Die Prophezeiung des magischen Steins“ von Stephan M. Rother – A Bard´s Tale

Buch: „Die Prophezeiung des magischen Steins“

Autor: Stephan M. Rother

Verlag: Thienemann

Ausgabe: Softcover, 399 Seiten

Der Autor: Stephan M. Rother, 1968 in Wittingen geboren, studierte in Göttingen Geschichte, Kunstgeschichte und Philologie. 1997 erfolgte seine Graduierung zum Magister Artium. Seit Mitte der Neunziger trat Rother als „Magister Rother – Deutschlands erster, bester und einziger Standup Historian“ auf den Bühnen Deutschlands auf. Seit dem Jahr 2000 hat sich Rother auf das Schreiben verlegt, seither hat er zahlreiche Romane veröffentlicht, die häufig im Mittelalter spielen. Der Autor lebt, nach eigener Aussage, mit seiner Frau und fünf Katzen „am Rande des Wahnsinns und der Lüneburger Heide“.

Das Buch: Er ist ein Meisterwerk der alten Elben, eine der mächtigsten Schöpfungen ihrer Magie: der singende Stein. Dass ausgerechnet Dafydd, Lehrling des Barden Palatin, der Träger des magischen Steins sein soll, um dessen Besitz Kriege geführt wurden, vermag er kaum zu glauben. Und doch findet er sich bald mit Palatin, Prinzessin Livia, einem Gnom, einem Zwerg und der schrulligen Hexe Morgat im größten Abenteuer seines Lebens wieder. Können die Gefährten verhindern, dass das Land, wie sie es kennen, vergeht? Und kann die Magie des Steins auch Dafydds persönliches Glück beeinflussen? Denn trotz aller Standesunterschiede schlägt sein Herz für Prinzessin Livia … (Quelle: Thienemann)

Fazit: Dass ich – für mich übrigens recht untypisch – in den Besitz eines kostenlosen Rezensionsexemplars von „Die Prophezeiung des magischen Steins“ gelangte, verdanke ich einer gewissen Impertinenz meinerseits, der freundlichen und aktiven Mithilfe von Stephan M. Rother höchstpersönlich und den netten, einsichtigen Menschen bei Thienemann. Allen Beiteiligten gilt an dieser Stelle mein herzlichster Dank!

Nachdem ich mich in der jüngeren Vergangenheit mit wachsender Begeisterung Stephan M. Rothers „Königschroniken“-Trilogie gewidmet habe, war mein Interesse durchaus geweckt, als ich erfuhr, dass mit „Die Prophezeiung des magischen Steins“ ein weiteres Fantasy-Buch des Autors erscheinen sollte. Gleichzeitig war aber auch meine Vorsicht geweckt, denn das Buch sollte Elben enthalten. Kürzlich erst erwähnte ich, dass ja jedes Fantasy-Buch, das mindestens einen Zwerg enthält, per se ein gutes Buch sei. Für Fantasy-Bücher, die Elben, Elfen oder  – in der Markus-Heitz-Version – Albae enthalten, gilt allerdings das vollumfängliche Gegenteil. Ich mag sie halt einfach nicht, diese affektierten, überheblichen Spitzohren!

„Die Prophezeiung des magischen Steins“ dennoch zu lesen, war letztlich aber eine sehr gute Entscheidung.

Rother schildert die Geschehnisse mittels einer auktorialen Erzählperspektive. Dabei verzichtet er auf einen Prolog oder ähnlichen erzählerischen Schnickschnack und wirft den Leser direkt in die Handlung. Diese teilt er in Kapitel überschaubarer Länge, die aber nicht so bezeichnet werden, sondern lediglich durch entsprechendes Layout voneinander abgegrenzt werden. Schon zu Beginn des Buches wird wieder die bildhafte Erzählweise Rothers deutlich, die ich schon in der Königschroniken-Trilogie zu schätzen wusste. Sehr bald hat der Leser ein bestimmtes Bild der eingangs der Handlung erwähnten Stahlritter, der Königsstadt und insbesondere des Palastes vor Augen. Ich fühlte mich zu Beginn des Buches – und auch später, bei der Erwähnung der Magierfestung Mormur – ein bisschen an das Intro von „Spellforce 3“ erinnert – da aber einerseits beides nichts das Geringste miteinander zu tun hat und außerdem mein persönliches Problem ist, soll uns das nicht weiter beschäftigen. :-)

Rothers Geschichte wird in erster Linie von den sehr gelungenen Charakteren getragen. Besser noch als die beiden Hauptfiguren Dafydd und Livia gefallen mir hier die Nebenfiguren. Wie oben erwähnt: Jeder Fantasy-Buch, das mindestens einen Zwerg enthält, ist per se ein gutes Buch. Und „Die Prophezeiung des magischen Steins“ enthält einen. Und was für einen! Fhargolf entspricht charakterlich genau der Vorstellung, die ich von Zwergen habe, unterscheidet sich in anderer Hinsicht jedoch deutlich. So dürfte es sich um einen der eloquentesten Zwerg des Fantasy-Genres handeln, wenn nicht sogar um den einzigen eloquenten Vertreter seiner Art. Zugegeben, auf seine Eigenart, permanent in Alliterationen zu sprechen, muss man sich einlassen. Wenn man das tut und seine Passagen dann auch noch mit der Stimme von Wolfgang Hess – Synchronsprecher des „Gimli“ aus den „Der Herr der Ringe“-Filmen – liest, dann hat das einen echten Unterhaltungswert. Vor meinem inneren Auge zieht ein Epilog für das Buch vorbei, der beginnt mit: „Zwei Jahre später. Nach den Geschehnissen rund um die Prophezeiung des magischen Steins hat sich Fhargolf in Köln niedergelassen und schreibt Off-Texte für „Schwiegermutter gesucht“. :-) Ja, Fhargolf mochte ich wirklich gerne!

Auch Memphy, der Gnom und Palatin, der Barde, konnten mich überzeugen. Lediglich die Magierin Morgat begann irgendwann, mich ein wenig zu nerven. Zugegeben, sie ist selten um eine guten Spruch verlegen, stellt aber sprachlich eine Art Anachronismus dar, der nicht recht zum Handlungsrahmen passen will.

Lobend hervorheben möchte ich an dieser Stelle den gelungenen Antagonisten. Diese werden in vielen Literaturgenres häufig etwas stiefmütterlich behandelt und sind oft nur aus dem Grunde „Weil halt!“ böse. Hier ist das anders. Der Antagonist hat Beweggründe für sein Tun, die auf verquere Weise sogar halbwegs rational wirken.

Inhaltlich möchte ich überhaupt nicht viel verraten. Es sei nur erwähnt, dass man dem Buch anmerkt, dass es sich (auch) an eine jüngere Leserschaft richtet, als der, der ich angehöre. Diesmal stellt das aber für mich kein sonderliches Problem dar, so empfand ich beispielsweise den altersgerecht dosierten Gewaltgrad als recht angenehm. Rother lässt seine Gefährten nicht durch literweise Blut waten, viel mehr müssen sie als eingeschworenes Team funktionieren, um eben möglichen Konfrontationen aus dem Weg zu gehen. Dennoch mangelt es der Handlung nicht an Spannung.

Kurz: Wer mal wieder ein spannendes (Jugend)-Fantasy-Buch lesen möchte, dass vor allem durch unterhaltsame Charaktere besticht, dem kann ich „Die Prophezeiung des magischen Steins“ wärmstens empfehlen.

Wertung:

Handlung: 8 von 10 Punkten

Charaktere 9 von 10 Punkten

Stil: 8,5 von 10 Punkten

Atmosphäre: 8,5 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 8,5 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Der nasse Fisch“ von Volker Kutscher.

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„Die Phileasson-Saga I – Nordwärts“ von Bernhard Hennen und Robert Corvus – Nie wieder Käsetoast!

Buch: „Die Phileasson-Saga I – Nordwärts“

Autoren: Bernhard Hennen, Robert Corvus

Verlag: Heyne

Ausgabe: Paperback, 494 Seiten

Die Autoren: Bernhard Hennen, 1966 geboren, studierte Germanistik, Geschichte und Vorderasiatische Altertumskunde. Mit seiner Elfen-Saga stürmte er alle Bestsellerlisten und schrieb sich an die Spitze der deutschen Fantasy-Autoren. Hennen lebt mit seiner Familie in Krefeld. (Quelle: Heyne)

Robert Corvus, 1972 geboren, studierte Wirtschaftsinformatik und war in verschiedenen internationalen Konzernen als Strategieberater und Projektleiter tätig, bevor er mehrere erfolgreiche Fantasy-Romane veröffentlichte. Er lebt und arbeitet in Köln. (Quelle: Heyne)

Das Buch: Sagen und Mythen ranken sich um die legendäre Rivalität zwischen Asleif Phileasson, den sie nur den Foggwolf nennen, und Beorn, dem Blender. Nun soll eine Wettfahrt entscheiden, wer von beiden der größte Seefahrer aller Zeiten ist und sich König der Meere nennen darf. In achtzig Wochen müssen die beiden Krieger den Kontinent Aventurien umrunden und sich dabei zwölf riskanten Abenteuern stellen. Abenteuern, die nur die abgebrühtesten Helden zu bestehen vermögen. Es ist der Beginn des größten und gefährlichsten Wettlaufs aller Zeiten … (Quelle: Heyne)

Fazit: „Den Zwölfen zum Gruße“, liebe Leserschaft!

Wir schreiben das Jahr 1992: Erstmals werde ich in Form des Computerspiels „Das Schwarze Auge – Die Schicksalsklinge“ – 10 (!) Disketten, die sortiert neben dem Amiga 500 lagen, weil sie dauernd gewechselt werden mussten (damit wurde der Beruf des Diskjockeys erfunden) und Ladezeiten hatten, die nur knapp unterhalb der Länge eines handelsüblichen Pliotenstreiks lagen – mit der Welt des „Schwarzen Auges“ konfrontiert. Und mein jugendliches Nerd-Herz ist umgehend begeistert! Mir eröffnet sich buchstäblich eine völlig neue Welt. Eine Welt, die mich von der echten ein wenig ablenkt, was auch dringend nötig ist, wirft man doch in dieser echten Welt etwa zur selben Zeit gerade Brandsätze auf die zentrale Anlaufstelle für Asylbewerber in Rostock-Lichtenhagen …

Ich wurde Zeuge, wie zwei Jahre später in „Das Scharze Auge – Sternenschweif“, dem Nachfolger zur „Schicksalsklinge“, der Auelf Elsurion Sternlicht – und den Namen musste ich nicht mal googeln – meiner wackeren Heldengruppe erklärt, worin ihre Aufgabe besteht. Und zwar in Sprachausgabe! Also, nicht die Aufgabe bestand in Sprachausgabe, sondern sie wurde mittels selbiger übermittelt. Damals zwar schon keine Sensation mehr, aber sehr, sehr geil. :-)

Nochmal zwei Jahre später versuchte meine Heldengruppe, im dritten Teil der „Nordlandtrilogie“ mit Namen „Schatten über Riva“ wertvolle Informationen aus dem zwielichtigen Rattenfänger Xebbert Dürbann – den musste ich jetzt googeln – herauszubekommen, um die namensgebenden Schatten über der nordaventurischen Stadt zu vertreiben.

Zu diesem Zeitpunkt war ich längst infiziert mit dem DSA-Virus, hatte bereits die ersten Bücher der 1995 beginnenden Romanserie ergattert, besitze übrigens heute noch ein Exemplar aus der Erstauflage des ersten Romans „Der Scharlatan“ des viel zu früh verstorbenen Ulrich Kiesow – ich wollte es nur gesagt haben -, dem für sein Schaffen gar nicht genug gedankt werden kann, und liebe seitdem eigentlich alles, was mit DSA zu tun hat.

So viel muss eingangs erwähnt sein, um der geneigten Leserschaft zu verdeutlichen, dass ich nur bedingt objektiv bin bzw. sein kann, wenn es um eine im DSA-Universum angesiedelte Romanreihe geht. :-)

Hennen und Corvus beginnen ihren Roman mit einem recht langen, 83 Seiten umfassenden Prolog, der zum Einen eine eigene, recht düstere Handlung enthält, die zum Anderen durchaus Relevanz für die eigentlich Haupthandlung hat. In der Folge teilen die Autoren ihren Reihenauftakt in mehrere längere Kapitel, die wiederum logbuchartig in recht kurze Unterkapitel geteilt sind. Ein Ein- und Ausstieg aus der Lektüre ist so recht einfach und fast jederzeit möglich.

Corvus und Hennen – eben bemerke ich, dass ich bereits DSA-Romane von Bernhard Hennen besitze; Sachen gibts! – schreiben dabei so, wie ich mir einen Fantasy-Roman vorstelle. Bunt und bildhaft, selbst in der nicht so bunten Welt des nördlichen Eises, mal tempo- und actionreich, dann aber auch wieder ruhiger und mit Hintergründen zur Welt, in der ihre Reihe spielt. Hintergründe, die übrigens auch mittels eines Glossars am Ende des Buches erklärt werden – das ich natürlich nicht brauchte, ich wollte es nur gesagt haben :-) -, welches gewährleistet, dass man dieses Buch auch guten Gewissens lesen kann, ohne irgendwelche Vorkenntnisse über „Das Schwarze Auge zu haben“. Bemerkenswert finde ich in stilistischer Hinsicht darüber hinaus übrigens, dass es mir nicht möglich war, anhand des Stils einzuordnen, welcher der beiden Autoren denn nun welche Textpassage geschrieben hat.

Hennen und Corvus bevölkern ihren Roman mit einer stattlichen Anzahl an Personen. Um einen Kontinent zu umrunden, braucht es schließlich Schiffsmannschaften und die wiederum sind mitunter recht zahlreich. Abseits der beiden Protagonisten Asleif und Beorn, die bislang leider kaum über die Charakterisierung gut und böse hinauskommen, sind es diesmal in erster Linie die Nebenfiguren, die mir Freude bereiteten. Zwar ist beispielsweise die Traviageweihte Shaya auch nicht besonders tiefgehend gezeichnet, eignet sich aber hervorragend als Sympathieträger und Identifikationsfigur. Dafür gibt es mit Vascal della Rescati, seiner Nichte Leomara sowie den Elfen Salarin und Galayne Figuren, die mitunter wohl ganz bewusst eher mysteriös gehalten sind, von denen man mithin also noch nicht genau weiß, was es mit ihnen, ihrer Vorgeschichte und ihren Beweggründen auf sich hat. Das regt zum Denken und Rätseln an und hat durchaus seinen Reiz.

Die Handlung – die beiden Protagonisten müssen nicht nur den Kontinent Aventurien umrunden, sondern auf dem Weg auch eine Reihe bestimmter Aufgaben meistern – erinnert ein wenig an die griechische Mythologie und dort an die zwölf Aufgaben des Herakles. So lautet die erste Aufgabe der beiden Kontrahenten beispielsweise einen „zweizahnigen Kopfschwänzler“ – wir würden wohl „Mammut“ dazu sagen – zu fangen, und nach Thorwal zu transportieren. „Nordwärts“ ist inhaltlich erfreulich kurzweilig, punktet mit einem angenehmen Erzähltempo und bildet einen ausgesprochen gelungenen Auftakt in diese bislang sechsbändige Reihe, deren siebter Teil im März erscheint, und die letztlich zwölf Bände umfassen soll. Ich würde sagen, mein Lesejahr ist gerettet.

Nicht unerwähnt lassen möchte ich, dass das Buch eine Landkarte enthält. Und Fantasy-Bücher mit Landkarte sind per se gut. Dafür kommen in der Handlung keine Zwerge vor. Und Fantasy-Bücher ohne Zwerge sind per se doof. Ach, ich schätze, das gleicht sich wieder aus …

Wertung:

Handlung: 9 von 10 Punkten

Stil: 9 von 10 Punkten

Charaktere: 9 von 10 Punkten

Atmosphäre: 13 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 10 von 10 Punkten (okay, wer kein ausgesprochenes DSA-Herz hat, zieht von den letzten 13 Punkten vier ab, kommt dann im Schnitt aber immer noch auf 9)

Demnächst in diesem Blog: „Die Prophezeiung des magischen Steins“ von Stephan M. Rother.

 

Freitagsfragen #71

Freitagsfragen

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

trotz der Tatsache, dass es sie in der vergangenen Woche gesundheitlich „niedermähte“, hat es sich nickel aus dem Brüllmausblog nicht nehmen lassen, für ihre Gefolgschaft eine weitere Ausgabe der Freitagsfragen zusammenzuklöppeln. An dieser Stelle herzlichen Dank dafür. Die Fragen und Antworten lauten:

1.) Duschen oder Baden?

Ich wurde zu großen Teilen in den 80ern sozialisiert, da hat man – zumindest da, wo ich herkomme – immer am Samstag gebadet und wurde dann vor den Fernseher gesetzt, wo sich die ganze Familie erst die „Sportschau“ und dann „Wetten, dass..?“ angesehen hat. Unter der Woche wurde geduscht.

Außerdem wurde uns damals in den 80ern gesagt, wir müssten Wasser sparen, Wasser sparen und Wasser sparen. Und falls sich zwischendurch irgendwie die Möglichkeit ergeben sollte, müssten wir noch Wasser sparen.

Später wurde uns gesagt, dass das mit dem Wasser sparen eigentlich gar keine so gute Idee sei. Einmal für die Rohrleitungssysteme und zum Zweiten für die eigenen Finanzen, da durchs dauerhafte Sparen auch der Preis ansteigen würde.

Apropos Preis: Da stellt sich doch vorhin ein Vertreter der Kohleindustrie im öffentlich-rechtlichen Fernsehen hin und sagt sinngemäß , man müsse im Bezug auf den Kohleausstieg schon ehrlich zu den Leuten sein, und ihnen sagen, dass dadurch der Strompreis ansteigen würde …

Diese Warnungen seitens der Industrie, die teils in Panikmache und Weltuntergangsszenarien ausarten, angesichts eines Kohleausstiegs, von dem man noch nicht mal genau weiß, wann und wie der jetzt vonstatten gehen soll, empfinde ich persönlich ja immer als arg peinlich. Ja, vielleicht steigt der Strompreis fürs Erste ein wenig, aber, sind wir mal ehrlich, so neu ist dieses Phänomen jetzt nicht. Nehmen wir nur mal die Informationen von „finanztip“, so ist dort der Satz zu lesen: „Seit dem Jahr 2000 haben sich die Strompreise für private Haushalte mehr als verdoppelt.“  Wessen Einkünfte sich im gleichen Zeitraum ebenfalls verdoppelt haben, der möge sich übrigens bitte melden …

Die Frage ist doch, was in den Augen der Kohleverteidiger die Alternative sein soll. Kein Ausstieg? Oder, noch besser, ein Umstieg auf ausschließliche Energiegewinnung durch Kohle? Die Behandlung von Atemwegserkrankungen – die natürlich ebensowenig ausschließlich auf die Kohle zurückzuführen sind wie ein Strompreisanstieg auf den Ausstieg aus selbiger – kostete das Gesundheitssystem bereits im Jahr 2008 14,7 Milliarden Euro. Wollen wir jetzt anfangen, das gegenzurechnen?

Ach, ich schweife ab, aber solche Industriemenschen, die den Untergang für unzählige Arbeitsplätze prophezeihen, nur weil man den Hambacher Forst nicht verfeuern darf, die bringen mich halt schon recht zeitig am Morgen dazu, aus dem Sattel zu gehen.

Kurz: Aufgrund meiner Sozialisation eher duschen als baden.

Ach und: Ich hab auch gar keine Badewanne! :-)

2.) Fragst Du lieber Freunde um Rat/ Geld/ Hilfe oder Fremde? Oder gehst gar eigene Wege?

Was Rat/Geld/Hilfe angeht, bin ich in der Tat ein eher schwieriger Mensch, im Normalfall will ich nämlich nichts davon. Wenn ich also mir nahestehenden Menschen mein Leid klage, dann hat für mich erst mal nur den Sinn, mal eben mein Leid klagen zu können bzw. geklagt zu haben. Sollte man mir dann ungefragt Ratschläge erteilen, kann das problematisch werden, denn auch Ratschläge sind Schläge. Und ich kann es überhaupt nicht leiden, wenn jemand beginnt, mir mein Leben zu erklären.

Sollte ich bei etwas tatsächlich nicht weiterkommen und andere Meinungen hören wollen – und das kommt gar nicht so selten vor-, dann frage ich explizit danach und dann kann man meinetwegen auch nach Herzenslust monologisieren. :-)

Man könnte also sagen, dass ich zuerst immer versuche, eigene Wege zu gehen. Sollte ich auf diesen nicht weiterkommen und Rat/Geld/Hilfe benötigen, würde ich natürlich in erster Linie Freunde fragen.

3.) Was wäre eine gute erwachsene Version des Eiswagens?

Ein Bierwagen? ;-) Hm, tja, also, die erwachsene Version eines Eiswagens ist wahrscheinlich die altbewährte Eisdiele. Man muss nicht plötzlich panisch in die Schuhe schlüpfen und nach draußen stürmen, nur weil man in der Ferne vermeintlich das Klingeln des Eiswagen gehört hat, um dann festzustellen, dass man selbigen mit der nervtötenden Bimmelei des dritten Schrottsammlers des Tages verwechselt hat. Man steht vergleichsweise kurz in der Schlange, wenn überhaupt. Die Lärmbelastung ist deutlich geringer. Man hat im Normalfall seine Ruhe. Als stationärer Eiswagen scheint mir die Eisdiele eine gute Alternative zu sein.

4.) Die Wahl der Qual: Würdest Du lieber wissen wie Du stirbst oder ein Jahr früher sterben?

Hm, ich merke schon, die „Die Wahl der Qual“ des Jahres 2019 zieht auf der nach oben offenen „Pest-oder-Cholera-Skala“ deutlich an. Ich glaube, ich entscheide mich für Letzteres. Jegliches Wissen in dieser Hinsicht würde meine psychische Gesundheit wahrscheinlich nachhaltig beschädigen.

 

Das war es auch schon wieder, geneigte Leserschaft.

Ich werde jetzt noch ein paar Stunden das Hohelied des home office singen und mich dann mental auf das Halbfinale der Handball-WM vorbereiten.

Gehabt euch wohl!

„Helix – Sie werden uns ersetzen“ – von Marc Elsberg – Ich wollte es mögen …

Buch: „Helix – Sie werden uns ersetzen“

Autor: Marc Elsberg

Verlag: Blanvalet

Ausgabe: Taschenbuch, 647 Seiten

Der Autor: Marc Elsberg wurde 1967 in Wien geboren. Er war Strategieberater und Kreativdirektor für Werbung in Wien und Hamburg sowie Kolumnist der österreichischen Tageszeitung »Der Standard«. Heute lebt und arbeitet er in Wien. Mit seinen internationalen Bestsellern BLACKOUT, ZERO und HELIX etablierte er sich auch als Meister des Science-Thrillers. BLACKOUT und ZERO wurden von »Bild der Wissenschaft« als Wissensbuch des Jahres in der Rubrik Unterhaltung ausgezeichnet und machten ihn zu einem gefragten Gesprächspartner von Politik und Wirtschaft. (Quelle: Blanvalet)

Das Buch: Der US-Außenminister stirbt bei einem Staatsbesuch in München. Während der Obduktion wird auf seinem Herzen ein seltsames Zeichen gefunden – von Bakterien verursacht? In Brasilien, Tansania und Indien entdecken Mitarbeiter eines internationalen Chemiekonzerns Nutzpflanzen und –tiere, die es eigentlich nicht geben kann.

Zur gleichen Zeit wenden sich Helen und Greg, ein Paar Ende dreißig, die auf natürlichem Weg keine Kinder zeugen können, an eine Kinderwunschklinik in Kalifornien. Der Arzt macht ihnen Hoffnung, erklärt sogar, er könne die genetischen Anlagen ihres Kindes deutlich verbessern. Er erzählt ihnen von einem – noch inoffiziellen – privaten Forschungsprogramm, das bereits an die hundert solcher »sonderbegabter« Kinder hervorgebracht hat, und natürlich wollen Helen und Greg ihrem Kind die besten Voraussetzungen mitgeben, oder?

Doch dann verschwindet eines dieser Kinder, und alles deutet auf einen Zusammenhang mit sonderbaren Ereignissen hin – nicht nur in München, sondern überall auf der Welt … (Quelle: Blanvalet)

Fazit: Es muss so ungefähr fünf Jahre her sein, als mir Marc Elsbergs Thriller „Blackout“ in die Hände fiel und mich absolut begeistert und ziemlich sprachlos zurückließ. Spannend und lehrreich schilderte der Autor darin, was eigentlich so alles passieren könnte, sollte es mal zu einem wirklich, wirklich flächendeckenden und langanhaltenden Stromausfall in Europa kommen. Ein Szenario über das man – ich zumindest – sich bis dahin keinerlei Gedanken gemacht hat. Einer Szenario aber auch, dass zumindest mit der immer größeren Verbreitung der „smarten“ Stromzähler nicht unwahrscheinlicher geworden ist. Hach, der letzte Satz der Menschheit wird sein: „Aber es war doch so schön bequem!“ Aber ich schweife ab.

Nach dieser Erfahrung stürzte ich mich einige Jahre später begierig auf Elsbergs Nachfolgeroman „ZERO“. Auch dieser gefiel mir, allerdings weit weniger gut, unter anderem, weil die Protagonistin eine typische Mary Sue darstellt, mit der ich so gar nicht klarkam.

Derlei literarisch fortgebildet, begann ich mit der Lektüre von „Helix“, dessen bescheuerten Untertitel „Sie werden uns ersetzen“ ich mir im Folgenden sparen werde. Mal ehrlich, wer lässt sich solche Untertitel einfallen? Bin ich der einzige der sich dabei an „Sat1-FilmFilm“ aus den 90ern erinnert fühlt? Sei´s drum!

Leider hat mich Elsberg aber mit seinem neuen Thriller nicht so wirklich „abgeholt“, wie man heutzutage sagt.

Am wenigsten liegt das noch an Elsbergs Art zu erzählen. Der Autor teilt seinen Roman in neun Teile – pro Tag der Handlung einen – und teilte diese wiederum in kurze Kapitel, von denen einige nur eine Seite lang sind und bewegt sich auf sprachlich ähnlich solidem Niveau wie in den Vorgängern.

Die Probleme liegen zum Einen eher im inhaltlichen Bereich. Die Handlung braucht – so war jedenfalls mein subjektives Empfinden – unheimlich lange, bevor sie irgendwann mal ein wenig Fahrt aufnimmt. Dabei ist die Thematik – gezielte Veränderungen am menschlichen Genom – durchaus faszinierend und immer dann, wenn sich Elsberg ihr auch widmet, hat der Roman seine Höhepunkte. Immer dann wirft er Fragen auf. Wie würden sich Eltern entscheiden, wenn sie die Möglichkeit hätten, ihr Kind genau so schön, sportlich oder klug zu gestalten, wie sie es gerne hätten? Und würde man dabei auch an das Kind denken, dass dann in einem Umfeld aufwachsen würde, von dem es sich durch seine besonderen Fähigkeiten deutlich unterscheidet? Und welche Auswirkungen hätte eine solche Praxis überhaupt auf die ganze Menschheit, sollte man sie irgendwann weltweit und für alle erschwinglich anbieten können?

Und auch die Informationen, die Elsberg der Leserschaft abseits von Ethik und Moral vermittelt, sind wirklich spannend. Wer vorher kein Problem mit dem Agrar-Konzern „Monsanto“ hatte – allein beim Wort „Konzern“ schüttelt es mich, wenn es um Landwirtschaft geht -, wird nach der Lektüre eines haben. Gut, dass der Name „Monsanto“ nun bald für alle Zeiten im Bayer-Konzern verschwindet …

Leider widmet sich der Autor diesen Fragen und Informationen zu selten und beschäftigt sich dafür zu viel mit einer sich nur semi-subtil anbahnenden zarten Liebesgeschichte zwischen seinen beiden Protagonisten Jessica und Rich, die angesichts der Umstände, in der sie stattfindet, irgendwie deplaziert wirkt.

Überhaupt, diese Protagonisten! Über Helen erfährt man eigentlich nur, dass sie für das US-Außenministerium arbeitet und daher selten zu Hause bei ihrem Mann und den zwei Kindern ist. Ihr Mann beklagt das. Sie beklagt, dass ihr Mann das beklagt und bändelt daher in der Folge, als sei das ein völlig normales Verhalten, mit Rich an. Das ist im Grunde alles, was man über die Figur Helen herausfinden kann.

Das ist allerdings vergleichsweise viel. Über Rich wird dem Leser mitgeteilt, dass er Wissenschaftler ist. Punkt.

Die Ausarbeitung der weiteren Figuren ist noch rudimentärer.

Ich verstehe ja, dass man als Autor in einem solchen Thriller sein Hauptaugenmerk auf andere Dinge, idealerweise die Handlung, richtet. Aber ein wenig mehr hätte es bei den Charakteren schon sein können. So entfalten sie auf mich eine noch fatalere Wirkung, als wenn ich sie nur schlecht nachvollziehbar oder unsympathisch fände:  Sie sind mir schlicht und ergreifend egal.

Und letztlich haben sie auch zu großen Teilen dazu beigetragen, mir den Spaß an Elsbergs Buch zu verhageln.

Kurz: Elsbergs Thriller hat seine Momente und eine spannende Thematik, nutzt allerdings seine Möglichkeiten in der Handlung und insbesondere bei den Charakteren nicht ansatzweise aus. Am 25. Februar erscheint übrigens sein neues Buch „Gier“. Ich bin mir nicht sicher, ob das diesmal ungelesen an mir vorbeigeht. Wobei – spannend klingt es eigentlich schon …

Wertung:

Handlung: 7,5 von 10 Punkten

Stil: 8 von 10 Punkten

Charaktere: 4 von 10 Punkten

Spannung: 7,5 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 6,75 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: Eine nur semi-objektive Lobhudelei auf „Die Phileasson-Saga I – Nordwärts“ von Bernhard Hennen und Robert Corvus.

 

„Kolbe“ von Andreas Kollender – Solides Handwerk

Buch: „Kolbe“

Autor: Andreas Kollender

Verlag: Ullstein

Ausgabe: Taschenbuch, 448 Seiten

Der Autor: Andreas Kollender wurde in Duisburg geboren, studierte in Düsseldorf Germanistik und Philosophie und arbeitete nebenbei auf dem Bau, im Einzelhandel und in einer Szenekneipe. Seit 1995 lebt er als freier Autor in Hamburg und leitet Kurse für literarisches Schreiben. (Quelle: Ullstein)

Das Buch: Sommer 1943: Hitler muss weg! Das steht für Fritz Kolbe fest. Als Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes hat er Zugang zu streng geheimen Dokumenten, die er aus der Behörde schmuggelt. Eine Kurierfahrt in die Schweiz ermöglicht ihm die Kontaktaufnahme zu den Amerikanern. Kolbe beginnt ein gefährliches Doppelleben. Unter dem Namen George Wood wird er der wichtigste Spion des Zweiten Weltkriegs. (Quelle: Ullstein)

Fazit: Es gibt Bücher, über die könnte ich tage- und nächtelang reden. Wahrscheinlich selbst, wenn mir niemand zuhörte. Und es gibt Bücher, über die kann ich weniger Worte verlieren, obwohl sie mir vielleicht sogar gefallen haben. In die letzte Kategorie fällt Kollenders „Kolbe“. Schreiten wir dennoch mutig zur Tat.

Hand aufs Herz: Wem sagt der Name Fritz Kolbe erwas? Ja, das ging mir ähnlich. Und Google auch. Wenn man dort „Kolbe“ als Suchbegriff eingibt, landet man bei einem Backofen-, Dunstabzugshauben- und Kochfeld-Hersteller, einem Jura-Professor-Doktor, einem polnischen Franziskaner-Minoriten sowie einem Mitarbeiter der Stadt Delmenhorst.

Dabei war Fritz Kolbe nichts anderes als ein wichtiger Widerstandskämpfer im Dritten Reich und – aus eigenem Antrieb – Spion im Auftrag der Amerikaner, wo er in erster Linie mit Allen Dulles zusammenarbeitete. Den kennt man nun wieder, in seiner Eigenschaft als späterer CIA-Direktor. Und deshalb ist es auch wichtig, dass sich Kollender in seinem Roman der Person Fritz Kolbe angenommen hat.

Der Autor schildert in seinem Buch das Zusammentreffen eines Journalisten und der dazugehörigen Fotografin mit Kolbe in seinem schweizerischen Exil nach Ende des Krieges. Dort beginnt Kolbe dann, seine Lebensgeschichte zu erzählen, angefangen mit seiner Tätigkeit in Südafrika, die er zum Kriegsbeginn aufgeben musste, da man ihn nach Berlin zurückbeordert hat.

In einer, so mein Eindruck, ungewohnt szenischen Erzählweise, an die ich mich, zugegeben, erst gewöhnen musste, beschreibt Kollender den Werdegang vom Beamten im Auswärtigen Amt mit einer ausgeprägten Abneigung gegen die Nazis hin zu dem, was Dulles später sinngemäß als „zweifellos einer der besten Agenten, den irgendein Geheimdienst jemals gehabt hat“ bezeichnete. Diese Erzählweise enpfand ich zu Beginn als eher trocken und spröde, sie passt aber nach längerer Bedenkzeit ziemlich gut zu den dargestellten Ereignissen und vor allem zur Stimmung.

Denn Stimmung, die kann Kollender sehr gut. Die beklemmende Atmosphäre voller Angst, in der sich Kolbe bewegt, wird von ihm sehr gut transportiert. Selbst wenn man, im Gegensatz zu mir, zu Beginn schon wusste, wie die Geschichte ausgehen würde, könnte man sich der Spannung des Romans wohl kaum entziehen. Dabei verzichtet der Autor segenswerterweise auf alberne Actionszenen und schlägt eher leise Töne an, um das konspirative Umfeld, in dem sich Kolbe bewegt, rüberzubringen.

Neben der Atmosphäre sind insbesondere die Charaktere Kollenders Stärke. Er zeichnet nicht nur ein spannendes Psychogramm einer Hauptfigur, die ihr Leben aufs Spiel setzt, um den Krieg vorzeitig zu beenden – im vollen Bewusstsein, damit das Leben der eigenen Soldaten zu gefährden. Auch die Nebenfiguren sind durchgehend gut getroffen.

Inhaltlich kann man sagen, dass „Kolbe“ – soweit sich das mir als Laien darstellt – erfreulich gut recherchiert ist und sich nur hier und da erzählerische Freiheiten erlaubt, die aber auch erlaubt sein müssen.

Die, die sich nicht minimal spoilern lassen wollen, lassen die folgenden Absätze über Kolbes Lebenslauf im Idealfall ungelesen, alle anderen lesen gerne weiter.

Kolbe spielte im Laufe seiner Spionagetätigkeit über 1.600 Dokumente, teils hochbrisanten Inhalts, den Amerikanern zu. In diesem Zusammenhang zeigt sich erstmals die Tragik, die mit seinem Leben als Spion zusammenhing. Denn die Amerikaner nutzen ihre Informationen kaum! Er warnte vor der Liquidierung der römischen Juden 1943 – nichts wurde dagegen unternommen. Er warnte vor der Deportation ungarischer Juden – die Amerikaner blieben tatenlos.  Er konnte sogar den Standort und den Aufbau der Wolfsschanze aufzeichnen – auf amerikanischer Bomber, die den Bau in Schutt und Asche verwandelten, wartete man vergebens. Das alles lag in erster Linie daran, dass man die von Kolbe übermittelten Unterlagen seitens der Amerikaner für zu gut hielt, um echt zu sein und man die Vermutung äußerte, es mit einem Doppelagenten zu tun zu haben – selbst als die von Kolbe vorausgesagten Ereignisse tatsächlich eintrafen.

Die zweite Tragik seines Lebens betrifft den Umgang der Nachkriegsdeutschen mit Kolbe. Er stieß auf ähnliche Gegenliebe wie heute Edward Snowden bei den Amerikanern. Als ehemaligem Beamten hätte ihm eine Bezahlung zugestanden. Er bekam sie nicht. 1949 wollte Kolbe wieder in seinen ehemaligen Beruf zurück. Erfolglos. Im Auswärtigen Amt hatte man lieber vertraute Gesichter um sich: 1951 wurden die leitenden Beamtenstellen der politischen Abteilung im Auswärtigen Amt ausschließlich mit ehemaligen „Parteigenossen“ besetzt.

Kolbe wurde zur persona non grata in Deutschland. Erst sechs Jahre bevor Kolbe im Jahr 1971 starb, wurde er vom Vorwurf des Verrats freigesprochen. Das entsprechende Schreiben war noch nicht mal an Kolbe selbst adressiert, sondern an einen Freund. Und erst im Jahr 2004 wurde er offiziell durch den damaligen Außenminister Fischer von der Bundesrepublik geehrt. Tja, Aufarbeitung dauert hierzulande manchmal ja etwas länger.

Die Spoiler-Gegner dürfen ab hier weiterlesen.

Hm, nun habe ich doch eine ganze Menge Worte über einen Mann verloren, der meines Erachtens viel tiefer im bundesdeutschen Gedächtnis verankert sein sollte. Einen Mann, der schon vor fast 80 Jahren das erkannt hat, was heute noch gilt: Nazis sind scheiße!

Den dazugehörigen Roman kann ich allen geschichtsinteressierten Lesern nur empfehlen. Für alle anderen fällt das Buch vielleicht eher in die Kategorie „kann, muss aber nicht“.

Fazit:

Handlung: 8 von 10 Punkten

Stil:7,5 von 10 Punkten

Charaktere: 8 von 10 Punkten

Atmosphäre: 10 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 8,375 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Helix“ von Marc Elsberg.

 

 

Freitagsfragen #70 – Return of the Freitagsfragen

Freitagsfragen

Guten Morgen, verehrte Leserschaft,

zu den wenigen angenehmen Dingen, mit denen das neue Jahr aufwarten kann, gehört zum Einen der erste Sieg des SV Werder – yay! – und zum Anderen die Rückkehr der Freitagsfragen im Brüllmausblog. Diese hätte ich, wie der Name – der aufmerksamen Leserschaft ist dies nicht entgangen – impliziert, bereits am Freitag beantworten können. Nun bin ich aber seit einigen Tagen irgendwie inspirationsunterzuckert, weswegen ich die Beantwortung auf die längere Bank geschoben und dann dort vergessen habe. Zwar hat sich an diesem Zustand noch nichts geändert, ich schreite aber nunmehr dennoch mutig zur Tat und bitte die Leserschaft diesmal damit vorliebzunehmen, dass ich einfach nur halbwegs gerade Sätze bar jeden Esprits formuliere. Wohlan, die Fragen und Antworten lauten:

1.) Bezahlst Du lieber Bar oder mit Karte?

Ich persönlich zahle lieber in bar. Seit geraumer Zeit wird ja landauf, landab über eine gänzliche Abschaffung des Bargelds gesprochen, nur weil man das in Schweden schon fast vollständig durchgesetzt hat. Aber, nur zur Erinnerung, in Schweden isst man auch Surströmming, diesen, sagen wir mal, „intensiv“ riechenden Hering, den man zu Gustav Adolfs Zeiten, also noch vor 1632, in Salzlake eingelegt, in Dosen abgefüllt, sich selbst und seiner Gärung überlassen und dann vergessen hat, um ihn knappe vierhundert Jahre später zu „genießen“. Man muss also nicht immer etwas aus anderen Ländern übernehmen. Und wenn, dann lieber Surströmming.

Auf mich übt die Aussicht auf eine  Bargeld-Abschaffung ungefähr den gleichen Reiz aus, wie ein vergammelnder Tierkadaver am Straßenrand. Also keinen, nur um das klarzustellen.

Es mag sein, dass man damit einige Probleme eindämmt – Schwarzarbeit, Korruption etc. -, die eigentlichen Probleme – Cum-Ex-Geschäfte etc. – werden aber ohnehin schon bargeldlos abgewickelt, also was solls!? Um den volkswirtschaftlichen Schaden anzurichten, den ein Banker mit Cum-Ex-Geschäften an einem normalen Dienstag Vormittag anrichten kann, müsste ein schwarz beschäftiger Fliesenleger aber mal sehr lange auf den Knien rumrutschen. Sei es ihm also gegönnt. Dem Fliesenleger, meine ich.

Außerdem würden den Menschen sowieso wieder Alternativen einfallen, die beispielsweise Schwarzarbeit weiterhin ermöglichen. Vielleicht Zahlung in irgendwelchen nicht nachzuvollziehenden Kryptowährungen abseits vom Bitcoin, der bei gleichbleibendem Kursverlauf bald nicht mehr viel mehr wert als eine BVB-Aktie sein dürfte. Dennoch hätte ich gerne einen. Oder zwei.

Darüber stellt sich mir gerade die Frage, wie dann in Zukunft meine Kontoauszüge aussehen, wenn jede Kartenzahlung für einen Döner, ein Buch oder ein Paar Schnürsenkel darauf auftauchen. Bilden sich dann Zeltstädte vor den Kontoauszugsdruckern, weil mit Wartezeiten von mehr als sechs Monaten pro Kontoauszug gerechnet werden muss, bis man an endlich an dieses Gerät kommt?

2.) Bist Du sparsam mit Deinem Geld?

„Muss ja!“, wie der Westfale sagt. Es sei denn der Westfale hat es eilig, dann sagt er nur: „Muss!“ Mit anderen Worten: Da ich nie wirklich viel Geld besessen habe und das wohl in absehbarer Zeit auch nicht tun werde, bleibt mir gar keine andere Wahl, als sparsam mit meinem Geld hauszuhalten.

3.) Was ist Deine teuerste Anschaffung?

Das wird wohl mein neues Auto sein. Und die Reparatur für mein neues Auto … Grrrrr!

4.) Die Wahl der Qual: Arbeitslos oder überarbeitet?

Ich schätze, dann bin ich lieber arbeitslos. Bei ständiger Überarbeitung bleibt die physische und psychische Gesundheit irgendwann auch auf der Strecke. Mit Arbeitslosigkeit kenne ich mich dagegen aus, insofern ziehe ich selbige vor. Ich möchte aber klarstellen, dass das diesmal die Wahl zwischen Pest und Cholera ist.

 

Nun denn, liebe Leserinnen und Leser, das war es dann auch schon wieder. Ich wünsche allseits einen guten Wochenstart.

Gehabt euch wohl!

 

„Ein irischer Dorfpolizist“ von Graham Norton – Zauberhaft

Buch: „Ein irischer Dorfpolizist“

Autor: Graham Norton

Verlag: rororo

Ausgabe: Taschenbuch, 334 Seiten

Der Autor: Graham Norton, Schauspieler, Comedian und Talkmaster, ist eine der bekanntesten Fernsehpersönlichkeiten der englischsprachigen Welt. Geboren wurde er in Clondalkin, einem Vorort von Dublin, aufgewachsen ist der Sohn einer protestantischen Familie aber im County Cork im Süden Irlands.

Sein erster Roman „Ein irischer Dorfpolizist“ überraschte viele durch seine Wärme und erzählerische Qualität, er avancierte in Irland und Großbritannien zum Bestseller, wurde mit dem Irish Book Award 2016 ausgezeichnet und wird nun auch zu einer Fernsehserie. (Quelle: Rowohlt Verlag)

Das Buch: Duneen liegt am Arsch der Welt, ganz unten im Süden Irlands. Große Dramen finden hier nicht statt, trotzdem könnten die Leute in Duneen ein bisschen glücklicher sein. Sergeant PJ Collins zum Beispiel war nicht immer so ungeheuer dick. Brid Riordan hat früher nicht getrunken. Und auch Evelyn Ross hoffte einmal, irgendwann einen Sinn im Leben zu finden.

Dann werden eines Tages auf der Burke-Farm Knochen gefunden. Menschenknochen. Und es ist vorbei mir der Ruhe, für PJ und für Duneen. Alte Wunden brechen auf, alte Lügen kommen ans Licht, neue Konflikte entbrennen, und während PJ seinen ersten richtigen Fall zu lösen versucht, überrascht er viele, die ihn zu kennen glauben – am meisten sich selbst. (Quelle: Klappentext)

Fazit: Manchmal gibt es so Dinge, von denen man nichts erwartet und dann wird man trotzdem enttäuscht. Mir zum Beispiel geht es so mit dem bisherigen Jahr 2019. Aber manchmal gibt es auch Dinge, von denen man nichts erwartet und dann wird man mehr als positiv überrascht. Und so ging es mir mit „Ein irischer Dorfpolizist“.

Norton teilt sein Buch in zwei Teile, und diese wiederum in Kapitel überschaubaren Umfangs. Für mich ist das bereits der erste Pluspunkt, da mich wenig so stört, wie mitten im Text die Lektüre einzustellen, weil ich bemerke, dass es bis zum Kapitelende noch 73 Seiten sind. Ein weiterer stilistischer Pluspunkt ist der feinsinnige Humor, der sich durch das Buch zieht. Bereits der erste Satz des Buches dient da als gutes Beispiel, in dem es über den sehr, sehr beleibten Sergeant Collins heißt: „Es war in der Einwohnerschaft von Duneen weitgehend akzeptiert, dass, sollte ein Verbrechen geschehen und es Sergeant Collins gelingen, den Täter festzunehmen, dieser Verhaftung wohl kaum eine Verfolgung zu Fuß vorausginge.“ Ich find´s witzig. ;-)

Aber Nortons Buch ist nicht nur humorvoll. Im Gegenteil, die 334 Seiten enthalten auch reichlich tragische Momente. Allerdings schafft es der Autor, wie auch schon die „SZ“ in ihrer Kritik festgestellt hat, dass das Buch weder in die eine noch in die andere Seite kippt.

Die Geschichte selbst hat Hand und Fuß und erfüllt eigentlich alle Kriterien für einen Krimi, den man in den wohl noch unweigerlich folgenden Wintertagen, gemütlich in eine Decke eingewickelt und mit Heißgetränken versorgt, auf dem Sofa lesen kann.

Die bemerkenswerte Stärke des Buches liegt aber meiner Meinung nach in den wunderbaren Charakteren, die Graham Norton da ausgearbeitet hat. Der Autor hat keine strahlenden Helden geschaffen, keine unfehlbaren Figuren, sondern Menschen wir ihr und ich. Menschen mit Makeln, Defiziten, Eigenheiten und Selbstzweifeln. Allen voran muss hier natürlich der Protagonist PJ Collins genannt werden, der nicht nur durch seine Leibesfülle unbeholfen wirkt, sondern auch dadurch, dass er nun ganz plötzlich zum ersten Mal so etwas wie echte Polizeiarbeit leisten muss, was ihn merklich überfordert.

Da wäre zum anderen beispielsweise Brid Riordan, Ehefrau und Mutter zweier Kinder, die aus den unterschiedlichsten Gründen begonnen hat, sich dem übermäßigen Alkoholgenuss hinzugeben. Live und in Farbe kann der Leser Brid bei ihrem langsamen Abstieg verfolgen, der mit ungezählten unangenehmen bis peinlichen Situationen einhergeht.

Nortons Figuren sind also weit entfernt von perfekt und unfehlbar, aber ihm gelingt etwas, was ich in diesem Zusammenhang sehr wichtig finde: Es gelingt ihm, der Leserschaft seine Charaktere zwar mit allen ihnen innewohnenden Schwächen zu präsentieren, aber – wichtig! – ohne sie dabei vorzuführen. Wie einfach wäre es gewesen, PJ ausschließlich als dicke Witzfigur oder Brid nur als schwache Alkoholikerin hinzustellen!?

Aber diese beiden – so wie die meisten Personen der Handlung – sind mehr als nur das. Brid ist nicht per se ein schlechter Mensch, nur weil sie trinkt. Und in PJ steckt weit mehr als nur ein unsicherer, pummeliger, überforderter Polizeibeamter.

Diese wunderbare Charakterzeichnung ist es, was „Ein irischer Dorfpolizist“ in meinen Augen ausmacht und weshalb es so lesenswert ist.

So lesenswert übrigens, dass ich es mittlerweile bereits an eine ganz zauberhafte Person verschenkt habe. Und das würde ich nicht tun, wenn ich nicht davon überzeugt wäre. ;-)

Kurz: Eine ganz unbedingte Leseempfehlung fürs Wohlfühlen an kalten Wintertagen.

Wertung:

Handlung: 8,5 von 10 Punkten

Stil: 8,5 von 10 Punkten

Charaktere: 10 von 10 Punkten

Atmosphäre: 10 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 9,25 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Kolbe“ von Andreas Kollender.

 

„NSA – Nationales Sicherheits-Amt“ von Andreas Eschbach – Was wäre, wenn …

Buch: „NSA – Nationales Sicherheits-Amt“

Autor: Andreas Eschbach

Verlag: Bastei Lübbe

Ausgabe: Hardcover, 796 Seiten

Der Autor: Andreas Eschbach, geboren am 15.09.1959 in Ulm, ist verheiratet, hat einen Sohn und schreibt seit seinem 12. Lebensjahr.

Er atudierte in Stuttgart Luft- und Raumfahrttechnik und arbeitete zunächst als Softwareentwickler. Von 1993 bis 1996 war er geschäftsführender Gesellschafter einer EDV-Beratungsfirma.

Als Stipendiat der Arno-Schmidt-Stiftung „für schriftstellerisch hoch begabten Nachwuchs“ schrieb er seinen ersten Roman „Die Haarteppichknüpfer“, der 1995 erschien und für den er 1996 den „Literaturpreis des Science-Fiction-Clubs Deutschland“ erhielt. Bekannt wurde er vor allem durch den Thriller „Das Jesus-Video“ (1998), der im Jahr 1999 drei literarische Preise gewann und zum Taschenbuchbestseller wurde. ProSieben verfilmte den Roman, der erstmals im Dezember 2002 ausgestrahlt wurde und Rekrodeinschaltquoten bescherte. Mit „Eine Billion Dollar“, „Der Nobelpreis“ und „Ausgebrannt“ stieg er endgültig in die Riege der deutschen Top-Thriller-Autoren auf.

Nach über 25 Jahren in Stuttgart lebt Andreas Eschbach mit seiner Familie seit 2003 als freier Schriftsteller in der Bretagne. (Quelle: Bastei Lübbe)

Das Buch: Weimar 1942: Die Programmiererin Helene Arbeitet im Nationalen Sicherheits-Amt und entwickelt dort Programme, mit deren Hilfe alle Bürger des Reichs überwacht werden. Erst als die Liebe ihres Lebens Fahnenflucht begeht und untertauchen muss, regen sich Zweifel in ihr. Mit ihren Versuchen, ihm zu helfen, gerät sie nicht nur in Konflikte mit dem Regime, sondern wird auch die die Machtspiele ihres Vorgesetzten Lettke verwickelt, der die perfekte Überwachungstechnik des Staates für ganz eigene Zwecke benutzt und dabei zunehmend jede Grenze überschreitet …
Was wäre, wenn es im Dritten Reich schon Computer gegeben hätte, das Internet, E-Mails, Mobiltelefone und soziale Medien – und deren totale Überwachung? (Quelle: Bastei Lübbe)

Fazit: Andreas Eschbach gehört, ich erwähne das gelegentlich, zu der kleinen Gruppe von Autorinnen und Autoren, deren Bücher ich umgehend nach Erscheinen kaufe, ohne mich vorher auch nur im Geringsten mit ihrem Inhalt zu beschäftigen. „Shut up and take my money!“, würde man dazu wohl heute sagen. Und allgemein fahre ich, im Hinblick auf die Eschbach-Bücher, auch gut mit dieser Vorgehensweise. Lediglich sein letzter Roman „Teufelsgold“ hat mich inhaltlich etwas enttäuscht. Bei „NSA“ griff ich trotzdem wieder gewohnt schnell zu und wurde weit weniger enttäuscht.

Ich persönlich liebe ja Bücher über alternative bzw. kontrafaktische Geschichte, Angeber dürfen auch Uchronie sagen. Ausgehend vom historischen Zeitpunkt x und dem Gedankengang „Was wäre, wenn …“ wurden schon die schönsten Geschichten erzählt, als Beispiele für Autoren, die das ganz besonders gut können bzw. konnten, seien hier mal Robert Harris, Phlip Roth und Philip K. Dick genannt.

Und Andreas Eschbach kann das eben auch gut. So führt er schlüssig den Gedanken fort, was passiert wäre, wenn die technische Entwicklung  nach Erfindung der mechanischen Rechenmaschine von Charles Babbage ähnlich rasant fortgeschritten wäre, wie sie das heute tut und die Menschen daher im Dritten Reich bereits Internet, Handys und eine Art Facebook gehabt hätten – mit den dazugehörigen Nebenwirkungen. Warum Eschbach in seine Geschichte nicht auch Konrad Zuse, der 1941 tatsächlich den ersten funktionsfähigen Computer der Welt entwickelte, eingebaut hat, wird wohl sein Geheimnis bleiben. Es hätte jedenfalls wunderbar gepasst.

Eschbach zeigt auch wunderbar auf, welche Begleiterscheinungen diese Entwicklung haben kann – nämlich die totale Überwachung, die weit darüber hinausgeht, dass man – ein rein fiktives Beispiel – Werbe-Mails vom „Fressnapf“ bekommt, nur weil man sich  kulinarische Anregungen für den nächsten Besuch der Schwiegermutter ergoogelt hat, oder  – wie mir tatsächlich passiert -, dass man, nachdem man Autos im untersten möglichen Preissegment googelt, plötzlich Mails von „Lotus“ bekommt, deren Produktpalette teilweise sechsstellige Preise hat.

Eschbach zeigt auf, was den Menschen alles so passieren kann, wenn staatliche Behörden über zu viel Informationen über die Menschen verfügen – und welche Gefahren die „Ich habe nichts zu verbergen“-Einstellung birgt.

Die Geschichte, die Eschbach der Leserschaft da präsentiert, überzeugt also inhaltlich in vollem Umfang, aber sie kann auch erzählerisch überzeugen. Der Autor macht mit seinen beiden Protagonisten Helene und Eugen erst mal einen langen Schritt zurück in ihrer beider Vergangenheit. Von dort ausgehend wird geschildert, wie ihr Lebensweg sie heute in das NSA geführt hat. Dieser Abschnitt, das gebe ich zu, war mir irgendwann ein bisschen zu lang, rückblickend aber durchaus notwendig. Trotz mancher Längen hält der Autor durchgehend die Spannung aufrecht, die einerseits vom Handlungsrahmen, andererseits von den Ereignissen getragen wird.

Auch in stilistischer Hinsicht kann ich nicht meckern, konnte das bei Eschbach aber auch noch nie. Dafür war es mir aber auch noch nie möglich, mich über den Stil mehr als ünbedingt nötig zu äußern, weswegen ich das jetzt auch nicht tue, sondern es bei einem „Es liest sich gut. Punkt“ belasse.

Die einzige – sogar in meinen Augen recht gravierende – Schwäche des Buches betrifft einen Bereich, in dem ich Schwächen von Eschbach eigentlich nicht gewohnt bin, nämlich die Charaktere. Dass Eugen aufgrund einer einzigen Kränkung in seiner Jugend zu einer Art sadistischem Racheengel verkommt, das mag man noch irgendwie durchgehen lassen, schließlich lief er schon in seiner Jugend nicht ganz rund, kam früh mit dem Gesetz in Konflikt, geriet, wie man so schön sagt, auf die schiefe Bahn und hatte allgemein einen eher subjektiven moralischen Kompass. Man muss Eugen als Figur nicht mögen, kann ihn und seine Entwicklung, wenn man ein Auge zudrückt, aber schon durchgehen lassen.

Viel, viel größere Probleme – viiiiiel größere – habe ich da mit Helene. Die junge Frau entspricht dem Typus graue Maus, ist recht schüchtern und unscheinbar und muss sich dauernd der Verkupplungsversuche ihrer Eltern erwehren. Dann lernt sie den desertierten Arthur kennen, verliebt sich und macht eine Entwicklung durch, die ich in keiner Weise nachvollziehbar finde: Helene redet sich ein, dass Arthur sie, sobald der Krieg vorbei ist, sowieso verlassen wird. Daher folgert sie „(…) solange der Krieg dauerte, würde er ihr gehören, ihr ganz alleine! Solange er sich hier oben verstecken müsste, konnte ihn ihr niemand wegnehmen!“ (Seite 310). Daher sinnt sie zwischenzeitlich sogar darüber nach, was in ihrer Macht Stehende sie unternehmen könnte, um den Krieg zu verlängern und damit die Möglichkeit zu bekommen, weiterhin mit Arthur ins Bett zu springen, eine Tätigkeit übrigens, an der sie schon nach erstmaliger Ausführung eine Art manisches Gefallen gefunden zu haben scheint. Mal ganz abgesehen davon, dass dieses Handeln zutiefst egozentrisch ist und auch gegenüber ihrem Arthur, den sie doch angeblich so innig liebt, ziemlich widerlich, ist es für mich auch nicht nachvollziehbar. Merke: Im Krieg sterben Menschen! Und tote Menschen sind, mit Verlaub, ein recht hoher Preis für eigene Vögel-Freuden!

Man merkt, ich kam mit Helene so überhaupt nicht zurecht, habe ihr zwischendurch das schlimmstmögliche Schicksal gewünscht und fühlte mein Lesevergnügen durch diese Person doch reichlich eingeschränkt.

Davon abgesehen aber, ist Andreas Eschbach erneut ein hochspannendes und topaktuelles Buch gelungen, dass ich jedem nur wärmstens empfehlen kann.

Wertung:

Handlung: 9 von 10 Punkten

Stil: 8,5 von 10 Punkten

Charaktere: 6,5 von 10 Punkten

Atmosphäre: 10 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 8,5 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Ein irischer Dorfpolizist“ von Graham Norton.

 

Prangenten e.V. prangert an: Bier aus Kapseln!

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

wer in den letzten Tagen aufmerksam das verfolgt hat, was das Privatfernsehen fälschlicherweise für Nachrichtensendungen hält, dem mag es bereits aufgefallen sein: Der südkoreanische Konzern LG plant, noch in diesem Jahr eine sogenannte „HomeBrew“-Maschine zum heimischen Bierbrauen auf den Markt zu bringen. Kapselbasiert. Bier aus Kapseln also!

Hält man sich an das Reinheitsgebot, so beschränkt man sich bei der Bierherstellung in erster Linie auf Wasser, Hopfen, Malz und Hefe. Von „Aroma-Hopfenöl“, wie in den Kapseln enthalten, steht da nix. Und von Alu-Einwegkapseln erst recht nichts. Möchte ich Alu in Lebensmitteln, dann esse ich Fisch!

Jetzt kann man das Deutsche Reinheitsgebot ja durchaus kritisch sehen, und nicht jedes sogenannte „Craft Beer“ ist per se schlecht, nur weil es sich nicht daran hält, aber dennoch vermittelt einem so etwas wie ein Reinheitsgebot doch eine gewisse, wenn auch trügerische, Sicherheit. Denn sind wir mal ehrlich: Nirgendwo wird so viel beschissen, wie im Bereich Lebensmittel, was eine extremst traurige Entwicklung ist, wenn man mal genauer darüber nachdenkt. Wer im Supermarkt seines Vertrauens ein x-beliebiges verarbeitetes Lebensmittel aus dem Regal nimmt, um die Zutatenliste zu lesen, braucht entweder ein abgeschlossenes Ökotrophologie-Studium oder eine gesunde Mischung aus Ignoranz und Indifferenz („Was da drin ist? Weiß ich nicht, ist mir auch egal.“).

Wie viel schöner ist es doch, sich da bei nach dem Reinheitsgebot gebrauten Bier auf der vermeintlich sicheren Seite zu wissen. Wobei: Genaugenommen bescheißen die großen Bierproduzenten dieser Welt bei der Bierherstellung auch. So fügen die meisten Großbrauereien dem Bier das putzige Kunststoffgranulat Polyvinylpolypyrrolidon (Gesundheit!) hinzu. Dieses Plastikzeug sorgt dafür, dass das Bier klar bleibt und man es anderthalb Jahre verscheuern kann. Würde man darauf verzichten, würde das Bier nach etwa drei Monaten trübe. Na, und das kann doch wirklich, wirklich keiner wollen. Segenswerterweise wird das PVPP natürlich auch wieder herausgefiltert. Also, bis auf „technisch unvermeidbare Rückstände“, die bleiben drin. In der Zutatenliste wiederfinden muss sich das Zeug aber wegen der Herausfilterung nicht. Schöne, neue Bier-Welt. Wenn ich Plastik in Lebensmitteln möchte, dann esse ich Fisch!

Von den Inhaltsstoffen abgesehen, bliebe bei LGs „HomeBrew“ aber ja immer noch die Alu-Geschichte. Ich begreife schon den Erfolg von Kaffeevollautomaten aus ökologischer Sicht nicht. Damit möchte ich natürlich niemandem seinen Kapsel-Kaffee madig machen. Wobei: Im Grunde meines Herzens möchte ich das doch! Es wird mir wohl nur nicht gelingen. Aber: Reichen 5.000 Tonnen Abfall aus Alu-Kapseln bereits im Jahr 2015 nicht? Müssen da jetzt noch x Tonnen aus der heimischen Bierherstellung dazukommen? Hach, die Archäologie der fernen Zukunft wird vermutlich ganz neue Wege gehen: Weltweit werden die Archäologen der Zukunft sich auf die Suche nach vergessenen Müllkippen machen, auf der Jagd nach dort unsachgemäß entsorgtem Aluminium. Oder Fisch.

Ein weiterer Punkt betrifft die Menge des produzierten Bieres. HomeBrew braucht zwei Wochen für „bis zu“ fünf Litern Bier. Den passionierten Biertrinker erkennt man also daran, dass er mindestens zwei von diesen Geräten zu Hause hat, damit der Nachschub nicht ausgeht. Den alkoholkranken Konsumenten daran, dass er vierzehn Exemplare besitzt, von denen er jeden Tag eines einschaltet. Wenigstens muss er dann aber nicht mehr jeden Tag zum Aldi, um sich mit Sechserträgern zu versorgen …

Nun muss man fairerweise zugeben, dass sich nicht jeder angesichts der HomeBrew-Maschine so schütteln muss, wie ich das tue. Die von mir ansonsten recht selten frequentierte Seite „ekitchen“ bezeichnet das Gerät sogar als „Ein Traum für alle Biertrinker“, denn „diese Maschine brüht das Kaltgetränk auf Knopfdruck“. Aha, sie brüht. Klingt widerlich. Ich persönlich mag eher Bier, das gebraut, statt gebrüht wurde …

Ach, lassen wir das.

 

„Die Königschroniken – Ein Reif von Silber & Gold“ – „Und kaum, dass es beginnt …“

Buch: „Die Königschroniken – Ein Reif von Silber & Gold“

Autor: Stephan M. Rother

Verlag: Rowohlt

Ausgabe: Taschenbuch, 382 Seiten

Merke: Es handelt sich um den dritten Teil einer Reihe, daher können Spuren von Spoilern enthalten sein, auch wenn ich diese zu vermeiden versuche!

Der Autor: Stephan M. Rother, 1968 in Wittingen geboren, studierte in Göttingen Geschichte, Kunstgeschichte und Philologie. 1997 erfolgte seine Graduierung zum Magister Artium. Seit Mitte der Neunziger trat Rother als „Magister Rother – Deutschlands erster, bester und einziger Standup Historian“ auf den Bühnen Deutschlands auf. Seit dem Jahr 2000 hat sich Rother auf das Schreiben verlegt, seither hat er zahlreiche Romane veröffentlicht, die häufig im Mittelalter spielen. Der Autor lebt, nach eigener Aussage, mit seiner Frau und fünf Katzen „am Rande des Wahnsinns und der Lüneburger Heide“.

Das Buch: Es ist dunkel geworden im Kaiserreich der Esche. Das Getreide will nicht mehr reifen, das Vieh bringt missgebildeten Nachwuchs zur Welt, und Bestien aus grauer Vorzeit suchen das Reich heim.

In den Provinzen wütet das Feuer der Rebellion. Als der Senschall aufbricht, um die Aufstände niederzuschlagen, bleibt die Esche in den Händen von Leyken zurück.

Sölva ist die letze Erbin Morwas und des großen Otta. Doch die Stämme von Ord zögern, einer Frau zu folgen. Vor allem der Jarl von Thal als mächtigster Mann der Tieflande erhebt Anspruch auf die Krone, während sein Sohn Bjorne sich auf die Seite Sölvas stellt.

Das Geschick der Welt liegt in den Händen zweier Frauen – einer aus dem Norden, einer aus dem Süden … (Quelle: Klappentext)

Fazit: Pünktlich zum Verkaufsstart des dritten Teils stand ich in der Buchhandlung meines Vertrauens, um seiner habhaft zu werden. Danach jedoch lag das Buch unerklärlicherweise eine ganze Weile herum, bevor ich es dann doch gelesen habe. Und wie das in solchen Fällen häufig ist, ärgere ich mich nun im Nachhinein. Nicht über das Buch, sondern viel mehr darüber, es nicht schon längst gelesen zu haben.

Schon der Einstieg in den dritten Teil der Königschroniken-Reihe ist Stephan M. Rother aus dreierlei Gründen gut gelungen. Zum Ersten, weil das erste Kapitel aus der Sicht meines Lieblingscharakters Pol erzählt wird, was zugebenermaßen ein eher subjektives Qualitätsmerkmal darstellt. Zum Zweiten, weil es auf unaufdringliche Weise einige Ereignisse der bisherigen Teile rekapituliert – eine Vorgehensweise, die sich auch in den aus Sicht der anderen Charaktere erzählten Kapiteln durch das ganze Buch zieht – , sodass man sich nie lange fragen muss, wer nun dieser Charakter wieder ist und was nun jener Person früher widerfahren ist.

Und zum Dritten, weil sich der Autor bereits hier mit dem beschäftigt, was die Königschroniken-Reihe für mich so lesenswert macht: mit Fragestellungen und Sachverhalten, die unsere reale Welt betreffen und über die reine Handlung des Dreiteilers hinausgehen.

So stellt sich Pol zu Beginn beispielsweise die Frage, ob es den Menschen wirklich schlechter ging, bevor man ihnen eine (neue) Religion brachte. In diesem Zusammenhang fiel mir ein Zitat ein, dass allgemein Desmond Tutu zugeschrieben wird: „Als die ersten Missionare nach Afrika kamen, besaßen sie die Bibel und wir das Land. Sie forderten uns auf zu beten. Und wir schlossen die Augen. Als wir sie wieder öffneten, war die Lage genau umgekehrt: Wir hatten die Bibel und sie das Land.“

Anschließend wendet sich der Autor leider von Pol ab, dessen Kapitel, meiner Meinung nach, durchaus ausführlicher hätten werden können. Gegen Ende.

Da wir schon bei Charakteren sind: Während ich die Charakterschilderung und -entwicklung im ersten, und mit Einschränkungen im zweiten, Teil noch kritisiert habe, hat sich diese Kritik weitestgehend in Wohlgefallen aufgelöst. Die Handlung wendet sich in erster Linie den beiden Protagonistinnen Sölva und Leyken zu. Und mit ihnen hat Rother durchaus starke Frauenfiguren geschaffen, die zu gefallen wissen. Und, sind wir mal ehrlich, starke Frauenfiguren sind immer noch nicht so wirklich gang und gäbe innerhalb des Fantasy-Genres. Wenigstens verzichtet man heute weitgehend auf Amazonen in semi-sinnvoller Kleidung wie Ketten-Bikinis und ähnlichem Unsinn …

Dabei schildert Rother die Geschehnisse in gewohnt gefälligen Stil. Auch der dritte Teil besticht durch seine bildhafte Sprache, die es mir ermöglicht hat, diesmal insbesondere die Szenen in der Rabenstadt sehr plastisch vor mir zu sehen. Darüber hinaus könnte ich mich hinsichtlich des Stils nur wiederholen, weswegen ich es mit diesen kurzen Einlassungen bewenden lasse.

Außerdem dürfte die Handlung ohnehin der wichtigste Gesichtspunkt für diesen Dreiteiler sein. Und auch diese überzeugt vollkommen, auch wenn ich anmerken muss, dass ein weiterer Teil – wie ursprünglich geplant – der Reihe durchaus gut getan hätte. Ich persönlich hatte gelegentlich das Gefühl, dass gewisse Aspekte der Handlung eigentlich ausführlicher hätten erzählt werden sollen – ich verweise hier nochmal auf den Handlungsstrang von Pol, nur, um das nochmal anzuprangern :-) -, die Seitenzahl dafür letztlich aber nicht ausreichte.

Letztlich lässt der Autor inhaltlich trotzdem wenig Wünsche offen und führt die Geschichte zu einem Ende, über das ich inhaltlich natürlich kein einziges Wort verliere, von dem ich mir aber noch nicht ganz sicher bin, ob ich es als Geniestreich oder als Frechheit empfinde. ;-) Momentan neige ich aber zu Ersterem.

Kurz: Wer mal wieder eine deutschsprachige Fantasy-Reihe lesen möchte, die sowohl in der Handlung als auch im Stil und den Charakteren Stärken besitzt, die einen nicht mit ihrem Umfang erschlägt und die durch ihren Handlungsrahmen sowie einige kreative Ideen überzeugt, die ich so noch nirgends gefunden habe, der kommt an der „Königschroniken“-Reihe meines Erachtens nicht vorbei.

Sollte der Autor irgendwann mal wieder einen literarischen Ausflug ins Kaiserreich der Esche unternehmen: Ich bin dabei!

Wertung:

Handlung: 9 von 10 Punkten

Charaktere: 9 von 10 Punkten

Stil: 9 von 10 Punkten

Atmosphäre: 10 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 9,25 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „NSA“ von Andreas Eschbach.