„Caspers Weltformel“ von Victoria Grader

Buch: Caspers Weltformel

Autorin: Viktoria Grader

Verlag: Diederichs

Ausgabe: Hardcover, 320 Seiten

Die Autorin: Victoria Grader (Jg. 1992) hat in München und Venedig Praktische Philosophie studiert. Sie promoviert im Bereich der Technikphilosophie und lehrt Ethik für Naturwissenschaftler. Die Autoren der Münchner Autorengruppe Prosathek sagen von ihr: »Victoria erzählt vom Surrealen im Sinnesmeer.« (Quelle: Random House)

Das Buch: Der Physik-Doktorand Casper aus Berlin hat eine Formel entwickelt, mit der er soziale Interaktionen berechnen kann. Mit Hilfe der Formel kann er all das, was ihm widerfährt, vorherbestimmen. Seine Lebensfreude geht in der Gleichförmigkeit verloren – bis er die erstbeste Gelegenheit am Schopfe packt, um auszubrechen: Eine Reihe von Zufällen verschlägt Casper nach Budapest, wo er auf Ilona trifft. Im Bemühen, die Dinge und Menschen vorherzusehen, kommt Casper bei ihr an seine Grenzen. Mit ihrer verträumten Lebensweise ist sie so ganz das Gegenteil von ihm. Doch gerade die Unterschiede sind es, die beiden helfen, einen neuen Blick auf das Leben zu gewinnen.  (Quelle: Random House)

Fazit: Ich gebe zu, dass ich anfangs die Befürchtung hatte, bei „Caspers Weltformel“ könnte es sich um einen wirklich kitschigen Roman handeln. Das ist glücklicherweise nicht der Fall, dafür hakt es dann aber an anderen Stellen. Welche das sind, und ob das Buch trotzdem empfehlenswert ist, darum soll es im Folgenden gehen:

Physik-Doktorand Casper hadert mit sich und dem Leben, fühlt sich gefangen in einem einengenden Büro, in dem er tagaus, tagein denselben ebenso einengenden Job ausführt. Sein Leben schreitet bar jeder Aufregung gleichförmig voran. Allerdings ist Casper auch so ein bisschen selbst dran schuld, denn im Laufe jahrelanger Rechenarbeiten hat er eine Formel entwickelt, mit der er Reaktionen seines Gegenübers berechnen kann. In der Folge bereitet das Leben dem jungen Mann daher kaum noch Überaschungen oder Abwechslungen und in der ewigen Routine des redensartlichen Hamsterrads fragt sich der junge Mann irgendwann: „Soll das jetzt alles gewesen sein?“

In einer Art Übersprungshandlung besteigt Casper den nächstbesten Zug nach Irgendwohin, und Irgendwohin ist in diesem Fall Budapest. In der ungarischen Hauptstadt lässt sich der junge Mann ein wenig treiben, begegnet erst dem Fernfahrer Jànos, dann läuft ihm Ilona über den Weg.

Und bis hierhin hat mir der Roman ausnehmend gut gefallen. Nicht nur, weil ich mit vollständig auf anekdotischer Evidenz basierender Kompetenz behaupten kann, dass sich die Frage nach dem „Soll das jetzt alles gewesen sein?“ die meisten Menschen im Laufe ihres Lebens mal gestellt haben oder noch stellen werden. Und bis hierhin hat Victoria Grader mit Casper auch einen recht zugänglichen Protagonisten geschaffen.

Das ändert sich dann allerdings spätestens, als Casper in Budapest auf Ilona trifft. Und zwar nicht, weil ich mit dieser neuen Figur wenig anfangen kann. Ich gebe zu, dass ich mit Ilona kein Bier trinken gehen wollen würde, da mir ihre Oberflächlichkeit, ihre Unfähigkeit, Dinge wirklich auf die Reihe zu kriegen, ihr schon seit langer Zeit massiv defekter moralischer Kompass und ihre augenscheinliche Selbstversicherung, für diverse Jobs des einfachen Volks schlicht zu gut zu sein, suspekt sind, aber als Figur finde ich Ilona tatsächlich ganz spannend.

Umso mehr, als mit ihr ein spannender Gegenpol zu Casper geschaffen ist, der Anlass für zahlreiche Konflikte liefern könnte.

Mein Problem liegt eher daran, dass Casper ab diesem Moment sein wahres Gesicht zeigt. Und eben dieses gefällt mir so gar nicht. Denn der junge Doktorand ist ein Mensch, der schon sehr auf sich, seine Ernährung und seinen ökologischen Fußabdruck achtet, was im Übrigen überhaupt nicht verwerflich ist, sondern im Gegenteil eher wünschenswert. Allerdings geht er damit missionieren und trägt seine Weltsicht demonstrativ monstranzartig vor sich her. Und wenn jemand mit seiner Meinung missionieren geht und versucht, andere zu etwas zu bekehren, gleich ob es sich dabei um Ernährung, Religion oder die Fanszene des FC Bayern München handelt, dann habe ich damit so meine Probleme. Möglicherweise mag das daran liegen, dass ich grundsätzlich ein Problem damit habe, wenn jemand unaufgefordert anfängt, mir mein Leben zu erklären. Und Casper tut das dauernd …

Er ist einer dieser Menschen, über die man in unfreundlicheren Zeiten gesagt hat: „Woran erkennt man einen Vegetarier? Er erzählt es dir!“, einer der Menschen, die im Restaurant an dir vorbeigehen, während du gerade deinen Schnitzelteller bekommst, um sich dann zu dir runterzubeugen und Sätze von sich zu geben, die mit „Du weißt aber schon, dass …“ beginnen.

Er belässt es aber nicht bei Ernährung, sondern geißelt auch Arbeitsbedinungen in verschiedenen Gegenden der Welt, die Überfischung der Ozeane und vieles andere. Das kann man auch alles tun, sogar berechtigterweise. Allerdings tut Casper das mit bemerkenswerter Arroganz und einer Art Alleinvertretungs- und Unfehlbarkeitsanspruch, der sonst nur diversen Religionen gleich welcher Ausprägung innewohnt und der unfassbar nervt.

So unterlässt er es beispielsweise auch nicht, seine Mutter davon zu unterrichten, dass ihre Rosenträucher im Garten reine Zierpflanzen seien, mit denen die Bienen und andere Insekten ja so gar nichts anfangen könnten. Und wenn mir am Frühstückstisch, nachdem ich eröffnet habe, keinen Hunger zu haben und nur einen Kaffee trinken will, jemand entgegnet: „Das kann ich nicht akzeptieren!“, so wie Casper das gegenüber Ilona tut, dann würde ich ihm, je nach Tagesform, wohl im Rahmen eines länger angelegten Monologs darlegen, dass die Frage, inwieweit mein Gegenüber hinsichtlich meine Nahrungsaufnahme betreffender Fragen zur Akzeptanz bereit ist, für mich keinerlei Relevanz besitzt oder aber einfach nur perplex fragen: „Bitte was kannst du?“

All die ökologischen Fragen, die die Autorin in ihrem Buch präsentiert, haben ja durchaus ihre Berechtigung, es wäre nur schön gewesen, man hätte sie in irgendeiner Weise subtil präsentiert, wenigstens aber nicht mit der moralinsauren Dampfhammermethode, für die man sich entschieden hat.

Wenn wir uns wegbewegen von der Figurenebene und uns der inhaltlichen zuwenden, dann stellen wir fest, dass es auch hier Anlass zur Kritik gibt. Denn mir hat sich bis zum Ende nicht erschlossen, was „Caspers Weltformel“ denn nun sein soll. Soll es ein Roman sein, der sich vorwiegend mit ökologischen Fragestellungen und Problemen beschäftigt, dann ist, wie beschrieben, die Art der Präsentation ein Problem, weswegen daraus hier eher ein moralinsaurer Weltverbesserungsroman würde. Vielleicht soll es aber auch eine Art Coming-of-Age-Geschichte sein, denn zumindest Caspers Wunsch nach Sicherheit, Stabilität und Vorhersagbarkeit im Leben wird ebenso mit seiner Vorgeschichte begründet, wie es hinsichtlich Ilonas Wesen und Verhaltensweisen ebenfalls passiert!? Dafür geht der Roman hier aber eben nicht genug in die Tiefe. Man hätte auch einen Roman daraus machen können, in dem zwei Menschen vollkommen gegensätzlicher Ausprägung über philosophische Fragen, das Leben, das Universum und den ganzen Rest diskutieren, wie das weiland Julie Delpy und Ethan Hawke in einem Zug taten. Und in Ansätzen passiert das auch. Aber eben auch hier kommt der Roman nicht über Ansätze hinaus und vermeidet jegliche Tiefe. Stattdessen wird die Leserschaft permanent mit dem moralischen Zeigefinger ins Auge gepikt, während sich der Roman irgendwo verrennt. Auf nur knapp 320 Seiten hätte man sich meines Erachtens stärker für irgendeine Richtung dahingehend entscheiden müssen, was das Buch sein und was es sagen soll.

Und das ist in Summe alles tatsächlich irgendwie ärgerlich, denn in stilistischer Hinsicht merkt man dem Buch beispielsweise an, dass Victoria Grader wirklich gut schreiben kann. Ihre Dialoge wissen zu gefallen – sofern Casper nicht gerade wieder „Das kann ich nicht akzeptieren!“ sagt – und auch der Aufbau ist gelungen. Abwechselnd werden die Kapitel mal aus Ilonas mal aus Caspers Sicht erzählt, was für gewöhnlich eine bemerkenswert hohe Gefahr für Redundanz birgt. Der Autorin gelingt es aber ausgesprochen gut, eben dieser Gefahr auszuweichen, und insgesamt kann „Caspers Weltformel“ daher in erzählerischer Hinsicht sehr gut punkten.

Das täuscht jedoch nicht über die vorher angesprochenen Schwierigkeiten hinweg, die ich mit dem Buch hatte.

Letztlich bleibt ein überraschend leichter, dafür aber nicht seichter Roman, dem man einiges verzeihen können muss, den man aber zumindest dann guten Gewissens lesen kann, wenn man selbst gerade im Hamsterrad sitzend vom Fernweh geplagt wird.

Ich bedanke mich beim Bloggerportal und beim Diederichs Verlag für die freundliche Übersendung des kostenlosen Rezensionsexemplars. Die Tatsache, dass es sich um ein kostenloses Rezensionsexemplar handelt, beeinflusst meine Meinung selbstredend nicht.

Demächst in diesem Blog: „Die Eroberung Amerikas“ von Franzobel

 

„Shanghai fern von wo“ von Ursula Krechel

Buch: „Shanghai fern von wo“

Autorin: Ursula Krechel

Verlag: btb

Ausgabe: Taschenbuch, 504 Seiten

Die Autorin: Ursula Krechel, geboren 1947 in Trier, seit 1974 zahlreiche literarische Veröffentlichungen: Theaterstücke, Gedichte, Hörspiele, Romane, Essays, zuletzt »Stark und leise«. Für ihre Romane »Shanghai fern von wo« und »Landgericht« wurde sie vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Joseph-Breitbach-Preis und dem Deutschen Buchpreis. Ursula Krechel lebt in Berlin. (Quelle: btb)

Das Buch: Shanghai am Vorabend des Zweiten Weltkriegs. Für Tausende Juden ist es das letzte Schlupfloch. Sie kamen ohne Visum und Illusionen mit einem Koffer und zehn Reichsmark in der Tasche: Anwälte, Handwerker, Kunsthistoriker, und wenn sie in dieser überfüllten Stadt und dem feucht drückenden Klima zurechtkommen wollten, dann waren Erfindungsgabe und Tatkraft gefordert. Ursula Krechels bewegender Roman erzählt von Menschen, die versuchen, das Überleben zu lernen. (Quelle: btb)

Fazit: Hach, was schreibe ich nur über dieses Buch? Na, beginnen wir vielleicht einfach mal von vorn: Im Jahr 2012 erschien Ursula Krechels vielfach gelobter Roman „Landgericht“, der seitdem auf meiner „Wollte ich eigentlich immer mal lesen“-Liste steht. Anlässlich ihres 2018 erschienenen Romans „Geisterbahn“ kam der Plan zur Lektüre von „Landgericht“ wieder mal hoch und ich stellte nach kurzer Recherche fest, dass beide Bücher zusammen zumindest thematisch grob eine Art Trilogie zusammen mit dem 2008 erschienenen „Shanghai fern von wo“ darstellen, weswegen es mir einigermaßen sinnvoll erschien, genau damit anzufangen, um festzustellen, ob ich generell mit Frau Krechels Schreibe klarkomme. Nur leider liegt genau da der Hase im Pfeffer.

Dabei gibt es ausreichend Gründe, Krechels Roman ausgiebig zu loben. Allen voran sei da erst mal das Thema genannt. Die Autorin widmet sich einem Stück Geschichte, das zumindest mir in der Form gar nicht präsent war: Shanghai als Exil. Im Jahr 1938 fliehen viele Juden aus Nazi-Deutschland, die meisten Schlupflöcher sind dabei allerdings bereits schon zu, die Möglichkeiten der Ausreise bereits stark begrenzt. Shanghai jedoch ist seit den Opiumkriegen des 19. Jahrhunderts eine offene Stadt für Europäer unterschiedlichster Nationalitäten, ein Visum wird bei der Einreise nicht verlangt. Und so wird die Stadt zur vorübergehenden Heimat für insgesamt 18.000 Juden.

Krechel beschreibt die Schicksale der Vertriebenen anhand etwa einer Handvoll Protagonisten, als da wären das Ehepaar Tausig – er Rechtsanwalt, sie Inhaberin eines Holzhandels -, der Buchhändler Lazarus sowie der Kunsthistoriker Brieger. Wie 18.000 andere Vertriebene kommen sie mit den erlaubten 10 Mark in der Tasche und allem was sie tragen konnten als Gepäck in der Stadt an und stehen zunächst mal vor der Frage, was sie denn so können, bzw. was sie zukünftig denn so tun wollen und sollen. Denn im Grunde sind Kunsthistoriker in Shanghai selbstredend genauso wenig gefragt wie Rechtsanwälte, die sich in erster Linie mit österreichisch-ungarischem Recht auskennen.

Die Zeit der Orientierung der Vertriebenen wird von Krechel ebenso überzeugend dargestellt, wie deren erneuter Niedergang. Denn während in Europa der Krieg erst ein Jahr nach der Ausreise der letzten Flüchtlinge beginnt, wütet in und um Shanghai bereits seit 1937 der Zweite Japanisch-Chinesische Krieg. Letztlich besetzen die Japaner die Stadt, wobei die Neuankömmlinge vermutlich eigentlich recht unbehelligt hätten weiterleben können, denn mit dem Antisemitismus haben es die Japaner nun ja nicht so. Allerdings gibt es da ja kompetente Achsenmacht-Kollegen, die ihnen die Grundzüge des Antisemitismus darlegen und die Sinnhaftigkeit eines Gettos vermitteln können, weswegen die Flüchtlinge kurzerhand in ein eben solches verlegt werden und erneut unter Repressalien zu leiden haben.

Besonders eindringlich in Erinnerung bleibt mir persönlich allerdings der abschließende Teil, in dem deutlich wird, dass Deutschland sich schon in und seit den 50ern an jeder nur verfügbaren Stelle um Entschädigungszahlungen drückt und sich dabei auch nicht entblödet, vor Gericht klären zu lassen, wann ein Getto denn ein Getto ist. Denn würde man damit mal anfangen, dann könnte man hierzulande wohl einfach abschließen und den Schlüssel wegwerfen. Da bekommt „Wehret den Anfängen“ eine völlig neue Bedeutung …

Die Autorin stellt die Lebensläufe ihrer Protagonisten zunächst scheinbar separat nebeneinander, nur um sie im Laufe der Handlung dann doch zusammenzuführen. Und das ist genau so gut gelungen wie beispielsweise der gesamte Aufbau oder aber die Charakterzeichnungen.

Das größte und eigentlich einzige Problem, das ich mit Ursula Krechels Roman hatte, betrifft die Erzählweise bzw. die sprachliche Ebene. Immer wieder verfällt die Autorin in einen ausschweifenden, für mich überzogen literarischen Erzählstil, der mir als Leser ganz deutlich meine Grenzen aufgezeigt hat und dem ich mich nicht wirklich gewachsen sah. Es mag sein, dass „Shanghai fern von wo“ für literarisch gebildetere und/oder allgemein klügere Menschen als ich das bin wesentlich zugänglicher ist. Es mag also beispielsweise sein, dass Thea Dorn, Ijoma Mangold und Denis Scheck in der Lage sein würden, stundenlang über diesen Roman zu philosophieren. Ich dagegen empfand während er Lektüre allerdings dagegen leider eine fortwährende Überforderung und befand mich durchgehend auf der Suche nach dem, was mir der Roman abgesehen von der reinen Inhaltsebene und versteckt hinter diesem ganzen elaborierten Sprachdickicht denn so sagen möchte. Ich vermute allerdings, es nicht gefunden zu haben.

Nichtsdestotrotz bereue ich nicht, den Roman gelesen zu haben. Denn auch wenn er vielleicht über meinen literarischen Horizont hinausging, hat er diesen – und meine historischen Kenntnisse – wenigstens erweitert. Und das ist doch auch schon mal was. Von der Lektüre von „Landgericht“ und „Geisterbahn“ werde ich – unter Annahme eines darin vergleichbaren vorherrschenden Stils – dann aber doch Abstand nehme. Ich fühle mich nicht gerne doof.

Demnächst in diesem Blog: „Caspers Weltformel“ von Victoria Grader

„Das Verschwinden der Adèle Berdeau“ von Graeme Mac

Buch: „Das Verschwinden der Adéle Bedeau“

Autor: Graeme Macrae Burnett

Verlag: btb

Ausgabe: Taschenbuch, 288 Seiten

Der Autor: Graeme Macrae Burnet, geboren 1967 in Kilmarnock, Schottland, studierte Englische Literatur in Glasgow. Er schreibt seit seiner Jugend und wurde 2013 mit dem Scottish Book Trust New Writer’s Award ausgezeichnet. Mit seinem einzigartigen historisch-literarischen Krimi »Sein blutiges Projekt« schaffte er 2016 den Sprung auf die Shortlist des renommierten Man Booker Preis und gehört seitdem zu den außergewöhnlichsten Stimmen der internationalen Krimiszene. Er lebt und schreibt in Glasgow. Seine Bücher wurden bislang in über zwanzig Sprachen übersetzt. (Quelle: Random House)

Das Buch: Manfred Baumann ist ein Eigenbrötler. Obwohl als kleinstädtischer Bankdirektor im Elsaß in guter Stellung, tut er sich im Umgang mit Menschen schwer. Umso wichtiger sind für den stillen Junggesellen seine gewohnten Routinen: ein penibel geplanter Tagesablauf, die regelmäßigen Ausflüge nach Straßburg in das Etablissement von Madame Simone und die Besuche in seinem Stammlokal. Tag für Tag beobachtet er dort die blutjunge Kellnerin Adèle Bedeau. Bis sie eines Abends spurlos verschwindet. Manfreds Welt gerät ins Wanken, als Kommissar Georges Gorski die Ermittlungen aufnimmt. Aber wird Gorski, der noch immer schwer an einem früheren Ermittlungsfehler zu tragen hat, diesmal den richtigen Riecher haben?  (Quelle: Random House)

Fazit: Wenn Autoren mit einem Buch erstmals auch international so richtig viel Erfolg haben, dann erscheint in der Folge oftmals in kurzen Abständen so ziemlich alles, was sie bislang verfasst haben. So ist zum Beispiel zu erklären, warum ich mich seinerzeit durch das im Original eigentlich schon vor Urzeiten erschienene „Der Planetenwanderer“ von George R. R. Martin kämpfen musste und so ist auch so erklären, warum ich noch vor Abschluss von „Das Lied von Eis und Feuer“ mit einer Anthologie aller seiner jemals geschriebenen bzw. erhaltenen Einkaufszettel und Tankquittungen rechne. Zudem ist man von diesem im Nachhinein erschienenen Frühwerk dann oftmals eher enttäuscht, weil es qualitativ nicht mit dem international bekannten Werk mithalten kann, sonst hätte es, das Frühwerk,  sich seinerseits ja bereits durchgesetzt.

Und so hätte es auch im Falle von Graeme Macrae Burnet sein können, denn sein neuer Roman „Das Verschwinden der Adéle Bedeau“ erschien im Original bereits vor dem allenthalben und im letzten Jahr auch von mir hochgelobten „Sein blutiges Projekt„, das es immerhin auf die Shortlist des renommierten Man Booker Prize schaffte.

Glücklicherweise stellen sich jegliche vielleicht vorhandenen Sorgen hinsichtlich der literarischen Qualität als unbegründet heraus, denn „Das Verschwinden der Adèle Bedeau“ ist nichts anderes als ein ganz großartiger Roman – wenn man die Stimmung mag, die er verbreitet.

Zu Beginn stellt uns der Autor seinen Protagonisten Manfred Baumann und dessen Wohnort, das Städtchen Saint-Louis im Elsass, vor. Baumann ist als Leiter einer Bank beruflich augenscheinlich recht erfolgreich, führt ansonsten allerdings ein Leben, das strengen Routinen unterworfen ist, zu denen unter anderem gehört, dass er in der Mittagspause in immer dasselbe Lokal geht, wo er immer denselben Mittagstisch bestellt und die immer gleiche Menge des immer gleichen Rotweins trinkt. In diesem Lokal trifft er auch erstmals auf die dort als Kellnerin tätige Adèle Bedeau. Bis auf eine kurze Unterhaltung auf dem Heimweg haben beide jedoch nicht viel miteinander zu tun.

Als Adèle eines Tages nicht zur Arbeit auftaucht, scheint Baumann der einzige zu sein, der sich wirklich Sorgen um sie macht. Erst als ihre Abwesenheit länger dauert, tritt auch die Polizei in Person von Kommissar Georges Gorski auf den Plan, der die Ermittlungen aufnimmt. Im Zuge dieser Ermittlungen wird auch Baumann vernommen, verneint aber, Adèle außerhalb des Lokals jemals begegnet zu sein, obwohl es Beweise dafür zu geben scheint, und verhält sich auch ansonsten auffällig. Gorski ist sicher, mit ihm den Verantwortlichen für Adèles Verschwinden gefunden zu haben.

Der eigentliche Kriminalfall gerät in Burnets Buch sehr schnell in den Hintergrund, im Grunde ist sein Roman oftmals mehr Charakterstudie als Krimi. Allerdings eine ausnehmend gute. Detailliert wird beleuchtet und erklärt, wie die beiden Protagonisten Baumann und Gorski aufgrund ihrer Vorgeschichte zu den Menschen wurden, die sie sind. So leidet Gorski beispielsweise unter einem vor Jahrzehnten unaufgeklärt gebliebenen Mordfall, in dem er für die Ermittlungen zuständig gewesen ist, sowie unter seiner Ehefrau, der er sich im Rückblick viel zu früh an den Hals geworfen hat, die sich selbst für etwas Besseres hält und die keine Gelegenheit auslässt, ihren Mann spüren und wissen zu lassen, dass er „nur“ Polizist ist und wie enttäuscht sie darüber ist, nicht in „besseren“ Kreisen zu verkehren.

Baumann wiederum wirkt so verschroben, wie man nur sein kann. Sein Leben zeichnet sich durch die immer gleichen Routinen ab. An immer denselben Wochentagen werden immer dieselben Lokalitäten aufgesucht, in denen er immer dasselbe tut oder bestellt. Niemals würde er von diesen Routinen abweichen, hat er doch den Eindruck, ständig unter Beobachtung seiner Mitmenschen zu stehen. Und wenn er von seinen Gewohnheiten abwiche, so Baumanns Logik, so würden die anderen das bemerken und er würde sich wessen auch immer verdächtig machen. Wie so häufig würden die anderen Menschen im Falle einer Abweichung von seiner Routine genau das über ihn denken, was die meisten Menschen über ihre Mitmenschen denken, nämlich gar nichts. In der Gedankenwelt von Baumann ergibt seine zwanghafte Handlungsweise allerdings durchaus Sinn und Burnet erklärt detailliert, wie es dazu kommen konnte. Darüber soll an dieser Stelle natürlich geschwiegen werden.

Wären die beiden Charakterstudien als solche vielleicht etwas wenig, so ist es darüber hinaus in erster Linie die verbreitete Stimmung, die den Roman trägt. Und diese kann durchaus als ausgeprochen trostlos bezeichnet werden. Aber das muss ja nichts Schlechtes sein, das muss man halt eben nur mögen. Burnet zeichnet ein eher düsteres Bild von Saint-Louis und seinen Bewohnern, von denen im Grunde genommen keiner, aber auch wirklich keiner, als Sympathieträger taugt. Ich mochte dieses eher graue Flair des Buches, manchen mag es aber vielleicht zu trostlos vorkommen.

Burnets Roman wird allenthalben mit dem Werk von Georges Simenon verglichen, was ich nicht beurteilen kann, weil ich Simenon noch nicht gelesen habe, zeitnah aber vermutlich mal ändern sollte. Der aufmerksamen Leserschaft des Romans wird aber nicht entgehen, dass sich Burnet auch an anderen Stellen der Weltliteratur bedient hat. So findet sich Camus‘ Existenzialismus nicht nur inhaltlich wieder, er wird auch ganz offen thematisiert. Zudem enthält der Roman, zumindest in meiner Wahrnehmung, Züge von Dostojewskis „Schuld und Sühne“ und irgendwie fühlte ich mich auch an Dürrenmatts „Der Richter und sein Henker“ erinnert, auch wenn ich diesen Eindruck vielleicht exklusiv habe.

Den einzigen Ansatz zur Kritik bietet im Grunde genommen das Nachwort, von dem ich allerdings immer noch nicht weiß, ob ich es als überflüssig betrachten oder nicht doch lieber schelmisch grinsen soll. Wie schon in „Sein blutiges Projekt“, dem er einen realen Hintergrund andichten wollte, versucht Burnet, hier die Illusion zu erschaffen, bei „Das Verschwinden der Adèle Bedeau“ handele es sich lediglich um die Übersetzung eines im französischen schon vor Jahrzehnten erschienenen und 1989 von Claude Chabrol verfilmten Romans. Es wird nicht wundern, dass weder der französische Roman noch die besagte Verfilmung jemals existiert haben. Von dieser Idee, seinen Büchern einen realen Hintergrund zu verleihen, mag man halten, was man möchte, die Umsetzung jedoch – das Ganze also eben noch so gerade im Nachwort dranzuhängen – erschien mir persönlich etwas unpassend. Als Einleitung, Prolog oder was auch immer, zumindest aber der eigentlichen Handlung vorangestellt, hätte es besser gewirkt. Aber das ist letztlich Leiden auf hohem Niveau.

Wer also Romane mag, die mit ihren Charakterstudien und ihrer Stimmung überzeugen, in leichten Zügen etwas Kammerspielartiges haben, und wer dafür auf actiongeladenes Feuerwerk und hochdramatische Spannung verzichten kann, der dürfte mit „Das Verschwinden der Adèle Bedeau“ glücklich werden. Ich zumindest wurde es.

Ich danke dem btb Verlag und dem Bloggerportal für die freundliche Übersendung des kostenlosen Rezensionsexemplars. Die Tatsache, dass es sich um ein kostenloses Rezensionsexemplars handelt, beeinflusst meine Meinung selbstredend nicht.

Demnächst in diesem Blog: Entweder „Die Eroberung Amerikas“ von Franzobel oder „Shanghai fern von wo“ von Ursula Krechel.

„Das Geheimnis von Zimmer 622“ von Joël Dicker

Buch: „Das Geheimnis von Zimmer 622“

Autor: Joël Dicker

Verlag: Piper

Ausgabe: Hardcover, 617 Seiten

Der Autor: Joël Dicker wurde 1985 in Genf geboren. Seine Bücher „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ und „Die Geschichte der Baltimores“ wurden weltweite Bestseller und über sechs Millionen Mal verkauft. Für „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“, das in Frankreich zur literarischen Sensation des Jahres 2012 wurde und dessen Übersetzungsrechte mittlerweile schon in über 30 Sprachen verkauft wurden, erhielt Dicker den Grand Prix du Roman der Académie Française sowie den Prix Goncourt des Lycéens. Mit „Das Verschwinden der Stephanie Mailer“ konnte er an seine Erfolge anknüpfen und schaffte es ebenfalls auf die Bestsellerlisten. (Quelle: Piper)

Das Buch: Eine dunkle Nacht im Dezember, ein Mord im vornehmen Hotel Palace de Verbier in den Schweizer Alpen. Doch der Fall wird nie aufgeklärt. – Einige Jahre später verbringt der bekannte Schriftsteller Joël Dicker seine Ferien im Palace. Während er die charmante Scarlett Leonas kennenlernt und sich mit ihr über die Kunst des Schreibens unterhält, ahnt er nicht, dass sie beide in den ungelösten Mordfall hineingezogen werden. Was geschah damals in Zimmer 622, das es offiziell gar nicht gibt in diesem Hotel … (Quelle: Piper)

Fazit: Im Laufe eines Jahres gibt es für mich neben den gesetzlichen Feiertagen immer auch so etwa eine Handvoll literarischer Feiertage, und zwar immer dann, wenn jemand aus dem illustren Kreis der von mir favorisierten Autorinnen und Autoren ein Buch veröffentlicht. Und Joël Dicker gehört zu besagtem Kreis absolut dazu, weswegen es nicht verwundern wird, dass ich mich auf diese Neuerscheinung gefreut habe wie ein Sechsjähriger auf Weihnachten.

Dabei wähnte ich Dickers letzte Veröffentlichung „Das Verschwinden der Stephanie Mailer“ noch gar nicht so lange her, stellte aber mit Erschrecken fest, dass seitdem schon wieder drei Jahre ins Land gegangen sein sollen, was ich mir einerseits nur mit einem Fehler im Raum-Zeit-Kontinuum erklären kann, was uns andererseits aber eigentlich auch gar nicht weiter beschäftigen soll.

Beschäftigen sollte uns viel mehr Dickers neuer Roman. Warum dieses Buch einiges anders macht als vergleichbare Genrevertreter, warum es Dicker-Fans mit Sicherheit glücklich machen wird, warum die, die das nicht sind, aber sicherlich auch Anlasss zur Kritik finden werden, versuche ich im Folgenden mal zu erläutern.

Zu Beginn des Buches lernen wir den Autor höchstpersönlich ein bisschen kennen. Denn Dicker hat sich diesmal selbst als Romanfigur und die Entstehung des vorliegenden Romans selbst als Handlungselement eingebaut. Nun bekommt das Buch auf diese Weise eine gewisse Metaebene – und ich mag Metaebenen -, allerdings muss man fairerweise zugeben, dass das Buch rein auf der Handlungsebene auch funktioniert hätte, wenn man statt des Autors höchstpersönlich eine fiktive Schriftstellerfigur als Protagonisten etabliert und auf sonstige literarische Kunstgriffe verzichtet hätte.

Sehr bald wird allerdings deutlich, warum sich Dicker eben für diesen literarischen Kunstgriff entschieden hat. Denn „Das Geheimnis von Zimmer 622“ ist nicht nur ein einfacher Krimi – was völlig wertfrei gemeint ist – sondern es ist auch als Hommage an Dickers ehemaligen Verleger Bernard de Fallois gedacht, der 2018 im Alter von 92 Jahren verstarb, seinerzeit übrigens von sich reden machte, als man in seinem Nachlass unveröffentlichte Proust-Texte fand, und dem Dicker seine Autorenkarriere im Wesentlichen zu verdanken hat. Und um der Leserschaft alle Dinge über de Fallois, die Dicker als wesentlich und erzählenswert erachtet, zu erzählen, und vielleicht auch, um für sich den Tod des Verlegers ein bisschen zu verarbeiten, erscheint die Idee, sich selbst als Romanfigur einzubauen auch völlig logisch und ist, selbst wenn die Umsetzung ein bisschen aufgesetzt wirkt, schon recht charmant, insofern sei Joel Dicker solcherlei Schnickschnack – ebenfalls wertfrei gemeint – verziehen. Zumal die Wichtigkeit, die Bernard de Fallois als Person für den jungen Schriftsteller besessen haben muss, dadurch deutlich wird, dass Dicker sich unlängst entschieden hat, seinen Verlag „Éditions de Fallois“ zu verlassen und mit Beginn des Jahres 2022 seinen eigenen Verlag zu gründen, in dem zukünftig seine Bücher erscheinen sollen.

Kommen wir ein bisschen weg von der Autoren-Verleger-Beziehung und wenden uns der Handlungsebene zu, dann sehen wir, dass Dicker hier an entscheidenen Stellen Dinge anders macht als in anderen Krimis. In anderen Krimis ist jemand ermordet worden, man erfährt ein kleines bisschen über das Opfer, und dann wird die Täterhatz zum zentralen Element der Handlung. Um solcherlei Krimikonventionen schert sich Dicker allerdings so überhaupt nicht. So erfahren wir zwar auch direkt zu Beginn der Handlung, dass im Zimmer 622 jemand zu Tode gekommen ist, wir erfahren allerdings nicht, um wen es sich dabei überhaupt handelt. In der Tat muss der Leser bis irgendwo auf Seite 415 warten, bis der Autor mit dieser wesentlichen Information herausrückt. Diese Idee hat mich durchaus mehr begeistert, als jegliche Metabenen das überhaupt könnten.

Ansonsten bewegen wir uns inhaltlich im Bereich der Schweizer Hochfinanz. Seit jeher ist die Ebezner Bank im Besitz der Bankiersfamilie Ebezner und der Vorsitz der Bank wird seit Generationen vom Vater an den Sohn weitergegeben. Hurray for patriarchy! Nun ja … Und seit jeher richtet die Ebezner-Bank ein sogenanntes „Großes Wochenende“ im Hotel „Palace de Verbier“ aus, eine Art riesiger Betriebsfeier, bei der immer auch beispielsweise betriebliche Personalentscheidungen verkündet werden. Nur diesmal ist alles anders. So hat Macaire Ebezner, Sohn des derzeitigen Bankpräsidenten, sofort nach Aufrücken seines Vaters auf den Präsidentenposten, verbunden mit Macaires eigenen Aufstieg als Vize, seine Bankanteile an den zwielichtigen Sinior Tarnogol verkauft, sich deswegen den unbegrenzten Zorn seines Vaters zugezogen, woraufhin dieser verfügt, dass das Präsidentenamt erstmals in der Geschichte der Bank nicht einfach weiterverebt, sondern anderweitig vergeben werden soll. Die Verkündung der Präsidiumsnachfolge, auf die sich Macaire Ebenzner nichtsdestotrotz weiter Hoffnung macht, soll nun im Rahmen des „Großen Wochenendes“ verkündet werden – wäre da nicht die Leiche in Zimmer 622 …

Zugegeben, man muss geneigt sein, Dicker so ein, zwei Ideen, die er zur Auflösung seiner Geschichte braucht, einfach abzukaufen, einfach davon auszugehen, dass das alles so umsetzbar ist, wie er uns das weismachen möchte. Und ja, phasenweise hatte ich so meine Probleme damit. Aber wenn man sich mal entschieden hat, sich darauf einzulassen, dann wird man mit einer ziemlich komplexen Handlung belohnt, die sich zudem dadurch auszeichnet, dass mit zunehmender Dauer immer mehr Teile der Handlung zahnradartig so ineinanderfallen, wie ich das bisher noch in wenigen Büchern erlebt habe und überdies auch noch so, dass wirklich alle Fragen, die man vielleicht noch gehabt haben könnte, beantwortet werden. Irgendwo habe ich mal in einer Rezension über Dickers letzten Roman „Das Verschwinden der Stephanie Mailer“ gelesen, dass er eine „Handlung vom Reissbrett“ habe. Und diese Einschätzung passt auch sehr gut auf seinen neuen Roman. Das mag unemotional klingen, soll es aber gar nicht, sondern es soll nur verdeutlichen, wie gut dieser Roman auf der inhaltlichen Ebene konstruiert ist.

Auf der stilistischen Ebene gibt es ebenfalls wenig Grund zur Klage. So etwa zwei, drei Stellen ließen mich scharf die Luft einziehen, unter anderem dort, wo es sinngemäß – ich finde gerade partout die Stelle nicht wieder und ärgere mich – heißt „Wir hätten nie gedacht, was uns dann erwarten würde.“, wodurch ich mich unangenehm an Clickbait-Videos und Artikel erinnert fühlte, in denen es dann beispielsweise heißt „Du wirst nie erraten, was diese Katze gleich mit diesem Hamster macht!!!einself!!“, aber abseits von diesen wenigen Schnitzern ist Dickers Buch stilistisch gut gelungen. Das gilt im übrigen auch für den Aufbau. Munter springt der Autor dabei durch mehrere Zeit- und Handlungsebenen – ich glaube, es waren vier – und schafft es dabei, die Leserschaft nicht den Überblick verlieren zu lassen. Das muss man ihm erst mal nachmachen.

Wenn man überhaupt etwas kritisieren wollte – und insbesondere Nicht-Dicker-Fans werden das tun -, dann sind das wohl die Charaktere, auch und gerade abseits des Schriftsteller-Alter-Ego. Seit seinem ersten Roman zieht sich durch Dickers Werk eigentlich die Tatsache, dass seine Charaktere immer ein wenig, manchmal auch ganz massiv, überzeichnet wirken. Nun habe ich lange Zeit zu seinem Gunsten angenommen, dass das Absicht sein und immer auch einen leicht satirischen Ansatz verfolgen soll. Und diese These ergab irgendwie auch immer Sinn, beispielsweise als Seitenhieb auf den Literaturbetrieb in seinem Debütroman „Der Wahrheit über den Fall Harry Quebert“. Nur leider lässt sich diese Begründung im vorliegenden Buch nicht wirklich aufrecht erhalten. Zwar hätte der Hochfinanz-Zirkus, um den es inhaltlich ja nun geht und in dem sich ein Gutteil der Charakere bewegt, sicherlich Anlass für einen solchen satirischen Ansatz gegeben, der ist allerdings ansonsten nicht erkennbar, weswegen man in Summe, nach der langen Rede kurzem Sinn, einfach zu dem Ergebnis kommen muss: Die Charaktere wirken mehrheitlich überzeichnet, nicht lebensecht und teilweise sogar recht merkwürdig.

Wer willens und in der Lage ist, darüber hinwegzusehen, wird allerdings mit einem spannenden, komplexen Roman belohnt, den ich ausdrücklich empfehlen kann. Und so werde ich mich auch auf Dickers nächstes Buch wieder freuen wie ein Sechsjähriger auf Weihnachten.

Ich danke dem Piper Verlag für die freundliche Übersendung des Rezensionsexemplars. Die Tatsache, dass es sich um ein kostenloses Rezensionsexemplar handelt, beeinflusst meine Meinung selbstredend nicht.

Demnächst in diesem Blog: „Das Verschwinden der Adèle Bedeau“ von Graeme Macrae Burnett.

„Abels Auferstehung“ von Thomas Ziebula – Gelungene Fortsetzung

Buch: „Abels Auferstehung“

Autor: Thomas Ziebula

Verlag: Wunderlich

Ausgabe: Hardcover, 462 Seiten

Der Autor: Thomas Ziebula ist freier Autor und schreibt vor allem Fantasy- und historische Romane. 2001 erhielt er den Deutschen Phantastik-Preis, 2020 den Goldenen Homer. Seine erste Krimi-Reihe um Inspektor Paul Stainer vereint auf beeindruckende Weise Thomas Ziebulas Leidenschaft für deutsche Zeitgeschichte, spannende Kriminalfälle und seine Liebe zu Leipzig, das bis heute seine Lieblingsstadt in Deutschland ist. Der erste Band der Reihe um Inspektor Stainer, „Der rote Judas“, stand auf der Shortlist für den Crime Cologne 2020. Der Autor lebt in der Nähe von Karlsruhe. (Quelle: Rowohlt)

Das Buch: Leipzig 1920: Nach dem Tod seiner Frau stürzt sich Inspektor Paul Steiner in die Arbeit – daran mangelt es nicht in der politisch aufgeheizten Stadt. Die Ermittlungen im Morf an einem jungen Soldaten führen Stainer in das Milieu schlagender Studentenverbindungen; der Fall scheint eindeutig. Bis in Basel ein weiterer toter Soldat aus dem Rhein geborgen wird. Haben die Morde miteinander zu tun? Ein Zigarettenetui, das der Tote bei sich trug, führt auf eine neue Fährte – die der drei Adamek-Brüder: Adrian ist im Krieg gefallen, Konrad führt ein unaufgeregt bürgerliches Leben, doch Roman benimmt sich verdächtig. Stainer folgt der Spur, ohne zu bemerken, wie sich an anderer Front ein Gewitter aufbaut … (Quelle: liebevoll abgetippter Klappentext)

Fazit: Man kann den hehren Vorsatz verfolgen, die jeweils einzelnen Bände einer Buchreihe nicht in Relation zueinander zu setzen, sondern jeweils als eigenständiges Buch zu betrachten, ohne sein Hauptaugenmerk darauf zu legen, was der Autor in diesem oder jedem Band der Reihe vielleicht besser oder schlechter gemacht hat als im vorliegenden. So ganz gelingen will mir das allerdings nie, weswegen sich auch Thomas Ziebulas „Abels Auferstehung“, die Fortsetzung seiner Reihe rund um den Inspektor Paul Steiner den Vergleich mit „Der rote Judas„, dem Auftakt der Reihe, gefallen lassen muss. Auch und gerade, weil eben jener Auftakt seinerzeit so gelungen war.

Glücklicherweise kann man konstatieren, dass es Ziebula gelingt, den Großteil der Stärken des ersten Teils zumindest in ähnlicher Form zu übernehmen. Das beginnt schon beim Setting. Im ersten Teil wurde dieses Setting unter anderem durch Erwähnung politischer und sonstiger historischer Ereignisse mit Leben gefüllt. Im zweiten Teil wurde die Einordnung in den historischen Kontext auf den ersten Blick zwar in meiner Wahrnehmung deutlich zurückgefahren, was ich eigentlich ziemlich schade fand, bei genauerer Betrachtung findet sie aber eben doch statt, nur eben in Form von Ereignissen, die eher regionale Bedeutung, insbesondere für die Stadt Leipzig haben. Und so erwähnt Ziebula dann eben weniger die große Weltpolitik, sondern beispielsweise mehr die Rolle und Situation der Straßenbahnfahrerinnen in Leipzig, die in Kriegszeiten diese Aufgabe von den Männern übernommen haben, nun aber eben wieder von diesen aus ihrem Beruf gedrängt werden sollen. Im Zuge der Gesamthandlung ergibt diese regionalere Sichtweise durchaus Sinn und der Roman fühlt sich dadurch nicht weniger lebendig an als sein Vorgänger.

Auch das Figurenensemble wurde logischerweise in den zweiten Band übernommen und war schon im Auftakt eine große Stärke des Autors. Insbesondere gilt das nach wie vor für den Protagonisten. Jener Paul Steiner wurde bezüglich des ersten Bandes von mir mit dem Kriegheimkehrer Beckmann aus Borcherts „Draußen vor der Tür“ verglichen und diesen Eindruck habe ich immer noch. Nicht nur die Figur an sich, sondern auch ihre Entwicklung gefiel mir gut. Trug Stainer im ersten Teil noch eine überhebliche „Ich kann jederzeit aufhören, wenn ich will!“-Einstellung hinsichtlich seiner Alkoholsucht vor sich her, scheint er nun bereit zu sein, sich einzugestehen, dass hier ein Problem vorliegen könnte. Ebenso verhält es sich mit den ihn darüber hinaus plagenden Schwierigkeiten, die man heute wohl als „Flashbacks“ und „posttraumatische Belastungsstörung“ bezeichnen würde. Für mich persönlich würde sich das Weiterlesen der Reihe allein deshalb lohnen, weil ich wissen möchte, wie die weitere Entwicklung Stainers so voranschreitet.

Das einzige Manko – allerdings leiden wir hier auf vergleichsweise hohem Niveau – des zweiten Teils bietet ausgerechnet die Geschichte selbst. Diese setzt nahezu unmittelbar nach den Ereignissen des ersten Teils ein – den man übrigens für die Lektüre nicht unbedingt gelesen haben muss, weil Ziebula gekonnt wesentliche Stichpunkte rekapituliert; sinnvoll wäre die vorherige Lektüre allerdings dennoch – und man trifft auch wieder auf altbekannte Figuren.

Die Story wirkt etwas geerdeter als im ersten Teil, und vielleicht war es eben das, was sie für mich schlicht weniger spannend machte. Natürlich kann man sich nicht immer mit den Großen in Politik und Militär anlegen und es darf auch gerne mal eine bodenständigere Handlung sein, aber irgendwie hat mich eben diese Handlung im zweiten Teil nicht vollständig überzeugt. Nun sollte man eine solche Einschätzung anschaulich begründen können, fatalerweise kann ich das aber nicht. Im Gegensatz zum ersten Teil – und obwohl dort sogar verhältnismäßig früh klar war, mit wem sich Stainer da angelegt hat und im Groben auch, welchen Fortgang die Ereignisse gehen dürften – hat mich die Handlung des zweiten Teils irgendwie nicht so wirklich erreicht. Ich schiebe das aber einfach mal auf meine schon während der Lektüre im Entstehen begriffene Leseflaute, die mit mangelnder Begeisterung für eigentlich alles einherging bzw. -geht. Mein Eindruck zur Handlung ist daher als ein vollständiger subjektiver zu sehen und es ist durchaus wahrscheinlich, dass andere Leser einen vollständig anderen Eindruck zu Story haben.

Insgesamt hat mich Thomas Ziebula allerdings eindeutig gut genug unterhalten, um der Reihe die Treue zu halten. Und wer Krimis mit historischen Flair mag, der liegt mit „Abels Auferstehung“ nicht verkehrt.

Ich danke dem Wunderlich Verlag für die Übersendung des Rezensionsexemplars. Die Tatsache, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, beeinflusst meine Meinung selbstredend nicht.

Demnächst in diesem Blog: „Das Geheimnis von Zimmer 622“ von Joël Dicker. Ein neuer Joël-Dicker-Roman, yaaaaay! ;-)

„Der seltsame Fall des Benjamin Button“ von F. Scott Fitzgerald

Buch: „Der seltsame Fall des Benjamin Button“

Autor: F. Scott Fitzgerald

Verlag: Anaconda

Ausgabe: Hardcover, 72 Seiten

Der Autor: Francis Scott Fitzgerald (1896-1940), geboren in St. Paul, Minnesota, ging nach seinem Studium in Princeton als Reporter nach New York. Sein erster Roman „This Side of Paradise“, erschienen 1920, brachte ihm schnellen Ruhm und plötzlichen Reichtum. Zwei Jahre später erschien seine Kurzgeschichtensammlung „Tales of the Jazz Age“, mit der er den ausgelassenen 1920er Jahren ihren Namen gab. Eine ganze Generation erkannte sich in seinen Figuren wieder. Fitzgerald war jedoch nicht nur der Chronist, sondern auch selbst die Hauptfigur der endlosen, verschwenderischen Parties des Jazz-Zeitalters. Gemeinsam mit seiner Frau Zelda inszenierte er sich als charmanter, mondäner Weltenbummler und extravaganter Lebemann; die Ausschweifungen des Paares füllten die New Yorker Klatschblätter.

Dieses Leben forderte jedoch seinen Tribut: Zelda erlitt 1930 einen Nervenzusammenbruch und wurde in eine psychiatrische Klinik eingewiesen; Scott verfiel zusehends seiner Alkoholsucht. Seine Veröffentlichungen in den 1930er Jahren konnten an die großen Erfolge nicht mehr anknüpfen. Die letzten drei Jahre seines Lebens verbrachte er als Drehbuchautor in Hollywood. Finanziell und gesundheitlich ruiniert, starb Fitzgerald im Alter von nur 44 Jahren an Herzversagen. (Quelle: Anaconda)

Das Buch: Benjamin Button ist kein Kind wie alle anderen: Er ist groß, hat einen Bart, und statt im Kindergarten herumzutollen. döst er schon mal ein. Irgendwann begreift seine Familie, dass er rückwärts altert – oder wie auch immer man das befremdliche Phänomen nennen soll, das Benjamin ständig mit der Welt kollidieren lässt. Keine gute Aussicht, wie seine Frau Hildegarde bald zu spären bekommt.

Fitzgeralds Erzählung aus dem Jahr 1922 wurde berühmt durch die Kinofassung. „Der seltsame Fall des Benjamin Button“ erzählt auf so skurrile wie anrührende Weise von der Vergänglichkeit des Lebens. (Quelle: liebevoll abegetippter Klappentext)

Fazit: Wenn man, so wie mir neulich passiert, eher unerfreuliche Post bekommt – die Stammleserschaft wird sich erinnern -, dann hat das durchaus Folgen. Beispielsweise wirkt es sich nicht gerade förderlich auf eine seinerzeit ohnehin schon im Entstehen befindliche Schreib- und Leseunlust aus. Darüber hinaus sieht man sich mit ganz grundsätzlichen Fragen zur eigenen schreibenden Tätigkeit, und sei selbige noch so unbedeutend, und deren Fortsetzung konfrontiert. Und wenn dann der Vorsatz, gegen diesen Trend aktiv gegenzuschreiben nach ganz kurzer Zeit mit einem leisen „Piff!“ ver…äh…pifft, und man sich ohnehin gerade fühlt wie ein Hund, der dem Universum in einer Geste der Unterwürfigkeit seine Kehle darbietet, auf dass es zu Ende bringen möge, was es begonnen, dann … wird es Zeit, den urspünglich gefassten, aber, äh, verpifften Vorsatz doch konsequenter in die Tat umzusetzen.

Also: Seit 5:45 Uhr wird jetzt zurückgeschrieben! Gut, nicht wirklich schon seit kurz vor sechs, eher so seit eben. Ich will sagen, zukünftig versuche ich, zu alten Schreibintervallen zurückzukehren, und sowohl diesen als auch meinen von der Weltöffentlichkeit bemerkenswert weitreichend unentdeckt gebliebenen Zweitblog regelmäßiger mit Inhalten zu befüllen. 

Wenden wir uns also, um diesen Vorsatz in die Tat umzusetzen, von meiner persönlichen Unbill ab und der Kurzgeschichte von F. Scott Fitzgerald zu. Denn exakt darum handelt es sich, eben um eine Kurzgeschichte. Und gäbe es da nicht diesen gleichnamigen Film mit Brad Pitt – den ich übrigens nicht gesehen habe, weil man mich mittlerweile auch außerhalb von Pandemiezeiten ähnlich oft in Kinos vorfinden kann wie U-Boot-Christen in Kirchen -, dann hätte ich wohl bislang noch nie davon gehört. Welch glücklich Geschick also, dass eine ganz zauberhafte Person, der an dieser Stelle mein Dank dafür gebührt, mir dieses schmale Büchlein unlängst überantwortet hat, damit ich nun drüber schreiben kann.

Fitzgerald wendet sich in seiner Kurzgeschichte einem in der Literatur altbekannten Thema zu: Dem Altern bzw. der Vergänglichkeit des Lebens an sich. Und damit kennen wir uns ja schließlich alle aus. Eben noch war alles gut, dann steht man morgens vor dem Spiegel und fragt sich: „Wann ist das passiert?“, kurz danach bemerkt man dann, dass man das eine oder andere graue Haar bekommt, plötzlich bislang unbekannte Geräusche von sich gibt, vorzugsweise beim Hinsetzen oder Aufstehen, und dass einige Dinge tatsächlich mehr Zeit in Anspruch nehmen als früher™. Früher™ hat man beispielsweise heruntergefallene Gegenstände einfach wieder aufgehoben. Heute hat man eine andere Definition von „aufgehoben“ und fragt sich in so einem Fall, ob der Gegenstand dort unten nicht eigentlich auch ganz gut aufgehoben ist oder ob man – im Falle eines tatsächlichen Aufhebeversuchs – später noch wichtige Termine hat, die man deswegen vielleicht versäumen könnte.

Allerdings würde es Fitzgerald nicht gerecht werden, wenn man seine Kurzgeschichte nur auf dieses Thema beschränkt. Tatsächlich gelingt ihm auf gerade mal 72 kleinformatigen und groß bedruckten Seiten das Kunststück, anhand der Lebensgeschichte seines Protagonisten eine Fülle von Themen einzuarbeiten. Beispielweise der unterschiedliche Umgang mit Menschen unterschiedlichen Alters. So wird der namensgebende Benjamin Button als anfangs „alter“ Mann ebensowenig ernst genommen – seine Eltern wollen ihm beispielsweise beharrlich Babynahrung geben – wie im späteren Verlauf, als er immer jünger wird und sich um Dinge, die er sich beruflich und gesellschaftlich erarbeitet hat, immer stärker kämpfen muss.

Darüber hinaus ist Fitzgeralds Buch auch ein hervorragendes Plädoyer für die Akzeptanz von Andersartigkeit. Und damit erreicht seine Geschichte auch und gerade in heutigen Zeiten eine bemerkenswerte Aktualität. „Der unabdingbare Respekt vor Vielfalt und Anderssein ist nicht alles.“ schrieb Wolfgang Thierse kürzlich in einem vielbeachteten Artikel und trieb mich damit auf die Palme. Nicht auf den Palmer. Der Palmer wiederum würde ihm wahrscheinlich zustimmen. Nun kann man von Thierses Meinung ja halten, was man will, wenn er nicht von sich behaupten würde, er sei „zum Symbol geworden für viele normale Menschen“. Wenn die Menschen, die seine Meinung teilen, die „normalen“ Menschen sind, was sind denn dann die anderen?

Ich schweife ab …

Neben der inhaltlichen Vielfalt bietet Fitzgeralds Kurzgeschichte auch eine bemerkenswerte emotionale Bandbreite. Die Geschichte changiert gekonnt zwischen Tragödie und Komödie und erzeugt eine Wirkung, die ich ihr – das gebe ich gerne zu – vorher nicht zugetraut hätte.

Alles in allem also ein überzeugendes Leseerlebnis auch und gerade für alle, die sich mit Fitzgeralds Werk ein bisschen vertraut machen, aber nicht gleich zum großen „Gatsby“ greifen möchten. Um den geht es übrigens auch bald. :-)

Demnächst in diesem Blog: „Abels Auferstehung“ von Thomas Ziebula

In eigener Sache

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

ich hab da mal ´ne Frage. Wir müssen reden quasi. Also – jetzt nicht eigentlich „wir“. Mehr nur ich. Ihr müsst nur zuhören. Also – genau genommen „müsst“ ihr das im eigentlichen Sinne natürlich auch nicht. Es wäre halt schön, wenn ihr würdet. Falls ihr aber Besseres …

Ich fang nochmal an …

Was war passiert? Nun, in erster Linie habe ich am Wochenende Post bekommen. Jetzt mag das erst mal nichts Ungewöhnliches sein. Wenn die Post aber unverlangt und augenscheinlich von einer mir unbekannten Person kommt, dann bin ich schon skeptisch. Zu Recht, wie sich herausstellte, denn nach kurzer Auseinandersetzung mit dem Inhalt des Schreibens stellte ich fest, dass dieser in erster Linie rassistischer Natur war und aus Kopien fragwürdiger „Quellen“ bestand, beispielsweise einem bekannten Artikel aus der „Daily Express“ vom 24. März 1933, dem „Weltalmanach“ von 1947/48 und ähnlichem Zeug. Und anhand dieser Quellen wurde dann allerlei rassistisches Geschwurbsel behauptet, das von bekannten geschichtsrevisionistischen Verschwörungserzählungen bis hin zur handfesten Holocaust-Leugnung reicht.

Diesem Dreck beigefügt war eine Art „Beipackzettel“ im Umgang mit dem Inhalt des Schreibens. Es wurde darum gebeten, die Kopien erneut zu kopieren – es wurde übrigens auch geraten, im Falle der Existenz eines Hochleistungskopierers am Arbeitsplatz „Überstunden“ in Abwesenheit der Kollegen einzulegen … –  und diese dann anonym in den Briefkästen der „Lieblingsfeinde“, wie Lokalpolitikern, Journalisten, Sozialarbeitern, Pastoren und ähnlichen „charakterlichen Minusvarianten“ (O-Ton) zu deponieren. Das darin darüber hinaus enthaltene „white supremacy“-Geschwafel, gegen das das sonstige Geblubber der AfD wirkt wie eine astruistische NGO auf Kohlfahrt, erspare ich euch.

Nun wirft so ein Schreiben natürlich Fragen auf. Die Frage, woher die urhebenden Schergen meine Adresse haben, beantwortet sich recht schnell von allein, schließlich ist das Telemediengesetz hinsichtlich einer Impressumpflicht recht deutlich und die DSGVO hat zusätzlich vieles verschlimmbessert. Kurz: Jeder Idiot – und somit selbst Rassisten – kann im Internet meinen Namen und meine Anschrift erfahren, ob ich das nun will oder nicht. Übrigens ein Punkt, den sich viele, die so polemisch die Klarnamennennung im Internet fordern, mal durch den Kopf gehen lassen sollten. Das kommt dann nämlich dabei raus, herzlichen Dank auch …

Zudem kommt natürlich die Frage auf, warum gerade ich solche Post bekomme? Wer den Eindruck hat, dass derartiger geistiger Auswurf bei mir auf fruchtbaren Boden fällt, hat entweder nie etwas gelesen, was ich geschrieben habe, oder aber es nicht verstanden. Letzteres möchte ich ausdrücklich nicht ausschließen, weil Rassisten per se nicht sonderlich helle sind und die Tatsache, dass ich ein-, zweimal über den gesprochenen gender gap gewettert habe – und das mit Wonne sicherlich auch zukünftig noch tun werde -, vielleicht bei den Urhebern des Schreibens den Eindruck erweckt hat, ich könnte einer von ihnen sein. Das bin ich nicht!

Am wichtigsten ist natürlich nun die Frage: Was mache ich denn nun? Das Schreiben ist mit Absender- und Adressat-Aufklebern versehen, ich könnte mich also ganz kollegial an die vermeintliche Absenderin wenden und darum bitten, dass sie ihren geistigen Auswurf bitte zukünftig für sich behalten möge. Nun kann aber ja niemand so blöd sein – und die Tatsache, dass Rassisten, wie erwähnt, per se nicht ganz helle sind, ist in dieser Einschätzung bereits berücksichtigt -, Holocaust-Leugnungen unter Angabe des eigenen Namens per Post zu verschicken, denn ich bin zwar kein Jurist, aber § 130 StGB ist auch mir bekannt, und den werden auch diese Handlampen kennen. Viel mehr glaube ich angesichts der Tatsache, dass es sich um Adressaufkleber – somit also nichts Handschriftliches – handelt, dass auch die angebliche Absenderin nichts von ihrem Glück weiß und man an ihre Adresse auf ganz ähnliche Weise gekommen ist, wie an meine. Dann wäre es vielleicht angeraten, sie dahingehend zu informieren.

Ich könnte den ganzen Mist auch einfach im Garten abfackeln, dann bekäme das Ganze angesichts der Tatsache, dass die Schwachmaten, die dahinterstehen, vermutlich einen Hang zur Verbrennung von Druckerzeugnissen haben, sogar noch eine fancy Metaebene.

Natürlich könnte ich das Ganze auch an die dafür wohl zuständigen Stellen weiterleiten, allerdings würde ich mich ungern weiter exponieren und ins Visier dieser Deppen begeben, zumal der oben erwähnte „Beipackzettel“ auch zahlreiche Verweise auf rechte Blogs – auch bei WP – wie „PI-News“ und ähnliches Geschwurbsel enthält, mein Beitrag möglicherweise also ohnehin nicht unbeachtet bleiben könnte.

Falls also jemand Ideen zur weiteren Vorgehensweise hat oder gar mit eigenem Erfahrungswerten aufwarten kann, wäre ich für eine kurze Rückmeldung dankbar.

Gehabt euch wohl.

„Der Älteste“ von Peter Georgas-Frey

Buch: „Der Älteste“

Autor: Peter Georgas-Frey

Verlag: Selbstverlag

Ausgabe: Taschenbuch, 200 Seiten

Der Autor: Peter Georgas-Frey ist ein 1970 geborener Autor, der seit 1999 am schönen Bodensee lebt. Er veröffentlichte bereits Erzählungen und Gedichte wie „Als Paolos Hände reden lernten“, „Soantà“ und „Zeitspuren“, den Roman „Die Revolte“ sowie eine Trilogie rund um die außerirdischen Aurumer, bestehend aus „Die Heimkehr“, „Die Rückkehr“ und „Projekt Epilog“. Zuletzt erschien der Thriller „Alphavirus“.

Wer mehr über den Autor und seine Bücher erfahren möchte, dem sei der Besuch seines sehr lesenswerten Zeilen-Portals empfohlen. Wer das nicht möchte, dem sei ein dortiger Besuch ebenfalls empfohlen!

Das Buch: Auf Ogden lastet der Sommer, auf Joe der Konsum von zu viel Whiskey und zu wenig Glück mit Frauen. Deshalb ist ihm der Anruf seines indianischen Freundes Kho willkommen, um ein wenig Abwechslung zu erleben. Die Suche nach einer gestohlenen Indianertrommel scheint ihm kein würdiger Auftrag für einen Bounty Hunter. Aber ehe Joe sich versieht, ist er mitten in einen indianischen Mythos geraten, der alle seine Vorstellungen der Welt verändert. (Quelle: Klappentext)

Fazit: Zunächst sei in eigener Sache verkündet, dass mein Ärger mit Schriftartänderungen und ähnlichem wohl weitgehend der Vergangenheit angehört – der mich darauf aufmerksam machenden Bloggerkollegin gilt mein zutiefst empfundener Dank. Es ist zwar nicht ganz dasselbe wie früher™, weil ich immer noch Dinge mit „Strg+U“ unterstr… – ach lassen wir das, wenden wir uns lieber dem neuen Thriller „Der Älteste“ von Peter Georgas-Frey zu.

Ich verfolge das Schaffen des geschätzten Autors und Bloggerkollegen Peter bereits vergleichsweise lange und es war daher eine Art Selbstverständlichkeit, dass ich mich auch mit diesem neuen Buch befassen würde. Ein ganz herzlicher Dank für das Übersenden des Rezensionsexemplars geht an Peter höchstselbst.

Noch bevor man zum Einstieg des Buches nennenswerte Informationen über die Handlung bekommt, stößt der unbedarfte Leser auf Joe, den Protagonisten dieses Thrillers. Und es wird relativ schnell deutlich: Joe ist anders. Er ist einsiedlerisch, zurückhaltend, zynisch, konfliktscheu, nahezu misanthropisch – und er trinkt zu viel. In Summe also eine Freude für jeden Sozialpädagogen mit Helfersysnrom. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sich an Joe die Geister der Leserschaft scheiden werden. Ich persönlich mochte ihn nicht. Als Person, nicht als Figur. Denn als Charakter, als eine Art schlechtgelaunte und daueralkoholisierte Version von Lorenzo Lamas – die Älteren werden sich erinnern – funktioniert er durchaus. Und das gilt ebenfalls für die Entwicklung, die Joe im Laufe der Handlung durchmacht. Man mag diese Entwicklung vergleichsweise vorhersehbar finden – ich zumindest tue das -, in sich schlüssig und überzeugend ist sie allerdings allemal.

Schlüssig und überzeugend sind auch die weiteren Figuren des Thrillers, exemplarisch sei hier mal die Studentin Lily genannt, mit der Joe eine Liaison beginnt und die mit der Beharrlichkeit des oben erwähten Sozialpädagogen versucht, Zugang zu Joe zu bekommen. Ich mochte Lily und hätte ihr gerne noch ein paar mehr Seiten innerhalb des Buches gegönnt.

In Summe gibt es also gewohnt wenig an den Charakteren des Autors auszusetzen.

Mit leichten Abstrichen gilt das auch für die Handlung. Erzählt wird eine spannende Geschichte rund um indianische Historie und die Mythen der indianischen Ureinwohner. Und das passiert auf gewohnt tempo- und zuweilen auch actionreiche Art und Weise. Allerdings wird für mich ganz persönlich hier ein wenig die Kürze des Buches zum Problem, denn ich hätte gerne noch viel mehr über indianische Hintergründe, Geschichte und ähnliche Dinge erfahren, ein bisschen mehr Hintergrund für die Geschehnisse gehabt. Nun muss man diesbezüglich ja nicht in Schätzingsche Schwafelei ausbrechen und zudem sind mir die Gründe für den Umfang des Buches durchaus bewusst, dennoch wäre für mich persönlich an dieser Stelle mehr auch wirklich mehr gewesen.

Dazu kommt, dass gewisse Handlungselemente des Stammlesern des Autors aus früheren Veröffentlichungen in im weitesten Sinne ähnlicher Form bekannt vorkommen könnten, was ich persönlich schade fand, für andere Leserinnen und Leser – und gleiches gilt für die Kürze des Buches, auf die man sich ohnehin wissentlich einlässt – mag das kein Problem darstellen.

Was aus meiner Sicht tatsächlich ein größeres Problem darstellt, ist die Erzählweise und der Ton, in dem das Buch gehalten ist. Der Protagonist Joe fungiert hier als Erzähler und schildert die Geschichte dementsprechend in dem ihm eigenen Duktus. An der Vorgehensweise ist auch erst mal wenig auszusetzen. Nur bedient sich Joe eben selten eines elaborierten Codes, sagt stattdessen Sätze wie: „Ich schoss ihm eine Gerade mitten in die Fresse und traf mit gefühlt 250 km/h“. (S. 194), die für sich sich allein betrachtet überhaupt kein Problem darstellen, in Verbindung mit zahlreichen anderen Äußerungen, die darauf schließen lassen, dass Joe ein eher archaisches Verständnis vom Typus Mann hat, aber dazu führen, dass die andauernde (Selbst-)Darstellung des Protagonisten als eigentlich unverstandener, aber sich ganz dolle böse gebender Outlaw irgendwie überzogen und zu gewollt wirkt. „Wenn wir uns trafen, taten wir, was Männer tun: Wir redeten über Belangloses, lachten über Albernes und behielten unsere Gedanken über Sinn, Kummer und Einsamkeit für uns.“ (S. 14) Armer Joe …

In stilistischer Hinsicht abschließend unbedingt noch zu erwähnen ist übrigens ein offensichtlich im Vergleich zu früheren Veröffentlichungen deutlich ausgefeilter wirkendes Lektorat. So liest sich „Der Älteste“ deutlich flüssiger als frühere Werke.

In Summe bleibt ein Thriller, den ich gerne gelesen habe, auch wenn er aus meiner Sicht nicht ganz mit früheren Werken des Autors mithalten kann.

Demnächst in diesem Blog: „Abels Auferstehung“ von Thomas Ziebula.

„Schachnovelle“ von Stefan Zweig

Buch: Schachnovelle

Autor: Stefan Zweig

Verlag: Fischer

Ausgabe: Taschenbuch, 110 Seiten

Der Autor: Stefan Zweig wurde am 28. November 1881 in Wien geboren und lebte ab 1919 in Salzburg, bevor er 1938 nach England, später in die USA und schließlich 1941 nach Brasilien emigrierte. Mit seinen Erzählungen und historischen Darstellungen erreichte er weltweit in Millionenpublikum. Zuletzt vollendete er seine Autobiographie ›Die Welt von Gestern‹ und die ›Schachnovelle‹. Am 23. Februar 1942 schied er zusammen mit seiner Frau »aus freiem Willen und mit klaren Sinnen« aus dem Leben. (Quelle: Fischer)

Das Buch: Das Erstaunen ist groß, als der unscheinbare Dr. B., österreichischer Emigrant auf einem Passagierdampfer von New York nach Buenos Aires, eher zufällig gegen den amtierenden Schachweltmeister Mirko Czentovic antritt und seinen mechanisch routinierten Gegner mit verspielter Leichtigkeit besiegt. Doch das Schachspiel fördert Erinnerungen an den Terror seiner Inhaftierung im Nationalsozialismus zutage und reißt eine seelische Wunde wieder auf, die erneut Dr. B.s geistige Gesundheit bedroht. (Quelle: Fischer)

Fazit: Gut dreieinhalb Wochen sind seit meiner letzten Rezension vergangen. Kein gutes Zeichen. Und kaum komme ich wieder, habe ich den Eindruck, als hätte WordPress in meiner Abwesenheit etwas an Schriftgrößen und/oder Zeilenabständen und/oder Schriftart in den Entwürfen geändert. Ich mag mich aber auch irren oder falsch erinnern, es ist ja lange her. Nein, eigentlich bin ich mir sicher, dass irgendwas anders ist. Und dass es wieder eines Informatikstudiums bedarf, es in den vorherigen Zustand zu versetzen, sofern überhaupt möglich. Schließlich zwingt man mich ja mittlerweile auch, Textbestandteile mit „Strg+U“ zu unterstreichen, was allein schon ausreicht, um mich annähernd in den Wahnsinn zu treiben.

Ich persönlich möchte den Urheber all dieser Verschlimmbesserungsideen ja gerne in Dantes neuntem Kreis der Hölle unterbringen und Spaß macht das alles irgendwie nicht mehr. Mittelfristig muss ich mal darüber nachdenken, ob ich meine Zeit nicht doch anders verschwenden kann. Werder-Spiele ansehen zum Beisp… okay, nein. Dann vielleicht Raufasertapeten anstarren und ihre Muster auswendig lernen? Ja, schon besser! Oder vielleicht Schach? Das Spiel soll ja gerade in Pandemiezeiten und begünstigt durch eine Netflix-Serie wieder auf dem Vormarsch sein. Und bei Schach sind wir eigentlich auch „schon“ beim Thema und wenden uns von meiner persönlichen Unbill ab und Zweigs Novelle zu.

Man schreibt den 21. Februar 1942: Stefan Zweig schickt die Typoskripte seiner „Schachnovelle“ an drei Verleger. Am folgenden Tag nimmt er sich zusammen mit seiner Frau in seinem brasilianischen Exil in Petropolis das Leben.

Die Gründe dafür sind sicherlich vielfältig und teils auch aus der Lektüre seiner Novelle zu erahnen, die erkennbar autobiografische Züge trägt. In dieser beschäftigt sich Zweig mit den Geschehnissen an Bord eines Passagierdampfers. Nach langwierigen Überredungsversuchen lässt sich der ansonsten eher unnahbare Schachweltmeister Centovic herab – gegen Bezahlung – gegen Passagiere Schach zu spielen. Eher zufällig kommt der „Dr. B“ vorbei und mischt sich intuitiv in die Partie ein. Es stellt sich heraus, dass es sich bei Dr. B. augenscheinlich um einen begnadeten Schachspieler handeln muss, den man letztlich allein gegen Centovic spielen lassen will.

Vor Beginn dieser Partie berichtet Dr. B. dem Erzähler, wie es zu seinen bemerkenswerten Schachkenntnissen gekommen ist und dieser Bericht bildet im Grunde das zentrale Element der Novelle. Er lässt sich kurz dahingehend zusammenfassen, dass Dr. B. durch Hitlers Schergen inhaftiert und in einem Hotelzimmer, als eine Art innovativer Foltermethode, weggesperrt und weitgehend sich selbst überlassen wurde. Und ein ganz kleines bisschen können wir derzeit ja alle nachempfinden, wie es sich anfühlt, wenn man weitegehend sich selbst überlassen wird und nirgendwo hin kann. Die einzige Ablenkung, die Dr. B. in seiner Einzelhaft zur Verfügung steht, das einzige Mittel, dessen er sich bedienen kann, um nicht dem Wahnsinn anheimzufallen, ist ausgerechnet ein Schachbuch, das er unbemerkt aus dem Mantel eines Soldaten stehlen konnte. Nun, Jahre später, kehren die Erinnerungen an diese Zeit, ausgelöst durch das Schachspiel gegen Centovic, mit aller Macht zurück.

Im Detail lässt sich über die „Schachnovelle“ tatsächlich wenig Erhellendes schreiben, ohne immensen Aufwand zu betreiben, den ich aber scheue. Ich könnte allenfalls darauf hinweisen, dass ich die Novelle stilistisch für äußerst gelungen halte und der sprachliche Aspekt neben dem überschaubaren Umfang niemanden überfordern dürfte, oder gar davon abhalten sollte, sich mit diesem Stück deutschsprachiger Lieteratur mal zu beschäftigen. Ich könnte auch – ebenfalls mit massivem Aufwand verbunden – intensiv in die Interpretationsebene einsteigen, und darauf hinweisen, dass beispielsweise der Schachweltmeister Centovic, der außer Schach eigentlich nichts kann oder weiß und im Umgang mit Menschen mindestens ungeschickt ist, mit seinem tumben, ausschließlich auf Siege beim Schach ausgerichteten Weltbild ebenso für die Nazis stehen dürfte wie der Industrielle McConnor, der vorrangig auf persönliches Gewinnstreben ausgelegt ist. Ich könnte es aber auch lassen, da ich meiner Leserschaft selbstredend eine gewisse Eigenleistung vollständig zutraue.

Ich belasse es daher dabei, kundzutun, dass mir persönlich die Lektüre ausgesprochen gut gefallen hat. Nicht nur, aber sicherlich auch, weil sie einen gewissen Anteil ihrer Wirkung aus den tragischen Umständen rund um ihren Verfasser bezieht.

Denn letztlich ist es der Hintergrund des immer weiter um sich greifenden Nationalsozialismus, der Stefan Zweig und seine Frau Lotte dazu bewogen haben wird, sich das Leben zu nehmen. Zweig konnte augenscheinlich nie wirklich gut mit der Tatsache umgehen, dass die Nazis ihn ins Exil trieben und so von allem, was sein bisheriges Leben ausgemacht hat, getrennt haben. Und letztlich fehlte beiden wohl auch der Glaube, dass sich an diesem Umstand nochmal irgendwann etwas ändern würde, so schreibt Zweig in seinem Abschiedsbrief an seine Freunde: „Ich grüsse alle meine Freunde! Mögen sie die Morgenröte noch sehen nach der langen Nacht! Ich, allzu Ungeduldiger, gehe ihnen voraus.“

Wäre dieser allzu Ungeduldige nur etwas geduldiger gewesen oder hätte er gewusst, dass er bis zum Ende der Nazi-Diktatur „nur“ noch etwa drei Jahre hätte warten müssen – schließlich hatten beide bereits acht Exiljahre hinter sich -, vielleicht hätten sie sich dann anders entschieden.

Geblieben ist diese Novelle, die ich guten Gewissens wärmstens empfehlen kann und durchaus unter „sollte man mal gelesen haben“ einordnen würde.

Demnächst in diesem Blog: „Der Älteste“ von Peter Georgas-Frey.

 

„Die Erfindung des Countdowns“ von Daniel Mellem

Buch: „Die Erfindung des Countdowns“

Autor: Daniel Mellem

Verlag: dtv

Ausgabe: Hardcover, 286 Seiten

Der Autor: Daniel Mellem, geboren 1987, lebt in Hamburg. Sein Studium der Physik schloss er mit einer Promotion ab, bevor er sich am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig der Arbeit an seinem ersten Roman widmete. Für »Die Erfindung des Countdowns« wurde er bereits mit dem Retzhof-Preis für junge Literatur und dem Hamburger Literaturförderpreis ausgezeichnet. (Quelle: dtv)

Das Buch: Nach dem Ersten Weltkrieg bricht das Zeitalter der Utopien an. Während der junge Hermann Oberth den Menschheitstraum von einer Mondrakete verwirklichen will, steht seine lebenslustige Frau Tilla vor der Herausforderung, ein Familienleben möglich zu machen. Als Hermanns Forschung in den 1930er Jahren das Interesse der Nazis weckt, stellt sich beiden mit voller Wucht die Frage nach der eigenen Verantwortung vor der Geschichte. (Quelle: Klappentext)

Fazit: Wenn man bereits seit einer ganzen Weile über Bücher schreibt, stellt sich früher oder später immer öfter – zumindest in meiner Wahrnehmung – der Effekt ein, dass man nicht genau weiß, was man denn nun über dieses oder jenes Buch schreiben soll. Man hat den Eindruck, dass im Laufe der Zeit jeder Satz schon mal geschrieben, jede Formulierung bereits benutzt worden ist. Und im schlimmsten Fall passiert das irgendwann sogar bei Büchern, die einem – wie eben Daniel Mellems Roman – sogar gefallen haben. Und wenn dann die Lektüre sogar schon eine Weile zurück liegt, eben weil man sich zu ausgiebig mit der Frage beschäftigt hat, was man denn nun darüber schreiben soll, dann macht es das auch nicht einfacher. Um meiner Chronistenpflicht genüge zu tun – und weil „Die Erfindung des Countdowns“ ein wirklich lesenswerter Roman ist -, versuche ich im Folgenden, doch noch das eine oder andere Wort darüber aufs virtuelle Papier zu bekommen.

Mellem beschreibt in seinem Roman die Lebensgeschichte des mir bis dato völlig unbekannten Hermann Oberth, der als einer der Begründer der wissenschaftlichen Raketentechnik und Raumfahrt gilt. Aufgewachsen als Sohn eines Arztes scheint für den jungen Hermann der Lebensweg vorgezeichnet, der Junge soll natürlich ebenfalls Arzt werden. Zumindest wenn es nach seinem Vater geht, mit dem Hermann wegen seiner eigenwilligen Interessen immer öfter aneckt.

Das Anecken wird ihn durch sein gesamtes Leben begleiten, denn schon recht früh wird deutlich, dass Hermann Oberth in zwischenmenschlicher Hinsicht ein bisschen anders funktioniert als andere. Er hat schlicht kein Gespür für die menschliche Natur als solche und erst recht keines dafür, was man in welcher Situation sagen oder eben manchmal auch besser nicht sagen sollte. Manchmal ist das unterhaltsam, beispielsweise als er sich bei seinem Ausbilder während des Ersten Weltkriegs über die Waffen der Truppe beschwert, darauf hinweist, dass man auf deutscher Seite im Besitz von Repetierwaffen sei und im Folgenden detailliert die Funktionsweise dieser Gewehre erklärt, bis der Vorgesetzte irrtiert fragt:

„Wollen Sie damit sagen, wir sollten all unsere schönen Gewehre am besten wegschmeißen?“

Hermann trat von einem Fuß auf den anderen. „Gründe hätte man.“ (S. 36)

Manchmal ist das aber eben auch tragisch, weil es sich auch im Umgang mit seiner Familie fortsetzt. Hinzu kommt noch die Tatsache, dass Oberth seine Forschungen jederzeit an die erste Stelle in seinem Leben setzt, eben noch vor besagter Familie. Dabei scheitert er eigentlich regelmäßig, die Familie zieht häufig um und schließlich scheint Oberth so überhaupt kein Problem mehr damit zu haben, zum Lebensunterhalt das Geld seines Vaters anzunehmen, mit dem er sich in jungen Jahren wegen seiner angestrebten Forschung doch so in die Haare gekriegt hat. Und so wundert es nicht, dass sich seine Frau an der Seite eines solchen Menschen von einer anfangs liebenswürdigen, freundlichen Person in eine zynische und überhebliche, verletzte Frau wandelt, die eigentlich im weitesten Sinne schließlich ebenfalls macht, wozu sie Lust hat. Als Regulativ für ihren Mann bleibt sie jedoch durchgehend nicht zu unterschätzen.

Überhaupt sind es eben diese Charaktere, die diesen Roman so lesenswert machen. Nicht nur, aber eben auch. Mellems Protagonist ist als Person, die sich in der Interaktion mit anderen Menschen nicht immer ganz geschickt anstellt und sich augenscheinlich dabei auch nicht immer so wirklich wohlfühlt, bemerkenswert gut gezeichnet. Gleiches gilt für seine Ehefrau Tilla.

Der Plot selbst, also die Beschreibung des Lebenswegs von Hermann Oberth, kann auch mit der Materie unkundige Leser wie mich überzeugen und führt idealerweise, zumindest in meinem Fall, zu einer nach der Lektüre erfolgten Suchmaschinenrecherche, wonach ich festgestellt zu haben glaube, dass „Die Erfindung des Countdowns“ gut recherchiert ist und der Autor sich erfreulich nahe an die historischen Tatsachen gehalten hat.

Viel passiert in diesem Roman allerdings abseits der Handlung, im Inneren des Lesers selbst, auf der, sagen wir mal, Deutungsebene. Wesentlich hierfür ist natürlich die Frage nach der Verantwortung des Menschen für seine Schöpfungen, wenn deutlich wird, dass diese für Zwecke missbraucht werden, hinter denen man nicht stehen kann. Im vorliegenden Fall führt Oberths eigentlicher Wunsch nach einer Weltraumrakete eben dazu, dass er an der Entwicklung der V2 beteiligt war. Von einem moralisch erhobenen Standpunkt aus müsste man natürlich anmerken, dass ein vollständig integrer Mensch sich an diesem Punkt von seiner Forschung verabschiedet hätte und die Beteiligung an der Entwicklung von Waffen schlicht abgelehnt hätte. Aber so einfach ist es halt eben selten im Leben. Und so versucht sich Oberth, die Entwicklung der Waffe dahingehend schönzureden, dass sie zu einer Verkürzung des Krieges und damit zur Rettung von Menschenleben beitragen könne. Allerdings scheint er dem NS-Regime und dessen Ideologie auch alles andere als ablehnend gegenübergestanden zu haben, und so erscheint es nur folgerichtig, dass Oberth 1965 in bereits fortgeschrittenem Alter in die NPD eintrat.

Ein durchaus streitbarer Charakter also, dem Daniel Mellem hier versucht, mit seinem Debütroman in literarischer Hinsicht gerecht zu werden. Und dieser Versuch, so darf man konstatieren, ist nicht nur besser geglückt als Oberths erste Raketenversuche in jugendlichem Alter auf einem Friedhof, verbunden mit anschließenden Löschversuchen der ortansässigen Flora, sondern tatsächlich vollständig geglückt.

Ein sehr lesenswerter Debütroman!

Demnächst in diesem Blog: „Schachnovelle“ von Stefan Zweig.