abc.Etüden KW 36/37 III

abc.etüden 2022 36+37 | 365tageasatzaday

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

aller guten Dinge sind drei, sagt der Volksmund. Und unter der Annahme, dass man meine Etüden auch unter diesen guten Dinge subsumieren könnte, ist es daher vollkommen logisch, dass hier nun mein dritter Beitrag zur aktuellen Runde der Etüden, weiterhin organisiert von Christiane und zur Wortspende des Etüdenerfinders Ludwig Zeidler, folgt. Diesmal in einer von mir lange vernachlässigten Form. Wenn ichs hinkriege. Man wird sehen.

 

Stelldichein

Die Sitze sind so anschmiegsam,
drum fahr‘ ich mit der Deutschen Bahn.

Im Bordbistro des Zuges sitzend,
um mich herum die Kellner flitzend,
wend‘ ich mich der Zeitung zu,
und flugs vorbei ist’s mit der Ruh‘,

Die Rechten sind nun auch in Schweden,
da hilft kein lamentieren oder reden,
Die Bahntickets sind wieder teuer,
und dann salbadert noch der Scheuer.

Ich will das alles ignorieren,
mich in mein Reiseziel verlieren,
bin auf dem Weg zur Stadt der Sünde,
nicht Las Vegas – Travemünde.

Derweil ganz vorn im Führerhaus,
tickt nun der Fahrzeugführer aus.
Ein Brechreiz bemächtigt sich bald seiner,
des armen Fahrzeugführers Heiner.

Er hat am Telefon den Jeff,
der seines Zeichens Stellwerkchef.
„Stell doch nun die Weiche um!“, ruft Heiner.
„Entweder du tust’s, oder keiner!“

Doch Jeff sitzt stehts am läng’ren Hebel,
hat auch meist den höh’ren Pegel,
und nach Tagen voller Suff,
ist er auch heut‘ Morgen druff.

Heiner schreit: „Stell um, die Weiche!“
Jeff: „Nur über meine Leiche!
Ich hasse meinen blöden Job!“,
beschied er Heiner ziemlich grob.

Drum fährt der Zug alsbald ’ne Kehre,
pflügt sich, fast wie eine Fähre,
’nen anderen Weg durchs Gleisenmeer,
Heiner wütet derweil sehr.

Im Bordbistro bleibt alles leise,
ich wende mich – nicht allzu weise -,
wieder meiner Zeitung zu,
der Blutdruck steigt quasi im Nu:

Es scheppert nun in Karabach,
eine mehr als traurig‘ Sach‘,
England hat jetzt einen König,
und die Russen rennen fröhlich.

Heiner – derweil auf allen vieren –
bereit, dem Jeff zu buchstabieren,
was genau er von ihm will,
doch im Telefon bleibt’s still.

So bleibt ihm nur, den Zug zu fahren,
sich weit’res Ungemach zu sparen,
zu seh’n, wohin die Reise führt,
ob nach Bremen, ob nach Hürth.

Im Bordbistro das Bier wird schal,
der Zug strandet in Wuppertal.

 

290 Wörter.

 

abc.Etüden KW 36/37 2022 II

abc.etüden 2022 36+37 | 365tageasatzaday

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

unter der Rubrik „Dinge, dich ich als Randnotiz stehen lassen könnte, aber einen Blutrausch bekäme, wenn ich sie unwidersprochen lasse“ gibt es heute meinen nächsten Beitrag zur aktuellen Etüden-Ausgabe, die –  wie könnte es anders sein? – weiterhin von der zauberhaften Christiane organisiert werden. Die Wortspende stammt vom Etüdenerfinder Ludwig Zeidler. Auf gehts:

„Du siehts nicht gut aus. Irgendwie grün im Gesicht!?“

„Ja, ich hab auch schon wieder mit Brechreiz zu kämpfen.“

„Lass mich raten: Jemand hat wieder irgendwas gesagt, was dir auf den Magen schlägt?“

„Exakt!“

„Und, wer isses diesmal?“

„Hans Peter Wollseifer, seines Zeichens Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks.“

„Und? Was hat er gesagt?“

„Er äußerte sich in einem Interview mit der „Rheinischen Post“ zum geplanten Bürgergeld und sagte: „Es sorgt für Demotivation bei denjenigen, die mit einem geringen Gehalt regulär arbeiten. Am unteren Ende verschwimmen immer mehr die Grenzen zwischen regulärer Arbeit und dem Bürgergeld“. Und außerdem: „Die Verbesserungen für die Bezieher beim Schonvermögen, der Wegfall von Sanktionen, die deutliche Anhebung des Regelsatzes, die komplette Übernahme der stark gestiegenen Heizkosten – all das wird dazu führen, dass sich für mehr Menschen als bisher das Nichtarbeiten mehr lohnt als das Arbeiten.“ 

„Alllllter, das ist …“

„Ja, oder!? Wer kennt sie nicht, diese stinkfaulen, ewig sturzbesoffenen Arbeitslosen ohne jede intrinsische Motivation, die es sich in der ach so anschmiegsamen, sozialen Hängematte bequem gemacht haben!? Nun ja, zumindest, wenn man dem Bild, das FDP, RTL Zwei und die journalistische Rohstoffverschwendung mit den vier großen Buchstaben in den vergangenen Jahren von dieser Personengruppe gezeichnet haben, glauben will.“

„Kommt der Mann vielleicht auf die Idee, dass nicht die Ausgestaltung des Bürgergelds das Problem ist, sondern der Niedriglohnsektor?“

„Nein, nicht mal dann, wenn man es ihm buchstabieren würde. Fast acht Millionen Menschen sind hierzulande im Niedriglohnsektor beschäftigt – einer der größten in Europa. Nun könnte man diese Menschen auch einfach besser bezahlen …“

„…was aber das Geld der Klientel von Herrn Wollseifer kosten würde?“

„Eben – deswegen muss man Verteilungskämpfe schüren! Nicht der Arbeitgeber, der mir einen beschissenen Lohn zahlt, ist der Schuldige, sondern der da, dieser arschfaule, strunzdumme Arbeitslose!“

„Ein Ablenkungsmanöver, das leider immer noch gut funktioniert.“

„So isses.“

300 Worte.

„Der Fänger im Roggen“ von J. D. Salinger

Buch: „Der Fänger im Roggen“

Autor: J.D. Salinger

Verlag: Rowohlt

Ausgabe: Taschenbuch, 272 Seiten

Der Autor: J.D. Salinger, geboren am 1. Januar 1919 in New York, erlangte Weltruhm mit seinem 1951 erschienenen Roman »Der Fänger im Roggen«, der zu einem der erfolgreichsten Romane des 20. Jahrhunderts wurde. Daneben hat Salinger nur drei weitere Bücher mit Erzählungen veröffentlicht. Salinger starb am 27. Januar 2010. (Quelle: Rowohlt)

Das Buch: Der sechzehnjährige durch New York irrende Holden Caulfield ist zu einer Kultfigur ganzer Generationen geworden. „Der Fänger im Roggen“ war J. D. Salingers erster Roman, mit dem er weltweit berühmt wurde. (Quelle: Rowohlt)

Fazit: In der Reihe „Klassiker der Weltliteratur, die bislang am Verfasser dieser Zeilen vorbeigegangen sind“ wenden wir uns heute einem handelsüblichen Wochenende von Holden Caulfield zu. Salingers 16 Jahre alter Protagonist hat es geschafft, innerhalb kurzer Zeit von der dritten Schule hintereinander zu fliegen. Wie jeder andere Teenager in dieser Situation, verspürt auch Holden nicht unbedingt den Drang, mit dieser Nachricht im Gepäck freudestrahlend ins Elternhaus zurückzukehren. Stattdessen begleiten wir ihn als Leser während eines, einer Art Flucht gleichenden, langen Wochenendes auf seinem Streifzug durch New York.

Holden fungiert dabei selbst als Erzähler und das Buch ist daher im ihm eigenen, eher rauen und umgangssprachlichen Duktus gehalten, aus dem sehr bald klar wird, was der Protagonist so von sich, anderen und der Welt als solcher hält. Der Junge braucht nur wenige Seiten Text, um auf den Leser den Eindruck eines überheblichen, arroganten, selbstgefälligen, wohlstandsverwöhnten Drecksblags zu machen. Den eines jungen Menschen, der über alle Maßen von sich selbst überzeugt ist und für sich in Anspruch nimmt, die Welt, das Universum und den ganzen Rest als einziger durchschaut zu haben, während alle anderen ja so oberflächlich und „piefig“ seien. „Piefig“, da haben wir es ja. Zusammen mit „und so“ und ähnlichem scheint „piefig“ Holdens Lieblingsformulierung zu sein. Und wenn der Roman insgesamt sprachlich durchaus überzeugen kann, so ist dieser Begriff meines Erachtens Beispiel genug dafür, dass man das Buch vielleicht sprachlich behutsam in aktuelle Zeiten versetzen könnte. Oder sagt hier noch jemand „piefig“?

Zurück zu Holden: Durch seine ganze Art und (Ausdrucks)Weise braucht der Jungspund also etwa 50 Seiten, um im bis dahin durchaus geneigten Leser den intensiven Wunsch auszulösen, ihm nach allen Regeln der Kunst eine zu fenstern. Ungefähr dieser Zeitpunkt war es auch, der im Verfasser die Frage aufkommen ließ, ob es nicht sinnvoller sei, das Buch einfach zur Seite zu legen, als sich über 200 weitere Seiten mit der selbstgefälligen Nabelschau eines eingebildeten Teenagers zu beschäftigen.

Dann jedoch … bekommt Holden plötzlich Konturen. Man erfährt mehr aus seiner persönlichen, aus seiner Familiengeschichte. Thematisiert wird hier beispielsweise das Verhältnis zu seiner jüngeren Schwester Phoebe oder auch der frühe Tod seines Bruders Allie, den Holden wohl nie so wirklich verarbeitet hat. Dass das vielleicht aber hätte notwendig sein können, wird schon daran deutlich, dass Holden beschreibt, wie er nach Erhalt der Todesnachricht sämtliche Scheiben in der Garage mittels seiner Faust demoliert hat und dann zum Familienauto übergegangen wäre, wenn das besagte Faust noch mitgemacht hätte. Es entsteht der Eindruck, seine Eltern hätten sich um Scheiben und Auto mehr Gedanken gemacht, als über ihren Sohn.

Eine weitere erhellende Szene ist die, in der Holden versucht, für die Nacht bei einem der wenigen Lehrer unterzukommen, zu denen er ein gutes Verhältnis hat, dort dann nachts auf der Couch wach wird und bemerkt, dass besagter Lehrer vor dieser Couch sitzt und offensichtlich gerade versucht, Holden über den Kopf zu streichen. Entweder sehr fürsorglich. Oder aber – sehr viel wahrscheinlicher – sehr, sehr gruselig! Im folgenden, überstürzten Aufbruch Holdens wird in Ansätzen – viele Informationen über den Protagonisten werden von Salinger nur nebenbei angedeutet, nicht aber ausufernd explizit erklärt – deutlich, dass Holden bereits ähnliche Erfahrungen gemacht haben muss. Und das mehr als einmal.

Auf diese Weise wird aus dem verzogenen Schnösel dann Stück für Stück ein Mensch.

Und sowohl die Schilderung der Entwicklung von Salingers Protagonisten – denn selbstverständlich findet diese statt, nur soll das Wie an dieser Stelle unerwähnt bleiben – als auch dieses stückweise Zusammenfügen seines Protagonisten, diese scheibchenweise Erklärung, warum Holden so tickt, wie er tickt, all das ist Salinger schon ziemlich gut gelungen. Und hat aus meiner Sicht einen sehr aktuellen Bezug, da die Menschen heute, zumindest in meiner Wahrnehmung, zwar schnell dabei sind, „Hängt ihn höher!“ zu brüllen, sich aber nur sehr wenig darum scheren, warum ein Mensch so ist wie er eben ist. Natürlich, wenn in der Zeitung steht, dass nachts um drei ein 15-Jähriger vor einer Disko verdroschen wurde, dann fragen diese Menschen ja schon reflexartig „Was macht der um die Zeit da?“. Nur hat eben die Frage nicht den Hintergrund, verstehen zu wollen, welcher familiäre, welcher Lebenshintergrund besagten 15-Jährigen dazu gebracht haben mag, sich um diese Zeit dort aufzuhalten, sondern den, zu sagen: „Tja, selbst schuld!“ Ach, sei´s drum!

Zum Endes des Romans stellt man als Leser jedenfalls fest, es hier mit einem vergleichsweise gut gealterten Klassiker der Literaturgeschichte zu tun zu haben, der allenfalls sprachlich etwas entgratet werden könnte und dem das Kunststück gelingt, seine irgendwo zischen „Peter Pan“ und „Systemsprenger“ verlorene Hauptfigur von einem reinen Scheusal zu einem Jungen, an dessen Schicksal man wirklich anteil hat, werden zu lassen.

Demnächst in diesem Blog:„Der unsichtbare Roman“ von Christoph Poschenrieder

abc.Etüden KW 36/37 2022 I

abc.etüden 2022 36+37 | 365tageasatzaday

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

die Sommerpause ist vorbei, die zauberhafte Christiane ruft wieder zu den Etüden auf, diesmal zu einer Wortspende des Etüdenerfinders Ludwig Zeidler. Auf gehts:

„Anschmiegsam!“

„WAS!?“

„Ich .. äh… keine Ahnung – etwas hat mich gezwungen, das zu sagen …“

„Äh … Alter – gehts dir gut!?“

„Nein – ich leide unter einem massiven First-World-Brechreiz!“

„Bitte?“

„Ich will sagen: Das Schöne am Internet ist, dass jeder Idiot seine Meinung kundtun kann, das Beschissene am Internet ist, dass jeder Idiot das auch tut.“

„Nur nicht konkret werden!“

„Konkret gehts um die neue Amazon-Serie „Der Herr der Ringe:Die Ringe der Macht“.“

„Und?“

„Selbige leidet derzeit unter einem massiven Review-Bombing.“

„Unter was?“

„Kurz gesagt: Eine kleine Anzahl an Menschen bewertet etwas bewusst schlecht, mit dem Ziel, den Erfolg den Produkts zu mindern.“

„Und was ist bei dieser Serie nun deren Problem?“

„Nun, ganz vorne dabei ist, dass einige Elben und Zwerge von People of Colour gespielt werden … Man „argumentiert“, dass es die so bei Tolkien nicht gegeben hat und auch nicht geben kann. Es folgen fadenscheinige geografische und biologische Erklärungen und sinngemäßes Geblubber wie „In einem Film über den Zweiten Weltkrieg hätte auch nicht die Hälfte aller deutschen Soldaten eine dunkle Hautfarbe!“

„Oh, ja, die großen historischen Ereignisse der Menschheitsgeschichte, wer kennt sie nicht: Punische Kriege, Franzöische Revolution, Zweiter Weltkrieg, Herr der Ringe … Und außerdem: Biologische Erklärungen? Haben die dann auch eine dafür, dass die unterirdische lebenden Zwerge nicht blind und transparent sind?“

„Keine Ahnung, aber mich kotzt so etwas an. Menschen, die ihren Rassismus selbst dann nicht erkennen könnten, wenn man ihn buchstabieren würde. Menschen, die offenbar so wenige Probleme im Leben haben, dass sie freidrehen, weil jemand „ihr“ HdR-Universum zerstört. Menschen, die den Eindruck vermitteln, nur noch mit Stift und Zettel vor dem Fernseher zu sitzen, um „Fehler“ zu finden, anstatt einfach mal etwas genießen zu können. Menschen, die zudem nicht wissen, was eine Adaption ist. Menschen, die über so wenig Frustrationstoleranz verf…“

„Lass gut sein!“

„Ja, vielleicht hast du recht …“

300 Worte.

„Carl Haffners Liebe zum Unentschieden“ von Thomas Glavinic

Buch: „Carl Haffners Liebe zum Unentschieden“

Autor: Thomas Glavinic

Verlag: dtv

Ausgabe: Taschenbuch, 204 Seiten

Der Autor: Thomas Glavinic wurde 1972 in Graz geboren und arbeitet seit 1991 als freier Schriftsteller. 1998 erschien sein viel beachtetes Debüt ›Carl Haffners Liebe zum Unentschieden‹, das vom ›Daily Telegraph‹ zum Buch des Jahres gewählt wurde. 2001 folgte der Roman ›Der Kameramörder‹, für den Glavinic mit dem Friedrich-Glauser-Preis ausgezeichnet wurde. Weitere Romane folgten. Thomas Glavinics Werke sind in zahlreiche Sprachen übersetzt. (Quelle: dtv)

Das Buch: Im Winter des Jahres 1910 steht die Schachwelt Kopf: Der in Wien ausgetragene Kampf um die Weltmeisterschaft nimmt in der fünften Partie eine unvorhergesehene Wendung. Der als unschlagbar geltende Titelverteidiger Emanuel Lasker, berühmt auch als Dichter und Philosoph, ist durch einen Fehler, den sonst nur Anfänger machen, in Rückstand geraten.

Im Schlaglicht des Interesses steht nun plötzlich der Herausforderer Carl Haffner. Der bis dahin kaum bekannte Österreicher ist ein Defensivkünstler, ein Meister des Remis. Jetzt bietet sich ihm die Gelegenheit, Lasker die Krone zu entreißen – die zehnte und letzte Partie muss die Entscheidung bringen. (Quelle: dtv)

Fazit: Vollkommen egal, ob es sich nun um Zweigs „Schachnovelle“, um „Lushins Verteidigung“ von Nabokov oder eben um „Carl Haffners Liebe zum Unentschieden“ handelt – allen literarischen Werken, die sich des Schachthemas annehmen, scheint immanent zu sein, einen möglichst verschrobenen, abseits des Schachbretts eigentlich kaum überlebensfähigen Protagonisten zu zeichnen. Gut, Zweigs Dr. B. hatte allen Grund, zu sein, wie er nun ist. Und ja, Nabokovs Lushin tatsächlich auch. Und eigentlich wohl auch der für Glavinics Novelle namensgebende Carl Haffner. Trotzdem bleibt die Hauptfigur aber irgendwie diffus, seine Persönlichkeit in einigen Punkten wenig nachvollziehbar – und das obwohl sich der Autor relativ ausführlich, gemessen am Gesamtumfang des Buches, mit der Vorgeschichte von Haffner beschäftigt.

Angelehnt ist der Protagonist an die real existierende historische Figur des Carl Schlechter, einem um die Jahrhundertwende auf sich aufmerksam machenden Schachspieler, der im Übrigen so gut gewesen sein muss, dass er sich mit seiner besten erreichten Elo-Zahl noch über 100 Jahre später in den Top 30 der besten Schachspieler der Weltgeschichte einreihen würde. Thematisch beschäftigt sich das Buch mit der zwischen Schlechter und dem bis heute in Fachkreisen bekannten Emanuel Lasker im Jahr 1910 stattgefundenen Schachweltmeisterschaft.

Nachdem der Autor die Leserschaft in seinen Handlungsrahmen eingeführt hat, verlässt er den eingeschlagenen, erzählerischen Pfad und wendet sich Haffners Vergangenheit, inklusivere früherer Familiengenerationen zu. Und ja, aus diesen Schilderungen lässt sich einiges zur Person Haffner ableiten. Die Bindung zum alkoholkranken Vater, der die Familie später verlassen wird, fehlt im Grunde völlig. Die glücklichsten Zeiten erlebt der junge Carl, als dann doch mal so eine Art Interaktion zwischen ihm und seinem Vater stattfindet: Auf einem im Haus aufgebauten Schachbrett beginnen die beiden eine Partie, bei der jeder einen Zug pro Tag macht, was den jungen Carl jeden Morgen aufgeregt aus dem Bett und zum Schachbrett springen lässt, um zu sehen, welchen Zug der Vater am Vorabend getätigt hat. Abseits dieses Schachspiels scheint der Sohn dem Vater aber recht egal zu sein.

Jahre später ist aus dem jungen Carl ein erfolgreicher Schachspieler geworden, der allerdings dauerhaft mit Geldproblemen zu tun hat. Neben dem Schachspiel als Einnahmequelle entwirft er zwar Schachrätsel und Artikel für Zeitschriften, aufgrund seiner maßlos übersteigerten Zurückhaltung verzichtet er zuweilen aber darauf, dafür sein Honorar einzufordern und hungert deswegen auch schon mal den einen oder anderen Tag. Andererseits käme er mit seinem Geld vielleicht über die Runden, wenn er sich nicht verpflichtet sehen würde, seine Halbschwester finanziell zu unterstützen. Diese wiederum will Carl finanziell unterstützen. Da beide aber ihrerseits zu stolz wären, solche Hilfe auch anzunehmen, und darüber hinaus nie diesbezügliche Gespräche zwischen beiden stattfinden, steckt der Halbbruder der Halbschwester schon mal unbemerkt Geld in den Mantel, während gleichzeitig die Halbschwester dem Halbbbruder ebenso unbemerkt die identische Summe in den Geldbeutel wandern lässt.

Dinge wie die bemerkenswerte Zurückhaltung Haffners, der manisch darauf zu achten scheint, in Interaktionen mit anderen Menschen – sofern er sich dazu überhaupt in der Lage sieht – keine Grenzen zu überschreiten – die meistens ohnehin nur in seinem Kopf bestehen -, sind in Ansätzen aus Haffners Vorgeschichte abzuleiten, schon der junge Carl war eher ein zurückhaltender, einzelgängerischer Junge. Für die intensive Verbindung zu seiner Halbschwester, die irgendwie den Gedanken an eine inzestuöse Beziehung aufkommen ließ, gilt das allerdings nicht in dieser Deutlichkeit. Warum die beiden miteinandern umgehen, wie sie es eben tun, hat sich mir persönlich nicht erschlossen. Und warum Haffner offensichtlich in der Lage ist, eine derart fragwürdige Beziehung zu seiner Halbschwester zu unterhalten, aber keine „richtige“, weniger problembeladene Beziehung mit einer Frau zu führen – auch eine ihm im Verlauf der Handlung recht nahekommende bzw. nahestehende Journalistin, die die Weltmeisterschaft beobachtet, scheint dafür nicht infrage zu kommen – eigentlich auch nicht.

Haffners Zuückhaltung steht ihm aber nicht nur im „echten“ Leben, sondern auch hinsichtlich seines Schachspiels im Weg. Er ist kein Hasardeur, der im Spiel mutig nach vorne prescht und mit dem Risiko, auch eigene Figuren zu verlieren, den Sieg anstrebt. Lieber mauert er sich mit seinen Figuren in einer praktisch unangreifbaren Defensivposition ein, was letztlich dazu führt, dass übermäßig viele seiner Partien remis enden. Auch Vorteile auszunutzen, die ihm beispielsweise dadurch geboten werden, dass sein Gegner viel zu spät zur anberaumten Partie erscheint, liegt Haffner fern.

Die Auswirkungen auf die Handlung sowie der weitere Verlauf der Weltmeisterschaft zwischen Haffner und Lasker soll an dieser Stelle nicht geschildert werden.

Wichtiger als der Handlungsverlauf ist ohnehin einerseits, dass es Glavinic gelungen ist, sein schmales Buch mit einem überzeugenden Figurenensemble auszustatten. Darin weist vielleicht ausgerechnet der Protagonist einige Lücken auf. Vielleicht sehen andere Leserinnen und Leser das aber auch vollkommen anders. Aber egal wie man zu Haffner steht, zumindest kann man nach Abschluss der Lektüre nach Herzenslust auf diesem Protagonisten herumdenken.

Wichtiger ist andererseits aber auch der Subtext, das was Glavinic – möglicherweise – mit seinem Buch vermitteln will. Denn in der Attitüde Haffners, in jeder Hinsicht defensiv, rückhaltend, zuvorkommend zu agieren, steckt ja eigentlich auch viel Schönes. Es wirft in einer Leistungsgesellschaft, deren Auswirkungen seit einigen Jahren immer deutlicher zutage treten, durchaus die Frage auf, ob man immer gewinnen, ob man immer der Beste sein muss. Oder ob man nicht vielleicht auch mal gönnen können sollte.

Nicht nur unter diesem Aspekt habe ich Glavinics Buch außerordentlich gerne gelesen. Und wende mich dann irgendwann sicherlich auch nochmal dem „Jonas-Komplex“ zu. Ganz bestimmt …

Demnächst in diesem Blog: „Fänger im Roggen“ von J.D. Salinger

„Gefangene der Zeit“ von Christopher Clark

Buch: „Gefangene der Zeit – Geschichte und Zeitlichkeit von Nebukadnezar bis Donald Trump“

Autor: Christopher Clark

Verlag: Pantheon

Ausgabe: Paperback, 336 Seiten

Der Autor: Christopher Clark, geboren 1960, lehrt als Professor für Neuere Europäische Geschichte am St. Catharine’s College in Cambridge. Sein Forschungsschwerpunkt ist die Geschichte Preußens. Er ist Autor einer Biographie Wilhelms II., des letzten deutschen Kaisers. Für sein Buch »Preußen« erhielt er 2007 den renommierten Wolfson History Prize sowie 2010 als erster nicht-deutschsprachiger Historiker den Preis des Historischen Kollegs. Sein epochales Buch über den Ersten Weltkrieg, »Die Schlafwandler« (2013), führte wochenlang die deutsche Sachbuch-Bestseller-Liste an und war ein internationaler Bucherfolg. 2018 erschien von ihm der vielbeachtete Bestseller »Von Zeit und Macht«. (Quelle: Random House)

Das Buch: Was hat der Brexit mit Bismarck zu tun? Was verbindet die antike Alexanderschlacht bei Issus mit der Schlacht gegen Napoleon bei Jena 1806? Was lehren uns Psychogramme aus dem Dritten Reich über Gehorsam und Courage? Und wie lässt sich Weltgeschichte schreiben, ohne dabei dem Eurozentrismus verhaftet zu bleiben? Christopher Clark, der mit seinen Büchern über Preußen und den Beginn des Ersten Weltkriegs Millionen Leser begeistert hat, beweist mit seinem neuen Band, wie vielfältig seine Interessen als Historiker sind. In insgesamt 13 ebenso klugen wie elegant geschriebenen Essays zeigt er, wie sehr historische Ereignisse und Taten, Vorstellungen von Macht und Herrschaft über die Zeiten hinweg fortwirken – bis heute. (Quelle: Random House)

Fazit: Als halbstudierter Historiker, man könnte auch sagen, als interessierter Laie, führe ich mir gerne mal Sachbücher mit historischer Thematik zu Gemüte. Und wessen Bücher wären dafür besser geeignet, als die des sympathischen Australiers Christopher Clark!?

In seinem neuen Buch nimmt sich der Historiker keines bestimmten Themas an, sondern versammelt darin 13 Essays, die der Frage auf den Grund gehen, ob historische Persönlichkeiten und Ereignisse tatsächlich als „Gefangene der Zeit“ gesehen werden können, oder ob sie nicht doch – wenn auch manchmal schwer nachweis- oder fassbar – Auswirkungen bis in unsere heutige Zeit haben könnten. Jedenfalls nehme ich an, dass das der rote Faden der Essay-Sammlung sein soll, so richtig gefunden habe ich den zuweilen nämlich nicht.

Dass es in einer solchen Textsammlung Texte gibt, die einem mehr und welche, die einem weniger zusagen, liegt in der Natur der Sache. So erkennt man bereits im Vorwort, dass Texte durchaus Gefangene ihrer Zeit sein können, denn das Vorwort entstand noch in pandemischen Prä-Impfstoff-Zeiten, weswegen manche Passagen mittlerweile obsolet sind. Ich persönlich finde, es wäre ein Leichtes gewesen, das Vorwort für die jüngst erschienene Paperback-Ausgabe ein wenig zu überarbeiten und dem aktuellen Stand anzupassen. Ich gebe aber zu, dass das Leiden auf relativ hohem Niveau ist.

In einigen der anschließenden Essays ist die Grundsatzfrage der historischen Nachwirkung von Personen, Ereignissen, Gedanken und Überzeugungen deutlich ersichtlich. So stellt Clark in seinem Essay „Welche Bedeutung hat eine Schlacht?“ deutlich heraus, welche Folgen die desaströse Niederlage Preußens in der Schlacht bei Jena und Auerstedt 1806 nicht nur für die Organisation des preußischen Heeres, sondern auch für die Gesellschaft Preußens als solche hatte, indem beispielsweise das Bildungssystem und die Landwirtschaft umgekrempelt wurde. Er stellt zudem – für den roten Faden des Buches ungleich wichtiger – heraus, welche Folgen die Schlacht für die weltweiten Militärs der Zukunft hatte, indem er darauf hinweist, dass sich das Konzept der „Entscheidungsschlacht“, mit der man hofft, einen Krieg mit einer einzigen, großen Kraftanstrengung zu gewinnen, nach Jena und Auerstedt eigentlich dauerhaft erledigt hatte. Seither werden Kriege üblicherweise von einzelnen, vergleichsweise kleineren Operationen dominiert oder verharren – wie aktuell ganz besonders tragisch zu sehen – in einem Artillerieduell.

Auch der nachfolgende Essay „Von Bismarck“ lernen hat seinen unbetrittenen Reiz. Hier vergleicht er die Handlungsweise und Persönlichkeitsstruktur Bismarcks mit der von David Cummings, einem der einstmals führenden Köpfe der Brexiteers und begeistertem Bismarck-Fan. Die Parallelen werden schlüssig und nachvollziehbar herausgearbeitet – und wirken in Summe dann ein durchaus bisschen gruselig.

Auch „Leben und Tod des Generalobersten Blaskowitz“ über Johannes Albert Blaskowitz gehört zu den lesenswerten Essays. Blaskowitz war im Dienste der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg zunächst Befehlshaber in Polen, später in Frankreich, allerdings nie Parteimitglied und beim „GröFaZ“ nie wirklich wohl gelitten. Das mag unter anderem damit zusammenhängen, dass Blaskowitz in seiner Zeit als Befehlshaber in Polen in schöner Regelmäßigkeit Protestnoten, Beschwerden und Berichte über die Behandlung der polnischen Zivilbevölkerung – man könnte auch sagen über die willkürliche Ermordnung zahlloser Menschen – durch Polizei und SS ausformulierte und nach Berlin schickte. Clark weist in seinem Essay nach, dass es sich bei Blaskowitz allerdings mitnichten um eine Art gutes Gewissen der Wehrmacht gehandelt hat, sondern schlicht um einen im Kern zutiefst unpolitischen Menschen, dessen oberstes Ziel war, seinen Job als Soldat tadellos zu erledigen. Und willkürliche Erschießungen der Zivilbevölkerung deckte sich mit diesem soldatischen Kodex einfach nicht, grundlegende moralische Bedenken waren allerdings nicht die Triebfeder hinter Blaskowitz Protestschreiben. Letztlich wirft Clark hier die völlig Frage auf, ob ein solcher, lediglich seinem soldatischen Kodex unterworfener, ansonsten aber als unpolitisch geltender Mensch, mit seinem Handeln dem damaligen NS-Regime – wenn er es auch nie offen unterstützte – nicht doch eher Vorschub geleistet haben dürfte.

Für mich am aufschlussreichsten war der Essay „Von Nationalisten, Revisionisten und Schlafwandlern“, in dem er Stellung gegenüber seinen Kritikern an seinem Bestseller „Die Schlafwandler: Wie Europa in den Ersten Weltkrieg“ bezieht – von dem an dieser Stelle übrigens auch bald zu lesen sein wird, da ich es mir derzeit zu Gemüte führe. Besagte Kritiker warfen Clark nach der Veröffentlichung des Buches Geschichtsrevisionismus vor. Ihm wurde ein wissenschaftlicher Rückschritt hinter die Erkenntnisse des Historikers Fritz Fischer unterstellt, der seinerzeit – verkürzt gesagt – die Thesen aufgestellt hat, dass Deutschland spätestens ab dem Jahr 1912 das Ziel eines Krieges ins Auge gefasst und seitdem nur auf eine günstige Gelegenheit gewartet habe und diese in der Ermordung des Erzherzogs Franz Ferdinand auch gefunden zu haben schien, somit Deutschland auch die Hauptschuld am Kriegsausbruch trage. Haben diese Erkenntnisse seinerzeit massive Diskussionen sowie die entsprechend genannte „Fischer-Kontroverse“ ausgelöst, so galten sie in der Geschichtsschreibung in der Folge als weitgehend anerkannt. Irritierend ist in diesem Zusammenhang, dass die Kritiker Clarks die Erkenntnisse von Fischer als eine Art allgemeingültigen Forschungsabschluss zur Kriegsschuldfrage betrachten. Als etwas, nach dem nichts mehr kommen könnte. In der Naturwissenschaft undenkbar, in der Geschichtswissenschaft aber eigentlich auch. Zumal man Fischers Recherchen seinerzeit vorgeworfen hat, dass diese ohne Einordnung in einen gesamteuropäischen Zusammenhang vorgenommen wurden – eben diese geamteuropäische Sichtweise ist nun aber gerade genau das, was Clark in „Die Schlafwandler“ tut. Zudem befindet sich der vermeintliche „Geschichtsrevisionist“ mit seinen Ansichten mittlerweile auch in guter Gesellschaft, vertritt beispielsweise der Historiker Herfried Münkler in seinem Buch „Der Große Krieg“ – welches übrigens gerade in meine Wunschliste gewandert ist – doch ebenfalls ähnlich gelagerte Thesen.

All diesen positiven Essaybeispielen stehen, beispielsweise mit dem Essay „Hoch in heiterer Luft“ nur wenige gegenüber, die mich nicht völlig überzeugt haben, mitunter auch, weil sie mich einfach thematisch weniger interessierten. Oder aber, weil der Erkenntnisgewinn überschaubar blieb. So mag Clarks „Nachruf auf einen Freund“ dem australischen Historiker ein tiefes Bedürfnis gewesen sein, mehr Wirkung hätte dieser Essay – was ich völlig respektvoll meine – aber sicherlich auf Leserinnen und Leser, denen eben dieser Freund, anders als mir, auch bekannt war.

Insgesamt werden historisch interessierten Leserinnen und Lesern – andere werden sich naturgemäß weniger angesprochen fühlen – in 13 Texten von insgesamt überschaubarer Länge und in sehr lesbar formuliertem Ton interessante Thesen präsentiert, über die nachzudenken sich durchaus lohnt.

Demnächst in diesem Blog: „Carl Haffners Lieben zum Unentschieden“ von Thomas Glavinic

„Der Nachtstimmer“ von Maarten ´t Hart

Buch: „Der Nachtstimmer“

Autor: Maarten ‚t Hart

Verlag: Piper

Ausgabe: Taschenbuch, 312 Seiten

Der Autor: Maarten ’t Hart, geboren 1944 in Maassluis bei Rotterdam als Sohn eines Totengräbers, studierte Verhaltensbiologie, bevor er sich 1987 als freier Schriftsteller in Warmond bei Leiden niederließ. Nach seinen Jugenderinnerungen „Ein Schwarm Regenbrachvögel“ erschien 1997 auf Deutsch sein Roman „Das Wüten der ganzen Welt“, der zu einem überragenden Erfolg wurde und viele Auszeichnungen erhielt. Seine zahlreichen Romane und Erzählungen machen ihn zu einem der meistgelesenen europäischen Gegenwartsautoren. (Quelle: Piper)

Das Buch: Eine Hafenstadt in Südholland, bevölkert von Misanthropen und Hinterwäldlern. Ein Orgelstimmer, der seine Arbeit nur in der Stille der Nacht verrichten kann. Und eine Furie von Frau, so schön wie furchteinflößend, die bereits ganz anderen den Kopf verdreht hat. (Quelle: Piper)

Fazit: Ich gehöre zu den Menschen, die schon fast unhöflich früh zu Partys erscheinen – bei literarischen Partys ist jedoch oft das Gegenteil der Fall, will sagen: Zuweilen gehen renommierte Autorinnen und Autoren mit ihrem Schaffen jahrelang oder gar jahrzehntelang an mir vorbei. So auch im vorliegenden Fall. Obwohl zum umfangreichen Schaffen des niederländischen Autors Maarten ´t Hart bereits 18 Romane zählen, war „Der Nachtstimmer“ meine erste diesbezügliche Leseerfahrung. Und es hat den Anschein, als hätte ich nun etwas nachzuholen …

Der Orgelstimmer Gabriel Pottjewijd, Protagonist und Ich-Erzähler des Romans, befindet sich in den 80ern des vergangenen Jahrhunderts auf dem Weg in ein kleines, nicht namentlich genanntes Städtchen – Namen von Straßen und Gebäuden lassen jedoch auf die Geburtsstadt des Autors schließen -, um dort in der „Grote Kerk“, nun ja, eben eine Orgel zu stimmen. Vor Ort angekommen, wird er von der Wirtin des „Seemannsheims“, in dem er untergebracht ist, erst mal mit „FGK“ (Fleisch, Gemüse, Kartoffeln) versorgt, gerät in Kontakt mit dem örtlichen Bibelkreis und macht sich dann alsbald ans Werk. Als Helferin betätigt sich die hierzu in der Vergangenheit bereits öfter eingesetzte 15 Jahre alte Lanna Edelenbos, Tochter der brasilianischstämmigen Stadtschönheit und Seemannswitwe Gracinha.

Lanna wird von den Bürgern der Stadt allgemein als geistig behindert abgetan – vielmehr vermute ich persönlich in der mir eigenen diesbezüglichen grenzenlosen Unkenntnis eher eine Form des Autismus – und auch über Gracinha kursieren die wildesten Geschichten, die Gabriel im Laufe der Zeit im Gespräch mit den Bewohnern des Ortes zu Ohren kommen.

Für Gabriel sind derlei Gerüchte jedoch vollkommen unerheblich, denn Lanna leistet ausnehmend gute Arbeit und zudem genießt er die Anwesenheit Gracinhas – nach einer gewissen Eingewöhnungszeit mit der zuweilen etwas kratzbürstig erscheinenden Brasilianerin – sehr.

Nun hat es aber den Anschein, als würde der enger werdende Kontakt zwischen Gabriel und Gracinha nicht jedem im Ort gefallen. Der Orgelstimmer bekommt Drohbriefe, fühlt sich verfolgt und wird irgendwann sogar ins Hafenbecken gestoßen. In der immer bedrohlicher werdenden Atmosphäre versucht er, einerseits seinen Job gut zu erledigen und andererseits, sich über seinen Umgang mit Gracinha klar zu werden.

Auf der reinen Handlungsebene ist „Der Nachtstimmer“ eigentlich überwiegend recht unspektakulär. So etwas wie Spannung kommt auf, als klar wird, dass die Beziehung zwischen Gabriel und Gracinha jemandem ein Dorn im Auge sein muss, atemlos ist diese Spannung nun aber auch wieder nicht. Das tut dem Gesamteindruck aber überhaupt keinen Abbruch. Denn die wahren Stärken liegen in den Nebensächlichkeiten, den zahllosen Themen, die der Autor anspricht.

Da wäre zunächst mal das Bild, das der Autor vom Leben in dieser zutiefst konservativ-religiösen Stadt malt, von „seiner“ Stadt, in der es schon mal zum Politikum werden kann, wenn ein christlicher Bauunternehmer den Auftrag zum Bau einer Moschee in der Stadt annimmt und der dafür zur Strafe vom Abendmahl ausgeschlossen werden soll. Hartes Brot …

Da wäre aber auch alles das, was ´t Hart der Leserschaft in Person seines Protagonisten verdeutlicht. Gabriel geht guten Gewissens als eigenbrötlerischer, einzelgängerischer und abseits seiner beruflichen Fähigkeiten nicht gerade von sich überzeugter Sonderling durch, der ein Faible für Züge und klassische Musik hat, ansonsten von den modernen Zeiten aber ziemlich überfordert zu sein scheint und insgesamt irgendwie anachronistisch wirkt. Der Gedanke, dass Gabriel hier für den sich mittlerweile in – bei allem gebührenden Respekt – fortgeschrittenen Alter befindlichen Verfasser des Buches steht, der sich in den modernen Zeiten von „heute“ nicht mehr in seiner eigenen Heimatstadt zurechtfindet, drängt sich hier – nebst allen anderen ähnlich gelagerten Interpretationen – förmlich auf.

Zudem nutzt der Autor seinen Protagonisten zu einem sehr gelungenen und überaus vergnüglich zu lesenden Rundumschlag gegen die Religion. Gabriel ist selbst in einem armen, aber religiösen Elternhaus groß geworden, in dem sich als einziges Buch eine Bibel befand, in der dann auch so regelmäßig gelesen wurde, dass der Orgelstimmer große Teile davon auswendig beherrscht. Und irgendwann wurde dem jungen Gabriel bewusst, dass die Bibel Geschichten enthält, die gewisse Ungereimtheiten enthält. Sei es nun die Frage, welche Frauen bei der Kreuzigung Jesu anwesend gewesen sind bzw. gewesen sein können, oder auch nur, warum Bileam beim plötzlichen Sprechen seiner Eselin nicht schlicht eine Herzattacke bekommt, wie es wohl den meisten passieren würde, deren Nutztiere plötzlich das Parlieren anfangen. Nachdem aufgrund dieser Ungereimtheiten die Saat des Zweifels in Gabriel aufkeimt, hat er sich von einem tiefreligiösen Christen zu einem einem überzeugten Atheisten gewandelt. Diese Religionskritik kann als eines der vorherrschenden Themen des Romans betrachtet werden und hat für mich einen Großteil des Reizes der Lektüre ausgemacht.

Und so fabuliert sich `t Hart abseits von formalen Konventionen durch seine Themen, offensichtlichen Anliegen und die von Skurrilitäten angefüllte Handlung, deren skurrilstes Element wahrscheinlich die Geschichte vom Landwirt und dessen Ziege darstellt, die aber hier zum Schutz jüngerer Leserschichten nicht genauer betrachtet werden soll… – Und irgendwann stellt man dann betrübt fest, dass man schon am Ende des Buches angelangt ist und fasst umgehend den Plan, sich mit den früheren Romanen des Autors auseinanderszusetzen. Es sind ja genug da …

Demnächst in diesem Blog: „Gefangene der Zeit“ von Christopher Clark

„Der Gesang der Flusskrebse“ von Delia Owens

Buch: „Der Gesang der Flusskrebse“

Autorin: Delia Owens

Verlag: Heyne

Ausgabe: Taschenbuch, 464 Seiten

Die Autorin: Delia Owens, geboren in Georgia, lebt auf einer Ranch in Idaho. Über zwanzig Jahre erforschte die Zoologin in verschiedenen afrikanischen Ländern Elefanten, Löwen und Hyänen. Als Kind verlebte Owens die Sommerurlaube mit ihren Eltern in North Carolina, wo auch ihr Romandebüt spielt. (Quelle: Heyne)

Das Buch: Chase Andrews stirbt, und die Bewohner der ruhigen Küstenstadt Barkley Cove sind sich einig: Schuld ist das Marschmädchen. Kya Clark lebt isoliert im Marschland mit seinen Salzwiesen und Sandbänken. Sie kennt jeden Stein und Seevogel, jede Muschel und Pflanze. Als zwei junge Männer auf die wilde Schöne aufmerksam werden, öffnet Kya sich einem neuen Leben – mit dramatischen Folgen. (Quelle: Heyne)

Fazit: Manchmal muss ich gewissen Dingen auf den Grund gehen, insbesondere in literarischer Hinsicht. Dieses Bedürfnis geht jetzt nicht unbedingt so weit, dass ich spontan anfangen würde, Lucinda Riley zu lesen, was ich vollkommen wertfrei meine, aber dem Erfolg von „Der Gesang der Flusskrebse“, dem wollte ich schon gerne nachgehen und überprüfen, ob mich ein Buch, das auf den ersten, zweiten und dritten Blick so gar nicht in mein literarisches Beuteschema passt, auch überzeugen würde. Die Antwort, so viel sei vorweggenommen, ist ein klares, definitives „jein“.

Zu Beginn des Romans lernen wir dessen Protagonistin, Kya Clark, kennen. Sie lebt mit ihren Eltern und ihren Geschwistern im Marschland an der Küste von North Carolina im Amerika der 50er-Jahre. Eine eher abgelegene Gegend, in der sich häufig Menschen ansiedeln, die einen guten Grund haben, sich von der Gesellschaft anderer Menschen fernzuhalten. Im Alter von nur sieben Jahren fällt das Leben der jungen Kya allerdings Stück für Stück auseinander. Zunächst verlässt die Mutter die Familie. Sie leidet zu sehr unter ihrem gewalttätigen Ehemann, der sie nach Lust und Laune verprügelt.

Im Laufe der nächsten Jahre werden auch Kyas Geschwister die Familie verlassen. Somit bleibt das junge Mädchen allein mit ihrem gewalttätigen und alkoholkranken Vater. Aber irgendwann bleibt auch dieser verschwunden und Kya ist gezwungen, sich alleine durchzuschlagen. Versuche der Behörden, das Mädchen mittels einer Sozialarbeiterin in die Gesellschaft einzugliedern, schlagen fehl, auch der Versuch eines Schulbesuchs zeitigt keinen dauerhaften Erfolg. Letztlich wird das „Marschmädchen“ einfach irgendwie vergessen und schlägt sich wieder alleine durch.

Dieser erste Teil des Buches, in dem die beschriebenen Ereignisse stattfinden, ist auch gleichzeitig der stärkste. Owens schildert eindrücklich das abgeschiedene Leben ihrer einsamen Protagonistin in weitgehend unberührter Natur zwischen Bootsfahrten und Muschelsammelei.

Irgendwann tritt dann aber der junge Tate in ihr Leben und damit fangen die Probleme an. Für Kya – und für den Roman. Tate ist der Sohne eines Krabbenfischers, oft selbst mit dem Boot in der Gegend unterwegs und freundet sich mit dem jungen Mädchen an. Über die Jahre entsteht eine intensive Freundschaft, Tate bringt ihr das Lesen bei und in der Folge verschlingt Kya förmlich zahlreiche Biologie-Bücher. Aus der Freundschaft wird schließlich mehr, woraus weitere Probleme entstehen. Für Kya – und für den Roman. Aus Gründen, die zu erzählen zu weit führen würde, tritt neben Tate nun auch Chase in ihr Leben, so eine Art „bad guy“, erfolgreicher Quarterback, umwerfend gutaussehend, zwischenmenschlich aber eher diskutabel.

Und irgendwann wird Chase tot aufgefunden. Für die Bewohner des nahe gelegenen Örtchens scheint klar zu sein: „Das Marschmädchen“ muss es gewesen sein. Und plötzlich sieht sich Kya einer Mordanklage gegenüber.

Je weiter der Roman fortschreitet, desto weiter entfernt er sich von der eingangs erzeugten Stimmung und Erzählweise. Stattdessen driftet die Handlung – schon bei der Schilderung der Entwicklung der Freundschaft zwischen Kya und Tate, ganz bestimmt aber spätestens, nachdem Chase zusätzlich noch auf den Plan tritt – zuweilen ins Kitschige ab und sprachlich steht das dem dann leider in nichts nach.

Auf die weiteren Irrungen und Wirrungen, mit denen sich Kya auseinandergesetzt sieht, möchte ich nicht näher eingehen, weil es mir fern liegt, den gesamten Roman nachzuerzählen, aber je länger der Roman dauert, desto mehr hat man den Eindruck, als hätte sich Delia Owens erzählerisch verzettelt, als würde ihr aufgefallen sein, dass hier und da noch lose Fäden ihrer Handlung rumliegen, mit denen man zwischendurch ja noch etwas machen könnte.

In der Folge schleichen sich dann noch so ein, zwei inhaltliche Ideen ein, die das auf logische Stringenz getrimmte Leserhirn zuweilen strapazieren. Beispielsweise betätigt sich Kya im späteren Verlauf der Handlung als Autorin von biologischen Fachbüchern, die sich intensiv mit Flora und Fauna ihrer Heimat beschäftigen. Dabei handelt es sich nicht um „einfache“ Bildbände, was ich Owens vollkommen hätte durchgehen lassen, sondern tatsächlich um Fachliteratur inklusive Schilderung von biologischen Zusämmenhängen, die sich die Protagonistin offensichtlich einfach so durch Beobachtung und eine Handvoll Bio-Bücher erschlossen hat – ohne eine Stunde Biologie-Unterricht genossen zu haben, in dem man ihr hätte erklären können, was sie in diesen Bio-Büchern eigentlich gerade gelesen hat oder gar eine Uni von innen gesehen zu haben.

Der oben genannte Eindruck, dass sich Owens ein bisschen erzählerisch verzettelt haben könnte, wird durch solche deus-ex-machina-Einfälle zusätzlich verstärkt. Möglicherweise möchte „Der Gesang der Flusskrebse“ auch einfach ein bisschen viel auf einmal sein. Es möchte eine Coming-of-Age-Geschichte sein. Es möchte eine Liebesgeschichte sein. Es möchte im Herzen eine Hommage an die Natur und den Planeten sein. Und es möchte so ganz nebenbei auch noch ein Krimi sein, drückt sich aber auch hier vor einer detaillierten Ausarbeitung einer stringenten Krimihandlung, sondern arbeitet allenfalls mit Andeutungen und zieht sich damit noch meinen größten Unmut im Zusammenhang mit der Lektüre zu.

Trotz all der vorgenannten Kritik habe ich „Der Gesang der Flusskrebse“ schon recht gerne und in verdächtig kurzer Zeit gelesen, weiß aber spätestens jetzt auch wieder, warum derartige Bücher auf den ersten, zweiten und dritten Blick so gar nicht in mein Beuteschema passen.

Für Fans anrühriger Wohlfühlliteratur – dieses Ende! – kann „Der Gesang der Flusskrebse“ bedenkenlos empfohlen werden.

Demnächst in diesem Blog: „Der Nachtstimmer“ von Marten ‚t Hart.

„Neulich in der Hölle #10“

Wir befinden uns in der Hölle, dem Stammsitz der Firma „Fate LLP“ deren Eigentümer und Geschäftsführer S. Atan hektisch an seinem Bücherregal rumfummelt, als sein Untergebener, Sekretär, Prokurist und Lakai Lübke das Büro betritt.

„Guten Morgen, Chef, was … was machen Sie da?“

„Ich sortiere mein Bücherregal aus!“

„Warum?“

„Ich will einen Shitstorm vermeiden!“

„Weswegen?“

„Na, haben Sie das noch nicht gehört? Der Ravensburger Kinderbuchverlag hat sein Buch „Der junge Winnetou“ noch vor der Auslieferung aus dem Programm genommen.“

„Wegen? Ach, halt, lassen Sie mich raten …“

„Genau, wegen rassistischer Stereotype und des Vorwurfs der kulturellen Aneignung, weil die Schauspielerinnen und Schauspieler im dazugehörigen Film wohl zweifelsfrei keine … Vertreter der indigenen Bevölkerung sind. Und Karl May war auch keiner.“

„Und nun?“

„Wie, und nun?“

„Na, warum räumen Sie denn jetzt ihr Bücherregal leer?“

„Gegenfrage: Haben Sie je „Fahrenheit 451″ gelesen?“

„Nun machen Sie aber mal ´nen Punkt, Chef. Wir haben ja nun keine Bücher abfackelnde Feuerwehr, keine Bücherpolizei oder sonstwas in der Richtung?“

„Finden Sie nicht? Vielleicht nicht in dieser Form, nein, aber in Form medialer Shitstorms. Und die möchte ich eben vermeiden, nur weil möglicherweise ein Besucher in meinem Büro sieht, dass ich vielleicht noch „Jim Knopf“ oder „Pippi Langstrumpf“ im Regal stehen habe.“

„Haben Sie die denn alle gelesen?“

„Natürlich! Wieso?“

„Haben Sie in ihren damaligen jungen Jahren begriffen, dass es sich dabei um Phantasiegeschichten handelt, die der Realität nicht entsprechen müssen?“

„Natürlich! Wieso?“

„Nur so …“

„Und hier: „Heidi“ – muss auch weg! Ableismus!“

„Jetzt übertreiben Sie aber, Chef!“

„Nein! Ich habe nicht damit angefangen! Und sicher ist sicher!“

„Na, wenn wir beim Vorwurf der kulturellen Aneigung nach der Devise „Sicher ist sicher!“ vorgehen, haben wir aber noch viel Arbeit vor uns, die weit über ihr Bücherregal hinausgeht. Und das hört nie auf!“

„Inwiefern?“

„Nun, zunächst mal würde ich die Kantine anweisen, Tomaten, Mais und alle anderen Lebensmittel zu entfernen, die aus anderen Kulturkreisen eingeflogen werden. Dann muss es mit der Buchhaltung weitergehen. In letzter Konsequenz wäre die Verwendung der arabischen Zahlen nicht mehr haltbar.“

„Ja, aber was machen die in der Buchhaltung denn dann?“

„Die könnten ja wieder zurück zu den römischen Zah…, ach verdammt! Na gut, dann … wird wohl nichts übrig bleiben, als ein separates Zahlensystem zu entwerfen.“

„Aber damit kann doch das Finanzamt dann nichts anfangen?“

„Das soll ja nicht unser Problem sein, wenigstens haben wir uns dann kein Zahlensystem mehr angeeignet.“

„Wenn Sie meinen …“

„Und wir sind ja auch noch nicht am Ende, Chef.“

„Nein?“

„Nein. Nehmen wir nur mal … das Feuer!“

„Das Feuer?“

„Natürlich! Sie werden sich erinnern, das Feuer haben sich damals zuerst die Bewohner aus Höhle 2 untertan gemacht. Streng genommen wäre die Verwendung des Feuers als kulturelle Eigenschaft also demnach nur den Nachkommen der Bewohner von Höhle 2 erlaubt.“

„Das rauszufinden wird aber schwierig sein …“

„Eben, daher im Zweifelsfall, denn sicher ist sicher: Feuer aus!“

„Feuer aus?“

„Feuer aus!“

„Lübke, Sie wissen schon, dass wir hier in der Hölle sind, ja!? Sie wollen jetzt nicht allen Ernstes die Hölle löschen?“

„Ich hab doch gesagt, Chef: Das hört nie auf!“

„Die Anomalie“ von Hervé Le Tellier

Buch: „Die Anomalie“

Autor: Hervé Le Tellier

Verlag: Rowohlt

Ausgabe: Taschenbuch, 352 Seiten

Der Autor: Hervé Le Tellier wurde 1957 in Paris geboren. Er veröffentlichte Romane, Erzählungen, Gedichte und Kolumnen. Seit 1992 ist er Mitglied der Autorengruppe OuLiPo (Ouvroir de Littérature Potentielle), die von François Le Lionnais und Raymond Queneau gegründet wurde und der Autoren wie Georges Perec, Italo Calvino und Oskar Pastior angehörten. Er lebt in Paris. Für seinen Roman «L’Anomalie» erhielt er 2020 den Prix Goncourt. (Quelle: Rowohlt)

Das Buch: Im März 2021 fliegt eine Boeing 787 auf dem Weg von Paris nach New York durch einen elektromagnetischen Wirbelsturm. Die Turbulenzen sind heftig, doch die Landung glückt. Allerdings: Im Juni landet dieselbe Boeing mit denselben Passagieren ein zweites Mal in New York. Im Flieger sitzen der Architekt André und seine Geliebte Lucie, der Auftragskiller Blake, der nigerianische Afro-Pop-Sänger Slimboy, der französische Schriftsteller Victor Miesel, eine amerikanische Schauspielerin. Sie alle führen auf unterschiedliche Weise ein Doppelleben. Und nun gibt es sie tatsächlich doppelt − sie sind mit sich selbst konfrontiert, in der Anomalie einer verrückt gewordenen Welt. (Quelle: Rowohlt)

Fazit: Lateiner würden etwas von „creatio ex nihilo“, der Schöpfung aus nichts, erzählen, Physiker vielleicht etwas vom ersten Satz der Thermodynamik, nach dem die Änderung der inneren Energie eines geschlossenen Systems gleich der Summe der Änderung der Wärme und der Änderung der Arbeit ist, Laien würden vermutlich einfach sagen, dass aus dem Nichts nichts entstehen kann.

Und trotzdem ist anscheinend genau das passiert. Denn die Boing 787 der Fluges AF006 Paris-New York, die im Juni 2021 in den USA landen will, die hat das – mit den exakt gleichen Passagieren an Bord – im März 2021 bereits einmal getan. Passagiere, Crew, Flugzeug, all das existiert jetzt doppelt.

Bevor uns der Autor allerdings mit dieser anspruchsvollen Grundannahme seines Buches konfrontiert, stellt er uns erst mal seine Protagonisten vor, die allesamt an Bord des Fluges, nein, der Flüge saßen. So lernen wir kapitelweise zum Beispiel den Auftragskiller Blake kennen, den nigerianischen Musiker Slimboy oder auch den Autor Victor Miesel. Schon hier gelingt es Le Tellier, rund um seine Protagonisten kleine Geschichten zu erzählen, die man gerne länger auserzählt hätte, über die man gerne einen separaten Roman lesen würde. Die Geschichte von Slimboy, die nicht nur die Tatsache, dass der Sänger mit seiner Homosexualität hinterm Berg halten muss, weil man darauf in seinem Heimatland nicht soooo wohlwollend reagiert, thematisiert, sondern auch das – aus meiner Sicht vollkommen schwachsinnige – Megaprojekt vor der Küste des nigerianischen Bundesstaats Lagos, die auf dem Atlantik abgetrotztem Gebiet errichtete Planstadt Eko Atlantic, diese Geschichte also würde beispielsweise auch einen separaten, kleinen Roman tragen.

Ähnlich verhält es sich mit dem Schriftsteller Victor Miesel, dem der ganz große Erfolg, trotz wohlwollender Besprechungen, bisher nicht zuteil wurde. Im späteren Verlauf ist Miesel so etwas wie der Philosoph des Romans, erklärt anwesenden Journalisten die Natur des Menschen und wirft mit Sätzen um sich, die eine kleine Aphorismensammlung rechtfertigen würden. Auch hier gilt: Davon hätte ich gerne mehr gelesen.

Zurück zur Boing: Da den Damen und Herren der Flugsicherung selbstverständlich nicht unbemerkt bleibt, dass das Flugzeug, das da landen will, bereits einmal gelandet ist und sich der Pilot, der da landen will, tatsächlich eigentlich bereits im Ruhestand befindet, treten Militär und Geheimdienste auf den Plan. Die Maschine wird auf einen Militärflughafen umgeleitet, die Passagiere – 243 an der Zahl – werden dort fürs erste festgehalten.

In ihrer Planlosigkeit wenden sich die Behörden an zwei Wissenschaftler. Diese haben seinerzeit in gemeinsamer Arbeit nach den Anschlägen des 11. September für die US-Regierung ein riesengroßes Maßnahmenpaket erarbeitet, das für eine Unzahl möglicher Krisenszenarien entsprechende Handlungsempfehlungen ausspricht, um zukünftig besser und schneller auf jede Art der Katastrophe reagieren zu können, inklusive des Falles einer potenziellen Zombieapokalypse. Dabei haben sie sich den – vom Militär unbemerkten – Spaß erlaubt, sich das „Protokoll 42“ auszudenken, für den Fall eines Szenarios, das von allen im Maßnahmenpaket berücksichtigten abweicht, und welches unter anderem darin besteht, den Passagieren Fragen aus dem Film „Unheimliche Begegnung der dritten Art“ zu stellen. Douglas Adams und Steven Spielberg hätten ihre Freude …

In der Folge schlägt das Buch dann aber doch mitunter einen etwas ernsteren Ton an und stellt berechtigte Fragen über das Leben, das Universum und den ganzen Rest. Wenn nämlich ganz plötzlich Menschen zweimal auftauchen, bei denen es sich um Grunde unzweifelhaft, genetisch und auch in jeder anderen Hinsicht um exakt dieselbe Person handelt,  nur mit dem Unterschied, das die im März gelandete Identität drei Monate länger gelebt hat, die im Juni gelandete aber glaubt, es sei März, dann wirft so etwas beispielsweise religiöse Fragen auf. Steht dazu irgendwas in der Bibel, dem Koran, der Thora? Und falls ja, was!? Und was, falls nein?

Neben den philosophischen, gesellschaftlichen und religiösen Fragen beschäftigt sich der Autor aber auch mit der Frage, was das Szenario mit den Passagieren selbst macht. Diese werden irgendwann unter Aufsicht von Psychologen quasi mit sich selbst, ihrem zweiten Ich, konfrontiert und erfahren so, wie es ihnen in den letzten drei Monaten ergangen ist. Und wie geht man dann damit um, wenn man weiß, dass man – wie beispielsweise der Pilot – in drei Monaten schwer krank darniederliegen wird? Wie geht man damit um, wenn man wie der Autor Victor Miesel erfährt, dass man im März, unter den Eindrücken des turbulenten Flugs, in atemloser Hast den Bestseller „Die Anomalie“ geschrieben, den Entwurf an seine Verlegerin geschickt, und sich dann umgebracht hat? Wenn man von allen, die nun zweimal vorhanden sind, der einzige ist, für den das nicht gilt, weil man ja eigentlich schon verstorben ist? Irgendwie.

Letztlich versucht Le Tellier, seiner Leserschaft natürlich auch eine Art Lösung oder Ursache für das zweifach erschienene Flugzeug zu präsentieren. Hierbei stützt er sich auf den schwedischen Philosophen Nick Bostrom, nach dem das Leben, wie wir es kennen, beispielsweise nichts anderes sein könnte als eine Simulation einer posthumanen Zivilisation, die mittels entsprechender Computertechnologie die Menschheit und ihre Geschichte virtuell simuliert – so ähnlich, wie wir eben „Die Sims“, „Spore“ oder „Creatures“ auf dem PC simulieren würden. Nur mit dem Unterschied, dass wir in dieser Simulationshypothese selbst die Sims sind … Nun klingt das zunächst vielleicht seltsam, würde aber beispielsweise den den physikalischen Gesetzen folgenden Aufbau des Lebens, des Universums und des ganzen Rests ebenso erklären wie beispielsweise die Tatsache, dass die Menschheit noch keine Kontakt zu Außerirdischen gehabt hätte. Ersteres, weil Quellcode idealerweise auch in sich logisch ist und formalen Gesetzmäßigkeiten unterliegt und letzeres, weil die Simulation potenzieller Aliens für die Simulation vollkommen unerheblich, nur mit Aufwand verbunden und daher vermutlich schlicht nicht implementiert ist.

„Die Anomalie“ ist eines der Bücher, die man, wenn man sie durchgelesen hat, am liebsten sofort ein zweites Mal lesen möchte. Es ist zwar ein wilder Ritt, schert sich wenig um formale Konventionen, verliert dabei aber nie die Stringenz und vor allem sich selbst nicht in irgendwelchen dem Setting geschuldeten Logiklöchern und ist in seiner Mischung aus Sci-Fi, Thriller, Komik, Philosphie und literarischen Spielereien einzigartig. Nach der Lektüre stürzt man vermutlich entweder in eine existenzielle Krise oder nimmt sich demgegenüber stattdessen vor, nie wieder Zeit zu verschwenden. Außer es handelt sich um intendierte Zeitverschwendung. Denn nichts ist schöner als intendierte Zeitverschwendung. Idealerweise mit einem Buch. Ich würde „Die Anomalie“ vorschlagen!

Demnächst in diesem Blog: Sehr zum Unbill eines einzelnen, sehr geschätzten Lesers musste ich auf einen Text zu Nabokovs „Luschins Verteidigung“ vorerst verzichten, einfach, weil dieser Text partout nicht entstehen will. Momentan habe ich außer „Hab ich gelesen!“ wenig dazu zu sagen. Bis mir diesbezüglich etwas einfällt, wenn wir uns vielleicht erst mal „Der Gesang der Flusskrebse“ von Delia Owens zu.