„Kanada“ von Richard Ford

Buch: „Kanada“

Autor: Richard Ford

Verlag: dtv

Ausgabe: Taschenbuch

Das Autor: Richard Ford wurde 1944 in Jackson, Mississippi, geboren und lebt heute in Maine. Er studierte zunächst Hotelmanagement, dann Englische Literatur und schließlich creative writing bei E.L Doctorow. Er hat sechs Romane sowie Novellen, Kurzgeschichten und Essays veröffentlicht. 1996 erhielt er für ›Unabhängigkeitstag‹ den Pulitzer Prize und den Pen/Faulkner Award. Er zählt mit Raymond Carver und Tobias Wolf zu den Begründern des „dirty realism“. (Quelle: dtv)

Das Buch: Great Falls, 1960. Dell und Berner Parson sind Zwillinge und fünfzehn Jahre alt, als ihre Eltern eine Bank überfallen. Mit dilettantischem Enthusiasmus der stets gut gelaunte Vater, widerstrebend die Mutter, eine Lehrerin mit künstlerischen Ambitionen und dem Traum von einem anderen, besseren Leben. Am Tag danach packt sie die Koffer, um zusammen mit ihren Kindern den Mann zu verlassen. Doch die Polizei kommt ihr zuvor. Für Dell, der sich bislang für die Schule, Bienenzucht und Schach begeistert hat, beginnt weit weg von den Eltern ein neuer Alltag in Kanada. Er lernt, dass nur der Zufall ein Leben retten kann, das aus der Bahn geraten ist … und Gnade. (Quelle: dtv)

Fazit: Richard Ford und mich, so erzählte ich kürzlich einer ganz zauberhaften Person, verbindet eine eher ungewöhnliche Autor-Leser-Beziehung. Diese besteht aus der einseitig – also durch mich – geschlossenen Vereinbarung, dass ich seine Bücher kaufe und sie dann nicht lese.

So habe ich vor einer halben Ewigkeit seinen Roman „Die Lage des Landes“ käuflich erworben, angelesen, sicherlich auch für gut befunden, aber dann aus irgendwelchen Gründen doch zur Seite gelegt und dort verblieb er dann bis heute. Wobei eigentlich mal zu klären wäre, wo dieses „dort“ denn aktuell eigentlich ist. Na ja, frei nach „Titanic“: Es ist ein Haus, es gibt nicht viele Orte, wo es sein kann …

Nachdem ich also genannten Roman nicht las, war es für mich nur umso folgerichtiger, seinerzeit in der Buchhandlung meines Vertrauens zu Fords Roman „Kanada“ zu greifen. Denn wenn ich schon das eine nicht lese, habe ich sicherlich mit dem anderen mehr Glück, so meine  verquere Logik.

Kurz gesagt teilte „Kanada“ lange Zeit das Schicksal seines Romankollegen, landete – übrigens noch vor Beginn meines nunmehr über fünfeinhalb Jahre währenden Blogschaffens, nur damit mal deutlich wird, von welchen zeitlichen Domensionen wir hier reden – auf dem Stapel ungelesener Bücher, wo es verblieb. Bis jetzt.

Wenden wir uns jetzt aber mal von meiner persönlichen Geschichte mit „Kanada“ ab und der Geschichte des Buches zu. Und damit auch einem der massivsten Probleme, die ich mit dem Roman hatte, nämlich dem Erzähltempo.

Auf der ersten Seite erfährt der Leser bereits, dass die Eltern von Dell und Berner Parsons eine Bank überfallen haben, aufgeflogen sind und ins Gefängnis gesteckt wurden. Nach knapp 200 Seiten des etwa 450 Seiten umfassenden Romans ist man aber immer noch nicht bei diesem augenscheinlich wichtigsten Einschnitt im Leben der beiden zum Zeitpunkt des Banküberfalls 15 Jahre alten Teenager angelangt.

Man könnte auch sagen, dass ich bis zu diesem Zeitpunkt nicht mal wusste, warum der Roman „Kanada“ Kanada heißt, weil bis zu diesem Zeitpunkt von Kanada noch überhaupt nicht die Rede war.

Stattdessen ergeht sich Ford in Beschreibungen der unterschiedlichsten Wohnorte in denen die Familie leben musste, da Dells Vater Soldat bei der US Air Force war und immer wieder versetzt wurde. Er beschäftigt sich mit dertailverliebter Genauigkeit mit der Charakterisierung seiner Eltern und den Beweggründen, die sie letztlich zu diesem Bankraub trieben. Und all das ist sicherlich wichtig. Wichtig, um die Situation zu begreifen, wichtig, um seine Eltern zu verstehen und in erster Linie wichtig, um den – übrigens sehr gelungenen – Protagonisten Dell Parsons und seine Suche nach Halt, Stabilität und Struktur im Leben, mit der das Buch sich beschäftigt, zu begreifen. Und im Grunde genommen ist das auch gut gemacht. Aber wenn es so weit geht, dass Ford eine Seite lang beschreibt, welche Gefühle durch die Betrachtung eines Zeitungsfotos seiner Eltern bei ihm ausgelöst werden – Eclair-Erinnerungen im Miniformat, möchte man sagen -, dann ist mir persönlich das Ganze einfach etwas zu viel.

Wenn man sich aber mal darauf eingelassen hat und, eben so nach etwa der Hälfte des Romans, begreift, dass sich an diesem Erzähltempo nicht mehr viel ändert, dann hat das auch durchaus einen Reiz, weil diese Erzählweise eine gewisse entspannende Wirkung hat. Eine Entspannung, die es in der eigentlichen Handlung so nicht gibt.

Denn auch in der zweiten Hälfte, in der Dell sich aus Angst vor dem Kinderheim, in das ihn die Behörden als Minderjährigen wohl stecken wollen, sich nach Kanda aufgemacht hat, bleibt der Autor sich eben dieser ruhigen, mäandernden Erzählweise treu. Nur: Hier wirkt das plötzlich gelungen. Zusammen mit einer etwas abwechslungsreicheren Handlung und der Tatsache, dass Ford in der Lage ist, überdurchschnittlich gut Stimmungen einzufangen und zu transportieren, ergeben die plastischen Landschaftsbeschreibungen, die an John Williams „Butchers Crossing“ erinnern, insgesamt dann ein absolut stimmiges Gesamtbild.

In Summe ist „Kanada“ ein sehr leises Buch, und ein phasenweise gemächliches nach dazu. Das muss man mögen. Man wird dafür aber mit einer teils anrührenden Coming-of-Age-Geschichte belohnt, die sich thematisch damit auseinandersetzt, Dinge, die nicht rund laufen, vor allem Dinge, die wir ohnehin nicht ändern können, anzunehmen. Nicht klaglos anzunehmen oder gar ohne Widerspruch, aber dennoch anzunehmen.

Wer also „Butchers Crossing“ mochte oder gerade ausreichend in sich ruht, um sich auf ein unaufgeregt erzähltes Buch einzulassen, dürfte sein Vergnügen damit haben.

Wertung:

Handlung: 7,5 von 10 Punkten

Charaktere: 8,5 von 10 Punkten

Stil: 8,5 von 10 Punkten

Atmosphäre: 10 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 8,625 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Die schwarze Schar“ von Nicholas Eames. Das hatte ich eigentlich schon vor Richard Ford angepeilt, aber irgendwie komme ich nicht durch die letzten 50 Seiten. Total gutes Zeichen …

 

Freitagsfragen # 105

Freitagsfragen Sommer

 

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

es ist wieder Montag, es wieder Zeit für die Freitagsfragen aus dem Brüllmausblog. Klingt komisch, is´ aber so. Irgendwie hat es sich schon fast durchgesetzt, die Freitagsfragen am Montag zu beantworten, zum Dauerzustand soll es allerdings nicht werden. Man wird sehen. Taten wir zu Schreit.

Die Fragen und Antworten lauten:

1.) Welche Gerüche erinnern Dich an Deine Kindheit?

Zuerst mal der Geruch nach Pferden, wegen des therapeutisches Reitens im Kindergarten. Nun kann therapeutisches Reiten sehr sinnvoll sein, wird, zumindest in meiner Wahrnehmung, heutzutage aber wesentlich gezielter eingesetzt, als damals. Und damals™ bedeutet im vorliegenden Fall die erste Hälfte der 80er. Da hat man diese Maßnahme im Sinne von „One size fits all“ noch auf alle angewendet, die nicht bei drei auf dem Baum waren.

Ich persönlich habe es verabscheut, weil jeglicher möglicherweise positive Effekt davon wieder mehr als ausgeglichen wurde, dass ich halt beständig Angst hatte, von diesem gefühlt 12 Meter hohen Zossen runterzufallen. Das hat aber niemanden interessiert, war ja gesund, das Ganze. Und es waren eben die frühen 80er.

Zumindest hat das dazu geführt, dass ich mich Pferden heute nur noch so weit nähere, wie ich sie werfen kann. Nee, Moment, das ergibt keinen Sinn … – ach, ihr wisst schon, was ich sagen will.

Zum zweiten wäre da der Geruch nach gebratener Leber. Wegen des Erbrechens derselben im Kindergarten. ;-) Nun war es ja nicht so, dass ich nicht auch damals™ schon kundgetan hätte, dass sich mir nicht erschließt, warum um alles in der Welt jemand Innereien essen sollte. Aber auch das hat niemanden interessiert. Denn gegessen wurde, was auf den Tisch kam. Hach ja, die geliebte Pädagogik der 80er, wo is´ sie nur hin!? ;-)

Jedenfalls, aus meiner Sicht war es nur zu folgerichtig, in einer Art Mutter aller Meinungsäußerungen dafür zu sorgen, dass die Leber an diesem Tag sogar zweimal auf den Tisch kam. :-)

Ansonsten sind Gerüche, die mich an die Kindheit erinnern, oftmals mit Orten verbunden. Und die bestehen häufig nicht mehr, oder zumindest nicht mehr so, wie sie waren.

Tja, die Welt ist im Wandel. Ich spüre es im Wasser, ich spüre es in der Erde, ich rieche es in der Luft.

Ich wollte immer schon mal montags morgens aus „Der Herr der Ringe“-Filmen zitieren …

2.) Würde Magie existieren, gäbe es illegale oder unmoralische Magie?

Als passionierter Fantasy-Fan und gelegentlicher PC-Rollenspieler kann ich garantieren, dass es garantiert Letzteres gäbe, wenn es Ersteres gäbe.

Nehmen wir nur mal die wunderbare, weite Fantasy-Welt der deutschen Rollenspiel-Systems „Das Schwarze Auge“ – im Folgenden kurz DSA genannt – dann stellt man fest, dass zu den Arten der dort genutzten Magie vermeintlich harmlose Dinge wie „Telekinese“ oder „Hellsicht“ gehören. In DSA gibt es aber auch eben so etwas wie „Dämonologie“, und als putzigen Bestandteil der selben die Nekromantie.

Nun mag man einerseits einwenden, dass Nekromanten ja auch nur Kleriker mit schlechten Timing seien – und wer den jetzt verstanden hat, kann „Ready Player One“ lesen – und andererseits, dass das ja alles ausgedacht ist.

Aber hey, alles was sich jemand ausdenken kann, kann auch wahr werden.

Hach ja, gelegentlich wirke ich gerne etwas „nerdig“. ;-)

3.) Findest Du, dass Deutschlands Politik sexistisch ist?

Nein, das finde ich nicht. Ich finde lediglich, dass Frauen in der Politik weiterhin unterrepräsentiert sind. Um zu diesem Schluss zu kommen, muss man sich nur mal den Bundestag oder das Kabinett ansehen. Im Bundestag liegt der Frauenanteil derzeit bei knapp 31 % und damit auf dem tiefsten Stand seit 1998.

Und mag es im Kabinett auch etwas besser aussehen – sechs von 15 Ministerien haben eine Ministerin, was immerhin einem Anteil von etwa 40 Prozent entspricht -, so wäre es doch wichtig, sich anzusehen, welche Ministerien das im Einzelnen sind.

So werden die „wichtigen“ Ressorts wie Finanzen, Innen- sowie Außenministerium weiterhin traditionell von Männern geleitet, im Übrigen nicht in allen genannten Fällen mit einer wirklich akzeptablen Besetzung, wenn ich das mal anbringen darf.

Demgegenüber ist Frau Lambrecht in der unkomfortablen Lage, erklären zu müssen, wieso es unser Rechtssystem nicht gebacken gekriegt hat, so etwas wie den „Love-Parade-Prozess“ innerhalb eines akzeptablen Zeitraums über die Bühne zu kriegen, weswegen der nun eingestellt wurde, Frau Klöckner muss weiterhin die Rolle einer besseren Pressesprecherin für die Lebensmittel-Riesen ausführen, Frau Giffey leitet das Ministerium, das Schröder mal als „Familie und Gedöns“ bezeichnet hat, wofür er heutzutage völlig zurecht medial verbrannt werden würde, Frau Schulze darf hoffen, dass innerhalb ihres Ressorts nicht Dramatisches passiert, bis sie ihr Amt an einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin weitergereicht hat, der oder die dann selbst sehen soll, wie das mit der Asse funktioniert, mit anderen Worten: Frau Schulze tut dasselbe, was eine Unmenge an Umweltministern und Innen seit den 90ern schon vor ihr getan haben, Frau Karliczek muss weiterhin behaupten, dass Förderlismus in der Bildung eine tolle Idee ist, was sie nicht ist.

Die einzige Frau im Kabinett, die nicht mein Mitgefühl verdient, weil man sie auf einen Posten abgeschoben hat, bei dem sie entweder nichts bewegen kann oder der als nachrangig, zumindest aber nicht gerade als prioritär gilt, ist Frau Kramp-Karrenbauer, die zu Beginn ihrer Amtszeit gleich erst mal mehr Geld gefordert hat, mutmaßlich ohne vorher zu überprüfen, wie man mit dem bisherigen Geld bei Optimierung im Bereich der Beschaffung besser durchkommen könnte. Aber das ist eine andere Geschichte.

Und dass das alles so ist, das ist durchaus schade. Denn es ist schon auffällig, dass augenscheinlich gerade Staaten mit einer Frau als Regierungschefin – unter ihnen auch Sanna Marin aus Finnland, mit der ich ja zu gerne mal einen Kaffee trinken würde, so schlecht mein finnisch auch sein mag – besser durch die Coronakrise kommen als viele, bei denen das nicht der Fall ist. Mutmaßlich, weil Frauen es wohl einfach nicht nötig haben, einen auf Alpha-Weibchen zu machen, um im Brustton der Überzeugung ähnlich eines Trump, eines Bolsonaro, eines Putin, eines Lukaschenko, lange Zeit zu behaupten, dass alles nicht so schlimm sei und sich daher vorerst mal um gar nichts zu kümmern.

4.) Die Wahl der Qual: Ein Jahr bezahlter Zwangsurlaub oder ein Jahr lang keinen Urlaub?

Offensichtlich scheint es derzeit ja der deutschen größte Sorge zu sein, im Sommer nicht in den Urlaub fahren zu können. Und so sehr ich diese Sorge aus Sicht der Reisebüros, der Reiseveranstalter, der Airlines Fluggesellschaften, der Hotelbetreiber und der Gastronomen am Urlaubsort auch verstehe, so unfassbar peinlich finde ich es, wenn Urlauber den Eindruck vermitteln, als ginge die Welt unter, wenn sie mal ein Jahr nicht nach Malle fliegen dürfen. Die Italiener und Spanier müssen angesichts dessen wohl angewidert-fasziniert fragen: „Echt jetzt? DAS ist euer größtes Problem? Und während ihr während der ganzen Zeit Dinge tun durftet, die wir erst seit kurzer Zeit wieder dürfen, gehen bei euch jetzt auch noch Menschen auf die Straße, die sich in ihrer Freiheit eingeschränkt fühlen? Entschuldigung, aber dafür fehlt uns jedes Verständnis.“

Ja, mir auch.

Gestern war im TV doch tatsächlich eine Frau zu sehen, die sinngemäß sagte, sie habe durchaus „Angst“, was die Durchführung ihrer diesjährigen Urlaubsplanung angeht. Angst! Es mag sein, dass das schlicht blöd formuliert war, aber Angst sollte man sich für Szenarien aufheben, die diese Angst auch verdienen und „Hilfe, meine Flugreise fällt aus – Heute panische Urlauber bei Marko Schreyl in ihrem RTL“ gehört eindeutig nicht dazu.

Um zur Ausgangsfrage zurückzukehren: Ein Jahr bezahlter (!) „Zwangsurlaub“ wäre des Beste, was mir gerade passieren könnte. Ich bin großzügig und nehme auch gerne zwei. Ach, was solls, ich nehme 20!

 

Das war es dann auch schon wieder.

Kommt gut in die Woche und dann gut durch selbige durch.

Und bleibt gesund.

Gehabt euch wohl.

abc.Etüden KW 19/20 I.III

abc.etüden 2020 19+20 | 365tageasatzaday

Etüden: Christiane

Wortspende: Olpo Olponator

 

„André S also. Der war Administrator mehrerer der Prepper-Chatgruppen und stellte sich letztendlich als der namensgebende Hannibal heraus.“

„Benannt nach dem Feldherren.“

„Nein, vermutlich nach dem aus dem „A-Team“.

„Muhahahaha…“

„Kein Witz!“

„Oh …“

„Also, S. war aber eben auch beim KSK. Und nachdem es dort Streit gab, hauptberuflicher Leiter des Vereins Uniter, aber den schenke ich mir jetzt.“

„Okay.“

„Und er war Auskunftsperson für diverse MAD-Mitarbeiter.“

„Was? Der Leiter eines Terrornetzwerks in der Armee war ein MAD-Informant?“

„Jepp!“

„Wie peinlich!“

„Allerdings. Aber auch das ließ sich dann nicht lange totschweigen. Als S. von der Festnahme von Franco A. erfuhr, ließ er sofort alle Chatnetzwerke löschen. Aber es war zu spät. Es wurden Ermittlungen eingeleitet …“

„Und dann wurde auch er großspurig angeklagt.“

„Genau!“

„Wegen Terror-irgendwas?“

„Nein, wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz und das Sprengstoffgesetz.“

„Was?“

„Jepp!“

„Keine Anklage wegen Bildung einer terroristischen Vereinigung?“

„Nein, nur ein Schuldspruch über 120 Tagessätze wegen des genannten Delikts.“

„Und?“

„Und er hat Einspruch eingelegt.“

„Is´nich´ wahr. Aber die Bundeswehr, die hat ihm so richtig den Arsch aufgerissen, oder!?“

„Nope, sein Wehrdienst lief im September des letzten Jahres aus. Er verließ die Armee und kam einem Disziplinarverfahren so zuvor.“

„Also gilt es als erwiesen, dass es ein terroristisches Netzwerk gibt, und niemand wird deswegen gemeinschaftlich angeklagt, sondern immer nur einzeln, wegen Killefitt?“

„Wegen was?“

„Na, wegen dummem Zeug, Kleinigkeiten halt.“

„Ach so, ähm, ja!“

„Ja, aber was sagt denn die Verteidigungsministerin dazu?“

„Nun, nach der gestrigen Razzia sagte sie: „Jeder, der in irgendeiner Art und Weise radikal in der Bundeswehr auffällt, hat in unseren Streitkräften keinen Platz.“.“

„Muhahaha …“

„Was denn?“

„Jeder, der „auffällt“! Das Problem sind aber nicht die Idioten die sich festnehmen lassen und auffallen, sondern die, die nicht auffallen.“

„Stimmt.“

„Weißt Du was?“

„Nein!?“

„Ich gehe mit jetzt aus Frust einen Katamaran kaufen!“

 

299 Worte. Puh, das war schwierig … :-)

abc.Etüden KW 19/20 I.II

abc.etüden 2020 19+20 | 365tageasatzaday

 

Weiter im Text, alles Wichtige wurde schon gesagt, nur die Organisatorin Christiane und Wortspender Olpo Olponator seien noch kurz genannt.

„Kurze Zwischenfrage …“

„Ja?“

„Besitzt dieser Maximlian T. wirklich einen Katamaran?“

„Was? Keine Ahnung, das ist doch auch völlig irrelevant.“

„Okay.“

„Also, weiter: Dann kam Matthias F. ins Spiel, Student und Jugendfreund von Franco A., bei dem hat A. Munitionskisten, Waffenteile und sonstiges Zeug untergestellt. Der wurde dann angeklagt und zu einem Jahr auf Bewährung verurteilt.“

„Ja, super. Na, dieser Franco A. kennt viele Leute …“

„Deshalb nennt man so was Netzwerk …“

„Ach so!“

„Jedenfalls, dann wurde das BKA auf Horst S. aufmerksam, der mit Franco A. in einer Chatgruppe war. Der sagte aus, dass es in der Bundeswehr viele Prepper-Gruppen gäbe, mit dem Ziel, an einem Tag X, an dem die öffentliche Ordnung zusammenbricht, hervorgerufen durch was auch immer, loszuschlagen, die Politiker auf der Liste zu eliminieren und in Summe also so etwas wie einen Staatsstreich zu initiieren.“

„Wahnsinn!“

„Jepp, das ließ sich dann auch kaum noch totschweigen, aber zumindest der Bundestag wurde wegen der laufenden Ermittlungen nicht informiert. Wie auch immer, als Resultat auf die Aussage von Horst S. gab es diverse Razzien, unter anderem auch bei einem Juristen und einem Kriminaloberkommissar. Spätestens jetzt sind neben der Bundeswehr bzw. dem KSK also auch Angehörige der Justiz, im weitestens Sinne, sowie die Polizei involviert.“

„Wahnsinn!“

„Jepp, und auch der MAD hatte da Dreck am Stecken. Ein Mitarbeiter des MAD, früher selbst beim KSK, fragte André S, zu dem kommen wir noch, nach rechtsextremen Tendenzen in seiner Kompanie. Dabei, so mutmaßt man, könnte er S. von bevorstehenden Razzien in der Kaserne erzählt haben, bei denen man dann auch nichts fand. Großspurig wurde der Mitarbeiter des Geheimnisverrats angeklagt.“

„Und?“

„Und er wurde freigesprochen!“

„Wundert mich mittlerweile nicht mehr.“

„Das glaube ich gerne. Aber wir sind auch noch nicht am Ende. Jetzt kommen wir zu André S. …“

 

293 Worte.

 

 

 

abc.Etüden KW 19/20 I.I

abc.etüden 2020 19+20 | 365tageasatzaday

 

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

es ist dann doch mal wieder Zeit für eine Etüde. Und da ich angesichts des Themas wohl nicht mit 300 Worten auskomme, wird das hier nur Teil eins von dreien sein. Was unter anderem bedeutet, dass ich den „Katmaran“ zweimal unterbringen muss, aber was solls!? Die Fragen werden von Christiane organisiert, die Wortspende kommt von Olpo Olponator und seinem Blog olpo run.

 

„Schon gehört?“

„Was denn?“

„Der MAD hat wieder mal ei…“

„Das Magazin?“

„Nein, verdammt, der Militärische Abschirmdienst! Also, die haben mal wieder ein Mitglied des KSK hopsgenommen und bei der Razzia in seinem Haus „Munition, Sprengmittel und Waffen“ gefunden.“

„Wieso wieder mal?“

„Lebst Du unter einem Stein? Na, weil das in den letzten Jahren vermehrt vorgekommen ist. Seit „Hannibal“.

„Dem Feldherren?“

„Nein!“

„Lector?“

„Nein, verdammt, „Hannibal“, das Netzwerk.“

„Ähhhm …“

„Okay, Kurzform: Seinerzeit hat sich der Bundeswehrsoldat Franco A. als syrischer Flüchtling ausgegeben, um als solcher Straftaten zu begehen, und diese den Flüchtlingen in die Schuhe schieben zu können.“

„Davon habe ich gehört.“

„Gut. Beim Versuch, eine von ihm am Wiener Flughafen deponierte Schusswaffe wieder abzuholen, wurde A. dann verhaftet.“

„Und dann?

„Na, am liebsten hätten Bundeswehr und Justiz das totgeschwiegen und bei einer Anklage wegen unerlaubten Waffenbesitzes belassen.“

„Aber?“

„Aber dann hat der BGH berschlossen, dass er doch wegen Terrorverdachts angeklagt werden müsse.“

„Ja, richtig gemacht!“

„Warte ab. Nach seiner Verhaftung geriet sein Kamerad Maximilian T. ins Visier der Ermittler. Bei dem wurde eine Liste gefunden, auf der die Namen bekannter Politiker standen, die man wohl für Anschläge vorgesehen hatte.“

„Und der ist dann auch wegen Terrorverdachts …“

„Nope! Ermittlungen eingestellt, T. hatte zuvor sämtliche Kontaktdaten seines Handys gelöscht, das machte es offenbar schwierig …“

„Dafuq! Die kann man doch …“

„Ja, könnte man sicherlich … Nach der Einstellungen der Ermittlungen könnte man meinen, dass der Kollege großspurig auf dem Bug seines Katamarans stehend in den Sonnenuntergangs ballert, aber nein …“

„Nein …“

„Nein, er wurde von einem AfD-MdB angestellt, der im Verteidigungsausschuss sitzt, bekam einen Hausausweis, könnte so an Unterlagen aus dem Ausschuss kommen, der gegen seine Kollegen ermittelt, geht gelegentlich erfolglos presserechtlich gegen Journalisten vor und arbeitet jetzt auf einem Truppenübungsplatz in Sachsen-Anhalt.“

„Das kann doch nicht Dein Ernst sein.“

„Warte, geht noch weiter …“

 

 

„Frohe Botschaft“ von Walter Wüllenweber

Buch: „Frohe Botschaft“

Autor: Walter Wüllenweber

Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt

Ausgabe: Hardcover, 223 Seiten

Der Autor: Walter Wüllenweber, geboren 1962, hat Politikwissenschaft in Heidelberg studiert und die Henri-Nannen-Journalistenschule absolviert. Seit 1995 ist er Autor beim Stern. 2005 hat Walter Wüllenweber den Deutschen Sozialpreis bekommen und wurde 2007 Reporter des Jahres. Er war zwei Mal für den Henri-Nannen-Preis und drei Mal für den Egon-Erwin-Kisch-Preis nominiert. (Quelle: Random House)

Das Buch: Es steht nicht gut um die Welt. Aber besser als jemals zuvor. Noch nie waren die Menschen so gesund, so gebildet, so wohlhabend, so frei und so sicher vor Gewalt wie heute. Fast alle Entwicklungskurven zeigen steil nach oben. Die vergangenen Jahrzehnte waren die beste Phase in der Geschichte des Homo sapiens. Doch in den Köpfen hat sich das gegenteilige Bild festgesetzt: Gewalt und Elend nehmen zu, alles verschlechtert sich. Diese Botschaft ist die Mutter aller Fake News und die Basis für den Siegeszug der Populisten. Um Herausforderungen wie den Klimawandel oder die Migration zu bewältigen, müssen die Gesellschaften die Lehren nicht nur aus ihren Fehlern ziehen, sondern auch aus ihren Erfolgen. Darum ist es kein Wohlfühlprogramm, die nachgewiesenen Verbesserungen in allen Bereichen des Lebens zu erkennen und zu würdigen. Die frohe Botschaft ist die politischste Botschaft unserer Zeit. (Quelle: Random House)

Fazit: Grünen-Politiker Robert Habeck hat über Wüllenwebers „Frohe Botschaft“ gesagt, er habe sich selten „so herausgefordert gefühlt wie durch dieses Buch“. Und das kann ich vollumfänglich so unterschreiben. Denn so froh, sinnvoll und notwendig die Botschaft ist, die Wüllenweber hier verbreitet, bietet sie an ausreichend Stellen Anlass, entrüstet hochzufahren, erbittert dagegen zu argumentieren oder sich schlicht aufzuregen. Aber man muss ja auch mal andere Meinungen aushalten. Irgendwie kommt gerade das heutzutage viel zu kurz …

Wüllenwebers methodischer Ansatz ist es, sein Buch in drei Teile zu teilen. Den ersten würde Helmut Markwort mit „Fakten, Fakten, Fakten“ zusammenfassen. Der zweite Teil geht der Frage auf die Grund, warum die positiven Entwicklungen, die der Autor im ersten Teil aufzeigt und die so beweisbar wie unwiderlegbar sind, nicht zu den Menschen durchdringen. Der abschließende Teil widmet sich den Folgen des reflexartigen Schwarzmalens und stellt einen Zusammenhang zu den letztjährigen Erfolgen populistischer Parteien her.

Im ersten Teil konfrontiert der Autor die Leserschaft mit einer Ansammlung von Informationen, meist in Form von Statistiken, Umfrageergebnissen und dergleichen. Dabei wendet er sich einer Fülle von Themen zu, von ökologischen und ökonomischen Entwicklungen bis hin zur Kriminalitätsrate. Letztlich darf natürlich auch der Themenkomplex des Flüchtlingszuzugs seit 2015 nicht fehlen.

Vieles davon ist äußerst lehrreich, schade ist nur, dass sich diese Menge an Informationen in Summe leider niemand merken kann.

Denn einiges davon sollte man sich durchaus merken. An dieser Stelle sei meine Lieblingsstatistik angeführt, die besagt, dass die Städte mit dem höchsten Migrantenanteil in den letzten Jahren einen deutlichen Rückgang an Kriminalität verzeichnen konnten. „Duisburg minus 2,8 Prozent; Köln minus 6,2 Prozent; Düsseldorf, Essen, Gelsenkirchen jeweils minus 7,5 Prozent; Oberhausen minus 8 Prozent; Dortmund minus 8,2 Prozent; Stuttgart minus 11,4 Prozent.“ (S. 40).

Entgegen der Entwicklung in Deutschland und insbesondere in den genannten Städten war die Entwicklung in anderen Gegenden mit teils deutlich geringerem Migrantenanteil etwas anders: „Dresden plus 3,7 Prozent; Rostock plus 4 Prozent; Erfurt plus 13,7 Prozent; Leipzig plus 20, 4 Prozent.“ (S. 41)

Nimm das, Pegida!

Zu den Statistiken und Themen gehören aber auch welche, zu denen man unterschiedlicher Meinung sein kann oder die man aus anderen Gründen kritisieren könnte. Einer der für mich persönlichen Gründe ist beispielsweise, dass Wüllenweber sich mehrfach auf Aussagen des Kriminologen Christian Pfeiffer beruft, der bei mir als PC-Spieler sofort Schnappatmung hervorruft, tat er sich doch in der seinerzeit geführten „Killerspiel-Debatte“ durch bemerkenswerte, nahezu unfassbare Ahnungslosigkeit hervor, was ihn jedoch nicht davon abhielt, weiter beharrlich vor sich hin salbadernd Unfug zu verbreiten, der von nicht fachkundigen Menschen geglaubt wurde, was letztlich dazu führte, dass ich wiederum  nie wieder etwas glauben werde, was Christian Pfeiffer sagt, und beträfe es auch nur die Uhrzeit.

Aber das ist mein persönliches Problem.

Darüber hinaus gibt es aber mehrere Thesen, bei denen ich mir eine etwas genauere Betrachtung gewünscht hätte. Zwar gibt sich Wüllenweber Mühe, Sachverhalte dort, wo es Sinn ergibt, auch von zwei Seiten zu betrachten, aber eben nicht immer.

So weist er darauf hin, dass das Institut der deutschen Wirtschaft ermittelt hat, dass sich jedes zusätzliche Bildungsjahr mit einem etwa um zehn Prozent höher liegenden Einkommen auszahlt. Wenn man das weiß, fragt man sich schon, warum die Politik sich beharrlich weigert, Bildung als Bundessache zu behandeln und tatsächlich mal intensiv in eben diese Bildung zu investieren. Mutmaßlich würden dann derzeit auch weniger Menschen mit Bill-Gates-Plakaten durch die Gegend laufen …

Im Folgenden erläutert der Autor, dass die Studienberechtigungsquote in den letzten Jahrzehnten immer weiter angestiegen ist. Und er hält das grundlegend für eine gute Sache. Dabei lässt er aber außer Acht, was ein immer höherer Abiturienten-Anteil für Schüler bedeutet, die dafür vielleicht gar nicht geschaffen sind, sich aber durchquälen müssen, weil „man das heute eben so macht“, oder auch die Frage, was das in der Folge für die Qualität des Abiturs als Schulabschluss bedeutet.

Ein anderes Beispiel ist die Arbeitswelt. Wüllenweber führt an „Wer sich heute über den Stress und die familienunfreundlichen Arbeitszeiten beklagt, die bekanntlich fast zwangsläufig im Burn-Out enden, sollte sich an seine Eltern und Großeltern erinnern.“ (S. 89) und stellt fest, dass die Menschen heute 800 Stunden weniger arbeiten als noch 1960.

Abgesehen davon, dass diese Argumentation, insbesondere die Art, wie sie vorgetragen wird, für mich – wohlwollend formuliert – eine Verharmlosung von Burn-Out- bzw. Depressionserkrankungen darstellt, ergibt es nicht immer Sinn, heutige Zustände mit denen von anno dunneback zu vergleichen, sonst könnten wir als Referenzpunkt auch den Beginn der Industrialisierung nehmen und froh darüber sein, dass wir heute keine Sechsjährigen mehr in Bergwerke scheuchen. Der Autor lässt hier völlig außer Acht, dass sich sowohl Arbeitswelt als auch Familienbilder seit den 60ern deutlich verändert haben. Es mag also beispielsweise sein, dass Papi damals 800 Stunden mehr gearbeitet hat, Mami aber gar nicht. Also, gar nicht im Sinne einer Erwerbstätigkeit, nur um das klarzustellen, bevor jemand die virtuellen Fackeln und Forken hervorkramt.

Diesen, aus meiner Sicht, Fehler der wenig sinnhaften Vegleiche begeht Wüllenweber in der Folge noch mehrmals.

Beispielsweise als er sich dem Thema der Armut zuwendet. Zu diesem Zeitpunkt ist dem Leser schon lange klar, dass sich der Autor als Verteidiger des Mittelstandes aufschwingt, was auch nicht schlimm ist, denn irgendeine Position muss man ja vertreten und wenn man Wüllenwebers letztes Buch kennt, überrascht das auch nicht. Von dieser Position aus betrachtet er die Tatsache, dass das Armutsrisiko in Ländern wie Tschechien, Slowenien oder der Slowakei statistisch gesehen erheblich geringer sei als in Deutschland, trotz einer deutlich geringeren Kaufkraft in eben diesen Ländern.

Das liegt in erster Linie an der Ermittlung des Armutsrisikos. Wer weniger als einen gewissen Prozentsatz des derzeitigen Durchschnittseinkommen hat, gilt als arm oder als armutsgefährdet. Das bedeutet natürlich auch, dass man diese Menschen auch dann noch als armutgefährdet betrachten müsste, wenn man jedem Arbeitnehmer ab morgen 100.000 Euro mehr im Jahr gäbe, der Durchschnitt also erheblich höher läge. Und ja, methodisch ist das eigentlich Unsinn und das kann man durchaus kritisieren.

In Wüllenwebers Gedankenwelt scheint es hier in Deutschland aber so etwas wie Armut überhaupt nicht mehr zu geben, Flaschen sammelnde Rentner gibt es augenscheinlich genau so wenig, wie alleinerziehende Mütter, die rechnen müssen, wie sie bis zum Ende des Monats hinkommen. Denn auch wenn diese Beispiele vielleicht kein Massenphänomen darstellen, so sind sie doch da. Aber wenn man hierzulande von den „Ärmsten der Armen“ spräche, so Wüllenweber, so sei das „eine Verhöhnung von Millionen Menschen in Indien, Äthiopien oder der Zentralafrikanischen Republik, die täglich um das physische Überleben kämpfen müssen.“ (S. 97)

Und auch hier denke ich wieder, dass es nicht immer Sinn ergibt, die eigene Situation mit dem „worst case“ zu vergleichen.

Denn wenn der Autor konstatiert: „Der hundertjährige Kampf gegen die Armut endete hierzulande schon vor langer Zeit mit einem triumphalen Sieg. Wer das leugnet, missachtet, die Erfolge des deutschen Sozialstaats. (S. 94), dann stimmt das sicherlich, wenn man die Armut der Zentralafrikanischen Republik als Maßstab nimmt. Aber eben auch nur dann.

Mit dem Themenkomplex der Armut im Rücken holt der Autor dann zum Rundumschlag gegen die „Lobbyisten der Sozialindustrie“ aus, also gegen Einrichtungen wie die Caritas, den Paritätischen Wohlfahrtsverband etc., die sich nach Wüllenwebers Einschätzung ja nicht aus reinem Altruismus für ihre Ziele einsetzen, sondern die für ihre Arbeit auch bezahlt werden wollen (wie unverschämt aber auch …), die daher darauf angewiesen sind, dass immer wieder Geld hereinkommt und die deswegen die Situation schwarzer darstellen müssen als es berechtigt wäre.

Und ich gebe zu, nachdem der Autor an anderer Stelle schon mal erwähnt hat, dass gerade die Armen – also Bezieher von Sozialleistungen etc. – in den letzten Jahren einen höheren Zuwachs an Geldmitteln hatten als die ach so geknechtete Mittelschicht, wollte ich bei „Lobbyisten der Sozialindustrie“ das Buch zur Seite legen und sagen: „Nee, komm, mach mal alleine weiter.“ Denn wenn die „Sozialindustrie“ (ein widerliches Wort, wie ich finde) und die Menschen, die sie vertritt, solche Lobbyisten hätten, dann bräuchte es diese Lobbyisten irgendwann gar nicht mehr, weil sie keine Bedürftigen mehr zu vertreten hätten.

Glücklicherweise habe ich die Lektüre fortgesetzt, denn im zweiten und insbesondere im dritten Teil versöhnt mich der Autor vollumfänglich. Er widmet sich, wie erwähnt, den Gefahren, die permanente Schwarzmalerei so birgt und die letztlich nur den Populisten hilft.

Die Lektüre der letzten beiden Teile war durch permanentes Kopfnicken meinerseits geprägt und war mehr als eine Wiedergutmachung meines Widerstands im ersten Teil.

Der ja nun darauf fußt, dass der Autor und ich einfach in verschiedenen Dingen unterschiedlicher Meinung sind. Und die, ich kann mich nur wiederholen, muss man eben halt auch mal aushalten.

In Summe ist Wüllenwebers „Frohe Botschaft“ ein in erster Linie sehr informatives und lesenswertes Sachbuch.

Ich danke dem Bloggerportal und der Deutschen Verlags-Anstalt für die freundliche Übersendung des Rezensionsexemplars. Die Tatsache, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, beeinflust meine Meinung selbstredend nicht.

Wertung:

8,5 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Die schwarze Schar“ von Nicholas Eames.

Nochmal montägliche Freitagsfragen # 104

Freitagsfragen Sommer

 

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

zugegeben, ich könnte mich jetzt auch ein wenig mit den hier vorherrschenden Hard- bzw. Softwareproblemen beschäftigen, die ich in der Form bereits einmal hatte, was dann seinerzeit zu einem nicht enden wollenden Systemstart führte und was nur durch ein komplettes Neuaufsetzen des Systems, verbunden mit vollständigem Datenverlust, denn wer braucht schon Backups, zu beheben war …

Ich könnte mich angesichts dieser Tatsache und der, dass heute Montag ist, auch einfach wieder hinlegen und die Welt ihren Scheiß einfach mal alleine machen lassen.

Oooooder ich nehme mir ein bisschen Zeit, um mal die vergangenen Freitagsfragen aus dem Brüllmausblog zu beantworten. Die Fragen und Antworten lauten:

1.) Manchmal treffen wir Menschen, die uns wegen ihrer Art oder wegen etwas, das sie tun im Gedächtnis bleiben. Gibt es eine Begegnung mit einem Fremden, an die Du Dich erinnerst?

Wenn mir fremde Menschen im Gedächtnis geblieben sind, dann meistens wegen einer von Ihnen getätigten Äußerung, und die waren nur selten positiver Natur. So erinnere ich mich noch lebhaft an den Typen, der im Brustton der Überzeugung feststellte: „Adolf hätte Dich vergast!“ Womit er übrigens zweiffellos recht gehabt hätte. Was die Äußerung an sich jetzt aber auch nicht besser macht.

Oder der, der angesichts meines nicht lupenreinen Gangbildes mutmaßte, ich sei „so früh schon besoffen?“.

Tja, wir leben in einer Welt voller dummer Menschen. Leider. Und das stelle nicht nur ich so fest, sondern auch andere:

Wir befinden uns in der Hölle, dem Stammsitz der Fate LLP, deren Eigentümer und Geschäftsführer S. Atan gerade auf der Suche nach seinem Untergebenen, Assistenten und Prokuristen Lübke ist.

„Ach hier sind Sie, Lübke! Ich hab Sie schon überall gesucht. Ich würde Sie gerne sprechen.“

„Worum geht es, Chef!“

„Um die „Steile These in gold“. Wie hat Palmer die Auszeichnung aufgenommen? Kam er her, um sie entgegen zu nehmen? Und hat uns das bereits irgendwie Publicity gebracht? Fragen über Fragen, Lübke.“

„Nun, zuerst mal: Er hat es recht entspannt aufgenommen. Ihm sei in letzter Zeit Schlimmeres passiert, meinte er.“

„Inwiefern?“

„In erster Linie, weil er nach seinen getätigten Äußerungen Morddrohungen gegen sich und seine Familie zugeschickt bekommen habe. Teilweise ganz offiziell mit Klarnamen unterzeichnet hieß es.“

„Das ist ja auf so viele Arten dämlich, dass man gar nicht weiß, wo man anfangen soll.“

„Allerdings. Was die Preisverleihung selbst angeht, nein, er war nicht hier. Aus ganz ähnlichen Gründen. Er habe genug mit dem angekündigten Parteiaustrittsverfahren und dem Angebot der FDP, ihm eine neue politische Heimat zu bieten, zu tun.“

„Die FDP hat Palmer angeboten, in ihre Partei einzutreten?“

„Jawohl.“

„Ich weiß nicht, ob das Palmer oder der FDP mehr zu denken geben sollte …“

„Wie auch immer. Und was die Publicity angeht: Die war durchaus da, aber so etwas muss erst mal eine Weile laufen, bis sich das rumspricht und etabliert. Wir machen da einfach weiter.“

„Apropos weitermachen: Was machen Sie eigentlich gerade?“

„Ich sehe dem Reisswolfblog-Spinner zu.“

„Weil?“

„Weil der gerade an der Frage herumdenkt, ob ihm schon mal fremde Menschen wegen etwas, was sie getan oder gesagt haben, im Gedächtnis geblieben sind. Ich dachte mir, ich hole mir vielleicht Anregungen für die nächsten Nominierungen für die „Steile These in gold“.

„Und?“

„Nichts dabei, leider.“

„Soll das heißen, die Menschen tun oder sagen nichts Dummes mehr?“

„Oh, weit gefehlt, Chef. Wir haben auch schon wieder Leute auf der Nominierungsliste.“

„Als da wären?“

„Einmal die Schwachmaten, die vor einigen Tagen das Team der „heute show“ angegriffen haben. Zum anderen den anderen Schwachmaten, der jemanden aus dem ARD-Hauptstadtstudie angegriffen hat.“

„Beides wären würdige Preisträger.“

„Schon, aber da sind noch mehr.“

„Nämlich?“

„Die gesamte bundesdeutsche Presse!“

„Lübke, haben Sie vom Äther genascht? Das klingt doch nach genau den „Lügenpresse“-Idioten, die Sie immer verurteilen. Was hat die Presse denn verbrochen?“

„Ich nominiere die Presse für die Verwendung des Begriffs „Corona-Skeptiker“.“

„Weil?“

„Weil es eine Verharmlosung ist. Weil es dämlich ist. Wie kann ich Skepsis an etwas äußern, das ist?“

„Das was ist?“

„Na, das einfach ist! Einfach Dinge, die nun mal so sind, wie sie sind. Wie kann ich so etwas anzweifeln? Es gibt doch schließlich auch keine Sonnenuntergang-Skeptiker, die behaupten, es werde nachts nur dunkel, weil das fliegende Spaghetti-Monster die Tür zumacht.“

„Bringen Sie die Leute nicht auf Ideen …“

„Wie auch immer. Jedenfalls, eine Nominierung bleibt noch.“

„Nämlich?“

„Kai Orak.“

„Kenne ich nicht …“

„Muss man auch nicht kennen. Parteiloses Bezirksratsmitglied eines Stadtteils von Hannover.“

„Und was hat der gesagt?“

„Der ist als Redner aufgetreten bei der Veranstaltung „Corona Diktatur Nein danke“ – übrigens in genau dieser Originalorthografie geschrieben, ohne Satzzeichen und alles – und sagte, die Fakten u.a. des RKI seien eindeutig: „Wir haben keine Pandemie!““

„Ach was!?“

„Jepp!“

„Ja, was glaubt er denn, wie man die weltweite Verbreitung eines Virus sonst so nennt?“

„Keine Ahnung, er ist aber darauf bedacht, nicht mit Verschörungstheoretikern und Rechten in einen Topf geworfen zu werden und sagt: „Das ist typisch für die Bundesrepublik. Wenn man die Wahrheit sagt, kommt man in den rechten Topf.“

„Die Wahrheit?“

„Die Wahrheit!“

„In den rechten Topf?“

„In den rechten Topf.“

„Da fragt man sich doch unweigerlich, wer denn endlich mal das Feuer unter dem rechten Topf anmacht, oder!?“

„In der Tat, aber Orak ist noch nicht fertig.“

„Nicht?“

„Nein! Orak behauptete, bereits im März eigenständig recherchiert zu haben und sich dabei eben nicht der klassischen Medien bedient zu haben, „weil die alle lügen“.“

„Das wird ja immer übler …“

„Hinsichtlich der hohen Todeszahlen in Italien sagte er, die lägen immer noch unter dem Durchschnitt der letzten drei Jahre.“

„Unter welchem Durchschnitt?“

„Ja, das weiß ich doch auch nicht … Insgesamt muss das eine lustige Veranstaltung gewesen sein, mindestens zwei Teilnehmer, nein Teilnehmerinnen, trugen einen gelben Stern mit der Aufschrift „Ungeimpft“.“

„Ich kotze!“

„Jepp! Und das war nicht die einzige dieser Veranstaltungen in Hannover. Andernorts trat eine Homöopathie-Ärztin auf …“

„Ohoooo … eine Fachfrau …!“

„Jepp! Sie bezeichnete die Maskenpflicht als „Schwachsinn“ und forderte „Ich möchte, dass noch viel mehr Menschen aufwachen.“ Corona sei nur eine weitere Atemwegserkrankung.“

„Jo, die zuweilen tödlich verläuft …“

„Na, das ist den Herrschaften offensichtlich egal. Gut, dass es dagegen auch noch Menschen gibt, die sinnvolle Dinge sagen.“

„Nämlich?“

„Der Bundespräsident, meines Erachtens übrigens der beste seit Richard von Weizsäcker.“

„Oho – was ist denn mit dessen Nachfolgern? Roman Herzog zum Beispiel?

„Na ja, der war halt irgendwie da. So wie ein verschrobener Archivmitarbeiter, von dem man mutmaßt, dass er seinen Arbeitsplatz im dritten Untergeschoss nie verlässt, der schon zu Napoleons Zeiten da war und den man nur auf Betriebsfeiern zu Gesicht bekommt.“

„Johannes Rau?“

„War gut, aber etwas weniger gut.“

„Horst Köhler?“

„Blieb blass, sagte einmal etwas Richtiges und trat deswegen zurück.“

„Christian Wulff?“

„Och, bitte …“

„Na, aber wie isses denn mit Altbundeskanzler Gauck?“

„Der war und ist sehr monothematisch, eigentlich ging es ihm immer nur im die Freiheit des Individuums. Und er hat sich für mich selbst ins Aus geschossen, als er zum Umgang mit der AfD sagte: „Auch gegenüber rechts braucht es eine erweiterte Toleranz“ und solange diese Partei nicht verboten sei „müssen wir sie am Diskurs teilhaben lassen.“

„Einen Scheiß müssen wir!“

„Ja, sag ich ja. Also: Steinmeier!“

„Und, was hat er gesagt?“

„Sehr kluge Dinge. Und wichtige auch. Während nämlich in Ländern wie den USA, Russland, England, Australien usw. mehr als drei Viertel der Bevölkerung der Meinung sind, dass es wichtig sei, jährlich der Opfer des Zweiten Weltkriegs zu gedenken, sind in Deutschland nur 44 Prozent dieser Auffassung. Sagte nicht der Steinmeier, ist aber so.“

„44 Prozent!? Das ist ja widerlich!“

„Irgendwie schon … Und eben diesen anderen 56 Prozent, die mehrheitlich fragen, ob man es jetzt nicht endlich mal gut sein lassen könne, denen sagte Steinmeier: „Es gibt kein Ende des Erinnerns. Es gibt keine Erlösung von unserer Geschichte. Denn ohne Erinnerung verlieren wir unsere Zukunft.“ und „(…) wer einen Schlussstrich fordert, der verdrängt nicht nur die Katastrophe von Krieg und NS-Diktatur. Der entwertet auch all das Gute, das wir seither errungen haben – der verleugnet sogar den Wesenskern unserer Demokratie.“ und schließlich meine Lieblingsäußerung „Nie wieder!“ – das haben wir uns nach dem Krieg geschworen. Doch dieses „Nie wieder!“, es bedeutet für uns Deutsche vor allem: „Nie wieder allein!“ Und dieser Satz gilt nirgendwo so sehr wie in Europa. Wir müssen Europa zusammenhalten. Wir müssen als Europäer denken, fühlen und handeln. Wenn wir Europa, auch in und nach dieser Pandemie, nicht zusammenhalten, dann erweisen wir uns des 8. Mai nicht als würdig. Wenn Europa scheitert, scheitert auch das „Nie wieder!“!“

„Wenn Europa scheitert, scheitert auch das „Nie wieder!“. Hm, wäre ich Steinmeiers Redenschreiber, würde ich mich dafür tagelang feiern lassen. Und – wie gehts jetzt weiter?“

„Ach, ich sehe noch ein bisschen dem Reisswolfblog-Spinner zu. Der hat noch ein paar Fragen vor sich. Und Sie?“

„Ich glaube, ich lege mich wieder hin.“

 

2.) Sollten Schulen vorrangig Wissen vermitteln oder auf das Leben nach der Schule vorbereiten?

In gewissem Sinne beides. Da es hier aber um „vorrangig“ geht: Vorrangig sollte schon die Vermittlung von Wissen sein. Gewisse persönliche, soziale und methodische Kompetenzen gehen damit dann logischerweise auch einher.

Es kann aber nicht Aufgabe der Schule sein, Schülerinnen und Schüler – ich denke gerade darüber nach, das im Folgenden in „zu Beschulende“ zu gendern und entscheide mich Sekundenbruchteile später dagegen – auf alles vorzubereiten, womit die Schülerinnen und Schüler später mal konfrontiert werden.

Im Jahr 2015 twitterte eine Schülerin „Ich bin fast 18 und hab’ keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann ’ne Gedichtsanalyse schreiben. In vier Sprachen“.

Damals dachte ich spontan: Gedichtsanalyse in vier Sprachen? Na, das ist doch schon gar nicht mal so schlecht. Und was den Rest angeht, so stellt das ein fürchterliches Armutszeugnis an Deine Eltern aus, die eigentlich in der Lage sein sollten, ihrer Tochter in wenigen Sätzen zu erklären, was Miete ist. Oder Steuern. Oder Versicherungen …

Mal im Ernst, immer und immer wieder wird gebetsmühlenartig die Debatte geführt, was alles Schulfach sein sollte. Weil Eltern offensichtlich heutzutage nicht mehr willens oder in der Lage sind, ihren Kindern simple Sachverhalte zu vermitteln. Weist das Kind in diesen Sachverhalten dann Defizite auf, werden dafür aber natürlich nicht in erster Linie die Eltern verantwortlich gemacht, sondern die Lehrerinnen und Lehrer und das System Schule als solches.

Damit will ich nicht sagen, dass das System Schule als solches nicht reformierungsbedürftig wäre, da gäbe es sicherlich vieles. Aber wenn ich höre, dass „Umweltschutz“ (Ergebnis einer Statista-Umfrage), „Gesunde Ernährung“ (Forderung des damaligen Ministers für Landwirtschaft und Ernährung Christian Schmidt), „Glück“ (Schulfach an einer Schule in Heidelberg), „Programieren“ (WOMIT?) „Benehmen“ (!) – Benehmen, ich hab das zu Hause gelernt – und vieles andere Unterrichtsfach werden soll, dann weiß ich nicht, ob ich Reflux kriegen oder doch lieber in hysterisches Lachen ausbrechen soll.

Technisch gesehen, und das kann man ja offensichtlich nicht oft genug wiederholen, müsste für jedes neue Fach ein anderes wegfallen oder eingeschränkt werden. Wobei – muss es!? Jährlich erkranken nach einer DAK-Studie etwa zwei Prozent aller Schülerinnen und Schüler an einer Depression. 43 % Prozent fühlen sich überfordert. (Zahlen aus 2017). Halsen wir den jungen Leuten doch einfach noch ein paar Stunden mehr auf, was macht das schon!?

3.) Welche Verantwortung siehst Du für die Menschheit gegenüber Tieren in Gefangenschaft, die außerhalb dieser nicht überlebensfähig wären?

Man muss ja wohl konstatieren, dass die Tiere in Gefangenschaft nur deswegen außerhalb dieser nicht überlebensfähig wären, eben weil sie sich in Gefangenschaft befinden. Hätte man sie also einfach in Ruhe gelassen, anstatt sie zur Belustigung des Volkes in Zoos, Tierparks und ähnlichen Einrichtungen einzuquartieren, müsste man sich über diese Frage gar keine Gedanken machen und sie könnten noch heute durch die Savanne, Pampa oder Arktisregion streifen.

Damit will ich auch gar nichts gegen Zoos etc. gesagt haben, wer das mag, soll da auch hingehen und ich bin mir sicher, dass die Leute da einen richtig guten Job machen. Ich kann aber mit dem Grundgedanken, Tiere einzupferchen und sie begucken zu lassen, eher wenig anfangen.

4.) Die Wahl der Qual: Hättest Du lieber ein Glas Wasser mit einem Löffel voll Milch oder einer Kelle voll Milch darin?

Ich nehme Letzeres, das dürfte weniger gewöhnungsbedürftig sein.

 

Das war es dann auch schon wieder.

Bleibt gesund.

Gehabt euch wohl.

„Ostfriesenblut“ von Klaus-Peter Wolf

Buch: Ostfriesenblut

Autor: Klaus-Peter Wolf

Verlag: Fischer

Ausgabe: Taschenbuch, 327 Seiten

Der Autor: Klaus-Peter Wolf, 1954 in Gelsenkirchen geboren, lebt als freier Schriftsteller in der ostfriesischen Stadt Norden, im selben Viertel wie seine Kommissarin Ann Kathrin Klaasen. Wie sie ist er nach langen Jahren im Ruhrgebiet, im Westerwald und in Köln an die Küste gezogen und Wahl-Ostfriese geworden. Seine Bücher und Filme wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Bislang sind seine Bücher in 26 Sprachen übersetzt und über zwölf Millionen Mal verkauft worden. Mehr als 60 seiner Drehbücher wurden verfilmt, darunter viele für »Tatort« und »Polizeiruf 110«. Der Autor ist Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland. (Quelle: Fischer)

Das Buch: Ann Kathrin sah es schon von weitem. Vor ihrer Haustür lag etwas, das aussah wie ein Sack. Ein Leichensack! Für einen winzigen Moment hoffte Ann Kathrin, dass sich jemand einen dummen Scherz erlaubt hatte. Doch dann sah sie die Wangenknochen einer Frau. Einer toten Frau.

Die Tote, Regina Orth, ist keines natürlichen Todes gestorben, obwohl im Totenschein „Tod durch Herzversagen“ angegeben wurde. Doch noch während Kommissarin Ann Kathrin Klaasen im Umfeld der Toten ermittelt, erhält sie Hinweise auf das nächste Opfer des Mörders.

Offenbar ist sie Teil eines Spiels, dessen Regeln sie noch nicht kennt. (Quelle: Fischer)

Fazit: Wann immer ich Klaus-Peter Wolf im Fernsehen sehe, Interviews mit ihm lese oder sonstwie mit ihm konfrontiert werde, gelange ich zu dem Schluss, dass es sich bei ihm um einen wirklich sympathischen Zeitgenossen handeln muss. Wenn man dann noch von einer ganz zauberhaften Person des eigenen Umfelds die Anregung bekommt, Wolfs Krimireihe um Ann-Kathrin Klaasen zu lesen und darin auch von verschiedenen Leserinnen (Männer diesmal nicht mitgemeint) meines Blogs darin bestärkt wird, dann ist es nur umso verständlicher, dass ich mir den zweiten Fall von Wolfs Ermittlerin als Lektüre ausgesucht habe.

Und das obwohl ich seinerzeit mit dem ersten Teil doch so meine Probleme hatte, was wohl auch die lange Zeit von ziemlich genau drei Jahren zwischen der Lektüre beider Bücher erklärt.

Und auch im vorliegenden Fall bzw. Buch stolpere ich immer wieder über Dinge, die mir so gar nicht gefallen. Nimmt man die Thriller-Edition des Bullshit-Bingos zur Hand, die die geschätzte Bloggerkollegin Elli anlässlich des kürzlich vergangenen Welttags des Buches auf ihrem wortmagieblog veröffentlicht hat und die solche Kriterien wie „Kapitel aus Sicht des Mörders“, „nimmt den Fall persönlich“ oder auch „traumatisiert“ enthält, und unterzieht „Ostfriesenblut“ einer entsprechenden Überprüfung, dann gelangt man zum Ergebnis, dass für elf der dort genannten 20 Begriffe gilt: Check! Für vier ein klares jein, ein nein in lediglich fünf Fällen.

Aber das allein ist es nicht.

So habe ich, wie bereits im ersten Band, weiterhin Probleme mit den Charakteren. Ann Kathrin Klaasen erfüllt weiterhin viele Kriterien der von mir so oft gescholtenen desillusionierten Ermittlerfiguren aus zerrütteten Familien, die man in skandinavischen Krimis so findet, aber das soll uns an dieser Stelle mal nicht weiter beschäftigen. Denn viel mehr Ärger bereiten mir in „Ostfriesenblut“ die Nebenfiguren.

Es schadet nicht, Ermittler und Nebenfiguren mit chrakteristischen Merkmalen oder Handlungsweisen auszustatten, damit man sie im Folgenden einfach besser zuordnen kann. Als Paradebeispiel für eine gut gelungene derartige Ermittlerfigur soll hier mal Wilderich Große Jäger aus den Krimis von Hannes Nygaard gelten, der allein aufgrund seines Äußeren, seines Auftretens so markant wirkt, dass ich jetzt nicht mal den Namen googeln musste obwohl die letzte Lektüre eines Nygaard-Krimis Jahre zurückliegt.

Klaus-Peter Wolf bevölkert seine Krimis allerdings, wenn nicht mehrheitlich, dann aber wenigstens zu guten Teilen, mit Charakteren voller Handlungsweisen und Marotten, die bestenfalls als befremdlich gelten und für hochgezogene Augenbrauen sorgen können. Hier sei Klaasens Kollege Frank Weller genannt, der die Angewohnheit hat, dauernd in Kartenspiel- bzw. Skat-Bildern zu reden. „Man muss das Blatt spielen, das man auf die Hand bekommt. Man kann nicht immer nur jammern und auf bessere Karten warten.“ (S. 39) Oder auch: „Äi, Schluss jetzt. Du überreizt dein Blatt, Rupert. Andere Leute haben auch Trümpfe in der Tasche.“ (S. 57).

Es mag mir exklusiv so gehen, aber ich empfinde das doch eher als sehr gekünstelt, als zu gewollt und insgesamt als befremdlich und würde Personen meines Umfeldes, die so sprechen, vermutlich fragen, ob sie am Äther genascht haben. Ähnlich befremdlich finde ich übrigens das „Äi“, mit „ä“ und „i“, aber das verbuche ich unter schriftstellerische Freiheit.

Und da wir gerade beim oben angesprochenen Rupert waren: Der Kollege zeichnet sich in erster Linie durch eine bemerkenswerte Inkompetenz aus und überrascht – übrigens schon im ersten Teil – mit Ideen, die logisch nur schwer herleitbar sind. Demgegenüber werden vollkommen nachvollziehbare Ermittlungsansätze von Ann Kathrin Klaasen, ich überspitze mal bewusst, dargestellt wie die Entdeckung des Penicillins.

Stilistisch hinterlässt „Ostfriesenblut“ den gleichen Eindruck wie der erste Teil. Irgendwie emfpinde ich die Bücher sprachlich manchmal als holprig, generell aber als sehr salopp formuliert und wenig fordernd für den Leser. Das mag für einen Krimi hilfreich sein, aber sollte kein Merkmal des Genres darstellen.

Dem allen gegenüber steht aber die Tatsache, dass „Ostfriesenblut“ rein auf die Handlung bezogen richtig gut gelungen ist. Klaasen ermittelt in einem spannenden Kriminalfall, der in sich logisch ist und sowohl hinsichtlich der Täterschaft sowie des Motivs überzeugend dargestellt wird, auch wenn er diesbezüglich nicht gerade Neuland betritt, aber das kann man unmöglich von jedem Buch erwarten.

Wer also an diesem spannenden Kriminalfall Spaß haben könnte und dabei in erster Linie über teils nervig-skurrile Charaktere hinwegsehen kann, dem kann ich „Ostfriesenblut“ empfehlen. Und da die wichtigsten Ereignisse in der Entwicklung von Wolfs Ermittlerfigur aus dem Reihenauftakt auch nochmal kurz angesprochen werden, könnte man sogar mit diesem Band relativ problemlos in die Reihe starten.

Wertung:

Handlung: 8,5 von 10 Punkten

Charaktere: 5,5 von 10 Punkten

Stil: 7 von 10 Punkten

Spannung: 8 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 7,25 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Frohe Botschaft“ von Walter Wüllenweber.

Montägliche Freitagsfragen # 103

Freitagsfragen Sommer

 

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

bereits zu Beginn des viel zu früh verschiedenen, letzten verlängerten Wochenendes wurden im Brüllmausblog erneut die Freitagsfragen gestellt. Nun habe ich mir einfach mal die Freiheit genommen, die Blogosphäre für einige Tage Blogosphäre sein zu lassen und schreite erst mit mehrtägiger Verspätung zur Beantwortung der Fragen. Es wird übrigens ein vergleichsweise langer Text, ich sags nur vorher … Auf gehts, die Fragen und Antworten lauten:

1.) Maifeiertag! Hat er eine Bedeutung für Dich?

Nein, eigentlich nicht. Aber offensichtlich geht es vielen Menschen da anders, nur so ist zu erklären, warum sich in München, Hamburg oder Berlin Hunderte von Menschen ums Verrecken – und das ist kein zynischer Wortwitz – nicht davon abhalten lassen wollten, ihr Demonstrationsrecht auszuüben. Und während das in München noch weitgehend gesittet ablief, war das in Berlin und insbesondere natürlich wieder mal in Hamburg etwas anders.

Ich verstehe es tatsächlich nicht so wirklich.

Berlins Innensenator Geisel sprach in dem Zusammenhang von „schlichter und geballter Unvernunft“. Für mich persönlich geht das allerdings über Unvernunft weit hinaus und mehr in Richtung vorsätzlicher Dummheit.

Er sprach darüber hinaus davon, dass unter den Demonstranten offensichtlich „eine ganze Menge erlebnisorientierter Menschen“ gewesen seien. Na, wenn es diesen Menschen um Erlebnisse geht, dann hätte ich da einige Ideen. Eine Gefängniszelle für eine Nacht von innen sehen, soll ja ein recht eindrückliches Erlebnis sein. Ein anderes wäre gemeinnützige Arbeit zum Mindestlohn, der diesen Herrschaften natürlich nicht ausgezahlt wird, sondern dazu genutzt wird, die Kosten für den Polizeieinsatz, die Straßenreinigung, den Schadenersatz für die abgefackelten Mülltonnen, Autos und sonstiges anderer Leute Eigentum, und alles was sonst noch so anfällt, zu decken.

Ja, ich bemühe mich zusehends, Hinter- und Beweggründe von Menschen zu verstehen, die dazu geführt haben, dass sie tun, was sie eben tun. Aber Verständnis hat eben auch Grenzen.

Die mit Bierflaschen ausgestatteten Jungspunde, die man auf Fotos der Demos so sieht, sind offensichtlich alt genug zum Saufen, dann sind sie auch alt genug, die Tragweite ihres Handelns zu verstehen. Und nur, weil die ärgsten Konsequenzen für jegliche Art unangebrachten Verhaltens dieser Jungspunde mutmaßlich bislang darin bestanden, auf ihr Zimmer oder ohne Abendessen ins Bett geschickt zu werden, im schlimmsten Fall vielleicht darin, das Shirt mit Blumenprints am nächsten Schultag in der Montessori-Schule nicht tragen zu dürfen, heißt das ja nicht, dass man sie nicht tatsächlich mal mit den Folgen ihres Handelns konfrontieren dürfte.

2.) Wie war Dein April und worauf freust Du Dich im Mai?

Mein April war … erschreckend ereignislos. Und ich vermute, dass das nicht nur mir so geht. Da viele Menschen nach wie vor maximal zum Einkaufen das Haus verlassen, beginnt man, rund um seinen Einkauf abendfüllende Erzählungen zu spinnen, beispielsweise wie man auf dem Weg von der Fleisch- an die Käsetheke dem Hausmeister seiner alten Schule begegnet ist. Ein epochales Ereignis! Ein fiktives ebenfalls, ich wollte nur verdeutlichen, dass in der meisten Menschen Leben derzeit wohl vergleichsweise wenig Berichtenswertes passiert.

Anderswo ist das anders. Sehen wir mal nach:

Wie befinden uns in der Hölle, dem Stammsitz der „Fate LLP“, deren Eigentümer und Geschäftsführer sich in alkoholinduzierter, aufgeräumter Stimmung in seinem Büro befindet und singt, was seinen Assistenten und Prokuristen Lübke auf den Plan ruft.

„Jooohnny Walker, Du hast mich nie enttäuscht. Johnny, Du bist mein bester Freund. Hicks.“

„Chef?“

„Aaaah, Lübke, wie schön, dass sie da sind!“

„Mit Verlaub, Chef, aber … trinken Sie?“

„Jepp!“

„Aber … es ist gerade mal acht Uhr morgens durch …“

„Na und? Manchmal ist es zum Trinken nie zu früh. Kommen Sie, setzen Sie sich, nehmen Sie sich ein Glas, heute wird nicht gearbeitet.“

„Ja, aber was ist denn los?“

„Wir sind am Arsch, Lübke, das ist los!“

„Inwiefern?“

„Na, wir sind pleite! Konkurs! Insolvent, zahlungsunfähig, illiquide, bankrott, ruiniert. Aus die Maus, Ende Gelände, Tschö mit ö, Schicht im Schacht, Schluss im Bus, Ruhe in der Truhe, das war´s, Lars …“

„Zugegeben, ich habe die aktuellen Quartalszahlen gesehen …“

„Na, dann wissen Sie ja, was ich meine. Dieser Klopapier-Deal …“

„Ich habe Ihnen von Anfang an gesagt, dass …“

„Ja, ja, hinterher hat man es immer vorher gewusst, schon klar. Das hilft mir nicht, Lübke! Dabei klang die Idee doch so gut: Wir kaufen über Mittelsmänner sämtliche Klopapier-Bestände, die wir bekommen können, schüren so einerseits die Panik und andererseits den Bedarf. Die Klopapier-Hersteller kommen mit der Produktion nicht mehr hinterher, weil die Menschen weniger Altpapier produzieren – und dann, wenn die Menschen aus lauter Verzweiflung schon bereit sind, sich eine Geigenfeige zu kaufen, um die Blätter fremd zu entzwecken, äh, zweckzuentfremden, dann …“

„Eine was?“

„Eine Geigenfeige. Ficus lyrata. Schnauze, weiter im Text! Dann also kommen wir aus der Hecke gesprungen und sagen: WIR haben noch Schachtpappe! Und alles, was wir dafür wollen, ist die Weltherrschaft! Ich sage Ihnen, Lübke, die hätten uns die Weltherrschaft mit Kusshand gegeben. Aber dann …“

„Tja, dann ist die Klopapierproduktion wider Erwarten nicht komplett zusammengebrochen. Und jetzt stehen wir da …“

„Mit Kosten für Klopapier in Millionenhöhe. Ich habe immer noch keine Ahnung, was ich dem Rechnungswesen sagen soll, wie sie das verbuchen sollen.“

„Liebhaberei?“

„Bei Klopapier? Das glaubt uns das Finanzamt nie.“

„Einen Versuch ist es wert.“

„Ich hab zwar keine Hoffnung, aber: Versuchen Sie ihr Glück. Sonst noch was?“

„Ja, ich habe in Zusammenarbeit mit der Marketing-Abteilung ein Konzept entwickelt, das uns retten könnte!“

„Und das sagen Sie erst jetzt! Details, Lübke, sofort!“

„Nun, wir orientieren uns an der Pharmaindustrie.“

„Inwiefern?“

„Na, während der deutsche Staat beispielsweise im Jahr 2018 insgesamt 104,8 Milliarden Euro für Forschung und Entwicklung ausgegeben hat, sehen die Pharmaunternehmen Kosten für Forschung und Entwicklung jetzt nicht als soooo unbedingt nötig an. Eine Studie der Uni Harvard ergab, dass von den 100 größten Pharmaunternehmen 89 mehr für Marketing ausgeben als für Forschung und Entwicklung. 58 dieser Unternehmen sogar dreimal so viel, 27 Firmen tatsächlich zehnmal so viel. Die Kosten für die Entwicklung neuer Medikamente, die den Menschen zugute kommen, müssen offensichtlich eher vom Staat – und damit von diesen Menschen selbst – aufgebracht werden. Vielleicht gäbe es sonst auch bald keine neuen Antibiotika mehr, die Pharma-Riesen Novartis, Sanofi, AstraZeneca und zuletzt Johnson & Johnson haben sich bereits aus der Entwicklung neuer Antibiotika verabschiedet und …“

„Lübke, kommen Sie zum Punkt oder lassen Sie mich trinken!“

„Verzeihung. Also: Wir orientieren uns an der „Marketing-ist-alles-Pharmaindustrie“.“

„Und?“

„Und wir rufen eine Preisverleihung ins Leben. Wöchentlich.“

„Und dann?“

„Dann? Na, dann sind wir im Gespräch. Wöchentlich. Das ist Marketing! Wer wöchentlich im Gespräch bleibt, der ist in, zieht Kunden an, macht Umsätze und letztlich wieder Gewinne.“

„Lübke, die Idee ist total dämlich!“

„Dämlicher als der Klopapier-Deal?“

„Punkt für Sie! Also, Preisverleihung. Wofür? Und wie soll der Preis heißen?“

„Na, wir vergeben den Preis wöchentlich an die Person oder Personengruppe, die in dieser Woche das Dümmste und/Menschenverachtendste gesagt oder getan hat.“

„Passt zu unserer Unternehmensphilosophie!“

„Eben!“

„Und wie soll das Ding heißen?“

„Na, ich dachte ja erst an „Kackbratze der Woche“, aber das klingt wenig verkaufsfördernd. Wir nennen das Ding die „Steile These in gold“.“

„Sen-sa-tio-nell!“

„Ja, oder!?“

„Ja, aber: Kommen denn da in nur einer Woche genug Nominierungen zusammen?“

„Aber hallo! Wir haben gerade die Nominierungsphase abgeschlossen und haben schon jetzt mehr als genug Kandidaten aus der letzten Woche. Die Nominierten bis jetzt sind Wolfgang Schäuble für „Aber wenn ich höre, alles andere habe vor dem Schutz von Leben zurückzutreten, dann muss ich sagen: Das ist in dieser Absolutheit nicht richtig.“ und für „Wir sterben alle.“, Christian Linder, angesprochen auf die Lockerung der Corona-Beschränkungen, für „Die Dankbarkeit hält sich in Grenzen, weil die Einschränkungen der Freiheit insgesamt nicht mehr verhältnismäßig sind und mögliche Öffnungen verzögert werden.“, Boris Palmer für „Wir retten in Deutschland möglicherweise Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären.“ oder die 5.000 Bekloppten, die in Stuttgart gegen die Corona-Beschränkungen und für ihre Grundrechte demonstriert haben bei einer Veranstaltung, die von einem IT-Unternehmer organisiert wurde, dessen Firma eine App für Eltern zur Ortung ihrer Kinder entworfen hat – Realsatire in meinen Augen – und auf der ein gewisser Ralf Ludwig auftrat, Mitglied der neu gegründeten Partei „Widerstand 2020″, und der die Leute bei der Kundgebung aufforderte, sich generell und im Falle der Entwicklung eines Impfstoffs nicht impfen zu lassen. Von sich dort tummelnden Verschwörungstheoretikern und Menschen, die sich ernsthaft in einer Diktatur wähnen, mal ganz abgsehen.“

„All das in nur einer Woche?“

„Jepp.“

„Beängstigend. Egal. Und wer wählt nun den Sieger aus?“

„Nun, Sie natürlich.“

„Oh, wie nett. Tja, dann … Schäuble ist raus, der hat im selben Interview auch kluge Dinge gesagt. Dass Lindner Unfug redet, ist auch nichts Neues, der ist auch raus. Die 5.000 Idioten finde ich tatsächlich beängstigend, denen sollte man aber in erster Linie ärztliche Hilfe und keine Preise zukommen lassen, nachher glauben die noch, die hätten etwas richtig gemacht. Also, meine Stimme geht an Palmer.“

„Gute Wahl. Ich gebe dann mal und bereite die Preisverleihung vor.“

„Machen Sie´s so! Und: Gute Arbeit, Lübke.“

„Danke.“

„Jooohnny Walker, immer braungebrannt. Jooohnny Walker, mit dem Rücken an die Wand …“

 

3.) Wie ist Deine aktuelle Stimmung?

Ein Teil dieser Antwort könnte die Bevölkerung verunsichern. Hach, den wollte ich immer schon mal wieder bringen. :-)

Nein, aber mal im Ernst, kein Grund zur Sorge. Ich bewege mich stimmungsmäßig nicht zwischen Axt und Benzin, sondern eher zwischen glazialem Gleiten und Kontinentaldrift, will sagen, alles kommt mir derzeit sehr lange, langsam und in der Folge langweilig vor. Ja, man könnte sagen, dass ich mich derzeit häufig eher langweile.

Als passioniertem Leser mit umfangreichem Stapel ungelesener Bücher sollte mir dieses Gefühl unbekannt sein, aber nicht mal zum Lesen kann ich derzeit so richtig Begeisterung aufbringen.

Aber ich denke, das gibt sich. Spätestens, wenn im Laufe der Woche das Wetter wieder besser wird.

4.) Die Wahl der Qual: Eine Woche ohne Salz kochen müssen oder eine Woche lang nur Bohnen essen dürfen?

Nun, dass man ohne Salz kochen muss, bedeutet ja nicht, dass man anschließend nicht nachwürzen darf, oder!? :-) Falls doch, würde ich trotzdem die salzarme Kost wählen, kein Verdauungstrakt sollte dazu gezwungen werden, sich eine Woche lang nur mit Bohnen beschäftigen zu müssen.

 

Das war es dann auch schon wieder. Ich wünsche allseits einen guten Start in die Woche.

Bleibt gesund.

Gehabt euch wohl.

 

„Im Grunde gut“ von Rutger Bregman

Buch: „Im Grunde gut“

Autor: Rutger Bregman

Verlag: Rowohlt

Ausgabe: Hardcover

Der Autor: Rutger Bregman, geboren 1988 in den Niederlanden, ist Historiker und Journalist und einer der prominentesten jungen Denker Europas. Bregman wurde bereits zweimal für den renommierten European Press Prize nominiert. Er schreibt für die «Washington Post» und die «BBC» sowie für niederländische Medien. 2017 erschien sein Bestseller «Utopien für Realisten». (Quelle: Rowohlt)

Das Buch: Der Historiker und Journalist Rutger Bregman setzt sich in seinem neuen Buch mit dem Wesen des Menschen auseinander. Anders als in der westlichen Denktradition angenommen ist der Mensch seinen Thesen nach nicht böse, sondern im Gegenteil: von Grund auf gut. Und geht man von dieser Prämisse aus, ist es möglich, die Welt und den Menschen in ihr komplett neu und grundoptimistisch zu denken. (Quelle: Rowohlt)

Fazit: „Wir leben in einem Land, das zu nennenswerten Teilen von Idioten bevölkert wird.“ Diesen Satz wiederhole ich, besonders derzeit, aber auch schon vorher, geradezu gebetsmühlenartig. Und ich stehe dazu, auch weil ich mich durch Klopapierhamsterer und während einer Pandemie demonstrierende Pegida-Schergen in meiner Meinung bestätigt sehe. Aber vielleicht habe ich ja unrecht? Vielleicht ist das ja keine Meinung, sondern ein unhaltbares Vorurteil? Vielleicht ist der Mensch an sich ja im Grunde gut? Dieser Frage geht Rutger Bregman in seinem neuen Buch auf den Grund.

Dazu stellt er nach einem Prolog – in dem er beispielsweise die Geschichte von sechs tonganischen Jungen erzählt, die 1966 auf der Insel ´Ata bei Tonga strandeten und dort 13 Monate ausharren mussten, sich aber ganz entgegen William Goldings „Herr der Fliegen“-Szenario eben nicht gegenseitig massakrierten – die beiden Positionen der Philosophen Thomas Hobbes und Jean-Jaques Rousseau gegeneinander.

Hobbes war, vereinfacht gesagt, der Auffassung, der Urzustand des Menschen sei einer voller Angst und Unsicherheit, die nur mittels der Gründung eines Staates überwunden werden kann. Als Anhänger der sogenannten Fassadentheorie vertritt er die Ansicht, dass die Menschen nur durch einen dünnen Anstrich aus Zivilisation, Kultur, Gesetzen davon abgehalten werden, sich gegenseitig an die Gurgel zu gehen.

Demgegenüber steht Rousseau, der zwar zugibt „Die Menschen sind böse, eine eine traurige und fortdauernde Erfahrung erübrigt den Beweis“, der das aber eben nur auf die Menschen seiner Zeit bezieht, weswegen er anfügt, „jedoch, der Mensch ist von Natur aus gut, ich glaube, es nachgewiesen zu haben;(…)“ .

Doch wer hat nun recht? Als Mensch, dessen philosophische Bildung nicht über die Lektüre von „Sofies Welt“, den erfolglosen Versuch der Lektüre von Weischedels „philosophischer Hintertreppe“ und einer einzigen Vorlesung über Carl Popper hinausgeht, maße ich mir da natürlich keine Antwort an. Aber dafür hat man als Leser ja glücklicherweise Bregman, der der genannten Frage anhand diverser Beispiele aus Biologie, Anthropologie, Geschichte, Philosphie und Psychologie auf den Grund geht.

Einige der Beispiele haben es sogar in den populärwissenschaftlichen Popkulturbereich geschafft, so wie das „Stanford-Prison-Experiment“, bei dem der Psychologe Philipp Zimbardo eine Gruppe von Studenten je zur Hälfte in „Wärter“ und in „Gefangene“ einteilte und das in der Folge dann ziemlich aus dem Ruder lief. Oder aber das „Milgram-Experiment“, bei dem Menschen die als „Lehrer“ fungierten und die eigentliche Testperson darstellten, den in einem anderen Raum sitzenden „Schülern“ bei falscher Beantwortung einer Frage vermeintliche Stromstöße verabreichen sollten.

Und ja, die Ergebnisse beider Experimente vermitteln jetzt kein so unbedingt positives Bild des Menschen an sich.

Bregman macht sich nun daran, nachzuweisen, wo die Schwachstellen bei diesen Experimenten waren, sowohl in der Herangehensweise als auch in der Durchführung, und wieso sie zur Beurteilung der übergeordneten Frage nach der Natur des Menschen absolut keine Aussagekraft haben.

Und das zieht sich in ähnlicher Form durch das ganze Buch. Der Autor stellt häufig allgemeingültige Thesen auf, oder zumindest solche, zu denen man zustimmend nickt, um diese dann fein säuberlich auseinanderzunehmen, und darzustellen, warum sie eben alles andere als allgemeingültig sind.

Nun maße ich mir nicht an, Bregmans Ausführungen nach wissenschaftlichen Standards zu beurteilen, das sollen Leute tun, die sich besser mit der Materie auskennen. Ich kann das Ganze also nur als Laie beurteilen. Und als solcher kann ich sagen, dass ich die Vorgehensweise, sowie die Argumentation und seine Schlussfolgerungen als nachvollziehbar und in sich logisch empfand.

Natürlich gibt es da auch Ausnahmen, so zum Beispiel bei der Geschichte um Kitty Genovese. Die junge Frau wurde in den 60ern nachts vor ihrem eigenen Haus überfallen und getötet. In der Folge wurde die Geschichte verbreitet, dass bis zu 38 Nachbarn eigentlich etwas gehört, dennoch aber nichts unternommen hätten, um zu helfen. Auch hier widerlegt Bregman die urspünglichen Annahmen, arbeitet schließlich heraus, dass es „nur“ zwei Nachbarn waren, die sich für aktives Nichtstun entschieden haben. Und über einen davon sagt Bregman „Fink war ein seltsamer, in sich gekehrter Mann. Er hasst Juden und wurde von den Kindern in der Nachbarschaft „Adolf“ genannt.“ (S. 218) Nun mag das zwar so sein, und vielleicht war besagter Fink wirklich kein angenehmer Zeitgenosse, das Diskreditieren einer Person, um daraus eine Handlungsmotivation abzuleiten, oder im vorliegenden Fall die Motivation für ein Nichthandeln, empfinde ich persönlich jedoch eher als schwach bis ungenügend, geht das dann doch mehr in die Richtung „Argumentum ad hominem“, und das sollte einem in einem solchen, wenn auch vielleicht eher „nur“ populärwissenschaftlichen Buch doch tunlichst nicht passieren.

Es mag nicht verwundern, dass sich Bregman hinsichtlich der beiden genannten Philosophen schon eher auf die Seite des berühmten Franzosen schlägt. Aber der Autor belässt es sinnigerweise nicht bei dieser Schlussfolgerung, sondern erläutert im Folgenden, was diese denn nun für unser weiteres Zusammenleben bedeutet. Dahingehend möchte ich jetzt nicht zu viel in die Tiefe gehen, das würde zu viel vorwegnehmen, aber sagen wir mal so: Wenn auch der Begriff „bedingungsloses Grundeinkommen“, sofern ich aufmerksam gelesen habe, nicht ein einziges Mal fällt, so lassen sich Bregmans Schlussfolgerungen durchaus als Plädoyer für ein solches lesen. Ein Plädoyer dafür, die Menschen so weit wie möglich von ihren wirtschaftlichen Zwängen zu befreien, um sie so ihrer eigentlichen Natur wieder näherkommen zu lassen. Und spätestens hier ist mir der Autor und sein Buch dann doch sehr sympathisch geworden.

Sogar so sympathisch, dass ich darüber hinwegsehen konnte, dass er sein Buch mit „10 Lebensregeln“ abschließt, die auf seiner Argumentation aufbauen, und die er sich guten Gewissens hätte sparen können, aber vermutlich erwartet die heutige Sachbuchleser-Generation immer auch so etwas wie einen Ratgeber, einen Selbsthilfeteil, ich weiß es nicht.

Auch hier ist mir Bregman sehr sympathisch, denn dass er sich diesen Teil des Buches hätte schenken können, ist ihm selbst bewusst, sagt er doch von sich, selbst kein Fan von Selbsthilfebüchern zu sein. „In unserer Zeit herrscht zu viel Introspektion und zu wenig Outrospektion. Eine bessere Welt fängt nicht bei einem selbst, sondern bei uns an. Mit weiteren hundert Tipps, wie man Karriere macht und sich selbst reich phantasiert, werden wir das nicht schaffen.“ (S. 416), sagt er dann auch so treffend. Nur um dann aber eben doch seine zehn Lebensregeln zu verbreiten.

Sei es drum, wem es hilft …

Und dem Gesamteindruck schadet das in keiner Weise, denn geblieben ist ein sehr nachdrücklicher Leseeindruck sowie das feste Vorhaben, mich zukünftig mehr mit philosophischer Literatur zu beschäftigen. Anregungen werden gerne entgegen genommen. Es muss ja nicht gleich Kant sein …

Geblieben ist aber auch ein größeres Verständnis meinerseits dafür, dass Menschen so ticken, wie sie eben ticken. Denn es mag immer noch sein, dass wir in einem Land leben, dass zu nennenswerten Teilen von Idioten bevölkert wird. Aber jeder einzelne davon hat einen Grund, warum er so ist, wie er eben ist.

Ich danke dem Rowohlt Verlag für die freundliche Übersendung des Rezensionsexemplares. Die Tatsache, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, beeinflusst meine Meinung selbstredend nicht.

Wertung:

10 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Ostfriesenblut“ von Klaus-Peter Wolf.