Extraetüden KW 22 2022 I

Extraetüden 22.22 | 365tageasatzaday

Hallo, liebe Leserinnen und Leser,

nachdem die zauberhafte Christiane, Organisatorin der Etüden, auf eine Woche der Extraetüden aufmerksam gemacht hat, wird es mal wieder Zeit, sich daran auch zu beteiligen. Die Wortspenden hierfür stammen von Myriade und Puzzleblume. Auf gehts!

„Na, was beschäftigt dich?“

Dass sich die Menschen zu wenig ehrlich machen. Und wenn, gibts Schwierigkeiten.“

„Inwiefern?“

„Beispielsweise unser Kanzler. Sprach auf dem Kirchentag und sagte zum Protest von Klimaaktivisten, dass ihn das „an eine Zeit, die lange zurückliegt, und Gott sei Dank.“ erinnere. Frau Neubauer war not amused.“

„Dann sollten sich Frau Neubauer und ihre How-dare-you-Schergen vielleicht aber auch mal fragen, was zielführender Protest ist.“

„Du möchtest also Protest, aber stören darf der bitte nicht?“

„Ach, Quatsch, aber Bühnen stürmen, irgendwo festkleben und Konditorei-Erzeugnisse auf Kunstwerke werfen – nee. Ich behaupte, dass man die deutsche Einheit auch nicht erreicht hätte, wenn sich die Teilnehmer der Montags-Demos stattdessen bei Köselitz auf der A9 festgepappt hätten …“

„Aber im Kern haben die Demonstranten ja recht. Scholz verteidigte die Unterstützung der Kohlearbeitsplätze, dabei hat die Photovoltaikbranche mehr Arbeitsplätze verloren, als in der Kohle noch arbeiten. Das kann man dann auch mal ehrlich benennen.“

„Stimmt.“

„Na, eben. Oder nehmen wir die EU-Agrarsubventionen zur Senkung des CO2-Ausstoßes. Die EU behauptet, x Milliarden an Subventionen zur Senkung des CO2-Ausstoßes in der Landwirtschaft investiert zu haben. Dabei hat der EU-Rechnungshof schon letztes Jahr verkündet, dass all diese Subventionen im Zeitraum ihrer Auszahlung aber exakt überhaupt nicht zu einer Senkung des CO2-Ausstoßes geführt haben.“

„So was könnte man dann ja auch mal zugeben.“

„Eben. Stattdessen schildert unsere wegbeförderte, ehemalige Verteidigungsministerin in irrisierenden Farben irgendwelche Green-Deal-Weltverbesserungsfantasien Und ganz aktuell: Verkündet man bei der EU ein Öl-Embargo …“

„…das sie aber auch nicht ordentlich hinkriegen und nur so bezeichnen, obwohl es keines ist!?“

„Na, eben – es ist eine deutliche Einschränkung der Liefermenge, ja, ansonsten maximal ein Teilembargo. Dann soll man doch bitte bei der EU auch so ehrlich sein, und es nicht so benennen.“

„Stimmt.“

„Wenn Benjamin Stöwe im ZDF seinen Wetterbericht ab morgen früh so ehrlich verkauft wie der Kanzler, die Klima-Aktivisten oder die EU ihre eigenen Themen, dürfte er die für heute noch erwarteten Regenfälle als „flüssigen Sonnenschein“ präsentieren. Nee, wirkliche Ehrlichkeit muss man heute mit der Lupe suchen. Oder Habeck anrufen.“

„Mag schon sein.“

„Und der Lindner erst!“

„Was hat der nun wieder verbrochen?“

„Saß im ZDF mit der stoischen Gelassenheit einer Giraffe …“

„Was?“

„Ach, egal – saß jedenfalls da und sprach davon, in der Vergangenheit habe es in Deutschland fast schon eine „Sucht“ nach neuen Schulden gegeben, damit und mit Subventionspolitik sei Schluss, man müsse jetzt „Druck von den Preisen nehmen“ und Entlastungen solle es über Änderungen bei der Einkommensteuer geben.“

„Aber die Staatsverschuldung ging doch zwischen 2013 und 2019 jährlich zurück, bis die Pandemie kam.“

„Da sind wir wieder bei Ehrlichkeit …“

„Außerdem: Ein FDPler der „Druck von den Preisen nehmen“ möchte? Ist das Realsatire? Und schließlich: Entlastungen über die Einkommensteuer? Die Menschen, die man am ehesten entlasten müsste, zahlen doch gar keine!“

„Ja, aber die Personengruppe interessiert ihn ja auch nicht. Das wird sich mit Einführung des Bürgergelds übrigens auch nicht ändern. Zu einer Anhebung des Bürgergelds im Vergleich zum sogenannten Hartz IV sagte er: „Das geplante Bürgergeld der Ampel-Koalition ist nicht zu verstehen als eine Ausweitung sozialer Umverteilung.“

„Das ist er wieder, der FDPler! Widerlich, oder!?“

„Bisschen …“

500 Worte.

„1793“ von Niklas Natt och Dag

Buch: „1793“

Autor: Niklas Natt och Dag

Verlag: Piper

Ausgabe: Taschenbuch, 496 Seiten

Der Autor: Niklas Natt och Dag, geboren 1979, arbeitet als freier Journalist in Stockholm. Der Spiegel-Bestsellerautor entstammt der ältesten Adelsfamilie Schwedens. Nicht zuletzt deshalb hat er eine besondere Verbindung zur schwedischen Geschichte. Sein historischer Kriminalroman „1793“ wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Schwedischen Krimipreis für das beste Spannungsdebüt. Wenn er nicht schreibt oder liest, spielt er Gitarre, Mandoline, Geige oder die japanische Bambuslängsflöte Shakuhachi. (Quelle: Piper)

Das Buch: Stockholm im Jahr 1793: Ein verstümmeltes Bündel treibt in der schlammigen Stadtkloake. Es sind die Überreste eines Menschen, fast bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Der Ruf nach Gerechtigkeit spornt zwei Ermittler an, diesen grausamen Fund aufzuklären: den Juristen Cecil Winge, genialer als Sherlock Holmes und bei der Stockholmer Polizei für „besondere Verbrechen“ zuständig, und Jean Michael Cardell, einen traumatisierten Veteranen mit einem Holzarm.

Schon bald finden sie heraus, dass das Opfer mit chirurgischer Präzision gefoltert wurde, doch das ist nur einer von vielen Abgründen, die auf sie warten … (Quelle: Piper)

Fazit: Lange, wirklich sehr lange, bin ich um „1793“ herumgeschlichen. Denn eigentlich passt das Buch des schwedischen Autors Niklas Natt och Dag – ab hier vermutlich aus naheliegenden Gründen überwiegend „der Autor“ genannt – absolut perfekt in mein literarisches Beuteschema. Wären da nur nicht die zahlreichen Stimmen gewesen, die die inhaltlichen Grausamkeiten, die derbe Sprache oder die allgemein düstere Atmosphäre des Buches gebetsmühlenartig anprangerten. Denn all das – insbesondere die inhaltlichen Grausamkeiten – sind jetzt nicht unbedingt Komponenten, die für mich ein gutes Leseerlebnis ausmachen. Nun aber mit der Erkenntnis ausgestattet, dass vermutlich keine literarische Grausamkeit grausamer sein kann als aktuelle Realität, stürzte ich mich mutig ins Abenteuer und wurde außerordentlich dafür belohnt.

Denn ja, „1793“ ist sprachlich zuweilen derbe, inhaltlich grausam und atmosphärisch so bedrückend, dass alle, die eintreten, die Hoffnung fahren lassen sollten. Aber um es mal salopp auszudrücken: Das muss so! Und innerhalb des pastellfarbenen Reifrock-Albtraums, zu dem das Genre des historischen Romans mittlerweile verkommen ist – auch wenn es sich hier eher um irgendwas zwischen Krimi und Thriller mit historischem Setting handelt -, bildet „1793“ damit eine überaus wohltuende Ausnahme.

In diesem Roman folgt die Leserschaft dem Protagonisten- und Ermittlerduo Jean Michael Cardell, der als „Häscher“ in den Diensten der Stadt steht, und Cecil Winge, seines Zeichens Jurist und eine Art Sonderermittler der Polizei. Und dieses Duo könnte gegensätzlicher nicht sein. Hier der grobschlächtige Cardell, der sich übermäßig dem Alkohol und Gewaltexzessen hingibt und der durch seine Teilnahme am schwedisch-russischen Krieg, der seinerzeit gefühlt nur geführt wurde, weil Alleinherrscher Bock dazu hatten – kommt mir bekannt vor -, einen Arm verloren hat. Dort der mit fragiler Gesundheit ausgestattete – um nicht zu sagen schwerkranke – eher feingeistige und sehr der Realität und Logik verhaftete Cecil Winge.

Mit diesem Duo sind dem schwedischen Autor zwei überzeugende Figuren gelungen, deren Zusammenspiel mir sehr gut gefallen hat. Insgesamt vermittelt sich mir aber der Eindruck, als hätte er sich weniger mit den Figuren befasst und mehr mit dem Umfeld, in dem sie sich bewegen. Was uns umgehend zur Atmosphäre des Buches führt, die mit „düster“ zu beschreiben tatsächlich eine Beleidigung für jedes Buch wäre, das einfach nur düster ist. Lange Zeit ist „1793“ für Figuren und Leserschaft wirklich so fern jeder Hoffnung, dass ich mich tatsächlich an Dantes Tor zur Hölle erinnert fühlte.

Während derartige Trostlosigkeit für mich für gewöhnlich ausreichen würde, um ein Buch genervt wegzulegen, passierte das hier nicht, denn Natt och Dags Darstellung wirkt in erster Linie eben wie eine authentische Darstellung der damaligen Verhältnisse in Stockholm. So richtig witzig ist es im Nachkriegs-Schweden des ausgehenden 18. Jahrhunderts, zumindest für alle nicht übermäßg Betuchten, offenbar nicht gewesen. Nun ist das Buch damit für sensiblere Gemüter – was ich ganz wertfrei meine – möglicherweise eher nicht geeignet, aber derzeit ist eigentlich jede „Tagesschau“ schlimmer.

Neben den Figuren und der Atmosphäre trägt auch der gelungene Gesamtaufbau des Buches zum guten Eindruck bei. Natt och Dag teilt seinen Roman in vier Teile. Im ersten begleiten wir die genannten Ermittler bei ihrem Versuch, einer geheimnisvollen Organisation auf die Schliche zu kommen, im zweiten verfolgen wir die Person, die für die Verstümmelung des zu Beginn aufgefundenen Mordopfers verantwortlich ist. Teil 3 wendet sich Anna Stina zu, die sich mit ungerechtfertigten Anschuldigungen und deren Folgen auseinandersetzen muss. Und im letzten Teil werden die Ereignisse der vorangegangenen Teile sinnvoll zusammengeführt. Das ist in Summe schon ganz gut komponiert, zumal die inhaltlichen Aspekte wunderbar ineinandergreifen und bezüglich der Handlung am Ende des Buches eigentlich keine nennenswerten Fragen mehr offen bleiben.

Die positive Abrundung des Gesamteindrucks liegt für mich persönlich zudem im Antagonisten begründet. Häufig sind diese nämlich einfach nur als abgrundtief böse aufgrund von „weil halt“ gezeichnet. Natt och Dag gibt sich hier erheblich mehr Mühe und konstruiert einen Gegenspieler, der von vorne bis hinten überzeugend dargestellt ist.

Insgesamt muss ich, ich kann gar nicht anders, für „1793“ eine ganz klare Leseempfehlung abgeben. Dass ich umgehend nach der Lektüre die Buchhandlung meines Vertrauens stürmte, um die wenig überraschend „1794“ und „1795“ genannten Fortsetzungen zu erwerben, sagt vielleicht einiges.

Wollte man an diesem Buch irgendwas finden, was man überhaupt nennenswert kritisieren könnte, so wären das vermutlich die Dialoge bzw. die Art und Weise, in der die meisten Figuren sprechen. Denn es gelingt Natt och Dag nicht, einzelnen Charakteren eine überzeugende, eigenständige Erzähl- bzw. Sprechweise zu vermitteln, stattdessen bemüßigen sich eigentlich ausnahmlos alle Charaktere, ungeachtet ihres sozialen Standes und Bildungsgrads, eines irriterend elaborierten Codes.

Letztlich ist das aber nur Leiden auf hohem Niveau. Ha, „Leiden auf hohem Niveau“ wäre eine hervorragende Überschrift für diese Rezension gewesen …

Demnächst in diesem Blog: „Der Morgenstern“ von Karl Ove Knausgård.

„Cox oder Der Lauf der Zeit“ von Christoph Ransmayr

Buch: „Cox oder Der Lauf der Zeit“

Autor: Christoph Ransmayr

Verlag: Fischer

Ausgabe: Taschenbuch, 304 Seiten

Der Autor: Christoph Ransmayr wurde 1954 in Wels/Oberösterreich geboren und lebt nach Jahren in Irland und auf Reisen wieder in Wien. Neben seinen Romanen »Die Schrecken des Eises und der Finsternis«, »Die letzte Welt«, »Morbus Kitahara«, »Der fliegende Berg«, »Cox oder Der Lauf der Zeit«, »Der Fallmeister. Eine kurze Geschichte vom Töten« und dem »Atlas eines ängstlichen Mannes« erscheinen Spielformen des Erzählens, darunter »Damen & Herren unter Wasser«, »Geständnisse eines Touristen«, »Der Wolfsjäger« und »Arznei gegen die Sterblichkeit«, im Juli 2022 »Jägerin im Sonnenbad. Dreizehn Balladen und Gedichte«. Zum Werk Christoph Ransmayrs erschien der Band »Bericht am Feuer«. Für seine Bücher, die in mehr als dreißig Sprachen übersetzt wurden, erhielt er zahlreiche literarische Auszeichnungen, unter anderem die nach Friedrich Hölderlin, Franz Kafka und Bert Brecht benannten Literaturpreise, den Kleist-Preis, den Premio Mondello und, gemeinsam mit Salman Rushdie, den Prix Aristeion der Europäischen Union, den Prix du meilleur livre étranger und den Prix Jean Monnet de Littérature Européenne. (Quelle: Fischer)

Das Buch: Der mächtigste Mann der Welt, Qiánlóng, Kaiser von China, lädt den englischen Automatenbauer und Uhrmacher Alister Cox an seinen Hof. Der Meister aus London soll in der Verbotenen Stadt Uhren bauen, an denen die unterschiedlichen Geschwindigkeiten der Zeiten des Glücks, der Kindheit, der Liebe, auch von Krankheit und Sterben abzulesen sind. Schließlich verlangt Qiánlóng, der gemäß einem seiner zahllosen Titel auch alleiniger Herr über die Zeit ist, eine Uhr zur Messung der Ewigkeit. Cox weiß, dass er diesen ungeheuerlichen Auftrag nicht erfüllen kann, aber verweigert er sich dem Willen des Gottkaisers, droht ihm der Tod. Also macht er sich an die Arbeit. (Quelle: Fischer)

Fazit: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ hat der geschätzte Herr Wittgenstein mal geschrieben. Und mag er es auch im völlig anderen Zusammenhang gemeint haben, so hätte er im Bezug auf Ransmayrs Roman fast richtig gelegen, denn gemessen daran, wie lange meine Lektüre des Romans bereits zurückliegt, hätte ich nicht gedacht, dass ich nochmal versuchen würde, meiner Begeisterung über das Buch Ausdruck zu verleihen. Nun gibt es aber eben Bücher, über die zu schweigen unmöglich ist – und „Cox oder Der Lauf der Zeit“ ist so eines.

England im 18. Jahrhundert: Der Automatenbauer und Uhrmacher Alister Cox befindet sich in einer Schaffenskrise. Seine Tochter Abigail verstarb im Alter von nur fünf Jahren, seine Frau hat seitdem kein Wort mehr gesprochen. Und Alistair kann sich einfach nicht dazu aufraffen, weitere Uhren zu entwerfen. Geräte, deren Sinn letztlich doch nur darin liegt, die Zeit zu messen. Zeit, von der seine Tochter viel zu wenig hatte und die ohnehin ja für uns alle abläuft – auch wenn ich den Gegenbeweis und in 2.000 Jahren das Universum zu regieren gedenke.

In seiner verzweifelten Situation bekommt Cox Besuch von chinesischen Gesandten, die ihm einen Auftrag unbekannter Art des chinesischen Kaisers Qianlong antragen wollen, verbunden mit einer Einladung an den dortigen Hof. Cox hat den Eindruck, dass ihn in seiner nebligen Heimat nicht viel hält und bricht an der Seite dreier seiner Mitarbeiter nach China auf.

Dort stellt sich schließlich heraus, dass Alistair ausgerechnet wieder Uhren entwerfen soll. Allerdings ganz spezielle Uhren, die dem Umstand Rechnung trägt, dass die Zeit zwar immer beständig und gleichbleibend vergehen mag – wenn man von physikbasierten Spitzfindigkeiten absieht -, dass sie aber je nach Lebenssituation gefühlt mal schneller, mal langsamer vergeht. So wie eben eine Wurzelbehandlung gefühlt länger dauert als eine Silvesterparty, das Ausfüllen der Steuererklärung länger als die Lektüre eines guten Romans.

Alistair macht sich mit seinen Mitstreitern ans Werk und was folgt, ist ein ganz wunderbarer Roman, für den Denis Scheck seinerzeit vollkommen berechtigt den Begriff „Meisterwerk“ verwendete.

Zunächst mal ist das Buch – wenig überraschend – tatsächlich eine ganz großartige Allegorie zum Thema Zeit und Vergänglichkeit und unserem Umgang mit beidem. Während sich Alistair in diesem Zusammenhang der Frage ausgesetzt sieht, ob es wirklich so clever ist, für einen Kaiser, der auch „Herr der zehntausend Jahre“ genannt wird, der somit im Verständnis seiner Untertanen auch über die Zeit gebietet und dementsprechend widerspruchslos bestimmen kann, dass während seine Aufenthalts im Sommersitz selbst dann noch Sommer ist, wenn bereits der erste Schnee fällt, während sich also Alistair der Frage ausgesetzt sieht, ob es wirklich so clever ist, diesem Herrn Uhren zu bauen, die ihn, den Kaiser, selbst nur an seine eigene Vergänglichkeit erinnern, ist Ransymayrs Roman aber noch viel mehr.

So gelingt ihm auf wunderbare Weise, in erster Linie über die Figur des Dolmetschers Kiang, die kulturellen Unterschiede, die unterschiedlichen Sichtweisen auf das Leben, das Universum und den ganzen Rest von Engländern und Chinesen darzustellen, und dabei auch wirklich beide Seiten zu beleuchten, ohne diesbezüglich eine Wertung vorzunehmen. So reagieren die Chinesen auf die vergleichsweise Ungezwungenheit der Briten mit derselben Befremdung, mit der eben diese auf die Sitten und Gebräuche sowie die übermäßige Unterwürfigkeit unter den Kaiser der Chinesen reagieren.

Präsentiert wird das Ganze in einer sehr zielsicheren Sprache zu der sich zuweilen eine wunderbare Bildsprache, eine tiefe Symbolik addiert. Wenn etwa nach einem Todesfall in Cox Umfeld Schneefall einsetzt, sich der Schnee als geschlossene Decke über alles legt, sodass man keine besonderen Konturen mehr wahrnehmen kann, dann könnte das bildhaft für die Ankunft des großen Gleichmachers, der früher oder später eben trotz aller Standesunterschiede eben doch alle findet, stehen und dann großes Kino sein – es könnte aber auch meinem Hang zur Überinterpretation entspringen. Was der Szene nichts von ihrer Wirkung nimmt.

Mag sich der Autor auch gewisse, künstlerische Freiheiten genommen haben – so hieß der historische Cox James und nicht Alistair, lieferte zwar nach China, war aber nie dort, ging dafür aber mehrfach pleite -, die Umsetzung des Ganzen ist mehr als gut gelungen.

Unbedingt lesen!

Demnächst in diesem Blog: Entweder „1793“ von Niklas Natt och Dag – Zeit wäre es mal langsam dafür – ooooder „Zwölf Ausschweifungen“ von Sören Heim.

„Der Tag des Opritschniks“ von Vladimir Sorokin

Buch: „Der Tag des Opritschniks“

Autor: Vladimir Sorokin

Verlag: Kiepenheuer & Witsch

Ausgabe: Taschenbuch, 224 Seiten

Der Autor: Vladimir Sorokin, 1955 geboren, gilt als der bedeutendste zeitgenössische Schriftsteller Russlands. Er wurde bekannt mit Werken wie »Die Schlange«, »Marinas dreißigste Liebe«, »Der himmelblaue Speck«. Bei KiWi erschienen zuletzt die Romane »Der Schneesturm«, »Telluria«, die Literaturgroteske »Manaraga« und der Erzählungsband »Die rote Pyramide«. (Quelle: Kiepenheuer & Witsch)

Das Buch: Russland im Jahr 2027. Das Land hat sich vom Westen abgeschottet, lebt allein vom Gas- und Ölexport, pflegt Handelskontakte nur noch mit China und ist von der Großen Russischen Mauer umgeben. Es wird vom »Gossudar«, einem absoluten Alleinherrscher regiert. Und wie einst Iwan der Schreckliche übt dieser seine Macht mithilfe der Opritschniki, der »Auserwählten«, aus: einer Leibgarde ergebenster Gefolgsleute, die vor keiner Bestialität zurückschreckt und der beinahe alles erlaubt ist. (Quelle: Kiepenheuer & Witsch)

Fazit: Die Opritschniki, so erfährt man nicht nur vom Klappentext, sondern detaillierter noch nach einer kurzen Recherche, waren eine Art persönlicher Schutztruppe des Zaren Iwan IV., für die seinerzeit recht strenge Regeln galten. Sie durften keine Beziehungen zum Bojarentum, dem russischen Adel – heute würde man vermutlich schwammig irgendwas von „Eliten“ blubbern -, unterhalten, keine Freundschaften außerhalb der Opritschnina pflegen, mussten Verräter melden – oder das, was man dafür hielt – und allgemein dem Zaren die bedingungslose Treue schwören.

In seinem bereits 2006 erschienenen Roman „Der Tag des Opritschniks“ lässt Sorokin diese Opritschniki wieder aufleben. Im Russland des Jahres 2027 dienen sie als unmittelbar dem „Gosssudaren“ unterstellte Schutztruppe und die Stellenbeschreibung ähnelt durchaus der des Originals. So pflügen sie in ihren hochgezüchteten Autos, die mit Besen und Hundeköpfen als Insignien ausgestattet sind, über eigene Fahrstreifen, immer auf der Suche nach neuen Staatsfeinden, die es zu bekämpfen gilt.

Die Leserschaft begleitet dabei einen Tag im Leben des Opritschniks Andrej Danilowitsch Komjaga, beginnend damit, dass er sich für eben diesen Tag unter Zuhilfenahme eines Dieners und eines Frühstückwodkas bereit macht, denn der Tag wird anspruchsvoll sein. Zunächst steht die Hinrichtung eines Oligarchen auf dem Programm, zudem wird der Wohnsitz des soeben verblichenen Oligarchen den Flammen überantwortet und nebenbei wird dessen Frau von der versammelten Mannschaft vergewaltigt. Danach werden Bestechungsgelder vereinnahmt, bevor man sich gemeinsamen Drogenexzessen hingibt.

So lakonisch, wie ich das hier zusammengefasst habe, so lakonisch ist auch der Ton des Buches. Es wird kühl und teilnahmslos erzählt. Gleiches gilt auch für Sorokins Protagonisten. Komjaga hinterfragt sein Tun an keiner Stelle, ergeht sich, wie der Rest der Truppe ebenfalls, in blindem Kadavergehorsam und tut einfach, was man ihm aufträgt. Insgesamt ist das wenig subtil.

Und das ist auch einer der Gründe, warum ich mit „Der Tag des Opritschniks“ so meine Probleme hatte. Es ist eben null subtil, wirkt eher wie eine Art Gewaltporno. Wie die unreflektierte, aneindergereihte Schilderung brutaler Gewalttaten, die begangen werden, weil … weil halt. Weil man dazu aufgefordert wird, weil es Teil des Jobs ist, weil die ausführenden Figuren sie, die Gewalttaten, nicht hinterfragen, weil man diese vielleicht sogar für angemessen hält. Für mich wirkt das zu sehr nach der Holzhammermethode. Auch wenn uns die Geschichte mittlerweile eingeholt hat und von Geschehnissen berichtet, die exakt nichts anderes sind als brutale Gewalttaten, die ausgeführt werden, weil man sich in der Position wähnt, das zu tun.

Die emotionslose Erzählweise, in Verbindung mit einer Bildsprache und Symbolik, die man mutmaßlich nur erkennt, wenn man über entsprechende Vorbildung verfügt, tun dann noch ihr Übriges. Als Beispiel sollen hier nur mal die weiter oben erwähnten Besen und Hundeköpfe genannt sein, die tatsächlich Insignien der historischen Opritschniki waren, was man aber nur weiß, wenn man es eben weiß. Und derlei nur Eingeweihten zugängliche Motive gibt es wohl noch weitere, was die Lektüre nicht gerade vereinfacht.

Insgesamt war mir „Der Tag des Opritschniks“ dann einfach zu überladen mit Gewaltexzessen, um der Gewalt willen, als dass ich aus der Lektüre noch irgendwas anderes hätte herausziehen können. Und von Gewaltexzessen, allerdings leider ganz realer Natur, gibt es derzeit täglich ohnehin schon zu viel. Auch wenn das dem Roman wiederum angesichts seiner Erstveröffentlichung eine gewisse prophetische Komponente verleiht.

Demnächst in diesem Blog: Entweder „Cox oder Der Lauf der Zeit“ von Christoph Ransmayr ooooder „1793“ von Niklas Natt och Dag.

„Die dritte Quelle“ von Werner Köhler

Buch: „Die dritte Quelle“

Autor: Werner Köhler

Verlag: Kiepenheuer & Witsch

Ausgabe: Hardcover, 432 Seiten

Der Autor: Werner Köhler, geboren 1956, ist Schriftsteller und Gründer des Literaturfestivals lit.COLOGNE. Er lebt in Köln. Bisher erschienen bei Kiepenheuer & Witsch die Romane »Cookys« (2004), »Eine ganz normale Familie« (2006), »Drei Tage im Paradies« (2011) und »Cookys Reise« (2013) sowie die Krimireihe rund um Hauptkommissar Jerry Crinelli. Unter dem Pseudonym Yann Sola veröffentlichte Köhler außerdem die in Südfrankreich spielende Krimireihe um den Kleinganoven und Hobbyermittler Perez. (Quelle: Kiepenheuer & Witsch)

Das Buch: Harald Steen ist vierundsechzig Jahre alt, als er sein altes Leben hinter sich lässt. In Rotterdam besteigt der knorrige Einzelgänger ein Containerschiff und nimmt Kurs auf die legendäre Galapagosinsel Floreana, um endlich seiner rätselhaften Familiengeschichte auf die Spur zu kommen.

Der Start auf der Insel gestaltet sich schwierig. Aufmerksam verfolgen die Bewohner jeden Schritt des »dürren Deutschen«, der sich allzu sehr für die dunkle Inselhistorie interessiert und damit für Unruhe sorgt. Doch nicht nur im Dorf stößt Steen auf Widerstände. Auch auf seinen Expeditionen in die faszinierende wie tückische Wildnis Floreanas gerät er an seine Grenzen. Bald aber scheinen sich die Strapazen zu lohnen. Denn mit jedem weiteren Tag auf der Insel nähert sich Steen nicht nur der tragischen Geschichte seiner Familie, die Anfang der Dreißigerjahre in die mysteriöse Galapagos-Affäre verstrickt war. Allmählich entwickelt er auch ein Gespür für das Wesen dieses unwirklichen Ortes. Und dann ist da noch Mayra und die plötzliche Ahnung von Glück … (Quelle: Kiepenheuer & Witsch)

Fazit: Wenn ich mich detailliert zu Cover und sonstiger Gestaltung eines Buches äußere, dann bedeutet das üblicherweise nichts Gutes, sondern vielmehr, dass ich über die eigentliche Lektüre wenig Positives zu vermelden habe. Im vorliegenden Fall verhält es sich jedoch glücklicherweise anders, weswegen aber trotzdem eingangs nicht unerwähnt bleiben darf, dass die Gestaltung von „Die dritte Quelle“ in optischer und haptischer Sicht ein Erlebnis ist!

Nachdem diese vergleichsweise Unwichtigkeit nun angesprochen ist, hat meine liebe Seele diesbezüglich Ruh und kann sich vollumfänglich den bedeutsameren Aspekten von Werner Köhlers Roman zuwenden:

Bücher, in denen sich Autorinnen und Autoren mit realen, historischen Begebenheiten beschäftigen, von denen ich selbst noch nie gehört habe, stehen bei mir traditionell hoch im Kurs. Auch wenn es mich rückblickend selbst ein wenig überrascht, noch nie von der der Handlung zugrundeliegenden „Galapagos-Affäre“ gehört zu haben. Schließlich hat sogar Georges Simenon mit vergleichsweise kurzem Abstand zu den damaligen Ereignissen ein Buch darüber geschrieben. Gut, ich habe aber auch noch nie Simenon gelesen.

Die Galapagos-Affäre nahm ihren Anfang, als im Jahr 1929 der Arzt Dr. Friedrich Adolf Ritter sowie seine Patientintin und Lebensgefährtin Dore Körwin, die später wieder ihren Mädchennamen Dore Strauch annehmen wird, Deutschland verlassen und auf die zum Galapagos-Archipel gehörende Insel Floreana auswandern. Angelockt von Zeitungsartikeln über die Aussteiger sowie von Ritter verfassten Büchern, folgen im Laufe der nächsten Jahre weitere deutsche Auswanderer nach Floreana. Zum einen die aus Köln stammende Familie Wittmer, die auf dem Eiland ein kleines Hotel eröffnete. Im späteren Verlauf stieß die angebliche Baronin Eloise Wagner de Bousquet, nebst zweier Liebhaber, dazu. Spätestens die Ankunft dieser dritten Gruppe schuf Unfrieden unter den Bewohnern der Insel allgemein und den deutschen Einwanderern im speziellen. Die Atmosphäre aus Neid und Missgunst führte zu mehreren Toten und Vermissten, die näheren Umstände sind bis heute nicht abschließend geklärt.

Vor diesem historischen Hintergrund schickt Werner Köhler seinen Protagonisten Harald Steen im Jahr 1999 auf seine Reise nach Floreana. Steen versucht mit dieser Reise, die Hintergründe seiner Familiengeschichte aufzuklären und erhofft sich von der einzigen noch lebenden Zeitzeugin der Ereignisse, Margret Wittmer, belastbare Informationen zu erhalten. Mit seinen eigentlichen Motiven hält Steen jedoch hinterm Berg, behauptet stattdessen, er sei Autor, schreibe derzeit ein Buch, wolle in der Abgeschiedenheit zu Inspiration und zu sich selbst finden und sein Werk vollenden.

Und so ist „Die dritte Quelle“ im Wesentlichen dann auch die Schilderung der Reise von Köhlers 65 Jahre altem Protagonisten zu sich selbst. Das Buch konzentriert sich immens auf seine Hauptfigur, steht und fällt in der Bewertung dann wohl auch mit der individuellen Einschätzung zu ihr. Und ich fand Harald Steen zu Beginn des Romans – und eigentlich auch im späteren Verlauf noch – schon ein bisschen gewöhnungsbedürftig. Steen ist ein eher eigenbrötlerischer Typ, wuchs bei Pflegeeltern auf und gehörte schon zu Schulzeiten nie wirklich dazu, was letztlich dazu führte, dass er sich eine Art Fantasiewelt schuf sowie einen imaginären Hund als Freund, ja, sogar selbst vorgab, Hund zu sein.

In aller Verschrobenheit ist Steen allerdings eben auch ein wirklich faszinierender Charakter. Einer, der auch hinsichtlich seiner Entwicklung im Roman überzeugt und erst etwas auftaut und nahbarer wird, als die junge Mayra in sein Leben tritt.

Wie angekündigt, zieht er sich zunächst aber in die abgelegeneren Gegenden der Insel zurück, als Begleiter dient ihm nur ein diesmal – jedenfalls vermutlich – realer Hund, der von Steen liebevoll „Herr Hund“ gerufen wird, läuft häufig nackt durch die Gegend, richtet sich häuslich in Höhlen ein, entzündet Lagerfeuer, versucht sich in Landwirtschaft und sinniert über Nietzsche, dessen „ewige Wiederkehr“ oft Erwähnung im Roman findet. Diese Rückzugspassagen mögen seltsam archaisch anmuten und intuitiv rechnet man vielleicht damit, dass Steen irgendwann „Ich habe Feuer gemacht!“ brüllt und beginnt, mit einem Volleyball zu reden, in erzählerischer Hinsicht wirken sie aber ähnlich faszinierend wie der Protagonist selbst.

Im Hinblick auf die Erzählweise ist zudem interessant, was Köhler alles eben nicht explizit erwähnt. Sei es, wenn es um die in Frage der persönlichen Wahrnehmung des Protagonisten geht, der diesbezüglich nicht als allzu verlässliche Quelle dienen sollte – da sind wir dann wieder beim imaginären Hund -, weswegen man sich als Leser unweigerlich in manchen Szenen die Frage stellt, ob das Geschilderte Tatsachen wiedergibt oder aber sich nur in Steen Einbildung abspielt.

Sei es aber auch, wenn es um Hintergründe von Geschehnissen und die Beantwortung offener Fragen geht. Der Autor traut der Leserschaft augenscheinlich zu, eigene Schlussfolgerungen zu ziehen, wer aber ein Problem damit hat, am Ende eines Buches den Vorhang zu, die eine oder andere Frage aber noch offen zu sehen, wird mit „Die dritte Quelle“ vermutlich nicht glücklich.

Insgesamt ist der Roman ein wirkliches Lesevergnügen, das noch über sehr viel mehr Facetten verfügt, die zu erwähnen wert gewesen wären. Und wer sich noch unsicher ist, ob er Köhlers Buch eine Chance geben sollte, probiert es vielleicht mit der Leseprobe auf der Verlagsseite. Und zieht dann für sich eine eigene Schlussfolgerung. Das traue ich meiner Leserschaft nämlich genauso zu wie Werner Köhler der seinen.

Demnächst in diesem Blog: Entweder „Der Tag des Opritschniks“ von W. G. Sorokin ooooder aber „1793“ von Niklas Natt och Dag.

„Thronfall“ von Axel Simon

Buch: „Thronfall“

Autor: Axel Simon

Verlag: Rowohlt

Ausgabe: Hardcover, 384 Seiten

Der Autor: Axel Simon wuchs im Ruhrgebiet auf. Er hat an verschiedenen Theatern zeitgenössische Opern inszeniert und arbeitete danach lange als Creative Director in großen Werbeagenturen. Simon lebt heute in Hamburg. (Quelle: Rowohlt)

Das Buch: Berlin, 1889. Jetzt rollen Köpfe. Sprengstoffanschläge auf Herrscher-Standbilder kündigen terroristische Umtriebe an. Privatermittler Gabriel Landow glaubt sogar an ein Attentat auf den Kaiser! Nur eine fixe Idee? Das wäre immerhin nicht das einzige Hirngespinst, das er mit sich herumschleppt. Denn Landow verdächtigt seine Herzdame, die resolute Polizeischreibkraft Elba Runge, mit dem Sozialisten Bebel nicht nur die Leidenschaft für eine gerechtere Gesellschaft zu teilen, sondern auch das Bett. Zudem rückt ein Notizbuch voller Zahlencodes den eigenwilligen Ermittler und seinen Kompagnon Orsini jäh ins Visier von Killern. Und der junge Kaiser? Während die Hauptstadt unter einem Glutofensommer ächzt, unternimmt Seine Majestät im Kreise einer handverlesenen Elite eine vierwöchige Kreuzfahrt in die Heimat der nordischen Helden. Aber genau dort, zwischen Morgengymnastik und Mythennebel, hat längst ein anderer ein Auge auf ihn geworfen. Und das birgt noch mehr Sprengstoff als das Dynamit der Terroristen. (Quelle: Rowohlt)

Fazit: Bei „Thronfall“ handelt es sich um den dritten Teil von Axel Simons historischer Krimireihe rund um sein Ermittlerduo Landow und Orsini, deren Auftakt die Bände „Eisenblut“ und „Goldtod“ bildeten. Nachdem ich mich von den vorangegangenen Teilen gut unterhalten fühlte, war es nur folgerichtig, mich auch dem dritten Teil zuzuwenden, um erwartungsgemäß festzustellen: Gefällt mir auch!

Mag ich zu Beginn der Reihe ein bisschen mit den beiden Hauptfiguren gefremdelt haben – auch wenn ich beide schon immer recht gut gezeichnet fand -, so hat sich das mittlerweile gegeben. In erster Linie liegt das daran, dass das Zusammenspiel zwischen beiden zunehmend gut funktioniert und man sich als Leser an die Eigenheiten der beiden manchmal schrulligen Figuren gewöhnt hat, was für die On-Off-Beziehung, die Landow mit Cointreau – und irgendwie auch mit der Polizeisekretärin Elba Runge – führt, ebenso gilt wie für sämtliche seltsamen Eigenheiten des ehemaligen Artisten und heutigen Taschendiebs Orsini. Zwar finde ich, dass die eigentliche Figurenentwicklung, das was den Ermittlern so abseits ihres eigentlichen beruflichen Schaffens so passiert, im dritten Teil der Reihe etwas zu kurz kommt – wenn man mal von der erwähnten Beziehung mit Elba Runge absieht, die Landow augenscheinlich noch weniger gut definieren kann als die Leser -, und sich Axel Simon dagegen mehr auf seine Protagonisten als Team konzentriert hat, ich finde aber auch, dass dieser Ansatz der Sache gar keine Abbruch tut, sondern viel mehr für ein zunehmendes Verbundenheitsgefühl mit dem Duo sorgt.

Simon beschreibt die Ereignisse in gewohnt feingeistiger, ironischer Art. Insbesondere die Dialoge, die ich wirklich als „auf den Punkt“ empfinde, tun hierbei ihr Übriges. Allerdings sollte der Autor nach meinem Dafürhalten darauf achten, dass die seit jeher in seinen Büchern vorhandene Komik nicht überhand nimmt, dass das Ganze nicht zu sehr ins Skurrile, nicht zu sehr in Slapstick abgleitet. So kann man den Einfall, dass bei Landow und Orsini zwischenzeitlich ein Affe einzieht, sicherlich witzig und charmant finden, ich dagegen fand ihn und alles, was damit zusammenhing, eher befremdlich. Abseits des drohenden Komik-Überhangs liest sich „Thronfall“ in stilistischer Hinsicht aber auf gewohnt hohem Niveau.

Und um ehrlich zu sein, ist mir ein etwas verschrobener Einfall wie der mit dem Affen – Wolfgang übrigens, nur fürs Protokoll -, der keinerlei Auswirkungen auf die eigentliche Haupthandlung hat, allemal lieber, als Axel Simons aus den ersten beiden Büchern abgeleiteter offensichtlicher Hang, eben diese Haupthandlung immer zum Ende hin ins Seltsame, ins Skurrile abgleiten zu lassen. Diesbezüglich kann für „Thronfall“ vollständige Entwarnung gegeben werden. Mehr noch. Axel Simon schafft es nicht nur, eine in sich schlüssige und spannende Krimihandlung, die mit Heiratsschwindlern, Terroristen und Heckenschützen – und Affen – alles hat, was man dafür offensichtlich so braucht, zu entwerfen, sondern darüber hinaus auch eine atmosphärische Schilderung der gesellschaftlichen und politischen Geschehnisse zum Zeitpunkt der Romanhandlung. Beispielsweise wendet sich der gesamte zweite Abschnitt von Heiratsschwindlern, Terroristen, Heckenschützen – und Affen – ab und detailliert der Reise von Kaiser Wilhelm II. und seiner Gefolgschaft nach Norwegen zu.

Der Autor nutzt diese Gelegenheit, um beispielsweise anhand der Ereignisse an Bord nicht nur deutlich zu machen, dass ein allgemein salonfähig gewordener Antisemitismus immer weiter um sich greift, sondern auch um ein bestimmtes Bild von Kaiser Wilhelm II. zu zeichnen, das beim Leser die Frage aufwirft, ob die Geschichte, die – wie wir ja derzeit leider wieder lernen dürfen – allzu oft von durchgeknallten Einzelpersonen abhängt, nicht doch eine andere hätte werden können, wenn an seiner statt nicht irgendjemand anders dieses Kaiseramt ausgeführt hätte. Meinetwegen Wolfgang.

Was bleibt, ist letztlich ein sehr unterhaltsamer, historischer Krimi mit einer erstmalig in dieser Krimireihe von vorne bis hinten bodenständigen Haupthandlung, sympathischen Figuren und einer recht feinsinnigen Schreibe. Nicht nur, aber insbesondere, Fans des Genres dürften hiermit glücklich werden, sollten dann aber doch erst mit Teil 1 der Reihe anfangen.

Ich danke dem Rowohlt Verlag für die freundliche Übersendung des kostenlosen Rezensionsexemplars. Die Tatsache, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelte, beeinflusst meine Meinung selbstredend nicht.

Demnächst in diesem Blog: „Die dritte Quelle“ von Werner Köhler

„Der Mann, der zweimal starb“ von Richard Osman

Buch: „Der Mann, der zweimal starb“

Autor: Richard Osman

Verlag: List

Ausgabe: Hardcover, 448 Seiten

Der Autor: Richard Osman ist Autor, Fernsehmoderator und Produzent. Sein Debüt, Der Donnerstagsmordclub, war ein internationaler Riesenerfolg. Der Mann, der zweimal starb ist sein zweiter, gleichwohl erstbester Roman. Er lebt in London. (Quelle: Ullstein Buchverlage)

Das Buch: Da hat er sich in etwas reingeritten, der gute Marcus Carmichael. Und jetzt soll Elizabeth ihm da wieder raushelfen. Dabei sollte ihr ehemaliger Geheimdienst-Kollege doch eigentlich wissen, von wem man besser keine Diamanten mitgehen lässt, wenn man sich gerade auf einem Einsatz für den MI5 befindet. Dazu gehört ganz bestimmt: die New Yorker Mafia. Ist die erst einmal im Spiel, geht es ziemlich sicher bald jemandem an den Kragen.

Doch auch Profimörder können Fehler machen, etwa ihrem Handwerk in der Seniorenresidenz Coopers Chase nachzugehen. Denn wer hier mordet, dem ist der Donnerstagsmordclub auf den Fersen, und der macht, schneller als ihm lieb sein kann, aus dem Jäger den Gejagten. Für die vier rüstigen Senioren heißt es: Endlich ist wieder Donnerstag! (Quelle: Ullstein Buchverlage)

Das Buch: Bei „Der Mann, der zweimal starb“ handelt es sich um die von mir über alle Maßen und sehnlichst erwartete Fortsetzung von „Der Donnerstagsmordclub„. Der Reihenauftakt ließ mich seinerzeit – für meine Verhältnisse – in Begeisterungsstürme ausbrechen und ist nach wie vor für mich eines der Lesehighlights des vergangenen Jahres.

Nun leben wir ja derzeit alle – euphemistisch formuliert – in interessanten Zeiten, sowohl insgesamt als auch höchstpersönlich, und so verwundert es nicht, dass ich den Veröffentlichtungstermin des Buches verpasst habe und erst mit einer gewissen Verzögerung darauf gestoßen bin. Umso mehr freute ich mich auf die Lektüre und umso mehr freute ich mich danach, dass meine zugegebenermaßen hochgesteckten Erwartungen noch übertroffen wurden.

Richard Osman hat mit seinem Reihenauftakt eine gute Basis geschaffen, auf der sich in vielerlei Hinsicht aufbauen lässt. So hat sich etwa die Erzählweise aus „Der Donnerstagsmordclub“ – die Schilderung der Eeignisse durch einen auktorialen Erzähler, unterbrochen von Tagebucheinträgen der zum Donnerstagsmordclub gehörigen Joyce – bewährt, sodass sie sich auch in „Der Mann, der zweimal starb“ wiederfindet. Für die Tagebuchpassagen gilt weiterhin: Das muss man mögen, sonst kann einem der manchmal naiv-infantile Ton von Joyce vielleicht etwas auf den Geist gehen. In diesem Fall ist man bei Osmans Reihe aber vermutlich ohnehin an der falschen Adresse.

Auch sonst greift der Autor viel auf Bewährtes zurück. So hat sich an seinem Protagonisten-Quartett, bestehend aus der oben erwähnten ehemaligen Krankenschwester Joyce, der früheren Geheimdienstlerin Elizabeth, dem Gewerkschafter im Ruhestand Ron und dem eigentlich irgendwie immer noch praktizierenden Psychotherapeuten Ibrahim, selbstredend nichts geändert. Und man muss diese Viererbande schon irgendwie gerne haben. Tut man das, fühlt sich die Lektüre von „Der Mann, der zweimal starb“ ein bisschen wie nach Hause kommen an. Man hat das Gefühl, die Figuren bereits so gut zu kennen, dass man als Leser weiß, was sie zu einem bestimmten Thema sagen oder wie sie in einer bestimmten Situation handeln würden.

Kritischere Menschen als ich es bin, könnten dabei insbesondere Joyce als ein bisschen überzeichnet empfinden. Vor dem Hintergrund, dass sich ihre Tagebucheinträge weiterhin lesen, wie Aufsätze über Ferienerlebnisse, sie immer so ein bisschen wirkt wie eine Mischung aus Betty White in „Golden Girls“ und Mutter Beimer, und sie in ihrer grenzenlosen Naivität einen Instagram-Account anlegt, sich dafür den aus ihrem alten Spitznamen und dem Geburtsjahr ihrer Tochter zusammengesetzen Nutzernamen „GreatJoy69“ zulegt, und sich dann wundert, was sie so für Post bekommt, fragt man sich dann schon, wie diese Frau denn eigentlich so durchs Leben gekommen sein kann. Wer genauer hinsieht, bemerkt allerdings, dass Joyce zu wesentlich mehr fähig ist, als es auf den ersten Blick den Anschein hat.

Erfrischend finde ich in dem Zusammenhang, dass Osman sich nicht in seiner, auch und gerade durch seine Charaktere geschaffenen, Wohlfühlatmophäre verliert, sondern den Protagonisten auch mal zumutet, dass ihnen schlimme Dinge passieren. Im vorliegenden Fall trifft es Ibrahim, der während eines allein unternommenen Ausflugs Opfer eines Überfalls wird. In diesem Zusammenhang werden dann Dinge wie Jugend- und Drogenkriminalität thematisiert, segenswerterweise allerdings, ohne aus dem Roman ein moralisierendes Sittengemälde werden zu lassen, was ein Anspruch wäre, dem das Buch unmöglich gerecht werden könnte. Wichtig ist eben nur, dass unangenehme Themen nicht ausgespart werden.

Dieser Ansatz, nicht ausschließlich auf kuschelig-heimelige Gefühlsduselei zu setzen, wird in der eigentlich hauptsächlichen Krimihandlung fortgeführt. Auch „Der Donnerstagsmordclub“ verfügte hier bereits über eine gewisse Kompexität, war insgesamt dann aber inhaltlich doch etwas zu vorhersehbar. In „Der Mann, der zweimal starb“ ist das anders. Zum einen scheut sich Osman nicht, hier auch Handlungselemente der Kategorie „Das kann er doch jetzt nicht machen!“ einzubauen, zum anderen wirkt die Krimihandlung noch deutlich ausgefeilter und insgesamt überraschender als in Osmans Debüt.

Und so nimmt es nicht wunder, dass ich mich bereits jetzt auf einen dritten Teil der Reihe freue. Das englische Original, „The Bullet That Missed“, erscheint am 22. September, bis zur deutschen Übersetzung dürfte es danach allerdings noch eine Weile dauern. Im Zweifelsfall werde ich den Veröffentlichungstermin ohnehin wieder verpassen …

Demnächst in diesem Blog: „Thronfall“ von Axel Simon