„Kolbe“ von Andreas Kollender – Solides Handwerk

Buch: „Kolbe“

Autor: Andreas Kollender

Verlag: Ullstein

Ausgabe: Taschenbuch, 448 Seiten

Der Autor: Andreas Kollender wurde in Duisburg geboren, studierte in Düsseldorf Germanistik und Philosophie und arbeitete nebenbei auf dem Bau, im Einzelhandel und in einer Szenekneipe. Seit 1995 lebt er als freier Autor in Hamburg und leitet Kurse für literarisches Schreiben. (Quelle: Ullstein)

Das Buch: Sommer 1943: Hitler muss weg! Das steht für Fritz Kolbe fest. Als Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes hat er Zugang zu streng geheimen Dokumenten, die er aus der Behörde schmuggelt. Eine Kurierfahrt in die Schweiz ermöglicht ihm die Kontaktaufnahme zu den Amerikanern. Kolbe beginnt ein gefährliches Doppelleben. Unter dem Namen George Wood wird er der wichtigste Spion des Zweiten Weltkriegs. (Quelle: Ullstein)

Fazit: Es gibt Bücher, über die könnte ich tage- und nächtelang reden. Wahrscheinlich selbst, wenn mir niemand zuhörte. Und es gibt Bücher, über die kann ich weniger Worte verlieren, obwohl sie mir vielleicht sogar gefallen haben. In die letzte Kategorie fällt Kollenders „Kolbe“. Schreiten wir dennoch mutig zur Tat.

Hand aufs Herz: Wem sagt der Name Fritz Kolbe erwas? Ja, das ging mir ähnlich. Und Google auch. Wenn man dort „Kolbe“ als Suchbegriff eingibt, landet man bei einem Backofen-, Dunstabzugshauben- und Kochfeld-Hersteller, einem Jura-Professor-Doktor, einem polnischen Franziskaner-Minoriten sowie einem Mitarbeiter der Stadt Delmenhorst.

Dabei war Fritz Kolbe nichts anderes als ein wichtiger Widerstandskämpfer im Dritten Reich und – aus eigenem Antrieb – Spion im Auftrag der Amerikaner, wo er in erster Linie mit Allen Dulles zusammenarbeitete. Den kennt man nun wieder, in seiner Eigenschaft als späterer CIA-Direktor. Und deshalb ist es auch wichtig, dass sich Kollender in seinem Roman der Person Fritz Kolbe angenommen hat.

Der Autor schildert in seinem Buch das Zusammentreffen eines Journalisten und der dazugehörigen Fotografin mit Kolbe in seinem schweizerischen Exil nach Ende des Krieges. Dort beginnt Kolbe dann, seine Lebensgeschichte zu erzählen, angefangen mit seiner Tätigkeit in Südafrika, die er zum Kriegsbeginn aufgeben musste, da man ihn nach Berlin zurückbeordert hat.

In einer, so mein Eindruck, ungewohnt szenischen Erzählweise, an die ich mich, zugegeben, erst gewöhnen musste, beschreibt Kollender den Werdegang vom Beamten im Auswärtigen Amt mit einer ausgeprägten Abneigung gegen die Nazis hin zu dem, was Dulles später sinngemäß als „zweifellos einer der besten Agenten, den irgendein Geheimdienst jemals gehabt hat“ bezeichnete. Diese Erzählweise enpfand ich zu Beginn als eher trocken und spröde, sie passt aber nach längerer Bedenkzeit ziemlich gut zu den dargestellten Ereignissen und vor allem zur Stimmung.

Denn Stimmung, die kann Kollender sehr gut. Die beklemmende Atmosphäre voller Angst, in der sich Kolbe bewegt, wird von ihm sehr gut transportiert. Selbst wenn man, im Gegensatz zu mir, zu Beginn schon wusste, wie die Geschichte ausgehen würde, könnte man sich der Spannung des Romans wohl kaum entziehen. Dabei verzichtet der Autor segenswerterweise auf alberne Actionszenen und schlägt eher leise Töne an, um das konspirative Umfeld, in dem sich Kolbe bewegt, rüberzubringen.

Neben der Atmosphäre sind insbesondere die Charaktere Kollenders Stärke. Er zeichnet nicht nur ein spannendes Psychogramm einer Hauptfigur, die ihr Leben aufs Spiel setzt, um den Krieg vorzeitig zu beenden – im vollen Bewusstsein, damit das Leben der eigenen Soldaten zu gefährden. Auch die Nebenfiguren sind durchgehend gut getroffen.

Inhaltlich kann man sagen, dass „Kolbe“ – soweit sich das mir als Laien darstellt – erfreulich gut recherchiert ist und sich nur hier und da erzählerische Freiheiten erlaubt, die aber auch erlaubt sein müssen.

Die, die sich nicht minimal spoilern lassen wollen, lassen die folgenden Absätze über Kolbes Lebenslauf im Idealfall ungelesen, alle anderen lesen gerne weiter.

Kolbe spielte im Laufe seiner Spionagetätigkeit über 1.600 Dokumente, teils hochbrisanten Inhalts, den Amerikanern zu. In diesem Zusammenhang zeigt sich erstmals die Tragik, die mit seinem Leben als Spion zusammenhing. Denn die Amerikaner nutzen ihre Informationen kaum! Er warnte vor der Liquidierung der römischen Juden 1943 – nichts wurde dagegen unternommen. Er warnte vor der Deportation ungarischer Juden – die Amerikaner blieben tatenlos.  Er konnte sogar den Standort und den Aufbau der Wolfsschanze aufzeichnen – auf amerikanischer Bomber, die den Bau in Schutt und Asche verwandelten, wartete man vergebens. Das alles lag in erster Linie daran, dass man die von Kolbe übermittelten Unterlagen seitens der Amerikaner für zu gut hielt, um echt zu sein und man die Vermutung äußerte, es mit einem Doppelagenten zu tun zu haben – selbst als die von Kolbe vorausgesagten Ereignisse tatsächlich eintrafen.

Die zweite Tragik seines Lebens betrifft den Umgang der Nachkriegsdeutschen mit Kolbe. Er stieß auf ähnliche Gegenliebe wie heute Edward Snowden bei den Amerikanern. Als ehemaligem Beamten hätte ihm eine Bezahlung zugestanden. Er bekam sie nicht. 1949 wollte Kolbe wieder in seinen ehemaligen Beruf zurück. Erfolglos. Im Auswärtigen Amt hatte man lieber vertraute Gesichter um sich: 1951 wurden die leitenden Beamtenstellen der politischen Abteilung im Auswärtigen Amt ausschließlich mit ehemaligen „Parteigenossen“ besetzt.

Kolbe wurde zur persona non grata in Deutschland. Erst sechs Jahre bevor Kolbe im Jahr 1971 starb, wurde er vom Vorwurf des Verrats freigesprochen. Das entsprechende Schreiben war noch nicht mal an Kolbe selbst adressiert, sondern an einen Freund. Und erst im Jahr 2004 wurde er offiziell durch den damaligen Außenminister Fischer von der Bundesrepublik geehrt. Tja, Aufarbeitung dauert hierzulande manchmal ja etwas länger.

Die Spoiler-Gegner dürfen ab hier weiterlesen.

Hm, nun habe ich doch eine ganze Menge Worte über einen Mann verloren, der meines Erachtens viel tiefer im bundesdeutschen Gedächtnis verankert sein sollte. Einen Mann, der schon vor fast 80 Jahren das erkannt hat, was heute noch gilt: Nazis sind scheiße!

Den dazugehörigen Roman kann ich allen geschichtsinteressierten Lesern nur empfehlen. Für alle anderen fällt das Buch vielleicht eher in die Kategorie „kann, muss aber nicht“.

Fazit:

Handlung: 8 von 10 Punkten

Stil:7,5 von 10 Punkten

Charaktere: 8 von 10 Punkten

Atmosphäre: 10 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 8,375 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Helix“ von Marc Elsberg.

 

 

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Freitagsfragen #70 – Return of the Freitagsfragen

Freitagsfragen

Guten Morgen, verehrte Leserschaft,

zu den wenigen angenehmen Dingen, mit denen das neue Jahr aufwarten kann, gehört zum Einen der erste Sieg des SV Werder – yay! – und zum Anderen die Rückkehr der Freitagsfragen im Brüllmausblog. Diese hätte ich, wie der Name – der aufmerksamen Leserschaft ist dies nicht entgangen – impliziert, bereits am Freitag beantworten können. Nun bin ich aber seit einigen Tagen irgendwie inspirationsunterzuckert, weswegen ich die Beantwortung auf die längere Bank geschoben und dann dort vergessen habe. Zwar hat sich an diesem Zustand noch nichts geändert, ich schreite aber nunmehr dennoch mutig zur Tat und bitte die Leserschaft diesmal damit vorliebzunehmen, dass ich einfach nur halbwegs gerade Sätze bar jeden Esprits formuliere. Wohlan, die Fragen und Antworten lauten:

1.) Bezahlst Du lieber Bar oder mit Karte?

Ich persönlich zahle lieber in bar. Seit geraumer Zeit wird ja landauf, landab über eine gänzliche Abschaffung des Bargelds gesprochen, nur weil man das in Schweden schon fast vollständig durchgesetzt hat. Aber, nur zur Erinnerung, in Schweden isst man auch Surströmming, diesen, sagen wir mal, „intensiv“ riechenden Hering, den man zu Gustav Adolfs Zeiten, also noch vor 1632, in Salzlake eingelegt, in Dosen abgefüllt, sich selbst und seiner Gärung überlassen und dann vergessen hat, um ihn knappe vierhundert Jahre später zu „genießen“. Man muss also nicht immer etwas aus anderen Ländern übernehmen. Und wenn, dann lieber Surströmming.

Auf mich übt die Aussicht auf eine  Bargeld-Abschaffung ungefähr den gleichen Reiz aus, wie ein vergammelnder Tierkadaver am Straßenrand. Also keinen, nur um das klarzustellen.

Es mag sein, dass man damit einige Probleme eindämmt – Schwarzarbeit, Korruption etc. -, die eigentlichen Probleme – Cum-Ex-Geschäfte etc. – werden aber ohnehin schon bargeldlos abgewickelt, also was solls!? Um den volkswirtschaftlichen Schaden anzurichten, den ein Banker mit Cum-Ex-Geschäften an einem normalen Dienstag Vormittag anrichten kann, müsste ein schwarz beschäftiger Fliesenleger aber mal sehr lange auf den Knien rumrutschen. Sei es ihm also gegönnt. Dem Fliesenleger, meine ich.

Außerdem würden den Menschen sowieso wieder Alternativen einfallen, die beispielsweise Schwarzarbeit weiterhin ermöglichen. Vielleicht Zahlung in irgendwelchen nicht nachzuvollziehenden Kryptowährungen abseits vom Bitcoin, der bei gleichbleibendem Kursverlauf bald nicht mehr viel mehr wert als eine BVB-Aktie sein dürfte. Dennoch hätte ich gerne einen. Oder zwei.

Darüber stellt sich mir gerade die Frage, wie dann in Zukunft meine Kontoauszüge aussehen, wenn jede Kartenzahlung für einen Döner, ein Buch oder ein Paar Schnürsenkel darauf auftauchen. Bilden sich dann Zeltstädte vor den Kontoauszugsdruckern, weil mit Wartezeiten von mehr als sechs Monaten pro Kontoauszug gerechnet werden muss, bis man an endlich an dieses Gerät kommt?

2.) Bist Du sparsam mit Deinem Geld?

„Muss ja!“, wie der Westfale sagt. Es sei denn der Westfale hat es eilig, dann sagt er nur: „Muss!“ Mit anderen Worten: Da ich nie wirklich viel Geld besessen habe und das wohl in absehbarer Zeit auch nicht tun werde, bleibt mir gar keine andere Wahl, als sparsam mit meinem Geld hauszuhalten.

3.) Was ist Deine teuerste Anschaffung?

Das wird wohl mein neues Auto sein. Und die Reparatur für mein neues Auto … Grrrrr!

4.) Die Wahl der Qual: Arbeitslos oder überarbeitet?

Ich schätze, dann bin ich lieber arbeitslos. Bei ständiger Überarbeitung bleibt die physische und psychische Gesundheit irgendwann auch auf der Strecke. Mit Arbeitslosigkeit kenne ich mich dagegen aus, insofern ziehe ich selbige vor. Ich möchte aber klarstellen, dass das diesmal die Wahl zwischen Pest und Cholera ist.

 

Nun denn, liebe Leserinnen und Leser, das war es dann auch schon wieder. Ich wünsche allseits einen guten Wochenstart.

Gehabt euch wohl!

 

„Ein irischer Dorfpolizist“ von Graham Norton – Zauberhaft

Buch: „Ein irischer Dorfpolizist“

Autor: Graham Norton

Verlag: rororo

Ausgabe: Taschenbuch, 334 Seiten

Der Autor: Graham Norton, Schauspieler, Comedian und Talkmaster, ist eine der bekanntesten Fernsehpersönlichkeiten der englischsprachigen Welt. Geboren wurde er in Clondalkin, einem Vorort von Dublin, aufgewachsen ist der Sohn einer protestantischen Familie aber im County Cork im Süden Irlands.

Sein erster Roman „Ein irischer Dorfpolizist“ überraschte viele durch seine Wärme und erzählerische Qualität, er avancierte in Irland und Großbritannien zum Bestseller, wurde mit dem Irish Book Award 2016 ausgezeichnet und wird nun auch zu einer Fernsehserie. (Quelle: Rowohlt Verlag)

Das Buch: Duneen liegt am Arsch der Welt, ganz unten im Süden Irlands. Große Dramen finden hier nicht statt, trotzdem könnten die Leute in Duneen ein bisschen glücklicher sein. Sergeant PJ Collins zum Beispiel war nicht immer so ungeheuer dick. Brid Riordan hat früher nicht getrunken. Und auch Evelyn Ross hoffte einmal, irgendwann einen Sinn im Leben zu finden.

Dann werden eines Tages auf der Burke-Farm Knochen gefunden. Menschenknochen. Und es ist vorbei mir der Ruhe, für PJ und für Duneen. Alte Wunden brechen auf, alte Lügen kommen ans Licht, neue Konflikte entbrennen, und während PJ seinen ersten richtigen Fall zu lösen versucht, überrascht er viele, die ihn zu kennen glauben – am meisten sich selbst. (Quelle: Klappentext)

Fazit: Manchmal gibt es so Dinge, von denen man nichts erwartet und dann wird man trotzdem enttäuscht. Mir zum Beispiel geht es so mit dem bisherigen Jahr 2019. Aber manchmal gibt es auch Dinge, von denen man nichts erwartet und dann wird man mehr als positiv überrascht. Und so ging es mir mit „Ein irischer Dorfpolizist“.

Norton teilt sein Buch in zwei Teile, und diese wiederum in Kapitel überschaubaren Umfangs. Für mich ist das bereits der erste Pluspunkt, da mich wenig so stört, wie mitten im Text die Lektüre einzustellen, weil ich bemerke, dass es bis zum Kapitelende noch 73 Seiten sind. Ein weiterer stilistischer Pluspunkt ist der feinsinnige Humor, der sich durch das Buch zieht. Bereits der erste Satz des Buches dient da als gutes Beispiel, in dem es über den sehr, sehr beleibten Sergeant Collins heißt: „Es war in der Einwohnerschaft von Duneen weitgehend akzeptiert, dass, sollte ein Verbrechen geschehen und es Sergeant Collins gelingen, den Täter festzunehmen, dieser Verhaftung wohl kaum eine Verfolgung zu Fuß vorausginge.“ Ich find´s witzig. ;-)

Aber Nortons Buch ist nicht nur humorvoll. Im Gegenteil, die 334 Seiten enthalten auch reichlich tragische Momente. Allerdings schafft es der Autor, wie auch schon die „SZ“ in ihrer Kritik festgestellt hat, dass das Buch weder in die eine noch in die andere Seite kippt.

Die Geschichte selbst hat Hand und Fuß und erfüllt eigentlich alle Kriterien für einen Krimi, den man in den wohl noch unweigerlich folgenden Wintertagen, gemütlich in eine Decke eingewickelt und mit Heißgetränken versorgt, auf dem Sofa lesen kann.

Die bemerkenswerte Stärke des Buches liegt aber meiner Meinung nach in den wunderbaren Charakteren, die Graham Norton da ausgearbeitet hat. Der Autor hat keine strahlenden Helden geschaffen, keine unfehlbaren Figuren, sondern Menschen wir ihr und ich. Menschen mit Makeln, Defiziten, Eigenheiten und Selbstzweifeln. Allen voran muss hier natürlich der Protagonist PJ Collins genannt werden, der nicht nur durch seine Leibesfülle unbeholfen wirkt, sondern auch dadurch, dass er nun ganz plötzlich zum ersten Mal so etwas wie echte Polizeiarbeit leisten muss, was ihn merklich überfordert.

Da wäre zum anderen beispielsweise Brid Riordan, Ehefrau und Mutter zweier Kinder, die aus den unterschiedlichsten Gründen begonnen hat, sich dem übermäßigen Alkoholgenuss hinzugeben. Live und in Farbe kann der Leser Brid bei ihrem langsamen Abstieg verfolgen, der mit ungezählten unangenehmen bis peinlichen Situationen einhergeht.

Nortons Figuren sind also weit entfernt von perfekt und unfehlbar, aber ihm gelingt etwas, was ich in diesem Zusammenhang sehr wichtig finde: Es gelingt ihm, der Leserschaft seine Charaktere zwar mit allen ihnen innewohnenden Schwächen zu präsentieren, aber – wichtig! – ohne sie dabei vorzuführen. Wie einfach wäre es gewesen, PJ ausschließlich als dicke Witzfigur oder Brid nur als schwache Alkoholikerin hinzustellen!?

Aber diese beiden – so wie die meisten Personen der Handlung – sind mehr als nur das. Brid ist nicht per se ein schlechter Mensch, nur weil sie trinkt. Und in PJ steckt weit mehr als nur ein unsicherer, pummeliger, überforderter Polizeibeamter.

Diese wunderbare Charakterzeichnung ist es, was „Ein irischer Dorfpolizist“ in meinen Augen ausmacht und weshalb es so lesenswert ist.

So lesenswert übrigens, dass ich es mittlerweile bereits an eine ganz zauberhafte Person verschenkt habe. Und das würde ich nicht tun, wenn ich nicht davon überzeugt wäre. ;-)

Kurz: Eine ganz unbedingte Leseempfehlung fürs Wohlfühlen an kalten Wintertagen.

Wertung:

Handlung: 8,5 von 10 Punkten

Stil: 8,5 von 10 Punkten

Charaktere: 10 von 10 Punkten

Atmosphäre: 10 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 9,25 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Kolbe“ von Andreas Kollender.

 

„NSA – Nationales Sicherheits-Amt“ von Andreas Eschbach – Was wäre, wenn …

Buch: „NSA – Nationales Sicherheits-Amt“

Autor: Andreas Eschbach

Verlag: Bastei Lübbe

Ausgabe: Hardcover, 796 Seiten

Der Autor: Andreas Eschbach, geboren am 15.09.1959 in Ulm, ist verheiratet, hat einen Sohn und schreibt seit seinem 12. Lebensjahr.

Er atudierte in Stuttgart Luft- und Raumfahrttechnik und arbeitete zunächst als Softwareentwickler. Von 1993 bis 1996 war er geschäftsführender Gesellschafter einer EDV-Beratungsfirma.

Als Stipendiat der Arno-Schmidt-Stiftung „für schriftstellerisch hoch begabten Nachwuchs“ schrieb er seinen ersten Roman „Die Haarteppichknüpfer“, der 1995 erschien und für den er 1996 den „Literaturpreis des Science-Fiction-Clubs Deutschland“ erhielt. Bekannt wurde er vor allem durch den Thriller „Das Jesus-Video“ (1998), der im Jahr 1999 drei literarische Preise gewann und zum Taschenbuchbestseller wurde. ProSieben verfilmte den Roman, der erstmals im Dezember 2002 ausgestrahlt wurde und Rekrodeinschaltquoten bescherte. Mit „Eine Billion Dollar“, „Der Nobelpreis“ und „Ausgebrannt“ stieg er endgültig in die Riege der deutschen Top-Thriller-Autoren auf.

Nach über 25 Jahren in Stuttgart lebt Andreas Eschbach mit seiner Familie seit 2003 als freier Schriftsteller in der Bretagne. (Quelle: Bastei Lübbe)

Das Buch: Weimar 1942: Die Programmiererin Helene Arbeitet im Nationalen Sicherheits-Amt und entwickelt dort Programme, mit deren Hilfe alle Bürger des Reichs überwacht werden. Erst als die Liebe ihres Lebens Fahnenflucht begeht und untertauchen muss, regen sich Zweifel in ihr. Mit ihren Versuchen, ihm zu helfen, gerät sie nicht nur in Konflikte mit dem Regime, sondern wird auch die die Machtspiele ihres Vorgesetzten Lettke verwickelt, der die perfekte Überwachungstechnik des Staates für ganz eigene Zwecke benutzt und dabei zunehmend jede Grenze überschreitet …
Was wäre, wenn es im Dritten Reich schon Computer gegeben hätte, das Internet, E-Mails, Mobiltelefone und soziale Medien – und deren totale Überwachung? (Quelle: Bastei Lübbe)

Fazit: Andreas Eschbach gehört, ich erwähne das gelegentlich, zu der kleinen Gruppe von Autorinnen und Autoren, deren Bücher ich umgehend nach Erscheinen kaufe, ohne mich vorher auch nur im Geringsten mit ihrem Inhalt zu beschäftigen. „Shut up and take my money!“, würde man dazu wohl heute sagen. Und allgemein fahre ich, im Hinblick auf die Eschbach-Bücher, auch gut mit dieser Vorgehensweise. Lediglich sein letzter Roman „Teufelsgold“ hat mich inhaltlich etwas enttäuscht. Bei „NSA“ griff ich trotzdem wieder gewohnt schnell zu und wurde weit weniger enttäuscht.

Ich persönlich liebe ja Bücher über alternative bzw. kontrafaktische Geschichte, Angeber dürfen auch Uchronie sagen. Ausgehend vom historischen Zeitpunkt x und dem Gedankengang „Was wäre, wenn …“ wurden schon die schönsten Geschichten erzählt, als Beispiele für Autoren, die das ganz besonders gut können bzw. konnten, seien hier mal Robert Harris, Phlip Roth und Philip K. Dick genannt.

Und Andreas Eschbach kann das eben auch gut. So führt er schlüssig den Gedanken fort, was passiert wäre, wenn die technische Entwicklung  nach Erfindung der mechanischen Rechenmaschine von Charles Babbage ähnlich rasant fortgeschritten wäre, wie sie das heute tut und die Menschen daher im Dritten Reich bereits Internet, Handys und eine Art Facebook gehabt hätten – mit den dazugehörigen Nebenwirkungen. Warum Eschbach in seine Geschichte nicht auch Konrad Zuse, der 1941 tatsächlich den ersten funktionsfähigen Computer der Welt entwickelte, eingebaut hat, wird wohl sein Geheimnis bleiben. Es hätte jedenfalls wunderbar gepasst.

Eschbach zeigt auch wunderbar auf, welche Begleiterscheinungen diese Entwicklung haben kann – nämlich die totale Überwachung, die weit darüber hinausgeht, dass man – ein rein fiktives Beispiel – Werbe-Mails vom „Fressnapf“ bekommt, nur weil man sich  kulinarische Anregungen für den nächsten Besuch der Schwiegermutter ergoogelt hat, oder  – wie mir tatsächlich passiert -, dass man, nachdem man Autos im untersten möglichen Preissegment googelt, plötzlich Mails von „Lotus“ bekommt, deren Produktpalette teilweise sechsstellige Preise hat.

Eschbach zeigt auf, was den Menschen alles so passieren kann, wenn staatliche Behörden über zu viel Informationen über die Menschen verfügen – und welche Gefahren die „Ich habe nichts zu verbergen“-Einstellung birgt.

Die Geschichte, die Eschbach der Leserschaft da präsentiert, überzeugt also inhaltlich in vollem Umfang, aber sie kann auch erzählerisch überzeugen. Der Autor macht mit seinen beiden Protagonisten Helene und Eugen erst mal einen langen Schritt zurück in ihrer beider Vergangenheit. Von dort ausgehend wird geschildert, wie ihr Lebensweg sie heute in das NSA geführt hat. Dieser Abschnitt, das gebe ich zu, war mir irgendwann ein bisschen zu lang, rückblickend aber durchaus notwendig. Trotz mancher Längen hält der Autor durchgehend die Spannung aufrecht, die einerseits vom Handlungsrahmen, andererseits von den Ereignissen getragen wird.

Auch in stilistischer Hinsicht kann ich nicht meckern, konnte das bei Eschbach aber auch noch nie. Dafür war es mir aber auch noch nie möglich, mich über den Stil mehr als ünbedingt nötig zu äußern, weswegen ich das jetzt auch nicht tue, sondern es bei einem „Es liest sich gut. Punkt“ belasse.

Die einzige – sogar in meinen Augen recht gravierende – Schwäche des Buches betrifft einen Bereich, in dem ich Schwächen von Eschbach eigentlich nicht gewohnt bin, nämlich die Charaktere. Dass Eugen aufgrund einer einzigen Kränkung in seiner Jugend zu einer Art sadistischem Racheengel verkommt, das mag man noch irgendwie durchgehen lassen, schließlich lief er schon in seiner Jugend nicht ganz rund, kam früh mit dem Gesetz in Konflikt, geriet, wie man so schön sagt, auf die schiefe Bahn und hatte allgemein einen eher subjektiven moralischen Kompass. Man muss Eugen als Figur nicht mögen, kann ihn und seine Entwicklung, wenn man ein Auge zudrückt, aber schon durchgehen lassen.

Viel, viel größere Probleme – viiiiiel größere – habe ich da mit Helene. Die junge Frau entspricht dem Typus graue Maus, ist recht schüchtern und unscheinbar und muss sich dauernd der Verkupplungsversuche ihrer Eltern erwehren. Dann lernt sie den desertierten Arthur kennen, verliebt sich und macht eine Entwicklung durch, die ich in keiner Weise nachvollziehbar finde: Helene redet sich ein, dass Arthur sie, sobald der Krieg vorbei ist, sowieso verlassen wird. Daher folgert sie „(…) solange der Krieg dauerte, würde er ihr gehören, ihr ganz alleine! Solange er sich hier oben verstecken müsste, konnte ihn ihr niemand wegnehmen!“ (Seite 310). Daher sinnt sie zwischenzeitlich sogar darüber nach, was in ihrer Macht Stehende sie unternehmen könnte, um den Krieg zu verlängern und damit die Möglichkeit zu bekommen, weiterhin mit Arthur ins Bett zu springen, eine Tätigkeit übrigens, an der sie schon nach erstmaliger Ausführung eine Art manisches Gefallen gefunden zu haben scheint. Mal ganz abgesehen davon, dass dieses Handeln zutiefst egozentrisch ist und auch gegenüber ihrem Arthur, den sie doch angeblich so innig liebt, ziemlich widerlich, ist es für mich auch nicht nachvollziehbar. Merke: Im Krieg sterben Menschen! Und tote Menschen sind, mit Verlaub, ein recht hoher Preis für eigene Vögel-Freuden!

Man merkt, ich kam mit Helene so überhaupt nicht zurecht, habe ihr zwischendurch das schlimmstmögliche Schicksal gewünscht und fühlte mein Lesevergnügen durch diese Person doch reichlich eingeschränkt.

Davon abgesehen aber, ist Andreas Eschbach erneut ein hochspannendes und topaktuelles Buch gelungen, dass ich jedem nur wärmstens empfehlen kann.

Wertung:

Handlung: 9 von 10 Punkten

Stil: 8,5 von 10 Punkten

Charaktere: 6,5 von 10 Punkten

Atmosphäre: 10 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 8,5 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Ein irischer Dorfpolizist“ von Graham Norton.

 

Prangenten e.V. prangert an: Bier aus Kapseln!

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

wer in den letzten Tagen aufmerksam das verfolgt hat, was das Privatfernsehen fälschlicherweise für Nachrichtensendungen hält, dem mag es bereits aufgefallen sein: Der südkoreanische Konzern LG plant, noch in diesem Jahr eine sogenannte „HomeBrew“-Maschine zum heimischen Bierbrauen auf den Markt zu bringen. Kapselbasiert. Bier aus Kapseln also!

Hält man sich an das Reinheitsgebot, so beschränkt man sich bei der Bierherstellung in erster Linie auf Wasser, Hopfen, Malz und Hefe. Von „Aroma-Hopfenöl“, wie in den Kapseln enthalten, steht da nix. Und von Alu-Einwegkapseln erst recht nichts. Möchte ich Alu in Lebensmitteln, dann esse ich Fisch!

Jetzt kann man das Deutsche Reinheitsgebot ja durchaus kritisch sehen, und nicht jedes sogenannte „Craft Beer“ ist per se schlecht, nur weil es sich nicht daran hält, aber dennoch vermittelt einem so etwas wie ein Reinheitsgebot doch eine gewisse, wenn auch trügerische, Sicherheit. Denn sind wir mal ehrlich: Nirgendwo wird so viel beschissen, wie im Bereich Lebensmittel, was eine extremst traurige Entwicklung ist, wenn man mal genauer darüber nachdenkt. Wer im Supermarkt seines Vertrauens ein x-beliebiges verarbeitetes Lebensmittel aus dem Regal nimmt, um die Zutatenliste zu lesen, braucht entweder ein abgeschlossenes Ökotrophologie-Studium oder eine gesunde Mischung aus Ignoranz und Indifferenz („Was da drin ist? Weiß ich nicht, ist mir auch egal.“).

Wie viel schöner ist es doch, sich da bei nach dem Reinheitsgebot gebrauten Bier auf der vermeintlich sicheren Seite zu wissen. Wobei: Genaugenommen bescheißen die großen Bierproduzenten dieser Welt bei der Bierherstellung auch. So fügen die meisten Großbrauereien dem Bier das putzige Kunststoffgranulat Polyvinylpolypyrrolidon (Gesundheit!) hinzu. Dieses Plastikzeug sorgt dafür, dass das Bier klar bleibt und man es anderthalb Jahre verscheuern kann. Würde man darauf verzichten, würde das Bier nach etwa drei Monaten trübe. Na, und das kann doch wirklich, wirklich keiner wollen. Segenswerterweise wird das PVPP natürlich auch wieder herausgefiltert. Also, bis auf „technisch unvermeidbare Rückstände“, die bleiben drin. In der Zutatenliste wiederfinden muss sich das Zeug aber wegen der Herausfilterung nicht. Schöne, neue Bier-Welt. Wenn ich Plastik in Lebensmitteln möchte, dann esse ich Fisch!

Von den Inhaltsstoffen abgesehen, bliebe bei LGs „HomeBrew“ aber ja immer noch die Alu-Geschichte. Ich begreife schon den Erfolg von Kaffeevollautomaten aus ökologischer Sicht nicht. Damit möchte ich natürlich niemandem seinen Kapsel-Kaffee madig machen. Wobei: Im Grunde meines Herzens möchte ich das doch! Es wird mir wohl nur nicht gelingen. Aber: Reichen 5.000 Tonnen Abfall aus Alu-Kapseln bereits im Jahr 2015 nicht? Müssen da jetzt noch x Tonnen aus der heimischen Bierherstellung dazukommen? Hach, die Archäologie der fernen Zukunft wird vermutlich ganz neue Wege gehen: Weltweit werden die Archäologen der Zukunft sich auf die Suche nach vergessenen Müllkippen machen, auf der Jagd nach dort unsachgemäß entsorgtem Aluminium. Oder Fisch.

Ein weiterer Punkt betrifft die Menge des produzierten Bieres. HomeBrew braucht zwei Wochen für „bis zu“ fünf Litern Bier. Den passionierten Biertrinker erkennt man also daran, dass er mindestens zwei von diesen Geräten zu Hause hat, damit der Nachschub nicht ausgeht. Den alkoholkranken Konsumenten daran, dass er vierzehn Exemplare besitzt, von denen er jeden Tag eines einschaltet. Wenigstens muss er dann aber nicht mehr jeden Tag zum Aldi, um sich mit Sechserträgern zu versorgen …

Nun muss man fairerweise zugeben, dass sich nicht jeder angesichts der HomeBrew-Maschine so schütteln muss, wie ich das tue. Die von mir ansonsten recht selten frequentierte Seite „ekitchen“ bezeichnet das Gerät sogar als „Ein Traum für alle Biertrinker“, denn „diese Maschine brüht das Kaltgetränk auf Knopfdruck“. Aha, sie brüht. Klingt widerlich. Ich persönlich mag eher Bier, das gebraut, statt gebrüht wurde …

Ach, lassen wir das.

 

„Die Königschroniken – Ein Reif von Silber & Gold“ – „Und kaum, dass es beginnt …“

Buch: „Die Königschroniken – Ein Reif von Silber & Gold“

Autor: Stephan M. Rother

Verlag: Rowohlt

Ausgabe: Taschenbuch, 382 Seiten

Merke: Es handelt sich um den dritten Teil einer Reihe, daher können Spuren von Spoilern enthalten sein, auch wenn ich diese zu vermeiden versuche!

Der Autor: Stephan M. Rother, 1968 in Wittingen geboren, studierte in Göttingen Geschichte, Kunstgeschichte und Philologie. 1997 erfolgte seine Graduierung zum Magister Artium. Seit Mitte der Neunziger trat Rother als „Magister Rother – Deutschlands erster, bester und einziger Standup Historian“ auf den Bühnen Deutschlands auf. Seit dem Jahr 2000 hat sich Rother auf das Schreiben verlegt, seither hat er zahlreiche Romane veröffentlicht, die häufig im Mittelalter spielen. Der Autor lebt, nach eigener Aussage, mit seiner Frau und fünf Katzen „am Rande des Wahnsinns und der Lüneburger Heide“.

Das Buch: Es ist dunkel geworden im Kaiserreich der Esche. Das Getreide will nicht mehr reifen, das Vieh bringt missgebildeten Nachwuchs zur Welt, und Bestien aus grauer Vorzeit suchen das Reich heim.

In den Provinzen wütet das Feuer der Rebellion. Als der Senschall aufbricht, um die Aufstände niederzuschlagen, bleibt die Esche in den Händen von Leyken zurück.

Sölva ist die letze Erbin Morwas und des großen Otta. Doch die Stämme von Ord zögern, einer Frau zu folgen. Vor allem der Jarl von Thal als mächtigster Mann der Tieflande erhebt Anspruch auf die Krone, während sein Sohn Bjorne sich auf die Seite Sölvas stellt.

Das Geschick der Welt liegt in den Händen zweier Frauen – einer aus dem Norden, einer aus dem Süden … (Quelle: Klappentext)

Fazit: Pünktlich zum Verkaufsstart des dritten Teils stand ich in der Buchhandlung meines Vertrauens, um seiner habhaft zu werden. Danach jedoch lag das Buch unerklärlicherweise eine ganze Weile herum, bevor ich es dann doch gelesen habe. Und wie das in solchen Fällen häufig ist, ärgere ich mich nun im Nachhinein. Nicht über das Buch, sondern viel mehr darüber, es nicht schon längst gelesen zu haben.

Schon der Einstieg in den dritten Teil der Königschroniken-Reihe ist Stephan M. Rother aus dreierlei Gründen gut gelungen. Zum Ersten, weil das erste Kapitel aus der Sicht meines Lieblingscharakters Pol erzählt wird, was zugebenermaßen ein eher subjektives Qualitätsmerkmal darstellt. Zum Zweiten, weil es auf unaufdringliche Weise einige Ereignisse der bisherigen Teile rekapituliert – eine Vorgehensweise, die sich auch in den aus Sicht der anderen Charaktere erzählten Kapiteln durch das ganze Buch zieht – , sodass man sich nie lange fragen muss, wer nun dieser Charakter wieder ist und was nun jener Person früher widerfahren ist.

Und zum Dritten, weil sich der Autor bereits hier mit dem beschäftigt, was die Königschroniken-Reihe für mich so lesenswert macht: mit Fragestellungen und Sachverhalten, die unsere reale Welt betreffen und über die reine Handlung des Dreiteilers hinausgehen.

So stellt sich Pol zu Beginn beispielsweise die Frage, ob es den Menschen wirklich schlechter ging, bevor man ihnen eine (neue) Religion brachte. In diesem Zusammenhang fiel mir ein Zitat ein, dass allgemein Desmond Tutu zugeschrieben wird: „Als die ersten Missionare nach Afrika kamen, besaßen sie die Bibel und wir das Land. Sie forderten uns auf zu beten. Und wir schlossen die Augen. Als wir sie wieder öffneten, war die Lage genau umgekehrt: Wir hatten die Bibel und sie das Land.“

Anschließend wendet sich der Autor leider von Pol ab, dessen Kapitel, meiner Meinung nach, durchaus ausführlicher hätten werden können. Gegen Ende.

Da wir schon bei Charakteren sind: Während ich die Charakterschilderung und -entwicklung im ersten, und mit Einschränkungen im zweiten, Teil noch kritisiert habe, hat sich diese Kritik weitestgehend in Wohlgefallen aufgelöst. Die Handlung wendet sich in erster Linie den beiden Protagonistinnen Sölva und Leyken zu. Und mit ihnen hat Rother durchaus starke Frauenfiguren geschaffen, die zu gefallen wissen. Und, sind wir mal ehrlich, starke Frauenfiguren sind immer noch nicht so wirklich gang und gäbe innerhalb des Fantasy-Genres. Wenigstens verzichtet man heute weitgehend auf Amazonen in semi-sinnvoller Kleidung wie Ketten-Bikinis und ähnlichem Unsinn …

Dabei schildert Rother die Geschehnisse in gewohnt gefälligen Stil. Auch der dritte Teil besticht durch seine bildhafte Sprache, die es mir ermöglicht hat, diesmal insbesondere die Szenen in der Rabenstadt sehr plastisch vor mir zu sehen. Darüber hinaus könnte ich mich hinsichtlich des Stils nur wiederholen, weswegen ich es mit diesen kurzen Einlassungen bewenden lasse.

Außerdem dürfte die Handlung ohnehin der wichtigste Gesichtspunkt für diesen Dreiteiler sein. Und auch diese überzeugt vollkommen, auch wenn ich anmerken muss, dass ein weiterer Teil – wie ursprünglich geplant – der Reihe durchaus gut getan hätte. Ich persönlich hatte gelegentlich das Gefühl, dass gewisse Aspekte der Handlung eigentlich ausführlicher hätten erzählt werden sollen – ich verweise hier nochmal auf den Handlungsstrang von Pol, nur, um das nochmal anzuprangern :-) -, die Seitenzahl dafür letztlich aber nicht ausreichte.

Letztlich lässt der Autor inhaltlich trotzdem wenig Wünsche offen und führt die Geschichte zu einem Ende, über das ich inhaltlich natürlich kein einziges Wort verliere, von dem ich mir aber noch nicht ganz sicher bin, ob ich es als Geniestreich oder als Frechheit empfinde. ;-) Momentan neige ich aber zu Ersterem.

Kurz: Wer mal wieder eine deutschsprachige Fantasy-Reihe lesen möchte, die sowohl in der Handlung als auch im Stil und den Charakteren Stärken besitzt, die einen nicht mit ihrem Umfang erschlägt und die durch ihren Handlungsrahmen sowie einige kreative Ideen überzeugt, die ich so noch nirgends gefunden habe, der kommt an der „Königschroniken“-Reihe meines Erachtens nicht vorbei.

Sollte der Autor irgendwann mal wieder einen literarischen Ausflug ins Kaiserreich der Esche unternehmen: Ich bin dabei!

Wertung:

Handlung: 9 von 10 Punkten

Charaktere: 9 von 10 Punkten

Stil: 9 von 10 Punkten

Atmosphäre: 10 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 9,25 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „NSA“ von Andreas Eschbach.