 sowie 2009 – 2012.

Seit seinem großen Erfolg mit seinem Buch „Die Zwerge“ ist Heitz ausschließlich als freier Autor tätig.

Das Buch: Konstantin Korff ist einerseits Inhaber eines Bestattungsinstituts und andererseits der renommierteste Thanatologe Europas: Er präpariert Leichen für die Aufbahrung vor Beerdigungen und bringt sie in einen optisch ansprechenden Zustand, damit niemand am offenen Sarg aus den Latschen kippt.

Aber Konstantin ist noch viel mehr als das. Er ist ein sogenannter Todesschläfer. Das sind Menschen, die vom Tod nicht gefunden werden können, sie sind im Grunde unsterblich. Sie verletzen sich normal, erkranken normal, aber der Tod als solcher kann einen Todesschläfer einfach nicht finden.

Von ihnen geht allerdings eine ungeahnte Gefahr aus, da sie unter einem alten Fluch leiden: Schläft ein Todesschläfer ein, so wird dadurch der Tod angelockt. Da dieser den Todesschläfer aber nicht finden kann, beendet Gevatter Tod frustriert jedes erreichbare Leben von Mensch und Tier im Umkreis. So jedenfalls schildert Konstantin seine Vorstellung hinsichtlich der Todesschläfer.

Nach einer Zeit als Söldner in einer der größeren Todesschläfer-Organisationen die sich weltweit gebildet haben, hat Konstantin von diesem Leben die Nase voll und beginnt, sich in Leipzig mit seinem Bestattungsinstitut eine neue Existenz aufzubauen.

Dann jedoch bekommt er Besuch von einem alten Bekannten: Commander Darling vom MI6. Darling ist auf der Suche nach einem entflohenen Todesschläfer, der unter Narkolepsie leidet und daher ein großes Risiko für seine Mitmenschen darstellt. Darling bittet Konstantin, sich auf die Suche nach diesem Mann zu machen. Als Gegenleistung gewährt er Konstantin Einblick in die Forschung, die er unternommen hat, um die Todesschläfer von ihrem Fluch zu befreien.

Korff willigt ein, denn ein Heilmittel gegen die tödliche Gefahr, die von ihm ausgeht, wünscht er sich momentan mehr als alles andere. Denn er hat sich in die junge Musikerin Iva verliebt, aber sein Fluch macht ein gemeinsames Zusammenleben unmöglich.

Fazit: Eine ganz zauberhafte Person hat mich im Rahmen der Wunschrezensionen anlässlich meines Blog-Jubiläums gebeten, „Oneiros“ zu rezensieren, wohlwissend, dass ich schon einiges vom Herrn Heitz gelesen habe. An dieser Stelle herzlichen Dank!

Wie gesagt, ich habe schon einiges von Markus Heitz gelesen. An die Zwerge-Reihe z. B. denke ich heute noch gerne zurück und die Ulldart-Reihe gehört meiner Meinung nach immer noch zum Besten, was es an deutscher Fantasy bis heute gibt. Auch „Ritus“ und „Sanctum“ haben mir, zumindest teilweise, gut gefallen. Dann gab es aber auch solche Bücher wie die „Judas-Trilogie“, die mich nicht so wirklich begeistern konnten. Entsprechend gespannt war ich, was mich denn nun bei „Oneiros“ erwarten würde.

Kurz: In Anlehnung an das Sprichwort „Schuster, bleib bei Deinem Leisten“ möchte ich in diesem Fall mal sagen: Markus, bleib bei deinen Zwergen!

Am wenigsten zu kritisieren habe ich bei „Oneiros“ glücklicherweise bei der Story. Hey, das ist immerhin die Hauptsache. Die Geschichte um die Todesschläfer ist wenigstens mal etwas anderes als das was es sonst über Unsterbliche zu lesen gibt. Auch wenn ich zugeben muss, die Handlung manchmal etwas albern gefunden zu haben.

Darüber hinaus haben mir an „Oneiros“ aber viele Kleinigkeiten und größere Kleinigkeiten nicht gefallen. Nehmen wir mal die Hauptfigur. Schon in „Ritus“ und „Sanctum“ ging mir Herr Heitz mit seiner Hauptfigut Eric von Kastell mächtig auf den Geist. In „Oneiros“ schafft er das wieder. Konstantin Korff ist ein Phänomen, das menschliche Äquivalent zum Schweizer Taschenmesser, er kann einfach alles: Er beherrscht asiatische Kampfsportarten, er ist Profi in der Sportart „Parcour“ und einiges andere. Völlig egal, mit welchen Situationen er konfrontiert wird, mit Hilfe seiner besonderen Fähigkeiten kommt er aus allem wieder heraus. Mal verprügelt er Diebe mittels Aikido, mal läuft er dank seiner Parcour-Fähigkeiten in höchstem Tempo über Markisen und Hausdächer, in Höchstform rutscht er sogar unter Zuhilfenahme seines Gürtels an Stromleitungen entlang (S. 455)! Ich fühlte mich beim Lesen phasenweise wie im Computerspiel „Mirror´s Edge“ und hatte permanent die Titelmusik von „Indiana Jones“ im Hinterkopf…

Ach ja: Und ausgesprochen gut riechen kann er auch noch. Als er das Parfüm seiner Freundin Iva riecht, heißt es: „Er bemerkte Spuren von Bergamotte, Jasmin, Rosen und Patchouli.“ (S. 107) Ja, nee, is klar.

Rosen, okay! Aber Jasmin ist für die meisten Männer ein weiblicher Vorname, ob nun mit oder ohne „e“ am Ende. Patchouli? Ich kenne Nico Patschinski, ehemals Fußballer bei St. Pauli und Eintracht Trier und jetzt beim FC Schnelsen tätig (aber wer will das wissen…), aber ich kenne keinen Kerl, der mir sagen könnte, wie Patchuli riecht. Und Bergamotte könnte für viele eher ein geflügeltes Gebirgsinsekt sein! Ich weiß auch nicht, warum mir die Stelle so sauer aufstößt, aber meiner Meinung nach ist Heitz mit seinem Mozart der olfaktorischen Wahrnehmung aber mal weit über´s Ziel hinausgeschossen.

Darüber hinaus gibt es noch eine Reihe anderer Stellen die mich stören. Auf seiner Seite, die ich jetzt partout nicht finden kann heißt es „…für die Frau in die er verliebt war und die er ganz sicher liebte.“ Hä? Ich denke jetzt noch über den Satz nach und frage ich, ob der einfach seltsam formuliert ist oder ob ich ihn möglicherweise  nur nicht begriffen habe.

Auch der eine oder andere Logikfehler nervt. Wenn eine Person vor einigen Tagen noch genug Geld hatte, um ein Schmuckstück für einen sechsstelligen Betrag zu kaufen, der Kauf aber nicht zustande kam, und die Person sich wenige Tage später aber das Geld für eine Zugfahrt erbetteln muss, fragt man sich schon: „Was hat der mit der Kohle gemacht? Black Jack? Texas Hold`em?“

Am störendsten empfand ich allerdings eine absolut überflüssige Sexszene, die derartig grottig geschrieben ist, dass sich sogar Diana Gabaldon dafür geschämt hatte. Und das will was heißen! Kleiner Spoiler: Übrigens handelt es sich nicht um Sex mit seiner angebeteten Iva, die einem vorher 400 Seiten lang regelmäßig ins Gedächtnis gerufen wurde und die er ja „ganz sicher liebte“. Nein, da geht es um eine andere Person, die spannenderweise wenige Stunden vor den sexuellen Ausschweifungen  einen Rippenbruch erlitten hat… Spoiler Ende

Insgesamt hätte bei „Oneiros“ ein sehr viel besseres Buch herauskommen können, wenn Markus Heitz nicht so demonstrativ versucht hätte, ein ganz dolle cooles Buch abzuliefern.

Sobald Markus Heitz wieder anfängt, Fantasy zu schreiben, fange ich auch wieder an, ihn zu lesen. Bis dahin ist allerdings erstmal Sense, fürchte ich.

Wertung:

Handlung: 7,5 von 10 Punkten

Charaktere: 6,5 von 10 Punkten

Stil: 6,5 von 10 Punkten

Spannung: 7 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 6,875 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: In Kürze folgt hier die letzte der Wunschrezensionen bezüglich meines Blog-Jubiläums. Es handelt sich um eines meiner Lieblingsbücher von einem meiner Lieblingsautoren!

 

„Cry Baby“ von Gillian Flynn – Schräge Frauen, schwache Männer

Buch: „Cry Baby“ (2015)

Autorin: Gillian Flynn

Verlag: Fischer

Ausgabe: Taschenbuch

Die Autorin: Gillian Flynn ist eine 1971 in Kansas City, Missouri, geborene amerikanische Autorin. Sie wuchs als Tochter zweier „community college“-Professoren auf, ihre Mutter unterrichtete Literatur, ihr Vater Film. Das führte dazu, dass die junge Gillian ihre Zeit intensiv mit Büchern verbrachte und sich Filme wie „Alien“ oder „Psycho“ bereits im Alter von etwa sieben Jahren ansah…

Nach ihrem Schulabschluss studierte Flynn an der University of Kansas Englisch und Journalismus. Anschließend war sie einige Jahre für „Entertainment Weekly“ tätig, unter anderem als TV-Kritikerin.

Ihr erster Roman „Cry Baby“ erschien im englischen Original bereits 2006. Drei Jahre später folgte „Dark Places“. Spätestens mit ihrem dritten Roman „Gone Girl“, 2012 erschienen und mit Ben Affleck erfolgreich verfilmt, hat Gillian Flynn weltweit den Durchbruch geschafft.

Das Buch: Camille Preaker ist Anfang 30 und als Journalistin bei einer kleinen Zeitung in Chicago beschäftigt. Als ihrem Chefredakteur Frank Curry die Nachricht über den Mord an zwei kleinen Mädchen in der Kleinstadt Wind Gap zu Ohren kommt, schickt er Camille mit dem Auftrag dorthin, in dieser Geschichte Recherchen zu betreiben.

Camille ist deswegen für den Job prädestiniert, weil sie selbst in Wind Gap aufgewachsen ist. Allerdings hat sie ihre Heimatstadt bereits vor vielen Jahren aus guten Grund verlassen: Ihren Vater hat sie nie kennengelernt, von ihrer Mutter wurde sie stets kalt und lieblos behandelt und ihre kleine Schwester Marian starb, als Camille 13 Jahre alt war. Daraufhin begann Camille, sich zu ritzen. Sie schneidet sich über einen langen Zeitraum immer wieder einzelne, unzusammenhängende Worte in die Haut. Im Laufe der Zeit entwickelt sie auch einen großen Hang zum Alkohol.

Erst mit Anfang 30 entschließt sie sich zu einer Therapie und ist seit sechs Monaten trocken, als Frank Curry sie nach Wind Gap schickt. Dort führt Camille nicht nur Recherchen durch, sondern ist auch gezwungen, sich mit den Dämonen ihrer Vergangenheit zu konfrontieren.

Fazit: Reden wir mal von Hauptfiguren: Ich erwähnte schon mal, dass ich gerne an anderer Stelle nachlese, ob andere Menschen über die von mir gelesenen Bücher genau so denken wie ich. Vorzugsweise auf der Internetseite des großen Onlineversandhandels mit A am Anfang und angeblich zweifelhaften Arbeitsbedingungen. Da gibt es dann allgemein Rezensenten, die behaupten, sie hätten das Buch xy einfach nicht zu Ende lesen können – fühlen sich aber dann doch bemüßigt, eine Rezension über das von ihnen nicht gelesene Buch zu schreiben. Das ist ungefähr so, als wenn ich bei einem Fußballspiel nach 60 Minuten beim Stande von 0:0 das Stadion verlasse und in meinem Artikel in der Lokalzeitung am nächsten Tag behaupte, dass Spiel sei beschissen gewesen – obwohl es noch 4:4 ausging…

Und im Fall von „Cry Baby“ bemängeln viele Leser, dass die Hauptfigur ihnen so gar nicht sympathisch gewesen sei, es in diesem Buch an sich überhaupt keine Figuren gäbe, die sympathisch sind. Das mag sein, nein, das IST sogar so, aber wer sich daran stört, der kann mit den Büchern von Gillian Flynn einfach nichts anfangen. Egal, ob in „Gone Girl“, „Dark Places“ oder eben wie hier in „Cry Baby“: So ganz rund laufen die Protagonisten bei Flynn alle nicht. Ich persönlich finde das nicht sonderlich schlimm. Oder fand irgendjemand Hannibal Lecter seinerzeit sonderlich sympathsch? Na, eben! 😉

Mir ist viel wichtiger, dass die Figuren und ihre Handlungen authentisch wirken. Und in „Cry Baby“ tun sie das. Obwohl sie alle nicht ganz normal sind und zwischendurch Dinge tun, die ich so nicht getan hätte – vielleicht aber auch gerade deswegen – mag ich Flynns Charaktere.

Auch die düstere Atmosphäre, die sich durch „Cry Baby“ zieht, kennt der geneigte Leser schon aus ihren anderen Romanen. Flynns Bücher verbreiten keine gute Laune, man bekommt eher den Eindruck, als sei die Welt insgesamt ein schlicht und ergreifend kaputter Ort. Ich finde das super! 😉

Kurz gesagt: Wer schon mit „Gone Girl“ oder „Dark Places“ seine Freude hatte, der macht auch mit „Cry Baby“ nichts verkehrt. Und für die, die partout einen smpathischen Protagonisten brauchen, gibt es eben andere Bücher. „Arielle, die Meerjungfrau“ und dergleichen. 😉

Wertung:

Handlung: 8 von 10 Punkten

Charaktere: 9 von 10 Punkten

Stil: 8,5 von 10 Punkten

Spannung: 8 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 8,375 Punkte

Demnächst in diesem Blog: In Kürze folgt hier die vorerst vorletzte Wunschrezension. Details verrate ich wie immer nicht. Aber wer Bücher von Markus Heitz mag, darf schon mal gespannt sein. Ooops… 😉