„Die Eroberung Amerikas“ von Franzobel

Buch: „Die Eroberung Amerikas“

Autor: Franzobel

Verlag: Zsolnay

Ausgabe: Hardcover, 544 Seiten

Der Autor: Franzobel, geboren 1967 in Vöcklabruck, erhielt u. a. den Ingeborg-Bachmann-Preis (1995), den Arthur-Schnitzler-Preis (2002) und den Nicolas-Born-Preis (2017). Bei Zsolnay erschienen zuletzt die Krimis „Wiener Wunder“ (2014), „Groschens Grab“ (2015) und „Rechtswalzer“ (2019) sowie 2017 der Roman „Das Floß der Medusa“, für den er auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis stand und mit dem Bayerischen Buchpreis ausgezeichnet wurde. Zuletzt erschien 2021 der Roman „Die Eroberung Amerikas“.  (Quelle: Hanser)

Das Buch: Ferdinand Desoto hatte Pizarro nach Peru begleitet, dem Inkakönig Schach und Spanisch beigebracht, dessen Schwester geschwängert und mit dem Sklavenhandel ein Vermögen gemacht. Er war bereits berühmt, als er 1538 eine große Expedition nach Florida startete, die eine einzige Spur der Verwüstung durch den Süden Amerikas zog. Knapp 500 Jahre später klagt ein New Yorker Anwalt im Namen aller indigenen Stämme auf Rückgabe der gesamten USA an die Ureinwohner. (Quelle: Hanser)

Fazit: Erwartungshaltungen und daraus resultierende Enttäuschungen sind ein weites Feld, wie Effi Briests Vater vielleicht gesagt hätte. Wäre ich beispielweise mit der unrealistischen Erwartung in diesen Tag gestartet, zu Hause bleiben und den Radiosender meines Vertrauens irgendwie davon überzeugen zu können, weiter „Alter Bridge“ zu spielen, so wäre ich nahezu unausweichlich sehr enttäuscht worden.

Und unter anderem eine unrealistische Erwartungshaltung war es eben auch, an der Franzobels neuer Roman bei mir gescheitert ist. So ging ich in meiner grenzenlosen Unkenntnis davon aus, dass sich der Autor in seinem Buch inhaltlich mehr mit der Klage des New Yorker Anwalts beschäftigen würde. Vor dem Hintergrund, dass sich beispielsweise mittlerweile diverse US-amerikanische Sportteams aus NFL und MLB der schon gefühlte Ewigkeiten bestehenden Forderung amerikanischer Ureinwohner nach einer Änderung ihrer Teamnamen berechtigterweise gebeugt haben, hätte dieser thematische Ansatz mit einer gewissen Aktualität punkten und viele relevante Fragestellungen behandeln können. Tatsächlich macht dieser Handlungsstrang allerdings nur einen minimalen Anteil des Buches aus.

Stattdessen hat Franzobel im Kern einen historischen Roman geschrieben, der sich inhaltlich detailliert mit der Expedition Ferdinand Desotos nach Florida beschäftigt, was ja nun per se nichts Schlechtes sein muss, zumal ich historische Romane mag. Ich beschloss also, mich von meiner enttäuschten Erwartungshaltung nicht weiter beeinflussen zu lassen, sondern mich vielmehr auf das einzulassen, was da denn nun kommen sollte.

Aber auch im weiteren Verlauf wollte „Die Eroberung Amerikas“ bei mir irgendwie nicht zünden. Und das wundert mich rückblickend schon, denn realistisch betrachtet macht Franzobel hier wenig anders als beispielsweise in seinem Roman „Das Floß der Medusa“, welches ich seinerzeit mit großer Begeisterung gelesen habe. Aber alles was dort in erzählerischer Hinsicht funktioniert hat, funktioniert für mich in seinem neuen Roman eben nicht.

Schon in „Das Floß der Medusa“ hat der Autor erzählerisch durchblicken lassen,  dass er eher einen Tatsachenbericht aus heutiger Sicht als einen reinen historischen Roman geschrieben hat. Ausmachen ließ sich das an allerlei anachronistischen Motiven, die an diversen Stellen mehr oder weniger beiläufig eingestreut wurden. Und auch in „Der Eroberung Amerikas“ verhält es sich ganz ähnlich. Es wirkt aus meiner Sicht nur leider vollkommen deplaziert.

Im Laufe der Handlung wird das Verhalten der Konquistadoren gegenüber den Ureinwohnern immer rauer und gipfelt schließlich in diversen Massakern, die explizit, blutig und schonungslos dargestellt werden. Anstatt es nun bei diesen Fakten zu belassen und sich tatsächlich eher im Bereich des Tatsachenberichts zu bewegen und die Ereignisse entsprechend auf die Leserschaft wirken zu lassen, versucht der Autor augenscheinlich, das Geschilderte ein bisschen aufzulockern, „die Grausamkeit erträglich“ zu machen, wie die Frankfurter Rundschau in ihrer Rezension schreibt. Nur: Hier gibt es nichts erträglich zu machen! Durch Franzobels durchweg humoristischen Ansatz – er dichtet der Expedition unter anderem die Urheberschaft für Fritten, Hamburger, Football und Personenkontrollen an Flughäfen an – verkommt das Geschilderte zur Farce und sein Roman zur Groteske. Und ja, im Grunde war der Ansatz in „Das Floß der Medusa“ ähnlich und in dort ging es immerhin um Themen wie Kannibalismus. Im vorliegenden Fall halte ich persönlich den humoristischen Ansatz – der im Übrigen, auch wenn man ihn schätzen würde, ohnehin nur mäßig unterhaltsam ist und eine überschaubare Halbwertzeit hat – nur leider für gänzlich unangemessen. So wirkt das Ganze nicht wie ein adäquater Umgang mit den Ereignissen, sondern eher wie „Kick-Ass“. Schade.

Eine rühmliche Ausnahme von dieser Kritik stellt lediglich der Notar Turtle Julius dar, der im Verlaufe der Handlung einiges durchmachen muss und irgendwie an Monty Pythons „Schwarzen Ritter“ erinnert. Der ist wirklich komisch – und hätte als humoristisches Element des Buches vollkommen ausgereicht.

Ein weiteres Ärgernis stellen die Charaktere des Buches dar. Während sie in Franzobels letztem Buch bereits guten Gewissens als etwas überzeichnet durchgehen dürften, gilt hier das ziemliche Gegenteil. Empfand ich den Protagonisten selbst noch als recht vielschichtige Figur, als einen aus reiner Zweckmäßigkeit mit einer ungeliebten Frau verheirateten, vom Erfolgshunger getriebenen und  von der Angst vor der Bedeutungslosigkeit verfolgten Mann, ist es dem Autor nicht gelungen, seinen Nebenfiguren ausreichend Profil zu verleihen, um sie als Leser auch nur halbwegs sicher auseinanderhalten zu können. Das ist selbstverständlich ein äußerst subjektiver Eindruck, aber ich zumindest habe es irgendwann aufgegeben, zwischen den überdies sehr skurrilen Figuren unterscheiden zu wollen und sie der Einfachheit halber für mich zu einer Art Personen-Pool zusammengefasst.

In Summe entsteht der letztlich Eindruck, als habe ich sich der Autor an seinem letzten Roman orientieren und in jeglicher Hinsicht noch eines draufsetzen wollen. Nur manchmal ist weniger halt eben doch mehr.

Nun mag man angesichts der Tatsache, dass „Die Eroberung Amerikas“ auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2021 steht, und auch die Pressestimmen, zumindest in meiner Wahrnehmung, mehrheitlich positiv waren, den Schluss ableiten, dass ich keine Ahnung habe, und das mag vielleicht so sein. Die genannten Punkten wiegen für mich allerdings zu schwer, als dass ich mit Franzobels neuestem Werk so richtig glücklich geworden wäre. Und das ist für mich ebenso überraschend wie schade.

Demnächst in diesem Blog: „Der Name der Rose“ von Umberto Eco.

 

 

„Der Donnerstagsmordclub“ von Richard Osman

Buch: „Der Donnerstagsmordclub“

Autor: Richard Osman

Verlag: List

Ausgabe: Taschenbuch, 464 Seiten

Der Autor: Richard Osman ist Autor, Fernsehmoderator und Produzent. Sein Debüt, Der Donnerstagsmordclub, war ein internationaler Riesenerfolg. Der Mann, der zweimal starb ist sein zweiter, gleichwohl erstbester Roman. Er lebt in London.

Richard Osman ist ein englischer Fernsehmoderator, Produzent und seit Neuestem auch Autor. Die Idee für seinen Krimi kam ihm, als er eine Verwandte in einer luxuriösen Seniorenresidenz besucht hat und ihm das Schlimmste zugestoßen ist, was einem modernen Menschen widerfahren kann: Er hatte keinen Handyempfang. Wer denkt da nicht sofort an Mord und Totschlag? »Der Donnerstagsmordclub« ist sein erster und bisher bester Roman. (Quelle: Ullstein Buchverlage)

Das Buch: Man möchte meinen, so eine luxuriöse Seniorenresidenz in der idyllischen Grafschaft Kent sei ein friedlicher Ort. Das dachte auch die fast achtzigjährige Joyce, als sie in Coopers Chase einzog. Bis sie Elizabeth, Ron und Ibrahim kennenlernt oder, anders gesagt, eine ehemalige Geheimagentin, einen ehemaligen Gewerkschaftsführer und einen ehemaligen Psychiater. Sie wird Teil ihres Clubs, der sich immer donnerstags im Puzzlezimmer trifft, um ungelöste Kriminalfälle aufzuklären. Als dann direkt vor ihrer Haustür ein Mord verübt wird, ist der Ermittlungseifer der vier Senioren natürlich geweckt, und selbst der Chefinspektor der lokalen Polizeidienststelle kann nur über ihren Scharfsinn staunen. (Quelle: Ullstein Buchverlage)

Fazit: Wenn eine britische Zeitung über Osmans Debüt schreibt, es sei „witzig, warmherzig und weise“, und sie damit vollumfänglich recht hat, dann könnte es sich der Rezensent, der ohnehin noch nicht so genau weiß, wie er seine Begeisterung in Worte fassen soll, einfach machen und es lediglich bei der Einlassung belassen, dass oben genannter Einschätzung besagter Zeitung ohnehin nichts hinzuzufügen sei. Ganz so einfach mache ich es mir dann aber doch nicht und versuche stattdessen, mal detaillierter zu beschreiben, warum „Der Donnerstagsmordclub“ für mich eines der Bücher des Jahres 2021 war.

Dabei standen die Voraussetzungen für diesen Eindruck eigentlich denkbar schlecht: Mit vergleichsweise schlechter Laune und auch ansonsten mit der Gesamtsituation gerade vehement unzufrieden, stand ich in der Buchhandlung meines Vertrauens und griff in einer Art Übersprungshandlung zu Osmans Buch, mit dem Ziel, dass eben dieses Buch doch nun bitte meine Laune positiv beeinflussen möge, in vollem Bewusstsein der Tatsache, dass das bei mir nur selten funktioniert. Und die ersten beiden Leseversuche wurden dann nach wenigen Seiten auch wieder abgebrochen, weil der vorurteilsbehaftete Teil von mir den Kauf bereits bereute und sicher war, es hier mit etwas Grenzkitschigem zu tun zu haben.

Weit gefehlt.

Richard Osman präsentiert uns das Geschehen über zwei unterschiedliche Erzählperspektiven. Der Großteil der Ereignisse wird von einem auktorialen Erzähler geschildert, zwischendrin werden diese Passagen von Tagebucheinträgen aus der Feder von Joyce unterbochen. Diese Art des Erzählens funktioniert auch deswegen besonders gut, weil die Tagebucheinträge das Ganze auf gelungene Weise auflockern. Auch und gerade, weil sie in sprachlich-stilistischer Hinsicht an einen „Mein schönstes Ferienerlebnis“-Aufsatz erinnern, mit der überdies Joyce´ Persönlichkeit wunderbar abgebildet wird, aber dazu später mehr.

Was das Erzählerische zudem ausmacht, ist die emotionale Klaviatur, auf der Osman in beeindruckender Weise zu spielen vermag. Da wäre zum einen der teils großzügig eingesetzte, aber immer subtil daherkommende, zuweilen recht britische Humor. Humor in  Büchern funktioniert bei mir in den meisten Fällen nur bedingt, und die Ursache hierfür wäre mal zu ergründen, liegt sie doch mitnichten darin, dass ich ein humorloser Mensch wäre. „Der Donnerstagsmordclub“ allerdings versetzte mich vergleichsweise häufig in mal infantiles, mal unerwartetes Kichern.

Zum anderen spart der Autor aber eben auch die unschönen Dinge des Lebens nicht aus. Die Hauptfiguren werden naturgemäß auch mit den negativen Aspekten des Alterns konfrontiert, sei es beispielsweise ein dementer Ehemann, sei es der Verlust geliebter Menschen.

Trotzdem gelingt es Osman, die Balance zu halten und den Roman weder in seinen komischen Momenten ins Alberne noch in seinen ernsten Momenten ins Rührselige oder gar Kitschige kippen zu lassen.

Neben dem erzählerischen Aspekt sind es insbesondere die Hauptfiguren, die diesen in höchstem Maße sympathischen Krimi tragen. Da wäre die bereits kurz angesprochene Joyce, ihres Zeichens ehemalige Krankenschwester. Eine Person, über die man allgemein sagen würde, dass sie kein Wässerchen trüben könnte, die auch zuweilen etwas naiv daherkommen mag. Eine Person, die sich dieses Eindrucks aber eben auch bewusst ist und die sich selbst als „harmlos“ beschreibt.

Da wäre überdies der ehemalige Gewerkschaftsführer Ron, der, durch unzählige Arbeitskämpfe gestählt, immer ein wenig auf Krawall gebürstet ist und sich völlig in seinem Protestler-Element wiederfindet, als die betagten Bewohnerinnen und Bewohner der Seniorenanlage aus Widerstand gegen die geplante Bebauung eines Friedhofs einen spontanen Sitzstreik organisieren.

Ihm immer zur Seite steht der ehemalige Psychologe Ibrahim, ein analytisch denkender Mensch, der zwischendurch aber immer auch durch kalenderspruchartige Weisheiten wie „Normalität ist eine hypthetische Größe!“ auffällt.

Das organisatorische Mastermind hinterallem ist die ehemalige Geheimdienstlerin Elizabeth, die irgendwie als „M“, „Q“ und „Miss Moneypenny“ in Personalunion erscheint. Braucht man gerade Kontakte nach Zypern, kann man sichergehen, dass Elizabeth dort noch jemanden kennt, ist gerade ein Forensiker vonnöten, dann gibt es sicherlich noch jemanden, der Elizabeth einen Gefallen schuldet …

Diese Figuren und ihr Zusammenspiel machen einen Großteil des Charmes von „Der Donnerstagsmordclub“ aus, zudem ergänzt der Autor sein Figurenensemble durch ebenso gelungenen Nebenfiguren, als Beispiel sei hier mal der Betreiber der Seniorenwohnanlage, Ian Ventham, genannt. Ein Typ, der so von sich und der Welt überzeugt ist, dass er sich überhaupt nicht vorstellen kann, warum es Menschen geben sollte, die ihn nicht für Gottes größtes Geschenk an die Menschheit halten sollten.

Man mag einwenden, dass die Charaktere alle ein bisschen überzeichnet wirken könnten, und das mag bei Lichte betrachtet sogar stimmen. Ich bin allerdings davon überzeugt: Das soll so!

Wenn man einen Krimi schreibt, der eine eindeutig gefühligere Komponente aufweist als andere Genrevertreter, man sich mithin also im Bereich der „Cosy-Crime“ befindet, wie Nachfolgegenerationen wohl sagen würden, dann – so ist jedenfalls mein Eindruck – bleibt die Krimihandlung selbst oftmals ein wenig auf der Strecke bzw. wird etwas stiefmütterlich behandelt. Hier ist das anders, der eigentliche Kriminalfall ist vergleichsweise komplex, auch wenn einzelne Handlungselemente für den aufmerksamen Teil der Leserschaft vielleicht auf der Hand liegen und wenig überraschend sein mögen.

Was ich also versuche, hier auf so ungelenke Art zu vermitteln, ist, dass man sich „Der Donnerstagsmordclub“ nicht entgehen lassen sollte, insbesondere dann nicht, wenn man mal wieder ein bisschen Wohlfühlliteratur braucht, die dennoch nicht gänzlich spannungsbefreit daherkommt. Die Tatsache jedenfalls, dass Osman insgesamt drei Romane rund um das hochbetagte Ermittlerteam veröffentlichen will und dass der zweite Teil mit dem Titel „Der Mann, der zweimal starb“ im Januar 2022 erscheinen wird, lässt mich mit einer Menge Vorfreude zurück.

Ganz klare Leseempfehlung!

Demnächst in diesem Blog: „Die Eroberung Amerikas“ von Franzobel

„Imperator“ von Kai Meyer und Lisanne Surborg

Buch: „Imperator“

Autoren: Kai Meyer, Lisanne Surborg

Verlag: Droemer Knaur

Ausgabe: Taschenbuch, 397 Seiten

Die Autoren:

Kai Meyer ist ein 1969 in Lübeck geborener Autor. Nach einem Studium – Film, Theater und Philosophie – arbeitete Meyer als Volontär bei einer Tageszeitung und schrieb während dieser Zeit an seinem ersten Buch. „Der Kreuzworträtsel-Mörder“ erschien dann 1993.Der Durchbruch gelang Meyer im Jahr 1994 mit seinem Roman „Die Geisterseher“ und vor allen Dingen mit „Die Alchimistin“. International erfolgreich war der Autor erstmals mit „Die fließende Königin“, dem ersten Teil der Merle-Trilogie.

Meyers Romane haben mittlerweile Millionen-Auflagen erreicht und erscheinen in über 30 Sprachen.

Der Autor lebt mit seiner Familie am Rande der Eifel.

Lisanne Surborg wurde 1993 in Gifhorn geboren. Sie studierte Kommunikations- und Medienwissenschaft und arbeitet nebenbei beim Lokalradio mephisto 97.6 der Universität Leipzig. (Quelle: Thalia)

Das Buch: Rom in den Swinging Sixties – eine Stadt der Filmstars und Verbrecher, der Starlets und Geisterbeschwörer, des alten Adels und der korrupten Politik.

Die Studentin Anna schließt sich einer Gruppe Paparazzi an, um inkognito den Mörder ihrer Mutter zu jagen. Zugleich soll der Privatdetektiv Gennaro Palladino den Tod eines wahnsinnigen Malers aufklären.
Die Suche nach der Wahrheit führt Anna zusammen mit dem jungen Fotografen Spartaco durch Paläste und verlassene Villen, durch Filmstudios und verruchte Jazzclubs – und immer wieder auf die legendäre Via Veneto, den Brennpunkt des Dolce Vita. Während die High Society im Champagner badet und Regierungsgegner die Revolution planen, ziehen finstere Mächte die Fäden. Sie wollen die Auferstehung des antiken Rom – koste es, was es wolle. (Droemer Knaur)

Fazit: Ich meine, mich erinnern zu können, dass Kai Meyer im Vor- oder Nachwort einer limitierten und signierten Ausgabe seines Romans „Das Haus des Dädalus“ – welche hier zugegebenermaßen auch Erwähnung findet, damit ich explizit darauf hinweisen kann, ein Exemplar davon zu besitzen – mal erwähnt hat, dass er schon seit geraumer Zeit einen großen Hang zur Ewigen Stadt hat. Daher verwundert es nicht, dass es ihn, diesmal in Kooperation mit Lisanne Surborg, früher oder später wieder in literarischer Hinsicht dorthin zurückführt.

Viel mehr verwundert es – in erster Linie mich persönlich -, dass es sich bei „Imperator“ um ein Buch handelt, zu dem ich eigentlich gar nicht so viel sagen kann. Wer seit einiger Zeit über Bücher schreibt, wird dieses Phänomen kennen und es ist immer wieder ein eher unangenehmes Gefühl, wenn es auftaucht. Zumal es in der Vergangenheit Bücher von Kai Meyer gab, über die ich ganze Lobeshymnen hätten verfassen können, auch wenn die Mehrzahl davon bereits länger zurückliegt.

Und eigentlich macht das Autorenduo auch viel richtig.

Der stilistische Bereich ist ein Beispiel dafür, aber eben auch ein Beispiel für die Elemente, über die ich halt nicht viel sagen kann, außer: Surborg und Meyer gelingt es, eine gemeinsame Erzählerstimme zu finden, die zumindest mich persönlich voll und ganz überzeugt.

Auch hinsichtlich meines Eindrucks zu den Charakteren tue ich mich schwer. Anfangs dachte ich noch, der Privatdetektiv Gennaro Palladino könnte sich zu einer Figur entwickeln, für deren Schicksal ich ein verstärktes Interesse mitbringen könnte. Das macht er aber irgendwann selbst zunichte und in Sekundenbruchteilen entsteht der Eindruck eines doch eher gefühllosen, kaltblütigen Spinners, mit dem ich nicht mehr als unbedingt notwendig zu tun haben wollen würde.

Positiv hervorheben muss man in diesem Bereich dagegen den Fotografen Spartaco. Eigentlich ein Adelsspross, hauptsächlich allerdings als Freizeitrevoluzzer unterwegs, weiß man bei ihm nie so ganz genau, ob er seine revolutionären Ideen nun deshalb in die Welt hinausträgt, weil er wirklich von ihen überzeugt ist oder doch nur, um seinen Vater zu ärgern. Tatsächlich ist Spartaco die einzige der Hauptfiguren, an deren Schicksal über das Buch hinaus ich gesteigertes Interesse hätte.

Denn seine Mitstreiterin Anna bleibt im Vergleich zu ihm wiederum eher blass, tragischerweise ohne jetzt konkret festmachen zu können, woran das liegt. Vielleicht daran, dass sie in ihrer Handlungsmotivation zu eindimensional ausgelegt ist bzw. dargestellt wird.

Alles andere als eindimensional ist allerdings die Handlung selbst. Die Story rund um die Nachwehen der Mussolini-Ära und die augenscheinliche mangelnde Aufarbeitung selbiger hat etwas und bietet mehr als nur ein gutes Grundgerüst für die Fortsetzungen zu sein, denn „Imperator“ ist ja „nur“ ein Reihenauftakt. Das einzige, was mich massiv gestört hat, waren ausgerechnet die phantastischen Elemente, in denen die Figuren mit ihrer Kindheit konfrontiert werden. Ich fand schon Pennywise in Stephen Kings „Es“ irgendwie albern und hier verhält es sich nicht wesentlich anders, was die Wirkung der besagten phantastischen Elemente auf mich angeht. Selbstredend ist das ein sehr subjektives Problem und für andere Teile der Leserschaft kann dieser Teil des Buches das Grauen persönlich darstellen, für mich war es leider nichts.

Das große Highlight des Buches liegt dagegen in seinem unverbrauchten Setting. Nun kann ich wegen der Gnade der späten Geburt und allgemein mangelnder entsprechender Ortskenntnis nicht beurteilen, ob das Autorenduo das Flair von Ort und Zeit wirklich adäquat eingefangen haben, aber die erzeugte Stimmung ist jedenfalls mehr als überzeugend. Das Umfeld abgehalfterter, amerikanischer Schauspieler, die sich in Italien niederlassen, um dort in Serie fragwürdige B-Movies zur Sicherung ihres Status zu drehen, das hat halt einfach was.

Deswegen habe ich mich letztlich ganz gerne in der Welt von „Imperator“ aufgehalten, ob ich den Fortgang der Reihe weiter verfolgen werde, weiß ich allerdings noch nicht so genau. Vielleicht, wenn ich irgendwann mehr über den Reihenauftakt sagen kann.

Meyer- bzw. Surborg-Fans können sicherlich bedenkenlos zugreifen, für alle anderen ist die Lektüre ein wohlwollendes „Kann“ aber kein ultimatives „Muss“.

Ich danke dem Droemer Knaur Verlag für die freundliche Übersendung des kostenlosen Rezensionsexemplars. Die Tatsache, dass es sich um ein kostenloses Rezensionsexemplar handelt, beeinflusst meine Meinung selbstredend nicht.

Demnächst in diesem Blog: „Der Donnerstagsmordclub“ von Richard Osman. Ich stelle eine ultimative Lobhudelei in Aussicht.

„Behemoth“ von T.S. Orgel

Buch: „Behemoth“

Autoren: T.S. Orgel

Verlag: Heyne

Ausgabe: Taschenbuch, 576 Seiten

Die Autoren: Hinter dem Pseudonym T. S. Orgel stehen die beiden Brüder Tom und Stephan Orgel. In einem anderen Leben sind sie als Grafikdesigner und Werbetexter beziehungsweise Verlagskaufmann beschäftigt, doch wenn beide zur Feder greifen, geht es in fantastische Welten. Nach einer Reihe von Kurzgeschichten und elektronischen Veröffentlichungen erschien 2012 ihr erster gemeinsamer Roman »Orks vs. Zwerge«, für den sie im Oktober 2013 den Deutschen Phantastik Preis für das beste deutschsprachige Debüt erhielten. (Quelle: Random House)

Das Buch: Die Erde ist in ferner Zukunft unbewohnbar geworden. Die einzige Hoffnung der Menschheit sind drei riesige Generationenschiffe, die sich ein kosmisches Rennen zum nächsten habitablen Planeten liefern. Im Laufe der langen Reise haben sich die Besatzungen immer weiter auseinander entwickelt. Als sie plötzlich auf ein Raumschiffwrack treffen, entbrennt ein Konflikt zwischen den drei Schiffen, denn wer die Ressourcen des Wracks kontrolliert, kann das Rennen zur neuen Erde gewinnen. Aber niemand ahnt, was es mit dem toten Schiff wirklich auf sich hat … (Quelle: Random House)

Fazit: Ich glaube, die Bücher der Gebrüder Orgel gehören in die Kategorie der Bücher, die man entweder mag oder mit denen man halt gar nichts anfangen kann. Kurioserweise trifft auf mich persönlich irgendwie beides zu. So habe ich das Debüt der Autoren „Orks vs. Zwerge“ guten Gewissens verpasst, weil ich mit den ganzen „X vs. Y“-Romanen aus dem Fantasybereich, die eine Zeit lang en vogue waren, ebenso wenig anfangen kann, wie mit den in selber Zeit populären Büchern über bestimmte Fantasywesen, sei es „Die Orks“, „Die Drachen“ oder „Die Trolle“ – Markus Heitz´ „Zwerge“ mal ausgenommen. Es hat ja sogar mal jemand ein Buch über Goblins geschrieben …

Eingestiegen bin ich erst bei „Die Blausteinkriege“, ein Fantasy-Dreiteiler, den ich durchgehend ziemlich gut bis großartig fand und den ich allen ansatzweise fantasybegeisterten Leserinnen und Lesern nach wie vor wärmstens empfehlen kann.

Bei „TERRA“ war ich dann wieder draußen, weil ich gerade keine Lust auf Science-Fiction hatte, dafür arbeitete ich mich im Anschluss – und tue es noch – seit gefühlten Jahrhunderten durch „Das Haus der tausend Welten“, das bei mir so gar nicht zünden will.

Dem Gesetz der ansatzweisen Serie nach hätte ich mit „Behemoth“ also eigentlich wieder Glück haben müssen. Aber auch hier gilt vermutlich: Man mag es oder man kann damit gar nichts anfangen.

Zu Beginn des Buches bringen die Autoren der Leserschaft erst mal ihr Setting nahe: Nach Funden von außerirdischen Artefakten – hier könnten die Autoren bei „Mass Effect“ geklaut haben, ist aber nicht schlimm – macht die Menschheit einen bemerkenswerten Technologiesprung, der aufgrund der Tatsache, dass weite Teile der Erde mittlerweile unbewohnbar geworden sind, deren Rettung bedeuten könnte. Die FDP wäre begeistert. Mithilfe der neu erworbenen Technologie entwickeln alle drei mittlerweile besiedelten Himmelskörper – die Erde, der Mond, der Mars – jeweils ein Generationsraumschiff, um sich auf den Weg zu einer neuen bewohnbaren Heimat zu machen.

Die Erde – unter Federführung des asiatischen Raums – geht mit der „Zheng He“ ins Rennen, der Mond schickt die „Tereschkowa“ auf die Reise und für den Mars startet die „Venta Chitru“. So wie unterschiedliche Länder oder Kontinente auf der Erde auch, verfolgen auch die drei Raumschiffe unterschiedlichen Ansätze und Lebensweisen. An Bord der „Zheng He“ ist alles bis ins kleinste Detail optimiert – unklusive der Menschen, in genetischer Hinsicht -, man lebt in einer Art Kastensystem und an und für sich recht basisdiktatorisch. Die Reisenden der „Tereschkowa“ sind gezwungenermaßen eher Bastler und Organisationstalente, die sich gegenseitig größtmöglich unterstützen. Die Passagiere der „Venta Chitru“ sind wiederum einerseits smombieartige Technikhörige, darüber hinaus aber eben auch in großer Anzahl kryostatisch eingefroren, weswegen man von ihnen im Buch auch eigentlich am wenigsten mitbekommt.

Der sich daraus entwickelnde Plot – zu dem komme ich später – hat durchaus seinen Reiz, seine spannendsten Momente hat „Behemoth“ aber aus meiner Sicht, wenn es sich mit über den Plot hinausgehenden Fragen zum Wesen des Menschen an sich beschäftigt. Das passiert selten und wenn, dann sicherlich nicht hochphilosophisch sondern eher oberflächlich, aber immer dann hat mir der Roman am besten gefallen, auch weil sich derartige Fragestellungen vor dem Hintergrund der inhaltlichen Ausgangssituation halt einfach anbieten.

Die Handlung kommt mit dem Fund des Raumschiffwracks erst so richtig in Fahrt, Konflikte tun sich auf, es wird über weite Strecken action- und abwechslungsreich. Im späteren Verlauf kommt noch eine im Ansatz gruselige „Alien“-Komponente dazu. Zumindest hatte ich persönlich diese Assoziation, je länger die Lektüre andauerte, desto öfter hatte ich die junge Sigourney Weaver im Hinterkopf, keine Ahnung, was mit mir nicht stimmt. Grundsätzlich jedenfalls gibt es inhaltlich an „Behemoth“ wenig auszusetzen.

In stilistischer Hinsicht bewegen sich die Gebrüder Orgel auf gewohntem Terrain. Damit will ich sagen, dass die Lektüre einerseits niemanden sprachlich überfordern sollte, andererseits, wie in anderen Büchern der Autoren auch, sich den aufmerksamen nerdlastigen Teilen der Leserschaft wiederum eine Reihe von Reminiszenzen an Genreklassiker von „Star Wars“ bis „Firefly“ offenbaren dürfte.

Kritik muss einzig und allein, dafür aber ausgiebigst, an den Charakteren geäußert werden, die mich teilweise so enorm geärgert haben, dass es sich auf den Gesamteindruck des Buches ausgewirkt hat. Und da das für so ziemlich alle gilt, brauche ich keine Figur exemplarisch herausgreifen. Die Kritik wiederum liegt nicht darin begründet, dass die Figuren nicht nachvollziehbar gestaltet wären, ich an ihrer Entwicklung etwas auszusetzen hätte oder ähnliches, sondern schlicht und ergreifend an ihrem obercoolen Actionfilm-Babo-Gehabe, das mir fürchterlich auf den Zeiger ging. Mag die Situation auch noch so bedrohlich sein, die Charaktere der Orgels haben mit Sicherheit noch einen lässigen Spruch auf den Lippen, während sich der Normalsterbliche schon längst in Fötushaltung hinter dem Replikator verkrochen und laut nach der interstellaren GSG 9 gerufen hätte.

Natürlich, „Behemoth“ ist in gewisser Hinsicht die literarische Variante des Popcorn-Kinos und sollte beispielsweise irgendwann tatsächlich mal „Lethal Weapon 5“ ins Kino kommen – der Streifen soll ja angeblich tatsächlich gedreht werden – dann weiß ich ja auch, dass die Protagonisten darin nicht bei einem Glas Château Margaux über Sarte reden werden, sondern dass es explodieren und knallen und phasenweise albern sein wird und dass früher oder später jemand sagen wird, dass er zu alt für diesen Scheiß ist, mit anderen Worten: Grundsätzlich ist an einer eher humorvollen Herangehensweise auf Actionfilm-Niveau ja nicht wirklich etwas einzuwenden, ein bisschen ernsthafter darf es beim nächsten Mal aber doch gerne zugehen.

In Summe bleibt ein unterhaltsamer, actionreicher Sci-Fi-Roman, der eigentlich beste Sommerlektüre darstellen würde, wenn besager Sommer nicht angeblich schon vorbei wäre.

Demnächst in diesem Blog: „Imperator“ von Kai Meyer und Lisanne Surborg

„Unsere dunkle Seite“ von Anita Terpstra

Buch: „Unsere dunkle Seite“

Autorin: Antita Terpstra

Verlag: Blanvalet

Ausgabe: Taschenbuch, 351 Seiten

Die Autorin: Die niederländische Schriftstellerin Anita Terpstra, geboren 1975, studierte Journalismus und Kunstgeschichte und arbeitete danach als freie Journalistin für einige Zeitschriften. Nach »Anders« und »Die Braut« ist »Unsere dunkle Seite« ihr dritter Roman. (Quelle: Random House)

Das Buch: Mischa und Nikolaj sind die Stars der internationalen Ballettwelt. Beruflich erfolgreich, musste das Ehepaar jedoch einen tragischen Schicksalsschlag hinnehmen: Bei einem Autounfall kam ihre gemeinsame Tochter ums Leben. Für einen Neuanfang zogen sie daraufhin von London zurück nach Amsterdam. Als in ihrer Wohnung ein schreckliches Feuer ausbricht, kommen die beiden mit schweren Verbrennungen ins Krankenhaus. Die Polizei ermittelt wegen Brandstiftung, und plötzlich beschuldigt sich das vermeintliche Traumpaar gegenseitig des versuchten Mordes. Beide haben etwas zu verbergen und nur einer von ihnen sagt die Wahrheit … (Quelle: Random House)

Fazit: Ich gebe unumwunden zu, dass es Kunstrichtungen gibt, die sich mir nicht wirklich erschließen. Dressurreiten gehört beispielsweise dazu. Als daher mehr oder weniger unlängst bei den Olympischen Spielen eine Reiterin auf ihrem Zossen zu den Klängen einer durch Verwendung von augenscheinlich als modern aufgefassten Pop-Rhythmen grausam verstümmelten Version des musikalisch eigentlich anbetungswürdigen „Les Misérables“ durch die Gegend hüpfte, hätte ich mir inständig einen brennenden Schürhaken gewünscht, dann aber vermutlich nicht gewusst, ob ich mir diesen in die Augen oder nicht doch lieber in die Ohren hätte rammen sollen.

Und mit Ballett verhält es sich ganz ähnlich.

Wohlgemerkt will ich damit nicht die sportliche und/oder künsterlische Leistung in beiden Bereichen schmälern – ich kann halt nur einfach nichts damit anfangen. So gar nichts.

Hiermit soll nur verdeutlicht werden, warum ich mich lange mit der Frage schwer getan habe, ob ich mich überhaupt Anita Terpstras neuem Roman zuwenden sollte. Denn ja, einerseits war da irgendwann mal Terpstras Debüt „Anders“, das ich nach wie vor ziemlich großartig finde, da war aber auch ihr Folgeroman „Die Braut“, der bereits an mir vorbeiging, weil mir Menschen, denen ich diesbezüglich eine entsprechende Expertise zubillige, davon abrieten. Und da war in ihrem neuen Roman halt immer noch Ballett …

Letztlich war die Entscheidung, ihren neuen Roman zu lesen, keine wirklich schlechte, aber auch keine, für die ich mich noch jahrelang innerlich beglückwünschen werde.

Zu Beginn des Romans lernen wir Mischa und Nikolaj kennen. Beide liegen mit schweren Verbrennungen im Krankenhaus, nachdem ihr Haus in Flammen aufgegangen ist. Und beide beschuldigen sich gegenseitig, dieses Feuer gelegt zu haben.

Terpstra erzählt kapitelweise abwechseld aus der Sicht ihrer beiden Protagonisten und streut hier und da chronologisch unsortierte Zeitsprünge in die Vergangenheit da. Diese Art der Erzählweise ist sicherlich nicht revolutionär, aber bewährt, und funktioniert auch in „Unsere dunkle Seite“ sehr gut. So fügt sich, klug zusammengestellt, Schritt für Schritt ein Bild von Mischa und Nikolaj als Paar zusammen, das sich deutlich von dem unterscheidet, das sie mit ihrer vermeintlichen Bilderbuch-Blitzlicht-Yellow-Press-Ehe nach außen vermitteln wollen. Denn tatsächlich gleicht diese Ehe schon seit geraumer Zeit eher einer Art Zweckgemeinschaft.

Und daran sind die Protagonisten selbst natürlich nicht ganz unschuldig. Und das wundert die Leserschaft irgendwann auch nicht mehr, denn mittels der erwähnten Erzählweise fügt sich eben auch Stück für Stück eine Art Persönlichkeitsprofil-Puzzle der beiden Hauptfiguren zusammen, das ebenso deutlich von ihrem öffentlich dargestellten Bild abweicht.

Und so richtig sympathisch sind sie denn auch nicht, die Figuren. Nikolaj ist ein egozentrischer Frauenheld, Mischa von der Sucht auf der Erfolg zerfressen. Für mich persönlich müssen Hauptfiguren, auch wenn das sicherlich unter anderem genreabhängig ist, auch keine ausgewiesen sympathischen Charaktere sein, solange sie nachvollziehbar gestaltet sind. Und das gelingt Terpsta mit ihrem Tanzpaar sogar sehr gut, denn die Autorin bemüht sich, schlüssig zu begründen, warum beide ticken, wie es nun eben ticken. Währenddessen muss man über ein, zwei der Nebenfiguren zwar den Mantel des Schweigens decken, aber Mischa und Nikolaj stehen derart im Fokus dieses Romans, dass die schwächelnden Nebenfiguren nicht weiter ins Gewicht fallen.

Dass mich „Unsere dunkle Seite“ trotz einer überzeugenden Erzählweise und mehrheitlich gelungener Figuren nicht vollends überzeugen konnte, liegt tragischerweise an der Geschichte selbst. Terpstra gelingt es durchaus, eine gewisse Spannung aufzubauen und man erwartet in der Folge ein perfides, komplexes Intrigenspiel mit gigantischem Knalleffekt am Ende – nur hält sich leider die Komplexität in Grenzen und der erwartete Knalleffekt am Ende war dann eher ein Loriotsches „Mein Gott, es macht eben „Puff“!

Dieser Eindruck liegt sicherlich auch darin begründet, dass ich recht früh in der Lektüre – ich verkneife mir aus Spoilergründen zu erwähnen, WIE früh – eine Vermutung hinsichtlich der Auflösung der Handlung hatte, die sich nahezu vollständig so bestätigt hat. Und wie ich immer gern erwähne: Ich bin nicht gut in so etwas! Trotzdem ist meine entsprechende Kritik aus diesem Grund selbstredend recht subjektiv zu betrachten, denn wer der Lösung nicht so früh auf die Schliche kommt, mag viel mehr Freude mit diesem Thriller haben.

Demnächst in diesem Blog: „Behemoth“ von T.S. Orgel

„Caspers Weltformel“ von Victoria Grader

Buch: Caspers Weltformel

Autorin: Viktoria Grader

Verlag: Diederichs

Ausgabe: Hardcover, 320 Seiten

Die Autorin: Victoria Grader (Jg. 1992) hat in München und Venedig Praktische Philosophie studiert. Sie promoviert im Bereich der Technikphilosophie und lehrt Ethik für Naturwissenschaftler. Die Autoren der Münchner Autorengruppe Prosathek sagen von ihr: »Victoria erzählt vom Surrealen im Sinnesmeer.« (Quelle: Random House)

Das Buch: Der Physik-Doktorand Casper aus Berlin hat eine Formel entwickelt, mit der er soziale Interaktionen berechnen kann. Mit Hilfe der Formel kann er all das, was ihm widerfährt, vorherbestimmen. Seine Lebensfreude geht in der Gleichförmigkeit verloren – bis er die erstbeste Gelegenheit am Schopfe packt, um auszubrechen: Eine Reihe von Zufällen verschlägt Casper nach Budapest, wo er auf Ilona trifft. Im Bemühen, die Dinge und Menschen vorherzusehen, kommt Casper bei ihr an seine Grenzen. Mit ihrer verträumten Lebensweise ist sie so ganz das Gegenteil von ihm. Doch gerade die Unterschiede sind es, die beiden helfen, einen neuen Blick auf das Leben zu gewinnen.  (Quelle: Random House)

Fazit: Ich gebe zu, dass ich anfangs die Befürchtung hatte, bei „Caspers Weltformel“ könnte es sich um einen wirklich kitschigen Roman handeln. Das ist glücklicherweise nicht der Fall, dafür hakt es dann aber an anderen Stellen. Welche das sind, und ob das Buch trotzdem empfehlenswert ist, darum soll es im Folgenden gehen:

Physik-Doktorand Casper hadert mit sich und dem Leben, fühlt sich gefangen in einem einengenden Büro, in dem er tagaus, tagein denselben ebenso einengenden Job ausführt. Sein Leben schreitet bar jeder Aufregung gleichförmig voran. Allerdings ist Casper auch so ein bisschen selbst dran schuld, denn im Laufe jahrelanger Rechenarbeiten hat er eine Formel entwickelt, mit der er Reaktionen seines Gegenübers berechnen kann. In der Folge bereitet das Leben dem jungen Mann daher kaum noch Überaschungen oder Abwechslungen und in der ewigen Routine des redensartlichen Hamsterrads fragt sich der junge Mann irgendwann: „Soll das jetzt alles gewesen sein?“

In einer Art Übersprungshandlung besteigt Casper den nächstbesten Zug nach Irgendwohin, und Irgendwohin ist in diesem Fall Budapest. In der ungarischen Hauptstadt lässt sich der junge Mann ein wenig treiben, begegnet erst dem Fernfahrer Jànos, dann läuft ihm Ilona über den Weg.

Und bis hierhin hat mir der Roman ausnehmend gut gefallen. Nicht nur, weil ich mit vollständig auf anekdotischer Evidenz basierender Kompetenz behaupten kann, dass sich die Frage nach dem „Soll das jetzt alles gewesen sein?“ die meisten Menschen im Laufe ihres Lebens mal gestellt haben oder noch stellen werden. Und bis hierhin hat Victoria Grader mit Casper auch einen recht zugänglichen Protagonisten geschaffen.

Das ändert sich dann allerdings spätestens, als Casper in Budapest auf Ilona trifft. Und zwar nicht, weil ich mit dieser neuen Figur wenig anfangen kann. Ich gebe zu, dass ich mit Ilona kein Bier trinken gehen wollen würde, da mir ihre Oberflächlichkeit, ihre Unfähigkeit, Dinge wirklich auf die Reihe zu kriegen, ihr schon seit langer Zeit massiv defekter moralischer Kompass und ihre augenscheinliche Selbstversicherung, für diverse Jobs des einfachen Volks schlicht zu gut zu sein, suspekt sind, aber als Figur finde ich Ilona tatsächlich ganz spannend.

Umso mehr, als mit ihr ein spannender Gegenpol zu Casper geschaffen ist, der Anlass für zahlreiche Konflikte liefern könnte.

Mein Problem liegt eher daran, dass Casper ab diesem Moment sein wahres Gesicht zeigt. Und eben dieses gefällt mir so gar nicht. Denn der junge Doktorand ist ein Mensch, der schon sehr auf sich, seine Ernährung und seinen ökologischen Fußabdruck achtet, was im Übrigen überhaupt nicht verwerflich ist, sondern im Gegenteil eher wünschenswert. Allerdings geht er damit missionieren und trägt seine Weltsicht demonstrativ monstranzartig vor sich her. Und wenn jemand mit seiner Meinung missionieren geht und versucht, andere zu etwas zu bekehren, gleich ob es sich dabei um Ernährung, Religion oder die Fanszene des FC Bayern München handelt, dann habe ich damit so meine Probleme. Möglicherweise mag das daran liegen, dass ich grundsätzlich ein Problem damit habe, wenn jemand unaufgefordert anfängt, mir mein Leben zu erklären. Und Casper tut das dauernd …

Er ist einer dieser Menschen, über die man in unfreundlicheren Zeiten gesagt hat: „Woran erkennt man einen Vegetarier? Er erzählt es dir!“, einer der Menschen, die im Restaurant an dir vorbeigehen, während du gerade deinen Schnitzelteller bekommst, um sich dann zu dir runterzubeugen und Sätze von sich zu geben, die mit „Du weißt aber schon, dass …“ beginnen.

Er belässt es aber nicht bei Ernährung, sondern geißelt auch Arbeitsbedinungen in verschiedenen Gegenden der Welt, die Überfischung der Ozeane und vieles andere. Das kann man auch alles tun, sogar berechtigterweise. Allerdings tut Casper das mit bemerkenswerter Arroganz und einer Art Alleinvertretungs- und Unfehlbarkeitsanspruch, der sonst nur diversen Religionen gleich welcher Ausprägung innewohnt und der unfassbar nervt.

So unterlässt er es beispielsweise auch nicht, seine Mutter davon zu unterrichten, dass ihre Rosenträucher im Garten reine Zierpflanzen seien, mit denen die Bienen und andere Insekten ja so gar nichts anfangen könnten. Und wenn mir am Frühstückstisch, nachdem ich eröffnet habe, keinen Hunger zu haben und nur einen Kaffee trinken will, jemand entgegnet: „Das kann ich nicht akzeptieren!“, so wie Casper das gegenüber Ilona tut, dann würde ich ihm, je nach Tagesform, wohl im Rahmen eines länger angelegten Monologs darlegen, dass die Frage, inwieweit mein Gegenüber hinsichtlich meine Nahrungsaufnahme betreffender Fragen zur Akzeptanz bereit ist, für mich keinerlei Relevanz besitzt oder aber einfach nur perplex fragen: „Bitte was kannst du?“

All die ökologischen Fragen, die die Autorin in ihrem Buch präsentiert, haben ja durchaus ihre Berechtigung, es wäre nur schön gewesen, man hätte sie in irgendeiner Weise subtil präsentiert, wenigstens aber nicht mit der moralinsauren Dampfhammermethode, für die man sich entschieden hat.

Wenn wir uns wegbewegen von der Figurenebene und uns der inhaltlichen zuwenden, dann stellen wir fest, dass es auch hier Anlass zur Kritik gibt. Denn mir hat sich bis zum Ende nicht erschlossen, was „Caspers Weltformel“ denn nun sein soll. Soll es ein Roman sein, der sich vorwiegend mit ökologischen Fragestellungen und Problemen beschäftigt, dann ist, wie beschrieben, die Art der Präsentation ein Problem, weswegen daraus hier eher ein moralinsaurer Weltverbesserungsroman würde. Vielleicht soll es aber auch eine Art Coming-of-Age-Geschichte sein, denn zumindest Caspers Wunsch nach Sicherheit, Stabilität und Vorhersagbarkeit im Leben wird ebenso mit seiner Vorgeschichte begründet, wie es hinsichtlich Ilonas Wesen und Verhaltensweisen ebenfalls passiert!? Dafür geht der Roman hier aber eben nicht genug in die Tiefe. Man hätte auch einen Roman daraus machen können, in dem zwei Menschen vollkommen gegensätzlicher Ausprägung über philosophische Fragen, das Leben, das Universum und den ganzen Rest diskutieren, wie das weiland Julie Delpy und Ethan Hawke in einem Zug taten. Und in Ansätzen passiert das auch. Aber eben auch hier kommt der Roman nicht über Ansätze hinaus und vermeidet jegliche Tiefe. Stattdessen wird die Leserschaft permanent mit dem moralischen Zeigefinger ins Auge gepikt, während sich der Roman irgendwo verrennt. Auf nur knapp 320 Seiten hätte man sich meines Erachtens stärker für irgendeine Richtung dahingehend entscheiden müssen, was das Buch sein und was es sagen soll.

Und das ist in Summe alles tatsächlich irgendwie ärgerlich, denn in stilistischer Hinsicht merkt man dem Buch beispielsweise an, dass Victoria Grader wirklich gut schreiben kann. Ihre Dialoge wissen zu gefallen – sofern Casper nicht gerade wieder „Das kann ich nicht akzeptieren!“ sagt – und auch der Aufbau ist gelungen. Abwechselnd werden die Kapitel mal aus Ilonas mal aus Caspers Sicht erzählt, was für gewöhnlich eine bemerkenswert hohe Gefahr für Redundanz birgt. Der Autorin gelingt es aber ausgesprochen gut, eben dieser Gefahr auszuweichen, und insgesamt kann „Caspers Weltformel“ daher in erzählerischer Hinsicht sehr gut punkten.

Das täuscht jedoch nicht über die vorher angesprochenen Schwierigkeiten hinweg, die ich mit dem Buch hatte.

Letztlich bleibt ein überraschend leichter, dafür aber nicht seichter Roman, dem man einiges verzeihen können muss, den man aber zumindest dann guten Gewissens lesen kann, wenn man selbst gerade im Hamsterrad sitzend vom Fernweh geplagt wird.

Ich bedanke mich beim Bloggerportal und beim Diederichs Verlag für die freundliche Übersendung des kostenlosen Rezensionsexemplars. Die Tatsache, dass es sich um ein kostenloses Rezensionsexemplar handelt, beeinflusst meine Meinung selbstredend nicht.

Demächst in diesem Blog: „Die Eroberung Amerikas“ von Franzobel

 

„Shanghai fern von wo“ von Ursula Krechel

Buch: „Shanghai fern von wo“

Autorin: Ursula Krechel

Verlag: btb

Ausgabe: Taschenbuch, 504 Seiten

Die Autorin: Ursula Krechel, geboren 1947 in Trier, seit 1974 zahlreiche literarische Veröffentlichungen: Theaterstücke, Gedichte, Hörspiele, Romane, Essays, zuletzt »Stark und leise«. Für ihre Romane »Shanghai fern von wo« und »Landgericht« wurde sie vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Joseph-Breitbach-Preis und dem Deutschen Buchpreis. Ursula Krechel lebt in Berlin. (Quelle: btb)

Das Buch: Shanghai am Vorabend des Zweiten Weltkriegs. Für Tausende Juden ist es das letzte Schlupfloch. Sie kamen ohne Visum und Illusionen mit einem Koffer und zehn Reichsmark in der Tasche: Anwälte, Handwerker, Kunsthistoriker, und wenn sie in dieser überfüllten Stadt und dem feucht drückenden Klima zurechtkommen wollten, dann waren Erfindungsgabe und Tatkraft gefordert. Ursula Krechels bewegender Roman erzählt von Menschen, die versuchen, das Überleben zu lernen. (Quelle: btb)

Fazit: Hach, was schreibe ich nur über dieses Buch? Na, beginnen wir vielleicht einfach mal von vorn: Im Jahr 2012 erschien Ursula Krechels vielfach gelobter Roman „Landgericht“, der seitdem auf meiner „Wollte ich eigentlich immer mal lesen“-Liste steht. Anlässlich ihres 2018 erschienenen Romans „Geisterbahn“ kam der Plan zur Lektüre von „Landgericht“ wieder mal hoch und ich stellte nach kurzer Recherche fest, dass beide Bücher zusammen zumindest thematisch grob eine Art Trilogie zusammen mit dem 2008 erschienenen „Shanghai fern von wo“ darstellen, weswegen es mir einigermaßen sinnvoll erschien, genau damit anzufangen, um festzustellen, ob ich generell mit Frau Krechels Schreibe klarkomme. Nur leider liegt genau da der Hase im Pfeffer.

Dabei gibt es ausreichend Gründe, Krechels Roman ausgiebig zu loben. Allen voran sei da erst mal das Thema genannt. Die Autorin widmet sich einem Stück Geschichte, das zumindest mir in der Form gar nicht präsent war: Shanghai als Exil. Im Jahr 1938 fliehen viele Juden aus Nazi-Deutschland, die meisten Schlupflöcher sind dabei allerdings bereits schon zu, die Möglichkeiten der Ausreise bereits stark begrenzt. Shanghai jedoch ist seit den Opiumkriegen des 19. Jahrhunderts eine offene Stadt für Europäer unterschiedlichster Nationalitäten, ein Visum wird bei der Einreise nicht verlangt. Und so wird die Stadt zur vorübergehenden Heimat für insgesamt 18.000 Juden.

Krechel beschreibt die Schicksale der Vertriebenen anhand etwa einer Handvoll Protagonisten, als da wären das Ehepaar Tausig – er Rechtsanwalt, sie Inhaberin eines Holzhandels -, der Buchhändler Lazarus sowie der Kunsthistoriker Brieger. Wie 18.000 andere Vertriebene kommen sie mit den erlaubten 10 Mark in der Tasche und allem was sie tragen konnten als Gepäck in der Stadt an und stehen zunächst mal vor der Frage, was sie denn so können, bzw. was sie zukünftig denn so tun wollen und sollen. Denn im Grunde sind Kunsthistoriker in Shanghai selbstredend genauso wenig gefragt wie Rechtsanwälte, die sich in erster Linie mit österreichisch-ungarischem Recht auskennen.

Die Zeit der Orientierung der Vertriebenen wird von Krechel ebenso überzeugend dargestellt, wie deren erneuter Niedergang. Denn während in Europa der Krieg erst ein Jahr nach der Ausreise der letzten Flüchtlinge beginnt, wütet in und um Shanghai bereits seit 1937 der Zweite Japanisch-Chinesische Krieg. Letztlich besetzen die Japaner die Stadt, wobei die Neuankömmlinge vermutlich eigentlich recht unbehelligt hätten weiterleben können, denn mit dem Antisemitismus haben es die Japaner nun ja nicht so. Allerdings gibt es da ja kompetente Achsenmacht-Kollegen, die ihnen die Grundzüge des Antisemitismus darlegen und die Sinnhaftigkeit eines Gettos vermitteln können, weswegen die Flüchtlinge kurzerhand in ein eben solches verlegt werden und erneut unter Repressalien zu leiden haben.

Besonders eindringlich in Erinnerung bleibt mir persönlich allerdings der abschließende Teil, in dem deutlich wird, dass Deutschland sich schon in und seit den 50ern an jeder nur verfügbaren Stelle um Entschädigungszahlungen drückt und sich dabei auch nicht entblödet, vor Gericht klären zu lassen, wann ein Getto denn ein Getto ist. Denn würde man damit mal anfangen, dann könnte man hierzulande wohl einfach abschließen und den Schlüssel wegwerfen. Da bekommt „Wehret den Anfängen“ eine völlig neue Bedeutung …

Die Autorin stellt die Lebensläufe ihrer Protagonisten zunächst scheinbar separat nebeneinander, nur um sie im Laufe der Handlung dann doch zusammenzuführen. Und das ist genau so gut gelungen wie beispielsweise der gesamte Aufbau oder aber die Charakterzeichnungen.

Das größte und eigentlich einzige Problem, das ich mit Ursula Krechels Roman hatte, betrifft die Erzählweise bzw. die sprachliche Ebene. Immer wieder verfällt die Autorin in einen ausschweifenden, für mich überzogen literarischen Erzählstil, der mir als Leser ganz deutlich meine Grenzen aufgezeigt hat und dem ich mich nicht wirklich gewachsen sah. Es mag sein, dass „Shanghai fern von wo“ für literarisch gebildetere und/oder allgemein klügere Menschen als ich das bin wesentlich zugänglicher ist. Es mag also beispielsweise sein, dass Thea Dorn, Ijoma Mangold und Denis Scheck in der Lage sein würden, stundenlang über diesen Roman zu philosophieren. Ich dagegen empfand während er Lektüre allerdings dagegen leider eine fortwährende Überforderung und befand mich durchgehend auf der Suche nach dem, was mir der Roman abgesehen von der reinen Inhaltsebene und versteckt hinter diesem ganzen elaborierten Sprachdickicht denn so sagen möchte. Ich vermute allerdings, es nicht gefunden zu haben.

Nichtsdestotrotz bereue ich nicht, den Roman gelesen zu haben. Denn auch wenn er vielleicht über meinen literarischen Horizont hinausging, hat er diesen – und meine historischen Kenntnisse – wenigstens erweitert. Und das ist doch auch schon mal was. Von der Lektüre von „Landgericht“ und „Geisterbahn“ werde ich – unter Annahme eines darin vergleichbaren vorherrschenden Stils – dann aber doch Abstand nehme. Ich fühle mich nicht gerne doof.

Demnächst in diesem Blog: „Caspers Weltformel“ von Victoria Grader

„Das Verschwinden der Adèle Berdeau“ von Graeme Mac

Buch: „Das Verschwinden der Adéle Bedeau“

Autor: Graeme Macrae Burnett

Verlag: btb

Ausgabe: Taschenbuch, 288 Seiten

Der Autor: Graeme Macrae Burnet, geboren 1967 in Kilmarnock, Schottland, studierte Englische Literatur in Glasgow. Er schreibt seit seiner Jugend und wurde 2013 mit dem Scottish Book Trust New Writer’s Award ausgezeichnet. Mit seinem einzigartigen historisch-literarischen Krimi »Sein blutiges Projekt« schaffte er 2016 den Sprung auf die Shortlist des renommierten Man Booker Preis und gehört seitdem zu den außergewöhnlichsten Stimmen der internationalen Krimiszene. Er lebt und schreibt in Glasgow. Seine Bücher wurden bislang in über zwanzig Sprachen übersetzt. (Quelle: Random House)

Das Buch: Manfred Baumann ist ein Eigenbrötler. Obwohl als kleinstädtischer Bankdirektor im Elsaß in guter Stellung, tut er sich im Umgang mit Menschen schwer. Umso wichtiger sind für den stillen Junggesellen seine gewohnten Routinen: ein penibel geplanter Tagesablauf, die regelmäßigen Ausflüge nach Straßburg in das Etablissement von Madame Simone und die Besuche in seinem Stammlokal. Tag für Tag beobachtet er dort die blutjunge Kellnerin Adèle Bedeau. Bis sie eines Abends spurlos verschwindet. Manfreds Welt gerät ins Wanken, als Kommissar Georges Gorski die Ermittlungen aufnimmt. Aber wird Gorski, der noch immer schwer an einem früheren Ermittlungsfehler zu tragen hat, diesmal den richtigen Riecher haben?  (Quelle: Random House)

Fazit: Wenn Autoren mit einem Buch erstmals auch international so richtig viel Erfolg haben, dann erscheint in der Folge oftmals in kurzen Abständen so ziemlich alles, was sie bislang verfasst haben. So ist zum Beispiel zu erklären, warum ich mich seinerzeit durch das im Original eigentlich schon vor Urzeiten erschienene „Der Planetenwanderer“ von George R. R. Martin kämpfen musste und so ist auch so erklären, warum ich noch vor Abschluss von „Das Lied von Eis und Feuer“ mit einer Anthologie aller seiner jemals geschriebenen bzw. erhaltenen Einkaufszettel und Tankquittungen rechne. Zudem ist man von diesem im Nachhinein erschienenen Frühwerk dann oftmals eher enttäuscht, weil es qualitativ nicht mit dem international bekannten Werk mithalten kann, sonst hätte es, das Frühwerk,  sich seinerseits ja bereits durchgesetzt.

Und so hätte es auch im Falle von Graeme Macrae Burnet sein können, denn sein neuer Roman „Das Verschwinden der Adéle Bedeau“ erschien im Original bereits vor dem allenthalben und im letzten Jahr auch von mir hochgelobten „Sein blutiges Projekt„, das es immerhin auf die Shortlist des renommierten Man Booker Prize schaffte.

Glücklicherweise stellen sich jegliche vielleicht vorhandenen Sorgen hinsichtlich der literarischen Qualität als unbegründet heraus, denn „Das Verschwinden der Adèle Bedeau“ ist nichts anderes als ein ganz großartiger Roman – wenn man die Stimmung mag, die er verbreitet.

Zu Beginn stellt uns der Autor seinen Protagonisten Manfred Baumann und dessen Wohnort, das Städtchen Saint-Louis im Elsass, vor. Baumann ist als Leiter einer Bank beruflich augenscheinlich recht erfolgreich, führt ansonsten allerdings ein Leben, das strengen Routinen unterworfen ist, zu denen unter anderem gehört, dass er in der Mittagspause in immer dasselbe Lokal geht, wo er immer denselben Mittagstisch bestellt und die immer gleiche Menge des immer gleichen Rotweins trinkt. In diesem Lokal trifft er auch erstmals auf die dort als Kellnerin tätige Adèle Bedeau. Bis auf eine kurze Unterhaltung auf dem Heimweg haben beide jedoch nicht viel miteinander zu tun.

Als Adèle eines Tages nicht zur Arbeit auftaucht, scheint Baumann der einzige zu sein, der sich wirklich Sorgen um sie macht. Erst als ihre Abwesenheit länger dauert, tritt auch die Polizei in Person von Kommissar Georges Gorski auf den Plan, der die Ermittlungen aufnimmt. Im Zuge dieser Ermittlungen wird auch Baumann vernommen, verneint aber, Adèle außerhalb des Lokals jemals begegnet zu sein, obwohl es Beweise dafür zu geben scheint, und verhält sich auch ansonsten auffällig. Gorski ist sicher, mit ihm den Verantwortlichen für Adèles Verschwinden gefunden zu haben.

Der eigentliche Kriminalfall gerät in Burnets Buch sehr schnell in den Hintergrund, im Grunde ist sein Roman oftmals mehr Charakterstudie als Krimi. Allerdings eine ausnehmend gute. Detailliert wird beleuchtet und erklärt, wie die beiden Protagonisten Baumann und Gorski aufgrund ihrer Vorgeschichte zu den Menschen wurden, die sie sind. So leidet Gorski beispielsweise unter einem vor Jahrzehnten unaufgeklärt gebliebenen Mordfall, in dem er für die Ermittlungen zuständig gewesen ist, sowie unter seiner Ehefrau, der er sich im Rückblick viel zu früh an den Hals geworfen hat, die sich selbst für etwas Besseres hält und die keine Gelegenheit auslässt, ihren Mann spüren und wissen zu lassen, dass er „nur“ Polizist ist und wie enttäuscht sie darüber ist, nicht in „besseren“ Kreisen zu verkehren.

Baumann wiederum wirkt so verschroben, wie man nur sein kann. Sein Leben zeichnet sich durch die immer gleichen Routinen ab. An immer denselben Wochentagen werden immer dieselben Lokalitäten aufgesucht, in denen er immer dasselbe tut oder bestellt. Niemals würde er von diesen Routinen abweichen, hat er doch den Eindruck, ständig unter Beobachtung seiner Mitmenschen zu stehen. Und wenn er von seinen Gewohnheiten abwiche, so Baumanns Logik, so würden die anderen das bemerken und er würde sich wessen auch immer verdächtig machen. Wie so häufig würden die anderen Menschen im Falle einer Abweichung von seiner Routine genau das über ihn denken, was die meisten Menschen über ihre Mitmenschen denken, nämlich gar nichts. In der Gedankenwelt von Baumann ergibt seine zwanghafte Handlungsweise allerdings durchaus Sinn und Burnet erklärt detailliert, wie es dazu kommen konnte. Darüber soll an dieser Stelle natürlich geschwiegen werden.

Wären die beiden Charakterstudien als solche vielleicht etwas wenig, so ist es darüber hinaus in erster Linie die verbreitete Stimmung, die den Roman trägt. Und diese kann durchaus als ausgeprochen trostlos bezeichnet werden. Aber das muss ja nichts Schlechtes sein, das muss man halt eben nur mögen. Burnet zeichnet ein eher düsteres Bild von Saint-Louis und seinen Bewohnern, von denen im Grunde genommen keiner, aber auch wirklich keiner, als Sympathieträger taugt. Ich mochte dieses eher graue Flair des Buches, manchen mag es aber vielleicht zu trostlos vorkommen.

Burnets Roman wird allenthalben mit dem Werk von Georges Simenon verglichen, was ich nicht beurteilen kann, weil ich Simenon noch nicht gelesen habe, zeitnah aber vermutlich mal ändern sollte. Der aufmerksamen Leserschaft des Romans wird aber nicht entgehen, dass sich Burnet auch an anderen Stellen der Weltliteratur bedient hat. So findet sich Camus‘ Existenzialismus nicht nur inhaltlich wieder, er wird auch ganz offen thematisiert. Zudem enthält der Roman, zumindest in meiner Wahrnehmung, Züge von Dostojewskis „Schuld und Sühne“ und irgendwie fühlte ich mich auch an Dürrenmatts „Der Richter und sein Henker“ erinnert, auch wenn ich diesen Eindruck vielleicht exklusiv habe.

Den einzigen Ansatz zur Kritik bietet im Grunde genommen das Nachwort, von dem ich allerdings immer noch nicht weiß, ob ich es als überflüssig betrachten oder nicht doch lieber schelmisch grinsen soll. Wie schon in „Sein blutiges Projekt“, dem er einen realen Hintergrund andichten wollte, versucht Burnet, hier die Illusion zu erschaffen, bei „Das Verschwinden der Adèle Bedeau“ handele es sich lediglich um die Übersetzung eines im französischen schon vor Jahrzehnten erschienenen und 1989 von Claude Chabrol verfilmten Romans. Es wird nicht wundern, dass weder der französische Roman noch die besagte Verfilmung jemals existiert haben. Von dieser Idee, seinen Büchern einen realen Hintergrund zu verleihen, mag man halten, was man möchte, die Umsetzung jedoch – das Ganze also eben noch so gerade im Nachwort dranzuhängen – erschien mir persönlich etwas unpassend. Als Einleitung, Prolog oder was auch immer, zumindest aber der eigentlichen Handlung vorangestellt, hätte es besser gewirkt. Aber das ist letztlich Leiden auf hohem Niveau.

Wer also Romane mag, die mit ihren Charakterstudien und ihrer Stimmung überzeugen, in leichten Zügen etwas Kammerspielartiges haben, und wer dafür auf actiongeladenes Feuerwerk und hochdramatische Spannung verzichten kann, der dürfte mit „Das Verschwinden der Adèle Bedeau“ glücklich werden. Ich zumindest wurde es.

Ich danke dem btb Verlag und dem Bloggerportal für die freundliche Übersendung des kostenlosen Rezensionsexemplars. Die Tatsache, dass es sich um ein kostenloses Rezensionsexemplars handelt, beeinflusst meine Meinung selbstredend nicht.

Demnächst in diesem Blog: Entweder „Die Eroberung Amerikas“ von Franzobel oder „Shanghai fern von wo“ von Ursula Krechel.

„Das Geheimnis von Zimmer 622“ von Joël Dicker

Buch: „Das Geheimnis von Zimmer 622“

Autor: Joël Dicker

Verlag: Piper

Ausgabe: Hardcover, 617 Seiten

Der Autor: Joël Dicker wurde 1985 in Genf geboren. Seine Bücher „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ und „Die Geschichte der Baltimores“ wurden weltweite Bestseller und über sechs Millionen Mal verkauft. Für „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“, das in Frankreich zur literarischen Sensation des Jahres 2012 wurde und dessen Übersetzungsrechte mittlerweile schon in über 30 Sprachen verkauft wurden, erhielt Dicker den Grand Prix du Roman der Académie Française sowie den Prix Goncourt des Lycéens. Mit „Das Verschwinden der Stephanie Mailer“ konnte er an seine Erfolge anknüpfen und schaffte es ebenfalls auf die Bestsellerlisten. (Quelle: Piper)

Das Buch: Eine dunkle Nacht im Dezember, ein Mord im vornehmen Hotel Palace de Verbier in den Schweizer Alpen. Doch der Fall wird nie aufgeklärt. – Einige Jahre später verbringt der bekannte Schriftsteller Joël Dicker seine Ferien im Palace. Während er die charmante Scarlett Leonas kennenlernt und sich mit ihr über die Kunst des Schreibens unterhält, ahnt er nicht, dass sie beide in den ungelösten Mordfall hineingezogen werden. Was geschah damals in Zimmer 622, das es offiziell gar nicht gibt in diesem Hotel … (Quelle: Piper)

Fazit: Im Laufe eines Jahres gibt es für mich neben den gesetzlichen Feiertagen immer auch so etwa eine Handvoll literarischer Feiertage, und zwar immer dann, wenn jemand aus dem illustren Kreis der von mir favorisierten Autorinnen und Autoren ein Buch veröffentlicht. Und Joël Dicker gehört zu besagtem Kreis absolut dazu, weswegen es nicht verwundern wird, dass ich mich auf diese Neuerscheinung gefreut habe wie ein Sechsjähriger auf Weihnachten.

Dabei wähnte ich Dickers letzte Veröffentlichung „Das Verschwinden der Stephanie Mailer“ noch gar nicht so lange her, stellte aber mit Erschrecken fest, dass seitdem schon wieder drei Jahre ins Land gegangen sein sollen, was ich mir einerseits nur mit einem Fehler im Raum-Zeit-Kontinuum erklären kann, was uns andererseits aber eigentlich auch gar nicht weiter beschäftigen soll.

Beschäftigen sollte uns viel mehr Dickers neuer Roman. Warum dieses Buch einiges anders macht als vergleichbare Genrevertreter, warum es Dicker-Fans mit Sicherheit glücklich machen wird, warum die, die das nicht sind, aber sicherlich auch Anlasss zur Kritik finden werden, versuche ich im Folgenden mal zu erläutern.

Zu Beginn des Buches lernen wir den Autor höchstpersönlich ein bisschen kennen. Denn Dicker hat sich diesmal selbst als Romanfigur und die Entstehung des vorliegenden Romans selbst als Handlungselement eingebaut. Nun bekommt das Buch auf diese Weise eine gewisse Metaebene – und ich mag Metaebenen -, allerdings muss man fairerweise zugeben, dass das Buch rein auf der Handlungsebene auch funktioniert hätte, wenn man statt des Autors höchstpersönlich eine fiktive Schriftstellerfigur als Protagonisten etabliert und auf sonstige literarische Kunstgriffe verzichtet hätte.

Sehr bald wird allerdings deutlich, warum sich Dicker eben für diesen literarischen Kunstgriff entschieden hat. Denn „Das Geheimnis von Zimmer 622“ ist nicht nur ein einfacher Krimi – was völlig wertfrei gemeint ist – sondern es ist auch als Hommage an Dickers ehemaligen Verleger Bernard de Fallois gedacht, der 2018 im Alter von 92 Jahren verstarb, seinerzeit übrigens von sich reden machte, als man in seinem Nachlass unveröffentlichte Proust-Texte fand, und dem Dicker seine Autorenkarriere im Wesentlichen zu verdanken hat. Und um der Leserschaft alle Dinge über de Fallois, die Dicker als wesentlich und erzählenswert erachtet, zu erzählen, und vielleicht auch, um für sich den Tod des Verlegers ein bisschen zu verarbeiten, erscheint die Idee, sich selbst als Romanfigur einzubauen auch völlig logisch und ist, selbst wenn die Umsetzung ein bisschen aufgesetzt wirkt, schon recht charmant, insofern sei Joel Dicker solcherlei Schnickschnack – ebenfalls wertfrei gemeint – verziehen. Zumal die Wichtigkeit, die Bernard de Fallois als Person für den jungen Schriftsteller besessen haben muss, dadurch deutlich wird, dass Dicker sich unlängst entschieden hat, seinen Verlag „Éditions de Fallois“ zu verlassen und mit Beginn des Jahres 2022 seinen eigenen Verlag zu gründen, in dem zukünftig seine Bücher erscheinen sollen.

Kommen wir ein bisschen weg von der Autoren-Verleger-Beziehung und wenden uns der Handlungsebene zu, dann sehen wir, dass Dicker hier an entscheidenen Stellen Dinge anders macht als in anderen Krimis. In anderen Krimis ist jemand ermordet worden, man erfährt ein kleines bisschen über das Opfer, und dann wird die Täterhatz zum zentralen Element der Handlung. Um solcherlei Krimikonventionen schert sich Dicker allerdings so überhaupt nicht. So erfahren wir zwar auch direkt zu Beginn der Handlung, dass im Zimmer 622 jemand zu Tode gekommen ist, wir erfahren allerdings nicht, um wen es sich dabei überhaupt handelt. In der Tat muss der Leser bis irgendwo auf Seite 415 warten, bis der Autor mit dieser wesentlichen Information herausrückt. Diese Idee hat mich durchaus mehr begeistert, als jegliche Metabenen das überhaupt könnten.

Ansonsten bewegen wir uns inhaltlich im Bereich der Schweizer Hochfinanz. Seit jeher ist die Ebezner Bank im Besitz der Bankiersfamilie Ebezner und der Vorsitz der Bank wird seit Generationen vom Vater an den Sohn weitergegeben. Hurray for patriarchy! Nun ja … Und seit jeher richtet die Ebezner-Bank ein sogenanntes „Großes Wochenende“ im Hotel „Palace de Verbier“ aus, eine Art riesiger Betriebsfeier, bei der immer auch beispielsweise betriebliche Personalentscheidungen verkündet werden. Nur diesmal ist alles anders. So hat Macaire Ebezner, Sohn des derzeitigen Bankpräsidenten, sofort nach Aufrücken seines Vaters auf den Präsidentenposten, verbunden mit Macaires eigenen Aufstieg als Vize, seine Bankanteile an den zwielichtigen Sinior Tarnogol verkauft, sich deswegen den unbegrenzten Zorn seines Vaters zugezogen, woraufhin dieser verfügt, dass das Präsidentenamt erstmals in der Geschichte der Bank nicht einfach weiterverebt, sondern anderweitig vergeben werden soll. Die Verkündung der Präsidiumsnachfolge, auf die sich Macaire Ebenzner nichtsdestotrotz weiter Hoffnung macht, soll nun im Rahmen des „Großen Wochenendes“ verkündet werden – wäre da nicht die Leiche in Zimmer 622 …

Zugegeben, man muss geneigt sein, Dicker so ein, zwei Ideen, die er zur Auflösung seiner Geschichte braucht, einfach abzukaufen, einfach davon auszugehen, dass das alles so umsetzbar ist, wie er uns das weismachen möchte. Und ja, phasenweise hatte ich so meine Probleme damit. Aber wenn man sich mal entschieden hat, sich darauf einzulassen, dann wird man mit einer ziemlich komplexen Handlung belohnt, die sich zudem dadurch auszeichnet, dass mit zunehmender Dauer immer mehr Teile der Handlung zahnradartig so ineinanderfallen, wie ich das bisher noch in wenigen Büchern erlebt habe und überdies auch noch so, dass wirklich alle Fragen, die man vielleicht noch gehabt haben könnte, beantwortet werden. Irgendwo habe ich mal in einer Rezension über Dickers letzten Roman „Das Verschwinden der Stephanie Mailer“ gelesen, dass er eine „Handlung vom Reissbrett“ habe. Und diese Einschätzung passt auch sehr gut auf seinen neuen Roman. Das mag unemotional klingen, soll es aber gar nicht, sondern es soll nur verdeutlichen, wie gut dieser Roman auf der inhaltlichen Ebene konstruiert ist.

Auf der stilistischen Ebene gibt es ebenfalls wenig Grund zur Klage. So etwa zwei, drei Stellen ließen mich scharf die Luft einziehen, unter anderem dort, wo es sinngemäß – ich finde gerade partout die Stelle nicht wieder und ärgere mich – heißt „Wir hätten nie gedacht, was uns dann erwarten würde.“, wodurch ich mich unangenehm an Clickbait-Videos und Artikel erinnert fühlte, in denen es dann beispielsweise heißt „Du wirst nie erraten, was diese Katze gleich mit diesem Hamster macht!!!einself!!“, aber abseits von diesen wenigen Schnitzern ist Dickers Buch stilistisch gut gelungen. Das gilt im übrigen auch für den Aufbau. Munter springt der Autor dabei durch mehrere Zeit- und Handlungsebenen – ich glaube, es waren vier – und schafft es dabei, die Leserschaft nicht den Überblick verlieren zu lassen. Das muss man ihm erst mal nachmachen.

Wenn man überhaupt etwas kritisieren wollte – und insbesondere Nicht-Dicker-Fans werden das tun -, dann sind das wohl die Charaktere, auch und gerade abseits des Schriftsteller-Alter-Ego. Seit seinem ersten Roman zieht sich durch Dickers Werk eigentlich die Tatsache, dass seine Charaktere immer ein wenig, manchmal auch ganz massiv, überzeichnet wirken. Nun habe ich lange Zeit zu seinem Gunsten angenommen, dass das Absicht sein und immer auch einen leicht satirischen Ansatz verfolgen soll. Und diese These ergab irgendwie auch immer Sinn, beispielsweise als Seitenhieb auf den Literaturbetrieb in seinem Debütroman „Der Wahrheit über den Fall Harry Quebert“. Nur leider lässt sich diese Begründung im vorliegenden Buch nicht wirklich aufrecht erhalten. Zwar hätte der Hochfinanz-Zirkus, um den es inhaltlich ja nun geht und in dem sich ein Gutteil der Charakere bewegt, sicherlich Anlass für einen solchen satirischen Ansatz gegeben, der ist allerdings ansonsten nicht erkennbar, weswegen man in Summe, nach der langen Rede kurzem Sinn, einfach zu dem Ergebnis kommen muss: Die Charaktere wirken mehrheitlich überzeichnet, nicht lebensecht und teilweise sogar recht merkwürdig.

Wer willens und in der Lage ist, darüber hinwegzusehen, wird allerdings mit einem spannenden, komplexen Roman belohnt, den ich ausdrücklich empfehlen kann. Und so werde ich mich auch auf Dickers nächstes Buch wieder freuen wie ein Sechsjähriger auf Weihnachten.

Ich danke dem Piper Verlag für die freundliche Übersendung des Rezensionsexemplars. Die Tatsache, dass es sich um ein kostenloses Rezensionsexemplar handelt, beeinflusst meine Meinung selbstredend nicht.

Demnächst in diesem Blog: „Das Verschwinden der Adèle Bedeau“ von Graeme Macrae Burnett.

„Abels Auferstehung“ von Thomas Ziebula – Gelungene Fortsetzung

Buch: „Abels Auferstehung“

Autor: Thomas Ziebula

Verlag: Wunderlich

Ausgabe: Hardcover, 462 Seiten

Der Autor: Thomas Ziebula ist freier Autor und schreibt vor allem Fantasy- und historische Romane. 2001 erhielt er den Deutschen Phantastik-Preis, 2020 den Goldenen Homer. Seine erste Krimi-Reihe um Inspektor Paul Stainer vereint auf beeindruckende Weise Thomas Ziebulas Leidenschaft für deutsche Zeitgeschichte, spannende Kriminalfälle und seine Liebe zu Leipzig, das bis heute seine Lieblingsstadt in Deutschland ist. Der erste Band der Reihe um Inspektor Stainer, „Der rote Judas“, stand auf der Shortlist für den Crime Cologne 2020. Der Autor lebt in der Nähe von Karlsruhe. (Quelle: Rowohlt)

Das Buch: Leipzig 1920: Nach dem Tod seiner Frau stürzt sich Inspektor Paul Steiner in die Arbeit – daran mangelt es nicht in der politisch aufgeheizten Stadt. Die Ermittlungen im Morf an einem jungen Soldaten führen Stainer in das Milieu schlagender Studentenverbindungen; der Fall scheint eindeutig. Bis in Basel ein weiterer toter Soldat aus dem Rhein geborgen wird. Haben die Morde miteinander zu tun? Ein Zigarettenetui, das der Tote bei sich trug, führt auf eine neue Fährte – die der drei Adamek-Brüder: Adrian ist im Krieg gefallen, Konrad führt ein unaufgeregt bürgerliches Leben, doch Roman benimmt sich verdächtig. Stainer folgt der Spur, ohne zu bemerken, wie sich an anderer Front ein Gewitter aufbaut … (Quelle: liebevoll abgetippter Klappentext)

Fazit: Man kann den hehren Vorsatz verfolgen, die jeweils einzelnen Bände einer Buchreihe nicht in Relation zueinander zu setzen, sondern jeweils als eigenständiges Buch zu betrachten, ohne sein Hauptaugenmerk darauf zu legen, was der Autor in diesem oder jedem Band der Reihe vielleicht besser oder schlechter gemacht hat als im vorliegenden. So ganz gelingen will mir das allerdings nie, weswegen sich auch Thomas Ziebulas „Abels Auferstehung“, die Fortsetzung seiner Reihe rund um den Inspektor Paul Steiner den Vergleich mit „Der rote Judas„, dem Auftakt der Reihe, gefallen lassen muss. Auch und gerade, weil eben jener Auftakt seinerzeit so gelungen war.

Glücklicherweise kann man konstatieren, dass es Ziebula gelingt, den Großteil der Stärken des ersten Teils zumindest in ähnlicher Form zu übernehmen. Das beginnt schon beim Setting. Im ersten Teil wurde dieses Setting unter anderem durch Erwähnung politischer und sonstiger historischer Ereignisse mit Leben gefüllt. Im zweiten Teil wurde die Einordnung in den historischen Kontext auf den ersten Blick zwar in meiner Wahrnehmung deutlich zurückgefahren, was ich eigentlich ziemlich schade fand, bei genauerer Betrachtung findet sie aber eben doch statt, nur eben in Form von Ereignissen, die eher regionale Bedeutung, insbesondere für die Stadt Leipzig haben. Und so erwähnt Ziebula dann eben weniger die große Weltpolitik, sondern beispielsweise mehr die Rolle und Situation der Straßenbahnfahrerinnen in Leipzig, die in Kriegszeiten diese Aufgabe von den Männern übernommen haben, nun aber eben wieder von diesen aus ihrem Beruf gedrängt werden sollen. Im Zuge der Gesamthandlung ergibt diese regionalere Sichtweise durchaus Sinn und der Roman fühlt sich dadurch nicht weniger lebendig an als sein Vorgänger.

Auch das Figurenensemble wurde logischerweise in den zweiten Band übernommen und war schon im Auftakt eine große Stärke des Autors. Insbesondere gilt das nach wie vor für den Protagonisten. Jener Paul Steiner wurde bezüglich des ersten Bandes von mir mit dem Kriegheimkehrer Beckmann aus Borcherts „Draußen vor der Tür“ verglichen und diesen Eindruck habe ich immer noch. Nicht nur die Figur an sich, sondern auch ihre Entwicklung gefiel mir gut. Trug Stainer im ersten Teil noch eine überhebliche „Ich kann jederzeit aufhören, wenn ich will!“-Einstellung hinsichtlich seiner Alkoholsucht vor sich her, scheint er nun bereit zu sein, sich einzugestehen, dass hier ein Problem vorliegen könnte. Ebenso verhält es sich mit den ihn darüber hinaus plagenden Schwierigkeiten, die man heute wohl als „Flashbacks“ und „posttraumatische Belastungsstörung“ bezeichnen würde. Für mich persönlich würde sich das Weiterlesen der Reihe allein deshalb lohnen, weil ich wissen möchte, wie die weitere Entwicklung Stainers so voranschreitet.

Das einzige Manko – allerdings leiden wir hier auf vergleichsweise hohem Niveau – des zweiten Teils bietet ausgerechnet die Geschichte selbst. Diese setzt nahezu unmittelbar nach den Ereignissen des ersten Teils ein – den man übrigens für die Lektüre nicht unbedingt gelesen haben muss, weil Ziebula gekonnt wesentliche Stichpunkte rekapituliert; sinnvoll wäre die vorherige Lektüre allerdings dennoch – und man trifft auch wieder auf altbekannte Figuren.

Die Story wirkt etwas geerdeter als im ersten Teil, und vielleicht war es eben das, was sie für mich schlicht weniger spannend machte. Natürlich kann man sich nicht immer mit den Großen in Politik und Militär anlegen und es darf auch gerne mal eine bodenständigere Handlung sein, aber irgendwie hat mich eben diese Handlung im zweiten Teil nicht vollständig überzeugt. Nun sollte man eine solche Einschätzung anschaulich begründen können, fatalerweise kann ich das aber nicht. Im Gegensatz zum ersten Teil – und obwohl dort sogar verhältnismäßig früh klar war, mit wem sich Stainer da angelegt hat und im Groben auch, welchen Fortgang die Ereignisse gehen dürften – hat mich die Handlung des zweiten Teils irgendwie nicht so wirklich erreicht. Ich schiebe das aber einfach mal auf meine schon während der Lektüre im Entstehen begriffene Leseflaute, die mit mangelnder Begeisterung für eigentlich alles einherging bzw. -geht. Mein Eindruck zur Handlung ist daher als ein vollständiger subjektiver zu sehen und es ist durchaus wahrscheinlich, dass andere Leser einen vollständig anderen Eindruck zu Story haben.

Insgesamt hat mich Thomas Ziebula allerdings eindeutig gut genug unterhalten, um der Reihe die Treue zu halten. Und wer Krimis mit historischen Flair mag, der liegt mit „Abels Auferstehung“ nicht verkehrt.

Ich danke dem Wunderlich Verlag für die Übersendung des Rezensionsexemplars. Die Tatsache, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, beeinflusst meine Meinung selbstredend nicht.

Demnächst in diesem Blog: „Das Geheimnis von Zimmer 622“ von Joël Dicker. Ein neuer Joël-Dicker-Roman, yaaaaay! ;-)