„Mirage“ von Matt Ruff – Unpolitisch sein heißt politisch zu sein, ohne es zu merken

Buch: „Mirage“ (2015)

Autor: Matt Ruff

Verlag: dtv

Ausgabe: Taschenbuch, 492 Seiten

Der Autor: Matthew Theron Ruff, geboren 1965 in Queens, New York, ist ein amerikanischer Schriftsteller. Nach eigenen Angaben fasste Ruff bereits im Alter von 5 Jahren den Entschluss, Schriftsteller zu werden und verbrachte den Großteil seiner Kindheit und Jugend damit, zu erlernen, wie man gute Geschichten erzählt. Sein erster Roman „Fool on the hill“ (1988) war gleichzeitig seine Magisterarbeit und sein Durchbruch. Danach folgten die Romane „G.A.S. Die Trilogie der Stadtwerke“ (1997), „Ich und die Anderen“ (2003), „Bad Monkeys“ (2007) und eben „Mirage“.  Anfang 2016 erscheint sein in den 50ern angesiedelter Roman „Lovecraft County“.

Das Buch: 09.11. 2001, Bagdad: Amerikanische, christliche Fundamentalisten kapern Flugzeuge und steuern sie in die Euphrat-und-Tigris-Zwillingstürme. Der Aufschrei in den Vereinigten Arabischen Staaten ist groß. Umgehend wird eine Militär-Aktion gestartet und die arabischen Streitkräfte marschieren in Amerika ein.

Die Bundesagenten Mustafa, Samir und Amal sind schwer beschäftigt mit der Abwehr weiterer Anschläge. Bei einem ihrer Einsätze nehmen sie einen potenziellen Attentäter fest. Und in der Vernehmung behauptet dieser steif und fest, dass alles eigentlich ganz anders ist: Amerika ist die Supermacht, die Vereinigten Arabischen Staaten gibt es seiner Ansicht nach gar nicht.

Das Ermittler-Team tut seine Äußerungen erst als seltsamen Unfug ab. Dann mehren sich aber Hinweise, dass die Aussagen des Inhaftierten doch nicht ganz so aus der Luft gegriffen sind. Mustafa, Samir und Amal versuchen zu ergründen, was denn nun Realität und was Einbildung ist. Und was haben Osama bin Laden und Saddam Hussein mit der ganzen Sache zu tun?

Fazit: Falls ich mich nicht verzählt haben sollte, ist „Mirage“ mein fünfzigstes in diesem Blog rezensiertes Buch. Angesichts dieser Zahl feiere ich mich jetzt mal 10 Sekunden selbst! 😉 …Erledigt! Kommen wir zum Thema:

Ich habe seit geraumer Zeit „Fool on the hill“ von Matt Ruff auf meinem Stapel ungelesener Bücher liegen, konnte mich aber trotz der Ermunterung einer einzelnen ganz bezaubernden Person nicht dazu durchringen, es zu lesen. Ich kam zweimal bis ungefähr Seite 50 und dachte mir dann immer: „Aha…“ Dann habe ich es wieder weggelegt. Und als meine Buchhändlerin mir „Mirage“ enthusiastisch in die Hand drückte und sinngemäß sagte: „Das kann ich empfehlen, das ist … abgefahren!“, wollte ich eben auch auf meine nicht so enthusiastische Erfahrung mit „Fool on the hill“ hinweisen, aber, na ja, sie hat ja meistens Recht. Und im Zuge der zweiten Chancen, die ich in jüngerer Vergangenheit mehreren Autoren gegeben habe, dachte ich mir: „Ach, dann lies es halt!“ Erstens war das eine gute Idee und zweitens hatte meine Buchhändlerin wieder mal Recht!

„Publishers Weekly“ urteilt über das Buch: „“Mirage“ ist so unterhaltsam wie provokant, und damit genau das, was beste Unterhaltungsliteratur sein sollte“. Eigentlich könnte ich es dabei bewenden lassen, denn besser und kürzer könnte ich es auch nicht sagen. Ich versuche trotzdem, ein wenig ins Detail zu gehen.

Die Ausgangssituation des Buches gibt Matt Ruff die Möglichkeit, nach Herzenslust herumzuspinnen. Und das tut er auch. Und trotz der Tatsache, dass in einem solchen Buch die Geschichte im Vordergrund steht, schafft es der Autor, dass seine Charaktere nicht zweitrangig oder gar belanglos erscheinen. Die (Vor-)Geschichte von Amal, Samir und Mustafa wird spannend beleuchtet und jede dieser Lebensgeschichten wirkt sich im späteren Verlauf auf die Handlung aus – das gefällt.

Auch was den Stil angeht, kann ich Mr. Ruff wenig vorwerfen. „Mirage“ liest sich gut und flüssig, ohne dass ich dabei jetzt in Ekstase verfalle.

Kommen wir wieder auf den Punkt „nach Herzenslust herumspinnen“: Da hat Ruff aber mal alles gegeben! Beispiele?

Nach dem 2. Weltkrieg und der Intervention der Vereinigten Arabischen Staaten entsteht der Staat Israel mit der Hauptstadt Berlin!

Tariq Aziz ist Inhaber und Herausgeber einer großen Zeitung.

Saddam Hussein ist Gewerkschaftsanführer und der oft erfolglos verklagte Chef der Unterwelt.

Osama bin Laden ist Senator und Chef einer Antiterroreinheit(!!!) des Geheimdienstes.

Während man das alles noch realtiv gut verkraften kann, steigt Ruff zwischendurch aber auch knietief in den Tümpel des schwarzen Humors ein:

Timothy McVeigh und David Koresh sind als amerikanische Geheimdienstler tätig…

Bei der Frage nach der Nationalität möglicher Verdächtiger (vielleicht deutsch), wird die Vermutung geäußert, es könne sich auch um Skandinavier handeln. Darauf Samir: „Skandinavische Terroristen? Mustafa, bitte!!“ Die Anspielung auf das Attentat des Herrn Breivik ist da sicherlich gewollt…

Nein, Matt Ruff kümmert sich in „Mirage“ keinen Deut um „political correctness“, und das ist auch gut so. Eigentlich hätte die Story die Möglichkeit geboten, noch ein bisschen böser zu sein! Aber hey, immer noch ein gutes Buch!

Wertung:

Handlung: 9 von 10 Punkten

Charaktere: 8 von 10 Punkten

Stil: 8 von 10 Punkten

Kreativität: 9 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 8,5 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Die Schutzlosen“ von Kati Hiekkapelto. Ein Thriller. Aus Finnland. Diese Namen…

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„Der Fall Collini“ von Ferdinand von Schirach – Mildernde Umstände?

Buch: „Der Fall Collini“ (2013)

Autor: Ferdinand von Schirach

Verlag: Piper

Ausgabe: Taschenbuch, 195 Seiten

Der Autor: Ferdinand von Schirach, 1964 in München geboren, ist ein deutscher Schriftsteller und Strafverteidiger. Er gehört zu den erfolgreichsten deutschen Autoren der letzten Jahre, dessen Bücher regelmäßig auf der “Spiegel”-Bestsellerliste stehen. Mehrere seiner Werke wurden bereits erfolgreich für das ZDF verfilmt.

Das Buch: Jean-Baptiste Meyer ist ein 85 Jahre alter Industrieller. Der Rentner Fabrizio Collini, italienischer Abstammung und seit 35 Jahren in Deutschland, gibt sich als Journalist aus und trifft sich mit Meyer in einem Hotel zum Interview. Bei dieser Gelegenheit erschießt Collini den alten Mann.

Caspar Leinen ist seit 42 Tagen Rechtsanwalt und hat eine eigene Kanzlei. Er wird Collini als Pflichtverteidiger zugeteilt. Sein Mandant macht ihm die Arbeit allerdings nicht gerade einfach, denn Collini schweigt beharrlich. Er gibt zwar die Tat als solche unumwunden zu, darüber hinaus will er sich aber nicht äußern.

Auch auf die polizeilichen Ermittlungen wirkt sich Collinis Schweigen negativ aus. Denn so unstrittig Täter, Opfer, Tatort und Mordwaffe auch sind – was fehlt, ist einzig Collinis Motiv. Die Polizei sucht nach einer Verbindung zwischen Täter und Opfer, nach einem Grund für den Mord, wird aber nicht fündig. Niemand kann sich so richtig erklären, warum ein vollkommen unbescholtener einen harmlosen alten Mann umbringen sollte.

Collini wird dennoch vor Gericht gestellt. Und erst in der Verhandlung bricht er sein Schweigen – und plötzlich steht seine Tat in einem völlig anderen Licht da.

Fazit: Ich gebe zu, nachdem mich „Tabu“ etwas ratlos zurück gelassen hat und mich bis heute die Vermutung beschleicht, dieses Buch einfach nicht komplett begriffen zu haben, war ich mir nicht ganz sicher, ob ich noch weitere Bücher von Herrn Schirach lesen sollte. Aber einem Schriftsteller eine zweite Chance zu geben, hat sich bei mir in der jüngeren Vergangenheit eigentlich immer als gute Idee erwiesen. So auch in diesem Fall.

Einerseits sind da die gewohnten Stärken im stilistischen Bereich. Der kurze, prägnante Stil Schirachs gefällt mir ausnehmend gut. Ich bekam beim Lesen den Eindruck, als habe sich der Autor wirklich über jeden einzelnen Satz lange Gedanken gemacht, es wird kein Wort zu viel und kein Wort zu wenig verwendet. Hätte nicht Marcel Proust „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ geschrieben, sondern Ferdinand von Schirach – ich hätte es schon längst gelesen! 😉

Die Charaktere gefallen mir ebenfalls deutlich besser als noch in „Tabu“. Sie sind weniger weltfremd, ihr Handeln ist einfacher nachzuvollziehen. Lediglich auf die Person des Industriellen Meyer und seine charakterliche Entwicklung im Laufe seines Lebens hätte der Autor vielleicht ein wenig genauer eingehen können. Übrigens sind im Bereich der Charaktere merkwürdigerweise deutliche Parallelen zwischen beiden Büchern festzustellen. Der Rechtsanwalt Caspar Leinen verbringt einen Teil seiner Schulzeit im Internat. Sein Vater ist Jäger. Die Mutter seines besten Freundes begeistert sich für den Reitsport und hat selbst Pferde.

Alle diese Motive aus „Der Fall Collini“ finden sich fast identisch auch in „Tabu“ wieder! Ob Herr von Schirach da bei sich selbst geguttenbergt hat, kann ich nicht beurteilen, mir ist es halt nur aufgefallen.

Auch die Handlung selbst konnte mich diesmal deutlich mehr begeistern. Als Collini in der Gerichtsverhandlung sein Schweigen bricht und in Rückblenden erzählt wird, was ihn mit dem Mordopfer verbindet, spätestens da entfaltet das Buch eine gewisse Sogwirkung. Viel zu früh gerät man daher plötzlich an den Schluss den Buches und denkt sich: „Ach ja, da war ja was!“

Die Bücher von Schirachs haben leider alle einen mehr als überschaubaren Umfang. Ich weiß ja, dass man sich über die Zuordnung eines literarischen Werkes zu einer Literaturgattung anhand des Umfangs streiten kann. Aber wenn es sich bei Martin Walsers „Ein fliehendes Pferd“ um eine Novelle handelt, dann finde ich die Bezeichnung Roman für dieses Buch mit 195 Seiten, die man größtenteils durch geringere Zeilenanzahl, größeren Zeilenabstand und einer Schriftgröße für leicht weitsichtige Menschen erreicht hat, schon überaus gewagt!

Aber das ändert nichts daran, dass „Der Fall Collini“ ein wirklich gutes Buch ist. Ein Buch über das man noch eine ganze Weile nachdenken kann.

Wertung:

Handlung: 8 von Punkten

Charaktere: 8 von Punkten

Stil: 9 von 10 Punkten

Spannung: 7,5 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 8,125 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Mirage“ von Matt Ruff, ein „Parallelwelt-Thriller“.

„Ein paar Tage Licht“ von Oliver Bottini – Dunkle Machenschaften

Buch: „Ein paar Tage Licht“ (2015)

Autor: Oliver Bottini

Verlag: Dumont

Ausgabe: Taschenbuch, 502 Seiten

Der Autor: Oliver Bottini ist ein 1965 in Nürnberg geborener deutscher Krimiautor. Darüber hinaus verfasst er Sachbücher über Meditation, Buddhismus und andere Themen. Nach seinem Abitur in München studierte er dort Germanistik, Italianistik sowie Markt- und Werbepsychologie. Seit 1995 ist er als freiberuflicher Autor und Lektor tätig. In den letzten Jahren wurden seine Krimialromane mehrfach ausgezeichnet, so standen sie regelmäßig in den Bestenlisten des Deutschen Krimipreises. Bottini lebt mit seiner Frau in München.

Das Buch: Peter Richter ist Manager eines deutschen Rüstungskonzerns. Richter reist nach Algerien um einen Deal über eine Lieferung Panzer abzuschließen. Dort wird er prompt entführt. Die algerischen Ermittlungsbehörden, der Geheimdienst sowie das Militär sind sofort überzeugt: Al-Qaida hat wieder einmal zugeschlagen.

Ralf Eley ist Verbindungsbeamter des BKA in Algerien. Und er kann an die Geschichte mit Al-Qaida nicht so recht glauben. Verbotenerweise stellt er eigene Ermittlungen an. Und relativ schnell ist für ihn klar: Die islamische Terrororganisation hat mit der Entführung des deutschen Managers nicht das Geringste zu tun.

Stattdessen scheinen junge Algerier dafür verantwortlich zu sein, die das bislang vom „Arabischen Frühling“ völlig unberührt gelassene Algerien von Grund auf ändern wollen. Von seinen Mutmaßungen will aber niemand etwas hören. Schließlich würde das den Panzer-Deal sowie alle weiteren Waffenlieferungen nach Algerien gefährden. Eley legt sich dennoch mit den Entführern und der mächtigen deutschen Rüstungsindustrie an.

Fazit: Möglicherweise hat die Buchindustrie meinen wiederholt geäußerten Ärger über unnötige Aufkleber auf Büchern tatsächlich vernommen. (Nun, wahrscheinlich hat sie es nicht, aber ich möchte das so gerne glauben) Statt nun aber auf diese Aufkleber einfach zu verzichten, haben die Herrschaften einen perfiden Plan ersonnen: Sie drucken die Dinger jetzt einfach drauf!!! So prangt auf diesem Buch kein Aufkleber, den man abziehen könnte, sondern der Blick des geneigten Lesers fällt auf einen orangefarbenen Kreis mit der Aufschrift: „Deutscher Krimipreis 2015“! Tja, die Buchindustrie ist mir immer einen Schritt voraus… Dass „Platz 2 beim Deutschen Krimipreis 2015“ ehrlicher, weil korrekt, gewesen wäre, fällt da gar nicht mehr ins Gewicht. Kommen wir zum Thema:

Gerade heute wurde in den Nachrichten über einen massiven Anstieg deutscher Rüstungsexporte in diesem Jahr berichtet. In erster Linie ist dieser Anstieg auf vermehrte Lieferungen nach Nordafrika zurückzuführen. Insofern widmet sich Oliver Bottini in „Ein paar Tage Licht“ einem topaktuellen Thema.

Es ist noch gar nicht so lange her, da wurde in Deutschland Kritik an einer Panzerlieferung nach Saudi-Arabien laut. „Dort demonstrieren Menschen“, hieß es, „wie kann ausgeschlossen werden, dass die saudi-arabische Regierung diese Panzer gegen die eigene Bevölkerung einsetzt?“ Nicht zuletzt aufgrund dieser Kritik wurde von diesem Geschäft mittlerweile Abstand genommen.

Dass Waffenlieferungen häufig trotz solcher Bedenken durchgeführt werden, zeigt Bottinis Buch eindrucksvoll. Schließlich kann man mit Waffengeschäften vor allem eines: Geld verdienen! Und das ist ja so wichtig für den oft erwähnten Wirtschaftsstandort Deutschland und die dortigen Arbeitsplätze. Daher kann man sich auch schon mal großzügig über Lieferverbote und sonstige Beschränkungen hinwegsetzten, seitens der Industrie ebenso wie seitens der Politik. Angenommen, Waffen dürften nicht an Staat Y geliefert werden. Dann liefert man die Waffen eben an Staat X. Der unterschreibt dann zwar eine „Endverbleibserklärung“ (welch schönes Wort), falls die Waffen aber nicht in Staat X „endverbleiben“, sondern von dort nach Staat Y geliefert werden, tja, dann kann der deutsche Rüstungskonzern auch nichts dafür.

Oder aber, man verkauft einfach Herstellungslizenzen für Waffen. Wenn man also kein G36 an einen Staat liefern darf, dann aber wenigstens die Herstellungslizenz dazu, die Wumme darf dann vor Ort gebaut werden. Win-Win-Situation.

All solche Informationen bekommt man durch „Ein paar Tage Licht“. Und vieles davon hätte ich lieber nie gewusst, ich rege mich dann nur wieder auf. Aber gerade an den Stellen, an denen der Autor hinter die Fassade der Rüstungsindustrie und der deutschen Politik blickt, konnte er bei mir punkten.

So gut die Geschichte auch ist, so gut wird sie auch erzählt. Bottini hat einen knappen, schnörkellosen Stil, der mit gut gefällt.

Letztlich hat das Buch für mich nur ein großes Manko: Es wirkt auf mich seltsam emotionslos, die Figuren Bottinis haben mich in keinster Weise mitgerissen. Ansätze dafür waren durchaus vorhanden, ein Rüstungslobbyist, dessen Privatleben aus den Fugen gerät, eine verbotene Liaison zwischen BKA-Mann Eyle und einer tunesischen Ermittlungsrichterin, all das hätte sich angeboten, um ein bisschen mehr Zwischenmenschliches einfließen zu lassen. Seltsamerweise fühlte ich mich von den Charakteren aber nicht angesprochen, stattdessen fühlte ich mich mehr wie in einem Tom-Cruise-Film der 90er, in dem das Hauptaugenmerk der Handlung schlicht darauf gelegt wurde, dass Tom jetzt aber bitteschön erstmal umgehend und actionreich die Welt rettet.

Ein weiterer, wenn auch nur kleiner Kritikpunkt, ist für mich das Glossar. Nicht jeder ist Fachmann für Algerien, die französische Sprache oder deutsche Rüstungskonzerne, ich auch nicht. Insofern finde ich es super, wenn der Autor wie hier den Leser mittels eines Glossars etwas unterstützt. Aber 41 Seiten Glossar(!!!) für 460 restliche Seiten Text, das ist dann einfach zuviel des Guten. Ich möchte meinen Lesefluss nicht alle 60 Sekunden unterbrechen und ans Ende des Buches blättern müssen.

Aber die Tatsache, dass „Ein paar Tage Licht“ auf Platz zwei beim diesjährigen Deutschen Krimipreis gelandet ist, legt möglicherweise auch schlicht die Vermutung dar, dass ich keine Ahnung habe, wer weiß!?

Wer actionsgeladene Unterhaltung und Vermittlung von Hintergrundwissen zu Dingen, die in unserer Welt falsch laufen, mag, der wird mit diesem Buch zufrieden sein.

Wertung:

Handlung: 8 von 10 Punkten

Charaktere: 4,5 von 10 Punkten

Stil: 8,5 von 10 Punkten

Spannung: 6 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 6,75 Punkte

Demnächst in diesem Blog:

„Der Fall Collini“ von Ferdinand von Schirach.

„Der Kinderpapst“ von Peter Prange – Teeniestar in leitender Funktion gesucht

Buch: „Der Kinderpapst“ (2013)

Autor: Peter Prange

Verlag: Piper

Ausgabe: Taschenbuch, 600 Seiten

Der Autor: Peter Prange ist ein 1955 in Altona geborener Schriftsteller. Nach seinem Studium der Romanistik, Germanistik und Philosophie und einer Promotion über das Zeitalter der Aufklärung war Prange lange Zeit in Wirtschaft und Wissenschaft tätig. Seit vielen Jahren ist er hierzulande einer breiten Leserschaft als Autor historischer Romane ein Begriff. Neben einigen Sachbüchern hat Prange bereits 11 historische Romane veröffentlicht, die in insgesamt 19 Sprachen übersetzt wurden.

Das Buch: Teofilo von Tusculum kommt 1021 als vierter Sohn des Grafen Alberico von Tusculum und dessen Frau Ermilina zur Welt. Die Tuskulaner gehören zu den einflussreichsten Familien Roms. Albericos Bruder Romanus sitzt als Papst Johannes XIX. auf dem Heiligen Stuhl. Sein Amtsvorgänger war bis zu seinem Tod Benedikt der VIII., ein weiterer Bruder.

Um diese Machtposition der Tuskulaner gegen die Crescentier und Sabiner zu verteidigen, ist auch das Schicksal des jungen Teofilo früh vorherbestimmt. Er soll einmal Chiara di Sasso heiraten. Die beiden jungen Menschen lernen sich kennen, verstehen sich ausgesprochen gut, und können es kaum erwarten, bis sie alt genug für die Hochzeit sind.

Dann jedoch kommt alles anders: Papst Johannes XIX. verstirbt unerwartet. Weitere Brüder hat Alberico nicht. Daher muss er sich entweder selbst für das Amt ins Spiel bringen oder aber einen seiner Söhne, um die Macht der Familie zu erhalten. Persönlich verspürt er nicht die geringsten Ambitionen, Papst zu werden, auch seine drei ältesten Söhne scheinen ihm nicht geeignet zu sein. Aber da gibt es ja noch Teofilo! Allerdings ist der gerade erst 12 Jahre alt…

Als es um die Papstwahlt geht, schlägt Alberico dennoch seinen jüngsten Sohn vor. Eine Welle der Entrüstung schlägt ihm entgegen: Ein Kind auf dem Papstthron? Das geht doch nicht!!! Oder doch? Mit dem Argument, dass ein schwacher Papst den Vorteil hätte, dass alle im Vatikan ihm auf der Nase herumtanzen und ansonsten tun könnten, was sie wollten einerseits, und mit gigantischen Bestechungszahlungen andererseits, geschieht das Unerwartete: Teofilo von Tusculum wird im Jahre 1033, als Zwölfjähriger, Papst Benedikt IX. !

Der wird bei dieser Angelegenheit auch gar nicht groß gefragt. Und sein innigster Wunsch, bald seine Chiara heiraten zu können, verschwindet in weiter Ferne…

Fazit: Wenn man junge Menschen bereits in ihrer Kindheit einem übergroßen Erfolgsdruck aussetzt, statt sie einfach Kind sein zu lassen, dann kann es schon mal vorkommen, dass sie im Laufe der Zeit, nun, sagen wir mal, etwas wunderlich werden. Als Beispiele fallen mir da Michael Jackson, Justin Bieber, Miley Cyrus oder 4.000 andere mehr oder bekannte Disney-Kinderstars ein.

Auch Teofilo von Tusculum, nunmehr Papst Benedikt IX., ergeht es nicht anders: Er erweist sich als veritable Fehlbesetzung. Anfangs versucht Benedikt noch, den Sündenpfuhl Rom in etwas zu verwandeln, das eher den Vorstellungen seines als Einsiedler lebenden Lehrers Giovanni Graziano entspricht. Er predigt Armut, Keuschheit und Gehorsam. Die drei Tugenden fordert er auch von seinen Bischöfen ein: Er fordert sie auf, ihrem Reichtum zu entsagen, ihre Mätressen zu verstoßen und seinen Anordnungen zu gehorchen. Das finden die älteren Herren Bischöfe aber mal außerordentlich amüsant und machen sich während des Konsistoriums lustig über den Jungen, der meint, Papst spielen zu können.

Bendedikt muss einsehen, dass er weder das Amt des Papstes so ausführen kann, wie er es sich vorstellt, noch seine Chiara di Sasso heiraten darf. Die Erkenntnis dieser Lage und die Verzweiflung die daraus entsteht, führen zu einer für die Christenheit im Allgemeinen und für die Bevölkerung Roms im Speziellen extrem nachteiligen Wesenveränderung des jungen Mannes.

„Der Kinderpapst“ ist nach „Die Philosophin“ das zweite Buch, das ich bis jetzt von Peter Prange gelesen habe. Und es bestärkt mich in meiner Meinung, dass Prange wirklich gute historische Romane schreibt. Ich möchte mal ein paar Vergleiche anstellen. Nachdem ich in „Die Philosophin“ noch ein wenig die fehlende historische Korrektheit bemängelt habe, die mir immer wichtig ist, wenn man über reale Perönlichkeiten der Geschichte schreibt, hat Prange in „Der Kinderpapst“ einen entscheidenden Vorteil, was diesen Kritikpunkt angeht: Über Benedikt IX. sind schlicht nicht so viele gesicherte Informationen bekannt, viele Quellen weichen voneinander ab, auch hinsichtlich seines Geburtsjahres.

Was aber die historischen Ereignisse angeht, die gesichert sind, hält sich Prange weitgehend an die Geschichtsschreibung. Wer zum Beispiel mal gerne gewusst hätte, warum im 11. Jahrhundert zeitweise gleich drei Päpste gleichzeitig im Amt waren, wird in diesem Buch umfassend aufgeklärt.

Pranges Art zu schreiben scheint wie für historische Romane gemacht. Er erzeugt Atmosphäre. Auch seine Charaktere haben mir diesmal besser gefallen. Lediglich einen Kritikpunkt muss ich unbedingt anbringen. Der Autor stattet einige seiner Charaktere wohl öfter mit seltsamen Angewohnheiten oder Spleens aus. Wahrscheinlich damit sich der Leser die Charaktere besser merken kann, oder so. „Ach ja, das war der und der!“, soll der Leser dabei vielleicht denken.

In „Die Philosphin“ hatte seine Hauptfigur Sophie in jeder romantischen Szene „Mücken im Nacken“, was ca. 24.281-mal erwähnt wurde. Und in „Der Kinderpapst“ kratzt sich Chiara di Sasso immer an beiden Schultern, wenn es an einer davon juckt. Und sie kratzt sich oft!!! Und von Teofilos Brüdern neigt der älteste dazu, dauernd an den mittlerweile blutigen Fingernägeln zu nagen. Ein anderer Bruder pult permanent an seinen Pickeln herum!!!

Diese zu häufig wiederholten Eigenheiten tragen nicht gerade dazu bei, den Figuren Tiefe zu verleihen, sondern sind im besten Fall unnötig, im schlechtesten Fall nervtötend bis ekelhaft! Und besser merken kann man sich die Figuren dadurch auch nicht. Denn die beiden Erstgenannten gehören zu den Hauptpersonen, die hat der Leser sowieso auf dem Schirm. Und der permanente Pickelpuler ist für die Geschichte vollkommen unerheblich, den muss ich mir also nicht merken!

Nun, von diesem zu vernachlässigenden Kritikpunkt abgesehen, gefiel mir „Der Kinderpapst wirklich gut. Freunde historischer Romane (und damit meine ich NICHT „Die Wanderhure“!) können damit eigentlich nichts verkehrt machen

Wertung:

Handlung: 8 von 10 Punkten

Charaktere: 6,5 von 10 Punkten

Stil: 8,5 von 10 Punkten

Atmosphäre: 8,5 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 7,875 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Ein paar Tage Licht“ von Oliver Bottini, 2. Platz beim Deutschen Krimipreis 2015!