abc.Etüden KW 41/42 II

abc.etüden 2019 41+42 | 365tageasatzaday

 

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

wenn ich den anderen Etüdenverfassern schon Wörter wie „jodhaltig“ vorsetze, kann ich selbst ja nicht umhin, mich ebenfalls mit ihnen auseinanderzusetzen, daher gibt es heute die zweite Etüde zu meiner eigenen Wortspende, die im Übrigen wesentlich ernster ausfallen dürfte als die letzte. Für die Etüden zeichnet Christiane verantwortlich.

 

„Na, wie siehts aus?“

„Hm – ich glaube, unser Innenminister isst zu viel jodhaltige Lebensmittel.“

„Warum?“

„Nun, wenn man dubiosen Quellen glauben kann, kann eine Jodüberversorgung zu Hirninsuffizienz führen. Jetzt bin ich kein Mediziner, kann mir aber vorstellen, dass der Innenminister genau darunter …“

„Vorsicht!“

„Ich meine ja nur … – mir wäre es halt lieber, er würde im heimischen Garten im Gewächshaus Rosen züchten, aber nein, er bleibt beharrlich in der Politik.“

„Aber was hat er denn nun wieder gemacht!?“

„Er hat nach dem Anschlag in Halle im Interview unter anderem gesagt: „Viele von den Tätern oder potenziellen Tätern kommen aus der Gamerszene. (…) Und deshalb müssen wir die Gamerszene stärker in den Blick nehmen. „“

„Hach, der Horst …  man kann ihn einfach nicht ernst nehmen.“

„Japp!“

„Das Problem ist also nicht, dass die Täter antisemitische, rassistische, widerliche Arschlöcher sind, mit dem armseligen Hang, andere für ihre Probleme verantwortlich zu machen, die sich durch andere antisemitische, rassistische, widerliche Arschlöcher mit dem armseligen Hang, andere für ihre Probleme verantwortlich zu machen, radikalisieren lassen, sondern dass sie „Battlefield“ spielen? Mit anderen Worten, deren Rassismus ist nicht das Problem, sondern ihr Steam-Account?“

„So könnte man sagen …“

„Puh -die 90er haben angerufen, die wollen ihre Killerspieldebatte zurück. So kann man ein Problem auch fälschen …!“

„Außerdem will die Regierung ein Maßnahmenpaket zur Rassismusbekämpfung verabschieden.“

„Das klingt aber doch gut.“

„Joah, schon – augenscheinlich gehört zu diesen Maßnahmen aber auch, die Zuschüsse für das Exit-Programm ab nächstem Jahr zu streichen, was wohl das Aus für das Aussteigerprogramm bedeuten würde.“

„Echt jetzt? Warum?“

„Angeblich hat man über 1.000 Anträge von Organisationen, die sich gegen Rassismus engagieren, bekommen, letztlich wurden 100 ausgewählt. Denn, so hieß es aus dem zuständigen Ministerium: Wir haben eine hohe Nachfrage und begrenzte Mittel.“

„Der Kampf gegen Rassismus und Antisemitismus ist eine Geldfrage?“

„Ja, so sieht es wohl aus …“

„Das erklärt vieles …“

 

300 Wörter.

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abc.Etüden KW 41/42 I

abc.etüden 2019 41+42 | 365tageasatzaday

 

Hallo, liebe Leserinnen und Leser,

Christiane hat wieder zur regen Teilnahme an den Etüden aufgerufen, und da die Wortspenden diesmal, so viel sei bei aller Bescheidenheit erwähnt, von mir selbst kommt, komme ich dieser Aufforderung natürlich nach. Auch wenn mir, das kann ich vorweg schon sagen, nichts anderes als Unfug eingefallen ist, wofür ich jetzt schon um Verzeihung bitte. :-)

Auf geht´s:

 

„Na, was machst Du?“

„Verschiedenes. Einerseits Online-Shopping!“

„Aha – und was kauft Du?“

„Mir wurde aufgetragen, Yoda-Salz zu kaufen, aber irgendwie …“

„Was für Zeug?“

„Yoda-Salz!“

„Du meinst Jodsalz, jodhaltiges Salz eben, das hat nix mit „Star Wars“ zu tun! Mal abgesehen davon, dass man das nicht online kaufen müsste.“

„Oh… – ja, das erklärt vieles …“

„Allerdings! Was machst Du sonst noch?“

„Ich googele die Bedeutung von Sprichwörtern und Redewendungen.“

„Weil?“

„Weil mir langweilig ist.“

„Sehr langweilig offensichtlich.“

„Allerdings.“

„Und? Was hast Du gefunden?“

„Nicht viel, Google kennt viele Redewendungen nicht. Ich hab nach „Wer im Gewächshaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen“ gesucht. Nix!“

„Glashaus!“

„Was?“

„Es heißt „Wer im Glashaus sitzt …“.

„Ah… – ja, das erklärt vieles … “

„Allerdings. Aber wie kommt man denn auf die Idee, so etwas zu googeln!?“

„Na, weil viele Redewendungen spanische Dörfer für mich sind.“

„Böhmische.“

„Was?“

„Böhmische Dörfer.“

„Du musst mich nicht dauernd verbessern, ich habe verstanden, dass Du mir sprachlich hochhaus überlegen bist.“

„Haushoch! Du fälschst eine Redewendung nach der anderen.“

„Ja, ich habs ja verstanden. Eliminiere mich, großer Meister!“

„Ich soll was?“

„Na, mich erleuchten …“

„ILLUMINIEREN!“

„Boah, ist ja gut, ich weiß, dass Du klüger bist als ich, Du musst deswegen nicht so mit dem Zaunpfahl werfen!“

„WINKEN!“

„Nein, das muss verkehrt sein, das hat Du Dir jetzt aus den Fingern gewürgt!“

„GESAUGT, VERDAMMT. DAS MACHST DU DOCH ABSICHTLICH!“

„Schrei. Mich. Nicht. An.“

„Es tut mir leid.“

„Na, macht ja nichts. Schwamm beiseite.“

„AAAAAAAAAAAAAAHHH!“

 

239 Worte.

 

 

 

 

„Was wäre ich ohne Dich?“ von Guillaume Musso

Buch: „Was wäre ich ohne Dich?“

Autor: Guillaume Musso

Verlag: Piper

Ausgabe: Taschenbuch

Der Autor: Guillaume Musso, geboren 1974 in Antibes, arbeitete als Dozent und Gymnasiallehrer. Musso ist einer der erfolgreichsten Gegenwartsautoren Frankreichs, seine Romane wurden in über zwanzig Sprachen übersetzt und haben sich als internationale Bestseller durchgesetzt. (Quelle: Piper)

Das Buch: Martin, engagierter Polizist in Paris, konzentriert sich nach einer enttäuschten Liebe voll und ganz auf seine Arbeit. Das muss er auch, denn zurzeit hat er es mit einem besonders schwierigen Fall zu tun: Er ist dem berühmt-berüchtigten Archibald MacLean auf den Fersen, dem größten Kunstdieb aller Zeiten. Martins abenteuerliche Jagd führt ihn bis nach San Franciso, wo er ausgerechnet Gabrielle wieder über den Weg läuft – der Frau, die ihm vor fünfzehn Jahren das Herz gebrochen hat. Und auch sie hat eine Verbindung zu Archibald …(Quelle: Piper)

Fazit: Eingangs sei erwähnt, dass diese Rezension Spoiler enthält, möglicherweise massive. Diese waren nicht zu vermeiden, um meinen Unmut zu diesem Machwerk angemessen zu äußern. Ihr wurdet gewarnt!

Manchmal sollte man doch auf seine innere Stimme hören. Denn so sehr man auch mit ihr diskutieren mag, meistens hat sie eben doch recht. Im Beispiel von „Was wäre ich ohne Dich?“ hat meine innere Stimme in etwa gesagt:

„Alter, lass die Finger davon! Alleine der Titel!“

„Ja, aber … aber ich habe schon „Das Atelier in Paris“ von Musso gelesen. Und das gefiel mir recht gut.“, antwortete ich meiner inneren Stimme.

„Ach ja!? Und die Charaktere? Schon vergessen? Die waren ätzend! Und dass das Buch gegen Ende voll vor eine massive Kitsch-Mauer knallte, das hast Du auch verdrängt, was!?“

„Ja, aber bis dahin …“

„Ach, papperlapapp, ich sag Dir: Lass es!“

„Ey, halt die Backen, ich weiß, was ich tue!“

Ich wusste es nicht.

Und deshalb sehe ich mich genötigt, mich jetzt auch noch in schriftlicher Form mit dem Gelesenen auseinandersetzen zu müssen. Selbst schuld. Denn meine innere Stimme hatte durchaus recht. Die Charaktere in „Das Atelier in Paris“ waren schlecht, und ja, das Ende war kitschig. Ich hätte also gewarnt sein müssen.

Bezeichnenderweise sind die genannten Punkte auch das, was man „Was wäre ich ohne Dich?“ vorwerfen kann und muss. Nur leider ist es damit noch längst nicht getan …

Erwartet habe ich etwas zwischen „Ocean´s blabla“, „Die Thomas-Crown-Affäre“ und irgendwas mit Jean-Paul Belmondo – bekommen habe ich einen Roman mit indiskutablen Figuren, einer überschaubaren Story und immensem Kitschfaktor.

Beginnen wir mal mit der Story: Zu Beginn des Buches ist Martin als junger französischer Student für einen recht kurzen Aufenthalt in den USA und lernt dort Gabrielle kennen. Die beiden verlieben sich, müssen sich aber kurz darauf eben wieder trennen und, wie das halt so ist, verläuft die ganze Sache im Sande, wiewohl Martin Monate später nochmal einen letzten Versuch unternimmt, sein ganzes Geld in ein Flugticket in die USA investiert um dort in einem Café auf Gabrielle zu warten, die er zwar vorher per Brief von seinen Plänen informiert hat, die aber nicht kommt.

15 Jahre später ist Martin Polizist und hat Bindungsprobleme. Und beides ist irgendwie auf Gabrielle zurückzuführen. Daher investiert er seine ganze Energie ersatzweise in die Jagd nach dem Meisterdieb Archibald McLean – dieser Name! – und allein dieser Handlungsstrang wirkt nicht nur deswegen etwas lächerlich, weil besagter Meisterdieb ein Herr in durchaus gesetzterem Alter ist, der dennoch alle Ermittlungsbehörden weltweit narrt – was müssen die unfähig sein – und sich regelmäßig von Hauswänden abseilt und ähnliche akrobatische Kunststücke unternimmt, sondern auch, weil Martin ihm auf eine Art „method acting“ der Polizeiarbeit begegnet. Augenscheinlich muss man sich in McLean hineindenken, hineinversetzen, er sein, um zu begreifen, was er vorhat. Aha …

Insgesamt ist dieser Handlungsstrang arg überschaubar, denn eigentlich wollte Musso wohl den Fokus auf die Geschichte seiner Charaktere und deren Zusammenspiel setzen. Nur leider funktioniert das auch nicht. Denn diese zweite Handlungsebene ist schon ziemlich banal und grenzwertig kitschig.

Neben der früh notgelandeten Story wären da aber ja auch noch die handelnden Personen. Und die sind ebenso allesamt Totalausfälle.

Martin hat es nach 15 Jahren nicht geschafft, sich gedanklich von einer Frau zu lösen, die er während nur weniger Wochen kennengelernt hat und lässt sich unbewusst sein Leben davon disktieren. Armer Wicht.

Gabrielle ist nochmal ein ganz anderer Fall. Angesprochen auf ihr o.g. Fernbleiben vom Café antwortet sie sinngemäß, dass sich Martin wohl nicht genug um sie bemüht habe, als dass sie dort erscheinen wollte …

Dafuq!?

Ey, der junge Mann hat wochen- und monatelang jede freie Minute gearbeitet, um sich das Ticket leisten zu können, dauernd angerufen und täglich Briefe geschrieben! Was hätte er tun sollen? Auf dem Kutschbock – passenderweise habe ich mich gerade vertippt und „Kitschbock“ geschrieben – einer Kutsche mit „Eiskönigin“-Aufdruck, die von vier Schimmeln gezogen wird, vor ihrer Tür stehen!?

Und auch Meisterdieb Mc-Lean hat so sein Problemchen. Er hat nämlich eine Tochter. Zu dieser kann er aber keine Beziehung aufbauen, weil seine Frau bei der Geburt besagter Tochter verstarb und er die Schuld dafür – sic! – dem Kind zuschiebt. Als Ausgleich für sein Fehlen als Vater entblödet er sich aber nicht, jedes Jahr zum Geburtstag der Tochter in unterschiedlichen Verkleidungen in ihrer Nähe aufzutauchen, ohne, dass sie ihn erkennt. Irgendwie gruselig, oder!? Auf eine stalking-gruselige Art gruselig, oder!? Damit aber nicht genug! McLean entblödet sich weiters nicht, im Gespräch mit Martin Weisheiten wie „Wenn eine Frau Nein sagt, bedeutet das oft: Ja, aber ich habe Angst.“ von sich zu geben.

Ernsthaft!?

Da wo ich herkomme, bedeutet ein Nein tatsächlich ein Nein und für o.g. Äußerung läuft man Gefahr, vollkommen zu recht eine gefenstert zu bekommen.

Und Zitate wie dieses gäbe es noch einige …

Meiner unmaßgeblichen Meinung nach hätten alle drei Protagonisten in erster Linie – und ich meine das nicht zynisch, sondern tatsächlich so – professionelle Hilfe nötig gehabt, um ihre Traumata in irgendeiner Art und Weise aufzuarbeiten. Anstatt dann unbedarfte Leser damit zu quälen …

Zu den Protagonisten gesellen sich dann noch so zwei, drei Nebenfiguren, die skurril, dafür aber vollkommen überflüssig sind und deren Vorhandensein in dieser Form ich mir nicht rational erklären kann. Beispielsweise hat McLean eine Art Assistentin, die aus, wenn ich das jetzt richtig auf dem Schirm habe, Geheimdienstkreisen kommt, Kampfsportarten beherrscht und was-weiß-ich sonst noch kann. Die Assistentin taucht in gefühlt drei Szenen auf, die inhaltlich von wenig bis absolut nichts zur Handlung beizutragen haben. Was soll diese Figur also!?

Ich könnte mich noch Ewigkeiten über dieses Buch echauffieren, das tatsächlich zu den schlechtesten gehört, die ich seit langer Zeit gelesen habe. Am schlimmsten fand ich persönlich ja noch, dass zu den die Kapitel einleitenden Zitaten aus Liedertexten und Büchern auch ein Zitat aus „Der Schatten des Windes“ gehört. Zafóns schöne Worte in diesem, mit Verlaub, Schund lesen zu müssen, tat weh. Aber da alles weitere Lamentieren nichts hilft, belasse ich es bei:

„Was wäre ich ohne Dich?“ ist letztlich ein grenzkitischiges Machwerk voller Pathos und mit absolut indiskutablen Figuren.

Ich behaupte nicht, dass es dafür nicht Leser oder Innen geben kann, ich gehöre aber wohl eindeutig nicht zu Zielgruppe.

Und ich werde fürderhin halt doch um weitere Bücher von Musso den größtmöglichen Bogen machen.

Wertung:

Handlung: 3 von 10 Punkten

Stil: 7 von 10 Punkten

Charaktere: 1 von 10 Punkten

Atmosphäre: 2 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 3,25 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: Entweder „Bis ihr sie findet“ von Gytha Lodge oooder „Ein angesehener Mann“ von Abir Mukherjee.

„Der zweite Schlaf“ von Robert Harris

Buch: „Der zweite Schlaf“

Autor: Robert Harris

Verlag: Heyne

Ausgabe: Hardcover, 416 Seiten

Der Autor:  Robert Harris wurde 1957 in Nottingham geboren und studierte in Cambridge. Seine Romane »Vaterland«, »Enigma«, »Aurora«, »Pompeji«, »Imperium«, »Ghost«, »Titan«, »Angst«, »Intrige«, »Dictator«, »Konklave« und zuletzt »München« wurden allesamt internationale Bestseller. Seine Zusammenarbeit mit Roman Polański bei der Verfilmung von »Ghost« (»Der Ghostwriter«) brachte ihm den französischen »César« und den »Europäischen Filmpreis« für das beste Drehbuch ein. Robert Harris lebt mit seiner Familie in Berkshire. (Quelle: Heyne)

Das Buch; England ist nach einer lange zurückliegenden Katastrophe in einem erbärmlichen Zustand. Der junge Priester Fairfax wird vom Bischof in ein Dorf entsandt, um dort die Beisetzung des mysteriös verstorbenen Pfarrers zu regeln. In der Umgebung finden sich besonders häufig jene verbotenen Artefakte aus vergangener Zeit – Münzen, Scherben, Plastikspielzeug –, die der Pfarrer akribisch gesammelt hat. Hat diese ketzerische Leidenschaft zu seinem Tod geführt? (Quelle: Heyne)

Fazit: Ich bin ja bekennender Fan der Bücher von Robert Harris. Und ich erwähne das auch nahezu immer bei den Rezensionen seiner Bücher vorneweg, um der Leserschaft zu verdeutlichen, dass das, was folgt, möglicherweise nur so semi-objektiv sein könnte. Trotz der Tatsache, dass ich bekennender Fan der Bücher von Robert Harris bin, hat er mich allerdings zuletzt weder mit „München“ noch mit „Konklave“ so wirklich überzeugt.

Wir steuerten also auf eine eher schwierige Leser-Autor-Beziehung zu, der Robert und ich. Glücklichweise hat er mit „Der zweite Schlaf“ alles nur Mögliche getan, um die früher vorherrscheinde Harmonie wieder in diese Beziehung einziehen zu lassen.

Postapokalyptische Romane, Filme, Spiele gibt es wie Sand am Meer. Darin kämpft sich der Protagonist dann entweder durch die U-Bahn-Tunnel des verstrahlten Moskau, ballert mit PS-Boliden durch wüste Einöde und trifft auf Tina Turner oder trinkt Nuka-Cola und bezahlt mit Kronkorken.

Harris´ Postapokalypse unterscheidet sich von oben genannten in erster Linie dadurch, dass sie weniger trostlos und trotzdem kein bisschen weniger faszinierend wirkt. Um ehrlich zu sein, ist das Setting des Romans, und das, was Harris, daraus macht, größtenteils das, was den Roman trägt und ihn so besonders macht.

Zu Beginn des Romans begleiten wir den jungen Priester Fairfax an einem „Nachmittag des neunten Tages im April des Jahres Unseres Auferstandenen Herrn 1468“ zu Pferde auf dem Weg in ein abgelegenes Dorf, in dem der dort ansässige Priester verstorben ist. Spätestens bei der Beschreibung eines durch die Gegend fliegenden Sittichs wird allerdings deutlich, dass wir uns unmöglich in England des 15. Jahrhunderts befinden können, denn Sittiche hatten dort zu dieser Zeit nichts in freier Wildbahn verloren.

Und wir befinden uns auch gar nicht im uns bekannten 15. Jahrhundert. In Harris Roman ist die Welt, wie wir sie kennen, nämlich untergegangen – im Jahr 2025 übrigens, lasst also, ihr, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren – und die Überlebenden haben eine neue Zeitrechnung etabliert. Um nicht zu viel zu verraten, verrate ich diesbezüglich nicht mehr viel.

Wie es nun zur Apokalypse gekommen ist, die, wie es sich für eine anständige Apokalypse gehört, den Großteil der Menschheit das Leben gekostet hat, nun, diese Frage macht einen Großteil der Faszination des Romans aus, neben der Frage, wie sich die Gesellschaft nach der Apokalypse entwickelt hat. Spannenderweise hat neben Kakerlaken und Keith Richards, denen ja, wie allgemein bekannt, eine Apokalypse nichts anhaben kann, auch die Religion überlebt. Das führt nun wieder zu Problemen, insbesondere für den Protagonisten Fairfax. Manche Dinge ändern sich halt nie …

Besagter Fairfax ist es auch, dem ich im Bereich der Charaktere als Einzigen genauer betrachten möchte. Die Nebenfiguren taugen in erster Linie dazu, zu verdeutlichen, dass sich die Menschen eben doch nicht ändern und sich bestimmte Charaktereigenschaften der Menschen, beispielsweise Habgier, auch von einer Apokalypse nicht ausrotten lassen. Fairfax dagegen ist gut gelungen, seine persönliche Entwicklung ist nachvollziehbar und sein innerer Konflikt angesichts seines bewussten Handelns gegen die Richtlinien der Kirche ist überzeugend dargestellt.

Stilistisch ist auffällig, dass sich Harris Charaktere einer eher anachronistisch wirkenden Redeweise bedienen, die allerdings begründet wird und für mich nicht nur deshalb absolut stimmig wirkt. Abgesehen davon konnte ich Harris stilistisch – „München“ vielleicht mal ausgenommen – noch nie sonderlich viel vorwerfen und kann es auch hier nicht.

Was bleibt, ist ein wirklich spannender Roman, der zum Denken anregt und der im Grunde einen topaktuellen Bezug hat. Beispielsweise hätte ich mich diesbezüglich auch noch über die Brexit-Thematik, auf die sein Buch mit Sicherheit etwas abzielt, oder auch die Entwicklung des Frauenbildes in seinem Setting auslassen können, aber einerseits würde das den Rahmen sprengen und andererseits muss man ein bisschen geistige Arbeit ja auch der Leserschaft überlassen. :-)

Wer also Harris-Fan ist, für den ist „Der zweite Schlaf“ meines Erachtens absolutes Pflichtprogramm, aber auch jedem der das nicht ist, kann ich eine absolute Leseempfehlung aussprechen.

Ich danke dem Bloggerportal und dem Heyne Verlag für die freundliche Übersendung des Rezensionsexemplars. Die Tatsache, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, beeinflusst meine Meinung selbstredend nicht.

Wertung:

Handlung: 8,5 von 10 Punkten

Charaktere: 8 von 10 Punkten

Stil: 9 von 10 Punkten

Atmosphäre: 10 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 8,875 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Was wäre ich ohne dich?“ von Guillaume Musso.

 

„Dreck am Stecken“ von Alexandra Fröhlich

Buch: „Dreck am Stecken“

Autorin: Alexandra Fröhlich

Verlag: Penguin

Ausgabe: Taschenbuch, 350

Die Autorin: Alexandra Fröhlich lebt als Autorin in Hamburg und arbeitet als freie Textchefin für verschiedene Frauenmagazine. Mit ihren Romanen »Meine russische Schwiegermutter und andere Katastrophen« und »Gestorben wird immer« stand sie monatelang auf der SPIEGEL-Bestsellerliste. (Quelle: Penguin)

Das Buch: Opa Heinrich ist tot. Sein Vermächtnis: ein vergilbtes Tagebuch. Johannes und seine Brüder beschließen erst mal, seine Vergangenheit ruhen zu lassen. Doch zur Beerdigung erscheinen lauter Menschen, die sie noch nie gesehen haben, eine alte Dame ist sogar aus Argentinien angereist. Was hatte der Großvater mit diesen Leuten zu schaffen? Aus Neugierde beginnt Johannes, das Tagebuch zu lesen. Danach ist klar: Die vier Brüder müssen ihrer Familiengeschichte auf den Grund gehen. Denn Opa hatte Dreck am Stecken. Und zwar nicht zu knapp … (Quelle: Penguin)

Fazit: Ich gebe zu, als ich die Lektüre von „Dreck am Stecken“ begann und mich damit auseinandersetzte, welche Bücher Alexandra Fröhlich bislang geschrieben hat und was sie sonst so tut, war ich skeptisch, ob mir ihr Buch tatsächlich gefallen würde -, was vollkommen wertfrei hinsichtlich ihres literarischen Schaffens gemeint ist. Nur bin ich halt nicht unbedingt – Ausnahmen bestätigen die Regel – ein Anhänger humorvoller Literatur, noch lese ich Frauenzeitschriften.

Glücklicherweise war die Skepsis im vorliegenden Fall grundlos, denn „Dreck am Stecken“ war ein auf vergleichsweise vielen Ebenen schönes Leseerlebnis.

Alexandra Fröhlich erzählt ihre Geschichte rund um die vier Halbbrüder Johannes, Philipp, Jakob und Simon sowie ihren Opa in drei verschiedenen Zeitebenen, indem sie einerseits die Kindheit und Jugend der Halbbrüder beleuchtet, andererseits die Entwicklung im Hier und Heute schildert sowie aus Opas Tagebucheinträgen zitiert. Insgesamt klingt das bei weitem komplizierter, als es letztlich ist. Als Erzähler fungiert dabei Johannes als der älteste der Brüder.

Schon zu Beginn des Buches wird deutlich, dass Fröhlich eine Reihe ernster Themen anspricht. Der Leser wird vergleichsweise früh mit dem Alkoholismus, der Depression und dem letzlichen Suizid der Mutter konfrontiert. Klar, dass das nicht spurlos an den vier Jungen, vier Söhnen von vier verschiedenen Vätern, die sich alle nicht bis kaum und sie kümmern, vorbeigeht. Dazu später mehr.

Und letztlich gehört auch der namensgebende „Dreck am Stecken“ zu diesen ernsten Themen, auch wenn für den Leser relativ schnell klar ist, welcher Art dieser Dreck bei einem Opa von in den 70ern aufgewachsenen Enkeln denn wohl nur sein kann.

Der Autorin gelingt es dabei, ihren Roman nie wirklich schwermütig wirken zu lassen. Erzählt wird dagegen sogar oft in einem humorvoll-trockenen Ton, der mir gut gefiel, zumal er nie wirklich unpassend wirkt. Kritiker mögen einwerfen, dass Fröhlich bei keinem der angesprochenen Bereiche, wie Alkoholismus oder Depression, in die Tiefe, ins Detail geht, aber einerseits stimmt das nicht, denn sie beleuchtet in erster Linie die Auswirkungen, die diese Dinge auf die Folgegeneration haben – und das gut, aber dazu wieder später mehr – und darüber hinaus gelingt es ihr eben nur so, den eben angesprochenen Schwermut zu vermeiden, den Roman auf dem schmalen Grat der Tragikkomödie entlangzubalancieren, ohne ihn in eine der möglichen Richtungen kippen zu lassen.

Gleiches gilt auch für die Charaktere. Werden die Brüder in ihrer Kindheit und Jugend auch mit sehr harten Schicksalsschlägen konfrontiert, und geraten sie ob dieser Schicksalsschläge auch ins Schlingern, so bilden sie doch eine gemeinsame Familienfront, an der viele Dinge – vermeintlich – abprallen. Erst später, in ihrem Erwachsenenleben, wird deutlich, welche Spuren das alles hinterlassen hat: Einer der Brüder hat deutliche Bindungsängste und definiert sich größtenteils über seinen Reichtum, der für ihn Macht bedeutet, ein weiterer hat den Alkoholismus der Mutter übernommen, Johannes, der Erzähler, hat ein Stottern ausgebildet und der Jüngste hat immer einen Lorazepam-Vorrat in seiner Umgebung.

Man mag diese Charakterentwicklung – am deutlichsten auszumachen an der Figur des alkoholkranken Chirurgen – vielleicht als klischeehaft empfinden, ich empfinde sie als absolut folgerichtig. Die Charaktere wirken nachvollziehbar und authentisch und funktionieren auch im Zusammenspiel sehr gut.

Stilistisch kann man der Autorin ebenfalls nichts vorwerfen. Der trockene Humor überzeugt, der Ton ist ebenso authentisch wie die Charaktere und die Dialoge wirken lebensnah.

Hinsichtlich der Handlung mag man kritisieren, dass diese teilweise vorhersehbar wirkt und wenig Überraschung bietet. Und im Grunde stimmt das auch. Es tut dem Lesevergnügen nur wenig Abbruch, denn im Kern handelt es sich bei „Dreck am Stecken“ um eine herzerfrischend erzählte Familiengeschichte, die einfach keinen atemberaubenden Spannungsbogen braucht, um zu überzeugen. Lediglich ein kleiner, nennen wir es in Ermangelung eines besseren Wortes Logikfehler, fiel ins Auge, als an einer Stelle niemand Heinrich Himmler auf einem Foto erkennt. Ich mag nicht unbedingt von mir auf andere schließen, aber: Ich würde ihn erkennen! :-)

Wer also gerne tragikomische Familiengeschichten mit überzeugenden Familiengeschichten liest, liegt mit „Dreck am Stecken“ absolut richtig.

Ich danke dem Bloggerportal und dem Penguin Verlag für die freundliche Übersendung des Rezensionsexemplars. Die Tatsache, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, beeinflusst meine Meinung selbstredend nicht!

Wertung:

Handlung: 7,5 von 10 Punkten

Stil: 8 von 10 Punkten

Charaktere: 9 von 10 Punkten

Atmosphäre: 8 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 8,125 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Der zweite Schlaf“ von Robert Harris.

„Psychose“ von Blake Crouch

Buch: „Psychose“

Autor: Blake Crouch

Verlag: Goldmann

Ausgabe: Taschenbuch, 415 Seiten

Der Autor; Blake Crouch hat sich bereits als erfolgreicher Autor von Kurzgeschichten und Spannungsromanen einen Namen gemacht. Seine Wayward-Pines-Trilogie wurde zudem mit verschiedenen Hollywoodstars als TV-Serie verfilmt. Der große internationale Durchbruch gelang ihm dann mit dem Roman »Dark Matter. Der Zeitenläufer«, der auf Anhieb zum Bestseller und in zahlreiche Länder verkauft wurde. Blake Crouch lebt mit seiner Familie in Colorado. (Quelle: Goldmann)

Das Buch: Wayward Pines, Idaho, eine idyllische Kleinstadt mitten im Nichts. Hier soll Secret-Service-Agent Ethan Burke zwei Vermisste aufspüren. Doch als er nach einem Verkehrsunfall im Krankenhaus des Ortes wieder zu sich kommt, ist seine eigentliche Mission sein geringstes Problem: All seine Sachen sind verschwunden, die Menschen um ihn herum verhalten sich äußerst merkwürdig, auf seine Fragen bekommt er nur ausweichende Antworten. Und als Ethan dann versucht, Wayward Pines zu verlassen, stößt er auf einen unüberwindbaren Zaun – und ein grauenvolles Geheimnis … (Quelle: Goldmann)

Fazit: Amnesie des Protagonisten ist eines der Motive, die mich verhältnismäßig schnell mit den Augen rollen und ein Buch genervt weglegen lassen, weil es mittlerweile wirklich arg überstrapaziert ist. Und tatsächlich lässt Blake Crouch seine Hauptfigur, mit eben genau so einer Amnesie ausgestattet, durch den Beginn der Handlung stolpern und wirft die Leserschaft ohne genauere Erklärungen an deren Seite.

Glücklicherweise unterwirft der Autor seinen Protagonisten nur vergleichsweise kurz seinem Gedächtnisschwund. Schnell hat Agent Ethan Burke seine Erinnerung wieder. Das hilft ihm in der Folge allerdings nur selten, denn Burke fehlt nicht nur sein Kollege, der beim Unfall ums Leben kam, sondern auch seine Dienstwaffe und seine Brieftasche. Und die Bevölkerung von Wayward Pines verhält sich ihm gegenüber alles andere als zuvorkommend. Auch und gerade, als Burke versucht, seine ursprünglichen Ermittlungen wieder aufzunehmen. Und spätestens, als er in einem Gebüsch einen kleinen Lautsprecher bemerkt, aus dem das Zirpen einer Grille ertönt, weiß er, dass er in einer sehr seltsamen kleinen Stadt gelandet ist …

Blake Crouch teilt seinen gut 400 Seiten umfassenden Thriller in 18 Kapitel und lässt die Handlung von einem auktorialen Erzähler schildern. Dabei bedient er sich eines Schreibstils, der durch Unkompliziertheit und teils kurze Sätze auffällt, der den Leser nicht gerade fordert, aber zweckmäßig ist.

Seine Figurenzeichnung kann man ebenfalls nicht gerade als überkomplex bezeichnen, lediglich Agent Burke bekommt eine Hintergrundgeschichte, und das wahrscheinlich nur, weil sie für die weitere Handlung relevant ist. Nahezu sämtliche Nebenfiguren sind halt einfach da, was durchaus gemeiner klingen mag, als es gemeint ist.

Und trotz des zweckmäßigen Stils und der nachlässig gezeichneten Charaktere war „Psychose“ ein Thriller, den ich gerne gelesen habe. Das liegt nahezu ausschließlich an der Handlung selbst, die unverbraucht und spannend daherkommt. Anhand einiger Informations- und Handlungshäppchen kann sich der aufmerksame Leser einiges selber herleiten, für die letztliche Auflösung muss man allerdings, wie sich das gehört, fast bis zum Schluss warten.

Besonders auffällig sind die Assoziationen, die die Lektüre von „Psychose“ beim Leser hervorrufen. So hat die Schilderung des skurrilen Kleinstadtflairs in Verbindung mit dem allgegenwärtigen Bedrohungsszenario durchaus etwas King´sches an sich. Im späteren Verlauf zieht die Handlung etwas an, wird deutlich actionlastiger und erinnert in Grundzügen an „Rambo 1“ mit  einem Hauch „Stranger Things“.

Zu bemängeln ist hierbei lediglich, dass Crouch es manchmal ein bisschen übertreibt und es seinem Protagonisten in zahlreichen Szenen etwas zu schwer macht, indem Burke, salopp gesagt, ein wenig zu oft aufs Maul bekommt, nur um kurz darauf wieder verhältnismäßig fit durch die Gegend zu sprinten. Hier wäre weniger mehr gewesen, weil man irgendwann irritiert die Augenbrauchen hochzieht und darauf wartet, dass Agent Burke die Fäust in die Luft wirft und „Adriaaaan!“ brüllt …

Wem die oben genannte Mischung zusagt, wer auf Plots steht, die gerne mal ein wenig abgefahrener sein können und wer „Twin Peaks“ noch kennt, dem kann ich guten gewissens zu „Psychose“ raten, muss dann aber dazu sagen, dass es sich um den ersten Teil einer Trilogie handelt. Einer Trilogie, von der zumindest ich in naher Zukunft mit Sicherheit den zweiten Teil lesen werde.

Ich danke dem Bloggerportal und dem Goldmann Verlag für die freundliche Übersendung des Rezensionsexemplars. Die Tatsache, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelte, beeinflusst meine Meinung selbstredend nicht.

Wertung:

Handlung: 9 von 10 Punkten

Stil: 7,5 von 10 Punkten

Charaktere: 6,5 von 10 Punkten

Atmosphäre: 9 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 8 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Dreck am Stecken“ von Alexandra Fröhlich.

 

Extraetüden KW 40 I

Extraetüden 27.19 | 365tageasatzaday

Hallo, liebe Leserinnen und Leser,

ungeachtet der Tatsache, dass ich eigentlich mal wieder Rezensionen schreiben sollte – na, der Tag ist aber auch noch lang … -, herrscht in der Blogosphäre, zumindest was Beiträge meinerseits angeht, auch und gerade hinsichtlich der Etüden, ziemliche Ruhe. Und eigentlich sollte das auch noch eine Weile so weitergehen. Eigentlich. Uneigentlich aber gibt es immer wieder Dinge, über die muss man …, da kann man nicht einfach …, also, nee, das geht nicht.

Deshalb gibt es im Folgenden eine Extraetüde. Diese wiederum werden schirmherrschaftlich von Christiane geleitet. Die Wortspenden kommen von Ludwig Zeidler und Alice.

 

„Na, was ist denn mit Dir los? Du wirkst so bleich – mit einem Stich ins Grüne …“

„Mein Magen befindet sich in einem ambivalenten Zustand. Er ist sich nicht sicher, ob er sein Innerstes nach außen …“

„Iiiihhh… – warum?“

„Manche Dinge schlagen mir einfach auf den Magen. Wie hier zum Beispiel, auf der Facebookseite vom Höcke, da …“

„WAS?“

„Hä?“

„Was hast Du auf der Facebookseite vom Höcke zu suchen …?“

„Recherche! Hier: Der Höcke hat auf seiner Facebookseite einen Höcke-Comic veröffentlicht.“

„Einen was?“

„Du hast mich schon verstanden …“

„Stimmt leider. Ich hatte allerdings gehofft, ich hätte mich verhört … Und, worum gehts in dem Comic?“

„Nun ja, Höcke wandert so durch die Gegend – in Erfurt, heißt es, das kann ich aber nicht beurteilen – und redet mit den Normalsterblichen. Diese lamentieren beispielsweise auf Seite 1 darüber, „dass man schon wieder aufpassen muss, was man sagen darf“. “

„Oh, weh …“

„Jau – auf Seite zwei geht es weiter mit einem resiginierten, älteren Herrn, der die vorherrschende „Gesinnungsdiktatur“ beklagt, in der „Antifa-Banden Jagd auf politische Abweichler machen“.“

„Oh, ja, diese fiesen Antifa-Banden, die täglich marodierend durch die Straßen ziehen, dauernd irgendwelche „Mahnwachen“ abhalten, gelegentlich Politiker erschießen und Todeslisten mit 25.000 Namen führen – halt, warte, das waren die ja gar nicht … Egal! Kann man das Ding eigentlich kaufen? Und geht es noch weiter?“

„Keine Ahnung! Und ja, es geht noch weiter: Heiko Maas, offensichtlich in seiner Rolle als Justizminister, hat auch einen Auftritt.“

„Aber ist der nicht längst Außenminister?“

„Japp!“

„Justizministerin ist doch Frau Barley …“

„Nope – die wurde doch ausgebrüsselt. Justizministerin ist Christine Lambrecht.“

„Ja, und warum taucht die dann nicht anstelle von Maas auf?“

„Ja, was weiß ich? Vielleicht war Maas einfacher zu zeichnen. Außerdem würde wahrscheinlich kein AfD-Wähler der Welt Frau Lambrecht erkennen, ungefähr so, wie kein Wähler der demokratischen Parteien den AfD-Politiker Roman Reusch kennt.“

„Der sagt mir nichts …“

„Ja, sag ich doch! Jedenfalls, auf Seite drei sinniert Höcke dann darüber, dass es „beängstigend“ sei, „wie gleichgeschaltet Politik, Medien, Kultur und sogar die Kirchen inzwischen wirken“.“

„Alter! Geht das noch weiter …?“

„Nö, das Pamphlet hat offensichtlich nur drei Seiten.“

„Und was wollen die jetzt damit bezwecken …?“

„Keine Ahnung, aber so was ist doch variabel einsetzbar: Für comicbegeisterte Leser vom ganz rechten Rand. Zur Nachwuchsgewinnung für jüngere Leser, als Alternative zum „Lustigen Taschenbuch“.“

„Ha ha, Du hast „Alternative“ gesagt …“

„War Absicht. Aber mal im Ernst, ich weiß nicht, was das soll. Ich fürchte, wir werden den auch nicht so schnell los. Strache hat sich in Österreich wenigstens selbst entlassen …“

„Das darf man hierzulande wohl nicht erwarten.“

„Dabei verpisst er sich doch immer, wenn es für ihn unangenehm wird. So wie neulich, in dem ZDF-Interview, als man ihn auf seinen Sprachgebrauch ansprach und sein Pressesprecher sagte, man habe Fragen gestellt, die Höcke „stark emotionalisiert haben“.“

„Memme!“

„Japp!“

„Und jetzt?“

„Jetzt? Denke ich darüber nach, wie man es ihm ausreichend unangenehm machen kann. Bis mir etwas einfällt, bleibt mir wohl nichts, als mich dem Ekel hinzugeben. Und was ist mir Dir?“

„Mir ist jetzt auch schlecht. Ich lege mich einfach wieder hin.“

 

500 Wörter.

„Der Store“ von Rob Hart

Buch: „Der Store“

Autor: Rob Hart

Verlag: Heyne

Ausgabe: Hardcover, 586 Seiten

Der Autor: Rob Hart hat als politischer Journalist, als Kommunikationsmanager für Politiker und im öffentlichen Dienst der Stadt New York gearbeitet. Er ist Autor einer Krimiserie und hat zahlreiche Kurzgeschichten veröffentlicht. »Der Store« ist sein erster großer Unterhaltungsroman. Derzeit ist er Verleger von MysteriousPress unter dem Dach von The Mysterious Bookshop in Manhattan. Rob Hart lebt mit Frau und Tochter auf Staten Island. (Quelle: Heyne)

Das Buch: Der Store liefert alles. Überallhin. Der Store ist Familie. Der Store schafft Arbeit und weiß, was wir zum Leben brauchen. Aber alles hat seinen Preis.

Paxton und Zinni lernen sich bei Cloud kennen, dem weltgrößten Onlinestore. Paxton hat dort eine Anstellung als Security-Mann gefunden, nachdem sein Unternehmen ausgerechnet von Cloud zerstört wurde. Zinnia arbeitet in den Lagerhallen und sammelt Waren für den Versand ein. Das Leben im Cloud-System ist perfekt geregelt, aber unter der Oberfläche brodelt es. Die beiden kommen sich näher, obwohl sie ganz unterschiedliche Ziele verfolgen. Bis eine schreckliche Entdeckung alles ändert. (Quelle: Heyne)

Fazit: Rob Harts Debütroman wird Gemeinsamkeiten mit „Schöne neue Welt“, „1984“ oder, wenn wir uns auf einen neueren Titel – und einen, den ich wenigstens auch gelesen habe – beschränken wollen, mit „Der Circle“ von Dave Eggers nachgesagt.

Große Fusstapfen also, in die Rob Hart mit seinem Roman da treten könnte. Leider sind die Schuhe von „Der Store“ dafür zu klein. Viel zu klein.

Hart versetzt uns mit seinem Roman in ein Amerika der (vermutlich) nahen Zukunft. Weite Teile der Welt sind mittlerweile wüst, öd und leer, hier und da lässt sich eine Geisterstadt bestaunen. Leben und arbeiten findet nahezu ausschließlich beim Megakonzern Cloud statt, der zu diesem Zweck riesige Areale mit Arbeits-, sowie Wohn- und Freizeiteinrichtungen und allem, was man sonst noch so braucht, zupflastert, und von wo aus die bei Cloud hergestellten Waren per Drohnen in alle Welt geliefert werden.

In einem dieser Zentren arbeiten Paxton, der sein Geschäft gerade wegen der übermächtigen Konkurrenz durch Clord schließen musste, sowie Zinnia, deren Motive anfangs im Dunkeln bleiben. Diese beiden Figuren stellen die Protagonisten dar und in der Tat sind praktisch alle anderen Charaktere zu vernachlässigen, denn mehr als Staffage sind sie nur selten. Als einzige Ausnahme sei hier noch Gibson Wells genannt, der mittlerweile schwer erkrankte Gründer und Eigentümer von Cloud.

Abwechselnd aus Paxtons und Zinnias Sicht schildert Rob Hart den Alltag in der Cloud, der, wen wundert es, geprägt ist von Arbeit und ständiger Überwachung. Unterbrochen werden diese Kapitel von Blogeinträgen von Gibson Wells, in denen er mehr zur Hintergrundgeschichte von Cloud und seinen Motiven erzählt.

Und selten konnte man über Protagonisten so wenig schreiben wie hier. Paxton und Zinnia sind mit einer minimalen Hintergrundgeschichte ausgestattet, die sie nicht im geringsten greifbarer macht und beide sind mir von Herzen egal. Wells dagegen, ein wirtschaftsliberales Ekelpaket, irgendwo zwischen Jeff Bezos und Christian Lindner, kann man wenigstens noch leidenschaftlich verabscheuen. Er zeichnet sich durch absolute Selbstsicherheit einerseits und totale Ahnungslosigkeit bezüglich des Lebens und der Bedürfnisse normaler Menschen andererseits aus, wirkt aber in jeglicher Hinsicht überzeichnet, stellt man sich doch bald eine Art Karrikatur aus Don Vito Corleone und Ernst Stavro Blofeld vor.

Auch inhaltlich stolpert der Roman zu häufig. Nach einem noch recht gefälligen Einstieg verflacht der Spannungsbogen im Laufe der Handlung zusehends, um erst gegen Ende des Buches wieder anzusteigen. Bis dahin wird das Leben bei und für Cloud zwar anschaulich geschildert, die Spannung bleibt  dabei aber weitgehend auf der Strecke. Allerdings möchte ich nicht ausschließen, dass dieser Eindruck auch damit zusammenhängt, dass mir die Charaktere schlicht wurscht waren.

Dabei fallen dem aufmerksamen Leser immer wieder kleinere Logiklöcher in der Handlung auf. Wie auch schon die Bloggerkollegin Nicole Plath in ihrer Rezension, so bin auch ich über die Frage gestolpert: „Wenn die Welt da draußen so lebensfeindlich ist und die meisten Menschen bei Cloud arbeiten: An wen liefern die Drohnen die ganzen Waren und wer bezahlt sie wovon?“ Die einzigen Nichtbewohner der Cloud, die uns Hart in seinem Roman präsentiert, sind nämlich ein paar aufmüpfige Revolutionshillbillies, die nicht den Eindruck machen, als könnten sie sich etwas von Cloud leisten …

Dazu schleichen sich immer wieder sprachliche Schnitzer ein, und auch wenn manche meine Kritik daran vielleicht als überzogen empfinden, so haben sie mich doch empfindlich gestört. Da ist schon mal die Rede davon, „neben jemand anders“  aufzuwachen statt neben jemand anderem, und „wo“ ist für mich immer noch ein Wort, das im Zweifelsfall mit Ortsbestimmung zu tun hat, weswegen Textstellen wie „Wo sie schon dabei war, (…)“ (S.314) oder „(…) den Ort hier in einem Moment zu erleben, wo niemand unterwegs war.“ einen Tritt in die Weichteile meines Sprachempfindens darstellen. Insgesamt wirkt „Der Store“ stilistisch nicht sonderlich aufregend oder anspruchsvoll.

Rob Hart wollte nach eigener sinngemäßer Aussage einen Roman schreiben, in dem er die aktuelle Situation der amerikanischen Arbeitnehmer anprangert. Und das ist ihm auch gelungen. Warum er dann sein Setting, das dazu noch unausgereift ist, in die Zukunft verlegen musste, erschließt sich mir jedoch nicht. Auch ein Gegenwartssetting hätte sich schließlich wunderbar geeignet, um das Thema aufzugreifen. So muss sich „Der Store“ vorwerfen lassen, seine Intention zwar zu erfüllen, aber keine Vision für die Zukunft zu bieten, nichts was – anders als z. B. bei „Der Circle“, unabhängig davon, was man sonst von dem Buch hält – nennenswert von heute abweicht.

Letztlich scheitert Harts Roman somit an so ziemlich allen möglichen Fronten. Aufgrund des relativ einfach gehaltenen Stils hat man es aber dennoch ziemlich schnell durchgelesen. Und wer mit „Der Circle“ Freude hatte, hat diese vielleicht auch mit „Der Store“. Ich hatte sie eher weniger.

Ich danke dem Heyne-Verlag und dem Bloggerportal für die freundliche Übersendung des Rezensionsexemplars. Die Tatsache, dass es sich bei meiner Ausgabe um ein kostenloses Rezensionsexemplar handelt, beeinflusst meine Meinung selbstredend nicht.

Wertung:

Handlung: 6,5 von 10 Punkten

Charaktere: 5 von 10 Punkten

Stil: 6,5 von 10 Punkten

Atmosphäre: 8 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 6,5 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Ein angesehener Mann“ von Abir Mukherjee.

„Runas Schweigen“ von Vera Buck

Buch: „Runas Schweigen“

Autorin: Vera Buck

Verlag: Blanvalet

Ausgabe: Taschenbuch, 624 Seiten

Die Autorin: Vera Buck, geboren 1986, studierte Journalistik in Hannover und Scriptwriting auf Hawaii. Während des Studiums schrieb sie Texte für Radio, Fernsehen und Zeitschriften, später Kurzgeschichten für Anthologien und Literaturzeitschriften. Nach Stationen an Universitäten in Frankreich, Spanien und Italien lebt und arbeitet Vera Buck heute in Zürich. Ihr Debütroman »Runa« wurde von der Presse hochgelobt und für den renommierten Glauser-Preis nominiert. (Quelle: Blanvalet)

Das Buch: Paris, 1884. In die neurologische Abteilung der Salpêtrière-Klinik wird ein kleines Mädchen eingeliefert: Runa, die allen erprobten Behandlungsmethoden trotzt und den berühmten Arzt und Hysterieforscher Dr. Charcot vor versammeltem Expertenpublikum blamiert. Jori Hell, ein Schweizer Medizinstudent, wittert seine Chance, an den ersehnten Doktortitel zu gelangen, und schlägt das bis dahin Undenkbare vor. Als erster Mediziner will er eine Patientin heilen, indem er eine Operation an ihrem Gehirn durchführt. Was er nicht ahnt: Runa hat mysteriöse Botschaften in der ganzen Stadt hinterlassen, auf die auch andere längst aufmerksam geworden sind. Und sie kennt Joris dunkelstes Geheimnis … (Quelle: Blanvalet)

Fazit: Bereits im Jahr 2018 hat „Runas Schweigen“ den Weg in mein heimisches Domizil und dort dann recht schnell auf den Stapel ungelesener Bücher gefunden. Seitdem habe ich sicherlich vier oder fünf Versuche unternommen, es von selbigem zu befreien, blieb aber immer wieder stecken, mutmaßlich, weil ich Angst vor der eigenen Courage hatte, mich zwischenzeitlich fragte: „Was habe ich mir beim Kauf eigentlich gedacht?“, und das alles aufgrund des diffusen Verdachts, es bei „Runas Schweigen“ mit relativ harter Kost zu tun zu haben. Warum dieser Verdacht vollkommen berechtigt war, „Runas Schweigen“ aber trotzdem ein lesenswertes Buch ist, versuche ich im Folgenden nun mal aufzuschlüsseln.

Der Einstieg in das Buch, so seltsam das vor dem Hintergrund meiner o. g. Leseerfahrung klingen mag, gelingt recht problemlos und ziemlich schnell ist man drin in der Geschichte um Jori, sein Studium, und dem, was ihn dazu antreibt.

Allerdings verdunkelt sich die Stimmung schon kurz darauf, als erstmals die Zustände und Vorgänge in der Salpêtrière geschildert werden. Diese Düsternis verliert die Geschichte bis zu ihrem Ende auch nicht mehr, auch wenn sie durch einzelne Figuren etwas aufgelockert wird, aber dazu später, diese Düsternis tut ihr aber auch gut, macht sie die Geschichte doch umso glaubhafter.

Und es ist wahrlich nichts für schlechte Nerven, was Vera Buck da über die Zustände in psychiatrischen Kliniken im ausgehenden 19. Jahrhundert schreibt. Die geschilderten „Behandlungsmaßnahmen“ ermuntern zu durchgehendem Kopfschütteln, die Vorlesungen unter mehr oder weniger (eher weniger) freiwilliger Hilfe einzelner Patientinnen sind weniger Vorlesungen im wissenschaftlichen Sinn, sondern dienen eher der Befriedigung voyeuristischer Bedürfnisse testosterongesteuerter Jünglinge. Und das sind wahrlich noch nicht die anrührendsten und aufrüttelndsten Stellen des Buches, würde ich aber auf diese eingehen, würde man mir zu recht vorwerfen, zu spoilern.

Um die Charaktere zu beschreiben, wäre „Licht und Schatten“ wahrscheinlich die beste Formulierung. Dr. Charcot (eine historische Figur übrigens), Chef der Salpêtrière und gewissenloser Erfüller o.g. voyeuristischer Bedürfnisse, gefällt mir ausgesprochen gut. Er scheint ein mehr oder weniger gewissenloser Mensch seiner Zeit gewesen zu sein, dem nicht ansatzweise in den Sinn zu kommen scheint, dass das was man, als „Behandlung“ getarnt, mit den Patientinnen (denn es sind praktisch ausnahmslos Frauen in der Klinik) anstellt, nicht nur nicht gut sein kann, sondern dass man auch schlicht überhaupt keine Ahnung hat, was genau man da tut und was es soll.

Protagonist Jori ist zwar gut gezeichnet, macht im Buch eine, wenn auch vorhersehbare, so aber doch wenigstens nachvollziehbare Entwicklung durch, kann aber, zumindest für mich, nicht in Anspruch nehmen, ein großer Sympathieträger zu sein.

Gleiches gilt für Pauline, eine Figur, über die ich ebenfalls nicht zu viel erzählen kann und möchte, bei der es aber umso wichtiger gewesen wäre, den Leser für sie einzunehmen, mit ihr mitzufühlen, sie sympathisch zu gestalten. Leider trifft hiervon nichts auf sie zu.

Größter Gewinn im Bereich der Charaktere ist der ehemalige Polizist und jetztige Möchtegernverbrecher Lecoq. Dieser ältere Herr ist so weit jenseits aller Konventionen angelegt, dass es eine Freude ist. Als Anhänger der Phrenologie, oder Schädellehre, nach der angeblich anhand verschiedener Körpermerkmale Rückschlüsse auf Charaktereigenschaften gezogen werden können, stellt Lecoq, damals noch in Polizeidiensten, plötzlich fest, dass er seine äußeren Merkmale eigentlich auf eine kriminelle Laufbahn hinweisen, woraufhin er den Polizeidienst quittiert, um seinem Schicksal gerecht zu werden und als Krimineller seinen Lebenslauf zu bestreiten, was ihm nur mehr oder weniger schlecht gelingt, zumal er nie wirklich die Finger von Ermittlungen jeder Art lassen kann. Eine solche Figur muss einem erst mal einfallen …

Vera Buck erzählt ihre Geschichte auf ansprechende Weise, ohne den Leser zu überfordern oder den Lesefluss unnötig zu verlangsamen. Im stilistischen Bereich gibt es also, kurz gesagt, aus meiner Sicht, wenig zu bemängeln oder zu bejubeln.

Wenn der Lesefluss stoppt, dann eben wohl deshalb, weil manche Passagen des Buches nur schwer erträglich sind. Wer sich davon nicht aufhalten lässt, dem präsentiert sich jedoch eine spannende und nicht zuletzt auch sehr lehrreiche Lektüre.

Wertung:

Handlung: 7,5 von 10 Punkten

Charaktere: 7,5 von 10 Punkten

Stil: 8 von 10 Punkten

Atmosphäre: 8 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 7,75 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Der Store“ von Rob Hart.

„Propaganda“ von Steffen Kopetzky

Buch: „Propaganda“

Autor: Steffen Kopetzky

Verlag: Rowohlt

Ausgabe: Hardcover, 495 Seiten

Der Autor: Steffen Kopetzky, geboren 1971, ist Autor von Romanen, Erzählungen, Hörspielen und Theaterstücken. Sein letzter Roman «Risiko» (2015) stand monatelang auf der «Spiegel»-Bestsellerliste und war für den Deutschen Buchpreis nominiert. Von 2002 bis 2008 war Kopetzky künstlerischer Leiter der Theater-Biennale Bonn. Er lebt mit seiner Familie in seiner Heimatstadt Pfaffenhofen an der Ilm. (Quelle: Rowohlt)

Das Buch: John Glueck ist im Krieg. Tief in Deutschland, im dunklen Hürtgenwald in der Eifel, 1944. Vor kurzem noch war er Student in New York, voller Liebe zur deutschen Kultur seiner Vorfahren; dann, als Offizier bei Sykewar, der Propaganda-Abteilung der US-Army, traf Glueck in Frankreich sein Idol Ernest Hemingway. Für ihn zieht Glueck in den scheinbar unbedeutenden, doch von der Wehrmacht eisern verteidigten Hürtgenwald bei Aachen. Er entdeckt das Geheimnis des Waldes, als eine der größten Katastrophen des Zweiten Weltkriegs beginnt: die «Allerseelenschlacht» mit über 15 000 Toten. Was kann John Glueck noch retten? Sein Kamerad Van, der waldkundige Seneca-Indianer? Seine halsbrecherischen Deutschkenntnisse? Ein Wunder?

Niemand trat unverändert wieder aus dem «Blutwald» heraus, den die Ignoranz der Generäle zu einem Menetekel auch folgender Kriege machte. Zwanzig Jahre später, in Vietnam, erfährt John Glueck: Die Politik ist zynisch und verlogen wie eh und je. Er wird handeln, und sein Weg führt von der vergessenen Waldschlacht direkt zu den Pentagon-Papers. (Quelle: Rowohlt)

Fazit: Für mich ist das bisherige Jahr 2019, das ja nun auch schon wieder zu fast drei Vierteln vorbei ist, wahrlich arm an Highlights, auch und gerade in literarischer Sicht. Zwar waren da viele gefällige Bücher dabei, aber nichts, was so herausgestochen hätte, dass ich davon auch noch geraume Zeit später erzählen wollen würde.

Würde man mich nach literarischen Highlights der Vorjahre fragen, so fielen mir spontan beispielsweise Klaus Cäsar Zehrers „Das Genie“ oder „Die Gestirne“ von Eleanor Catton ein. Aber eben auch der absolut großartige Roman „Risiko“ von Steffen Kopetzky.

Das schürt natürlich eine Erwartungshaltung an Kopetzkys neuen Roman, die Bücher nur selten zu erfüllen imstande sind. Im vorliegenden Fall allerdings schon, denn „Propaganda“, soviel sei hier jetzt schon verraten, ist für mich das bisherige Lesehighlight des Jahres 2019.

Allerdings hat Kopetzky mit Lesern wie mir auch leichtes Spiel, denn ich mag historische Romane, womit man es hier im weiteren Sinne zu tun hat. Noch mehr mag ich allerdings historische Romane, die auf tatsächlichen Begebenheiten basieren. Am liebsten allerdings sind mir historische Romane, die auf tatsächlichen Begebenheiten basieren und die gut recherchiert sind. Und eben Letzteres ist „Propaganda“.

Der Autor teilt seinen Roman in zwei Handlungsstränge, deren erster 1944 bis 1945 spielt und die Schlacht im Hürtgenwald zum Thema hat. Der zweite Handlungsstrang ist im Jahr 1971 angesiedelt und thematisiert den Vietnamkrieg sowie die Geschehnisse rund um die sogenannte „Pentagon-Papers“.

Kopetzky teilt seinen Roman in lediglich fünf große Abschnitte ein, den richtigen Moment zur Unterbrechung der Lektüre muss sich die Leserschaft also mangels kurzer, leicht verdaulicher Kapitel selbst suchen, allerdings wüsste ich ohnehin nicht, warum man die Lektüre unterbrechen sollte. Manchmal muss man eben Prioritäten setzen.

Zu der Reihe handelnder Personen, mit denen Kopetzky seinen Roman bevölkert, gehören ebenso wie schon in „Risiko“ eine ganze Reihe prominenter Personen, vorzugsweise aus der Literaturbranche, namentlich seien hier mal die Herren Hemingway oder Bukowski genannt. Im Grunde sehe ich so etwas in Romanen eher kritisch, weil die entsprechenden Figuren meist eher Mittel zum Zweck sind und ihren tatsächlichen Originalen nur schwerlich gerecht werden. Kopetzky allerdings lässt seine Figuren menscheln und beim Leser das Gefühl erzeugen, dass beispielsweise die genannten Autoren wirklich so waren, wie sie hier dargestellt werden.

Auch die nicht berühmten Persönlichkeiten im Buch können weitgehend überzeugen, allen voran natürlich Protagonist John Glueck. Hat man anfangs noch das Gefühl, es mit einer Person zu tun zu haben, die, mit Verlaub, einfach einen veritablen Schatten hat, entwickelt sich langsam durch die Erzählung seiner Lebensgeschichte ein gewisses Verständnis für Glueck, das sich – zumindest bei mir – letztlich in aufrichtige Sympathie verwandelte.

Bei den Nebenfiguren verzichtet Kopetzky zumeist auf eine detaillierte Vorgeschichte und bringt sie dem Leser durch ihre Handlungen näher. Mir gefällt der Ansatz in einem Buch, das so deutlich seinen Plot in den Vordergrund stellt, auch recht gut, zumindest habe ich trotz der kargen Charakterisierung einiger Personen nicht das Gefühl, etwas zu verpassen oder gar, dass mir wesentliche Informationen vorenthalten werden.

Der Autor bringt dem Leser seine Handlung auch stilistisch auf hohem Niveau näher. Er verzichtet zwar zum Teil auf die aus meiner Sicht eher ausufernde Schilderung diverser Begebenheiten, so wie das noch in „Risiko“ der Fall war, dafür schildert er einzelne Szenen in einer Eindrücklichkeit, die sehr zum Lesevergnügen beiträgt. Hart und schonungslos präsentiert Kopetzky der Leserschaft die Schlacht im Hürtgenwald, allerdings nicht, um Gewalt als banales Mittel zum Zweck einzusetzen, sondern, um die Sinnlosigkeit allen kriegerischen Tuns aufzuzeigen. Und gäbe es eine Liste der dämlichsten und sinnlosesten Militäroperationen aller Zeiten, würde die Schlacht im Hürtgenwald durchaus einen der vorderen Plätze einnehmen.

Der Autor nutzt die Thematik aber auch, um allgemein den Militarismus der USA aufs Korn zu nehmen. Im Wesentlichen ist „Propaganda“ wahrlich kein USA-freundliches Buch, verlässt aber nie den Boden der Sachlichkeit und darüber hinaus ist die Kritik angesichts der Tatsache, dass die Liste der US-Militäroperationen der letzten Jahrzehnte länger ausfällt als meine Abi-Klausur im Deutsch-LK vor gut 20 Jahren, wohl auch durchaus berechtigt.

Kopetzky beschränkt sich aber nicht nur auf die schlechten Seiten der Geschichte, sondern hat immer wieder auch Positives zu bieten. Zum einen blitzt an einzelnen Stellen, nicht oft, immer wieder ein Humor durch, den man im Buch nicht erwartet und der, zumindest bei mir, deshalb umso besser funktioniert hat. So beispielsweise an der Stelle, als der hinsichtlich Fallschirmsprüngen deutlich unterqualifizierte John Glueck nach Frankreich versetzt wird um sich dort an die Fersen von Ernest Hemingway zu heften und über diesen zu schreiben. Glueck kann sein, Verzeihung, Glück kaum fassen, steigt mit einigen Soldaten in den Bomber, fliegt ab und sagt:

„Ich war berauscht wie nie. Nur einem Umstand hatte ich bisher keine Beachtung geschenkt: Bomber landen nicht.“ ( S. 128)

Ich find´s komisch!

Auch abseits des selten eingesetzten Humors erzeugt „Propaganda“ trotz der ernsten Themen streckenweise einen gewissen Wohlfühlfaktor, denn neben der eben geschilderten USA-Kritik ist „Propaganda“ vor allem eines: eine Liebeserklärung an die amerikanische Literatur, an die Literatur allgemein, des letzten Jahrhunderts. Oftmals wird, so ging es mir jedenfalls, durch die Erwähnung dieses Schriftstellers oder jenes Buches, der Leser dazu verleitet, sich die entsprechenden Werke ebenfalls anzusehen, sofern noch nicht geschehen.

Letztlich also hat Kopetzky einen Roman geschrieben, der mindestens mit seinem Vorgänger mithalten kann, ihn in Teilen sogar übertrumpft. Wer einen gut recherchierten Roman mit spannender Handlung, gefälligen Figuren und historischem Bezug auf stilistisch hohem Niveau lesen möchte, dem kann ich „Propaganda“ wärmstens ans Herz legen. Und wer das nicht möchte, lässt es halt, verpasst dann aber etwas.

Herzlichen Dank an das Bloggerportal und den Rowohlt-Verlag für die freundliche Übersendung des Rezensionsexemplars. Die Tatsache, dass es sich hier um ein Rezensionsexemplar handelt, beeinflusst meine Meinung selbstreden nicht.

Wertung:

Handlung: 9,5 von 10 Punkten

Charaktere: 9 von 10 Punkten

Stil: 9,5 von 10 Punkten

Atmosphäre: 10 von 10 Punkten (hier würde ich 11 geben, wenn ich könnte)

Gesamtwertung: 9,5 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Runas Schweigen“ von Vera Buck.

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