„Cox oder Der Lauf der Zeit“ von Christoph Ransmayr

Buch: „Cox oder Der Lauf der Zeit“

Autor: Christoph Ransmayr

Verlag: Fischer

Ausgabe: Taschenbuch, 304 Seiten

Der Autor: Christoph Ransmayr wurde 1954 in Wels/Oberösterreich geboren und lebt nach Jahren in Irland und auf Reisen wieder in Wien. Neben seinen Romanen »Die Schrecken des Eises und der Finsternis«, »Die letzte Welt«, »Morbus Kitahara«, »Der fliegende Berg«, »Cox oder Der Lauf der Zeit«, »Der Fallmeister. Eine kurze Geschichte vom Töten« und dem »Atlas eines ängstlichen Mannes« erscheinen Spielformen des Erzählens, darunter »Damen & Herren unter Wasser«, »Geständnisse eines Touristen«, »Der Wolfsjäger« und »Arznei gegen die Sterblichkeit«, im Juli 2022 »Jägerin im Sonnenbad. Dreizehn Balladen und Gedichte«. Zum Werk Christoph Ransmayrs erschien der Band »Bericht am Feuer«. Für seine Bücher, die in mehr als dreißig Sprachen übersetzt wurden, erhielt er zahlreiche literarische Auszeichnungen, unter anderem die nach Friedrich Hölderlin, Franz Kafka und Bert Brecht benannten Literaturpreise, den Kleist-Preis, den Premio Mondello und, gemeinsam mit Salman Rushdie, den Prix Aristeion der Europäischen Union, den Prix du meilleur livre étranger und den Prix Jean Monnet de Littérature Européenne. (Quelle: Fischer)

Das Buch: Der mächtigste Mann der Welt, Qiánlóng, Kaiser von China, lädt den englischen Automatenbauer und Uhrmacher Alister Cox an seinen Hof. Der Meister aus London soll in der Verbotenen Stadt Uhren bauen, an denen die unterschiedlichen Geschwindigkeiten der Zeiten des Glücks, der Kindheit, der Liebe, auch von Krankheit und Sterben abzulesen sind. Schließlich verlangt Qiánlóng, der gemäß einem seiner zahllosen Titel auch alleiniger Herr über die Zeit ist, eine Uhr zur Messung der Ewigkeit. Cox weiß, dass er diesen ungeheuerlichen Auftrag nicht erfüllen kann, aber verweigert er sich dem Willen des Gottkaisers, droht ihm der Tod. Also macht er sich an die Arbeit. (Quelle: Fischer)

Fazit: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ hat der geschätzte Herr Wittgenstein mal geschrieben. Und mag er es auch im völlig anderen Zusammenhang gemeint haben, so hätte er im Bezug auf Ransmayrs Roman fast richtig gelegen, denn gemessen daran, wie lange meine Lektüre des Romans bereits zurückliegt, hätte ich nicht gedacht, dass ich nochmal versuchen würde, meiner Begeisterung über das Buch Ausdruck zu verleihen. Nun gibt es aber eben Bücher, über die zu schweigen unmöglich ist – und „Cox oder Der Lauf der Zeit“ ist so eines.

England im 18. Jahrhundert: Der Automatenbauer und Uhrmacher Alister Cox befindet sich in einer Schaffenskrise. Seine Tochter Abigail verstarb im Alter von nur fünf Jahren, seine Frau hat seitdem kein Wort mehr gesprochen. Und Alistair kann sich einfach nicht dazu aufraffen, weitere Uhren zu entwerfen. Geräte, deren Sinn letztlich doch nur darin liegt, die Zeit zu messen. Zeit, von der seine Tochter viel zu wenig hatte und die ohnehin ja für uns alle abläuft – auch wenn ich den Gegenbeweis und in 2.000 Jahren das Universum zu regieren gedenke.

In seiner verzweifelten Situation bekommt Cox Besuch von chinesischen Gesandten, die ihm einen Auftrag unbekannter Art des chinesischen Kaisers Qianlong antragen wollen, verbunden mit einer Einladung an den dortigen Hof. Cox hat den Eindruck, dass ihn in seiner nebligen Heimat nicht viel hält und bricht an der Seite dreier seiner Mitarbeiter nach China auf.

Dort stellt sich schließlich heraus, dass Alistair ausgerechnet wieder Uhren entwerfen soll. Allerdings ganz spezielle Uhren, die dem Umstand Rechnung trägt, dass die Zeit zwar immer beständig und gleichbleibend vergehen mag – wenn man von physikbasierten Spitzfindigkeiten absieht -, dass sie aber je nach Lebenssituation gefühlt mal schneller, mal langsamer vergeht. So wie eben eine Wurzelbehandlung gefühlt länger dauert als eine Silvesterparty, das Ausfüllen der Steuererklärung länger als die Lektüre eines guten Romans.

Alistair macht sich mit seinen Mitstreitern ans Werk und was folgt, ist ein ganz wunderbarer Roman, für den Denis Scheck seinerzeit vollkommen berechtigt den Begriff „Meisterwerk“ verwendete.

Zunächst mal ist das Buch – wenig überraschend – tatsächlich eine ganz großartige Allegorie zum Thema Zeit und Vergänglichkeit und unserem Umgang mit beidem. Während sich Alistair in diesem Zusammenhang der Frage ausgesetzt sieht, ob es wirklich so clever ist, für einen Kaiser, der auch „Herr der zehntausend Jahre“ genannt wird, der somit im Verständnis seiner Untertanen auch über die Zeit gebietet und dementsprechend widerspruchslos bestimmen kann, dass während seine Aufenthalts im Sommersitz selbst dann noch Sommer ist, wenn bereits der erste Schnee fällt, während sich also Alistair der Frage ausgesetzt sieht, ob es wirklich so clever ist, diesem Herrn Uhren zu bauen, die ihn, den Kaiser, selbst nur an seine eigene Vergänglichkeit erinnern, ist Ransymayrs Roman aber noch viel mehr.

So gelingt ihm auf wunderbare Weise, in erster Linie über die Figur des Dolmetschers Kiang, die kulturellen Unterschiede, die unterschiedlichen Sichtweisen auf das Leben, das Universum und den ganzen Rest von Engländern und Chinesen darzustellen, und dabei auch wirklich beide Seiten zu beleuchten, ohne diesbezüglich eine Wertung vorzunehmen. So reagieren die Chinesen auf die vergleichsweise Ungezwungenheit der Briten mit derselben Befremdung, mit der eben diese auf die Sitten und Gebräuche sowie die übermäßige Unterwürfigkeit unter den Kaiser der Chinesen reagieren.

Präsentiert wird das Ganze in einer sehr zielsicheren Sprache zu der sich zuweilen eine wunderbare Bildsprache, eine tiefe Symbolik addiert. Wenn etwa nach einem Todesfall in Cox Umfeld Schneefall einsetzt, sich der Schnee als geschlossene Decke über alles legt, sodass man keine besonderen Konturen mehr wahrnehmen kann, dann könnte das bildhaft für die Ankunft des großen Gleichmachers, der früher oder später eben trotz aller Standesunterschiede eben doch alle findet, stehen und dann großes Kino sein – es könnte aber auch meinem Hang zur Überinterpretation entspringen. Was der Szene nichts von ihrer Wirkung nimmt.

Mag sich der Autor auch gewisse, künstlerische Freiheiten genommen haben – so hieß der historische Cox James und nicht Alistair, lieferte zwar nach China, war aber nie dort, ging dafür aber mehrfach pleite -, die Umsetzung des Ganzen ist mehr als gut gelungen.

Unbedingt lesen!

Demnächst in diesem Blog: Entweder „1793“ von Niklas Natt och Dag – Zeit wäre es mal langsam dafür – ooooder „Zwölf Ausschweifungen“ von Sören Heim.

„Der Tag des Opritschniks“ von Vladimir Sorokin

Buch: „Der Tag des Opritschniks“

Autor: Vladimir Sorokin

Verlag: Kiepenheuer & Witsch

Ausgabe: Taschenbuch, 224 Seiten

Der Autor: Vladimir Sorokin, 1955 geboren, gilt als der bedeutendste zeitgenössische Schriftsteller Russlands. Er wurde bekannt mit Werken wie »Die Schlange«, »Marinas dreißigste Liebe«, »Der himmelblaue Speck«. Bei KiWi erschienen zuletzt die Romane »Der Schneesturm«, »Telluria«, die Literaturgroteske »Manaraga« und der Erzählungsband »Die rote Pyramide«. (Quelle: Kiepenheuer & Witsch)

Das Buch: Russland im Jahr 2027. Das Land hat sich vom Westen abgeschottet, lebt allein vom Gas- und Ölexport, pflegt Handelskontakte nur noch mit China und ist von der Großen Russischen Mauer umgeben. Es wird vom »Gossudar«, einem absoluten Alleinherrscher regiert. Und wie einst Iwan der Schreckliche übt dieser seine Macht mithilfe der Opritschniki, der »Auserwählten«, aus: einer Leibgarde ergebenster Gefolgsleute, die vor keiner Bestialität zurückschreckt und der beinahe alles erlaubt ist. (Quelle: Kiepenheuer & Witsch)

Fazit: Die Opritschniki, so erfährt man nicht nur vom Klappentext, sondern detaillierter noch nach einer kurzen Recherche, waren eine Art persönlicher Schutztruppe des Zaren Iwan IV., für die seinerzeit recht strenge Regeln galten. Sie durften keine Beziehungen zum Bojarentum, dem russischen Adel – heute würde man vermutlich schwammig irgendwas von „Eliten“ blubbern -, unterhalten, keine Freundschaften außerhalb der Opritschnina pflegen, mussten Verräter melden – oder das, was man dafür hielt – und allgemein dem Zaren die bedingungslose Treue schwören.

In seinem bereits 2006 erschienenen Roman „Der Tag des Opritschniks“ lässt Sorokin diese Opritschniki wieder aufleben. Im Russland des Jahres 2027 dienen sie als unmittelbar dem „Gosssudaren“ unterstellte Schutztruppe und die Stellenbeschreibung ähnelt durchaus der des Originals. So pflügen sie in ihren hochgezüchteten Autos, die mit Besen und Hundeköpfen als Insignien ausgestattet sind, über eigene Fahrstreifen, immer auf der Suche nach neuen Staatsfeinden, die es zu bekämpfen gilt.

Die Leserschaft begleitet dabei einen Tag im Leben des Opritschniks Andrej Danilowitsch Komjaga, beginnend damit, dass er sich für eben diesen Tag unter Zuhilfenahme eines Dieners und eines Frühstückwodkas bereit macht, denn der Tag wird anspruchsvoll sein. Zunächst steht die Hinrichtung eines Oligarchen auf dem Programm, zudem wird der Wohnsitz des soeben verblichenen Oligarchen den Flammen überantwortet und nebenbei wird dessen Frau von der versammelten Mannschaft vergewaltigt. Danach werden Bestechungsgelder vereinnahmt, bevor man sich gemeinsamen Drogenexzessen hingibt.

So lakonisch, wie ich das hier zusammengefasst habe, so lakonisch ist auch der Ton des Buches. Es wird kühl und teilnahmslos erzählt. Gleiches gilt auch für Sorokins Protagonisten. Komjaga hinterfragt sein Tun an keiner Stelle, ergeht sich, wie der Rest der Truppe ebenfalls, in blindem Kadavergehorsam und tut einfach, was man ihm aufträgt. Insgesamt ist das wenig subtil.

Und das ist auch einer der Gründe, warum ich mit „Der Tag des Opritschniks“ so meine Probleme hatte. Es ist eben null subtil, wirkt eher wie eine Art Gewaltporno. Wie die unreflektierte, aneindergereihte Schilderung brutaler Gewalttaten, die begangen werden, weil … weil halt. Weil man dazu aufgefordert wird, weil es Teil des Jobs ist, weil die ausführenden Figuren sie, die Gewalttaten, nicht hinterfragen, weil man diese vielleicht sogar für angemessen hält. Für mich wirkt das zu sehr nach der Holzhammermethode. Auch wenn uns die Geschichte mittlerweile eingeholt hat und von Geschehnissen berichtet, die exakt nichts anderes sind als brutale Gewalttaten, die ausgeführt werden, weil man sich in der Position wähnt, das zu tun.

Die emotionslose Erzählweise, in Verbindung mit einer Bildsprache und Symbolik, die man mutmaßlich nur erkennt, wenn man über entsprechende Vorbildung verfügt, tun dann noch ihr Übriges. Als Beispiel sollen hier nur mal die weiter oben erwähnten Besen und Hundeköpfe genannt sein, die tatsächlich Insignien der historischen Opritschniki waren, was man aber nur weiß, wenn man es eben weiß. Und derlei nur Eingeweihten zugängliche Motive gibt es wohl noch weitere, was die Lektüre nicht gerade vereinfacht.

Insgesamt war mir „Der Tag des Opritschniks“ dann einfach zu überladen mit Gewaltexzessen, um der Gewalt willen, als dass ich aus der Lektüre noch irgendwas anderes hätte herausziehen können. Und von Gewaltexzessen, allerdings leider ganz realer Natur, gibt es derzeit täglich ohnehin schon zu viel. Auch wenn das dem Roman wiederum angesichts seiner Erstveröffentlichung eine gewisse prophetische Komponente verleiht.

Demnächst in diesem Blog: Entweder „Cox oder Der Lauf der Zeit“ von Christoph Ransmayr ooooder „1793“ von Niklas Natt och Dag.

„Die dritte Quelle“ von Werner Köhler

Buch: „Die dritte Quelle“

Autor: Werner Köhler

Verlag: Kiepenheuer & Witsch

Ausgabe: Hardcover, 432 Seiten

Der Autor: Werner Köhler, geboren 1956, ist Schriftsteller und Gründer des Literaturfestivals lit.COLOGNE. Er lebt in Köln. Bisher erschienen bei Kiepenheuer & Witsch die Romane »Cookys« (2004), »Eine ganz normale Familie« (2006), »Drei Tage im Paradies« (2011) und »Cookys Reise« (2013) sowie die Krimireihe rund um Hauptkommissar Jerry Crinelli. Unter dem Pseudonym Yann Sola veröffentlichte Köhler außerdem die in Südfrankreich spielende Krimireihe um den Kleinganoven und Hobbyermittler Perez. (Quelle: Kiepenheuer & Witsch)

Das Buch: Harald Steen ist vierundsechzig Jahre alt, als er sein altes Leben hinter sich lässt. In Rotterdam besteigt der knorrige Einzelgänger ein Containerschiff und nimmt Kurs auf die legendäre Galapagosinsel Floreana, um endlich seiner rätselhaften Familiengeschichte auf die Spur zu kommen.

Der Start auf der Insel gestaltet sich schwierig. Aufmerksam verfolgen die Bewohner jeden Schritt des »dürren Deutschen«, der sich allzu sehr für die dunkle Inselhistorie interessiert und damit für Unruhe sorgt. Doch nicht nur im Dorf stößt Steen auf Widerstände. Auch auf seinen Expeditionen in die faszinierende wie tückische Wildnis Floreanas gerät er an seine Grenzen. Bald aber scheinen sich die Strapazen zu lohnen. Denn mit jedem weiteren Tag auf der Insel nähert sich Steen nicht nur der tragischen Geschichte seiner Familie, die Anfang der Dreißigerjahre in die mysteriöse Galapagos-Affäre verstrickt war. Allmählich entwickelt er auch ein Gespür für das Wesen dieses unwirklichen Ortes. Und dann ist da noch Mayra und die plötzliche Ahnung von Glück … (Quelle: Kiepenheuer & Witsch)

Fazit: Wenn ich mich detailliert zu Cover und sonstiger Gestaltung eines Buches äußere, dann bedeutet das üblicherweise nichts Gutes, sondern vielmehr, dass ich über die eigentliche Lektüre wenig Positives zu vermelden habe. Im vorliegenden Fall verhält es sich jedoch glücklicherweise anders, weswegen aber trotzdem eingangs nicht unerwähnt bleiben darf, dass die Gestaltung von „Die dritte Quelle“ in optischer und haptischer Sicht ein Erlebnis ist!

Nachdem diese vergleichsweise Unwichtigkeit nun angesprochen ist, hat meine liebe Seele diesbezüglich Ruh und kann sich vollumfänglich den bedeutsameren Aspekten von Werner Köhlers Roman zuwenden:

Bücher, in denen sich Autorinnen und Autoren mit realen, historischen Begebenheiten beschäftigen, von denen ich selbst noch nie gehört habe, stehen bei mir traditionell hoch im Kurs. Auch wenn es mich rückblickend selbst ein wenig überrascht, noch nie von der der Handlung zugrundeliegenden „Galapagos-Affäre“ gehört zu haben. Schließlich hat sogar Georges Simenon mit vergleichsweise kurzem Abstand zu den damaligen Ereignissen ein Buch darüber geschrieben. Gut, ich habe aber auch noch nie Simenon gelesen.

Die Galapagos-Affäre nahm ihren Anfang, als im Jahr 1929 der Arzt Dr. Friedrich Adolf Ritter sowie seine Patientintin und Lebensgefährtin Dore Körwin, die später wieder ihren Mädchennamen Dore Strauch annehmen wird, Deutschland verlassen und auf die zum Galapagos-Archipel gehörende Insel Floreana auswandern. Angelockt von Zeitungsartikeln über die Aussteiger sowie von Ritter verfassten Büchern, folgen im Laufe der nächsten Jahre weitere deutsche Auswanderer nach Floreana. Zum einen die aus Köln stammende Familie Wittmer, die auf dem Eiland ein kleines Hotel eröffnete. Im späteren Verlauf stieß die angebliche Baronin Eloise Wagner de Bousquet, nebst zweier Liebhaber, dazu. Spätestens die Ankunft dieser dritten Gruppe schuf Unfrieden unter den Bewohnern der Insel allgemein und den deutschen Einwanderern im speziellen. Die Atmosphäre aus Neid und Missgunst führte zu mehreren Toten und Vermissten, die näheren Umstände sind bis heute nicht abschließend geklärt.

Vor diesem historischen Hintergrund schickt Werner Köhler seinen Protagonisten Harald Steen im Jahr 1999 auf seine Reise nach Floreana. Steen versucht mit dieser Reise, die Hintergründe seiner Familiengeschichte aufzuklären und erhofft sich von der einzigen noch lebenden Zeitzeugin der Ereignisse, Margret Wittmer, belastbare Informationen zu erhalten. Mit seinen eigentlichen Motiven hält Steen jedoch hinterm Berg, behauptet stattdessen, er sei Autor, schreibe derzeit ein Buch, wolle in der Abgeschiedenheit zu Inspiration und zu sich selbst finden und sein Werk vollenden.

Und so ist „Die dritte Quelle“ im Wesentlichen dann auch die Schilderung der Reise von Köhlers 65 Jahre altem Protagonisten zu sich selbst. Das Buch konzentriert sich immens auf seine Hauptfigur, steht und fällt in der Bewertung dann wohl auch mit der individuellen Einschätzung zu ihr. Und ich fand Harald Steen zu Beginn des Romans – und eigentlich auch im späteren Verlauf noch – schon ein bisschen gewöhnungsbedürftig. Steen ist ein eher eigenbrötlerischer Typ, wuchs bei Pflegeeltern auf und gehörte schon zu Schulzeiten nie wirklich dazu, was letztlich dazu führte, dass er sich eine Art Fantasiewelt schuf sowie einen imaginären Hund als Freund, ja, sogar selbst vorgab, Hund zu sein.

In aller Verschrobenheit ist Steen allerdings eben auch ein wirklich faszinierender Charakter. Einer, der auch hinsichtlich seiner Entwicklung im Roman überzeugt und erst etwas auftaut und nahbarer wird, als die junge Mayra in sein Leben tritt.

Wie angekündigt, zieht er sich zunächst aber in die abgelegeneren Gegenden der Insel zurück, als Begleiter dient ihm nur ein diesmal – jedenfalls vermutlich – realer Hund, der von Steen liebevoll „Herr Hund“ gerufen wird, läuft häufig nackt durch die Gegend, richtet sich häuslich in Höhlen ein, entzündet Lagerfeuer, versucht sich in Landwirtschaft und sinniert über Nietzsche, dessen „ewige Wiederkehr“ oft Erwähnung im Roman findet. Diese Rückzugspassagen mögen seltsam archaisch anmuten und intuitiv rechnet man vielleicht damit, dass Steen irgendwann „Ich habe Feuer gemacht!“ brüllt und beginnt, mit einem Volleyball zu reden, in erzählerischer Hinsicht wirken sie aber ähnlich faszinierend wie der Protagonist selbst.

Im Hinblick auf die Erzählweise ist zudem interessant, was Köhler alles eben nicht explizit erwähnt. Sei es, wenn es um die in Frage der persönlichen Wahrnehmung des Protagonisten geht, der diesbezüglich nicht als allzu verlässliche Quelle dienen sollte – da sind wir dann wieder beim imaginären Hund -, weswegen man sich als Leser unweigerlich in manchen Szenen die Frage stellt, ob das Geschilderte Tatsachen wiedergibt oder aber sich nur in Steen Einbildung abspielt.

Sei es aber auch, wenn es um Hintergründe von Geschehnissen und die Beantwortung offener Fragen geht. Der Autor traut der Leserschaft augenscheinlich zu, eigene Schlussfolgerungen zu ziehen, wer aber ein Problem damit hat, am Ende eines Buches den Vorhang zu, die eine oder andere Frage aber noch offen zu sehen, wird mit „Die dritte Quelle“ vermutlich nicht glücklich.

Insgesamt ist der Roman ein wirkliches Lesevergnügen, das noch über sehr viel mehr Facetten verfügt, die zu erwähnen wert gewesen wären. Und wer sich noch unsicher ist, ob er Köhlers Buch eine Chance geben sollte, probiert es vielleicht mit der Leseprobe auf der Verlagsseite. Und zieht dann für sich eine eigene Schlussfolgerung. Das traue ich meiner Leserschaft nämlich genauso zu wie Werner Köhler der seinen.

Demnächst in diesem Blog: Entweder „Der Tag des Opritschniks“ von W. G. Sorokin ooooder aber „1793“ von Niklas Natt och Dag.

„Thronfall“ von Axel Simon

Buch: „Thronfall“

Autor: Axel Simon

Verlag: Rowohlt

Ausgabe: Hardcover, 384 Seiten

Der Autor: Axel Simon wuchs im Ruhrgebiet auf. Er hat an verschiedenen Theatern zeitgenössische Opern inszeniert und arbeitete danach lange als Creative Director in großen Werbeagenturen. Simon lebt heute in Hamburg. (Quelle: Rowohlt)

Das Buch: Berlin, 1889. Jetzt rollen Köpfe. Sprengstoffanschläge auf Herrscher-Standbilder kündigen terroristische Umtriebe an. Privatermittler Gabriel Landow glaubt sogar an ein Attentat auf den Kaiser! Nur eine fixe Idee? Das wäre immerhin nicht das einzige Hirngespinst, das er mit sich herumschleppt. Denn Landow verdächtigt seine Herzdame, die resolute Polizeischreibkraft Elba Runge, mit dem Sozialisten Bebel nicht nur die Leidenschaft für eine gerechtere Gesellschaft zu teilen, sondern auch das Bett. Zudem rückt ein Notizbuch voller Zahlencodes den eigenwilligen Ermittler und seinen Kompagnon Orsini jäh ins Visier von Killern. Und der junge Kaiser? Während die Hauptstadt unter einem Glutofensommer ächzt, unternimmt Seine Majestät im Kreise einer handverlesenen Elite eine vierwöchige Kreuzfahrt in die Heimat der nordischen Helden. Aber genau dort, zwischen Morgengymnastik und Mythennebel, hat längst ein anderer ein Auge auf ihn geworfen. Und das birgt noch mehr Sprengstoff als das Dynamit der Terroristen. (Quelle: Rowohlt)

Fazit: Bei „Thronfall“ handelt es sich um den dritten Teil von Axel Simons historischer Krimireihe rund um sein Ermittlerduo Landow und Orsini, deren Auftakt die Bände „Eisenblut“ und „Goldtod“ bildeten. Nachdem ich mich von den vorangegangenen Teilen gut unterhalten fühlte, war es nur folgerichtig, mich auch dem dritten Teil zuzuwenden, um erwartungsgemäß festzustellen: Gefällt mir auch!

Mag ich zu Beginn der Reihe ein bisschen mit den beiden Hauptfiguren gefremdelt haben – auch wenn ich beide schon immer recht gut gezeichnet fand -, so hat sich das mittlerweile gegeben. In erster Linie liegt das daran, dass das Zusammenspiel zwischen beiden zunehmend gut funktioniert und man sich als Leser an die Eigenheiten der beiden manchmal schrulligen Figuren gewöhnt hat, was für die On-Off-Beziehung, die Landow mit Cointreau – und irgendwie auch mit der Polizeisekretärin Elba Runge – führt, ebenso gilt wie für sämtliche seltsamen Eigenheiten des ehemaligen Artisten und heutigen Taschendiebs Orsini. Zwar finde ich, dass die eigentliche Figurenentwicklung, das was den Ermittlern so abseits ihres eigentlichen beruflichen Schaffens so passiert, im dritten Teil der Reihe etwas zu kurz kommt – wenn man mal von der erwähnten Beziehung mit Elba Runge absieht, die Landow augenscheinlich noch weniger gut definieren kann als die Leser -, und sich Axel Simon dagegen mehr auf seine Protagonisten als Team konzentriert hat, ich finde aber auch, dass dieser Ansatz der Sache gar keine Abbruch tut, sondern viel mehr für ein zunehmendes Verbundenheitsgefühl mit dem Duo sorgt.

Simon beschreibt die Ereignisse in gewohnt feingeistiger, ironischer Art. Insbesondere die Dialoge, die ich wirklich als „auf den Punkt“ empfinde, tun hierbei ihr Übriges. Allerdings sollte der Autor nach meinem Dafürhalten darauf achten, dass die seit jeher in seinen Büchern vorhandene Komik nicht überhand nimmt, dass das Ganze nicht zu sehr ins Skurrile, nicht zu sehr in Slapstick abgleitet. So kann man den Einfall, dass bei Landow und Orsini zwischenzeitlich ein Affe einzieht, sicherlich witzig und charmant finden, ich dagegen fand ihn und alles, was damit zusammenhing, eher befremdlich. Abseits des drohenden Komik-Überhangs liest sich „Thronfall“ in stilistischer Hinsicht aber auf gewohnt hohem Niveau.

Und um ehrlich zu sein, ist mir ein etwas verschrobener Einfall wie der mit dem Affen – Wolfgang übrigens, nur fürs Protokoll -, der keinerlei Auswirkungen auf die eigentliche Haupthandlung hat, allemal lieber, als Axel Simons aus den ersten beiden Büchern abgeleiteter offensichtlicher Hang, eben diese Haupthandlung immer zum Ende hin ins Seltsame, ins Skurrile abgleiten zu lassen. Diesbezüglich kann für „Thronfall“ vollständige Entwarnung gegeben werden. Mehr noch. Axel Simon schafft es nicht nur, eine in sich schlüssige und spannende Krimihandlung, die mit Heiratsschwindlern, Terroristen und Heckenschützen – und Affen – alles hat, was man dafür offensichtlich so braucht, zu entwerfen, sondern darüber hinaus auch eine atmosphärische Schilderung der gesellschaftlichen und politischen Geschehnisse zum Zeitpunkt der Romanhandlung. Beispielsweise wendet sich der gesamte zweite Abschnitt von Heiratsschwindlern, Terroristen, Heckenschützen – und Affen – ab und detailliert der Reise von Kaiser Wilhelm II. und seiner Gefolgschaft nach Norwegen zu.

Der Autor nutzt diese Gelegenheit, um beispielsweise anhand der Ereignisse an Bord nicht nur deutlich zu machen, dass ein allgemein salonfähig gewordener Antisemitismus immer weiter um sich greift, sondern auch um ein bestimmtes Bild von Kaiser Wilhelm II. zu zeichnen, das beim Leser die Frage aufwirft, ob die Geschichte, die – wie wir ja derzeit leider wieder lernen dürfen – allzu oft von durchgeknallten Einzelpersonen abhängt, nicht doch eine andere hätte werden können, wenn an seiner statt nicht irgendjemand anders dieses Kaiseramt ausgeführt hätte. Meinetwegen Wolfgang.

Was bleibt, ist letztlich ein sehr unterhaltsamer, historischer Krimi mit einer erstmalig in dieser Krimireihe von vorne bis hinten bodenständigen Haupthandlung, sympathischen Figuren und einer recht feinsinnigen Schreibe. Nicht nur, aber insbesondere, Fans des Genres dürften hiermit glücklich werden, sollten dann aber doch erst mit Teil 1 der Reihe anfangen.

Ich danke dem Rowohlt Verlag für die freundliche Übersendung des kostenlosen Rezensionsexemplars. Die Tatsache, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelte, beeinflusst meine Meinung selbstredend nicht.

Demnächst in diesem Blog: „Die dritte Quelle“ von Werner Köhler

„Der Mann, der zweimal starb“ von Richard Osman

Buch: „Der Mann, der zweimal starb“

Autor: Richard Osman

Verlag: List

Ausgabe: Hardcover, 448 Seiten

Der Autor: Richard Osman ist Autor, Fernsehmoderator und Produzent. Sein Debüt, Der Donnerstagsmordclub, war ein internationaler Riesenerfolg. Der Mann, der zweimal starb ist sein zweiter, gleichwohl erstbester Roman. Er lebt in London. (Quelle: Ullstein Buchverlage)

Das Buch: Da hat er sich in etwas reingeritten, der gute Marcus Carmichael. Und jetzt soll Elizabeth ihm da wieder raushelfen. Dabei sollte ihr ehemaliger Geheimdienst-Kollege doch eigentlich wissen, von wem man besser keine Diamanten mitgehen lässt, wenn man sich gerade auf einem Einsatz für den MI5 befindet. Dazu gehört ganz bestimmt: die New Yorker Mafia. Ist die erst einmal im Spiel, geht es ziemlich sicher bald jemandem an den Kragen.

Doch auch Profimörder können Fehler machen, etwa ihrem Handwerk in der Seniorenresidenz Coopers Chase nachzugehen. Denn wer hier mordet, dem ist der Donnerstagsmordclub auf den Fersen, und der macht, schneller als ihm lieb sein kann, aus dem Jäger den Gejagten. Für die vier rüstigen Senioren heißt es: Endlich ist wieder Donnerstag! (Quelle: Ullstein Buchverlage)

Das Buch: Bei „Der Mann, der zweimal starb“ handelt es sich um die von mir über alle Maßen und sehnlichst erwartete Fortsetzung von „Der Donnerstagsmordclub„. Der Reihenauftakt ließ mich seinerzeit – für meine Verhältnisse – in Begeisterungsstürme ausbrechen und ist nach wie vor für mich eines der Lesehighlights des vergangenen Jahres.

Nun leben wir ja derzeit alle – euphemistisch formuliert – in interessanten Zeiten, sowohl insgesamt als auch höchstpersönlich, und so verwundert es nicht, dass ich den Veröffentlichtungstermin des Buches verpasst habe und erst mit einer gewissen Verzögerung darauf gestoßen bin. Umso mehr freute ich mich auf die Lektüre und umso mehr freute ich mich danach, dass meine zugegebenermaßen hochgesteckten Erwartungen noch übertroffen wurden.

Richard Osman hat mit seinem Reihenauftakt eine gute Basis geschaffen, auf der sich in vielerlei Hinsicht aufbauen lässt. So hat sich etwa die Erzählweise aus „Der Donnerstagsmordclub“ – die Schilderung der Eeignisse durch einen auktorialen Erzähler, unterbrochen von Tagebucheinträgen der zum Donnerstagsmordclub gehörigen Joyce – bewährt, sodass sie sich auch in „Der Mann, der zweimal starb“ wiederfindet. Für die Tagebuchpassagen gilt weiterhin: Das muss man mögen, sonst kann einem der manchmal naiv-infantile Ton von Joyce vielleicht etwas auf den Geist gehen. In diesem Fall ist man bei Osmans Reihe aber vermutlich ohnehin an der falschen Adresse.

Auch sonst greift der Autor viel auf Bewährtes zurück. So hat sich an seinem Protagonisten-Quartett, bestehend aus der oben erwähnten ehemaligen Krankenschwester Joyce, der früheren Geheimdienstlerin Elizabeth, dem Gewerkschafter im Ruhestand Ron und dem eigentlich irgendwie immer noch praktizierenden Psychotherapeuten Ibrahim, selbstredend nichts geändert. Und man muss diese Viererbande schon irgendwie gerne haben. Tut man das, fühlt sich die Lektüre von „Der Mann, der zweimal starb“ ein bisschen wie nach Hause kommen an. Man hat das Gefühl, die Figuren bereits so gut zu kennen, dass man als Leser weiß, was sie zu einem bestimmten Thema sagen oder wie sie in einer bestimmten Situation handeln würden.

Kritischere Menschen als ich es bin, könnten dabei insbesondere Joyce als ein bisschen überzeichnet empfinden. Vor dem Hintergrund, dass sich ihre Tagebucheinträge weiterhin lesen, wie Aufsätze über Ferienerlebnisse, sie immer so ein bisschen wirkt wie eine Mischung aus Betty White in „Golden Girls“ und Mutter Beimer, und sie in ihrer grenzenlosen Naivität einen Instagram-Account anlegt, sich dafür den aus ihrem alten Spitznamen und dem Geburtsjahr ihrer Tochter zusammengesetzen Nutzernamen „GreatJoy69“ zulegt, und sich dann wundert, was sie so für Post bekommt, fragt man sich dann schon, wie diese Frau denn eigentlich so durchs Leben gekommen sein kann. Wer genauer hinsieht, bemerkt allerdings, dass Joyce zu wesentlich mehr fähig ist, als es auf den ersten Blick den Anschein hat.

Erfrischend finde ich in dem Zusammenhang, dass Osman sich nicht in seiner, auch und gerade durch seine Charaktere geschaffenen, Wohlfühlatmophäre verliert, sondern den Protagonisten auch mal zumutet, dass ihnen schlimme Dinge passieren. Im vorliegenden Fall trifft es Ibrahim, der während eines allein unternommenen Ausflugs Opfer eines Überfalls wird. In diesem Zusammenhang werden dann Dinge wie Jugend- und Drogenkriminalität thematisiert, segenswerterweise allerdings, ohne aus dem Roman ein moralisierendes Sittengemälde werden zu lassen, was ein Anspruch wäre, dem das Buch unmöglich gerecht werden könnte. Wichtig ist eben nur, dass unangenehme Themen nicht ausgespart werden.

Dieser Ansatz, nicht ausschließlich auf kuschelig-heimelige Gefühlsduselei zu setzen, wird in der eigentlich hauptsächlichen Krimihandlung fortgeführt. Auch „Der Donnerstagsmordclub“ verfügte hier bereits über eine gewisse Kompexität, war insgesamt dann aber inhaltlich doch etwas zu vorhersehbar. In „Der Mann, der zweimal starb“ ist das anders. Zum einen scheut sich Osman nicht, hier auch Handlungselemente der Kategorie „Das kann er doch jetzt nicht machen!“ einzubauen, zum anderen wirkt die Krimihandlung noch deutlich ausgefeilter und insgesamt überraschender als in Osmans Debüt.

Und so nimmt es nicht wunder, dass ich mich bereits jetzt auf einen dritten Teil der Reihe freue. Das englische Original, „The Bullet That Missed“, erscheint am 22. September, bis zur deutschen Übersetzung dürfte es danach allerdings noch eine Weile dauern. Im Zweifelsfall werde ich den Veröffentlichungstermin ohnehin wieder verpassen …

Demnächst in diesem Blog: „Thronfall“ von Axel Simon

„Engel des Todes“ von Thomas Ziebula

Buch:“Engel des Todes“

Autor: Thomas Ziebula

Verlag: Wunderlich

Ausgabe: Hardcover, 384 Seiten

Der Autor: Thomas Ziebula ist freier Autor und schreibt vor allem Fantasy- und historische Romane. 2001 erhielt er den Deutschen Phantastik-Preis, 2020 den Goldenen Homer. Seine erste Krimireihe um Inspektor Paul Stainer vereint auf beeindruckende Weise Thomas Ziebulas Leidenschaft für deutsche Zeitgeschichte, spannende Kriminalfälle und seine Liebe zu Leipzig, das bis heute seine Lieblingsstadt in Deutschland ist. Der erste Band der Reihe um Inspektor Stainer, «Der rote Judas», stand auf der Shortlist für den Crime Cologne 2020. Der Autor lebt in der Nähe von Karlsruhe. (Quelle: Rowohlt)

Das Buch: Leipzig, März 1920: Der Kapp-Putsch bricht aus. Frustrierte Reichswehrsoldaten haben die Regierung in Berlin für abgesetzt erklärt. In Leipzig, wie in vielen deutschen Städten, kommt es zu blutigen Kämpfen zwischen Regierungstruppen und Putschisten. Die bürgerkriegsähnlichen Zustände halten Kriminalinspektor Stainer in Atem – auch innerhalb der «Wächterburg», da die völkisch-nationalen unter Stainers Kollegen die Weimarer Republik zur Hölle und die Putschisten an die Macht wünschen. Damit nicht genug, bemerkt Stainer unter den vielen Toten in den Straßen einzelne Opfer, die in auffälliger Manier erwürgt oder erstochen wurden. Jemand scheint die Gunst der Stunde zu nutzen, um seine Morde unter dem Deckmantel der Unruhen zu begehen. Hinweise der Straßenbahnfahrerin Josephine König und ihrer Tochter Mona, die es sich in den Kopf gesetzt hat, Polizistin zu werden, lotsen Stainer und Junghans ins Theatermilieu – wo jemand seinen ganz eigenen Rachefeldzug führt … (Quelle: Rowohlt)

Fazit: In regelmäßigen Abständen machen Menschen dieselben Fehler. Deswegen führt ein „lupenreiner Demokrat“ gerade eine militärische Spezialoperation einen Angriffskrieg auf einen souveränen Staat aus, selbstverfreilich nur, um die dort lebenden Menschen zu erretten und von den bösen, bösen Nazis zu befreien, was unweigerlich die Frage aufwirft, warum die derlei Erretteten dann nicht begeistert mit Blümchen und Fähnchen an der Straße stehen, um sich zu bedanken, sondern sich viel mehr mit Händen und Füßen wehren.

Dabei ließe sich doch gut aus der Historie lernen, denn schon vor etwa 100 Jahren wurde hierzulande deutlich, was passiert, wenn von sich selbst zu sehr überzeugte Einzelpersonen beschließen, für die Bevölkerung Antworten auf Fragen zu liefern, die diese niemals gestellt hat. Denn am 13. März 1920 brach hierzulande der Kapp-Lüttwitz-Putsch aus. Angehörige der Reichswehr sowie diverse Freikorps taten sich unter Führung verschiedener Militärs aus dem ultrarechten Spektrum zusammen, um gegen die Bestimmungen des Versailler Vertrags, somit gegen die Verkleinerung der Reichswehr auf 100.000 Mann und zusammenhängend damit gegen den Verlust ihrer Jobs, gegen die linke Reichsregierung und überhaupt gegen diese pöse, pöse neumodische Demokratie aufzumarschieren.

Neben diverser Unstimmigkeiten untereinander und hinsichtlich der eigentlichen Zielsetzung des Putsches, scheiterte selbiger in wenigen Tagen in erster Linie daran, dass die Bevölkerung sinngemäß sagte: „Könnt ihr gerne machen, aber bitte ohne uns!“, flächendeckend in einen Generalstreik trat und damit den Fantasien der Putschisten ein Ende bereitete. Denn „ohne uns“ geht es ja eben nicht. Was heutzutage gerne vergessen wird, wenn behauptet wird, Einzelne könnten ohnehin nichts ausrichten.

Einen blutigen Tribut forderte der nur etwa 100 Stunden dauernde Putsch dennoch – da ja eben Menschen in regelmäßigen Abständen dieselben Fehler machen.

In dieses Szenario wirft Thomas Ziebula nun seinen erst jüngst aus der Gefangenschaft zurückgekehrten Polizisten Paul Stainer. Dieser sieht sich mit einer Mordserie konfrontiert. Scheinbar nicht miteinander im Zusammenhang stehende Personen werden nicht nur ermordet, sondern anschließend auch geköpft. Im allgemeinen Trubel der Ereignisse scheint der Mörder seinem Treiben recht komplikationslos nachgehen zu können.

Auffällig hinsichtlich des Handlungsstrang der Mordermittlung, die üblicherweise ja eigentlich eine Art Kernelement eines Krimis ist, ist, dass diese eher so nebenbei stattfindet. Dabei werden die Ermittler auch vor vergleichsweise wenig Schwierigkeiten gestellt, bzw. und wenig gefordert. Zeugenaussagen und Indizien am Tatort führen vielmehr auf einem völlig logischen Weg von Ort zu Ort und Erkenntnis zu Erkenntnis. Inwieweit das dann zum gewünschten Ergebnis führt, wird hier natürlich nicht verraten.

Viel mehr stehen in Ziebulas Buch die Ereignisse in Leipzig rund um den Kapp-Lüttwitz-Putsch im Vordergrund. Das muss man mögen. Glücklicherweise mag ich das. Einmal, weil es Ziebula einmal mehr auf beneidenswert gute Art gelingt, Atmosphäre in seine Erzählung zu bringen, und zum zweiten, weil es heutzutage, zumindest in meiner Wahrnehmung, gut recherchierte und atmosphärische historische Romane in einem weitgehend verkitschten Genre kaum noch gibt. Hier hingegen verbinden sich im Kopf der Leserschaft Bilder aus „Babylon Berlin“ mit denen vom Reichstagssturm 2020 und bleiben nachhaltig dort.

Auf inhaltlicher und erzählerischer Ebene kann man Thomas Ziebula also wenig vorwerfen.

Wenn das doch nur auch für die Charaktere gelten würde! Von der Kritik ist Ziebulas Protagonist Paul Steiner ausdrücklich ausgenommen, die Schilderung der Dämonen, mit denen er zu kämpfen hat – von seinen Kriegserlebnissen, über diverse Schicksalsschläge der jüngeren Vergangenheit bis hin zu einem mittlerweile hart bekämpften Alkoholproblem – machen ihn zu einer recht menschlichen Figur.

Im Hinblick auf so manche Nebenfigur ist das allerdings anders. Da wären einerseits einzelne Figuren, über denen so deutlich das Schicksal eines Star-Trek-Redshirts prangt, dass ihre weitere Entwicklung eben oftmals auch keine Überraschung mehr darstellt. Das größte Ärgernis ist jedoch die Tänzerin Schwarz, liiert mit dem Oberstleutnant von Herzberg, der während der Unruhen in Leipzig alle Hände voll zu tun hat. Auch besagte Tänzerin gerät in das Visier des Mörders und mitmaßlich soll man sich als Leser nun also Sorgen um sie machen. Allerdings wird sie bis dahin schon durchgehend als so weltfremd-naive Person geschildert, dass sie und ihr Schicksal mir sehr zeitnah vollkommen egal war. In ihrem Oberstübchen scheint sich außer ihrer Leidenschaft für Tanz nicht viel zu tun, ein Verständnis für die Belange anderer Menschen ist ihr grundsätzlich fremd. Mehrmals scheint sie nicht nur regelrecht beleidigt, dass ihr Freund, Oberstleutnant von Herzberg, gerade damit beschäftigt ist, die Sicherheit der Stadt zu organisieren und diverse Schießereien zu unterbinden und ihr deswegen nicht pünktlich beim Tanzen in irgendwelchen Lokalen zusehen kann, sie ist es auch. Überspitzt gesagt: Würde Oberstleutnant von Herzberg ihr kundtun, er befinde ich gerade in den Schützengräben von Verdun, dann würde sie besorgt fragen, ob er denn auch ganz bestimmt daran denkt, auf dem Rückweg Brot mitzubringen.

Ich habe, man merkt das vielleicht, mich über die Personalie so echauffiert, dass es des Gesamtlesevergnügen nachhaltig beeinflusst. Weil sich mir diese Darstellung eben so gar nicht erschließt. Abseits einzelner, zu vernachlässigender Figuren hat Ziebula nämlich eigentlich schon ein recht gutes Händchen für Charaktere. Die Tänzerin Schwarz jedoch rangiert mit ihrer Persönlichkeit leider irgendwie zwischen Beatrix von Storch und Torf.

Wer darüber hinwegsehen kann und ein Herz für gut geschriebene, atmosphärische, historische Krimis, in denen der Fokus weniger auf akribischer Ermittlerarbeit, sondern eher auf dem Mörder, seiner Geschichte und Hintergrund, seiner Persönlichkeit und seiner Motivation liegen – ein Punkt der in meinem Text nun zu kurz gekommen, im Buch aber ebenfalls sehr gut gelungen ist -, der kann sich bedenkenlos an „Engel des Todes“ heranwagen. Allerdings rege ich vorher die Lektüre der ersten beiden Bände an, um alle Zusammenhänge nachvollziehen zu können.

Ich danke dem Rowohlt-Verlag für die freundliche Übersendung des kostenlosen Rezensionsexemplars. Die Tatsache, dass es sich um ein kostenloses Rezensionsexemplar handelt, beeinflusst meine Meinung selbstredend nicht.

Demnächst in diesem Blog: Entweder „Thronfall“ von Axel Simon oder „Der Mann, der zweimal starb“ von Richard Osman. Oder etwas anderes …

„Äquinoktium“ von Peter Georgas-Frey

Buch: „Äquinoktium

Autor: Peter Georgas-Frey

Verlag: Selbstverlag

Ausgabe: Taschenbuch, 200 Seiten

Der Autor: Peter Georgas-Frey ist ein 1970 geborener Autor, der seit 1999 am schönen Bodensee lebt. Er veröffentlichte bereits Erzählungen und Gedichte wie „Als Paolos Hände reden lernten“, „Soantà“ und „Zeitspuren“, den Roman „Die Revolte“ sowie eine Trilogie rund um die außerirdischen Aurumer, bestehend aus „Die Heimkehr“, „Die Rückkehr“ und „Projekt Epilog“. Zuletzt erschienen der Thriller „Alphavirus“ sowie mit „Der Älteste“ die erste der Geschichten rund um den auch in „Äquinoktium“ auftauchenden Protagonisten Joe.

Wer mehr über den Autor und seine Bücher erfahren möchte, dem sei der Besuch seines sehr lesenswerten Zeilen-Portals empfohlen. Wer das nicht möchte, dem sei ein dortiger Besuch ebenfalls empfohlen!

Das Buch: Ein unbedeutender Auftrag führt Joe in den Süden Floridas. Er ist seinem Freund einen Gefallen schuldig und versucht diesen mit so wenig Aufwand wie möglich zurückzuzahlen. Die letzte Sommerhitze lastet auf der Stadt, als Joe in Orlando landet. Es ist Mitte September, kurz vor der Tag-und-Nacht-Gleiche, wenn Licht und Dunkel ins Gleichgewicht geraten. Aber das bedeutet nicht, dass die Welt in Balance ist. Denn nach diesem Tag verliert die Welt mehr und mehr an Licht. (Quelle: Klappentext)

Fazit: Zu den Konstanten meines Blogschaffens gehört es einerseits, seit geraumer Zeit die Bücher des geschätzten Bloggerkollegen und Autors Peter Georgas-Frey zu besprechen und andererseits, dafür in schöner Regelmäßigkeit viel zu lange zu brauchen. Und so liegt auch die Zusendung des Rezensionsexemplars von „Äquinoktium“ – für die an dieser Stelle mein herzlichster Dank an Peter höchstselbst geht – schon eine Weile zurück. Das Buch selbst indes kann gar nichts dafür, denn das weiß sehr gut zu unterhalten.

Technisch gesehen handelt es sich bei „Äquinoktium“ zwar um die Fortsetzung von „Der Älteste“, dem Auftakt der Reihe rund um den Protagonisten Joe. Die Ereignisse der beiden Bücher haben jedoch nur einen losen Bezug zueinander, „Äquinoktium“ verfügt über eine eigenständige Geschichte und Vorkenntnisse aus „Der Älteste“ werden weder vorausgesetzt noch benötigt, um der Handlung folgen zu können.

Diese beschäftigt sich im Kern mit Botcoins.

Bitcoins, die digitale Geißel der Menschheit! Eine Geißel, für die man – überspitzt gesagt – am Montag ein Eigenheim und am Freitag allenfalls noch einen Döner bekommt, weil Elon Musk in der Zwischenzeit gehustet hat. Eine Geißel, deren Energieverbrauch seit Jahren über dem diverser, europäischer Staaten liegt, woran sich auch nichts ändern wird, solange man von proof-of-work nicht auf proof-of-stake umsteigt. Eine Geißel, die einer der Gründe dafür ist, dass – und ja, dabei handelt es sich um ein first world problem –  man als sogenannter Gamer seit Ewigkeiten keine Hardware im Bereich der Grafikkarten bekommt, die auch nur ansatzweise im Bereich der ursprünglichen UVP, sondern zweifach, dreifach drüber liegen. Just my two cents.

Um diversen Hintergründen zu diesen Bitcoins auf den Grund zu gehen, wird Joe von seinem alten Kumpel Crunchy beauftragt, ein Whitepaper des vermeintlichen Bitcoin-Erfinders zu beschaffen. Das gestaltet sich zunächst als verdächtig einfach, kurz danach findet sich Joe jedoch in Polizeigewahrsam wieder, weiß, dass er offensichtlich irgendwelchen großen Tieren auf die Füße getreten haben muss und macht sich, zusammen mit Crunchy sowie seiner neuen Nachbarin Beth auf, um eben diesen großen Tieren mächtig in die Suppe zu spucken.

Dabei wird der Handlung ein wenig die überschaubare Länge des Buches zum Verhängnis. Denn kurz vor Ende des Buches stellt man sich als Leser unwillkürlich die Frage, wie denn auf den wenigen noch verbliebenen Seiten ein konsistenter Abschluss der Ereignisse gefunden werden soll, nur um dann letztlich festzustellen: Im Wesentlichen gar nicht. Denn „Äquinoktium“ verfügt weitgehend über ein offenes Ende, die Ereignisse werden in baldigen Forsetzungen fortgeführt. Vor dem Hintergrund der Tatsache, dass die Geschichten um den Protagonisten Joe schon seit „Der Älteste“ als Fortsetzungen geplant waren, wird das nicht überraschen, vor dem Hintergrund, dass „Der Älteste“ aber ja nun trotzdem über eine in sich geschlossene Handlung verfügte, aber eben schon, daher sollte man das zumindest wissen.

Abseits davon hat sich „Äquinoktium“ inhaltlich nichts vorzuwerfen. Der Autor nimmt die Leser mit auf eine abwechslungs- und zuweilen actionreiche Reise in die spinnerte Welt der oberen Zehntausend dieses Planeten, die spannende Fragen aufwirft und es der Leserschaft überlässt, sich diese selbst zu beantworten.

Das Figurenensemble setzt sich zum Teil aus neuen, zum Teil aber natürlich auch als altbekannten Personen zusammen. Kenner des „Ältesten“ treffen beispielsweise wieder auf Crunchy, natürlich aber eben auch auf die Hauptfigur, den Kopfgeldjäger Joe. Mit ihm hatte ich in der Vergangenheit ja durchaus so meine Probleme, bezeichnete ihn in meiner Besprechung zu „Der Älteste“ als „eine Freude für jeden Sozialpädagogen mit Helfersysnrom“ – und das ist er auch weiterhin.

Sehr zu meiner Überraschung fängt Joe jedoch schon zu Beginn des Buches an, über sich und sein Leben zu reflektieren. Der Protagonist wirkt dabei nahbarer und menschlicher, als er es noch im Vorgänger war. Er bleibt zwar im Grunde ein misogyner, homophober Drecksack mit massivem Alkoholproblem, mit einem gewissen Weltschmerz und hohem Selbstmitleidspotenzial, aber er macht den Eindruck, als wäre er ein wenig auf dem Weg der Besserung. Mag mir Joe als Person immer noch nicht zusagen – und wird das vermutlich auch nie -, als Figur selbst ist er sehr gut gelungen und bekommt im Vergleich viel mehr Tiefe als noch im Vorgänger.

Auch die Nebenfiguren – und ich beschränke mich da mal auf die wichtigsten, in Form von Crunchy und Beth – wissen zu überzeugen, die Dialoge untereinander sind gelungen und insgesamt kann man im Figurenensemble wenig Anlass zur Kritik finden.

Das gilt auch, und diesmal ganz insbesondere für den stilistischen Aspekt des Buches. Noch über den „Ältesten“ schrieb ich, dass der als Erzähler fungierende Joe sich „eben selten eines elaborierten Codes“ bedient, was mich im Zusammenhang mit seiner „Django-zahlt-heute-nicht-Django-hat-Monatskarte“-Attitüde ein bisschen genervt hat. Diesbezüglich kann man aber vollständige Entwarnung geben. Joe bringt sicherlich immer noch nicht die sprachliche Gewandheit eines Ijoma Mangold mit, das wäre aber auch unpassend, da er ja nun auch die Rolle als Erzähler einnimmt. Und er tut das in einer in jedeweder Hinsicht überzeugenden Art und Weise. Sprachlich dürfte „Äquinoktium“ sogar das beste Buch des Autor sein. Dieser Eindruck wird noch von der Tatsache unterstützt, dass es auch hinsichtlich des früher gelegentlich schwächelnden Lektorats eine weitere postive Entwicklung zu vermelden gibt. Lediglich auf Seite 93 scheint man dort in einen kurzen Sekundenschlaf gefallen zu sein …

In Summe bleibt ein kurzes, sehr unterhaltsames Buch, das leider vorbei ist, bevor es so wirklich zu Ende ist. Wer kein Problem mit Fortsetzungsgeschichten hat, dem kann ich „Äquinoktium“ guten Gewissens empfehlen.

Demnächts in diesem Blog:  „Engel des Todes“ von Thomas Ziebula oder „Thronfall“ von Axel Simon

„Goldtod“ von Axel Simon

Buch: „Goldtod“

Autor: Axel Simon

Verlag: Rowohlt

Ausgabe: Hardcover, 464 Seiten

Der Autor: Axel Simon wuchs im Ruhrgebiet auf. Er hat an verschiedenen Theatern zeitgenössische Opern inszeniert und arbeitete danach lange als Creative Director in großen Werbeagenturen. Simon lebt heute in Hamburg. (Quelle: Rowohlt)

Das Buch: Berlin, 1889: Die Reichshauptstadt hält den Atem an! Wie ein großes, blutiges X hängt ein prominenter Bankier im Schlosspark von Charlottenburg. Doch der Duzfreund des Reichskanzlers bleibt nicht allein. Ein weiteres Opfer aus einflussreichen Kreisen folgt sogleich. Alles deutet auf eine Tat antikapitalistischer Gruppen hin, und unter den erfolgsverwöhnten Goldjungs der Stadt geht die Angst um. Aber Privatermittler Gabriel Landow lässt sich kein X für ein U vormachen. Gemeinsam mit seinem trickreichen Kompagnon Orsini ist er der Polizei einen entscheidenden Schritt voraus. Eine zweite Spur führt die beiden eigenwilligen Detektive in eine ganz neue Richtung und zugleich in tödliche Gefahr: Ein exklusiver Zirkel lässt sich im Verborgenen gern beflügeln. Von antiker Lyrik und den Apfelbäckchen goldiger, nackter Engelchen. Lebender Engelchen. (Quelle: Rowohlt)

Fazit: Anlässlich der baldigen Veröffentlichung von „Thronfall“, dem dritten Teil von Axel Simons Krimireihe um sein Ermittlerduo Landow und Orsini, wurde mir bewusst, dass mit „Goldtod“ bereits der zweite Teil unerklärlicherweise an mir vorbeigegangen war. Ein Versäumnis, das insbesondere vor dem Hintergrund, dass mir der Reihenauftakt „Eisenblut“ seinerzeit ziemlich gut gefallen hat, dringend ausgeräumt werden musste.

Axel Simon siedelt die Handlung seines Romans im Jahr 1889 an. Das Dreikaiserjahr ist Vergangenheit. Dafür steht die Weltausstellung in Paris, nebst Eröffnung des Eiffelturms – auf dessen Plattform man damals häufig den Schriftsteller Guy des Maupassant fand, weil das, nach seiner eigenen Aussage „der einzige Ort in Paris ist, wo man das verfluchte Ding nicht sehen muss“ -, vor der Tür. Und im damaligen „Deutsch-Südwestafrika“, dem heutigen Namibia, ist die „Deutsche Gesellschaft für Südwestafrika“ damit beschäftigt, das einst von Adolf Lüderitz mittels des sogenannten „Meilenschwindels“ in deutschen Besitz gebrachte Gebiet stetig zu vergrößern. Letztlich wird das zum Völkermord an den Herero und den Nama in den Jahren 1904 bis 1908 führen, den offiziell und auch in juristischer Hinsicht als solchen anzuerkennen Deutschland bis heute nicht vollständig gelungen ist. Man hatte dafür aber auch nur etwas über 100 Jahre Zeit …

Das Dreikaiserjahr, die Weltausstellung und „Deutsch-Südwest“ sind auch die historischen Zutaten, mit denen Simon seine Handlung unterfüttert. Wie bereits im Reihenauftakt, so gelingt es ihm auch hier, die Leserschaft einerseits nicht mit historischen Fakten zu überschütten, andererseits aber genug an Informationen zu liefern, um sich im gewählten Setting zurechtzufinden. Und für darüber hinaus neugierige Menschen wie mich gibt es ja Google.

In Axel Simons zweitem Streich finden sich die Protagonisten in einer vergleichsweisen Notlage wieder. Zwar trägt der begnadete Taschendieb Orsini viel zum Unterhalt des täglichen Lebens bei, und auch Landow verfügt noch über gewisse Rücklagen, das alles macht den Umstand, dass es ziemlich schlecht um die noch junge Detektei „Orlando“ steht, aber auch nicht wirklich besser. Denn die Aufträge bleiben weitgehend aus. Mehr oder weniger durch Zufall stoßen die beiden Ermittler auf eine Mordserie im Bankiersmilieu und beschließen, sich dieser anzunehmen, um mittels Lösung dieses prestigeträchtigen Falles auf ihre Detektei aufmerksam zu machen. So weit jedenfalls der Plan. Allerdings halten Pläne ja meistens nur so lange, bis sie zum ersten Mal mit der Wirklichkeit konfrontiert werden …

Dabei überzeugt der Plot über lange Zeit, als es dann jedoch an die Auflösung der Hintergründe rund um die Mordserie geht, driftet das Ganze – wie übrigens schon im Auftaktroman, der inhaltlich irgendwann aus mir bis heute unerfindlichen Gründen Bezug auf die Märchen der Gebrüder Grimm nahm – dezent ins Seltsame ab. Mir persönlich würde ein Simon-Roman, der mal ohne derartige skurrile Einfälle auskommt, auf die ich im vorliegenden Fall ja nun leider nicht genauer eingehen kann, vermutlich deutlich besser gefallen. Trotz allem hat die Handlung Hand und Fuß, wie man so schön sagt.

Dass es sich bei „Goldtod“ um ein rundum gelungenes Lesevergnügen handelt, liegt allerdings eher in Simons Art zu schreiben und insbesondere in seinen Protagonisten begründet.

Der Roman besticht stilistisch in erster Linie durch die feine Ironie, die der Autor immer wieder durchscheinen lässt, durch textliche Überleitungen, die ihresgleichen suchen – tatsächlich glaube ich, dass Axel Simon seinen Lebenunterhalt auch damit bestreiten könnte, Moderationsüberleitungen für das Fernsehen zu schreiben, sofern man für so etwas ausreichend bezahlt werden würde – und die erfrischenden Dialoge zwischen den beiden Protagonisten.

Eben diese Protagonisten sind mir – während ich sie im ersten Band noch etwas skeptisch beäugte – in Simons zweitem Buch doch deutlich ans Herz gewachsen. Sowohl der Taschendieb – der diesen Begriff so gar nicht gerne hört – Orsini, der sich leidenschaftlich als Innenarchitekt betätigt, die Wohnung der beiden in regelmäßigen Abständen neu dekoriert oder möbliert, der trotz fehlender Englischkenntnisse versucht, Arthur Conan Doyle in der Originalfassung zu lesen und der insgesamt den Eindruck eines Menschen macht, der verzweifelt versucht, einen irgendwie feingeistigen Eindruck zu hinterlassen als auch der von der Familie verstoßene Landjunker Landow, der sich, würde man ihm vorhersagen, dass morgen die Welt untergeht, vermutlich in seiner Wut, seinem Fatalismus und seinem Weltschmerz mit einem Klappstuhl und einer Flasche Cointreau bewaffnet auf den Weg machen würde, um für eben diesen Weltuntergang noch schnell einen Logenplatz zu ergattern und dann interessiert zuzusehen, sind tatsächlich richtig, richtig gut gelungen.

Und so stellte ich am Ende des Buches überrascht fest, dass es mich inhaltlich zwar durchaus überzeugte, ich mich aber insbesondere deswegen nur schwer davon lösen konnte, weil ich mich nur ungern von den Charakteren trennen konnte. Aber glücklicherweise gibt es ja bald Nachschub: „Thronfall“ erscheint am 22.03.2022.

Ich danke dem Rowohlt-Verlag für die freundliche Übersendung des kostenlosen Rezensionexemplars. Die Tatsache, dass es sich hierbei um ein kostenloses Rezensionsexemplar handelte, beeinflusst meine Meinung selbstredend nicht.

Demnächt in diesem Blog: „Äquinoktium“ von Peter Georgas-Frey

„Erkenne die Welt – Eine Geschichte der Philosophie 1“ von Richard David Precht

Buch: „Erkenne die Welt – Eine Geschichte der Philosophie“

Autor: RIchard David Precht

Verlag: Goldmann

Ausgabe: Hardcover, 576 Seiten

Der Autor: Richard David Precht, geboren 1964, ist Philosoph, Publizist und Autor und einer der profiliertesten Intellektuellen im deutschsprachigen Raum. Er ist Honorarprofessor für Philosophie an der Leuphana Universität Lüneburg sowie Honorarprofessor für Philosophie und Ästhetik an der Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin. Seit seinem sensationellen Erfolg mit »Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?« waren alle seine Bücher zu philosophischen oder gesellschaftspolitischen Themen große Bestseller und wurden in mehr als vierzig Sprachen übersetzt. Seit 2012 moderiert er die Philosophiesendung »Precht« im ZDF. (Quelle: Random House)

Das Buch: Im ersten Teil seiner auf vier Bände angelegten Geschichte der Philosophie beschreibt Richard David Precht die Entwicklung des abendländischen Denkens von der Antike bis zum Mittelalter. Kenntnisreich und detailliert verknüpft er die Linien der großen Menschheitsfragen und verfolgt die Entfaltung der wichtigsten Ideen – von den Ursprungsgefilden der abendländischen Philosophie an der schönen Küste Kleinasiens bis in die Klöster und Studierstuben, die Kirchen und Machtzentren des Spätmittelalters. Dabei bettet er die Philosophie in die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Fragen der jeweiligen Zeit ein und macht sie auf diese Weise auch für eine größere Leserschaft lebendig. Ein Buch, das dazu hilft, sich einen tiefen Einblick in die Geschichte der Philosophie zu verschaffen und die Dinge zu ordnen. (Quelle: Random House)

Fazit: Wie so viele andere Menschen auch, so hatte ich früher™, in meiner Jugendzeit, ein gewisses Interesse an der Philosophie. Rückblickend versprach ich mir davon vermutlich Antworten auf Fragen, die mir heute nicht mal mehr einfallen. Die Fragen, nicht die Antworten. Der Ausflug in dieses Themengebiet war seinerzeit jedoch recht kurz. Zwar hatte ich, wie Billionen andere zum damaligen Zeitpunkt junge Menschen auch, Jostein Gaarders „Sofies Welt“ gelesen, bin dafür aber schon einige Zeit später auf Weischedels philosophischer Hintertreppe schwer gestürzt. In der Folge hielt mein Interesse noch bis zum Schnuppertag an der Uni und einer dort stattfindenden Vorlesung über Karl Popper an, die mein jugendliches Ich allerdings weniger damit verbrachte, dem sicherlich hörenswerten Inhalt selbiger zu lauschen, sondern überwiegend damit, mich über den Namen Karl Popper zu beömmeln. Ich war jung. Und das war es dann fürs Erste …

Der Wunsch, mich mit der Philosophie als Ganzem und mit ihren Bestandteilen zu beschäftigen, mal zu wissen, was der hier einen Steinwurf entfernt seinerzeit als Oberprediger tätige Johann Gottfried Herder zum Themenkomplex beizutragen hatte und überdies vielleicht irgendwann mal in der Lage zu sein, die umfassende Biografie über Hegel von Klaus Vieweg zu lesen und idealerweise sogar zu begreifen, der war aber irgendwie immer noch vorhanden.

Und so wurde ich von einer ganz zauberhaften Person, der an dieser Stelle mein überbordender Dank dafür gebührt, im Laufe des letzten Jahres nicht nur mit Bertrand Russells Klassiker „Philosophie des Abendlandes“, über das dann auch irgendwann demnächst nochmal zu reden sein wird, sondern eben auch mit dem ersten Teil von Prechts Überblick über die Geschichte der Philosophie beglückt. Und der Einstieg in diese auf vier Bände ausgelegte Reihe, deren vierter Teil irgendwann im Herbst 2023 erscheinen soll, was in der Folge bedeutet, dass ich die Bände zwei und drei seeehr langsam lesen muss, dieser Einstieg also gelingt Richard David Precht ganz hervorragend.

Zu Beginn stellt der Autor gleich erst mal klar, was seine Buchreihe sein soll und was nicht. So soll „Eine Geschichte der Philosophie“ weder als Nachschlagewerk oder Kompendium dienen, sondern der Autor verfolgt einen eher erzählerischen Ansatz, der das Buch trotz der manchmal vielleicht trockenen Thematik locker-fluffig lesebar macht. Insbesondere die Einordnung der philosophischen Gedanken einzelner Vertreter in die politischen, geografischen und wirtschaftlichen Hintergründe ihrer Zeit trägt zum besseren Verständnis des Gelesenen bei.

Mit Thales von Milet als Ausgangspunkt hangelt sich Precht munter von Person zu Person, Ort zu Ort, Zeit zu Zeit und Idee zu Idee und versteht es dabei sehr gut, herauszustellen, inwiefern spätere Ideen auf früheren aufbauen, inwiefern sie variiert und weiterentwickelt wurden. Und so gelangt man schließlich irgendwann von Thales von Milet bei Platon und Aristoteles an, auf denen – aufgrund der Quellenlage verständlicherweise – das Hauptaugenmerk des Autors liegt.

Schon zu diesem Zeitpunkt wurde mir als Leser aber bereits deutlich, dass ich mir die Menge an Information, die mir Precht hier präsentiert, unmöglich werde merken können. Dieser Eindruck hielt sich auch über die anschließend geschilderte Philosophie des Mittelalters, obwohl diese im Vergleich zur Antike spärlich war, da das Christentum augenscheinlich alles Wissenswerte begründete, ohnehin wenig Widerspruch duldete und man als Philosoph, der etwas auf sich hielt, beständig auf dünnem Eis wandelte, das dann auch unter dem einen oder anderen einbrach.

Letztlich wurde mir dann aber bewusst, dass es hier auch nicht darum geht, sich das Ganze lückenlos zu merken. Es geht eher um die Freude an der Beschäftigung mit der Thematik. Für anschließend auftauchende Detailfragen kann man dann ja immer noch mal nachblättern. Besagte Freude jedenfalls, die war bei mir tatsächlich immens, weswegen ich persönlich mich sehr bald dem zweiten und dritten Band zuwenden werde und hoffe, dass dann Herbst 2023 ist und wir uns wieder in weniger durchgeknallten Zeiten befinden.

Wer also grundsätzliches Interesse an der Thematik mitbringt, dafür aber ohne große Vorbildung aufwarten kann und sich beispielsweise von Russells Klassiker überfordert sieht, der kann hier bedenkenlos zugreifen. Prechts Einstieg in die Geschichte der Philosophie macht einfach nur Spaß!

Demnächst in diesem Blog: „Goldtod“ von Axel Simon oder „Äquinoktium“ von Peter Georgas-Frey

„Sechzehn Pferde“ von Greg Buchanan

Buch: „Sechzehn Pferde“

Autor: Greg Buchanan

Verlag: S. Fischer

Ausgabe: Hardcover, 448 Seiten

Der Autor: Greg Buchanan wurde 1989 geboren und lebt in den Scottish Borders, Großbritannien. Er studierte Englisch an der University of Cambridge und promovierte am King’s College London über Identifikation und Ethik. Er ist Absolvent des Creative Writing der University of East Anglia und hat sich in der Gaming-Community einen Namen als Drehbuchautor für Videospiele gemacht. »Sechzehn Pferde« ist sein erster Roman. (Quelle: Fischer)

Das Buch: Sechzehn Pferdeköpfe werden auf einer Farm des sterbenden englischen Küstenorts Ilmarsh entdeckt. Kreisförmig eingegraben in den Ackerboden, nur ein einziges Auge blickt in die rote Wintersonne. Die Veterinärforensikerin Dr. Cooper Allen wird zum Tatort gerufen. Früher wollten sie Tierleben retten, heute diagnostiziert sie ihren Tod. Dann entspinnt sich eine unvorhergesehene Kette weiterer Verbrechen. Durch die Kadaver in der Erde verbreitet sich eine Infektion, die Gemeinde wird unter Quarantäne gestellt. Die Außenseiterin soll mit dem örtlichen Polizisten Alec Nichols die schockierenden Fälle aufdecken. Doch was, wenn das Böse nicht nur im Boden lauert, sondern in den Menschen selbst? Etwas Böses, das Allen selbst immer tiefer in einen Strudel aus Schuld und Vergeltung hinabzieht? (Quelle: Fischer)

Fazit: Als Zugehöriger der so unsäglich und augenscheinlich in Ermangelung einer adäquateren Bezeichnung als „Gamer“ bezeichneten Gruppierung horchte ich auf, als ich erfuhr, dass Buchanan vormals in der Gaming-Branche tätig war, recherchierte ein wenig, und mir fuhr es kalt den Rücken runter. Denn Buchanan war, so ergaben meine Recherchen, federführend bei der Story-Entwicklung von „No Man´s Sky“ – dem, lasst euch das aus berufenem Munde sagen, wohl mit gigantischem Abstand langweiligsten PC-Spiel seit „Pac-Man“. Ach was, seit „Pong“! Nein, seit „Spacewar“!

Zudem eins, dessen Veröffentlichung seinerzeit für Aufruhr sorgte, weil „No Man´s Sky“ unfertig, fehlerbehaftet und zudem um wesentliche, eigentlich versprochene und noch in Werbetrailern enthaltene Spielmechaniken gekürzt, erschien. Kurz gesagt: Die Veröffentlichung von „No Man´s Sky“ war innerhalb der Gaming-Community in etwa das, was der Dieselskandal für normale Leute darstellte und mein persönlich größter Fehlkauf seit Anbeginn aller Zeiten.

„Das kann ja was werden …“ unkte ich und begab mich an die Lektüre.

Nach etwa 200 Seiten entfuhr mir jedoch ein „Was geht denn jetzt ab?“ und ich musste konstatieren, dass Buchanan wohl wesentlich besser Bücher als PC-Spiele schreiben kann.

Natürlich gibt es aber auch an „Sechzehn Pferde“ genug auszusetzen. Als da wäre beispielsweise zunächst mal der phasenweise recht hohe Ekelfaktor. Schon die sechzehn Pferdeköpfe als Ausgangslage des Settings würden vermutlich reichen, um geharnischte PETA-Anhänger zu Fackeln und Forken greifen zu lassen. Dem aber nicht genug, Buchanan ergeht sich in detaillierten Beschreibungen dessen, was da so im Boden vergraben liegt und scheut auch nicht vor noch detaillierten Schilderungen der Obduktion der Pferdeköpfe zurück. Das muss man nicht mögen und ich mochte es auch in der Tat nicht. Das eigentlich Schlimme an dieser aufmerksamkeitsheischendes Effekhascherei ist, dass das Buch das überhaupt nicht nötig gehabt hätte. Nicht im Geringsten! Zumal so ziemlich alles andere auf ganzer Linie zu überzeugen weiß.

Zunächst mal ist hier Buchanans Erzählweise positiv hervorzuheben. Er schreibt kurze, prägnante Sätze und Kapitel und vermittelt den Eindruck, als hätte man aus „Sechzehn Pferde“ jedes, aber auch wirklich jedes Wort entfernt, das dort nicht unbedingt hingehört. Ein auf seine Essenz eingedampfter Text gefällt sicher nicht jedem, für mich persönlich machte das allerdings einen Großteil der unbestreitbaren Sogwirkung aus, die das Buch für mich hatte. Ein bisschen las es sich so wie Ferdinand von Schirach in besser. Womit ich nichts gegen Ferdinand von Schirach gesagt haben will.

Buchanans Erzählweise kommt ihm auch zugute, wenn es um seine Charaktere geht. 448 groß geschriebene und oftmals nur spärlich bedruckte Seiten geben ihm nicht viel Möglichkeiten, neben einer konsistenten Geschichte auch noch ausreichend Raum für seine Figuren zu schaffen. Aber auch das gelingt ihm recht gut. Passend zum Stil sind seine Charakterbeschreibungen ebenfalls kurz und bündig, teils fragmentarisch und teilweise muss man, insbesondere hinsichtlich des Ermittlers Alec Nichols, lange Zeit warten, bis sich aus einer gewissen Zahl an Einzelinformationen ein gesamtes Bild ergibt. In Summe führt das dann zu einem überzeugenden Figurenensemble, von dem, so ehrlich muss man sein, mir in einigen Wochen aber vermutlich kaum noch jemand wirklich präsent sein wird.

Während es mir vergleichsweise leicht fällt, Aussagen über die Charaktere oder den Stil das Autors zu treffen, ist das im Bereich der Handlung schon schwieriger. Nicht unbedingt, weil ich vermeiden möchte, zu viel zu verraten, was ich natürlich möchte, sondern weil es mir schlicht schwerfällt, diesen Trip, auf den mich der Autor mitgenommen hat, in Worte zu fassen.

Zu Beginn entsteht der Eindruck, Alec und Cooper seien einfach auf der Spur eines sadistischen Tierquälers, der halt einen leichten Draht in der Mütze hat. Dann jedoch kommt man irgendwann so etwa auf Seite 200 an, stellt fest, dass sich die Ereignisse überschlagen, was ausnahmsweise keine Phrase ist, ruft: „Was geht denn hier ab?“ aus und stellt fest, dass das Buch inhaltlich weit über die Anfangsannahme hinausgeht.

Am Ende angekommen bemerkt man dann, dass es sich um ein Buch handelt, das einen noch etwas länger beschäftigen wird. Auch weil man sich nach der Lektüre viele Fragen stellt. Ist das alles schlüssig, was der Autor als Lösung der Handlung so präsentiert hat? Ergibt es zumindest irgendwie Sinn? Und was um alles in der Welt hat man da eigentlich überhaupt gerade gelesen?

Letztlich ist „Sechzehn Pferde“ eine düstere, dystopische, verwirrende Leseerfahrung, die ich nicht missen möchte. Wer nicht ganz so arg zartbesaitet ist und etwas aus der Kategorie „Mal was völlig anderes“ lesen möchte, ist mit Buchanans Romandebüt gut bedient.

Ich danke dem Fischer-Verlag für die freundliche Übersendung des Rezensionsexemplars. Die Tatsache, dass es sich hierbei um ein kostenloses Rezensionsexemplar handelte, beeinflusst meine Meinung selbstredend nicht.

Demnächst in diesem Blog: Eine ganze Reihe zauberhafter Menschen wartet ganz aktuell auf meine Einlassungen zu diversen Rezensionsexemplaren. Diebezüglich muss ich – aus Gründen, wie man heutzutage so schön sagt – noch um etwas Geduld bitten. Bis es diesbezüglich so weit ist, werde ich mich, je nach Gusto, erst mal Harald Welzer, Richard David Precht oder Truman Capote zuwenden. Vielleicht auch Axel Simon. Nichts Genaues weiß man nicht …