„Der Bruder“ von John Katzenbach

Buch: „Der Bruder“

Autor: John Katzenbach

Verlag: Droemer Knaur

Ausgabe: Taschenbuch, 624 Seiten

Der Autor: John Katzenbach, geboren 1950, war ursprünglich Gerichtsreporter für den »Miami Herald« und die »Miami News«. Bei Droemer Knaur sind inzwischen zahlreiche Kriminalromane von ihm erschienen, darunter die Bestseller »Die Anstalt«, »Der Patient«, »Der Professor« und »Der Psychiater«. Zweimal war Katzenbach für den Edgar Award nominiert. Er lebt mit seiner Familie in Amherst im Westen des US-Bundesstaates Massachusetts.  (Quelle: Droemer Knaur)

Das Buch: Für die junge Architektur-Studentin Sloane Connolly ist es ein schwerer Schlag, als ihre exzentrische Mutter spurlos verschwindet. Sloane hat sonst niemanden, ist fast völlig isoliert aufgewachsen.
Zur selben Zeit erhält sie über einen Anwalt ein merkwürdiges Angebot: Ein reicher Mäzen möchte, dass Sloane Denkmäler für sechs Personen, die in seinem Leben eine wichtige Rolle gespielt haben, entwirft. Allerdings sind alle sechs bereits verstorben, und das nicht an Altersschwäche. Sloane nimmt den Auftrag an, um sich von der Sorge um ihre Mutter abzulenken – und ahnt nicht, auf was für ein perfides Spiel sie sich einlässt … (Quelle: Droemer Knaur)

Fazit: Als langjähriger Katzenbach-Fan war es nur folgerichtig, dass ich mich so schnell als möglich mit seinem neuem Roman befasse, hat der Autor mir doch mit Büchern wie „Der Reporter“ oder insbesondere „Das Tribunal“ Leseerlebnisse geschenkt, an die ich heute noch gerne zurückdenke. Zugegeben, es hat in unserer Autor-Leser-Beziehung in den letzten Jahren ein bisschen gekriselt, weil mich Bücher wie „Der Wolf“ nicht mehr vollumfänglich, Thriller wie „Der Psychiater“ oder auch „Der Verfolger“ leider dann so gar nicht mehr überzeugt haben und das zufriedenstellendste Katzenbach-Leseerlebnis der letzten Jahre war mit „Die Grausamen“ ausgerechnet ein Buch, das sich von den Thrillern abwendet und einen Genreausflug hin zu den Krimis darstellt.

Aber all das bedeutet ja nicht unbedingt, dass mir Katzenbachs neuer Thriller noch doch gefallen könnte, weswegen ich mich motiviert an die Lektüre machte – nur um nach einiger Zeit festzustellen, dass ich auch mit „Der Bruder“ so meine Probleme habe, teilweise schwerwiegende.

Am wenigsten kann man John Katzenbach wohl im stilistischen Bereich vorwerfen, das konnte man aber eigentlich nie so wirklich. Und auch im vorliegenden Fall gelingt es ihm, tempo- und actionreich zu schreiben und mit gut gewählten Cliffhanger-Kapitelenden Spannung zu erzeugen. Zwar mag „Der Bruder“ nicht ganz auf dem Niveau des meiner Meinung nach stilistisch ganz hervorragend gelungenen „Der Reporter“ liegen, insgesamt geht das allerdings vollkommen in Ordnung. Irritierend fiel einzig auf, dass John Katzenbach wohl eher nur so ein rudimentäres Verständnis von moderner Technik zu haben scheint, als belanglosestes Beispiel dafür sei genannt, dass öfter die Bildschirmschoner von PCs, mit denen Sloane arbeitet, angesprochen werden, dabei sind diese Dinger eigentlich schon seit einer halben Ewigkeit obsolet und haben, wenn überhaupt, nur noch einen unterhaltenden Charakter. Und einen stromfressenden. Aber sei es drum.

Die Schwierigkeiten liegen auch eher woanders. Beispielsweise in den Figuren. So hat mich die Protagonistin Sloane nie so wirklich erreicht, wobei ich gern eingestehe, dass das ein vollkommen subjektiver Eindruck ist, und es sicherlich Leserinnen und Leser geben wird, denen das völlig anders geht. Für mich persönlich blieb Sloane aber schwer nachvollziehbar. Die junge Frau hat gerade ihre Mutter verloren, die in einen reißenden Fluss gesprungen ist, stürzt sich aber trotzdem Hals über Kopf in das – zugegebenermaßen äußerst lukrative – Angebot ihres Auftraggebers zur Errichtung eines Denkmals. Natürlich, diese Ausgangssituation braucht das Buch, denn hätte Sloane abgelehnt, wäre das Buch schnell beendet gewesen, dennoch blieb mir ihre Handlungsmotivation – abseits der guten Bezahlung – oft fremd.

Schwerwiegender als Sloane finde ich aber eindeutig ihren Antagonisten, denn dieser ist so absurd böse, eigentlich indiskutabel böse, dass es fast schon ein bisschen albern ist. Natürlich, die Antagonisten in Katzenbachs Büchern liefen noch nie so richtig rund und eine gewisse Portion Boshaftigkeit kann ein guter Antagonist schon gebrauchen, denn sonst wäre er kein Antagonist. Im vorliegenden Fall hat der Gutste allerdings mehr als nur eine Schraube locker, was in Summe ähnlich befremdlich wirkt wie die Protagonistin.

Wenn wir mal annehmen, dass man über die Charaktere hinwegsehen kann, oder man sie vielleicht als positiver empfindet und bewertet als ich das tue, dann bliebe da noch die Handlung, die im Grunde genommen wenig Anlass zur Kritik gibt. Zwar ist der Plot letztlich nicht hochkomplex, aber in sich stimmig und gut konstruiert. Hier kommt nur leider das mit Abstand größte Problem des Buches zum Tragen: Es ist zu lang!

Zu Beginn wird Sloane von einer ihr unbekannten Person durch deren Rechtsbeistand damit betraut, ein Denkmal für sechs Menschen zu erschaffen, die im Leben des Auftraggebers eine große Rolle gespielt haben. Nach kurzer Recherche zur ersten der sechs Personen stellt Sloane fest, dass dieser Mann bereits gestorben ist. Und zwar nicht eines natürlichen Todes. Ihre Recherchen zur zweiten Person ergeben, wenig überraschend, dass diese ebenfalls bereits verstorben ist und gewaltsam zu Tode kam. Ebenso bei der dritten Person. Und der vierten. Und so weiter. Sicherlich, die Geschichten, die dahinter stehen, sind immer andere, das ändert aber nichts daran, dass das Buch auf diese Weise zu Beginn eine bemerkenswerte Redundanz an den Tag legt, die nicht hätte sein müssen. Wenn man die Anzahl der Personen, die es mit dem Denkmal zu ehren gilt, ein wenig zusammengestrichen hätte, so wären dadurch nur unwesentliche Änderungen am Plot notwendig gewesen, man hätte sich aber einen immens langen Einstieg gespart. So nimmt die Handlung erst so etwa ab Seite 250 richtig Fahrt auf, was meines Erachtens für ein Buch mit gut 600 Seiten schlicht viel zu spät ist.

Ähnlich verhält es sich dann mit dem Schluss des Buches. Dort wird der Showdown derart überzogen ausgewälzt, dass der Eindruck eines Orchesters auf der verzweifelten Suche nach dem Schlussakkord entsteht.

In Summe wurde ich also mit diesem Katzenbach-Thriller nicht wirklich warm. Und nach der zweiten Katzenbach-Enttäuschung in Folge muss ich vielleicht generell unsere Autor-Leser-Beziehung nochmal überdenken.

Ich bedanke mich bei Droemer Knaur ganz herzlich für die freundliche Übersendung des Rezensionsexemplars. Die Tatsache, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, beeinflusst meine Meinung selbstredend nicht.

Weitere Rezensionen bei:

 

Demnächst in diesem Blog: „Die Erfindung des Countdowns“ von Daniel Mellem.

„Die Geschichte eines Lügners“ von John Boyne

Buch: „Die Geschichte eines Lügners“

Autor: John Boyne

Verlag: Piper

Ausgabe: Hardcover, 432 Seiten

Der Autor: John Boyne, geboren 1971 in Dublin, ist einer der renommiertesten zeitgenössischen Autoren Irlands. Seine Bücher wurden in mehr als vierzig Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Der internationale Durchbruch gelang ihm mit seinem Roman „Der Junge im gestreiften Pyjama“, der in vielen Ländern auf den Bestsellerlisten stand und von der Kritik als „ein kleines Wunder“ (The Guardian) gefeiert wurde. (Quelle: Piper)

Das Buch: Maurice Swift ist Schriftsteller. Er hat Stil, kann brillant erzählen, doch ihm fehlen die Geschichten. In Westberlin trifft er auf sein Idol, Erich Ackermann, der gerade mit einem großen Literaturpreis ausgezeichnet wurde. Ackermann verfällt dem charmanten jungen Mann, der sich für alles, was er sagt, interessiert. Er nimmt ihn mit auf Lesereise durch Europa und erzählt ihm sein Geheimnis. Es ist diese Geschichte, für die Maurice endlich als Autor gefeiert wird. Und die Ackermanns Karriere beendet. Maurice dagegen ist schon auf der Suche nach dem nächsten Stoff… (Quelle: Piper)

Fazit: In meiner Vorstellung wurde John Boyne einmal zu häufig die wohl unkreativste Frage aller Interviewfragen gestellt, nämlich: „Woher nehmen Sie eigentlich Ihre Ideen?“, woraufhin er dann ein diabolisches Grinsen aufgesetzt und sich gedacht hat: „Ach, dann schreib ich halt einfach mal ein Buch darüber!“. Aber egal, ob mein fiktives Szenario zutrifft oder welche Ursache tatsächlich der Entstehung dieses Romans zugrunde liegt, seine Veröffentlichung ist ein absoluter Glücksfall, denn „Die Geschichte eines Lügners“ rangiert für mich im Bereich der Kategorie „absolutes Meisterwerk“, so viel sei eingangs schon mal verraten.

Zu Beginn des Buches begegnen wir dem Protagonisten Maurice Swift, der eigentlich alles hat, was man braucht, um in literarischer Hinsicht erfolgreich zu sein. Nur leider hat er ein Problem damit, sich eigene Geschichten, eigene Handlungen auszudenken. Zufällig trifft er auf den renommierten Schriftsteller Erich Ackermann und freundet sich mit ihm an. Während Ackermann gerne eine intimere Liasion aus dieser Bekanntschaft entstehen lassen würde, macht ihm Swift zwar durchaus entsprechende Hoffnungen, hält ihn aber ansonsten auf Abstand. Stattdessen stellt der junge Mann dem Autoren unablässig Fragen über Ackermanns Leben während des Zweiten Weltkrieg. Letztlich verarbeitet er dessen Lebensgeschichte klammheimlich zu einem Bestseller-Roman und beendet damit Ackermanns Karriere. Ich fühlte mich hier ein wenig an Günther Grass erinnert und tatsächlich taucht der auch irgendwann auf, allerdings eher passiv, als sich zwei Schriftsteller über Ackermann unterhalten:

„Das war aber nicht der Typ, den wir bei dem Festival in Jaipur getroffen haben, oder doch? Der mit dem Schnäuzer und der Pfeife? Der ständig in den unpassendsten Momenten gesungen hat?“

„Nein, das war Günther Grass.“ (S. 136)

Herrlich! :-)

Sehr zu meiner Verwunderung geht die Handlung des Romans allerdings mit dieser Geschichte erst so richtig los. In der Folge intrigiert sich Maurice Swift munter durch die Gegend, immer auf der Suche nach Ideen oder nach Menschen mit Ideen, um ihnen selbige wegzunehmen.

Mit der Idee, einen solchen Menschen zur Hauptfigur eines Romans zu machen, geht Boyne eigentlich ein großes Risiko ein, denn Swift taugt nun wahrlich nicht als Sympathieträger. Im Grunde muss man ihn eigentlich sogar leidenschaftlich verabscheuen. Uneigentlich auch. Dieser Wirkung seiner Hauptfigur war sich mutmaßlich auch Boyne bewusst, weswegen er sich eines gelungenen literarischen Kunstgriffs bedient: Er lässt seinen Protagonisten in den ersten beiden des insgesamt drei Teile umfassenden Romans nicht als Erzähler auftauchen. Das sorgt aus meiner Sicht für eine gewisse erzählerische Distanz, die es der Leserschaft einfacher macht, ihn während seines Tuns zu begleiten und mit ihm im Rahmen der Möglichkeiten warm zu werden. So hangelt man sich von Ungläubigkeit über Fassungslosigkeit, manchmal aber auch anerkennende diebische Freude über seine Kreativität beim Aneignen von Ideen, ohne die Figur so zu verabscheuen, dass man die Lektüre abbrechen würde. Erst im letzten Teil fungiert der Protagonist auch als Erzähler.

Aber nicht nur der dieser Protagonist kann überzeugen, im Grunde sind die Figuren – wie eigentlich immer in John Boynes Romanen von „Tristan Sadler“ bis hin zu „Cyril Avery“ – hervorragend gelungen. Ich könnte diesbezüglich ins Detail gehen und Beispiele nennen, müsste damit aber zu viel von der Handlung vorwegnehmen, weswegen man mir in dieser Hinsicht jetzt einfach mal glauben muss.

In ebenso gewohnt hoher Qualität befindet sich der Roman in stilistischer Hinsicht. Allein die Dialoge des ersten Zwischenspiels – die drei Teile der Handlung werden von zwei Zwischenspielen unterbrochen -, in dem Maurice Swift den  möchte man sich ausdrucken und an die Wand hängen. Darüber hinaus beherrscht der Autor es in diesem Buch meisterhaft, auf der Emotionsklaviatur seiner Leserschaft zu spielen, ohne dass der Roman in eine Richtung kippt. Wann immer das Buch droht, zu düster oder zu traurig zu werden, bringt Boyne es mit seinem teils beißenden Humor wieder in die Balance.

In Summe ergibt sich ein phasenweise bitterböses Schelmenstück, ein Roman der sich dem Literaturbetrieb umfangreicher als Joel Dicker in „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ und treffender und überzeugender als Edward St Aubyn in „Der beste Roman des Jahres“ widmet und der der Frage nach der Herkunft von Romanideen auf satirisch-böse Art nachgeht.

Sollte man mich bitten, eine Liste mit Büchern zu erstellen, die man aus meiner Sicht unbedingt mal gelesen haben müsste, so wäre „Die Geschichte eines Lügners“ mit Sicherheit dabei!

Ich danke dem Piper Verlag für die freundliche Übersendung des kostenlosen Rezensionsexemplars. Die Tatsache, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, beeinflusst meine Meinung selbstredend nicht.

Weitere Rezensionen bei:

Buchstabenträumerei

Buchsichten

Schreiblust Leselust

Demnächst in diesem Blog: „Der Bruder“ von John Katzenbach

5 in 1: Was hier noch so herumlag …

Hallo, liebe Leserinnen und Leser,

ich bin ja bekennender „completionist“, will sagen, ich habe die Angewohnheit, einmal angefangene Dinge auch zu beenden, bzw. zu vervollständigen, gleich wie lange das dann dauert. Gut, in letzter Konsequenz führt diese Angewohnheit dazu, dass ich mittlerweile sicherheitshalber Dinge meistens gar nicht erst anfange, aber das gehört hier eigentlich nicht her …

Was hier aber hergehört – einerseits aus Chronistenpflicht, andererseits, um meinen inneren „Monk“ zufriedenzustellen – sind wenigstens kurze Erwähnungen der Bücher, zu denen – aus welchen Gründen auch immer – im letzten Jahr keine Rezensionen erschienen sind. Teilweise liegt die Lektüre schon recht lang zurück, weswegen ich nicht wirklich ins Detail gehe. Zumindest versuche ich das … – sei es drum, auf der Liste der Unrezensierten sind im Einzelnen:

„Klonk“ von Terry Pratchett

„Klonk“, so viel sei der diesebezüglich möglicherweise unkundigen Leserschaft gesagt, ist das Geräusch von Zwergenaxt auf Trollkeule, damals, bei der historischen Schlacht im Koomtal. Passenderweise dreht sich dieses Buch inhaltlich auch um die Rivalität zwischen Zwergen und Trollen, gegen die die Rivalität zwischen Dortmundern und Schalkern einer Fanfreundschaft ähnelt. 

Ich glaube, entweder man liebt Terry Pratchetts Bücher, oder man kann mit ihnen so gar nichts anfangen. Ich persönlich gehöre glücklicherweise zur ersten Kategorie, aber auch für mich sind seine Bücher in etwa so wie Schokolade. Sehr lecker, aber bei übermäßigem Genuss wird einem übel. Deswegen liegen zwischen zwei Pratchett-Büchern bei mir gerne auch mal einige Jahre.

Nun wurde es mal wieder Zeit und es hat sich durchaus gelohnt. In gewohnt witziger Manier und mit gewohnt skurrilen Charakteren transportiert Pratchett seine Geschichte uralter Rivalität auf sehr erfrischende Art. Und – wie ich kürzlich mal an anderer Stelle sagte – mal ganz im Ernst: Jemand, der sich Figuren mit Namen wie Grinsi Kleinpo – im Original Cheery Littlebottom – einfallen lässt, muss ein Genie sein. Oder gewesen sein … *seufz* (Notiz für mich: Mail an den in Großbuchstaben sprechenden Mann mit Sense schreiben, mit dem Ziel, Pratchett wieder zu bekommen).

Fans seiner Bücher machen mit „Klonk“ nichts falsch, alle anderen steigen aber besser mit anderen Romanen in Pratchetts Scheibenwelt ein.

„Mutation – Alte Freunde und profitable Kriege“ von Ivan Ertlov

Dieser im Selbstverlag erschienene Science-Fiction-Roman hat eine durchaus gewollte, eindeutig trashige Komponente, die ihn zu einem sehr empfehlenswerten Äquivalent des Popcorn-Kinos macht, wenn man denn das Genre mag. Schon bei den Charakteren, insbesondere bei der Hauptfigur, greift Ertlov tief in die Klischeekiste, denn sein Protagonist ist ein ähnlich abgewrackter, zwielichtiger Einzelgänger-Raumpilot, wie man ihn aus „Star Wars“, Romanen von Kai Meyer oder unzähligen anderen Werken kennt. Aber ich mochte diese Mischung aus Han Solo und Ijon Tichy echt gerne. Und das gilt auch für das gesamte Buch, das mit einer überraschend spannenden Handlung ebenso punkten kann wie mit zuweilen etwas infantilem, phasenweise aber ganz großartigem Humor und modernen Popkultur-Anspielungen, beispielsweise findet man in Erlovs Buch auf der Venus das überaus schöne Summerglau-Valley …

Fans leicht trashiger Sci-Fi Bücher, die keine Lust mehr auf die siebenhunderste Wiederholung von „Spaceballs“ haben, sollten hier vielleicht mal einen Blick riskieren.

„Die Phileasson-Saga III – Die Wölfin“ von Bernhard Hennen und Robert Corvus

Während im ersten Band, wie üblich, die Charaktere und Schauplätze sowie der Ausgangspunkt der Handlung etabliert wurde und man im zweiten Band faszinierende Einblicke in die Geschichte des von mir so heiß und innig geliebten DSA-Universums erhielt, geht im dritten Band alles etwas gemächlicher zu. Das gilt für die Entwicklungen der bereits etwas ausgedünnten Charaktergruppen ebenso wie für die Handlung an sich. So wirklich warm wurde ich persönlich mit „Die Wölfin“ nicht, vermutlich auch, weil ich wenig mit Winter- und Schneesettings anfangen kann. Winter haben wir schließlich gerade selbst. Oder zumindest etwas, das sich für Winter hält. In der Hoffnung, dass Tempo, Action, Charakterentwicklung, die Geschichte selbst, im Grunde genommen also eigentlich fast alles, im nächsten Band wieder anziehen bzw. mehr zu überzeugen wissen, bleibe ich der Reihe natürlich treu, bis hier war Teil 3 aus meiner Sicht aber leider der schwächte der Saga.

„Nichts weniger als ein Wunder“ von Markus Zusak

Ach, du liebe Zeit, was soll ich bloß über dieses Buch schreiben!? Beginnen wir vielleicht mal chronologisch: Vor einer halben Ewigkeit, es muss so 15 Jahre her sein, bekam ich von einer ganz zauberhaften Person mit einer Trefferquote von ziemlich genau 100 %, wenn es um Buchgeschenke für mich geht, „Die Bücherdiebin“ geschenkt. Meiner unmaßgeblichen Meinung nach kann man „Die Bücherdiebin“ nur mindestens großartig finden, weswegen ich nahezu aufgeregt war, als ich im Jahr 2018 von der Veröffentlichung dieses Buchs erfuhr. Ich holte es mir am Erscheinungstag – und kam dann leider nie wirklich in dieses seltsame Stück Literatur hinein.

In Zusaks Buch geht es um 5 Brüder, die in irgendeinem australischen Kaff ohne ihre Eltern aufwachsen, sich regelmäßig bis aufs Blut auf die Schnauze hauen und insgesamt eher als eine ziemlich disharmonische Gruppe zu funktionieren scheinen. Schon da habe ich mich gefragt, ob es in Australien keine Behörden gibt, die sich in solchen Fällen wenigstens im Ansatz für verantwortlich halten.

In dieser brüderlichen Harmonie – muhaha – vertreibt sich jeder die Zeit auf unterschiedlichste Weise. Einer veranstaltet Wettläufe gegen andere Jungen aus der Gegend, der nächste bändelt mit einem Mädchen aus der Nachbarschaft an usw. usf. In eben diese brüderliche Idylle platzt nun der Vater der Kinder, der kundtut, er möchte eine Brücke über einen Fluss bauen und seine Söhne dafür um Unterstützung anfragt. Entrüstet lehnen alle ab. Alle bis auf einen.

In der Folge gehen dann die überschaubaren Ereignisse der verbliebenen Jungen weiter, während sich einer weiterer Handlungsstrang dem Fortschritt des Brückenbaus zuwendet.

Irgendwann aber war für mich der Punkt erreicht, an dem ich mich fragte, was mit der Autor nur damit sagen will. Nicht nur, dass er eine Atmosphäre schafft, die es mir unmöglich machte, dieses Buch mit auch nur dem Ansatz von Entspannung zu lesen, ich habe auch nicht den Hauch einer Ahnung, wohin er erzählerisch möchte, welche Aussage er verfolgt. Letztlich bekam das Buch dann an einer Stelle noch eine gruselig-verstaubte purity-ring-Komponente, die mich diesen Roman dann nach etwa zwei Dritteln unbeendet weglegen ließ.

Bücher nicht zu beenden, liegt eigentlich nicht in meiner Natur – man denke nur an die Eingangszeilen dieses Beitrags -, hier hatte ich aber irgendwie keine andere Möglichkeit. Und für gewöhnlich habe ich, wenn ich ein Buch dann doch mal abbreche, ein ungutes Gefühl, vielleicht, weil ich unterbewusst doch wissen will, wie das Ganze endet und ob ich nicht vielleicht doch etwas verpasst habe. Hier allerdings nicht, leider. Die letzten etwa 200 Seiten sind mir schlicht vollkommen wurscht, was letzten Endes dazu führt, dass „Nichts weniger als ein Wunder“ für mich persönlich eine der herbsten literarischen Enttäuschungen der letzten Jahre darstellt.

„Ein ganzes Leben“ von Robert Seethaler

Ich gebe zu, dieses Buch hätte eigentlich eine eigenständige, eine anständige Rezension verdient, denn Seethalers Roman ist ein ganz wunderbares Buch. Auf nicht mal 200 Seiten schafft der Autor das, was sein Buchtitel ankündigt, nämlich wirklich „Ein ganzes Leben“ darzustellen. Herausgekommen ist ein leiser, nahezu poetischer und wirklich schöner Roman, über den ich mehr Worte verlieren könnte, als er letztendlich selbst enthält. Ich könnte etwas über den bodenständigen Protagonisten schreiben, der ein eher seichtes Gemüt ist, über die Landschaftsbeschreibungen, und das wohlige Gefühl, das die Lektüre auslöst. Ich könnte es aber auch dabei belassen, zu sagen: Unbedingt lesen!

 

Demnächst in diesem Blog: Eine Lobhudelei zu John Boyne neuem Roman „Die Geschichte eines Lügners“.

Jahresendurlaub

Hallo, liebe Leserinnen und Leser,

es sei mir gestattet, an dieser Stelle ganz kurz darauf hinzuweisen, dass mein Blog und ich uns für den kurzen Rest des Jahres, und ein wenig darüber hinaus, in einen verdienten Urlaub verabschieden. Daher wünsche ich allseits ein schönes, besinnliches Weihnachtsfest, einen anschließenden guten Rutsch und hoffe dann auf baldiges Wiederlesen im neuen und hoffentlich um einiges besseren Jahr.

Zwar wäre mir – ganz entgegen meiner sonstigen Gepflogenheiten – danach, dieses Jahr am 31.12. unter Zuhilfenahme des gigantischsten, weltgrößten, gefährlichsten, höchstgradig illegalsten „Polenböller“ in der Geschichte der Pyrotechnik in ein Paralleluniversum zu ballern, das die Existenz des nun bald vergangenen Jahres auch wirklich verdient, also beispielsweise eines, in dem Friedrich Merz Kanzler ist, im Zuge des mir innewohnenden doch eher kontemplativen Wesens werde ich die freie Zeit vermutlich aber doch wesentlich leiser verbringen.

Im neuen Jahr hoffe ich, diesen seit nunmehr etwa zwei Monaten weitgehend brachliegenden Blog dann wiederzubeleben, nicht zuletzt deshalb, weil noch über zwei Rezensionsexemplare zu schreiben ist, wovon mindestens eines schon mal geeignet scheint, im entsprechenden Beitrag angemessen zu ekstas… ekstatis… – gibt es ein Verb zu „Ekstase“? – nun, also, geeignet scheint, angemessen in Ekstase zu verfallen.

Inwieweit mir die Wiederbelebung des Blogs anschließend gelingt, bleibt abzuwarten, da ich einerseits momentan gar nicht mal so viel Muße verspüre, etwas zu schreiben und andererseits noch sehr viel weniger, auch in anderen Blogs vorbei zu schauen.

Erfahrungsgemäß ändert sich das nach ein bisschen Abstand auch wieder, ich bin da also guten Mutes.

Bis demnächst also!

Gehabt euch wohl.

 

„Quick“ von Hannes Råstam

Buch: „Quick – Die Erschaffung eines Serienmörders“

Autor: Hannes Råstam

Verlag: Heyne

Ausgabe: Taschenbuch

Der Autor: Hannes Råstam (1955–2012) arbeitete als investigativer Journalist für den Sender SVT (Swedish Public Broadcasting) und produzierte einige der wichtigsten Dokumentarfilme über das schwedische Rechtssystem. Für seine Arbeit wurde er vielfach ausgezeichnet, unter anderem fünfmal mit dem Golden Spade (verliehen von der Organization of Investigative Journalists) und zweimal mit dem Great Journalist Award. Während der Schlussredaktion an seinem Buch über Thomas Quick erlag Råstam einem Krebsleiden. (Quelle: Random House)

Das Buch: Thomas Quick ist das schlimmste Monster der schwedischen Geschichte – ein Serienkiller, Vergewaltiger, Sadist und Kannibale. So jedenfalls das Bild, das die Medien von ihm zeichneten. In den Jahren zwischen 1992 und 2001 gesteht Thomas Quick dreißig Morde und wird für acht davon verurteilt. Nachdem immer wieder Zweifel an seiner Schuld aufkommen, beginnt der bekannte Enthüllungsjournalist Hannes Råstam mit der Recherche. Das Ergebnis seiner Arbeit schlägt ein wie eine Bombe. Thomas Quick kann die Morde nicht begangen haben. Es gibt keinen haltbaren technischen Beweis. Thomas Quick ist unschuldig. (Quelle: Random House)

Fazit: *Eingangs sei erwähnt, dass das Folgende mit Sicherheit diverse Spoiler enthält, denn es handelt sich hier um ein Sachbuch, das sich naturgemäß nur schwerlich besprechen lässt, ohne auf die Inhalte einzugehen.*

Wenn man berücksichtigt, dass ich einen Hang zu „True Crime“ jeder Art habe, ist es schon bemerkenswert, dass die Geschichte um Thomas Quick seinerzeit so ziemlich unbemerkt an mir vorbeigegangen ist, handelt es sich hierbei doch um einen Justizskandal ungeahnten Ausmaßes. Da trifft es sich gut, dass Råstams hierzulande bereits 2012 erschienenes Buch anlässlich des daraus entstandenen Films nun erneut veröffentlicht wird. Darin löst der Autor Stück für Stück auf, wie es dazu kommen konnte, dass Quick für ingesamt acht Morde verurteilt werden konnte, von denen er letztlich nicht einen einzigen begangen hat.

Sture Bergwall, der sich später in Thomas Quick umbenennt, wird 1950 geboren und gerät schon in seiner Jugend in ersten Kontakt zu Drogen. Aufgrund körperlicher Übergriffe gegen andere Jungen und seines Drogenkosums wird er immer wieder in psychiatrische Einrichtungen eingewiesen. Dort landet er auch, nachdem er für einen Banküberfall, der noch dilettantischer ausgeführt wurde als die späteren Ermittlungen, vor Gericht verurteilt wurde.

Hier untergebracht, behauptet Bergwall dann, bereits im Jahr 1964 einen Mord begangen zu haben. Die Polizei wird eingeschaltet, die Ermittler verhören Bergwall wieder und wieder. In der Folge gesteht er weitere Morde, insgesamt 30, und wird für acht davon verurteilt. In keinem dieser Fälle bestehen tatsächliche kriminaltechnische Beweise in Form von DNA-Spuren, Fingerabdrücken, Zeugenaussagen oder was auch immer, aber faszinierenderweise kann Bergwall die Ermittler zielgenau zu einzelnen Tatorten führen und gibt in den Vernehmungen Wissen preis, das nur der Täter haben kann. 

Polizei, Staatsanswaltschaft und die schwedische Öffentlichkeit sind in der Folge zufrieden, ein offensichtlich schuldiger Mann wurde weggesperrt, die Bevölkerung somit vor ihm geschützt.

Aber es gibt Menschen, die haben leise Zweifel, nicht zuletzt die Angehörigen einiger Mordopfer. Und auch Hannes Råstam hat diese Zweifel und beginnt, genauer hinzusehen. Er arbeitet sich zusammen mit einer Kollegin durch unzählige Vernehmungsprotokolle, stundenlanges Videomaterial der Polizei und 50.000 Seiten Gerichtsprotokolle, konfrontiert Bergwall schließlich selbst mit den Ergebnissen seiner Recherchen, woraufhin dieser letztlich einknickt, seine Geständnisse wiederruft und behauptet, nicht einen der ihm zur Last gelegten oder von ihm gestandenen Morde wirklich begangen zu haben.

Und es ist wirklich – mir fällt kein passenderer Begriff dafür ein – ungeheuerlich, was der Autor während seiner Recherchen so zutage fördert:

Zunächst mal ist die Verantwortung für den Fortgang der Ereignisse natürlich bei Bergwall selbst zu suchen, denn dieser hat sich ohne Not und aus reiner Geltungssucht in seine Situation manövriert. Nachdem er das Personal der Einrichtung gelegentlich nahezu andächtig und respektvoll über ehemals in der Einrichtung therapierte „schwere Fälle“ wie Gewaltverbrecher reden hört, er selbst aber den Eindruck hat, in den Therapiesitzungen nur langweiliges und unbedeutendes Zeug von sich geben zu können, beschließt er, einen Mord zu gestehen, der lang genug zurückliegt, damit er aufgrund der schwedischen Verjährungsfrist für Mord dafür nicht mehr belangt werden kann. In der Folge bekommt diese Situation dann einfach eine Eigendynamik, der er nicht mehr entkommen kann.

Aber sowohl die Polizei, als auch Therapeutinnen und Mediziner hätten bei genauerer Betrachtung der Geständnisse genug Anlasse gehabt, an deren Realitätsgehalt zu zweifeln, und die Verpflichtung gehabt, hier einen Menschen vor sich selbst zu schützen.

Stattdessen wird Bergwall von den Therapeuten mit Medikamenten gefüttert. Mit abhängig machenden Medikamenten. Und wenn er dann, allein um diesen Strom an Trips nicht versiegen zu lassen, in den Therapiesitzungen immer neue Morde gesteht, wird das vom medizinischen Personal gefeiert, wie die Erfindung des Penicillins, vermeint man doch, wieder einmal in neue versteckte Areale von Bergwall Geist und Erinnerungsvermögen vorgedrungen zu sein, die dieser bisher erfolgreich abgesperrt hatte. Ein Therapieerfolg also! Letztlich gerät Bergwalls Medikation derart außer Kontrolle, dass er praktisch selbst darüber entscheidet, wann er was bekommt und bei Vernehmungen eigentlich permanent „zugedröhnt“ ist, teilweise so sehr, dass er bei Tatortbegehungen gestützt werden muss.

Aber auch die Polizei hat selbstredend ihren Anteil an diesem Justizskandal, zweifelsohne sogar den größten. Dass die Ermittlungen in den einzelnen Mordfällen nach den jeweiligen Geständnissen immer von den zwei selben Polizeibeamten geführt wurden, kann man bereits kritisch sehen. Aber auch wie sie geführt wurden, gibt Anlass zur Kritik. Bei genauerer Betrachtung der Vernehmungsprotkolle fällt nämlich auf, dass Bergwall mitnichten immer von Beginn an korrekte Angaben zu den Morden macht, sondern dass diese Angaben teilweise deutlich von den tatsächlichen Gegebenheiten abweicht. Bergwall hat schlicht ein Gespür dafür, was die Beamten hören wollen, wenn wieder und wieder ein bestimmter Aspekt der vermeintlichen Tat thematisiert wird und ändert seine Geschichte so oft, bis sie schließlich mit den Tatsachen weitgehend übereinstimmt. Gedeckt wird diese Vorgehensweise von den Medizinern, die quasi behaupten, dass Bergwall sich erst an seine Erinnerungen „herantasten“ muss.

Sehr viel erschwerender wiegt im Bereich der Ermittlungen noch die Tatsache, dass den Gerichten entlastende Fakten und Zeugenaussagen quasi nicht vorgelegt wurden. Bergwalls ersten gestandenen Mord kann er beispielsweise schon deswegen nicht begangen haben, weil er am Tattag am gefühlt anderen Ende der Welt konfirmiert wurde. Auch als zwei vermeintliche Opfer, für deren Ermordung Bergwall die Verantwortung übernimmt, sich quicklebendig – pun intended! – bei der Polizei melden und sinngemäß sagen: „Hurra, wir leben noch!“ kommt man bei der Polizei nicht auf die Idee, das große Ganze mal zu hinterfragen.

Komplettiert wird der Dilettantismus dann von Bergwalls Rechtsanwalt. Anstatt Indizien für die Unschuld seines Mandanten zu sammeln und vor Gericht zu präsentieren, fasst er seine Aufgabe so auf, dass er behauptet, sein Mandant wolle unbedingt verurteilt werden und es sei seine Aufgabe, dem nicht entgegenzustehen.

Und so wundert es in Summe nicht, dass erst ein investigativer Journalist kommen muss, um die Verantwortlichen auf Ungereimtheiten und ihre fragwürdige Arbeit hinzuweisen. Meine Vermutung ist, dass sie alle geahnt haben, dass da irgendwas nicht stimmen kann, sich aber im Sonnenlicht der Quick-Ermittlungen ganz wohlgefühlt haben und deswegen nicht genauer hinsahen.

Bergwall wurde schließlich im Jahr 2013 nach einem Wiederaufnahmenverfahren auch vom letzten Mordvorwurf entlastet, freigesprochen und ein Jahr später aus der Psychiatrie entlassen.

Das Tragische an der Geschichte ist eigentlich nur, dass der Autor selbst dieses Ende der von ihm eigens angestoßenen Geschichte nicht mehr miterleben durfte. Aber er hat der Nachwelt ein äußert spannend geschriebenes Buch hinterlassen, dass ich zumindest allen, die im True-Crime-Bereich unterwegs sind, von Herzen empfehlen kann, sofern sie es ertragen, ob der Unfähigkeit der handelnden Personen permanent nahe am hysterischen Kickern zu balancieren.

Ich danke dem Heyne Verlag für die freundliche Übersendung des Rezensionsexemplars. Die Tatsache, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, beeinflusst meine Meinung selbstredend nicht.

Demnächst in diesem Blog: „Die Entdeckung des Countdowns“ von Daniel Mellem.

„Unter Wölfen – Der verborgene Feind“ von Alex Beer

Buch: „Unter Wölfen – Der verborgene Feind“

Autorin: Alex Beer

Ausgabe: Taschenbuch

Verlag: Limes

Die Autorin: Alex Beer, geboren in Bregenz, hat Archäologie studiert und lebt in Wien. Nach »Der zweite Reiter«, ausgezeichnet mit dem Leo-Perutz-Preis für Kriminalliteratur, »Die rote Frau«, nominiert für den Friedrich Glauser Preis 2019 und »Der dunkle Bote« erscheint im Mai 2020 der vierte, von den Fans lang erwartete Roman um August Emmerich. Neben dem Wiener Kriminalinspektor hat Alex Beer mit Isaak Rubinstein eine weitere faszinierende Figur erschaffen, die während des Zweiten Weltkriegs in Nürnberg ermittelt. Um es mit den Worten der Jury des Leo-Perutz-Preises zu sagen: »Was Alex Beer erzählt, betrifft auch die heutige Zeit, aber wie sie erzählt, lässt die ferne Vergangenheit lebendig werden.« (Quelle: Random House)

Das Buch: Nürnberg, April 1942: Der jüdische Antiquar Isaak Rubinstein, der sich noch immer als Sonderermittler Adolf Weissmann ausgibt, lässt sich auf eine Liaison mit der Nazigröße Ursula von Rahn ein. Durch sie erhält er Zugang zu den höchsten gesellschaftlichen Kreisen und bekommt Einsicht in die Pläne der Gegenseite. Doch dann wird Nürnberg plötzlich von brutalen Morden erschüttert. Zwei junge Frauen werden erdrosselt aufgefunden. Ausgerechnet Isaak bekommt von Berlin die Order, den »Würger« aufzuspüren. Darüber hinaus hat er noch ganz andere Probleme: Seine Popularität hat Neider auf den Plan gerufen und besonders ein Mann könnte ihm gefährlich werden … (Quelle: Random House)

Fazit: Wenn ich vergleichsweise kurze Zeit nach der Lektüre des ersten Teils einer Krimireihe den zweiten Teil lese, dann will das schon etwas heißen, denn ich mag zwar Krimis sehr gerne, bin aber eben wahrlich kein passionierter Leser von Krimireihen. Im vorliegenden Fall hat mir aber der erste Teil von Alex Beer „Unter Wölfen“-Krimis trotz der einen oder anderen Schwäche gut gefallen. Für die Fortsetzung gilt das leider nicht mehr in vollem Umfang.

Am wenigsten auszusetzen habe ich dabei noch am Personal des Romans. Inbesondere Protagonist Isaak Rubinstein muss man einfach gerne haben. Er wirkt zwar manchmal etwas realitätsfern altruistisch, hat dafür aber wenigstens handfeste Gründe und insgesamt wirkt seine Entwicklung über zwei Teile der Reihe hinweg absolut schlüssig. An seiner Seite wirkt diesmal kein unbedarfter Polizisten-Eleve, sondern mit Paul Köhler ein ausgefuchster Ermittler-Profi, der alles andere als begeistert darüber ist, dass ihm führende Nazi-Schergen die vermeintliche Kriminalisten-Koryphäe Adolf Weissmann vor die Nase setzen. Insgesamt wirkt Köhler eher wie der brummige, schweigsame, rustikale Typ und bietet dabei einen ähnlich guten Partner für den Protagonisten, wie es ihn schon im ersten Teil gab.

Ein wenig schade fand ich, dass es für Isaak Rubinstein durch diese Konstellation nicht mehr möglich ist, sich wie einstmals mit Sherlock-Holmes-Zitaten durchzulavieren. Teil 1 bekam dadurch etwas Tragikkomisches, das ich in der Fortsetzung schmerzlich vermisst habe.

Größeren Anlass zur Kritik als das Figurenensemble bietet da schon der Stil. In diesem Zusammenhang schrieb ich über den Reihenauftakt: „Stilistisch bewegt sich das Buch auf, sagen wir mal, nicht überzogen hohem Niveau. Anfangs beschlich mich tatsächlich das Gefühl, es richte sich eher an jüngere Leser, was aber unwahrscheinlich erscheint. Zumindest lässt es sich so recht einfach lesen.“ Und daran hat sich auch grundlegend nichts geändert. Allerdings stört mich das eben mittlerweile mehr als noch bei Teil eins. Im Prinzip spricht nicht gegen einfach zu lesende Bücher, aber etwas komplexer hätte es in sprachlicher und stilistischer Hinsicht schon sein dürfen.

Auch was den Plot angeht, lassen sich einige Schwächen ausmachen, die es noch im ersten Band in der Form nicht gab. So wirken manche Ergebnisse der Ermittlungsarbeit bzw. einige Zeugenaussagen etwas befremdlich. Als Beispiel sei hier mal die Aussage eines Mannes genannt, der zu Protokoll gab, dass gegenüber des Tatortes ein Mann in einem Hauseingang rumgelungert habe, der irgendwie traurig gewirkt habe. Kurz darauf befindet sich Isaak Rubinstein bei einer Zusammenkunft lokaler Nazigrößen und überprüft diese doch tatsächlich darauf hin, ob sie traurig wirken …

Als weiteres Beispiel möchte ich die Aussage eines Obdachlosen anführen, der bei der Polizei angab, in unmittelbarer Entfernung zu seinem Unterschlupf habe in der Tatnacht jemand geweint und immer wieder Dinge wie: „Warum hast du mir das angetan?“ gesagt. Warum der Obdachlose diesen Vorfall für ausreichend hält, um sich zur Polizei zu begegeben und ihn zu Protokoll zu geben, erschließt sich mir nicht. Warum man diese Aussage für relevant hält, anstatt sie einfach nur als das alkoholinduzierte Geseiere eines unter Liebeskumemr leidenden Nürnbergers abzutun, erschließt sich mir ebenfalls nicht.

Auch die Schlussfolgerungen, die die beiden Ermittler aus solchen Zeugenaussagen ziehen, kann ich persönlich nicht immer nachvollziehen. Für mich entsteht dadurch der Eindruck, als ginge bei den Ermittlungen alles irgendwie zu glatt und als sei der Plot unter dem Goethe-Motto „Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt“ behandelt worden.

Glücklicherweise ändert sich das Ganze in Richtung Finale erheblich. Während der Plot bis dahin manchmal zu kontruiert wirkt, so ist er insbesondere im letzten Drittel sehr klug konstruiert und kann mit einem sehr cleveren Finale aufwarten, das mich persönlich für fast alle bis hierhin geäußerten Kritikpunkte entschädigt.

Und so ist es nicht ausgeschlossen, dass ich mich auch einer etwaigen weiteren Fortsetzung nochmal zuwenden würde.

Wer Krimis mag, die sich recht einfach lesen lassen und überzeugende Figuren vor einem spannenden Setting bieten, ist mit „Unter Wölfen – Der verborgene Feind“ richtig beraten.

„Mein abenteuerliches Leben als Hochstapler“ von Georges Manolescu

Buch: „Mein abenteuerliches Leben als Hochstapler“

Autor: Georges Manolescu / „Fürst Lahovary“

Verlag: Manesse

Ausgabe: Hardcover

Der Autor: Georges Manolescu alias Fürst Lahovary (1871-1908) kam als Georgiu Mercadente Manolescu am Fuß der Karpaten zur Welt. Mit 14 floh er als blinder Passagier nach Konstantinopel, betörte in Athen die griechische Königin und brach mit 23 nach Übersee auf. Zurück in Europa, beklaute er die Hautevolee von Paris, London und Nizza, heiratete als Fürst von eigenen Gnaden eine deutsche Gräfin und renommierte als Boxer, Segler und Motorbootfahrer, vor allem aber als Tartüff der modernen Welt. 1905 erschienen seine Hochstapler-Memoiren und wurden ein Sensationserfolg. Als er mit nur 37 Jahren in Mailand starb, hinterließ er zwölf Anzüge, vierzig Seidenhemden, zehn Paar Lackschuhe und einen gefälschten Adelsbrief. (Quelle: Klappentext)

Das Buch: Hoteldieb, Hochstapler, Glücksspieler. Georges Manolescu, um 1900 eine Weltberühmtheit, gebot über alles, was es braucht, um die Welt im großen Stil zu betrügen: gutes Aussehen, Charme, Geistesgegenwart, 1-A-Manieren, Chuzpe und «ein elastisches Gewissen». Als falscher Fürst Lahovary steckte er alle und alles in die Tasche, betörte die Schönen und Reichen und brachte es sogar zu künstlerischen Ehren: Thomas Mann setzte ihm mit dem «Felix Krull» ein weltliterarisches Denkmal, und Ernst Lubitsch huldigte ihm in der Filmfigur des Juwelendiebs «Gaston Monescu». Seine Memoiren waren Manolescus wohl raffiniertester Clou. Hier erfährt man amüsiert, mit welchen Bluffs sich der arme Schlucker aus der rumänischen Provinz in schwindelnde Höhen empormogelte. Zugleich verspottet der «Jahrhunderthochstapler» (Peter Sloterdijk) aber die Adelsgläubigkeit der besseren Kreise, ihre Oberflächlichkeit und Einfalt – ein unverschämtes Lesevergnügen.

Diese Neuausgabe, die erste originalgetreue seit über hundert Jahren, vereint beide Bestsellerbände des Jahres 1905, «Ein Fürst der Diebe» und «Gescheitert. Aus dem Seelenleben eines Verbrechers». (Quelle: Random House)

Fazit: Ich erwähne ja gelegentlich, dass ich generell bekennender „True-Crime“-Fan bin. Im Besonderen gilt das – nicht erst seit, aber wohl spätestens nach meiner ersten Lektüre von Carl Zuckmayers „Der Hauptmann von Köpenick“ – für das Gebiet der Hochstapler. Wenn Victor Lustig den Eiffelturm verkauft, oder Leonardo di Caprio als Frank Abagnale in Flugzeugcockpits sitzt, in denen er eigentlich nichts verloren hat, dann versetzt mich das in einen spannenden Gemütszustand zwischen Entrüstung und Amüsiertheit.

Derart vorgebildet ging ich der Frage nach, ob auch Georges Manolescus Memoiren diesen Gemütszustand hervorrufen würde. Letztlich überwog aber deutlich die Entrüstung, und so wirklich warm wurde ich mit dem Buch und insbesondere mit seinem Verfasser und Protagonisten nie.

Georges Manolescu mag ein begnadeter Dieb und Hochstapler gewesen sein – wobei die Tatsache, dass er viele Jahre hinter Gittern diverser Gefängnisse in ganz Europa verbringen musste, vermuten lässt, dass er so begnadet nun auch wieder nicht gewesen sein kann  -, ein begnadeter Literat war er jedenfalls nicht. Insbesondere im ersten Teil seiner Memoiren wird das deutlich. Zwar hat man die originale Übersetzung seines Verlegers Paul Langenscheidt behutsam an heutige Verhältnisse angepasst, was dazu führt, dass das Werk in einem leicht antiquiert zu lesenden Stil gehalten ist, der mir aber ausnehmend gut gefiel – trotz unzähliger Fremdworte, einem „polyglotten Distinktions-Jargon“, wie es in den literarischen Anmerkungen zum Buch heißt, wofür es allerdings wiederum ein umfangreiches und gelungenes Glossar gibt -, die Probleme liegen für mich aber eher im Aufbau und der Erzählweise.

Manolescu erzählt, insbesondere im ersten Band, auf eine atemlose, sprunghafte Weise. Begebenheit reiht sich an Begebenheit, Anekdote an Andekdote, Handlungsort an Handlungsort. Teilweise springt der Autor wild in der Zeit vor und zurück, weist beispielsweise häufig darauf hin, dass er nun gerade inhaltlich vorgreift. Nun kann man so etwas ja machen, nur leidet die Struktur der Memoiren darunter deutlich.

Das liegt auch daran, dass sich der Autor nahezu ausschließlich auf seine Erlebnisse beschränkt. Nun mag man einwerfen, dass es sich hierbei um Memoiren handelt, die eigenen Erlebnisse also im Vordergrund stehen sollten. Allerdings fehlt in diesen Memoiren jegliche Einordnung in die zeitlichen, politischen oder gesellschaftlichen Gegebenheiten ihrer Zeit. Im Grunde ist insbesondere der erste Teil eine reine Beweihräucherung des Verfassers. Verstärkt wird dieser Eindruck noch durch den großspurigen Ton, den der Fürst anschlägt.

Der Aufbau des zweiten Teils überzeugt da schon mehr, was wohl an der umfassenderen Bearbeitung durch den Herausgeber Langenscheidt liegt. Die Probleme des zweiten Teils liegen ganz woanders, nämlich in erster Linie in seiner bemerkenswerten Redundanz. Viele Ereignisse, die im zweiten Teil angesprochen werden, kennt man bereits aus dem ersten Teil, ohne hier noch einen großen Erkenntnisgewinn verbuchen zu können.

In rein inhaltlicher Sicht, abseits der literarischen Wertungskriterien, mag die Lektüre streckenweise unterhaltsam sein, hätte man als Leser nicht schon im ersten Teil den Eindruck, man würde hier dem Baron Münchhausen lauschen. Vieles von dem, was Manolescu schildert, klingt unglaubwürdig und vieles davon ist es auch. Das mag der Autor auch selbst gespürt haben, weist er an einer Stelle doch beispielsweise darauf hin, dass, sollte man ihm das geschilderte nicht glauben, man gerne die örtliche Polizei bzw. die entsprechende Tagespresse befragen könne, die über den Vorfall berichtet haben. Mir wäre es lieber gewesen, wenn der angebliche Fürst etwas faktenbasierter erzählt und weniger versucht hätte, den Leuten unablässig vorzumachen, was er für ein großartiger Kerl ist.

Wenn auch das Geschilderte nur in Teilen der Realität entsprechen mag, so bleibt aber immer noch die Selbstdarstellung der Person Georges Manolescu. Und auch damit habe ich so meine Probleme. Der Autor lässt keine Gelegenheit aus, sich über den – überspitzt gesagt – hart arbeitenden Pöbel zu erheben, zu dem er nicht gehören will, denn Arbeit könnte ja anstrengend sein. Dabei wäre es mit dem, was er aus diversen Diebstählen „erwirtschaftet“ hätte, durchaus möglich gewesen, ein einträgliches Leben zu führen, wenn man es eben beispielsweise auch in ein Geschäft investiert hätte. Aber damit wäre ja eben wieder Arbeit verbunden gewesen, da erschien es augenscheinlich einfacher, Unsummen in Monte Carlo zu verspielen. Manolescus Laufbahn beruht einzig und allein auf einem tief empfundenen Neidgefühl gegen wirtschaftlich und gesellschaftlich besser gestellte Menschen, zu denen er gemeinerweise nicht gehören darf. Es fällt schwer, diese historische Figur zu mögen, auch wenn er gelegentlich den Versuch unternimmt, die Leserschaft für sich einzunehmen, beispielsweise wenn er mehrfach betont, seine Ehefrau und sein Kind ehrlich und aufrichtig zu lieben.

Vor dem Erscheinen des zweiten Band hat der Herausgeber Kontakt mit Karl May aufgenommen, um ihn zu fragen, ob er diesen zweiten Band nach den Angaben von Manolescu nicht zu Papier bringen könne. Hätte May – vermutlich peinlich berührt, aufgrund eigener Erfahrungen als Hochstapler – nicht abgelehnt, wäre vermutlich ein besseres Gesamtwerk dabei herausgekommen. Und hätte ein unbeteiligter aber talentierter Außenstehender insgesamt keine Memoiren, sondern ein Sachbuch aus dieser Lebensgeschichte gemacht, das idealerweise genau die Einordnungen in Gesamtzusammenhänge, die mir so fehlt, entält, so wäre ebenfalls ein besseres Buch daraus geworden.

So bleiben nur die geschönten Lebenserinnerungen einer Person, die mich in keiner Weise für sich und ihr Buch einnehmen konnte. Und ein ausgesprochen gelungenes Nachwort des Literaturwissenschaftler Thomas Sprecher, das insgesamt erhellender ist als das eigentliche Buch.

Ich danke dem Blogger-Portal sowie dem Manesse Verlag für die freundliche Übersendung des Rezensionsexemplars. Die Tatsache, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, beeinflusst meine Meinung selbstredend nicht.

„Dorfroman“ von Christoph Peters

Buch: „Dorfroman“

Autor: Christoph Peters

Verlag: Luchterhand

Ausgabe: Hardcover

Der Autor: Christoph Peters wurde 1966 in Kalkar geboren. Er ist Autor zahlreicher Romane und Erzählungsbände und wurde für seine Bücher mehrfach ausgezeichnet, unlängst z. B. mit dem Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburg (2016) und dem Wolfgang-Koeppen-Preis (2018). Christoph Peters lebt heute in Berlin. Zuletzt erschienen von ihm bei Luchterhand der Erzählungsband „Selfie mit Sheikh“ (2017) sowie der Roman „Das Jahr der Katze“ (2018). (Quelle: Random House)

Das Buch: Die große weite Welt gibt es nur im Fernsehapparat – zumindest in Hülkendonck, einem kleinen Dorf am Niederrhein in den 70er Jahren. Bäuerlich und zutiefst katholisch ist das Milieu, in dem der Erzähler seine Kindheit und Jugend verbringt. Doch diese Welt wird brüchig mit dem geplanten Bau eines neuartigen Atomkraftwerks, das die Menschen im Ort genauso tief spaltet wie im ganzen Land. Als die Atomkraftgegener schließlich im Dorf ihr Lager beziehen, prallen die Gegensätze aufeinander. (Quelle: Klappentext)

Fazit: Der Autor verlegt die Handlung seines Romans in die 70er Jahre des genauso beschaulichen wie fiktiven Dörfchens Hülkendonck am Niederrhein. Ich gestehe, bei dem Namen Hülkendonck immer ein bisschen an Fräulein Müller-Wachtendonk gedacht zu haben, die uns allen im Zusammenspiel mit Siggi Sorglos ab Anfang der 90er in vom Bundesumweltministerium in Auftrag gegebenen Zeichentrickfilmchen Dinge wie die Mülltrennung erklärte. Und tatsächlich liegt der echte Ort Wachtendonk nur ein paar Dutzend Kilometer von den Schauplätzen des Buches entfernt, aber ich schweife ab.

Hülkendonck gehört zur Stadt Kleve, liegt aber unweit des Ortes Kalkar, wo ein Atomkraftwerk des Typs „Schneller Brüter“ gebaut werden soll. Die Älteren werden sich erinnern: Nach einer schon Ende der 60er beginnenden Planungsphase wurde mit dem Bau begonnen. Letztlich verschlang das Projekt ein Vielfaches der ursprünglich in Aussicht gestellten Kosten, ans Netz ging der Schnelle Brüter nach einem Regierungswechsel in NRW, dem Erstarken der Anti-Atomkraft-Bewegung und schließlich auch aufgrund von Störfällen wie in Harrisburg und insbesondere natürlich nach der Tschernobyl-Katatrophe, jedoch nie. Im Jahr 1991 wurde das endgültige Ende für das Projekt beschlossen. Heute ist aus dem geplanten AKW von einst ein Freizeitzentrum mit Kletterwand am Kühlturm entstanden …

In diesem zeitlichen und geografischen Umfeld lässt der Autor seinen Protagonisten in den 70ern aufwachsen, und macht daraus einen Roman, der in so vielen Bereichen gut gelungen ist, dass ich ausnahmsweise kaum weiß, wo ich anfangen soll.

Nun, vielleicht am Anfang. Denn zu Beginn schildert der Autor erst mal die Gegebenheiten im idyllischen Hülkendonck der 70er. Peters entwirft das Bild eines landwirtschaftlich geprägten Dorfes, in dem die Bauern das Sagen haben, beschreibt Hierarchien und Gemeinschaften, in denen es Hilfsarbeiter und insbesondere Zugezogene schwer haben, dazu zu gehören. Ein Dorf, dessen Bewohner zumeist tiefreligiös und erzkonservativ sind und denen eine intensive Obrigkeitshörigkeit inne zu sein scheint, unterwirft man sich doch gerne dem Urteil von Kirchenvorstand, Bischof oder Papst, Lokal-, Kommunal- oder Bundespolitiker, denn die werden ja schon wissen, was sie tun und außerdem ist gewählt eben gewählt, da kann man dann ja auch sowieso nichts mehr ändern. So oder ähnlich scheint die vorherrschende Denkweise der Bewohner Hülkendoncks zu sein.

In diesem Umfeld sozialisiert, wundert es nicht, dass der junge Protagonist des Buches zunächst ähnlich tickt. Das Urteil der eigenen Eltern scheint ein unfehlbares zu sein, zudem führt der Junge regelmäßig religiöse Begründungen dafür an, warum er etwas gut oder nicht so gut findet. Erst mit den aufkommenden Plänen für das AKW, für das große Teile der zum kirchlichen Grundbesitz gehörende Flächen verkauft werden müssten, tauchen die Probleme auf, denn erstmals ist man im Dorfe uneins. Da sind auf der einen Seite beispielsweise die Bauern, die bislang davon profitierten, dass sie die der Kirchengemeinde gehörenden Flächen zu einem wesentlich geringeren Preis pachten konnten als das bei einem anderen Eigentümer des Grund und Bodens möglich wäre, und die daher aus rein wirtschaftlichen Gründen dagegen sind. Und auf der anderen Seite sind die, so wie der als Kirchenvorstand tätige Vater der Hauptfigur, die für den Verkauf der Flächen sind, weil Fortschritt eben sein muss, die entsprechenden Fachleute sicherlich schon wissen, was sie da tun und letztlich alles besser ist, als die Flächen im Endeffekt einfach enteignet zu bekommen. Und dann ist da noch der Gastwirt, der sich zu keiner Seite richtig bekennt, weil er Sorge davor hat, dass die Vertreter der jeweiligen Gegenseite dann nicht mehr seinen Gasthof betreten würden …

Und spätestens nachdem eine Gruppe Atomkraftgegner ist Dorf zieht, ändert sich nicht nur die Stimmung im Dorf, sondern eben diese Änderung setzt auch beim Protagonisten ein. Er wird durch Kontakt mit den Gegnern politisiert, verliebt sich in eine der Protestlerinnen und beginnt, die Denkweisen der Eltern zu hinterfragen, in Zweifel zu ziehen und auf Konfrontationskurs zu gehen.

Vor diesem Hintergrund ist „Dorfroman“ erst einmal eine Coming-of-Age-Geschichte. Aber das Buch ist eben nicht nur im Bezug auf seine Hauptfigur ein Entwicklungsroman, sondern auch hinsichtlich der Entwicklung des ländlichen Raums in den letzten Jahrzehnten. Das literarische Bild, dass Peters diesbezüglich malt, deckt sich übrigens sehr mit meinen eigenen Erfahrungen, in denen in einem ähnlichen Zeitraum aus meinem beschaulichen heimatlichen Dörfchen mit nahezu 1.100 Einwohnern mit eigener Post- und Sparkassenfiliale, zwei Gaststätten, einer co op-Filiale und täglichem Zug von Rinderherden auf und von den Weiden quer durchs Dorf, ein Dorf geworden ist, in dem es all das nicht mehr gibt, dafür aber seit Anfang der 90er ein schon vor Jahren durch einen amerikanischen Konzern mit Milliardenumsatz aufgekauftes Großunternehmen mit 400 Mitarbeiten und einen Schweinemastbetrieb mit 3.000 Mastplätzen, und dessen Einwohnerzahl mittlerweile bei etwa 900 stagniert. Lediglich die im Buch geschilderte nahezu fundamentale Religiösität habe ich hier nicht so wahrnehmen können, aber vielleicht ist der südniedersächsiche Raum damals schon säkularisierter gewesen, als der des westlichen NRW, wer weiß …!?

Wenn man den Blickwinkel weiter fasst, ist „Dorfroman“ in einem weiteren Punkt ein Entwicklungsroman, nämlich hinsichtlich der Entwicklungen in der damaligen Bundesrepublik und ihrer Bevölkerung, eben weg von einer obbrigkeitshörigen Generation, hin zu einer jungen, kritischen Generation, die Fragen an ihre Eltern- und Großelterngeneration hat. Und zwar berechtigte Fragen. Fragen, die leider teilweise bis heute unbeantwortet geblieben sind.

Christoph Peters Erzählweise passt sich dabei dem geschilderten Umfeld an. Er hat eine über weite Strecken des Romans gemütliche Art zu erzählen, was ich im Übrigen ausnehmend positiv verstanden wissen möchte. Besonders erwähnenswert finde ich in stilistischer Hinsicht, wie gut es dem Autor gelingt, den beiden Versionen seines Protagonisten zwei völlig unterschiedliche und dem jeweiligen Alter angemessene Erzählstimmen zu geben. Gerade für die junge Ausgabe der Hauptfigur gilt, dass diese vollkommen überzeugend wirkt, sowohl in sprachlicher als auch intellektueller Hinsicht, der Junge wirkt an keiner Stelle des Buches klüger als er sein sollte.

Nun ließe sich die Liste der positiven Aspekte noch beliebig verlängern, aber ein bisschen Eigenleistung kann von der potenziellen Leserschaft ja auch erwartet werden, deswegen belasse ich es bei der abließenden Feststellung, dass „Dorfroman“ ein 412 Seiten umfassendes, reines Lesevergnügen darstellte, und wenn Denis Scheck über den Roman urteilt: „Ein wunderbar humorvoll geschriebener Roman…für mich einer der lesenswertesten Romane in diesem Herbst.“ dann hat er damit vollumfänglich recht.

Ich danke dem Luchterhand Verlag sowie dem Bloggerportal für die freundliche Übersendung des Rezensionsexemplars. Die Tatsache, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, beeinflusst meine Meinung selbstredend nicht.

Demnächst in diesem Blog: „Mein abenteuerliches Leben als Hochstapler“ von Georges Manolescu/Fürst Lahovary

„Alphavirus“ von Peter Georgas-Frey

Buch: „Alphavirus“

Autor: Peter Georgas-Frey

Verlag: Selbstverlag

Ausgabe: Taschenbuch, 102 Seiten

Der Autor: Peter Georgas-Frey ist ein 1970 geborener Autor, der seit 1999 am schönen Bodensee lebt. Er veröffentlichte bereits Erzählungen und Gedichte wie „Als Paolos Hände reden lernten“, „Soantà“ und „Zeitspuren“, den Roman „Die Revolte“ sowie eine Trilogie rund um die außerirdischen Aurumer, bestehend aus „Die Heimkehr“, „Die Rückkehr“ und „Projekt Epilog“.

Wer mehr über den Autor und seine Bücher erfahren möchte, dem sei der Besuch seines sehr lesenswerten Zeilen-Portals empfohlen. Wer das nicht möchte, dem sei ein dortiger Besuch ebenfalls empfohlen!

Das Buch: Drei Jahre nach der letzten Pandemie beschäftigt erneut einer Virus die Menschheit. Doch diesmal scheint der Erreger noch gefährlicher, noch tödlicher. Ohne erkennbare Infektionskette verbreitet sich die Krankheit über die Welt. Auf der Suche nach der Ursache wird der Sonderermittler Reeves eingeschaltet. Sein kühnster Verdacht wird von der Realität übertroffen. (Quelle: Klappentext)

Fazit: Einerseits wartet der geschätzte Bloggerkollege Peter schon recht lange auf diese Zeilen. Zu lange. Andererseits ist diesbezüglich alles besprochen, insofern stellt die Tatsache, dass der Umstand hier dennoch erwähnt wird, eher so eine Art Notiz an mich dar, zukünftig Besserung zu geloben.

Zumal es in literarischer Hinsicht gar nicht notwendig gewesen wäre, „Alphavirus“ auf die lange Bank zu schieben,  denn es überzeugt trotz seiner Kürze absolut.

Zwar kann ein Buch, das gut dafür geeignet ist, an einem regnerischen Nachmittag gelesen zu werden, von denen wir in absehbarer Zeit ja wohl noch so einige bekommen werden, in gewissen Bereichen nicht gleichwertig punkten, wie das ein unfangreicheres Werk könnte, beispielsweise bei den Figuren. Das wäre auch zu viel verlangt, denn gut 100 Seiten reichen eben nicht aus, um Figuren wirklich komplex darzustellen. Vor dem Hintergrund der Kürze sind die handelnden Personen allerdings gut gelungen, insbesondere Mark, so eine Mischung aus Scharlatan und Aluhutträger, hat es mir hier angetan. Insgesamt erfüllen die Charaktere ihre Aufgaben also zufriedenstellend.

In stilistischer Hinsicht hatte ich bei den Büchern des Autors noch nie wirklich viel zu meckern und das gilt auch für „Alphavirus“. Er schreibt vergleichsweise kurze Sätze und passt sich damit stilistisch der Länge des Buches an. Komplizierte Satzkonstruktionen wären hier insgesamt auch völlig fehl am Platze, in Summe passt das also schon.

In diesem Zusammenhang sei mal das Lektorat erwähnt, ein Punkt der bei Selfpublishern – aus meiner Erfahrung heraus – häufig etwas stiefmüttlicher behandelt wird bzw. behandelt werden muss, aus ganz naheliegenden und nachvollziehbaren Gründen. Oftmals werden daher Rechtschreibfehler oder unpassende Kommasetzung nicht erkannt und finden letztlich ihren Weg ins Buch. Auffällig war das beispielsweise in „Projekt Epilog“, über das ich seinerzeit in diesem Zusammenhang schrieb: “ Erwähnen muss ich allerdings so ein oder zwei Wort-, Komma- oder Kasus-Stolperer, über die ich aber insgesamt großzügig hinweggelesen habe“

Diesbezüglich kann man konstatieren, dass hier eine deutliche Besserung eingetreten ist, was der Lesbarkeit des Buches natürlich zuträglich ist. Lediglich ein, zwei Tippfehler haben sich eingeschlichen sowie eine mich irritierende Eigenheit: Wenn man beispielsweise schreibt “ „Gehen Sie nachsehen.“ Forderte er die Krankenschwester auf.“ (S.7), so könnte man – ich finde, man sollte auch – „Forderte“ klein schreiben und mittels eines Kommas zusammen mit dem Rest an die wörtliche Rede anhängen. Die hier gewählte Vorgehensweise findet sich allerdings mehrfach und wirkte, zumindest auf mich, irgendwann etwas störend. Abseits davon muss aber darauf hingewiesen werden, dass im Bereich des Lektorats eine deutliche Besserung im Vergleich zu früheren Büchern das Autors zu verzeichnen ist.

Das naturgemäß Wichtigste in einem Buch von überschaubarer Länge ist aber ja ohnehin die Handlung selbst. Und die hat mich vollständig überzeugt. Lange ließ mich das Gelesene die Stirn runzeln, weil ich mir dachte: „Na, da bin ich ja mal gespannt, wie er mir erklären will, was er mir hier so erzählt.“ Letztlich folgt diese Erklärung dann, wie sich das gehört, ganz zum Schluss, und ließ mich anerkennend nicken. Tolle Idee!

In Summe ist „Alphavirus“ also ein spannendes Leseerlebnis für zwischendurch, und ich hoffe, dass der Autor diesem literarischen Häppchen baldmöglichst weitere folgen lässt.

Ein herzlicher Dank geht an Peter für die Übersendung des Rezensionsexemplars. Die Tatsache, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, beeinflusst meine Meinung selbstredend nicht.

Demnächst in diesem Blog: „Dorfroman“ von Christoph Peters.

„Die Republik“ von Maxim Voland

Buch: „Die Republik“

Autor: Maxim Voland

Verlag: Piper

Ausgabe: Hardcover, 528 Seiten

Der Autor: Hinter Maxim Voland verbirgt sich ein deutscher Bestsellerautor. Seine Werke – bereits international bekannt. Sein Spektrum – vielfältig. Sein Roman „Die Republik“ – ein faszinierendes Gedankenspiel: Was wäre, wenn die Geschichte anders gelaufen wäre?
Maxim Voland plant bereits weitere Romane. (Quelle: Piper)

Das Buch:Europa, 1949: Die neu gegründete DDR umfasst nach einem unglaublichen Coup das gesamte deutsche Staatsgebiet, mit Ausnahme des westlichen Teils von Berlin. Gegenwart: Die DDR ist führende europäische Macht – ein hochmoderner Überwachungsstaat mit einem glücklichen Volk. So scheint es. Während internationale Agentenorganisationen im autonomen West-Berlin ihre Pläne schmieden, wird die DDR von einem furchtbaren Vorfall erschüttert: Über den Platz der Akademie zieht eine Giftgaswolke und fordert zahlreiche Tote. Ein Unfall? Ein Anschlag? Welche Macht steckt dahinter? Ein desillusionierter Stasi-Oberst, der französische Dolmetscher Christopher und die junge DDR-Bürgerin Alicia geraten in eine Verschwörung gigantischen Ausmaßes, die das Ende Europas bedeuten könnte … (Quelle: Piper)

Fazit: Mit Romanen im Stile von Robert Harris oder auch Philip K. Dick, die alternative Geschichtsverläufe zum Thema haben, kann man mich wirklich gut kriegen, behandeln diese Romane häufig eben spannende Was-wäre-wenn-Szenarien, die auf mich als halbstudierten Historiker einen gewissen Reiz ausüben. Allerdings habe ich bei diesem Genre eben auch ziemlich genaue Vorstellungen, wie ein entsprechendes Buch zu sein hat und was es behinhalten sollte und was eben nicht. Daher scheitert „Die Republik“ bei mir leider an meinen Erwartungen, mag für andere Leser aber durchaus eine gute Wahl darstellen.

Meine Schwierigkeiten mit dem Buch begannen schon bei den Charakteren, insbesondere bei der Agentin Harper. Innerhalb recht kurzer Zeit schafft es der Autor, diese Figur als frustrationsintolerante Person darzustellen, bei der es schon mal vorkommen kann, dass ein sie auf ihre „niedlichen Sommersprossen“ ansprechender Kollege „mit einem Schlag wegen seines Machospuchs die Nase gebrochen“ bekommt (S. 28), eine Person, die einen gewissen Hang zur zwanglosen One-Night-Stand-Promiskuität aufweist und die ingesamt so gewollt edgy und unangepasst rüberkommt, dass es manchmal etwas albern wirkt. Das männliche Pendant zu dieser Figur hätten sensiblere Lesergruppen dem Autoren vermutlich um die Ohren gehauen. Aber darum geht es mir nicht, mir geht es lediglich darum, dass Harper keine überzeugende Figur darstellt.

In abgeschwächter Form gilt das auch für den Dolmetscher Chris, der den Eindruck einer typischen Fitzek-Hauptfigur macht, die unbedarft und unabsichtlich in eine gefährliche Handlung hineinstolpert. Überhaupt hatte ich bei der Lektüre von Maxim Voland durchgehend das Gefühl, ich lese einen Fitzek. Schauen wir mal, wenn die Identität von Maxim Voland irgendwann geklärt ist, ob ich recht hatte.

Lediglich der Stasi-Oberst Gustav Kuhn weiß zu überzeugen. Dieser hat vom Regime die Nase voll und will beim Einsetzen der Handlung eigentlich rübermachen. Seine Hintergrundgeschichte ist schlüssig, seine Motive nachvollziehbar und insgesamt kann er bei mir durchaus Smypathiepunkte sammeln.

Ähnlich wie bei den handelnden Personen erging es mir auch in stilistischer Hinsicht, nur in abgeschwächter Form. Im Grunde kann man Maxim Voland hier wenig Vorwürfe machen, denn das Buch ist in einem äußert lesbaren Ton formuliert, von dem ich persönlich mich allerdings ein wenig unterfordert fühlte. Darüber enthielt das Buch aus meiner Sicht auch zu viele simple pew-pew-Schießereien, inklusive permanenter, für mich etwas befremdlicher Erwähnung der dabei verwendeten Schießeisen, bei denen es dann beispielsweise heißt „Die leblosen Körper der Männer und Frauen dampften in der Winterkühle, Blut sickerte über den Boden; zerplatzte Gedärme lagen wie Girlanden zwischen den Toten“ oder auch „Keuchend glitt er bäuchlings durch den Belag aus Blut, Dreck und Exkrementen und rutschte bis an die Kante; der stinkende, warme Dampf aus den Leichen gab ihm Deckung. Es roch wie in einer Schlachterei.“ (S. 314 und 315). Nun mag es zweifellose Leser geben, die diese eher rustikale Art der Darstellung mögen, nur gehöre ich nicht dazu. Insgesamt gilt für den stilistischen Bereich aber eindeutig, dass er eben Geschmackssache ist. Meiner wurde halt leider nicht getroffen.

Abseits von Charakteren und Stil lebt ein Buch wie „Die Republik“ natürlich in erster Linie von seiner Handlung und seinem Setting. Und hier kann der Roman erfreulicherweise am meisten punkten, auch wenn es trotzdem Anlass zur Kritik gibt. Zum einen ist die Handlung durchweg spannend, ideenreich und temporeich erzählt. Zum anderen ist das Setting als solches zwar ebenfalls spannend, auch weil immer die Frage im Raum steht, wie es denn überhaupt zur Übernahme des gesamten bundesdeutschen Gebiet durch die DDR kommen sollte, bzw. warum die Alliierten diesen Gebietsanspruch so widerstandlos geschehen ließen. Leider wird dieses Setting dann aber zu wenig mit Leben gefüllt, im Grunde besteht der Unterbau das Handlungsrahmens häufig lediglich in einer Art Namedropping von DDR-Begriffen wie der Hotelkette Interhotel. Einerseits hätte ich mir hier ein wenig mehr Unterbau für das Setting gewünscht, zum anderen muss erwähnt werden, dass die Art und Weise wie, bzw. wann, die oben genannte Frage nach dem Usprung des Settings beantwortet wird, aus meiner Sicht fast schon ein bisschen frech ist. Das mag bewusst so entschieden worden sein, erweckt aber leider den Eindruck, als wäre Maxim Voland bis zum Abschluss des Buches keine schlüssige Begründung für sein Setting eingefallen, als hätte man diese dann erst während es Lektorats drangeflanscht. Natürlich möchte und würde ich niemandem unterstellen, dass das wirklich so abgelaufen ist, ich sage nur wie es auf mich als Leser wirkt. Und auf mich wirkt diese Vorgehensweise eben eher unglücklich. Ein bisschen so also würde man die Identität des Mörders in einem Krimi beiläufig in der Danksagung kundtun.

Insgesamt hatten Maxim Voland und ich also wenig Glück miteinander. Das muss aber natürlich nicht heißen, dass es anderen Leserinnen und Lesern nicht vollkommen anders gehen könnte. Wer also auf eine wilde Mischung von Robert Harris, John le Carré und Fredrick Forsyth steht, dürfte mit „Die Republik“ sein Glück finden. Ich persönlich war leider eher enttäuscht.

Ich bedanke mich beim Piper Verlag für die freundliche Übersendung des Rezensionsexemplars. Die Tatsache, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, beeinflusst meine Meinung selbstredend nicht.

Demnächst in diesem Blog: „Alphavirus“ von Peter Georgas-Frey.