„Im Grunde gut“ von Rutger Bregman

Buch: „Im Grunde gut“

Autor: Rutger Bregman

Verlag: Rowohlt

Ausgabe: Hardcover

Der Autor: Rutger Bregman, geboren 1988 in den Niederlanden, ist Historiker und Journalist und einer der prominentesten jungen Denker Europas. Bregman wurde bereits zweimal für den renommierten European Press Prize nominiert. Er schreibt für die «Washington Post» und die «BBC» sowie für niederländische Medien. 2017 erschien sein Bestseller «Utopien für Realisten». (Quelle: Rowohlt)

Das Buch: Der Historiker und Journalist Rutger Bregman setzt sich in seinem neuen Buch mit dem Wesen des Menschen auseinander. Anders als in der westlichen Denktradition angenommen ist der Mensch seinen Thesen nach nicht böse, sondern im Gegenteil: von Grund auf gut. Und geht man von dieser Prämisse aus, ist es möglich, die Welt und den Menschen in ihr komplett neu und grundoptimistisch zu denken. (Quelle: Rowohlt)

Fazit: „Wir leben in einem Land, das zu nennenswerten Teilen von Idioten bevölkert wird.“ Diesen Satz wiederhole ich, besonders derzeit, aber auch schon vorher, geradezu gebetsmühlenartig. Und ich stehe dazu, auch weil ich mich durch Klopapierhamsterer und während einer Pandemie demonstrierende Pegida-Schergen in meiner Meinung bestätigt sehe. Aber vielleicht habe ich ja unrecht? Vielleicht ist das ja keine Meinung, sondern ein unhaltbares Vorurteil? Vielleicht ist der Mensch an sich ja im Grunde gut? Dieser Frage geht Rutger Bregman in seinem neuen Buch auf den Grund.

Dazu stellt er nach einem Prolog – in dem er beispielsweise die Geschichte von sechs tonganischen Jungen erzählt, die 1966 auf der Insel ´Ata bei Tonga strandeten und dort 13 Monate ausharren mussten, sich aber ganz entgegen William Goldings „Herr der Fliegen“-Szenario eben nicht gegenseitig massakrierten – die beiden Positionen der Philosophen Thomas Hobbes und Jean-Jaques Rousseau gegeneinander.

Hobbes war, vereinfacht gesagt, der Auffassung, der Urzustand des Menschen sei einer voller Angst und Unsicherheit, die nur mittels der Gründung eines Staates überwunden werden kann. Als Anhänger der sogenannten Fassadentheorie vertritt er die Ansicht, dass die Menschen nur durch einen dünnen Anstrich aus Zivilisation, Kultur, Gesetzen davon abgehalten werden, sich gegenseitig an die Gurgel zu gehen.

Demgegenüber steht Rousseau, der zwar zugibt „Die Menschen sind böse, eine eine traurige und fortdauernde Erfahrung erübrigt den Beweis“, der das aber eben nur auf die Menschen seiner Zeit bezieht, weswegen er anfügt, „jedoch, der Mensch ist von Natur aus gut, ich glaube, es nachgewiesen zu haben;(…)“ .

Doch wer hat nun recht? Als Mensch, dessen philosophische Bildung nicht über die Lektüre von „Sofies Welt“, den erfolglosen Versuch der Lektüre von Weischedels „philosophischer Hintertreppe“ und einer einzigen Vorlesung über Carl Popper hinausgeht, maße ich mir da natürlich keine Antwort an. Aber dafür hat man als Leser ja glücklicherweise Bregman, der der genannten Frage anhand diverser Beispiele aus Biologie, Anthropologie, Geschichte, Philosphie und Psychologie auf den Grund geht.

Einige der Beispiele haben es sogar in den populärwissenschaftlichen Popkulturbereich geschafft, so wie das „Stanford-Prison-Experiment“, bei dem der Psychologe Philipp Zimbardo eine Gruppe von Studenten je zur Hälfte in „Wärter“ und in „Gefangene“ einteilte und das in der Folge dann ziemlich aus dem Ruder lief. Oder aber das „Milgram-Experiment“, bei dem Menschen die als „Lehrer“ fungierten und die eigentliche Testperson darstellten, den in einem anderen Raum sitzenden „Schülern“ bei falscher Beantwortung einer Frage vermeintliche Stromstöße verabreichen sollten.

Und ja, die Ergebnisse beider Experimente vermitteln jetzt kein so unbedingt positives Bild des Menschen an sich.

Bregman macht sich nun daran, nachzuweisen, wo die Schwachstellen bei diesen Experimenten waren, sowohl in der Herangehensweise als auch in der Durchführung, und wieso sie zur Beurteilung der übergeordneten Frage nach der Natur des Menschen absolut keine Aussagekraft haben.

Und das zieht sich in ähnlicher Form durch das ganze Buch. Der Autor stellt häufig allgemeingültige Thesen auf, oder zumindest solche, zu denen man zustimmend nickt, um diese dann fein säuberlich auseinanderzunehmen, und darzustellen, warum sie eben alles andere als allgemeingültig sind.

Nun maße ich mir nicht an, Bregmans Ausführungen nach wissenschaftlichen Standards zu beurteilen, das sollen Leute tun, die sich besser mit der Materie auskennen. Ich kann das Ganze also nur als Laie beurteilen. Und als solcher kann ich sagen, dass ich die Vorgehensweise, sowie die Argumentation und seine Schlussfolgerungen als nachvollziehbar und in sich logisch empfand.

Natürlich gibt es da auch Ausnahmen, so zum Beispiel bei der Geschichte um Kitty Genovese. Die junge Frau wurde in den 60ern nachts vor ihrem eigenen Haus überfallen und getötet. In der Folge wurde die Geschichte verbreitet, dass bis zu 38 Nachbarn eigentlich etwas gehört, dennoch aber nichts unternommen hätten, um zu helfen. Auch hier widerlegt Bregman die urspünglichen Annahmen, arbeitet schließlich heraus, dass es „nur“ zwei Nachbarn waren, die sich für aktives Nichtstun entschieden haben. Und über einen davon sagt Bregman „Fink war ein seltsamer, in sich gekehrter Mann. Er hasst Juden und wurde von den Kindern in der Nachbarschaft „Adolf“ genannt.“ (S. 218) Nun mag das zwar so sein, und vielleicht war besagter Fink wirklich kein angenehmer Zeitgenosse, das Diskreditieren einer Person, um daraus eine Handlungsmotivation abzuleiten, oder im vorliegenden Fall die Motivation für ein Nichthandeln, empfinde ich persönlich jedoch eher als schwach bis ungenügend, geht das dann doch mehr in die Richtung „Argumentum ad hominem“, und das sollte einem in einem solchen, wenn auch vielleicht eher „nur“ populärwissenschaftlichen Buch doch tunlichst nicht passieren.

Es mag nicht verwundern, dass sich Bregman hinsichtlich der beiden genannten Philosophen schon eher auf die Seite des berühmten Franzosen schlägt. Aber der Autor belässt es sinnigerweise nicht bei dieser Schlussfolgerung, sondern erläutert im Folgenden, was diese denn nun für unser weiteres Zusammenleben bedeutet. Dahingehend möchte ich jetzt nicht zu viel in die Tiefe gehen, das würde zu viel vorwegnehmen, aber sagen wir mal so: Wenn auch der Begriff „bedingungsloses Grundeinkommen“, sofern ich aufmerksam gelesen habe, nicht ein einziges Mal fällt, so lassen sich Bregmans Schlussfolgerungen durchaus als Plädoyer für ein solches lesen. Ein Plädoyer dafür, die Menschen so weit wie möglich von ihren wirtschaftlichen Zwängen zu befreien, um sie so ihrer eigentlichen Natur wieder näherkommen zu lassen. Und spätestens hier ist mir der Autor und sein Buch dann doch sehr sympathisch geworden.

Sogar so sympathisch, dass ich darüber hinwegsehen konnte, dass er sein Buch mit „10 Lebensregeln“ abschließt, die auf seiner Argumentation aufbauen, und die er sich guten Gewissens hätte sparen können, aber vermutlich erwartet die heutige Sachbuchleser-Generation immer auch so etwas wie einen Ratgeber, einen Selbsthilfeteil, ich weiß es nicht.

Auch hier ist mir Bregman sehr sympathisch, denn dass er sich diesen Teil des Buches hätte schenken können, ist ihm selbst bewusst, sagt er doch von sich, selbst kein Fan von Selbsthilfebüchern zu sein. „In unserer Zeit herrscht zu viel Introspektion und zu wenig Outrospektion. Eine bessere Welt fängt nicht bei einem selbst, sondern bei uns an. Mit weiteren hundert Tipps, wie man Karriere macht und sich selbst reich phantasiert, werden wir das nicht schaffen.“ (S. 416), sagt er dann auch so treffend. Nur um dann aber eben doch seine zehn Lebensregeln zu verbreiten.

Sei es drum, wem es hilft …

Und dem Gesamteindruck schadet das in keiner Weise, denn geblieben ist ein sehr nachdrücklicher Leseeindruck sowie das feste Vorhaben, mich zukünftig mehr mit philosophischer Literatur zu beschäftigen. Anregungen werden gerne entgegen genommen. Es muss ja nicht gleich Kant sein …

Geblieben ist aber auch ein größeres Verständnis meinerseits dafür, dass Menschen so ticken, wie sie eben ticken. Denn es mag immer noch sein, dass wir in einem Land leben, dass zu nennenswerten Teilen von Idioten bevölkert wird. Aber jeder einzelne davon hat einen Grund, warum er so ist, wie er eben ist.

Ich danke dem Rowohlt Verlag für die freundliche Übersendung des Rezensionsexemplares. Die Tatsache, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, beeinflusst meine Meinung selbstredend nicht.

Wertung:

10 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Ostfriesenblut“ von Klaus-Peter Wolf.

 

abc.Etüden KW 17/18 II

abc.etüden 2020 17+18 | 365tageasatzaday

 

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

aus Gründen der Aktualität hätte ich eigentlich schon gestern schreiben müssen. Gestern war aber auch schönes Wetter aktuell. Da musste ich eine Entscheidung treffen. Aber da Entrüstung eigentlich kein Verfallsdatum hat, geht es heute mit der nächsten Etüde weiter. Die Etüden werden, wie gehabt, von Christiane organisiert, die Wortspende  hat Myriade beigesteuert.

 

„Guten Morgen.“

„Gut ist heute morgen gar nichts. Nicht mal der heutige Kalenderspruch.“

„Der lautet?“

Kleine Freuden sind die Blumen im Teppich des Lebens. Ich verabscheue Kalendersprüche. Und den Fatalismus des Herrn Schäuble, den verabscheue ich auch.“

„Was hat er getan?“

„Dem Tagesspiegel ein Interview gegeben.“

„Stimmt, da war was. Was hat er noch gleich gesagt?“

„Na, unter anderem: „Aber wenn ich höre, alles andere habe vor dem Schutz von Leben zurückzutreten, dann muss ich sagen: Das ist in dieser Absolutheit nicht richtig. Grundrechte beschränken sich gegenseitig. Wenn es überhaupt einen absoluten Wert in unserem Grundgesetz gibt, dann ist das die Würde des Menschen. Die ist unantastbar. Aber sie schließt nicht aus, dass wir sterben müssen.“

„Oha.“

„Japp. Und: „Wir sterben alle. Und ich finde, Jüngere haben eigentlich ein viel größeres Risiko als ich. Mein natürliches Lebensende ist nämlich ein bisschen näher.“

„Oha.“

„Japp. Na gut, wir sterben alle. Wenn das so ist, lasst uns Airbags ausbauen und Antibiotika als Werkzeug des Teufels verbieten. Ist doch eh alles egal. Nehmen wir Drogen. Gehen wir bei rot über die Straße. Gehen wir raus und umarmen mal wieder Menschen.“

„Du wirst unsachlich.“

„Ja, und!? Die Stimmungslage im Land steht auf gläsernen Füßen. Meine Fresse, es stehen Menschen auf der Straße, die in zehnköpfiger Gruppenarbeit, wohlwollend gesagt, wohl in der Lage sind, nach etwa 20 Minuten Beratung zwei einstellige Zahlen zu addieren, und gröhlen: „Ich will mein Leben zurück.“ Wenn die so was lesen, fängt ihr Herz doch vor Freude an zu flattern. Und wenn die ihr Leben zurückfordern, fordere ich, auch mal unsachlich werden zu dürfen. Denn Schäuble hat unrecht. Indem man in erster Linie versucht, Menschenleben zu retten, rettet man auch die Würde eben dieser Menschen. Wenn ich im Flur eines überlasteten Krankenhauses dahinvegitiere, ist es mit meiner Würde nicht weit her.“

 

300 Worte.

„Der Platz an der Sonne“ von Christian Torkler

Buch: „Der Platz an der Sonne“

Autor: Christian Torkler

Verlag: Rowohlt

Ausgabe: Taschenbuch, 592 Seiten

Der Autor: Christian Torkler, geboren 1971 in Greifswald, wuchs im Pfarrhaus auf. Das und die unerschöpflichen Erzählungen der ostpreußischen Verwandten haben ihn früh geprägt. Er hat in Berlin Theologie, Philosophie und Kulturwissenschaften studiert. Von 2002 bis 2009 hat er in Dar es Salaam, Tansania, gelebt und von dort aus den Kontinent bereist. Seit einigen Jahren lebt und schreibt er in Berlin und Phnom Penh, Kambodscha. (Quelle: Rowohlt)

Das Buch: Nach einem verheerenden Krieg wird Berlin 1961 Hauptstadt der Neuen Preußischen Republik. Josua Brenner, Jahrgang 78, wächst in kleinen Verhältnissen auf, doch er will mehr. In einer maroden Stadt fährt er Suppe aus, schachert auf dem Schwarzmarkt und holt sich Ratschläge fürs Leben bei Opa Lampbrecht. Immer wieder werden seine Pläne durchkreuzt, aber Josua lässt sich nicht unterkriegen. Erst als es für ihn so richtig knüppeldick kommt, verlässt er seine Heimat. Angetrieben von der Hoffnung auf ein besseres Leben macht er sich auf den langen Weg ins wohlhabende Afrika. (Quelle: Rowohlt)

Fazit: Ich bin ja bekennender Fan von Büchern, die sich mit alternativen Geschichtsverläufen und kreativen was-wäre-wenn-Szenarien auseinandersetzen, als Beispiele könnte man hier „Vaterland“ von C. J. Sansom oder aber das halbe Gesamtwerk des großartigen Robert Harris anbringen.

Natürlich darf ich mir da Romane wie „Der Platz an der Sonne“ nicht entgehen lassen. Und Christian Torklers Setting hat durchaus etwas sehr Kreatives. Marshallplan, Wirtschaftswunder, Mauerbau – all das hat es in Torklers Buch nie gegeben. Vom Zeitpunkt der Berliner Luftbrücke bog die Geschichte in seinem Buch aufgrund übernervöser, russischer Militärs in eine andere Richtung ab. Es entbrennt ein neuer Krieg, in dessen Folge das deutsche Staatsgebiet (das in etwa die Grenzen von 1871-1918 hat, wenn man sich Schlesien und Posen wegdenkt) in fünf Einzelstaaten, die offiziell eine Föderation bilden, zerfallen ist. Als da wären die „Neue Preussische Republik“, Heimat des Protagonisten, die „Norddeutsche Föderation“ bis südlich von Hannover ( ich könnte damit leben …), die „Bundesrepublik Rheinland, Westfalen und Nassau“ sowie die „Sozialistische Volksrepublik Mitteldeutschland“. Lediglich der heutige Freistaat Bayern existiert in Torkler Setting als Freistaat Bayern weiter. Unverändert. Mit heutigen Grenzen. Ich lasse das mal unkommentiert so stehen …

Die Auswirkungen des Krieges findet man in erster Linie in einer zunehmenden Verarmung Deutschlands und anderer europäischer Staaten, während die afrikanischern Staaten im gleichen Zeitraum zu übermäßigem Wohlstand gelangen.

In diesen Handlungsrahmen wirft der Autor nun seinen Protagonisten Josua Brenner, im folgenden und von seinen Freunden kurz „Brenner“ genannt. Und allein dieser Protagonist ist schon ein Anlass, in Jubelarien auszubrechen. Brenner dürfte die mit gigantischem Abstand authentischste Hauptfigur sein, von der ich seit langer Zeit gelesen habe. Er stellt das Paradebeispiel des sogenannten kleinen Mannes dar und ist das, was man früher eine „ehrliche Haut“ genannt hätte. Ein fleißiger Arbeiter, der bereit ist, sich mit den schwierigen Gegebenheiten in seinem Land abzufinden bzw. sich an diese anzupassen und hart zu arbeiten, um sich und seine Familie über die Runden zu bringen. Schon lange habe ich am Schicksal einer Buchfigur nicht mehr solchen Anteil genommen wie am Schicksal Brenners.

Auch die Nebenfiguren wissen zu gefallen, geraten aber hinter Brenner ein wenig ins Hintertreffen, was nur zu verständlich ist, fungiert Torklers Protagonist doch gleichzeitig auch als Erzähler des Romans.

Zum Eindruck, den die Hauptfigur hinterlässt, trägt sicherlich auch der prägnante Schreibstil bei. Brenners Rede- bzw. Schreibweise wirkt in sich stimmig. Als der einfache Mann, der er ist, was nicht wertend gemeint ist, bedient er sich auch einer entsprechenden Sprache. Er redet, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, flucht bisweilen wie ein Kesselflicker und versucht nicht, sprachlich etwas vorzutäuschen, was er nicht ist. So kann man sich dann auch über so herrliche Redewendungen wie die mit dem Schwein und dem Uhrwerk oder aber über das schon fast in Vergessenheit geratene „Keine Zähne im Maul, aber La Paloma pfeifen“ freuen. :-) Aber mal ohne Spaß und kurz gesagt: Hauptfigur und Stil bzw. Sprache bilden eine Einheit, die man so gut nur selten findet.

Die Geschichte steht dem bis hierhin positiven Gesamteindruck auch in nichts nach. Die zwei Teile des Buches gliedern sich inhaltlich grob in „vor der Flucht“ und „auf bzw. nach der Flucht“. Und während man schon im ersten Teil häufig mit Brenner mitleidet, dem oftmals übel mitgespielt wird, beispielsweise von korrupten Verwaltungsbeamten, gegen die die Leute, die auf die Vorlage des Passierscheins A 38 beharrten, geradezu kooperativ wirkten.

Im zweiten Teil legt die Handlung aber durchaus nochmal an Dramatik zu und es wird deutlich, was es denn so bedeuten kann, seine Heimat zu verlassen, weil man einfach keine Perspektive sieht, einschließlich der mit der Flucht verbundenen Gefahren für Leib und Leben.

Und hier skizziert Torkler auch wunderbar die Reaktionen der anderen Menschen auf die Flüchtlinge, welche nicht bleiben konnten, wo sie herkamen und nicht willkommen sind, wo sie hingehen. Und trifft Brenner doch mal auf einen freundlichen Menschen, der ihn in seiner Scheune übernachten lässt, so wird die durchaus berechtigte Frage aufgerufen, warum man dann „Warum tun sie das?“ gefragt wird und sich praktisch rechtfertigen muss, wenn man Gutes tut, während niemand eine solche Frage stellen würde, wenn man den Eindringling, statt ihn in seiner Scheune übernachten zu lassen, wieder in die dunkle Nacht und von seinem Eigentum vertrieben hätte.

Letztlich ist „Der Platz an der Sonne“ ein Roman, der in seiner Wichtigkeit gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann und der einen bemerkenswert guten Perspektivwechsel bietet. Ein Buch, das die Augen derer öffnen könnte, die es vermutlich ohnehin wieder nicht lesen. Sollte mal wieder ein ehemaliger Verfassungsschutzpräsident im Zuge von Flüchtlingsbooten auf dem Mittelmeer etwas von „Shuttleservice“ blubbern, könnte man ihm guten Gewissens „Der Platz an der Sonne“ ans Postfach nageln. Vielleicht hilft es was.

Klare Leseempfehlung!

Wertung:

Handlung: 9 von 10 Punkten

Charaktere: 10 von 10 Punkten

Stil: 10 von 10 Punkten

Atmosphäre: 10 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 9,75 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Im Grunde gut“ von Rutger Bregman. Ein Sachbuch. Mal was anderes.

 

abc.Etüden KW 17/18 I.I

abc.etüden 2020 17+18 | 365tageasatzaday

 

Hallo, liebe Leserinnen und Leser,

da 300 Worte manchmal nicht ausreichen – eigentlich tun sie das nie – folgt hier umgehend die Fortsetzung. Sonst alles wie gehabt. Etüden: Christiane. Wortspende: Myriade.

 

„Welche andere Geschichte meinst Du?“

„Die unerlaubte Demo in Berlin. 260 Teilnehmer, die gegen die Einschränkung der Grundrechte demonstrierten.“

„Und?“

„Die Grundrechte sind ein hohes Gut und sind es wert, dass man dafür eintritt.“

„Aber?“

„Aber doch nicht jetzt! Und die sind ja nicht weg. Wir sind nicht auf Kuba, in Somalia oder China, bei allem Respekt vor den genannten Staaten. Ich würde mir wünschen, dass man auch seitens der Politik auch mal lauter gegenüber diesen Leuten wird.“

„Inwiefern?“

„Na, die Kanzlerin wurde gestern gefragt, ob sie ihre Formulierung „Öffnungsdiskussionsorgien“ für angemessen halte, angesichts vieler Leute, die einfach wieder normal leben wollten.“

„Und?“

„Na, sie schwurbelte zur Antwort diplomatisch rum.“

„Und?“

„Na, ich hätte mir gewünscht, dass die Antwort in etwa lautet: „Verfluchte Scheiße, ja! Das dauernde Geseiere des Herrn Laschet kann doch keine Sau mehr ertragen. Wissen Sie, wir stellen die Situation und unsere Entscheidungen sehr transparent, sehr gläsern dar. Wir erklären gebetsmühlenartig, was wir tun und warum. Dennoch gibt es da rechte Schwachmaten in Dresden und Chemnitz, die ihre Fahnen im Wind flattern sehen wollen oder Leute in Berlin, die mit einer Renitenz die Grundrechte verteidigen wollen, mit der sonst nur Basarhändler die Preise ihrer Teppiche verteidigen. Was ich verstehen könnte, wenn wir sie denn gänzlich abgeschafft hätten. Jeder mäßig begabte Nacktmull ist intellekuell in der Lage, den Sinn der Maßnahmen zu verstehen. Und dennoch sieht man im TV Leute, die sagen: „Sehen Sie sich mal das Wetter an! Da soll ich zu Hause bleiben?“ Und auch da ist die Antwort: Verfluchte Scheiße, ja! Das ist doch nicht so schwer zu begreifen. Und ja, ich weiß, dass das Scheiße ist. Aber mit der Beharrlichkeit eines Vierjährigen, der vom Rücksitz alle sechs Sekunden „Sind wir schon da?“ ruft, immer wieder wieder zu fordern, endlich wieder raus zu dürfen, kotzt mich an.“

 

300 Worte.

abc.Etüden KW 17/18

abc.etüden 2020 17+18 | 365tageasatzaday

 

Hallo, liebe Leserinnen und Leser,

„die Mutter der Dummheit ist immer schwanger“, so sagt man. Und weil das so ist, sehen es bestimmte Leute gar nicht ein, in ihrem zweifelhaften Treiben zu pausieren. Und weil das nun wieder so ist, gibt es heute eine meiner momentan seltenen Etüden, welche weiterhin von Christiane veranstaltet werden. Die Wortspende stammt diesmal von der geschätzten Kollegin Myriade.

 

„Na?“

„Ach, halt doch …“

„Na, hör mal. Was ist denn nun schon wieder los?“

„Manchmal wünsche ich mir, wir hätten wirklich diese vielzitierten Propaganda-Staatsmedien, die Dinge unter den Teppich kehren.“

„Weil?“

„Weil ich dann nie erfahren hätte, dass es eine Ausnahmegenehmigung für die gestrige „Pegida“-Demo in Dresden gab und in Chemnitz eine für „Pro Chemnitz“.“

„Ach was?“

„Japp. In Dresden galt die Erlaubnis zuerst für sage und schreibe 80 Leute.“

„Bitte?“

„Japp, man wollte demonstrieren unter dem Motto „80 für 80 Millionen“.“

„Ich kotze. Außerdem haben wir 83 Millionen! Und waren davon nicht etwa 11 Millionen Menschen ausländischer Herkunft, die die Pegidioten eigentlich gar nicht hier sehen wollen? Demonstrieren die bei Pegida auch für diese Leute mit?“

„Weitsicht im Denken kannst Du von Pegida aber doch nun wirklich nicht verlangen. Wie auch immer, die Rechten in Chemnitz versammelten sich vor dem Karl-Marx-Monument …“

„Muhahaha …“

„Ja, fand ich auch witzig. Jedenfalls, an beiden Orten waren natürlich erheblich mehr Teilnehmer als zugelassen, während es in Dresden aber friedlich blieb, weil der durchschnittliche Pegida-Teilnehmer vielleicht ein bisschen einfach im Denken, aber eher nicht gewaltbereit ist, ging es in Chemnitz zur Sache. Da standen 300 zusätzliche Leute mit Transparenten, die schließlich von der Polizei „entfernt“ wurden.

„Die sicherlich Besseres zu tun gehabt hätte.“

„Sicherlich. Jedenfalls geht mir das alles auf den Sack. Die Besserung der Situation steht noch auf gläsernden Füßen und diese Leute wollen ums Verrecken nicht davon ablassen, sich zu treffen, um mit flatternden Fahnen die Gefahr fürs Vaterland zu verkünden.“

„Stimmt. Menschen besuchen keine Gottesdienste mehr, keine Freunde, keine Großeltern. Aber für Menschen, die es zu ihrer Aufgabe gemacht haben, gegen Personengruppen zu hetzen, werden Ausnahmen gemacht. Das muss man sicher nicht verstehen.“

„Man muss aber dazu sagen, dass sich die politische Gegenseite auch nicht gerade mit Ruhm bekleckert hat.“

„Inwiefern?“

„Das ist eine andere Geschichte. Vielleicht später …“

 

300 Worte.

„Rückkehr nach Old Buckram“ von Philip Lewis

Buch: „Rückkehr nach Old Buckram“

Autor: Philip Lewis

Verlag: btb

Ausgabe: Hardcover, 413 Seiten

Der Autor: Phillip Lewis ist in den Bergen von North Carolina geboren und aufgewachsen. Er studierte Jura und arbeitet als Anwalt in Charlotte, NC. »Rückkehr nach Old Buckram« ist sein Erzähldebüt. Es wird in mehrere Sprachen übersetzt und von der New York Times als »Werk eines überragenden Talents« gefeiert. (Quelle: Random House)

Das Buch: Henry Astor wird in Old Buckram geboren, einer Kleinstadt in den Blauen Bergen von North Carolina. Eine Bahnlinie führt hierher, aber Züge kommen lange schon nicht mehr durch. Es ist ein Ort, in dem die Zeit stillsteht, an dem abends weiße Nebelschwaden in den Tälern aufsteigen und die grünen Berge in der Ferne zu Blautönen verblassen. Kaum dass Henry die Schule abgeschlossen hat, verlässt er Old Buckram. Erst Jahre später kehrt er zurück. Er will verstehen, was einst mit seinem Vater geschah, der eines Tages ohne ein Wort aus dem Leben der Familie verschwand und nie mehr wiederkehrte. Der Bücher über alles liebte, aber mit niemandem wirklich reden konnte. (Quelle: Random House)

Fazit: Bisweilen kommt man ja schon recht früh in einer Lektüre zum Schluss: „Joah, das kann was werden.“ Im vorliegenden Fall reichte mir dafür etwa eine Seite. Und bis zum Ende des Buches musste ich meinen Eindruck nicht mehr revidieren, denn Philip Lewis hat ein absolut großartiges Debüt hingelegt. Nur wie erkläre ich meinen Eindruck bloß …?

Fangen wir am besten am Anfang an: Die Leser begleiten Henry Astor, der in einen verschlafenen, kleinen Provinznest in der amerikanischen Pampa aufwächst, das fernab von eigentlich allem liegt. Seine Kindheit ist in erster Linie geprägt durch seinen Vater. Der wurde wiederum in seiner Kindheit als Leseratte belächelt – belächelt deshalb, weil es in der Gedankenwelt der Bewohner von Old Buckram so etwas wie Literatur nicht braucht, denn wofür soll die schon gut sein -, entwickelt später einen schon fast obsessiven Drang zu schreiben und einen ähnlich obsessiven Hang zum Alkohol.

Und eines Tages verschwindet er eben. Ganz plötzlich, ohne Vorwarnung und ohne eine einzige Spur.

Auch Henry Astor verlässt nach dem Schulabschluss frühstmöglich das kleine Provinznest Old Buckram, kehrt aber nach Jahren zurück, um Licht ins Dunkel rund um das Verschwinden seines Vaters zu bringen.

Anhand dieser Zusammenfassung könnte man meinen, „Rückkehr nach Old Buckram“ sei eine Coming-of-Age-Geschichte, und vordergründig wäre das auch nicht mal verkehrt. In erster Linie ist Lewis´Roman aber eine Familiengeschichte. Eine, die sich mit dem Thema Verlust auseinandersetzt, die der Frage nachgeht, inwieweit man wird, wie seine Eltern, vielleicht ohne es zu wollen, denn sind wir mal ehrlich, das wollten wir doch alle nicht. Eine Familiengeschichte um die Wurzeln eines Menschen und die Frage, wodurch er geprägt wird. Und noch so vieles mehr. Oh, und eine kleine Liebeserklärung an die Literatur, zumindest an die amerikanische Literatur des letzten Jahrhunderts, in erster Linie in Gestalt von Thomas Wolfe, ist es auch. Und an die Musik, die klassische. Selbst wenn der Protagonist augenscheinlich ein Problem mit Mozarts „Requiem“ hat, warum auch immer.

Und Lewis erzählt diese Geschichte in einen sympathischen, grundehrlichen Ton, der manchmal lakonisch wirkt, immer wieder aber auch durch Humor besticht. Beispielsweise an der Stelle – die kommt quasi direkt zu Beginn, stellt in meiner Wahrnehmung also keinen Spoiler dar  -, an der darauf hingewiesen wird, dass Henry Astors Großvater seinerzeit von seinem Pfarrer überredet wird, bei der Wahl zu einem öffentlichen Amt anzutreten und er diese Wahl dann haushoch mit zwei von 25 Stimmen verliert. Da er weiß, dass er sich selbst gewählt hat, kann er daraus nur folgern, dass ihn entweder seine eigene Frau oder aber der Pfarrer, der ihn überhaupt erst zur Kandidierung überredet hat, eben nicht gewählt haben müssen. In der Folge verlässt Henrys Großvater das Haus bewaffnet, denn wie er so schön sagt: „Ich schätze mal, dass ein Mann, der nicht mehr Freunde hat als ich, zumindest so klug sein sollte, Vorkehrungen zu seinem Schutz zu treffen.“

Ich finds herrlich. :-)

Auch die Figuren gelingen Lewis bemerkenswert gut. In erster Linie muss hier natürlich Henry Astor genannt werden, um den sich die Geschichte primär dreht und der auch als Erzähler auftritt. Aber auch die Nebenfiguren, beispielsweise in Form des eben genannten Großvaters oder eben natürlich auch in Form des im ihm entgegengebrachten Unverständnis, seinen Ängsten und Zwängen gefangenen Vaters sind liebevoll und nachvollziehbar gezeichnet.

Inhaltlich will ich gar nicht viel verraten, das würde dem Roman ein bisschen seiner Wirkung nehmen.

Abschließend kann ich sagen, dass es eben vorkommt, dass man zur genau richtigen Zeit im Leben das genau richtige Buch liest. Und mir ist vollkommen bewusst, dass das ein größtmöglich subjektiver Eindruck ist. Aber bei „Rückkehr nach Old Buckram“ war es nun mal so. Philip Lewis sprach mir aus dem Herzen, hat verschriftlicht, was mir ebenfalls oft im Kopf herumging und -geht, ließ mich bemerkenswert oft zustimmend nicken. Wie kann man da zu einem anderen Schluss kommen als dem, es mit einem wirklich großartigen Roman zu tun  zu haben!?

Dachte ich doch bei Pascal Merciers „Das Gewicht der Worte“ bereits, meinen persönlichen Roman des Jahres gefunden zu haben, muss ich zugeben, dass ich „Rückkehr nach Old Buckram“ zukünftig im Vergleich wohl noch viel häufiger gelesen haben werde.

Wertung:

Halten wir uns nicht lange mit Einzelkategorien auf: 10 von 10 Punkten!

Demnächst in diesem Blog: „Der Platz an der Sonne“ von Christian Torkler.

„Regenbeins Farben“ von Kerstin Hensel

Buch: „Regenbeins Farben“

Autorin: Kerstin Hensel

Verlag: Luchterhand

Ausgabe: Hardcover, 253 Seiten

Die Autorin: Kerstin Hensel wurde 1961 in Karl-Marx-Stadt geboren. Sie studierte am Institut für Literatur in Leipzig und unterrichtet heute an der Hochschule für Schauspielkunst »Ernst Busch«. Bei Luchterhand sind zuletzt erschienen: die Liebesnovellen »Federspiel« der Band »Das verspielte Papier – über starke, schwache und vollkommen misslungene Gedichte« sowie der Lyrikband »Schleuderfigur«. Kerstin Hensel lebt in Berlin. (Quelle: Random House)

Das Buch: Auf einem Friedhof in der Nähe der Einflugschneise eines Flughafens treffen sich regelmäßig drei Frauen, um die Grabstätten ihrer verstorbenen Männer zu pflegen: Lore Müller-Kilian, eine kapriziöse Industriellengattin mit Hang zur Champagner-Einsamkeit; die 80-jährige Kunstprofessorin Ziva Schlott sowie Karline Regenbein, eine bescheidene, im Abseits des Kunstbetriebs wirkende Malerin. Eines Tages taucht dort Eduard Wettengel auf. Auch er ist seit kurzem verwitwet. Mit einem Mal kommt Leben in die Trauergemeinschaft. Das weibliche Trio buhlt um die Gunst des Galeristen. Herrlich komische, bissig-schöne Verwicklungen nehmen ihren Lauf. (Quelle: Random House)

Fazit: Würde ich meine Rezensionen noch mit einer Überschrift versehen, die über die Nennung des Titels und der Autorin hinausgeht (warum tue ich das eigentlich nicht mehr?), so hätte diese Überschrift hier „Das Sterben der Anderen“ gelautet, und ich wäre angemessen stolz darauf gewesen. Aber eigentlich tut das hier nichts zur Sache, viel wichtiger ist es, eingangs positiv hervorzuheben, dass es sich bei „Regenbeins Farben“ um einen Novelle handelt, die endlich mal den Mut hat, sich auch als eine solche zu bezeichnen, und die nicht, wie so viele andere Werke überschaubaren Umfangs, vorgibt, ein Roman zu sein. Wobei mir natürlich bewusst ist, dass es neben dem Umfang noch aussagekräftigere Kriterien für die Einordnung als Novelle gibt, dennoch: Eine Novelle ist eine Novelle ist eine Novelle und darf gerne auch so genannt werden.

Und im vorliegenden Fall ist es sogar eine recht gut gelungene Novelle, deren Inhalt sich zeitlich von Ostern bis Ostern erstreckt, weswegen es nur zu passend war, dass ich sie auch an Ostern gelesen  habe.

Kerstin Hensel gehe mit ihrem Buch „den Verflechtungen deutsch-deutscher Biografien auf den Grund“, heißt es im Klappentext und mit dieser Einordnung ist „Regenbeins Farben“ tatsächlich treffend beschrieben. Die drei Protagonistinnen sowie der Galerist Eduard Wettengel, der das literarische Element darstellt, das das Verhältnis zwischen den drei Damen in Ungleichgewicht bringt, werden mit ihren Hintergründen und Biografien detailliert dargestellt, und das sehr gelungen, ohne dabei die Handlung im Hier und Jetzt zu vernachlässigen.

Schön zu lesen ist dabei, wie Stück für Stück herausgearbeitet wird, dass der Lebensweg der Menschen, die sich da auf dem Friedhof in der Einflugschneise (ein übrigens überaus charmanter Einfall, wie ich finde) treffen, bereits zusammenhing, bevor sie sich dort regelmäßig getroffen haben.

Die Schilderung der Hintergrundgeschichten der Figuren, der „Verflechtungen deutsch-deutscher Biografien“, bildet dann auch das Kernelement der Novelle. Und dieses Kernelement ist richtig gut gelungen. Wenn man berücksichtigt, welch überschaubarer Umfang Kerstin Hensel zur Verfügung stand, um gleich vier Figuren mit Leben zu füllen, dann kann man nur den Hut ziehen. Von der Künstlerin Karoline Regenbein, die zwischen dem Drang, zu malen und ihren Selbstzweifeln und der Überzeugung, nicht gut genug zu sein, gefangen ist bis zur Industriellengattin auf selbstdestruktiver Sinnsuche, die Figuren sind ausnahmlos sehr gut gezeichnet.

Hinsichtlich des Stils lässt sich festhalten, dass man schon auf der ersten Seite merkt, dass „Regenbeins Farben“ in eher elaboriertem Code gehalten ist. Ich denke zwar, dass die Novelle niemanden überfordern sollte, allenfalls muss man mit Begriffen wie „megärenhaft“ zurechtkommen. Insgesamt, so war jedenfalls der Effekt bei mir, wirkt das auf Dauer allerdings eher ermüdend, auch weil es so einen gezwungenen Eindruck macht. Aber das mag man gerne anders sehen.

Und inhaltlich? Nun, es ist eine Novelle, sollte ich also anfangen, wesentliche Aspekte der Story auszuplaudern, hätte ich als alsbald das gesamte Buch erzählt, was in niemandes Sinne sein kann. Deswegen muss sich die geneigte Leserschaft mit der kryptischen Formulierung begnügen, dass „Regenbeins Farben“ auch im Bereich der eigentlichen Handlung überzeugt. Punkt.

Wer gerne Novellen liest und/oder an detaillierten Charakterzeichnungen Freude hat, dürfte mit „Regenbeins Farben“ zufrieden sein.

Und da ich mir ein Zitat des Buches markiert habe, das ich niemandem vorenthalten möchte, weil es inhaltlich so wahr ist, erlaube ich mir, meine Ausführungen mit eben folgendem Zitat auch zu beenden:

„Talent wird jedem Kind bescheinigt, sobald es Kringel malen kann, oder einer Hausfrau, die sich das öde Leben bunt aquarelliert. Frauen, die Großes leisten, besäßen Talent, Begabung oder eine besondere Fähigkeit. Männern hingegen spräche man Genie zu. (S. 151)

Wertung:

Handlung: 7,5 von 10 Punkten

Charaktere 9,5 von 10 Punkten

Stil: 8,5 von 10 Punkten

Atmosphäre: 8 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 8,375 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Rückkehr nach Old Buckram“ von Philip Lewis.

abc.Etüden KW 15/16 I

abc.etüden 2020 15+16 | 365tageasatzaday

 

Hallo, liebe Leserinnen und Leser,

wenn man schon nahezu alles andere derzeit mehr oder weniger zum Erliegen kommt, muss das, zumindest vorerst, ja nicht auch für Etüden-Produktion gelten. Legen wir also los. Die Etüden werden wie üblich von Christiane geleitet, die Wortspende stammt von Ludwig Zeidler, den ich beharrlich mit g statt d schreiben möchte, obwohl er mit dem Bremer Stadionsprecher Arnd Zeigler ansonsten wohl vermutlich recht wenig zu tun hat.

 

„Na, was machst Du?“

„Kreuzworträtsel.“

„Kann ich helfen?“

„Mal sehen … Hier, anderes Wort für couragiert, 7 Buchstaben, l am Ende.“

„Mutvoll.“

„Wow. Stimmt. Und hier: Umgangssprachlich für „Abstellraum“. R am Anfang!?“

„12 Buchstaben?“

„Ähm, ja!?“

„Rumpelkammer!“

„Ich bin erstaunt. Könnte man Dein Wissen konservieren, könnten noch zukünftige Generationen davon zehren.“

„Is´ ja gut.“

„Warum löst Du überhaupt Kreuzworträtsel? Das ist relativ … untypisch für Dich.“

„Um mich abzulenken. Weil ich mich sonst nur wieder aufrege.“

„Worüber?“

„Über dämliche Journalistenfragen beispielsweise.“

„Nämlich?“

„Na, beispielsweise gestern. Ein Journalist fragte einen Wissenschaftler zu den Schlussfolgerungen der Leopoldina und impliziert mit seiner Fragestellung, die Leopoldina würde damit Politik machen. Der Gesprächspartner verneint das und der Journalist fragt sinngemäß: „Also werden Entscheidungen weiterhin von den politischen Amtsträgern getroffen?“ Und man fragt sich als Zuschauer: „Ja, sicher, von wem denn sonst? Von Dieter Bohlen? Dem Papst? Der Klavierstimmer-Innung? Den Stadtwerken?““

„Zugegeben, das …“

„Oder vorhin: Es wird erwähnt, dass aufgrund der Krise viele Aufträge der Bekleidungsindustrie nach Südostasien wegfallen. Die Trulla im Studio fragt, ob das wohl Auswirkungen auf das Angebot auf Shirts und Hosen hier im Sommer haben könnte. Typisch mitteleuropäische Sichtweise. Das Problem sind nicht Myriaden arbeitsloser Arbeitnehmer in Indien oder Bangladash, in Gegenden, wo man so etwas wie Sozialsysteme nicht wirklich flächendeckend hat, sondern das verfluchte Angebot an günstigen T-Shirts! Zum Kotzen!“

„Ja, das …“

„Und dann der Laschet. Hebt seit Tagen die Hand, schnipst und ruft in bester Martin-Prince-Manier „Nehmen Sie mich dran. Ich weiß alles. Ich bin so klug.“ um dann wieder irgendeinen Ausstiegsmist auszublubbern. Dazu kommt seine Bildungsministerin, die als erste gestern mit konkreten Schulplänen aus der Hecke gesprungen kommt. Und dann erzählt der Laschet ernsthaft, dass es Alleingänge der Länder aber nicht geben dürfe. Das ist doch Realsat… wo willst Du hin? Ich bin noch nicht fertig, klar!?“

„Ich gehe Dir neue Rätselzeitschriften kaufen.“

 

300 Worte.

„Der Wassertänzer“ von Ta-Nehisi Coates

Buch: „Der Wassertänzer“

Autor: Ta-Nehisi Coates

Verlag: Blessing

Ausgabe: Hardcover, 544 Seiten

Der Autor: Ta-Nehisi Coates, geboren 1975 in Baltimore, ist einer der angesehensten Intellektuellen der USA. Mit seinem Essay Plädoyer für Reparationen stieß er eine landesweite Diskussion zur Aufarbeitung der Sklaverei an. Zwischen mir und der Welt, für das er 2015 den National Book Award erhielt, ist in den USA eines der meistverkauften Bücher der vergangenen Jahre. In seinem Essay We Were Eight Years In Power. Eine amerikanische Tragödie (2017) stellte Coates die These auf, dass es sich bei Donald Trump um den ersten weißen Präsidenten der USA handele, da seine ganze Politik in klarer Abgrenzung zu Obama stehe. Coates schreibt regelmäßig für The Atlantic, größtenteils zum Thema struktureller Rassismus und »White Supremacy«. Der Wassertänzer ist sein erster Roman. Er lebt mit seiner Familie in New York. (Quelle: Random House)

Das Buch: Bisher kannte Hiram Walker nichts als ein Leben in Ketten. Aufgewachsen in der Sklaverei, musste er als kleiner Junge miterleben, wie seine Mutter verkauft wurde und für immer verschwand. Doch sie hat ihm eine seltene Gabe vererbt. Als diese ihn vor dem Ertrinken rettet, beschließt er aus der Gefangenschaft zu fliehen.

So beginnt für Hiram eine abenteuerliche Reise von den Tabakplantagen West Virginias über geheime Guerillazellen in der Wildnis des amerikanischen Südens nach Philadelphia, wo ihn ein völlig neues Leben in Freiheit zu erwarten scheint.

Doch zuvor muss er noch eine alte Rechnung begleichen und die Frau, die er liebt, und die, die ihn aufzog, in die Freiheit führen. (Quelle: Random House)

Fazit: Ich persönlich kannte Wassertänzer ja bislang nur aus „Game of Thrones“, aber das tut hier eigentlich nichts zur Sache. Und da nur eine solche Erwähnung häufig schon reicht, um einen Grundsatzdiskussion über die achte Staffel vom Zaun zu brechen, die ich gerne vermeiden würde, wenden wir uns jetzt von Westeros ab und dem Virginia der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu.

Zu dieser Zeit – ein genaues Jahr wird nie genannt, der Zeitpunkt der Handlung lässt sich aber vor dem Hintergrund der Erwähnung der deutschen Märzrevolutionäre sowie eines Aufzugs und der offenkundigen Tatsache, dass Sklaverei in den USA noch nicht illegal ist, irgendwo zwischen 1848 bzw. 1853 und 1863 einordnen – wächst der junge Hiram Walker als Sklave auf einer Plantage auf. Was ihn von den anderen Sklaven unterscheidet, ist die Tatsache, dass er der Sohn des Plantagenbesitzers ist. Als solcher genießt er unwesentliche Vorteile, darf zum Beispiel im Herrenhaus selbst wohnen.

Bei einem Unfall, bei dem er fast ertrunken wäre, bemerkt Hiram, dass er über eine seltene, übersinnliche Gabe verfügt. Er nutzt diese Fähigkeit zur Flucht, nimmt Kontakt zur Underground Railroad auf und verhilft somit wiederum anderen zur Flucht.

Schon recht frühzeitig fällt der charakteristische Ton auf, in dem „Der Wassertänzer“ gehalten ist, und hier insbesondere die Dialoge. Der Übersetzer, Bernhard Robben, der mich schon mit verschiedenen Übersetzungen der Romane von John Williams in Begeisterungsstürme versetzte, hat in einem Nachwort auf die Schwierigkeit hingewiesen, das im Original von den Figuren verwendete „African American Vernacular English“ zu übersetzen, ohne dabei den Eindruck zu erwecken, die Charaktere würden „falsch“ sprechen oder ungebildet klingen, was inbesondere auf den Protagonisten nicht zutrifft. Man muss konstatieren, dass Bernhard Robben die Umsetzung ganz hervorragend gelungen ist, denn stilistisch gesehen ist „Der Wassertänzer“ eine Wucht. Zwar wirkt die Art zu sprechen, welcher sich die Personen bedienen, irgendwann auf mich persönlich arg ermüdend, aber dafür kann der Übersetzer nichts.

Auch die Charaktere sind in der Mehrzahl gut gelungen. Hiram wird auf überzeugende Weise als junger, oft ungestümer Charakter dargestellt, der sein Herz am rechten Fleck hat. Das einzige Problem, das ich mit ihm hatte, betraf eigentlich seine Art übersinnlicher Fähigkeit, aber dazu später mehr. Auch die Nebenfiguren, inbesondere Hirams Ziehmutter Thena, über die ich nicht zu viel verraten möchte, sowie Hirams Vater, der mehr oder weniger hilflos dabei zusehen muss, wie seine Plantage aufgrund einer Überanspruchung des Bodens langsam verkommt und der deswegen gezwungen ist, immer wieder Sklaven in Richtung Westen zu verkaufen, sind vergleichsweise vielschichtig dargestellt. Charaktere, die als bloße Staffage dienen, sucht man glücklicherweise vergebens.

Lediglich hinsichtlich der Story hatte ich so meine Probleme. Einerseits, weil ich mir nicht sicher bin, was „Der Wassertänzer“ denn nun sein möchte, andererseits, weil ich mit Hiram Walkers übersinnlicher Fähigkeit als einem der zentralen Handlungsmerkmale so meine Probleme hatte. So funktioniert „Der Wassertänzer“ beispielsweise als Abenteuerroman recht gut, man täte dem Buch aber unrecht, wenn man es dahingehend einsortieren würde. Denn es geht weit über einen „einfachen“ Abenteuerroman hinaus. Es ist ein anklagendes Plädoyer für die Freiheit des Menschen und hat seine stärksten Momente immer dann, wenn es sich diesem Thema auch zuwendet, beispielsweise, wenn kommentarlos geschildert wird, wie immer wieder Sklaven verkauft werden, die ihre Eltern, Kinder, Brüder oder Schwestern nie wiedersehen werden. Beispielsweise, wenn es sich inhaltlich mit der Macht und Bedeutung von Erinnerungen auseinandersetzt. Beispielsweise aber auch in Form der Biografie einiger Nebenfiguren. An dieser Stelle denkt man sich als Leser: „Das kann er sich unmöglich ausgedacht haben!“ – und richtig, das hat er auch nicht, wie sich einer Nachbemerkung des Autors entnehmen lässt. Die geschilderten Lebensläufe gehen, zumindest teilweise, auf echte Lebensgeschichten von Sklaven zurück.

Aber unabhängig davon, ob man „Der Wassertänzer“ jetzt als Abenteuerroman oder als literarisches Werk mit einer „Message“ liest, in beiden Fällen stört mich empfindlich, dass Hiram Walker eben über eine Art übersinnliche Fähigkeit verfügt, die an Teleportation erinnert und im Buch „Konduktion“ genannt wird. Jetzt wird eine ganz zauberhafte, naturwissenschaftlich gebildete Person „Mooooment!“ rufen und einwenden, dass „Konduktion“ der Begriff für Wärmeleitung ist, also den Wärmefluss innerhalb eines Stoffes oder Gases infolge eine Temperaturunterschiedes bezeichnet und ja, das stimmt auch, aber es heißt hier nun mal so. :-)

Diese „Konduktion“ stört mich, weil sie dem Roman ein Stück seiner Ernsthaftigkeit raubt. Weil magischer Realismus, und das ist nur meine ganz eigene, persönliche Meinung, in einem Werk, das phasenweise eine solche Wirkung entfaltet, wie es „Der Wassertänzer“ tut, eigentlich nichts verloren hat. Es macht verschiedene Aspekte der Handlung zu einfach, und „einfach“ ist jetzt kein Begriff, den ich mit einer Existenz als Sklave in Verbindung bringe.

Davon abgesehen, hat Coates allerdings einen guten Debütroman geschrieben.

Wertung:

Handlung: 8,5 von 10 Punkten

Stil: 9,5 von 10 Punkten

Charaktere: 8 von 10 Punkten

Atmosphäre: 9 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 9 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Regenbeins Farben“ von Kerstin Hensel.

„Makarionissi oder Die Insel der Seligen“ von Vea Kaiser

Buch: „Makarionissi oder Die Insel der Seligen“

Autorin: Vea Kaiser

Verlag: Kiepenheuer & Witsch

Ausgabe: Taschenbuch

Die Autorin: Vea Kaiser wurde 1988 geboren und lebt in Wien, wo sie Altgriechisch, Latein und Germanistik studierte. Mit 23 Jahren veröffentlichte sie ihren Debütroman »Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam«, der ebenso wie ihr Zweitling »Makarionissi oder Die Insel der Seligen« zum Bestseller avancierte und in mehrere Sprachen übersetzt wurde. »Rückwärtswalzer« ist ihr dritter Roman. (Quelle: Kiepenheuer & Witsch)

Das Buch: In einem griechischen Bergdorf deutet Yiayia Maria die Zeichen falsch und stürzt gleich mehrere Generationen ihrer Familie ins Unglück. In einer niedersächsischen Kleinstadt entdeckt ihr Enkel die Erotik der deutschen Sprache. Seine Cousine bekommt in einer stürmischen Nacht eine Tochter, die mit einer Glückshaube geboren wird. In der österreichischen Provinz wird derweil erbittert um die Vorherrschaft in der Fußgängerzone gekämpft, in einer Schweizer Metropole mit Ameisen und Heuschrecken gegen die Sehnsucht angekocht. Und auf einer Insel in Form eines Hirschkäfers sucht ein arbeitsloser Gewerkschafter verzweifelt nach seinem Ehering, während ein skurriler Schlagerstar die Frau wiederfindet, die er vor vierzig Jahren verlor. (Quelle: Kiepenheuer & Witsch)

Fazit: Kennt Ihr das? Man bekommt von freundlichen anderen Bewohnerinnen und Bewohnern der Blogosphäre aus unterschiedlichsten Gründen Bücher zugeschickt – und diese wandern dann aus unerfindlichen Gründen auf den Stapel ungelesener Bücher, wo sie verbleiben, manchmal vorerst, manchmal dauerhaft.

Mir jedenfalls ging das öfter so, und bei genauerer Betrachtung ist diese, wenn auch vorübergehende, Nichbeachtung zugeschickter Literatur nicht besonders nett. Deshalb wird es Zeit, eben diese Werke vom Stapel der ungelesenen Bücher zu befreien und ihnen die volle Aufmerksamkeit zu widmen.

Den Anfang macht Vea Kaiser mit ihrem zweiten Roman „Makarionissi oder Die Insel der Seligen“, welches mir bereits letztes Jahr von Jennifer, die verantwortlich für den Blog „Lesen in Leipzig“ zeichnet, als Gewinn anlässlich ihres Oster-Quiz zugeschickt wurde. „Ostern?“, werden jetzt einige sagen. „Letztes Jahr?“, werden sie sagen. Darauf sage: „Ja, eben.“

Gehen wir mal in medias res.

Noch bevor ich intensiv in den Text von „Makarionissi“ eingestiegen bin, stelle ich fest: Ich mag Vea Kaiser. Und zwar dafür, dass sie ihre Danksagung mit den schönen Worten „Ceterum censeo Amazonam esse delendam“ abschließt. Ach, hätte Cato der Ältere doch gewusst, was man dereinst aus seinem Auspruch machen würde.

Nur unwesentlich später danach stelle ich fest, dass ich Vea Kaiser aber auch und in erster Linie wegen ihres wirklich lesenswerten und sehr charmanten Romans mag.

Darin begleiten wir nicht weniger als fünf Generationen einer griechischen Familie aus den 50ern des letzten Jahrhunderts bis in die Zeit der griechischen Staatsschuldenkrise und quer durch die Welt.

Und diese Familie setzt sich nahezu ausschließlich aus bemerkenswerten bis denkwürdigen Charakteren zusammen. Sei es die Matriarchin Yiayia Maria, die zu Beginn des Romans im Jahr 1956 bereits seit Jahrzehnten die Fäden im kleinen, griechischen Bergdorf Varitsi in der Hand hält, die Richtung vorgibt und Hochzeiten ihrer Kinder und Enkel plant und in die Wege leitet. Sei es deren Enkelin Eleni, die mit dem Herzen einer Revoluzzerin aufbricht, die Welt und insbesondere Griechenland zu verändern oder auch wiederum ihren Enkel Manolis, den wir zwischendurch dabei beobachten müssen, wie er apathisch mit einem Metalldetektor durch die Gegend läuft.

All diesen Charakteren ist gemein, dass sie zutiefst herzlich gestaltet sind. Herzlich, aber nicht ohne Fehl und Tadel, nicht ohne schlechte Eigenschaften, was sie letztlich vermutlich auch so nachvollziehbar und plastisch macht. Tatsächlich gibt es unter den Charakteren keinen, den ich für schlecht gelungen halte, was dann doch auch eher selten vorkommt.

In stilistischer Hinsicht gibt es ebenfalls wenig zu bemängeln. Stilblüten wie „wenn es regnete, halbierten sich sogar die Vereinsmitglieder“ (S. 131) – mir ist natürlich klar, was damit gemeint ist, nämlich dass bei Regen sogar die Hälfte der Vereinsmitglieder die Veranstaltung verlassen; beim Halbieren möchte ich ihnen dann aber trotzdem nicht zusehen – halten sich in argen Grenzen. Und die Eigenart der Autorin, Jahreszahlen auszuschreiben, statt „1956“ also „neunzehnhundertsechsundfünfzig“ zu schreiben, muss man mögen, tut dem Gesamteindruck aber keinen Abbruch.

Denn insgesamt ist „Makarionissi“ sprachlich so gehalten, wie ich mir einen guten Unterhaltungsroman vorstelle. Denis Scheck attestiert Kaisers Roman gar „überschäumende Komik“. Und ja, das kann man durchaus so unterschreiben. Insbesondere die Schilderung der Eigenheiten von Griechen, Deutschen (legendär hier: Das deutsche „Nein!“) oder Schweizern ist als Beispiel zu nennen. Oder auch dieser eine, schöne Satz, der mich jetzt schon wieder kichern lässt, als Iannis, der jüngsten Generation der Familie angehörig und mittlerweile in der Schweiz wohnhaft, von seiner offensichtlich eher verschrobenen Nachbarin, Frau Niederbichsl, auf die unfassbaren Gefahren des Buchsbaumzünslers aufmerksam gemacht und gefragt wird: „Ja, haben Sie denn in diesem Griechenland, von da, wo Sie herkommen, keine Buchsbäume?“, worauf hin es heißt:

„Iannis hätte am liebsten erwidert, dass die Griechen bereits Buchsbäume kultiviert hatten, als die Schweizer noch in Höhlen Steine nach Salz ableckten, doch er biss sich auf die Zunge.“ (S.415)

Ich finds herrlich. :-)

Wenn wir uns nun abschließend der Geschichte selbst zuwenden, stellen wir fest, dass es sich dabei natürlich vordergründig um eine Familiengeschichte handelt. Eine, die einen großen Bogen durch Zeiten und Länder schlägt, Hand und Fuß hat und durchgehend unterhält. Hintergründig wird aber immer auch die Geschichte Griechenlands der letzten Jahrzehnte, von Nachkriegszeit über Bürgerkrieg und Militärdiktatur bis hin zur Wirtschaftskrise, erzählt. Und es gelingt der Autorin, diesen geschichtlichen Hintergrund so einzuarbeiten, dass er niemanden stört, der damit nichts anfangen kann.

In Summe ist „Makarionissi“ wunderbarste Unterhaltungsliteratur der charmantesten Sorte und wer sich für Griechenland interessiert oder eine erfrischende Frühlungs- bis Sommerlektüre sucht oder sich beim Lesen einfach mal wieder nur entspannen möchte oder auf wen mehrere dieser Dinge zutreffen, sollte sich diesen Roman nicht entgehen lassen.

Wertung:

Handlung: 9,5 von 10 Punkten

Stil: 8 von 10 Punkten

Charaktere: 9 vom 10 Punkten

Atmosphäre: 10 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 9,125 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Der Wassertänzer“ von Ta-Nehisi Coates.