Freitagsfragen #87

Freitagsfragen Frühling

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

die siebenundachtzigste Runde der Freitagsfragen im Brüllmausblog steht ins Haus. Fangen wir also gleich damit an. Die Fragen und Antworten lauten:

1.) Würde Dein Leben verfilmt werden, mit welchem Ereignis begänne der Film?

Wir fangen natürlich mit der Szene an, in der ich in meiner Cessna 172 P auf dem Roten Platz in Moskau lande, und … oh, nein, warte – das war ich ja nicht. Außerdem war ich da erst neun …

Nun, man könnte der Einfachheit halber mit meiner Geburt anfangen. Auch das würde genug Stoff für eine dramatische Einstiegsszene liefern: Krankenwagen, Martinshorn, Blinklichter im Dunkeln – nein, warte, es war früher Nachmittag, und es war Sommer, argh, Pether Maffay, Konzentration, also: Blinklichter im Hellen, ratlose bis panische Ärzte, Hubschrauber, Tom Cruise – hey, wenn, dann richtig!

Aber das wäre mir einerseits zu viel Michael-Bay-Stil, andererseits würde ich den Film ohnehin nicht chronologisch aufziehen. Ein bisschen zerebrale Eigenleistung des Kinopublikums beim sinnvollen Zusammenfügen der einzelnen Szenen muss nun auch irgendwie sein.

Ich würde den Film also damit beginnen, wie ich im Kindergarten die Leber wieder erbreche – nein, nicht meine – die man mich eben gerade genötigt hat, zu mir zu nehmen,weil man in den 80ern noch ohne zu Murren gegessen hat, was auf den Tisch kommt, fertig! Das habe ich einerseits nicht ganz eingesehen, andererseits habe ich Leber schon immer verabscheut – und tue es noch – und zum dritten taugt Erbrechen als Einstiegsszene wunderbar als Statement für das gesamte Machwerk.

2.) Fallen Dir Entschuldigungen leicht?

Wenn ich so intensiv über diese Frage nachdenke, komme ich zu dem Schluss, dass ich tatsächlich relativ selten in die Situation komme, mich entschuldigen zu wollen oder zu müssen. Allenfalls stelle ich im Nachhinein Dinge klar, entschuldigen muss ich mich aber selten. Was mich jetzt auch nicht wirklich wundert.

Aber wenn das der Fall ist, dann ja, dann fällt mir das recht leicht. Zumindest dann, wenn ich weiß, dass ich im Unrecht war oder mich unangemessen verhalten habe. Wer von mir ungerechtfertigte Entschuldigungen erwartet, nur um seine persönliche Eitelkeit zu befriedigen, wartet allerdings vergleichsweise lange …

3.) Welchen Film oder welche Serie hast Du zuletzt gesehen?

Ich habe schon Ewigkeiten keinen Film mehr gesehen. Ich glaube, zuletzt war das mal ein „Tatort“ – und auch der ist schon wieder Wochen her.

Was Serien angeht, so lautet die Antwort, neben diverser Folgen von nachmittäglichen Comedysereien – nun, um Grunde nur von einer -, die man schon tausendfach gesehen hat, sich aber dennoch immer wieder ansieht, was ein Phänomen darstellt, mit dem man sich mal auf wissenschaftlicher Basis befassen sollte, neben diesen Folgen also, lautet die Antwort darauf „Stranger Things“, Staffel 2, Folgen 3 und 4. Die nächsten Folgen stehen, wie immer, am nächsten Montag und im Kreise zauberhaftester Menschen auf dem Programm. Ein Hoch auf den nächsten Montag! Yay!

Oh, und: Wer der Meinung ist, mir irgendetwas Inhaltliches über o.g. Serie erzählen zu müssen, was über Staffel 2, Folgen 3 und 4 hinausgeht, ohne dazu aufgefordert zu sein (was ohnehin nicht passieren wird), zieht sich meinen zeitlich unbegrenzten Unmut zu. Und „Unmut“ ist ein Euphemismus gigantischen Ausmaßes. Ich wollte es nur gesagt haben ….

4.) Die Wahl der Qual: Würdest Du lieber keine kalten oder keine heißen Getränke mehr trinken?

Keine heißen Getränke würde auch bedeuten: keinen Kaffee mehr, oder!? Ist das nicht nach UN-Menschenrechtscharta verboten? Doch, ich bin mir sicher, das steht irgendwo direkt nach „Folter“! Nicht? Dann sollte es da stehen!

Ein Leben ohne Kaffee ist möglich aber sinnlos, und nein, die Möglichkeit Kaffee auch kalt zu konsumieren und damit der Grundproblematik der Frage auszuhebeln, ist keine ernsthafte Alternative.

Daher entscheide ich mich guten Gewissens dafür, nie wieder kalte Getränke zu trinken.

 

Das war es auch schon wieder, getreue Leserschaft!

Ich wünsche allseits einen schönen Restfreitag und anschließend ein schönes, sonniges, entspanntes Wochenende.

Gehabt euch wohl.

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„Das Echo der Wahrheit“ von Eugene Chirovici

Buch: „Das Echo der Wahrheit“

Autor: Eugene Chirovici

Verlag: Goldmann

Ausgabe: Hardcover, 318 Seiten

Der Autor: Eugene Chirovici stammt aus einer rumänisch-ungarisch-deutschen Familie aus Transsilvanien und wohnt heute mit seiner Frau in Florenz. In Rumänien hat er sehr erfolgreiche Romane veröffentlicht. Sein erster Roman in englischer Sprache, »Das Buch der Spiegel«, hat für eine internationale Sensation gesorgt und wurde in 38 Länder verkauft. (Quelle: Goldmann)

Das Buch: Eines Tages macht der New Yorker Psychiater Dr. James Cobb die unerwartete Bekanntschaft des Multimillionärs Joshua Fleischer. Fleischer leidet an einer unheilbaren Krankheit und bittet Cobb eindringlich, für einige Tage zu ihm nach Maine zu kommen. Als Cobb dort eintrifft, erfährt er, dass der vom Tod gezeichnete Mann eine schwere Last mit sich trägt: Er hat Angst, in den Mord an einer jungen Frau verwickelt zu sein, mit der er vor vielen Jahren einen Abend in einem Pariser Hotelzimmer verbracht hat. Seine Erinnerungen sind aber bruchstückhaft, und deshalb soll Cobb ihm helfen, endlich die Wahrheit ans Licht zu bringen. Noch kann Cobb allerdings nicht ahnen, dass damit die verdrängten Dämonen seiner eigenen Vergangenheit zum Leben wiedererwachen … (Quelle: Goldmann)

Fazit: Etwa zweieinhalb Jahre ist es jetzt her, dass der rumänische Schriftsteller Eugene Chirovici (eigentlich Eugen Ovidiu Chirovici) mit seinem Bestseller „Das Buch der Spiegel“ weltweit von sich reden machte. Auch ich habe seinen Roman damals mit Begeisterung gelesen und warte seither darauf, dass man sich daran macht, seine bis dahin bereits zahlreich erschienenen Romane ebenfalls zu übersetzen, um diese der nicht-rumänischen Leserschaft zugänglich zu machen.

An seinem Vorgängerroman lobte ich seinerzeit insbesondere den Stil und den Aufbau. Und gleiches kann man in ähnlicher Form auch über „Das Echo der Wahrheit“ sagen. Der Autor teilt den Roman in 21 kurze Kapitel ein und ein nennenswerter Anteil des Romans stellt praktisch eine Geschichte in der Geschichte dar, einmal in Form der Schilderungen des Millionärs Fleischer über die Geschehnisse in den 70ern, zum anderen in Form von Tagebuchaufzeichnungen, auf die Cobb im Laufe seiner Ermittlungen stößt. Diese Art der mehr oder minder verschachtelten Erzählung hat mir schon immer gut gefallen und verfehlt auch hier ihre Wirkung nicht.

Bei den Charakteren gibt es allerdings Licht und Schatten. So stößt der Protagonist Dr. James Cobb bei mir nicht auf uneingeschränkte Begeisterung. Zu viele Eigenschaften, die der Psychiater an den Tag legt, stoßen mir sauer auf. So hat er beispielsweise nach Beendigung der Sitzungen mit Fleischer nichts anderes zu tun, als in ausuferndem Maße gegen die gerade vereinbarte Verschwiegenheitserklärung zu verstoßen, auf der die Tinte seiner Unterschrift, überspitzt gesagt, vermutlich noch nicht mal trocken ist. Und das ist nicht der einzige Punkt, in dem sich Cobb in beruflicher Hinsicht unprofessionell verhält, aber das näher zu erläutern würde zu weit gehen.

Aber ein Protagonist ist ja nicht unbedingt da, um ihn zu mögen. Gut, idealerweise sollte man das können, aber eine Grundvorraussetzung ist es nicht. Wenn man sich einzig auf die Frage beschränkt, ob er nachvollziehbar gezeichnet ist, dann lautet die Antowort in jedem Fall: ja. Mögen muss ich ihn ja deswegen trotzdem nicht …

Die Charakterisierung der ein oder anderen Nebenfigur ist da jedoch schon deutlich spannender, findet sie doch meist über Dritte statt, die sich in ihrer Meinung zumeist diametral unterscheiden. So fällt Fleischers Beschreibung seines Kommilitonen Abraham Hale schlechter aus, als die der Nebenfigur Claudette Morel über Hale. Wie schon in „Das Buch der Spiegel“ gefiel mir diese Art der Charakterisierung sehr gut, weil man nie wirklich weiß, wer nun recht hat und wer nicht und man sich seine eigene Meinung bilden kann und auch sollte.

Inhaltlich kann „Das Echo der Wahrheit“ die Erwartungen ebenfalls erfüllen. Der Autor wirft einem eine Fülle von Informationshäppchen hin, von denen man manchmal nicht weiß, ob oder wann sie nochmal wichtig werden und fügt das Ganze zu einem Spannungsroman zusammen, der sich sehen lassen kann. Im Gegensatz zu diversen Krimis in denen der Täter, überspitzt formuliert, der auf Seite 78 mit einer vier Worte umfassenden Sprechrolle und in 12 Textzeilen auftauchende Berufschullehrer war, von dem vorher nie die Rede war und der nachher nie wieder auftaucht (ein rein fiktives Beispiel natürlich), und bei denen es überhaupt keinen Sinn macht, mitzuraten, wie die Auflösung für die Handlung lautet, macht dieses Mitraten bei „Das Echo der Wahrheit“ durchaus Sinn. Und Vergnügen. Denn im Grunde, so viel kann man verraten, ist alles da, was man zum Mitraten braucht. Der Autor enthält der Leserschaft keine Informationen vor, jeder Leser ist so klug wie die Charaktere. Und letztlich, weil man, wie ich, dennoch daneben gelegen hat, klatscht mit der Hand an die Stirn und ruft entsetzt: „Natürlich!“

In Summe muss man zwar konstatieren, dass Chirovicis Buch nicht ganz die Klasse seines, übrigens vollkommen zu recht, hochgejubelten Vorgängers hat. Aber wer gerne vielschichte Krimis mit vergleichweise komplexer Handlung liest, der kommt an „Das Echo der Wahrheit“ nicht vorbei.

Ich danke dem Goldmann-Verlag und dem Bloggerportal für die freundliche Übersendung des Rezensionsexemplars!

Wertung:

Handlung: 8,5 von 10 Punkten

Stil: 9 von 10 Punkten

Charaktere: 8 von 10 Punkten

Spannung: 9 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 8,625 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Leviathan“ von Paul Auster.

„Das Wunder“ von Emma Donoghue

Buch: „Das Wunder“

Autorin: Emma Donoghue

Verlag: Goldmann

Ausgabe: Taschenbuch, 411 Seiten

Die Autorin: Emma Donoghue wurde 1969 als jüngstes von acht Kindern in Dublin geboren und war seit Beginn ihres Lebens von Büchern umgeben. Dafür sorgte der Beruf ihres Vaters – Literaturkritiker und Universitätsprofessor Denis Donoghue. Seit ihrem 23. Lebensjahr verdient Emma Donoghue, die an der University of Cambridge promovierte, selbst ihren Lebensunterhalt als Autorin. Sie verfasst Romane, literaturgeschichtliche Werke, Märchen, Kurzgeschichten, Hörspiele, Bühnenstücke und Drehbücher. Mit »Raum« wurde sie zur internationalen Bestsellerautorin; die Verfilmung, basierend auf Donoghues Drehbuch, wurde für vier Oscars nominiert. 1998 zog Emma Donoghue nach Kanada, wo sie auch heute mit ihrer Partnerin und ihren beiden Kindern lebt. (Quelle: Goldmann)

Das Buch: Irland Mitte des 19. Jahrhunderts: In einem kleinen Dorf, dessen Bewohner tief im katholischen Glauben verwurzelt sind, staunt man über ein leibhaftiges Wunder. Seit vier Monaten hat die kleine Anna O’Donnell keine Nahrung zu sich genommen und ist doch durch Gottes Gnade gesund und munter. Die unglaubliche Geschichte lockt viele Gläubige an, aber es gibt auch Zweifler. Schließlich beauftragt man die resolute englische Krankenschwester Lib Wright, das elfjährige Mädchen zu überwachen. Auch ein Journalist reist an, um über den Fall zu berichten. Werden sie Zeugen eines ausgeklügelten Schwindels oder einer Offenbarung göttlicher Macht? (Quelle: Goldmann)

Fazit: Bekannt wurde die Autorin Emma Donoghue hierzulande in erster Linie durch ihren Roman „Raum“, der aus der Sicht eines Fünfjährigen erzählt wird, der zusammen mit seiner Mutter in einem 16 Quadratmeter großen namensgebenden Raum gefangen gehalten wird, und den er bislang noch nie verlassen hat.

Ich habe seinerzeit – und bis heute – einen größtmöglichen Bogen um dieses Buch gemacht, weil ich mir schon vorab sicher war und bin, dass ich einen solchen Plot nur schwerlich verpacken, im Sinne von ertragen, könnte.

Das alles war aber ja nun kein Grund, nicht doch zu ihrem ersten in die deutsche Sprache übersetzten Roman nach „Raum“ zu greifen. Letztlich musste ich zwar feststellen, dass sich „Das Wunder“, zumindest mutmaßlich, wohl auch nicht wesentlich fröhlicher liest als „Raum“, aber ein gutes Buch ist es allemal.

Die Autorin teilt ihren über 400 Seiten starken Roman in gerade einmal fünf große Kapitel ein – wer also einen Hang zu kurzen Kapiteln hat, dürfte hier desilluisioniert werden – und lässt einen allwissenden Erzähler die Handlung aus der Sicht der Krankenschwester Libby erzählen.

Und direkt zu Beginn werden zwei Dinge deutlich. Zum einen, dass die Autorin sehr atmosphärisch schreiben kann. Vergleichsweise selten genutzte, dann aber intensiv beschriebene Landschaftsbilder vermitteln ein überzeugendes und recht raues Bild vom Irland des 19. Jahrhundert. Dauernd meint man, den Geruch von Rauch, Regen, nasser Erde oder Torf in der Nase zu haben. Zusammen mit dem anfangs zwar recht mäßig ansteigenden Spannungsbogen, der später aber durchgehend ein gutes Niveau hält, ergibt das ein stilistisches Bild, das nur zum Schluss führen kann: Ja, Donoghue kann schreiben.

Zum zweiten wird aber auch deutlich, wie sehr ihre Protagonistin nerven kann. Sie war bei der großen Florence Nightingale in der Ausbildung, möchte das aber gar nicht an die große Glocke hängen, was eigentlich einen sympathischen Eindruck hinterlässt. Wäre da nicht diese arrogante Überheblichkeit und, ja, auch eine gehörige Portion Begriffstutzigkeit, mit der sie der irischen Dorfbevölkerung gegenübertritt. Gerade diese überhebliche Art hat es mir anfangs recht schwer gemacht, mit Libby zurechtzukommen, bietet aber auf der anderen Seite auch die Chance einer entsprechenden, wenn auch vorhersehbaren, Chrakterentwicklung zum Besseren, die sie natürlich auch durchmacht.

Die elfjährige Anna O´Donnell, um die sich Libby während ihres Aufenthaltes kümmern muss, überzeugt da deutlich mehr. Ich könnte viel über das junge, zutiefst religiöse Mädchen schreiben, würde aber mit jeder Zeile Gefahr laufen, zu viel zu verraten, die geneigte Leserschaft muss hier also ausnahmsweise mal meinem Urteil vertrauen.

Ganz besonders gelungen im Bereich der Charaktere sind Donoghue allerdings ihre Nebenfiguren, und das im Grunde ausnahmslos. Das verschrobene, im Grunde zutiefst abergläubische Landvolk wird dem Leser hier im Grunde als genau das präsentiert, was es ist: eine verschrobene, zutiefst abergläubische Landbevölkerung, die man, von wenigen Ausnahmen abgesehen, trotzdem – oder gerade deswegen – einfach mögen muss.

Die Handlung selbst, ich erwähnte es hinsichtlich des Spannungsbogens weiter oben, kommt vergleichsweise langsam in Gang. „Oha!“, dachte ich mir nach einer Weile. „Libby geht auf ihren Posten am Bett des Mädchens, passt dort auf, geht dann ins Gasthaus, übernachtet dort, steht am nächsten Tag wieder auf, geht auf ihren Posten am Bett des Mädchens, passt dort auf, geht dann ins Gasthaus usw. usf. – ob das jetzt immer so weiter geht!?“ Nun, „immer“ nicht, aber eine Weile …

Erst als der Journalist William Byrne in die Geschehnisse eintritt, bekommt die Handlung eine etwas größere Dynamik, die sie ab da nicht mehr verliert.

Dass das Buch gelegentlich leichte Anwandlungen in Richtung Kitsch beinhaltet – geschenkt! Denn was bleibt, ist ein sehr, sehr eindringlicher, atmosphärischer, historischer Roman, der sich mit einem erfrischend unverbrauchten Thema befasst.

Wertung:

Handlung: 8,5 von 10 Punkten

Stil: 8 von 10 Punkten

Charaktere: 8 von 10 Punkten

Atmosphäre: 9 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 8,375 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Das Echo der Wahrheit“ von Eugene Chirocivi.

Freitagfragen #86

Freitagsfragen Frühling

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

die Freitagsfragen im Brüllmausblog drehen eine neue Runde und ich drehe mit. Sozusagen. Die Antworten könnten heute etwas kurz ausfallen. Aus Gründen. Wir werden sehen. Die heutigen Fragen und Antworten lauten:

1.) Hältst Du Dich für moralisch?

Puh, eine schwere Einstiegsfrage, zu der ich spontan erst mal nicht mehr sagen kann als: ja, natürlich! Ich frage mich auch gerade, ob es jemanden gibt, der diese Frage guten Gewissens mit einem „nein“ beantworten würde. Es gibt zwar heutzutage viel zu viele Menschen, die es nicht sind, aber selbst die würden die Frage doch nicht verneinen, oder!?

2.) Welches Gericht kannst Du am besten kochen?

Wasser! Nein, ganz ohne Spaß. Ich kann tatsächlich nicht im Geringsten kochen, nicht mal im Ansatz. In ihrem Buch „Das Wunder“ schreibt die Autorin Emma Donoghue – seinerzeit mit „Raum“ bekannt geworden – sinngemäß: „Die Iren waren das einzige Volk, das sogar Wasser verbrennen konnte.“ Und so ähnlich geht es mir auch. Ich kann zwar ganz gut essen, überlasse die Herstellung jeglicher kulinarischer Köstlichkeiten allerdings gerne Menschen, die in dieser Hinsicht mit größerer Kompetenz aufwarten können.

3.) Diskutierst Du gerne?

Aber hallo! Ja, na sicher doch! Das kommt aber entschieden aufs Thema an:

So habe ich beispielsweise keine Lust mehr, an polemischen „Die-bösen-Ausländer-sind-schuld“-Diskussionen teilzunehmen, in die ich gelegentlich gänzlich unverschuldet gerate, und dort die Stimme der Vernunft zu sein, weil man mit Vernunft in solchen Situationen nicht weiterkommt, die entsprechenden Menschen ein festgefahrenes Weltbild fernab jeglicher Fakten haben, das ohnehin umumstößlich ist und es mich insgesamt nur noch langweilt.

Auch das Thema Musik ist eines, über das man mit mir nicht diskutieren kann, weil ich da gelegentlich keine anderen Meinungen gelten lasse, da es aus meiner Sicht zu bestimmten Musikrichtungen, wie beispielsweise der gesamten Rap- und Hip-Hop-Schiene, die, nebenbei bemerkt, gar keine Musik ist, sogar nicht mal im Entferntesten etwas damit zu tun hat, gar keine anderen Meinungen geben kann.

Auch die Tatsache, dass beispielsweise „Rammstein“ beschissen ist, stellt aus meiner Sicht keine Diskussionsgrundlage, sondern einen unumstößlichen Fakt dar. Da es aber ganz zauberhafte Personen gibt, die das hauchzart anders sehen, führe ich das an dieser Stelle ausnahmsweise nicht weiter aus.

Aber über viele andere Dinge diskutiere ich leidenschaftlich gerne. Beispielsweise könnte man über die Frage diskutieren, warum Frau von der Leyen als Abschied aus ihrem Ministerinnenamt einen Zapfenstreich bekommt und nicht – was angesichts der Tatsache,  dass ihr Ministerium fast so viel Geld für Beraterhonorare ausgegeben hat, wie alle anderen Ministerien zusammen (!) und einige vergebene Aufträge in der freien Wirtschaft gegen so ziemlich alle geltenden Compliance-Regelungen verstoßen haben, die man sich nur vorstellen kann -, was angemessener erscheinen würde, lieber auf Bahnschienen aus der Stadt getragen wird. Aus welcher auch immer. Aber das würde hier zu weit führen.

Außerdem würde ich von Frau von der Leyen gerne wissen, warum just nach Ende ihrer Amtszeit in meiner beschaulichen, niedersächsischen Pampa ganz plötzlich AWACS-Flieger kreisen, die eigentlich für die Luftraumüberwachung zuständig, in Geilenkirchen an der Grenze zu den Niederlanden – also von hier weit, weit weg – stationiert sind und außerdem einen Heidenlärm veranstalten. Wäre ich Verschwörungstheoretiker, würde mich das jetzt tagelang beschäftigen …

4.) Die Wahl der Qual: Ständig allein sein oder nie mehr allein sein?

Fíese Frage, zu der ich mal zwei Personen zitieren möchte, nämlich einerseits Hubertus Meyer-Burckhardt, Autor, Moderator und vieles andere, der mal den schönen Satz gesagt hat: „Ich habe ein fast schon erotisches Verhältnis zum Alleinsein.“

Und im Grunde geht mir das ähnlich. Ich bin phasenweise – und „phasenweise“ ist in dem Zusammenhang wichtig – ganz gerne allein, weiß ich doch, dass ich mich dann in Gesellschaft eines Menschen befinde, mit dem ich mittlerweile ganz gut auskomme und der mir selten auf den Geist geht, also mir selbst.

Andererseits hat John Donne mal geschrieben: „Niemand ist eine Insel.“  Und unabhängig davon, wie er das sonst noch so gemeint hat, hat er natürlich vollkommen recht, denn der Mensch, mich eingeschlossen, ist nicht dazu gemacht, allein zu sein.

Letztlich entscheide ich mich also für das „nie mehr allein sein“, in vollem Bewusstsein, der Tatsache, dass mich das früher oder später ebenso durchdrehen ließe, wie die erste Variante – nur eben später.

 

Das war es dann auch schon wieder.

Ich wünsche allseits einen schönen Restfreitag und irgendwann mal einen guten Start in ein hoffentlich schönes Wochenende.

 

Gehabt euch wohl!

„Eine Frage der Zeit“ von Alex Capus

Buch: „Eine Frage der Zeit“

Autor: Alex Capus

Verlag: dtv

Ausgabe: Taschenbuch, 300 Seiten

Der Autor: Alex Capus, geboren 1961 in Frankreich, studierte Geschichte und Philosphie in Basel. Zwischen 1986 und 1995 arbeitete er als Journalist bei verschiedenen Schweizer Tageszeitungen, davon vier Jahre als Inlandredaktuer bei der Schweizerischen Depeschenagentur SDA in Bern. Alex Capus lebt heute als freier Schriftsteller in Olten, Schweiz. (Quelle: dtv)

Das Buch: Eine unglaubliche, doch wahre Geschichte: 1913 beauftragt Kaiser Wilhelm II. drei norddeutsche Werftarbeiter, ein Dampfschiff in seine Einzelteile zu zerlegen und am Tanganikasee südlich des Kilimandscharo wieder zusammenzusetzen. Der Monarch will damit seine imperialen Ansprüche unterstreichen. Zur gleichen Zeit beauftragt Winston Churchill den exzentrischen, aber liebenswerten Oberstleutnant Spicer Simson, zwei Kanonenboote über Land durch halb Afrika an den Tanganikasee zu schleppen. Als der Erste Weltkrieg ausbricht, liegen sich Deutsche und Briten an seinen Ufern gegenüber. Keiner will, aber jeder muss Krieg führen vor der pittoresken Kulisse des tropischen Sees. Alle sind sie Gefangene der Zeit, in der sie leben, und jeder hat seine eigene Art, damit fertig zu werden. (Quelle: dtv)

Fazit: Die deutsche Kolonialgeschichte ist kurz, tragisch und rückblickend für alle Beteiligten eigentlich vollkommen überflüssig. Aber Wilhelm II. wollte ihn ja nun mal, seinen „Platz an der Sonne“, wie der damalige Staatssekretär Bernhard von Bülow in einer Reichstagsrede sagte.

Hm, gerade muss ich darüber nachdenken, dass die ehemalige ARD-Fernsehlotterie bis vor gar nicht so langer Zeit mit dem Slogan „Ein Platz an der Sonne“ Werbung gemacht hat. Entweder ist das nie jemandem aufgefallen, oder aber man hatte es bei der Fernsehlotterie nicht so mit deutscher Geschichte oder aber es war den Verantwortlichen schlicht schnurz. Aber ich schweife ab, bevor ich überhaupt angefangen habe …

Kommen wir also wieder zur kurzen, deutschen Kolonialgeschichte zurück, die sich nicht nur durch tragische Begebenheiten auszeichnet, sondern mit dem einen oder anderen Ereignis aufwarten kann, dass an Skurrilität kaum zu überbieten ist. Und einem dieser Ereignisse widmet sich Alex Capus in seinem Roman „Eine Frage der Zeit“.

Auf Geheiß des Kaisers also werden drei Werftarbeiter beauftragt, das Dampfschiff „Götzen“, zusammengebaut in der Meyer-Werft, wieder auseinanderzunehmen, quer durch den afrikanischen Kontinent zu schleppen bzw. schleppen zu lassen und dann am Tanganikasee, der teilweise zum Hoheitsgebiet des damaligen Deutsch-Ostafrika (heute Tansania, Burundi, Ruanda und ein Teil Mosamiks) gehört, wieder zusammenzubauen, um damit die Vorherrschaft über die Region zu bekommen.

Die Engländer und die Belgier, deren Kolonien ebenfalls an den See grenzen, sind auf selbigem nämlich nur mit kleinen Seelenverkäufern vertreten, die „altersschwach“ zu nennen ein Euphemismus wäre.

Die drei Werftarbeiter – Schiffbaumeister Anton Rüter, Handwerksbursche Hermann Wendt und Nieter Rudolf Tellmann – nehmen den Auftrag aus unterschiedlichen Gründen – einer davon ist in allen Fällen Geld – an und erwarten, eine spannende Zeit in Afrika zu erleben. Und das tun sie auch, denn kurz danach bricht der Krieg aus und der Aufenthalt dauert für die Beteiligten wesentlich länger als geplant.

Währenddessen bekommen die Briten Wind von den Plänen zur Stationierung der „Götzen“ auf dem Tanganikasee und denken sich: „Was die können, können wir auch!“ und beauftragen ihrerseits Geoffrey Basil Spicer Simpson damit, seinerseits Boote quer durch Afrika zu schleppen bzw. schleppen zu lassen, um den maritimen Großmachtsfantasien des deutschen Kaisers Einhalt zu gebieten. Allerdings schleppen die Briten aus der anderen Richtung …

Es entwickelt sich eine Art „Wettrüsten“, das im Grunde stategisch vollkommen unerheblich ist und auf mich nur den Eindruck eines militärischen Sch****vergleichs machte.

Diese ehrlich betrachtet aehr skurrile Handlung, die ja nun weitgehend – und das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen – auf historischen Tatsachen beruht, füllt Capus durch Figuren mit Leben, die nur teilweise überzeugen können. Während der eigentliche Protagonist der Geschichte, Schiffbaumeister Rüter, noch ganz gut durchgeht, wirken seine beiden Kollegen irgendwie überzeichnet und zu realitätsfern.

Heimlicher Star unter den Charakteren ist für mich allerdings der Brite Spicer Simpson. Zwar könnte man auch ihn als überzeichnet empfinden, nähere Recherchen ergaben aber: Der war wirklich so! Simpson war ein Lügner und Aufschneider, wie er im Buche steht, dafür aber vollkommen von sich überzeugt und dabei gänzlich unfähig. Der perfekte Mann also für ein Projekt, das im Grunde ebenso gänzlich schwachsinnig ist.

Ganz besonders gut gefällt mir zu Spicer Simpson übrigens die Anekdote, dass der Gute auf die grenzgeniale Idee gekommen ist, während eines Manövers im Ärmelkanal ein Stahlseil zwischen zwei Zerstörern zu spannen, um auf diese Weise U-Boote zu fangen. Nun – im Grunde hat das auch geklappt, nur gehörte das Periskop, das sich im Stahlseil schließlich verfing, zu einem britischen U-Boot, das bei dieser Aktion fast gesunken wäre. Die entsprechenden Matrosen werden begeistert gewesen sein …

Und die Heiterkeit des Kanoniers, der bei Schießübungen an Bord von Spicers Schiff mitsamt seiner Kanone über Bord gegangen ist (ihm ist nichts passiert!), weil niemand so genau darauf geachtet hat, das Geschütz auch wirklich fest zu installieren, wird sich ebenfalls in Grenzen gehalten haben.

Capus erzählt die Geschichte in einem phasenweise angemessen ironischen Ton, der mir wirklich gut gefiel und der die gesamte Sinnlosigkeit des Krieges deutlich macht. Er ist aber auch in der Lage, stilistisch weniger humorig, dafür umso spannender zu erzählen, wenn es die Szene erfordert. Insgesamt las sich „Eine Frage der Zeit“ sehr kurzweilig.

Wer also mal wieder einen auf wahren Begebenheiten basierenden, gut recherchierten und geschriebenen historischen Roman lesen möchte, ist bei Alex Capus´ „Eine Frage der Zeit“ gut aufgehoben.

Wertung:

Handlung: 8,5 von 10 Punkten

Stil: 8,5 von 10 Punkten

Charaktere: 8 von 10 Punkten

Atmosphäre: 9,5 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 8,625 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Das Wunder“ von Emma Donoghue.

 

„Morduntersuchungskommission“ von Max Annas

Buch: „Morduntersuchungskommission“

Autor: Max Annas

Verlag: Rowohlt

Ausgabe: Hardcover, 352 Seiten

Der Autor: Max Annas, aufgewachsen in Westdeutschland, hat die letzten Jahre der DDR genutzt, um sich dort umzusehen und Freundschaften zu schließen. Im Juli 1989 wurde ihm die Einreise schließlich verwehrt. Er arbeitete lange als Journalist, lebte in Südafrika und wurde für seine Romane «Die Farm» (2014), «Die Mauer» (2016) und «Finsterwalde» (2019) mit dem Deutschen Krimipreis auszgezeichnet. Weitere Veröffentlichungen: «Illegal» (2017) und «Morduntersuchungskommission» (2019). (Quelle: Rowohlt)

Das Buch: An einer Bahnstrecke nahe Jena wird 1983 eine entstellte Leiche gefunden. Wie ist der junge Mosambikaner zu Tode gekommen? Oberleutnant Otto Castorp von der Morduntersuchungskommission in Gera sucht Zeugen und stößt auf Schweigen. Doch Indizien lassen ein Verbrechen aus Rassismus vermuten. Als diese Spur sich nicht länger übersehen lässt, wird die Morduntersuchungskommission angewiesen, die Ermittlungen einzustellen. Denn ein Mord wie dieser ist in der Deutschen Demokratischen Republik nicht vorstellbar. Und was es nicht gibt, wird nicht verfolgt. Also ermittelt Otto Castorp ohne Wissen seiner Kollegen weiter. Und wird dabei beobachtet. (Quelle: Klappentext)

Fazit: Für manche Ereignisse der Geschichte bin selbst ich, man mag es kaum glauben, noch zu jung, um sie wirklixh bewusst miterlebt zu haben. Der Mord am mosambikanischen Vertragsarbeiter Manuel Diogo 1986 durch Neonazis in der DDR gehört dazu. Glücklicherweise hat sich der Autor Max Annas, dessen Roman „Morduntersuchungskommission“ meine erste, aber sicherlich nicht meine letzte Erfahrung mit seinem Werk ist, dieses Themas angenommen, nicht nur, um meine diesbezügliche Wissenslücke zu schließen.

Annas teilt seinen Roman in gut 100 Kapitel von also überschaubarer Größe ein, in denen er einen auktorialen Erzähler die Geschehnisse über einen Zeitraum vom 01.10.1983 bis 16.12.1983 schildern lässt. Dabei braucht die Geschichte etwas, bis sie wirklich in Fahrt kommt, bis sie wirklich beim eigentlichen Thema angekommen ist. Aber bis dahin fällt schon auf, welch überaus guter Erzähler Max Annas ist.

Die Handlung wird in einem eher nüchternen Ton herübergebracht, Annas Stil ist knapp, schnörkellös und pragmatisch. Dies gilt auch für die überzeugenden und lebensnahen Dialoge. Mir erschien diese Vorgehensweise vor dem Hintergrund des Handlungsrahmens als überaus passend und gelungen.

Seinen Figuren widmet sich Annas in ähnlicher Weise. Er hält sich nicht seitenweise mit der Schilderung des gedanklichen Innenlebens seiner Figuren auf, viel mehr werden sie, was insbesondere auf die Mitglieder der namensgebenden „Morduntersuchungskommission“ zutrifft, eingangs einmal mit wenig Stichpunkten charakterisiert, was für die folgende Handlung vollkommen ausreicht, und die weitere Entwicklung der Figuren erfolgt dann eher beiläufig.

Protagonist Otto Castorp merkt man zum Beispiel an, dass er mit den Verhältnissen in der DDR nicht wirklich zufrieden ist. Allerdings wird das dem Leser nicht verdeutlicht, indem der Autor seinen Protagonisten laut und vernehmlich über den Staat schimpfen lässt – auch, weil die Schimpferei dann nur von kurzer Dauer hätte sein können -, sondern indem er ihn beispielsweise anhand eines in Richtung Westen fliegenden Vogels über Freiheit und Grenzen sinnieren lässt. Insbesondere das Bild mit den Vögeln taucht dabei des Öfteren auf.

Auch im Bereich der Handlung findet sich dieses Prinzip der, sagen wir mal, komprimierten Darstellung wieder, das sich schon bei Stil und Charakteren findet. Sobald Annas die Handlung einmal bis zum eigentlichen Thema des Buches gebracht hat, konzentriert sich diese fast ausschließlich auf die Ermittlungen der Kommission, später auf die einzelnen Ermittlungen von Castorp. Diese Vorgehensweise wird lediglich durch einzelne Szenen mit Castorps Familie oder seiner Geliebten unterbrochen.

Anhand seiner Schilderungen macht Annas sehr anschaulich die Situation in der damaligen DDR klar. Denn Nazis, das wissen wir ja alle, gab es in der DDR nicht. Ungefähr so, wie es heutzutage keine Hetzjagden in Chemnitz gab… Dass Annas´ Roman nicht nur deswegen thematisch bis heute aktuell ist, braucht wohl nicht extra erwähnt zu werden…

Diese eben erwähnte Staatsdoktrin ist es, die Castorp Probleme bereitet, denn er ist in erster Linie Polizist und daran interessiert, einen Mord aufzuklären, was ihn letztlich in arge Schwierigkeiten bringt. Mit diesem Leugnen eines Verbrechens durch die Vertreter des Staates, weil nicht sein kann, was nicht sein darf, erinnert Annas´ Roman, zumindest in thematischen Ansätzen an „Kind 44“ von Tom Rob Smith, auch weil Annas ähnlich gut die Stimmung der Zeit und der Ortes transportieren kann, wie es der britische Schriftsteller kann.

„Morduntersuchungskommission“ ist ein sehr lesenswerter, stilistisch sehr gelungener Krimi, dessen Protagonist überzeugt – auch, weil er gerade nicht als strahlender Held gezeigt wird und konzipiert ist -, der aber auch, aufgrund des Themas und der Stimmung, manchmal trist und deprimierend wirken kann.

Sofern mich nicht alles täuscht, stellt „Morduntersuchungskommission“ den Auftakt einer Krimi-Reihe rund um Otto Castorp dar. Man darf gespannt sein, wie der Autor diese Reihe fortführt.

Ich danke dem Bloggerportal und dem Rowohlt-Verlag für die freundliche Übersendung des Rezensionsexemplars.

Wertung:

Handlung: 8,5 von 10 Punkten

Stil: 9 von 10 Punkten

Charaktere: 7,5 von 10 Punkten

Spannung: 8,5 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 8, 375 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Eine Frage der Zeit“ von Alex Capus.

 

 

 

Etüdensommerpausenintermezzo

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von Christiane ausging, auf das alle Welt während der Sommerpause der Etüden ihre eigene Lieblingsetüde erneut veröffentlichen möge. Dieses Gebot war nicht das allererste und geschah zu der Zeit, als Ursula von der Leyen EU-Kommissionspräsidentin in Brüssel war. Und jedermann schrieb, auf dass er rebloggen möge, jeder in seinem Blog.

Bevor man mir Blasphemie vorwirft: Lassen wir das!

Jedenfalls, meine Wenigkeit ist erst seit recht kurzer Zeit dabei und legte in jüngerer Vergangenheit aufgrund einer – hoffentlich – vorübergehenden Kreativitätsinsuffizienz eine kleine Etüdenpause ein. Darüber hinaus sind meine Etüden, zumindest in letzter Zeit, immer eher tagesaktuell. Insofern war ich mir erst mal nicht sicher, inwieweit es Sinn ergibt, eine Etüde zu rebloggen, die die Leserschaft ggf. noch recht gut im Kopf hat und die sich auf vergangene Ereignisse bezieht.

Aber wer bin ich, mich gegen Christianes Wunsch zu stellen!? Also ging ich kurz in mich und beschloss, eine Etüde meines Gefallens erneut zu veröffentlichen. Aus oben genannten Gründen erschien mir das aber nicht genug, weshalb ich mir – Leserservice! – erlaube, den schon bekannten Text um einen weiteren mit Umfang von max. 300 Wörtern zu ergänzen. Allerdings mit der Freiheit, auf vorgegebene Wörter zu verzichten. Warum? Weil ich es kann! :-) Auf geht’s:

„Was schreibste diesmal?“

„Ich beginne einen Gedichtzyklus!“

„Aha – und der Anlass?“

„Nun, die Sozialdemokratie, wie wir sie kennen, ist offensichtlich tot …“

„Zu behaupten, die Sozialdemokratie zu kennen, ist eine mutige These. Die SPD kennt sich doch selbst nicht mehr.“

„… und aus diesem Grunde veröffentliche ich bald den Gedichtband „Malkasten ohne rot – Ein Abgesang“. Soll ich Dir was vorlesen …?“

„Ich … kann es kaum erwarten …“

„Hier, das heißt: „Er kam, sah und verschwand wieder!“

Es war einmal der Martin Schulz,
sprach von Gerechtigkeit, „Deus lo vults“ …

„Vults …?“

„Ich bin kein Lateiner. Außerdem war das wegen des Reims. Unterbrich mich nicht!“

„Tschuldigung …“

„Es war einmal der Martin Schulz
sprach von Gerechtigkeit, „Deus lo vults“
und wollte geh´n in Opposition,
´ne gut´ Idee war das nun schon.

Dann kam jedoch die FDP
und wollt´regieren, ja, nee, doch, nee
deshalb gab´s bald, man ahnt es schon,
statt Oppos- nun Koalition.

Der Schulz der ging, es kam der Scholz…“

„Kommt jetzt was mit „Deus lo volts“ hau ich Dir aufs Maul!“

„Ich sagte: Unterbrich mich nicht! Weiter im Text:

Der Schulz, der ging, es kam der Scholz,
schlug sich schon ziemlich bald ins Holz,
und dann, schon recht am Grund des Tales,
da kam dann die Andrea Nahles.

Kam, die Partei nun zu sanieren,
nicht, um sie zu torpedieren,
doch schon bei der nächsten Wahl, es
wendet man sich ab von Nahles.

Nun müsste man doch endlich gleitend,
die möglich Wählerschar erweitend …“

Weiter bin ich noch nicht. Was sagst Du?“

„Gar nicht so verkehrt. Sag mal, sitzt denn die Schlappe der SPD so tief?“

„Eigentlich nicht. Aber wenn von den unter 30-jährigen nur noch etwa 10 Prozent SPD, dafür aber nahezu ein Drittel grün wählen …“

„Hättest Du doch auch machen können!“

„Erstens: Ich bin nicht unter 30.“

„Und zweitens?“

„Zweitens kann ich mir die Grünen nicht leisten!“

 

 

So weit, so bekannt. Da das oben begonnene, epische, dereinst in allen Deutschklassen des 22. Jahrhundert besprochene Gedicht mitttendrin abbricht, erlaube ich mir, in folgendem Text mehr oder weniger an dieser Stelle wieder anzusetzen:

 

„Du lächelst? Was ist los?“

„Der stellvertretende Pressesprecher des Verteidigungsministeriums heißt Fähnrich! Gnihihihi …“

„Hm, manchmal ist Dein Humor etwas infantil, aber das ist wirklich witzig.“

„Sag ich ja.“

„Und, was gibt es sonst?“

„Du erinnerst Dich an den Wortlaut meines lyrischen Epos zur Situation der SPD?“

„Nur bedingt. Glücklicherweise steht der entsprechende Text weiter oben. Wieso?“

„Ich habe es ergänzt!“

„Oh … – ich …“

„Hier, hör zu:“

„Aber ich …

„Ich sagte, Du sollst zuhören:

Nun müsste man doch endlich gleitend,
die möglich Wählerschar erweitend,
zurück zu seinen Wurzeln finden,
anstatt Regierungszeit zu schinden.

Denn ach! Der SPD wurd´s weh und weher,
und letztlich ging auch die Andrea,
man liegt bei elfeinhalb Prozent,
Gut achtzehn war´n es einst in Gschwend.

Um diesen Niedergang zu stoppen,
nicht um die Wählerschaft zu foppen,
sucht man nun in Sachen Vorsitz,
und holt sich gleich so manchen Abblitz.

So fragte man den Stefan Weil,
der merkte jedoch schnell, wie geil
in Niedersachsen sich lässt leben,
und blieb in seinem Posten kleben.

Weiters die Gesine Schwan,
sucht noch einen Mitkumpan,
denn künftig soll´s ja sein, kein Witze,
unbedingt ´ne Doppelspitze.

Ne Ministerin – Frau Giffey –
schweigt, wie ein stummer Riffhai
zu diesbezüglich Ambitionen,
möcht´ wohl ihre Nerven schonen.

Und die weiteren Genossen,
die sich nun, ganz unverdrossen,
stellen woll´n zur Wahl,
kennt gar niemand, welche Qual!

Mit Leuten wie Scheer, Kampmann, Roth,
abwenden wollen den Tod,
der einst ruhmreich´ Partei?
Im schlimmsten Fall ist´s bald vorbei …

Auch mit Maier, Ahrens, Lange,
würde mir alsbald recht bange.
Vielleicht Karl Lauterbach, „die Fliege“,
könnt´ mal wieder führ´n zum Siege?

Wir werden sehen, wie´s weitergeht,
ob die Partei bald untergeht,
in drei Wochen wählt man dann in Sachsen,
darob vergeht mir nun das Flachsen.

Na, wie findest Du es!?“

„Ich muss weg, ich krieg noch Beton!“

 

300 Worte

 

 

 

 

 

„Suche mich nicht“ von Harlan Coben

Buch: „Suche mich nicht“

Autor: Harlan Coben

Verlag: Goldmann

Ausgabe: Taschenbuch, 477 Seiten

Der Autor: Harlan Coben wurde 1962 in New Jersey geboren. Nachdem er zunächst Politikwissenschaft studiert hatte, arbeitete er später in der Tourismusbranche, bevor er sich ganz dem Schreiben widmete. Seine Thriller wurden bisher in über 40 Sprachen übersetzt und erobern regelmäßig die internationalen Bestsellerlisten. Harlan Coben, der als erster Autor mit den drei bedeutendsten amerikanischen Krimipreisen ausgezeichnet wurde – dem Edgar Award, dem Shamus Award und dem Anthony Award – gilt als einer der wichtigsten und erfolgreichsten Thrillerautoren seiner Generation. Er lebt mit seiner Frau und seinen vier Kindern in New Jersey. (Quelle: Goldmann)

Das Buch: Für Simon wird ein Alptraum wahr, als seine Tochter Paige von einem Tag auf den anderen verschwindet. Hinterlassen hat sie eine Botschaft, in der sie klar macht, dass sie nicht gefunden werden will. Panisch begibt sich Simon auf die Suche, und als er Paige im Central Park tatsächlich entdeckt, erkennt er seine Tochter nicht wieder. Denn diese junge Frau ist völlig verstört und voller Angst. Sie flieht vor ihm, und Simon hat nur eine Chance, wenn er sie retten will: Er muss ihr in die dunkle und gefährliche Welt folgen, in deren Sog sie verloren ging. Und was er dort entdeckt, reißt ihn und seine gesamte Familie in einen Abgrund … (Quelle: Goldmann)

Fazit: Im Bereich der Literatur ist Harlan Caben für mich in etwa das, was ein entfernter Bekannter im „echten Leben“ wäre: Man sieht sich gelegentlich alle paar Jahre mal mehr oder zufällig wieder, findet sich vielleicht sogar sympathisch aber so eine richtig intensive Beziehung wird halt nicht daraus.

Ähnlich geht es mir eben mit seinen Büchern. Trotz der vergleichsweise hohen Frequenz, mit der der Autor in den letzten Jahren seine Bücher veröffentlichte, bestand meine letzte Begegnung mit seinen Werken in „Kein Friede den Toten“ im Jahr 2015, die Lektüre von Büchern wie „Kein Sterbenswort“ oder „Das Grab im Wald“ liegt teilweise noch erheblich länger zurück.

Und immer, wenn ich ein weiteres Buch des Amerikaners lese, weiß ich auch wieder, warum ich oftmals längere Pausen zwischen seinen Büchern brauche – und warum sie mir trotzdem weitgehend gefallen.

Der Hauptgrund, Cohen-Thriller zu lesen, ist sicherlich nicht im Bereich hochkomplexer Charaktere oder eines ausgefeilten, geschliffenen Stils zu suchen, viel mehr ist der Autor, wie nur wenige andere, in der Lage, sich Plots auszudenken, die spannend und in sich stimmig sind, einer Prüfung auf Logiklöcher weitgehend standhalten und die eine oder andere Wendung beinhalten. Und bei „Suche mich nicht“ ist das auch nicht anders.

Man mag vielleicht behaupten, dass der Verlauf der Handlung ab einem gewissen Punkt vorausschaubar wird, und diese Behauptung wäre sicherlich nicht falsch, Spaß macht die Handlung bis zu und ab diesem Punkt aber dennoch. Darüber hinaus behandelt der Autor in seinem Thriller ein Thema, das zwar nicht völlig innovativ, in der letzten Zeit aber vergleichsweise selten genutzt wurde. Zumindest in meiner Wahrnehmung. Schade, dass ich dazu nichts Näheres sagen kann … ;-)

Dagegen fällt das Buch in stilistischer Hinsicht leicht ab, ohne aber schlecht geschrieben zu sein. Im Gegenteil, der eine oder andere erzählerische Kniff gefiel mir sogar recht gut. Coben lässt die Handlung von einem allwissenden Erzähler aus der Sicht von Simon erzählen. Sehr sympathisch war, dass dieser Erzähler immer wieder mal mit einzelnen Sätzen die vierte Wand durchbricht, durch sinngemäße Einleitung wie „Nur zu Ihrer Information (…)“ oder Sätze wie „Schütteln Sie ruhig darüber verständnislos den Kopf.“ (S. 55)

Insgesamt aber führt das aber wiederum zu einem eher saloppen Ton, den ich auch aus früheren Coben-Büchern schon kenne und der mir da schon nicht wirklich gut gefallen hat.

Ebenfalls in früheren Büchern des Schriftstellers habe ich seine Charaktere gelegentlich kritisiert. Dabei zeigt er eigentlich beispielsweise mit den Protagonisten aus „Kein Friede den Toten“, dass er imstande ist, überzeugende, sympathische Hauptfiguren zu erschaffen. Schade nur, dass es ihm im vorliegenden Fall irgendwie nicht gelungen ist.

Was mir immer wieder sauer aufstößt, ist, dass die Charaktere seiner Thriller immer irgendwie aus der gutsituierten „upper class“ zu kommen scheinen, also viel Geld besitzen und auch sonst eigentlich nicht klagen können. Grundsätzlich ist dagegen nicht viel einzuwenden, ich persönlich empfinde das aber eher als ermüdend. Auch im vorliegenden Fall haben wir zwei Hauptpersonen – Simon und seine Frau – die gutsituiert sind. Er ist Anlageberater – und zwar einer von der sehr aufopfernden Sorte, der sogar zu alten Damen zum Tee nach Hause fährt, um sich ihre Sorgen anzuhören usw., sie wiederum ist – natürlich – Ärztin ( die Rolle einer Anwältin war im Buch schon besetzt), umwerfend schön und hat früher mal gemodelt.

Damit will Coben vielleicht verdeutlichen, dass schlimme Dinge auch Menschen passieren können, die ansonsten bar jeder Sorge sind, aber auch hier gilt: Ich empfinde das eher als ermüdend. Und übrigens für die Wirkung des Buches auch als hinderlich. Es mag eine persönliche Sache sein, aber ich nehme am Schicksal solcher Schickeria-Yuppie-Vernissage-Typen immer wesentlich weniger Anteil als an Figuren, die etwas bodenständiger sind. Für die Zukunft würde ich mir etwas „normalere“, geerdetere Figuren wünschen.

Anhand zweier Nebenfiguren – der erwähnten Anwältin und der ebenfalls erwähnten alten Dame mit dem Tee – die zwar im Grunde genommen beide hauchzart überzeichnet sind, was mir aber egal war, merkt man aber auch bei „Suche mich nicht“, dass Coben eigentlich Charaktere kann. Nur leider verschwinden beide nach relativ kurzer Zeit im Orkus des Vergessens und spielen für den weiteren Fortgang der Geschichte keine Rolle mehr. Schade!

Kurz: Wer mal wieder einen abwechslungsreichen Thriller mit vergleichsweise selten genutztem Thema lesen möchte, sich an blassen Charakteren und einem eher umgangssprachlichen Stil nicht stört, der liegt bei „Suche mich nicht“ absolut richtig.

Ich danke dem Bloggerportal und dem Goldmann Verlag für die freundliche Übersendung des Rezensionsexemplars

Wertung:

Handlung: 9 von 10 Punkten

Charaktere: 7 von 10 Punkten

Stil: 7 von 10 Punkten

Spannung: 7,5 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 7,625 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Morduntersuchungskommission“ von Max Annas.

Freitagsfragen #85

Freitagsfragen Sommer

Hallo, liebe Leserinnen und Leser,

die Freitagsfragen aus dem Brüllmausblog stehen an, legen wir also ohne große Vorrede los. Die Fragen und Antworten lauten:

1.) Welche Bücher hast Du in der Schule gelesen?

Oh, das waren einige! Ich habe zum Beispiel die Bio-Stunden in Klasse 12 dazu genutzt, die gesamte „The Green Mile“-Reihe von Stephen King zu lesen …

Ach, es geht um Schulliteratur? Verzeihung – tja, na dann … lautet die Antwort ebenfalls „das waren viele“. An was kann ich mich denn noch erinnern …?

„Kleider machen Leute“ von Gottfried Keller. Die Erinnerung ist lückenhaft, aber ich meine, dass ich es als nicht sonderlich subtil empfunden habe.

„Das Feuerschiff“ von Alfred Andersch. Das habe ich viele Jahre später nochmal gelesen und fand es viel besser als in der Schule.

„Die Verwandlung“ von Kafka. Erst zu Bloggerzeiten habe ich das nochmals gelesen und fand es ebenfalls viel besser als damals.

„Der Richter und sein Henker“ von Dürrenmatt. Damals wie heute ziemlich großartig.

„Wilhelm Tell“ von Schiller. Ich weiß es noch, als wäre es gestern: Ich bekam das Reclam-Heftchen in der Schule ausgehändigt und schlug es vor dem Unterricht an einer willkürlichen Stelle auf, wo ich auf die Textstelle:

„Wo sind meine Knechte?
Man reiße sie von hinnen oder ich
Vergesse mich und tue was mich reuet.“

stieß. Kapitel 15 übrigens, für die, die es interessiert. Und ich dachte angesichts der Textstelle damals spontan: „Ach, Du Scheiße!“ Eigentlich war es aber ganz gut. Ich mag Schiller bis heute.

„Antigone“ von Sophokles. Dasselbe Spiel wie bei Schiller, nur mit der Textstelle

„O Schwester, Du mein eigen Blut, Ismene!“

und dem Unterschied, dass ich mit Sophokles nichts, aber auch gar nichts anfangen konnte.

„Homo Faber“ von Max Frisch. Das mochte ich sttilistisch, das weiß ich noch. Ich glaube aber, es damals nicht begriffen und nie wieder gelesen zu haben.

„Effi Briest“ von Fontane. Sollte man mal gelesen haben, ich finde es auch heute noch vergleichsweise zugänglich für eine Schullektüre.

„Der gute Mensch von Sezuan“ von Brecht. „Die Deutung von Brechts Büchern wäre einfach, wenn hinten das Parteibuch der KPD drin läge!“, sagte mein Kursleiter damals. Inhaltlich kann ich mich an nicht viel erinnern. Außer, dass ich Brecht – von dem wir noch andere Bücher lasen – ebenfalls mochte.

„Frühlings Erwachen“ von Wedekind. Eigentlich nicht so dolle, aber im Schulunterricht für einen denkwürdigen Lacher gut gewesen. Würde an dieser Stelle aber zu weit führen.

„Der Hauptmann von Köpenick“ – von Zuckmayer. Zuckmayer hat durchaus schlechtere Dinge geschrieben.

Einen Roman aus der „Joseph und seine Brüder“-Reihe von Thomas Mann, dessen Name mir gerade entfallen ist. Damals eigentlich ein Fall für die UN-Menschenrechtskonvention! Ich habe es bis heute nicht nochmals versucht, obwohl ich weiß, dass mir Manns Stil mittlerweile gut gefällt, aber nee. Niemand unter 40 sollte Mann lesen müssen. Thomas Manns Bücher sind die Wagner-Opern der Literatur!

Ähnlich viel „Vergnügen“ hatte ich mit „Nachdenken über Christa T.“ von Christa Wolf, das ich als schlicht unlesbar und induskutabel eingestuft habe und, da ich es Jahre später erneut gelesen habe – warum auch immer – es auch heute noch tue. Es gibt Menschen, die klüger sind als ich, und dieses Buch als große Literatur einstufen und wer wäre ich, diesen Menschen zu widersprechen, aber für mich persönlich die größte Folter meiner Schullektürenlaufbahn.

Und natüüüürlich „Die Leiden des jungen Werthers“ von Goethe. Ein nach wie vor großartiges Buch und eines der, wenn nicht das, Hightlight meiner Schullektürenlaufbahn. Gut, auch hier gibt es Menschen, die klüger sind als ich und die ich sogar persönlich kenne, die behaupten, dieses Werk sei grauslig, nichtsdestotrotz wage ich hier zu widersprechen! ;-)

Erstaunlich, an wie viel man sich noch erinnert, wenn man sich ein wenig Zeit nimmt, oder …!?

2.) Wie betrachtest Du Deine Schulzeit rückblickend?

Da müsste man differenzieren. Die Grundschule war – soweit ich das noch auf dem Schirm habe – eigentlich ganz okay.

Selbiges gilt für die folgende Orientierungsstufe, die es zu meiner Zeit noch gab und das damalige Anzeichen für eine nur semi-geniale niedersächsische Schulpolitik war.

Die Zeit der Klasse 7 – 10 war dann überhaupt nicht mehr so geil. Auch wegen außerschulischer Faktoren, das hat aber hier alles nichts verloren. Glücklicherweise – damals für mich ein gefühlter Weltuntergang – hatte ich dann nach Klasse 10 eine Vertragsverlängerung, verbunden mit einem entsprechenden Klassenwechsel. Ab da war wieder alles gut und ich behaupte nach wie vor, dass die 12. und 13. Klasse die beiden geilsten Jahre meines Lebens waren.

3.) Bist Du den Weg gegangen, den Du Dir als Schulabgänger/in ausmaltest?

Gott, nein! :-) Oder, na, sagen wir jein. Rückblickend habe ich den Eindruck, lange Zeit eigentlich eher einen Weg gegangen worden zu sein, als ihn selbst zu gehen, was böser klingt als es gemeint ist und auch eigentlich ganz okay war. Der semi-selbstsichere Entscheidungsneurotiker, der ich schon damals war, war dafür ganz dankbar. Dennoch hätte ich rückblickend weniger auf andere hören sollen. Aber das Leben findet halt nicht im Konjunktiv statt.

4.) Die Wahl der Qual: Alles Gelernte aus der Schule vergessen oder noch einmal ab der 5. Klasse in die Schule gehen?

Ab der 5. Klasse, also praktisch 9 ganze Jahre, nochmals für nichts anderes verantwortlich sein als nur seine eigenen schulischen Leistungen? Mache ich sofort! ;-) Der andere Fall würde ja bedeuten, dass ich nicht nur nicht schreiben und rechnen könnte, sondern eben auch nicht lesen. Und das wäre wieder ein Fall für die UN-Menschenrechtskonvention, so etwas könnte man mir nicht antun!

 

Das war es auch schon wieder.

Gehabt euch wohl!

„Elantris“ von Brandon Sanderson

Buch: „Elantris“

Autor: Brandon Sanderson

Verlag: Piper

Ausgabe: Taschenbuch, 920 Seiten

Der Autor: Brandon Sanderson, geboren 1975 in Nebraska, ist internationaler Bestsellerautor und lebt in Utah. Nach seinem Debütroman „Elantris“ widmete er sich seit 2007 der Vollendung von Robert Jordans „Das Rad der Zeit“. Zudem begeistert er mit seiner Saga um „Die Nebelgeborenen“ weltweit die Fans. Er steht regelmäßig ganz vorne auf der New-York-Times-Bestsellerliste.  (Quelle: Piper)

Das Buch: Einst war Elantris, die magische Stadt im Lande Arelon, ein Paradies, in dem die Götter wandelten. Aber dann wurde es von einem schrecklichen Fluch getroffen und die vormals blühende Stadt verwandelte sich in eine tödliche Falle für ihre Bewohner. Kronprinz Raoden, der in der gefallenen Stadt gefangen ist, muss gemeinsam mit der Königstochter Sarene das Geheimnis von Elantris ergründen … (Quelle: Piper)

Fazit: Angesichts der gerade erlangten, erschreckenden Erkenntnis, dass mir keine der mir im Augenblick zur Verfügung stehenden Freizeitmöglichkeiten gerade so wirklich Freude bereitet, versuche ich es mal mit dem Schreiben, da gelingt mir das noch meistens. Auf dass das auch diesmal so sein möge.

Brandon Sanderson also. Der Autor selbst mag möglicherweise Anlass zur berechtigten Kritik geben, die ich hier mal außen vor lasse. Da ich allerdings – zumindest bis zu einem gewissen Punkt – durchaus in der Lage bin, Werk und Autor voneinander zu trennen, war das allerdings kein Grund, mich nicht doch mal seinem Werk zu widmen. Nun scheiterte dieses Vorhaben im ersten Versuch in Form von „Der Weg der Könige“ an den üblichen Stolpersteinen des Fantasy-Genres. Trilogieauftakt. Wahnwitziger Umfang.

Mit dieser Vorbildung stieß ich in der Buchhandlung meines Vertrauens auf „Elantris“, das mit seinen über 900 Seiten zwar einen ähnlichen Umfang hat, aber wenigstens einen Einzelband darstellt und darüber hinaus Sandersons Debüt war, was mir als Einstieg in das Werk eines Autors ohnehin viel sinnvoller erscheint.

Also, gesagt, getan. Und diesmal mit Erfolg.

Zugegeben, man merkt Sandersons Roman an, dass es sich bei „Elantris“ um ein Debüt handelt. So ist das Erzähltempo – fast hätte ich „Pacing“ geschrieben – über die gefühlt ersten zwei Drittel eher behäbig, um dann im letzten Drittel arg anzuziehen. Das würde der Autor mit seiner heutigen Erfahrung gewiss selbst etwas anders gestalten.

Ansonsten muss man aber sagen, dass es an „Elantris“ erfreulich wenig auszusetzen gibt. Die Handlung ist zwar arg religiös geprägt und das muss man nicht mögen, aber grundsätzlich hatte die Geschichte rund um eine augenscheinlich in Ungnade gefallene, magische Stadt sowie um Macht und Herrschaftsansprüche streitende, unterschiedliche Strömungen ein und derselben Religion aber durchaus eine gewisse Faszination und überzeugt, wenn zumindest nicht mit ihrem Erzähltempo, dann aber wenigstens mit ihrem Einfallsreichtum.

Das liegt sicherlich nicht zuletzt an dem Aspekt, den man in der Fantasy-Literatur gemeinhin so unschön „Worldbuilding“ nennt. Ja, in der Tat, der Weltenbau (ha!) ist wirklich sehr gelungen, sowohl was die Welt an sich, ihre verschiedenen Länder, ihre Beziehungen zueinander, als auch Herschaftsformen und insbesondere das Magiesystem angeht. Allein für den Weltenbau hätte ein handelsüblicher, heutiger Fantasy-Autor einen kompletten Einführungsband einer Fantay-Trilogie mit dem Umfang eines die gesamte US-Bevölkerung umfassenden Telefonbuchs auf Altgriechisch, Gälisch und Hindi gebraucht.

Dieser Detailreichtum beim Weltenbau geht allerdings zulasten des eingangs erwähnten Erzähltempos, was für mich persönlich aber kein Problem darstellte.

Seine neu geschaffene Welt bevölkert Sanderson mit zahlreichen Personen, bei denen ich mich mal auf die drei Protagonisten Raoden – dessen Namen ich unzählige Seiten als „Radeon“ gelesen habe, wohlwissend, dass er mit Grafikkarten von AMD nicht das Geringste zu tun hat … – , sowie seine ihm angetraute Sarene und den Antagonisten Hrathen beschränken.

Raoden übernimmt dabei mehr oder weniger die Rolle des sympathischen, aber in Ungnade gefallenen, strahlenden Helden. Und er erfüllt diese Rolle auch gut, aber mehr als unbedingt nötig müssen wir uns mit ihm jetzt auch wieder nicht befassen.

Dagegen war gerade der Antagonist Hrathen eine wohltuende Abwechslung. Wer häufiger etwas von mir liest, weiß vielleicht, dass ich gelegentlich die eindimensional gestalteten Abziehbild-Bösewicht-Figuren in Büchern kritisiere. Umso schöner ist es, wenn man auch mal auf eine positiv gestaltete Figur aus diesem Bereich trifft – und dann auch noch dort, wo ich es am wenigsten erwartet hätte. Denn insbesondere in Fantasy-Romanen sind Bösewichte nun wirklich häufig nicht sonderlich vielschichtig.

Hier ist das nun etwas anders. Zum einen wird Hrathens Motivation logisch hergeleitet, zum anderen ist ihm durchaus bewusst, dass sein Handeln möglicherweise moralisch verwerflich ist. Allerdings besteht seine Aufgabe auch darin, das Volk von Arelon – in dem sich auch das namensgebende Elantris befindet – durch eben diese moralisch verwerflichen Handlungen davor zu beschützen, dass ihm, dem Volk, ein noch schlimmeres Schicksal zuteil wird. Insgesamt macht das aus Hrathens Darstellung noch kein hochliterarisches Psychogramm, aber insgesamt gefiel mir die Schilderung als im Kern unverstandener Charakter richtig gut.

Und richtig gut hätte mir auch Sarene gefallen können. Sie ist eine charakterlich starke, großgewachsene, kluge, wortgewandte, schlagfertige Frau und könnte insgesamt der Typus der emanzipierten Frau sein, den man insgesamt in der Fantasy-Literatur immer noch eher selten findet. Dann jedoch vergehen in der Folge gefühlt keine 30 Seiten, in denen sie nicht immer wieder klagt, dass der erste ihr versprochene Mann ihr weglief und der zweite, Raoden, vermeintlich verstarb, bevor sie ihn heiraten konnte und dass sie ja so einsam und allein ist und und überhaupt und bla!

Ich finde das schade, denn so wird aus einer erfreulich emanzipierten Frau – und damit hat es Sanderson augenscheinlich (eine bodenlose Unterstellung meinerseits!) ja wohl sonst nicht so, was die Figur umso erfreulicher macht – eine unsichere, schwache Person, die hart an ihrem Alleinsein trägt. Das vermittelt den Eindruck, als betrachte sich Sarene allein nicht als vollständige Person und führt ihre gesamte Souvernität in allen anderen Lebenslagen ein bisschen ad absurdum.

Kommen wir weg von den Figuren und widmen uns der Sprache. Auch sprachlich – und ich vermute mal, dass das nicht an der Übersetzung liegt – merkt man „Elantris“ an, dass es sich um einen Erstling handelt. Zwar sind keine groben Schnitzer zu verzeichnen, insgesamt fällt der Roman in dieser Hinsicht aber auch nicht positiv auf. Es dürfte für mich spannend sein, hier den Vergleich zu späteren Büchern anzubringen, und zu sehen ob und, falls ja, inwiefern sich hier etwas getan hat.

Kurz: Wer mal wieder einen Fantasy-Wälzer lesen möchte, der durch seine Geschichte und seinen Weltenbau besticht und gleichzeitig ein gemächliches Erzähltempo erträgt, dem kann ich „Eltantris“ empfehlen.

So, und was mach ich nun? :-) Ich könnte mich ja dem Zafón widmen, der liegt hier seit dem Preußischen Kartoffelkrieg 1778 rum und könnte endlich mal gelesen werden, hat aber nun auch wieder über 900 Seiten, was ich angesichts meines morgen endenden Urlaubs, meines darauf folgenden Arbeitsantritts am Montag und der Tatsache, dass damit die Sinnlosigkeit allen Seins bewiesen ist, aber sowieso nicht zeitnah schaffe. Hach, ich bin unschlüssig … ;-)

Wertung:

Handung: 8 von 10 Punkten

Stil: 7,5 von 10 Punkten

Charaktere: 8,5 von 10 Punkten

Atmosphäre: 10 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 8,5 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Suche mich nicht“ von Harlan Coben