„Wédōra“ von Markus Heitz – Zurück zu den Wurzeln

Buch: „Wédōra – Staub und Blut“ (2016)

Autor: Markus Heitz

Verlag: Knaur

Ausgabe: Broschiert, 605 Seiten

Der Autor: Markus Heitz ist ein 1971 in Homburg/Saar geborener deutscher Schriftsteller. Nach seinem Abitur an einer katholischen Privatschule und dem anschließenden Wehrdienst, studierte Heitz Germanistik und Geschichte auf Magisterabschluss.

Nach seinem Studium war er als freier Journalist bei der Saarbrücker Zeitung tätig, bevor im Jahr 2002 sein erstes Buch „Die dunkle Zeit – Schatten über Ulldart 1“ erschien. Dafür erhielt Heitz den Deutschen Phantastik-Preis für das beste Romandebüt. Besagten Preis gewann er in verschiedensten Kategorien auch in den Jahren 2005 – 2007 sowie 2009 – 2012.

Seit seinem großen Erfolg mit seinem Buch „Die Zwerge“ ist Heitz ausschließlich als freier Autor tätig.

Das Buch: Inmitten einer riesigen Wüste liegt die Stadt Wédōra. Eine Metropole mit einer Million Einwohnern, ein Handelszentrum und Hauptumschlagplatz für die Waren aus den umliegenden, die Wüste umschließenden, Ländern. Neun Statthalter regieren über ihr jeweiliges Einflussgebiet, sie sind lediglich dem Dârèmo gegenüber Rechenschaft schuldig und zum Gehorsam verpflichtet, jenem mysteriösen Herrscher über die Stadt, den bis heute noch nie jemand persönlich zu Gesicht bekommen hat – zumindest niemand, der lange genug lebte, um davon zu berichten.

Weit entfernt von diesem staubigen Moloch, im Königreich Telonia, leben Tomeija und Liothan. Die beiden sind seit ewigen Zeiten eng befreundet, auch wenn ihre Lebenswege in völlig unterschiedliche Richtungen verliefen. Während Tomeija die oberste Gesetzeshüterin des Barons Efanus Helmar vom Stein geworden ist, fristet Liothan sein Dasein als Dieb, der sich beim gemeinen Volk allerdings großer Beliebtheit erfreut. Diese Konstellation führt naturgemäß auch zu Interessenkonflikten.

Als Tomeija Wind von Liothans Plänen bekommt, bei dem verhassten Kaufmann Dûrus einzubrechen, versucht sie ihn davon abzubringen, leider erfolglos. Dûrus ertappt den Dieb, Tomeija kommt hinzu und dann geht alles ganz schnell: Mittels eines von Dûrus ausgesprochenen Zaubers verschwinden die beiden vom Ort des Geschehens – nur um kurz darauf in der Wüste vor Wédōra wieder aufzutauchen.

Sofort setzen die beiden Freunde alles daran, wieder in ihre Heimat zurückkehren zu können. Denn sie sind zu einem schlechten Zeitpunkt aufgetaucht: Die Stämme der Wüste rüsten sich für einen Krieg gegen sie Stadt.

Bei ihren Anstrengungen, wieder nach Telonia zurückzukehren, geraten die beiden in ein Netz aus Lügen und Verschwörungen, denn ihre Fähigkeiten könnten für beide Kriegsparteien entscheidend sein.

Fazit: Zu wenigen Autoren habe ich ein derartig gespaltenes Verhältnis wie zu Markus Heitz. Noch vor geraumer Zeit, sagen wir, vor so etwa zehn Jahren, habe ich blind alles gekauft, was im Buchladen meines Vetrauens mit dem Namen Heitz ausgestattet war. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits „Ulldart – Die dunkle Zeit“ sowie „Die Zwerge 1-3“ gelesen und war, und bin, von beidem absolut begeistert. „Ulldart“ gehört meiner Meinung nach immer noch zum Besten, was es im Bereich deutschsprachiger Fantasy so gibt.

Dann, ja, dann entfernte sich Markus Heitz ein wenig von der „klassischen“ Fantasy-Literatur – veilleicht mit Ausnahme von „Die Legenden der Albae“ -, schrieb düstere Bücher wie „Ritus“ und „Sanctum“ oder die „Judas-Trilogie“, in denen immer irgendwelche Untoten – häufig Vampire – herumliefen und die von strahlenden Helden wie Eric von Kastell („Ritus“ und „Sanctum“) gejagt wurden. Bücher, die ich in einem Gespräch mit einer ganz zauberhaften Person kürzlich ungewollt despektierlich als „Untoten-Gedöns“ bezeichnet habe.

Umso größer war meine Freude, als mir nun „Wédōra“ in die Hände fiel. Mit einer gehörigen Portion Hoffnung und einem gemurmelten „Bitte keine Vampire, bitte keine Vampire, bitte keine Vampire…“nahm ich es mit, und siehe da: Meine Hoffnung wurde nicht enttäuscht.

Natürlich macht Heitz auch in seinem neuen Roman nicht alles richtig, so sind seine Charaktere sicher noch ausbaufähig. Liothan gefiel mir dabei noch relativ gut, auch wenn er den Eindruck eines Fantasy-Robin-Hoods vermittelt. Mit Tomeija habe ich da schon größere Probleme, erinnert sie mich doch zu sehr an solche Charaktere wie den oben erwähnten Eric von Kastell. Charaktere, die ich gerne als „das menschliche Äquivalent zum Schweizer Taschenmesser“ bezeichne. Tomeija kann alles, macht alles und zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass sie vollkommen unkaputtbar zu sein scheint. Darüber hinaus wären etwas mehr Informationen über die Vorgeschichte der beiden Protagonisten wünschenswert gewesen. Aber da ich davon ausgehe, – oder besser, da ich inständig hoffe – dass es sich bei „Wédōra“ nur um den ersten Teil einer hoffentlich langen Reihe handelt, erfährt der Leser in späteren Bänden vielleicht mehr.

Ansonsten gibt es an dem Buch wenig zu bemängeln.

Die größte Stärke des Buches liegt sicherlich in der gesamten Welt, die Heitz mit Wédōra und den umliegenden Ländern erschaffen hat. Denn ganz ehrlich, wenn er irgendetwas wirklich gut kann, der Herr Heitz, dann Welten erschaffen! Vor jedem Kapitel erfährt der Leser in kurzen Texten, die zum Beispiel als Auszüge aus Tagebüchern, Reiseaufzeichnungen und einem Buch aus der Reihe „Geschichten von überall“ der Schwestern Gremm(!) bezeichnet werden, etwas über die Welt. Schön gemacht! Ich als Leser hatte bei der Erkundung dieser lebendigen Welt unendliche viele Assoziationen, angefangen bei sämtlichen „Dune“-Verfilmungen bis hin zu „Ciri“ aus „The Witcher 3“. Kurz, Wédōra und Umgebung machen Spaß.

Spaß macht auch die Handlung von „Wédōra“. Auf ihrem langen Weg zurück nach Telonia werden die beiden Protagonisten getrennt, werden inhaftiert (ratet, wer von beiden ;-)) und müssen sich mit immer neuen Schwierigkeiten herumschlagen. Das ist ebenso action- wie abwechslungsreich.

Die Geschichte ist zwar in sich abgeschlossen, bietet aber genug Ansatzpunkte, um die eine oder andere Fortsetzung zu schreiben, worum ich den Herrn Heitz hiermit untertänigst bitte.

Abschließend verliere ich noch ein zwei Worte über die Entstehungsgeschichte des Buches und seinen – meiner Meinung nach – größten Schwachpunkt. „Wédōra“ war ein lange zurückliegendes und dann in Vergessenheit geratenes Projekt, bei dem Heitz zusammen mit ein paar Freunden eine Stadt in der Wüste entwerfen wollte, die für jedes beliebige Rollenspiel nutzbar sein sollte. Einerseits merkt man dem Buch auch an, wie intensiv Heitz über diese Stadt nachgedacht hat, andererseits lässt sich auch der Rollenspiel-Aspekt manchmal nicht übersehen. Ich hatte an einigen Stellen das Gefühl, Liothan müsste gleich unbedingt mal eine „Fingerfertigkeit-Probe + 3“ mit einem W20 würfeln. 😉

Der angesprochene Kritikpunkt betrifft den sinnlosen und völlig überflüssigen Gewaltgrad des Buches. Ich habe die abgeschlagenen Köpfe, Arme, Beine, Hände und Finger nicht gezählt, die im Laufe der Handlung erwähnt werden. Aber es müssen so einige gewesen sein. Und ich weiß halt nicht, was das soll!? Ebenso wenig weiß ich, warum ich dauernd mit „Innereien“, „Gedärmen“, „Darmschlingen“ oder ähnlichem Körper-Inventar konfrontiert werden muss, das sinnlos Dahingemetzelte regelmäßig im Sand verlieren. Es gibt so viele Möglichkeiten, Romanfiguren „normal“ zur Strecke zu bringen, – worin der Autor im Übrigen Übung hat – dass sie jetzt nicht unbedingt „zu einem Bündel Knochenbrei und Blut“ (S. 275) vergehen müssen. Meiner Meinung nach bekommt „Wédōra“ dadurch einen leicht trashigen Einschlag, den es nicht verdient hat.

Also, wer Fantasy im Allgemeinen und Heitz im Speziellen mag und mit reihenweise gespaltenen Schädeln klarkommt, der kann unbesorgt zugreifen.

Und ich versuche, mir jetzt den Anglizismus „trashig“ von den Fingern zu waschen! 😉

Wertung:

Handlung: 8 von 10 Punkten

Charaktere: 7,5 von 10 Punkten

Stil: 8,5 von 10 Punkten

Atmosphäre: 10 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 8,5 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Anders“ von Anita Terpstra. Ein Thriller.

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