„Die Todesliste“ von Frederick Forsyth – Dialoge werden überbewertet…

Buch: „Die Todesliste“ (2015)

Autor: Frederick Forsyth

Verlag: btb

Ausgabe: Taschenbuch, 318 Seiten

Der Autor: Frederick Forsyth, geboren 1938 in Ashford, Kent, England) ist ein britischer Schriftsteller. Nach seinem Militärdienst bei der britischen Luftwaffe arbeitete Forsyth für die Nachrichtenagentur Reuters in verschiedenen europäischen Ländern. Für die BBC war er als Fernsehreporter in afrikanischen Kriegsgebieten unterwegs. Bereits Anfang der 70er begann er seine schriftstellerische Laufbahn und schon mit seinen ersten beiden Romanen (Der Schakal & Die Akte Odessa) feierte Forsyth große Erfolge. Bisher veröffentlichte der Autor insgesamt 18 Bücher, von denen einige auch verfilmt wurden.

Das Buch: In Washington gibt es eine streng geheime und daher nur einer Handvoll Menschen bekannte Liste. Auf dieser stehen die Namen von Terroristen, die man als so gefährlich für die USA einstuft, dass man erst gar nicht versucht, ihrer habhaft zu werden und sie in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Auf dieser Liste taucht nun seit kurzer Zeit „der Prediger“ auf. Ein fanatischer Islamist, dessen richtiger Name unbekannt ist und der im Internet Predigten verbreitet, in denen er Gleichgesinnte dazu aufruft, sich in deren Umfeld berühmte und/oder wichtige Personen auszusuchen und diese dann mittels eines Selbstmordattentats zu töten. Im Laufe kürzester Zeit werden daraufhin in den USA und Großbritannien mehrere solcher Attentate verübt.

Kit Carson ist Geheimdienstmitarbeiter. Er bekommt die schwierige Aufgabe, den „Prediger“ zu beseitigen.

Fazit: „Die Todesliste“ ist nach „Das vierte Protokoll“ erst der zweite Roman, den ich von Forsyth gelesen habe. Er wird auf absehbare Zeit auch der letzte sein, denn dieses Buch ließ mich mit diffusem Unwohlsein und Übelkeit zurück. Beim Versuch, Aspekte zu finden, die für die Qualität dieses „Thrillers“ sprechen, kam ich zu der ernüchternden Erkenntnis: Es gibt irgendwie keine.

Schon zu Beginn des Buches macht es der Autor seinen Lesern nicht gerade leicht: Ellenlang wird der berufliche Werdegang Kit Carsons, auch „der Spürhund“ genannt, beschrieben, der natürlich, wie sich das gehört, in die militärischen Fußstapfen seines Vaters und seines Großvaters treten soll und das auch tut. Welch gehorsames Kind…

Nur ist die Aufzählung diverser Tätigkeiten, Einsatzorte und Beförderungen vor allem eines: Vollkommen unnötig! Keine dieser Informationen bringen den Leser im Verlauf der Geschichte noch irgendwie weiter. Es verrät einem nicht das Geringste über die Person Kit Carson selbst. Ich könnte meiner Leserschaft auch detailliert meinen offiziellen Lebenslauf runterbeten, ohne das jemand der mich nicht kennt, dadurch auch nur den Hauch einer Ahnung bekommt, was für ein Mensch ich bin. So ist das hier eben auch. Was Forsyth dazu bewogen hat, das so auszuwälzen, erschließt sich mir nicht. Oder doch: Seiten füllen! Denn die äußerst dünne Geschichte füllt auch nur ein recht dünnes Buch, mit gut 300 Seiten. Ohne diesen Einleitungsquatsch hätte Forsyth vermutlich irgendwelche Verlagsvorgaben hinsichtlich des Umfangs nicht erfüllen können, das unterstelle ich einfach mal.

Auch im späteren Verlauf nimmt das Buch nicht wirklich Fahrt auf und erreicht an keiner Stelle die Spannung die das auf das Cover gedruckte Wort „Thriller“ eigentlich impliziert. „Die Todesliste“ ist definitiv kein Thriller! In äußerst nüchterner Art und Weise wird der Verlauf der Geschichte eher berichtet als erzählt. Auf Dialoge verzichtet der Autor dabei weitgehend. Nur an Stellen, an denen es sich überhaupt nicht mehr vermeiden lässt, kommt mal jemand zu Wort.

Vorsicht, leichter Spoiler! Die Geschichte selbst ist, wie schon erwähnt, weder besonders spannend noch bietet sie irgendeine Art von Überraschung. Von Anfang an ist klar, dass das Ganze vermutlich nicht mit einem verblutenden Kit Carson ausgeht, während im Hintergrund fröhlich feiernde Islamisten tanzend Blumen streuen. Nein, Carson hat den Auftrag, den „Prediger“ zu beseitigen, und in einem Buch, in dem die Rollen der Guten und der Bösen so eindeutig wie hier verteilt sind, da kann es nur ein logisches Ende geben. Spoiler Ende

Dabei hätte sich Forsyth eigentlich die Möglichkeit geboten, ein Buch über moralische Grundsätze zu schreiben. Er könnte zum Beispiel hinterfragen, ob es nicht moralisch verwerflich ist, Menschen ohne Gerichtsverhandlung zum Tode zu verurteilen. Lieber macht man sich gar nicht erst die Mühe eines solchen Verfahrens, sondern setzt eben einen Namen auf eine Liste und gibt diese Menschen dann sozusagen zum Abschuss frei. Problem gelöst? Bestimmt! Oder?

Ja, diese Frage über moralische Grundsätze hätte er stellen können. Hat er aber nicht…

Er hätte auch die Frage nach den Ursachen des radikalen Islamismus stellen können. Wie kann gewalttätiger, radikaler Islamismus zu einem gesamtgesellschaftlichen Phänomen werden? Und wo liegen die Ursachen für den Einzelnen, sich für diese Art der Weltanschauung zu begeistern?

Ja, damit hätte er sich beschäftigen können. Hat er aber nicht…

Das hätte unter Umständen aber auch so etwas wie Recherche erfordert! Pfui, das kann ich von einem Thriller-Schriftsteller doch im Leben nicht verlangen. Forsyth erklärt dem Leser stattdessen ganz dolle teure, und ganz dolle coole Fallschirmspringerausrüstung inklusive der entsprechenden Bewaffnung, mit der die ganz dolle coolen Fallschirmspringer dann Jagd auf den fürchterlich hasserfüllten Internetprediger machen. Das ist auch ein Ansatz, zugegeben, nur meiner wäre es nicht gewesen.

Dass Forsyth eher den banalen „Wir gut – die böse“-Ansatz verfolgt, wird schon in der Figur des Kit Carson deutlich. Er ist ein amerikanischer Held! Der Autor erwähnt, dass es eine amerikanische „Pionierslegende“ gleichen Namens gab…

Ich hab mich mal in einem großen Internetlexikon mit „W“ schlau gemacht: Diese „Pionierslegende“, der historische Kit Carson, zeichnete sich in erster Linie nicht durch Brunnen- und Brückenbau aus, sondern dadurch, dass er im Jahre 1863 den Vernichtungsfeldzug gegen die Navajo anführte. Dabei wurden Viehherden, Wasserstellen und Lebensmittel der Navajo vernichtet. Und, naja, ein Teil der Navajo eben auch… Ja, nee, „Pionierslegende“, is klar! Da bekommt das Wort „Legende“ eine völlig neue Bedeutung!

Abschließend kann ich sagen, dass „Die Todesliste“ für mich ein literarischer Totalausfall ist. Die Geschichte schwach, der Stil verbreitet den Charme eines 300-seitigen deutschen Behördenschreibens und mit den Charakteren habe ich mich während dieser Rezension wahrscheinlich länger befasst als der Autor während der Entstehung dieses Nicht-Thrillers. Wer Romane von Tom Clancy mit Jack Ryan in der Hauptrolle mag, was ich nicht tue, bei dem besteht die realistische Chance, sich mit diesem Buch nicht zu Tode zu langweilen. Allen anderen sei gesagt: Hände weg! Ganz ehrlich, ich mein´s nur gut mit euch! 😉

Wertung:

Handlung: 2 vom 10 Punkten

Charaktere: 2 von 10 Punkten

Stil: 3 von 10 Punkten

Spannung: 2 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 2,25 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: Ich würde ja unheimlich gerne „Die Seiten der Welt – Nachtland“ von Kai Meyer rezensieren. Weil es sich dabei aber um eine Fortsetzung handelt, könnte das schwierig werden, da ich noch nicht so ganz weiß, wie ich über dieses Buch schreiben soll, ohne zu viel vom ersten Teil zu verraten. Bis mir eine entsprechende Vorgehensweise eingefallen ist, beschäftige ich mich zeitnah erstmal mit „Girl on the train“ von Paula Hawkins.

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„Die Auftragsmörderin“ – von Sam Feuerbach – Treffen sich ein Klugsch*** und eine Zynikerin…

Buch: „Die Auftragsmörderin – Die Krosann Saga 1“ (2014)

Autor: Sam Feuerbach

Verlag: Selbstverlag

Ausgabe: Taschenbuch, 410 Seiten

Der Autor: Sam Feuerbach ist beruflich eigentlich im IT Business Consulting tätig, begann allerdings bereits mit 12 Jahren, eigene kleine Geschichten zu schreiben. Inspiriert durch Autoren wie Robert Asprin, George R.R. Martin und Joe Abercrombie, entwarf Feuerbach seine eigene Fantasy-Welt: Krosann. Nach Abschluss seiner „Krosann-Saga“ schreibt er mittlerweile an der „Königsweg-Trilogie“.

Das Buch: Karek ist der Sohn des Königs von Toladar, Tedore Marein. Irgendwann in der Zukunft soll Karek die Königswürde von seinem Vater übernehmen. Schlecht nur, dass der Prinz so gar nicht die Erwartungen seines Vaters erfüllt. Er ist zwar belesen, klug, schlagfertig, aber in erster Linie interessiert sich der junge Thronfolger vor allem für eines: Fürs essen! Politik und Schwertkampf erscheinen ihm zweitrangig. Letzterer vor allem deswegen, weil seine enorme Leibesfülle einer großen Karriere als Schwertkämpfer unwesentlich im Wege steht.

Eigentlich schon genug Sorgen für König Tedore, der sich fragt, wie man aus dem Jungen doch noch einen hoffnungsvollen Thronfolger machen kann. Zu allem Überfluss entgeht Karek dann auch noch im letzten Moment einem geplanten Attentat. Eine „Krähe“, Mitglied einer Art Assassinengilde, hat es auf das Leben Kareks abgesehen. Die „Krähen“ zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass sie einen einmal angenommen Auftrag auch ausführen.

Für Karek gibt es also keine andere Wahl: Er muss die Burg verlassen und wird unter falschem Namen zum Cousin des Königs geschickt, um dort eine militärische Ausbildung zu bekommen. Ein wahrer Albtraum für Karek, der sich eigentlich lieber in Bibliotheken oder Speisesälen aufhält. Viel lieber als mit dem Schwertkampf würde er sich mit der Frage auseinandersetzen, was es mit dem alten Pergament auf sich hat, das er aus der heimischen Burg mitgenommen hat und auf dem Worte in der Alten Sprache geschrieben sind, die schon seit Jahrhunderten niemand mehr spricht. Stattdessen verbringt er seine Zeit mit Gewaltmärschen und schmerzhaften Zweikämpfen.

Und irgendwo lauert ja auch noch die „Krähe“…

Fazit: Im Bereich deutscher Fantasy-Autoren fallen mir spontan solche Namen ein wie Hohlbein, Heitz, Hennen oder Meyer. Mit Sam Feuerbach erscheint nun ein relativ neues Gesicht am Fantasy-Himmel. Hat der Autor das Zeug, im Bereich der eben genannten Genre-Größen eine gewichtige Rolle mitzuspielen? Sofern man sich nach der Lektüre des ersten Teils dieser Trilogie eine Antwort erlauben kann, so lautet sie: „Jein“!

Einigen Stärken des Buches, zu denen ich später komme, stehen ebenso einige Schwächen gegenüber. Der Einstieg des Buches z.B. ist, sagen wir, alles andere als actionreich. Im Grunde erfährt der Leser auf den ersten paar Dutzend Seiten in regelmäßigen Abständen, so alle 3 bis 4 Seiten, dass der Prinz Hunger hat. Sein Nahrungsproblem hat man als geneigter Leser aber auch verstanden, ohne es noch vierzigfach erläutert zu bekommen. Feuerbach gehört nach eigener Aussage zu der Gruppe der „Outliner“-Autoren: Schriftsteller, die die grobe Handlung ihres Buches, inklusive Schluss, bereits im Kopf haben, und dann drauflos schreiben, um zu schauen, wohin sie der Weg führt. Der Anfang des Buches macht eher den Eindruck, als wusste Feuerbach in diesem Moment noch nicht so genau, wohin es ihn denn führen sollte. Daher erwähnt er halt lieber sicherheitshalber nochmal, dass der Prinz Hunger hat, das frisst ein bisschen Zeit und Zeilen…

Glücklicherweise kann man „Die Auftragsmörderin“ ziemlich zügig lesen, was dazu führte, dass pünktlich bevor die Nahrungssucht des Prinzen anfing, mir auf den Geist zu gehen, die eigentliche Handlung begann.

Auch den Stil Feuerbachs kann man kritisch beäugen. Feuerbach bedient sich nicht gerade eines elaborierten Codes, um mal einen Abstecher in die Lingusitik zu machen. Im Gegenteil, „Die „Auftragsmörderin“ ist sprachlich über weite Strecken schon recht einfach gehalten. Allerdings handelt es sich bei seiner Trilogie laut seiner Internetseite auch um „Fantasy für junge und ältere Erwachsene (ab 14 Jahren)“. Gut, unter dem Aspekt, nehme ich das mal so hin und der Stil sei ihm verziehen. Zumindest erklärt sich dadurch, warum ich mich öfter fühlte wie in einem „5 Freunde“-Buch.

Und nicht nur daran erinnert „Die Auftragsmörderin“. Wer einmal den Beginn der „Ulldart“-Serie von Markus Heitz gelesen hat, die ich soweit ich mich erinnern kann, auch wärmstens empfehlen kann, der entdeckt durchaus Parallelen. Karek entspricht eins zu eins dem „Keksprinzen“ aus Teil eins von Heitz´ Serie.

Nichtsdestotrotz hat das Buch auch einige große Stärken. Zum einen wären da die Charaktere. Karek ist ein wirklich sympathischer Kerl, manchmal ein wenig vorlaut, manchmal ein wahrer Klugsch***. Auch sein Sinn für Gerechtigkeit steigert seine Sympathiewerte bei mir. Und die „Krähe“ ist ebenfalls gut getroffen. Unbarmherzig und skrupellos zieht die ehemals als Attentäterin ausgebildete junge Frau zu ihrem eigenen, kleinen Rachefeldzug los. Und zwischendurch soll sie noch den Thronfolger umbringen… Mit diesen beiden Personen hat Feuerbach durchaus spannende Charaktere geschaffen. Was wäre das schön gewesen, wenn er ihnen etwas mehr Zeit gegönnt hätte. Wenn man ein, zwei der „Karek-hat-Hunger“-Eingangspassagen gestrichen hätte, wäre dafür durchaus die Möglichkeit gewesen. Nun, ich denke, im zweiten Teil nimmt sich der Autor mehr Zeit für die Beiden.

Zum anderen wäre da die Geschichte selbst. Nachdem diese nämlich einmal Fahrt aufgenommen hat, ist sie doch sehr kurzweilig. Ich zumindest möchte sehr bald wissen, wie es mit Karek und der Krähe weiter geht. Und da es sich bei diesem Buch um eine Leihgabe einer ganz zauberhaften Person handelt, schätze ich, dass ich mich dort bald mal wieder zum Kaffee einladen werde – und als netten Nebeneffekt die Teile zwei und drei mitnehme. 😉

Wertung:

Handlung: 8,5 von 10 Punkten

Charaktere: 8.5 von 10 Punkten

Stil: 6 von 10 Punkten

Atmosphäre: 6,5 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 7,375 Punkte

Demnächst in diesem Blog: „Die Todesliste“ von Frederick Forsyth. Klingt nach knallharter, kompromissloser Action…

Vielleicht aber auch „Wölfe“ von Hilary Mantel – passt doch gut zu meinem Blog! 😉 Ein über 750 Seiten langer historischer Roman – das dürfte dann länger dauern…

„Gottesfluch“ von James Becker – Tontafeln und Tote

Buch: „Gottesfluch“ (2011)

Autor: James Becker

Verlag: blanvalet

Ausgabe: Taschenbuch

Der Autor: James Becker ist das Pseudonym des britischen Autors James Barrington. Dabei handelt es sich allerdings wieder um ein Pseudonym! Eigentlich kam der Autor als Peter Stuart Smith zur Welt. Ich bleibe der Einfachheit halber einfach bei James Becker. Der Autor war 20 Jahre als Hubschrauberpilot der britischen Armee tätig, unter anderem diente er im Falkland-Krieg. Bekannt wurde Becker mit seiner mittlerweile 6 Bücher umfassenden Serie über den Geheimagenten Paul Richter. „Gottesfluch“ ist Bestandteil einer ebenfalls sechsteiligen Serie über den englischen Polizisten Chris Bronson.

Das Buch: Das Ehepaar O´Connor befindet sich im Urlaub in Marokko. Durch Zufall gelangen sie in den Besitz einer unscheinbaren Tontafel. Margaret O´Connor berichtet ihrer Tochter per E-Mail von dem Kleinod. Kurz darauf sind die O´Connors tot. Die marokkanischen Behörden vermuten einen Verkehrsunfall auf der gefährlichen Küstenstraße. Dennoch schickt die britische Polizei Chris Bronson nach Marokko. Bronson macht sich ein Bild der Lage und kommt nach kurzer Zeit zum Schluss, dass die O´Connors umgebracht wurden. Er macht sich daran, die Schuldigen ausfindig zu machen. Unterstützt wird er dabei von seiner Ex-Frau Angela, einer Archäologin. Gemeinsam kommen die beiden einem uralten Geheimnis über den Verbleib legendärer biblischer Relikte auf die Spur.

Fazit: Wenn man sich den Inhalt von „Gottesfluch“ durchliest, wird man als Leser unweigerlich an solche Bücher wie „Sakrileg“ von Dan Brown erinnert. Das scheint nun mal das Kreuz zu sein, dass jeder Autor, der sich mit biblischen Geschichten beschäftigt, tragen muss. In diesem Fall macht man damit sogar Werbung. „Ein bisschen wie Dan Browns „Sakrileg“ – nur besser“ heißt es da auf der Rückseite. Mit Verlaub, aber: Nein, sicherlich nicht! Dennoch ist „Gottesfluch“ weit davon entfernt, ein schlechtes Buch zu sein, auch wenn ich derartige Geschichten wohl schon dutzendfach gelesen habe.

Nicht nur Chris und Angela sind auf der Suche nach geheimnisvollen Tontafeln. Auch ein skrupelloser britischer Geschäftsmann, ein arabischer Krimineller und sogar der Mossad haben Lunte gerochen und versuchen in den Besitz dieser Tafeln zu kommen, weisen sie doch aller Voraussicht nach den Weg zu Ruhm und Reichtum – und zu den Gesetzestafeln mit den zehn Geboten, nebenbei bemerkt. Die Handlung springt dabei von Gruppe zu Gruppe, man weiß als Leser immer, wer gerade was tut. Das ist für die Spannung insofern nicht förderlich, weil ich eben häufig so etwas dachte wie: „Ja, toll, was immer die Beiden da jetzt finden mögen, gleich kommen die dolle pösen, pösen Puben um die Ecke und nehmen denen wieder alles weg!“ Meistens hatte ich Recht…

Wie in solchen Abenteuerromanen üblich, braucht man stilistisch kein großes Kunstwerk zu erwarten. „Gottesfluch“ ist flüssig bis rasant geschrieben und dem Tempo der Handlung vollkommen angemessen. Auch was die Charaktere angeht, muss man als Leser mit dem Nötigsten auskommen. Ein wenig wird noch die Beziehung zwischen Angela und Chris beleuchtet, das war es aber dann auch schon. Das finde ich dann schon ein wenig schade, schließlich handelt es sich um eine Buchrreihe. Und da sollten sich die Charaktere dann doch auch irgendwie in irgendeine Richtung entwickeln. Hier nicht, leider. Ich erwarte ja nicht, dass in einem solchen Buch ein Protagonist auf dem Tempelberg stehend bedeutungsschwanger „Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage: Ob´s edler im Gemüt, die Pfeil und Schleudern des wütenden Geschicks erdulden usw. usf.“ deklamiert, aber ein bisschen mehr wäre da sicherlich gegangen.

Nun, der Autor hält sich halt eher mit seiner Geschichte auf. Und die vermag durchaus gut zu unterhalten. Man könnte „Gottesfluch“ mit Fug und Recht als Popcornliteratur bezeichnen. Einfach mal das Hirn ausschalten und eine launige Geschichte konsumieren, dafür reicht das Buch allemal.

Vielleicht hat es mir aber auch besser gefallen, weil das letzte von mir rezensierte Buch „Die Königin der Schatten“ eher eine Kriegserklärung der Autorin gegenüber jedem Leser mit einem IQ oberhalb von Teerpappe war, ich weiß es nicht. 😉

Wertung:

Handlung: 7 von 10 Punkten

Charaktere: 5 von 10 Punkten

Stil: 7 von 10 Punkten

Spannung: 6,5 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 6,375 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Die Auftragsmörderin – Die Krosann-Saga Teil 1“ von Sam Feuerbach. Ich wage mich trotz meiner letzten traumatischen Erfahrung nochmal ins Fantasy-Genre. Da ich das Buch aber schon ca. zur Hälfte durch habe, und somit einen entsprechenden Eindruck gewonnen habe, habe ich vom Feeling her ein gutes Gefühl, dass es mir besser gefällt.

„Die Königin der Schatten“ von Erika Johansen – Absolut unterwältigend

Buch: „Die Königin der Schatten“ (2015)

Autorin: Erika Johansen

Verlag: Heyne

Ausgabe: Broschiert, 543 Seiten

Die Autorin: Erika Johansen lebt in der San Francisco Bay Area wo sie auch aufgewachsen ist. Sie besuchte das Swarthmore College und wurde Anwältin. Zusätzlich absolvierte sie den renommierten Iowa Writers Workshop. Eine Rede Barack Obamas über die Freiheit inspirierte sie zu ihrem Debütroman „Die Königin der Schatten“. Ach, hätte der amerikanische Präsident doch geschwiegen…

Das Buch: Das Land Tearling ist ein karges, rohstoffarmes Land und seine Bewohner leben größtenteils in Armut. Und in Angst. Angst vor dem östlichen Nachbarland Mortmesne, das seit Jahrhunderten unter der Herrschaft der Roten Königin steht und seitdem eine ständige Bedrohung darstellt. Vor beinahe 20 Jahren konnte Tearlings Königin Elyssa jedoch nach der letzten Invasion der Mortarmee einerseits einen Frieden mit der Roten Königin aushandeln – wenn auch zu einem hohen Preis – und andererseits ihre kleine Tochter Kelsea in einem abgelegenen Teil Tearlings in Sicherheit bringen.

Mittlerweile ist die Herrschaft Elyssas vorbei, auf dem Thron sitzt als Regent ihr Bruder. Und dieser versucht fieberhaft, Kelsea zu finden, da sie eine Bedrohung für ihn darstellt. Denn sie ist nunmehr alt genug, um an den Hof zurück zu kehren und Königin zu werden. Kelsea muss ihren idyllischen Wohnsitz am Wald bei ihren Pflegeeltern Barty und Carlin aufgeben und sich um Tearling kümmern. Ihr zur Seite stehen dabei lediglich eine Handvoll Männer der Königinnen-Garde, die bereits in Diensten ihrer Mutter stand, unter der Führung des kampferprobten Mace.

Fazit: Lesen sollte in erster Linie Vergnügen bereiten. Tut es das nicht, hat man sich vielleicht für das falsche Buch entschieden. Dieses, nun, ich will es mal wohlwollend „Buch“ nennen, barg für mich jedoch soviel Möglichkeiten, mich zu ärgern, dass die Lektüre schon in Stress ausartete. Ein Indiz dafür, dass ich mich für das ganz falsche Buch entschieden habe.

Es ging schon mit dem Aufkleber auf dem Buch los. Gut, mittlerweile scheint es allseits anerkannte Vorgehensweise zu sein, jedes Buch mit einer Fülle von überflüssigen, weil nichtssagenden, Aufklebern vollzubäppen, bis zur Unleserlichkeit des Titels. Ich habe mich darüber schon unzählige Male echauffiert und tue es trotzdem gerne wieder! Auf die Gutenberg-Bibeln hat schließlich auch niemand Aufkleber angebracht auf denen sowas steht wie: „Jetzt der große Gensfleisch-Sale! Zwei Bibeln zum Preis von einer! Jetzt kaufen und erst nach der Französischen Revolution bezahlen!“

Weil es aber modern ist, prangte auch auf dem vorliegenden Buch einer dieser Aufkleber. Dort war zu lesen: „Ich konnte dieses Buch nicht mehr aus der Hand legen!“ – Emma Watson. Gut, die vollkommen zu Recht als, äh, renommierte Literaturkritikerin weltberühmt gewordene Emma Watson sagt also einen ziemlich nichtssagenden Satz, den sie sich, wenn sie klug ist, woran ich nicht den Hauch eines Zweifels habe, auch noch fürstlich entlohnen ließ. Der Inhalt ihrer Äußerung ließ für mich zwei Schlussfolgerungen zu. Erstens: Miss Watson und ich haben einen diametral entgegengesetzten Buchgeschmack. Und zweitens: Ich würde Miss Watson raten, einen Orthopäden zu konsultieren! Übrigens urteilt „USA Today“ über das Buch: „Ein unglaubliches Abenteuer, das einen nicht mehr loslässt!“ Irgendwie haben sie alle also Probleme, etwas loszulassen…

Nun, genug von Aufklebern und „Hermine“ und loslassen.

Kommen wir zum Inhalt: „Die Königin der Schatten“ spielt in einer nicht näher definierten Zukunft auf der Erde. Ein gewisser William Tear war aus Amerika losgesegelt, um einen Staat ganz nach seinen Wünschen zu gründen. Ohne Religion, fast ohne moderne Technologie, ohne Gewalt, mit Wohlstand für alle, und was man sich nur so wünschen kann. Nachdem ich mir diese Basis der Hintergrundgeschichte mühsam aus einzelnen Informationsfragmenten angelesen hatte, stellten sich mir dann die ersten Fragen:

Wo ist der denn hingesegelt??? Schließlich dürfte so ziemlich jeder m² Boden auf unserer schönen Erde bereits zu irgendeinem Staat gehören oder aber sich nicht wirklich zur Besiedelung eignen. Tear ist wahrscheinlich nicht gerade nach Kiel gesegelt und hat dort gesagt: „Hallo, mein Name ist William Tear und ich möchte hier einen Staat gründen!“ Woraufhin ihm die cleveren Küstenbewohner gesagt haben: „Ja, nu, dat is hier jetzt schlecht! Aber wenn ihr von hier einige hundert Kilometer nach Süden zieht, dann kommt ihr in einen Landstrich namens Bayern unter der Herrschaft eines gewissen Seehofer! Geht dorthin und nehmt euch soviel Land wie ihr braucht, von dort kommt sowieso nichts Gutes!“

NEIN, so wird das nicht gelaufen sein!!!  Wo also liegt dann das Land Tearling? Der geneigte Leser muss bis Seite 392 warten, bis er, oder sie, auf den Satz stößt: „Denn ihrer Ansicht nach hatte Gott genau das im Sinne gehabt, als er die Neue Welt aus den Fluten gehoben hatte.“ AHAAAA, da ist also irgendwann mal neues Land aus dem Meer aufgetaucht! Ja, was wäre das hilfreich gewesen, wenn man dem Leser das zu Anfang bereits gesagt hätte!

Insgesamt passt mir das gesamte „Setting“ nicht. Was Fantasy angeht, bin ich zugegebenermaßen Traditionalist. Entweder ich entscheide mich für eine alternative Fantasy-Welt mit axtschwingenden Zwergen, mysteriösen Waldläufern und, wenn es denn unbedingt sein muss, mit über Schneedecken laufenden Elben ooooder aber ich entscheide mich für ein postapokalyptisches Science-Fiction-Szenario á la „Mad Max“! Aber beides zusammen? Das funktioniert im vorliegenden Fall irgendwie nicht. Auch und vor allem, weil dem Leser eben nicht genug Hintergrundinformationen gegeben werden um sich wirklich in Tearling und Umgebung zurecht zu finden.

Das führt dauerhaft zu offenen Fragen. Beispiel:

Ein Soldat der Königinnen-Garde erzählt etwas von der Überfahrt. Bei dieser Überfahrt geht das sogenannte „Weiße Schiff“ unter. An Bord waren alle(!) Ärzte und die medizinischen Gerätschaften, wodurch begründet wird, dass es in Tearling keine moderne Medizin gibt. Daraufhin fragt Kelsea: „Warum wurden alle Ärzte auf ein Schiff verfrachtet? Wäre es nicht logischer gewesen, jedes Schiff hätte seinen eigenen Arzt gehabt?“

„Die Geräte“, antwortete Lear mit einem leichten Schnauben, aus dem Kelsea schloss, dass er zwar gerne Geschichten erzählte, Nachfragen aber nicht besonders schätzte. „Lebensrettende Gerätschaften waren die einzige Technologie, die William Tear auf der Überfahrt gestattet hat, aber auch die gingen zusammen mit dem Wissen verloren.“

Entschuldigung, aber: HÄ??? Ich habe wirklich versucht, diese Passage zu begreifen, ich tue es aber nicht. Die Ärzte fahren alle auf einem einzigen Schiff wegen der Geräte, oder wie??? Warum??? Kapier ich nicht!

Auch wie die Magie auf die Erde gekommen ist, wird dem Leser nicht gesagt. Wahrscheinlich gab es die immer schon und ich hab es einfach nicht mitbekommen, mein Fehler! Vielleicht bin ich schon mehrfach Gandalf beim Aldi begegnet und hab auch das nur einfach nicht mitbekommen…

Tja, Fragen über Fragen bilden sich bei der Lektüre dieses Buches im Kopf des Lesers. Schade, dass nur die wenigsten beantwortet werden.

Was hab ich sonst noch alles gefunden?

– Es wird behauptet, die Ziegel aus dem Nachbarland Mortmesne würden aus dem besseren Mörtel gefertigt!

Baustoffkunde sechs, setzen! Ziegel werden aus tonhaltigem Lehm gebrannt. Mörtel ist das Zeug, dass man zwischen die Ziegel pappt, es sei denn, man zieht es vor, die Dinger einfach nur zu stapeln, was für mich jetzt aber erstmal keinen Sinn ergäbe.

– Auf Seite 210 heißt es: „Als sich ihre Blicke begegneten, stellte Kelsea überrascht fest, dass er dieselben tiefgrünen, mandelförmigen Augen hatte wie sie selbst.“

Auch auf die Gefahr hin, klugscheißerisch zu wirken: Aber es sind allerhöchstens die gleichen Augen! Wären es die selben, so würden sich Kelsea und ihr Gegenüber ein Augenpaar teilen, was sowohl medizinisch als auch anatomisch ziemlich fragwürdig sowie auch schlicht widerlich wäre! („Hier, nimm Du, ich hab´ genug gesehen…“)

– Ein Kardinal der Kirche trägt eine Anstecknadel als Erinnerung an seine Zeit bei der „Anti-Unzucht-Einheit“! Echt jetzt, „Anti-Unzucht-Einheit“!!! Wer kommt auf sowas???

Und, und, und… ich könnte noch auf viele Dinge, wenn auch Kleinigkeiten, eingehen, die mich gestört haben.

Nach diesen ganzen Unzulänglichkeiten befasse ich mich dann aber letztlich doch nochmal mit Dingen wie Stil, Charakteren und Inhalt.

Der Stil macht genau den Eindruck, als hätte man sich ihn durch die Teilnahme an einem Writers-Workshop erworben. Nicht gut, nicht schlecht, Mittelmaß.

Abgesehen von der nur unzureichend erklärten Hintergrundgeschichte gibt es ja auch noch die Handlung selbst. Die ist allerdings leider ebenfalls arg überschaubar. Erst nach ca. 150 Seiten kommen Kelsea und ihr Gardist Mace überhaupt am Hofe an. Wer den Einstieg von „Der Herr der Ringe“ langweilig fand, kennt diese 150 Seiten nicht…

Die restliche Handlung verläuft ohne große Überraschungen, leider. Wenn wenigstens ein genialer „Cliffhanger“ am Ende des Buches käme, um Lust auf die Fortsetzung zu machen! Denn, so unfassbar mir das erscheint, die ist in Arbeit. Aber nein, besagten Cliffhanger gibt es nicht, das Ganze plätschert so vor sich hin.

Vielleicht am ehesten konnte ich mich in „Die Königin der Schatten“ noch mit den Charakteren anfreunden. Kelsea ist nicht wirklich die strahlende Heldin, die man in einem solchen Buch erwarten könnte, sondern eher ahnungslos und unscheinbar. Aber immer bestrebt, das Beste zu tun, auch wenn sie sich teilweise nicht genügend Gedanken um die Konsequenzen ihres Handelns macht.

Auch Mace ist gut getroffen. Ein harter Kämpfer, loyal, immer an Kelseas Seite, der sich nicht scheut, auch mal Widerworte zu geben. Ja, Mace geht auch in Ordnung.

Die guten Ansätze bei den Charakteren reichen allerdings leider nicht ansatzweise, um dieses Machwerk irgendwie zu retten. Die Autorin beendet ihre Danksagung mit den Worten: „Zu guter Letzt noch ein Dankeschön an meine Leser! ich hoffe, ihr hattet Spaß.“ Es tut mir leid, Miss Johansen, aber: Nein, nicht im Geringsten!

Aber hey, wenigstens ist das Cover schön – wenn man vorher den Aufkleber entfernt! 😉

Übrigens: Fairerweise möchte ich aber nicht verschweigen, dass dieses Buch auf der Internetseite des großen Onlineversandhandels mit „A“ und angeblich fragwürdigen Arbeitsbedingungen größtenteils ausgesprochen positive Kritiken bekommen hat. Das deutet dann entweder darauf hin, dass ich keine Ahnung habe oder aber darauf, dass viele Menschen beim Lesen nicht denken. Um des lieben Friedens willen und der Einfachheit halber nehme ich jetzt einfach mal an, dass ich keine Ahnung habe.

Wertung:

Handlung: 2 von 10 Punkten

Charaktere: 6 von 10 Punkten

Stil: 5 von 10 Punkten

Spannung: 2 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 3,75 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: Nach diesem literarischen Waterloo kann es eigentlich nur noch besser werden. Hoffe ich. Also, demnächst gibt es „Gottesfluch“ von James Becker.

„Ich finde dich“ von Harlan Coben – Schnitzeljagd

Buch: „Ich finde dich“ (2015)

Autor: Harlan Coben

Verlag: Goldmann

Ausgabe: Taschenbuch

Der Autor: Harlen Coben, geboren 1962 in Newark, New Jersey, ist ein amerikanischer Thriller-Autor. Nach dem Studium der Politikwissenschaften und einer Tätigkeit in der Reisebranche, begann er in den 90er Jahren mit dem Schreiben und zeichnet für die erfolgreiche Buchreihe um den Sportmanager Myron Bolitar verantwortlich. Der deutschen Leserschaft besser bekannt wurde er mit anderen Thrillern, unter anderem dem hier im Jahr 2004 erschienenen “Kein Sterbenswort”. Darauf folgten weitere erfolgreiche Thriller. Mittlerweile hat der Erfolgsautor ca. 25 Bücher veröffentlicht, die in insgesamt 33 Sprachen übersetzt wurden.

Coben lebt mit seiner Frau und vier Töchtern in Ridgewood, New Jersey.

Das Buch: Während eines Aufenthaltes in einem Schriftsteller-Refugium, einer Art Workshop, möchte Jake Fisher seine Dissertation fertigstellen. Dort trifft er auf Natalie. Sofort ist für Jake klar: Sie ist die eine große Liebe seines Lebens. Die beiden verbringen drei traumhafte Monate miteinander. Dann jedoch geht alles ganz schnell: Natalie beichtet Jake, dass sie wieder mit ihrem Ex-Freund Todd zusammen sei und die beiden auch noch heiraten wollen. Auch wenn für Jake eine Welt zusammenbricht, so hält er sich doch tapfer. Sogar bei Natalies Hochzeit ist er dabei! Im Anschluss an die Trauung bittet ihn Natalie in einem persönlichen Gespräch: „Versprich mir, dass Du uns in Ruhe lässt! Versprich mir, dass Du uns nicht folgst, nicht anrufst und nicht mal eine E-Mail schickst!“

Erneut ist Jake mächtig vor den Kopf gestoßen. Da er jedoch nur das Wohlergehen seiner Angebeteten im Kopf hat, der Mann weiß halt, was sich gehört, verspricht er Natalie das alles. Und er hält sich auch daran. 6 lange Jahre!

In der Zwischenzeit ist Jake Professor an der Universität Lanford. Als er die Homepage seiner Uni öffnet, fällt sein Blick auf eine dort veröffentlichte Todesanzeige mit Foto des Verstorbenen. Irgendwie kommt Jake dieser Mann bekannt vor. Dann fällt ihm auf: Es handelt sich um Todd, Natalies Ehemann. Offensichtlich war er früher ein Student in Lanford, sogar ein begnadeter Student und talentierter Sportler.

Ohne genau zu wissen, warum, bucht Jake einen Flug, um sich auf den Weg zu Todds Beerdigung zu machen. Dort angekommen, ist er allerdings ziemlich verwirrt darüber, Natalie nicht anzutreffen. Und auch niemanden aus ihrer Familie. Erst glaubt Jake an ein Missverständnis, vielleicht hat er sich ja einfach geirrt und der Verstorbene war gar nicht Todd!? Dennoch versucht er weiter, etwas über Natalie heraus zu finden. Daher ruft er ihre Schwester an. Doch die behauptet, gar keinen Jake Fisher zu kennen! Jakes Verwirrung steigt weiter. Er beschliesst, in das Schriftsteller-Refugium zu fahren, in dem er Natalie erstmals begegnet ist. Dort wird er jedoch umgehend von zwei eher unfreundlichen Polizisten in Empfang genommen, die schwören, dass es so etwas wie dieses Schriftsteller-Refugium an diesem Ort niemals gegeben habe!

Jake gibt nicht auf: Er beauftragt eine Kollegin an der Uni, die aufgrund ihres beruflichen Werdegangs Beziehungen zu diversen Geheimdiensten hat, etwas über Natalie heraus zu bekommen. Das Ergebnis ist, wie erwartet, ernüchternd: Nichts! Absolut gar nichts ist über Natalie zu finden, keine Papiere, keine behördlichen Einträge, nicht mal im Internet taucht ihr Name auf!

Jake ist verzweifelt. Wie, und vor allen Dingen warum, kann ein Mensch so spurlos verschwinden? Er weiß nur eins: Er muss sie finden…

Fazit: Er sei „einer der wenigen Autoren, von dem ich jeden Thriller kaufe, ohne mir auch nur die Inhaltsangabe durchzulesen“ sagt Sebastian Fitzek über Harlan Coben. Mir geht es da ähnlich. Denn so richtig falsch liegen kann man bei Coben eigentlich nicht, wenn man Thriller mag. Auch nicht mit „Ich finde dich“.

Dennoch hat das Buch auch die eine oder andere Schwäche:

Coben schreibt seine Thriller gerne aus der Perspektive eines Ich-Erzählers, so auch in diesem Fall. Dagegen ist ja auch erst mal nichts einzuwenden. Die Hauptfigur erzählt da also ihre eigene Geschichte, so weit, so gut. Allerdings tut das dann jede Hauptfigur im fast identischen Stil, in Cobens eigenem Stil halt. Jake Fisher aus „Ich finde dich“ hat die fast identische Art zu schreiben bzw. zu erzählen wie z. B. Matt Hunter aus „Kein Friede den Toten“. Das macht die Hauptfiguren dann eben auch irgendwie austauschbar. Sie sind deswegen nicht schlechter, nur beliebiger.

Da wäre es schon schön, wenn Mr. Coben doch in Zukunft mal dazu übergehen könnte, jedem Ich-Erzähler eine persönlichere Note zu geben, einen individuellen, charakteristischen Stil eben.

Von dieser Meckerei auf zugegebenermaßen hohem Niveau abgesehen, liest sich „Ich finde dich“ allerdings ziemlich gut. Kommen wir also von diesen zu vernachlässigenden Schwächen beim Stil und den Charakteren hin zu der großen Stärke, die seine Bücher meistens auszeichnet, nämlich, so banal das klingt, der Handlung als solche. Coban denkt sich immer wieder spannende und verwirrende Geschichten aus und ist in der Lage, den Leser so lange wie möglich im Unklaren über die Zusammenhänge zu lassen. Die Frage nach Natalies Schicksal führte einerseits dazu, dass ich mir die wildesten Theorien zusammengesponnen habe (alle verkehrt!) und andererseits dazu, dass ich plötzlich erstaunt feststellen musste, dass ich schon fast am Ende des Buches angekommen war.

Thriller-Fans im Allgemeinen und Coben-Fans im Speziellen können in diesem Fall bedenkenlos zugreifen. Im Moment steht das Buch auf Platz 4 der Spiegel-Bestsellerliste im Bereich „Taschenbücher“. Ich bin mit meiner Meinung also nicht alleine! 😉

Wertung:

Handlung: 9 von 10 Punkten

Charaktere: 7 von 10 Punkten

Stil: 7 von 10 Punkten

Spannung: 9 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 8 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog:

Offensichtlich scheint ein Interesse daran zu bestehen, dass ich tatsächlich zeitnah das Buch „Die Königin der Schatten“ rezensiere. Dazu müsste ich es ja allerdings auch lesen. Und nach bisher durchgequälten 138 Seiten hätte ich eigentlich lieber Lust, mich geißelnd durch heimische Fußgängerzonen zu bewegen als dieses Machwerk durchzuackern. Aber was tut man nicht alles für seine Leserschaft!? Und wer weiß, vielleicht werden die restlichen 400 Seiten ja richtig gut…

Also, kurz gesagt, demnächst gibt es hier „Die Königin der Schatten“ von Erika Johansen.

„Totengleich“ von Tana French – Trügerisches Idyll

Buch: „Totengleich“ (2014)

Autorin: Tana French

Verlag: Fischer

Ausgabe: Taschenbuch, 778 Seiten

Die Autorin: Tana French, geboren 1973, ist eine amerikanisch-italienische Krimi-Autorin. Sie wuchs in Irland, Italien und Malawi auf. Vor ihrer Karriere als Schriftstellerin absolvierte French eine Schauspielausbildung am Trinity College und arbeitete für Theater, Film und Fernsehen. Mittlerweile lebt sie mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in Dublin. Seit 2008 hat French insgesamt 5 Bücher veröffentlicht, für die sie bereits vielfach ausgezeichnet wurde. Vollkommen zu Recht!

Das Buch: Cassie Maddox ist 26 Jahre alt und hat gerade vor einem Jahr die Polizeischule abgeschlossen. Da bietet sich ihr eine große Chance: Der Polizist Frank Mackey, Leiter der Undercoverabteilung, sucht für eine verdeckte Ermittlung eine Polizistin, die für Anfang 20 durchgeht und Universitätserfahrung hat. Cassie hat einige Semester Psychologie studiert, bevor sie sich entschloss, zur Polizei zu wechseln. Sie bekommt den Job.

Zusammen erfinden die beiden Cassies neue Identität: Lexie Madison. Ein kompletter Lebenslauf, ein familiärer Hintergrund und weitere Details werden ausgearbeitet. Cassie beginnt, als Lexie Madison zu ermitteln. Einige Zeit später wird der Einsatz erfolgreich abgeschlossen, auch wenn Cassie dabei verletzt wird, und die fiktive Person „Lexie Madison“ verschwindet in den Polizeiakten.

Einige Jahre später: Nach einer kurzen Tätigkeit im Morddezernat arbeitet Cassie mittlerweile im DHG, im Dezernat für häusliche Gewalt. Umso erstaunter ist sie, als ihr Freund Sam, ebenfalls Polizist und im Morddezernat tätig, sie bittet, an den Tatort eines Mordes zu kommen. Schließlich ist sie für solche Fälle nicht mehr zuständig. Letztlich lässt sie sich überzeugen und macht sich auf den Weg.

Am Ort des Verbrechens, einem abgelegenen alten Cottage, erwartet sie gleich ein doppelter Schock: Das Mordopfer, eine junge Frau, gleicht Cassie bis aufs Haar! Und aus den Ausweispapieren der Toten geht hervor, dass es sich bei ihr um eine gewisse Lexie Madison handelt!

Frank Mackey versucht zu ergründen, wie es zu diesem offensichtlichen Identitätsdiebstahl an einer nichtexistenten Person gekommen sein kann. Zuletzt hat das Mordopfer zusammen mit vier Freunden in einem großen Herrenhaus, Whitethorn House, gewohnt, das einer der Freunde geerbt hat. Mackey beschliesst, ihren Freunden gegenüber zu behaupten, Lexie habe überlebt und ziehe in Kürze wieder in Whitethorn House ein. Dann überredet er Cassie, nochmal undercover zu arbeiten und so zieht sie schließlich als „Lexie Madison“ in das Herrenhaus ein, um heraus zu finden, ob einer der Mitbewohner für den Mord verantwortlich ist. Oder vielleicht doch jemand der Einwohner des nahegelegenen Dorfes Glenskehy, die so gar nicht gut auf die jungen Leute vom Whitethorn House zu sprechen sind?

Fazit: Im Verleich zu den anderen Büchern, die ich von Tana French bisher gelesen habe, ist „Totengleich“ immer ein bisschen weniger. Ein bisschen weniger düster als „Schattenstill“, ein bisschen weniger deprimierend als „Sterbenskalt“ und ein bisschen weniger temporeich als „Geheimer Ort“. Aber insgesamt ist es immer noch ein guter Krimi. Sie kann es halt, die Tana.

Stilistisch unterscheidet sich „Totengleich“ naturgemäß nicht von ihren anderen Krimis. French fängt die typisch irische Stimmung, die ihre Bücher häufig ausmachen, wie immer sehr gut ein. Ich finde zwar die lineare Erzählweise irgendwie unglücklich, da ich lieber Handlungen habe, die mal von Ort zu Ort und von Handlungsstrang zu Handlungsstrang springen, wie z.B. in „Geheimer Ort“, aber das ist in diesem Fall dem Plot geschuldet und sei daher verziehen. Alles wird eben aus Cassies Sicht erzählt und die wohnt nun mal mit „ihren“ Freunden in Whitethorn House, da sind Ortswechsel nur schwer möglich bzw. ergeben keinen Sinn.

HANDLUNG!!!! Ich meinte natürlich „Handlung“ und nicht „Plot“!!! Da hätte ich doch fast einen unnützen Anglizismus benutzt,…pfui,… ich fühl mich so schmutzig…! 😉 Lassen wir das und kommen zu einer der größten Stärken der Autorin: Den Charakteren.

Verglichen mit anderen Größen des Krimigenres sind die Charaktere in Frenchs Büchern immer ausgesprochen detailliert ausgearbeitet. Das gilt in erster Linie für die Protagonistin Cassie, die anfangs einfach ihre Ermittlung erfolgreich bestreiten will, sich aber später durch die Harmonie und die Idylle, die im Haus und zwischen den Bewohnern herrscht, emotional sehr mit den anderen verbunden fühlt. Eine Art Stockholm-Syndrom light.

Auch ihre Mitbewohner sind gut getroffen: Der extrem schüchterne Justin, der eher extrovertierte Rafe, Daniel, der eine Art Anführerrolle in der Gruppe übernommen hat, schließlich hat er das Haus auch geerbt, und schließlich Abby, schwer verliebt in Daniel.

Die Handlung hat jedoch sicherlich die eine oder andere Länge. Anfangs habe ich mich einige Zeit gefragt, was das Ganze denn nun soll. Und es dauert dann nochmal eine ganze Weile, bis die Handlung so richtig in Gang kommt. Nach knappen 200 Seiten, wenn Cassie in Whitethorn House einzieht, dann allerdings weiß „Totengleich“ wirklich zu überzeugen. Na, bis auf einen kurzen sehr kitischigen Exkurs gegen Ende des Buches, aber auch das sei ihr verziehen.

Insgesamt fühlte ich mich von „Totengleich“ recht gut unterhalten und stelle betrübt fest, dass es lediglich ein weiteres Buch von French gibt, das ich noch nicht gelesen habe. Ich will doch schwer hoffen, sie schreibt möglichst schnell möglichst viele weitere!!!

Wertung:

Handlung: 7,5 von 10 Punkten

Charaktere: 8,5 von 10 Punkten

Stil: 8,5 von 10 Punkten

Spannung: 7,5 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 8 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Die Königin der Schatten“ von Erika Johansen. Ein erneuter Ausflug ins Fantasy-Genre. Ich hoffe, dieser impulsive Spontankauf hat sich gelohnt…

Ooooder aber „Ich finde Dich“ von Harlan Coben. Der geht eigentlich immer!

Mal schauen, ich bin Entscheidungsneurotiker…

„Das Kind, das nachts die Sonne fand“ von Luca di Fulvio – Ghostwriter???

Buch: „Das Kind, das nachts die Sonne fand“ (2015)

Autor: Luca di Fulvio

Verlag: Bastei Lübbe

Ausgabe: Taschenbuch, 830 Seiten

Der Autor: Luca di Fulvio ist ein 1957 geborener italienischer Schriftsteller. Nach seinem Studium der Dramaturgie in Rom wandte er sich dem Theater zu. Seit 1996 ist er als Schriftsteller tätig. Bisher veröffentlichte di Fulvio neun Bücher, von denen allerdings nur wenige auch auf deutsch erschienen sind. Bekannt wurde er in erster Linie durch seine Bücher „Der Junge, der Träume schenkte“ und „Das Mädchen, das den Himmel berührte“. Diesen beiden, meiner Meinung nach, herausragenden historischen Romanen folgt nun „Das Kind, das nachts die Sonne fand“.

Das Buch: Im Jahre 1407 herrscht Fürst Marcus I. von Saxia über das kleine Fürstentum Raühnval in den Alpen. Sein Sohn, Erbprinz Marcus II. von Saxia, wächst am Hofe wohlbehütet auf. Dann jedoch wird die heimische Burg überfallen. Eine Gruppe Banditen tötet alle Bewohner der Burg, auch Fürst Marcus I. stirbt im Kampf. Sein Sohn kann sich rechtzeitig verstecken und beobachtet das Massaker an Freunden und Familie. Schließlich wird er von Eloisa, der Tochter der Hebamme Anneke, gerettet und in das nicht weit entfernte Dorf gebracht.

Bereits kurz nach dem Tod des Fürsten fügt der Fürst von Ostjernig, Herrscher über das benachbarte Fürstentum, das wohlhabende Raühnval seinem Einflussbereich mittels umfangreicher Intrigen hinzu. Von nun an leiden die Menschen im Raühnval unter dem grausamen und jähzornigen neuen Herrscher, der in schöner Regelmäßigkeit unschuldige Menschen zu seiner Belustigung hinrichten lässt.

Schließlich findet Marcus II., der mittlerweile unter dem Namen Mikael im Dorf lebt, um nicht die Aufmerksamkeit des Fürsten von Ostjernik zu erregen, heraus, dass die Banditen, die seine Familie umgebracht haben, im Auftrag Ostjerniks gehandelt haben und vom finsteren Agomar angeführt wurden, der mittlerweile Hauptmann in Diensten Ostjerniks ist.

Mikael, so wollen wir ihn fortan nennen, schwört Rache an Agomar und an Fürst Ostjernik…

Fazit: Mit „Der Junge, der Träume schenkte“ und „Das Mädchen, das den Himmel berührte“ hat Luca di Fulvio bewiesen, dass er wirklich gute historische Romane schreiben kann. Daher war ich relativ optimistisch, dass mir auch „Das Kind, das nachts die Sonne fand“ gut gefallen würde. Nach einiger Zeit musste ich jedoch mit Schrecken feststellen, dass ich so gar keinen Bezug zu diesem Buch aufbauen konnte. Umso mehr habe ich beschlossen, dass dieses Buch mir unbedingt gefallen muss, weil nicht sein kann, was nicht sein darf! Wirklich geholfen hat dieser Beschluss tragischerweise nicht…

Wie auch in seinen früheren Romanen merkt man di Fulvio an, dass er ein überdurchschnittlich guter Geschichtenerzähler ist. Leider ist der Stil aber auch der einzige Anhaltspunkt, der für mich darauf hindeutet, dass er das Buch selbst geschrieben hat.

Die Charaktere des Buches sind wirklich erschreckend nichtssagend: Wir hätten da Mikael, den strahlenden Helden der Geschichte. Vom Schicksal arg gebeutelt, gibt er jedoch niemals auf, verfolgt immer sein Ziel, setzt sich ein für die Menschen, die er liebt, um letztlich…würg! Fürch-ter-lich! Ziemlich überzeichnet.

Der gute Mikael ist allerdings so gar nichts im Gegensatz zum Fürsten von Ostjernik! Der geneigte Leser hat bereits nach realtiv kurzer Zeit begriffen, dass er der ganz dolle pöse, pöse Antagonist ist. Da hilft es dann wenig, die 382. Hinrichtung oder die Vergewaltigung seiner eigenen Tochter zu schildern. Ostjernik ist im Grunde nur böse und grausam, mehr macht seine Person nicht aus. Über die Gründe für diese Wesensentwicklung erfährt der Leser eigentlich nur, dass Ostjernik selbst keine Liebe durch seine Eltern erfahren hat. Och, der Ärmste!!! Ja gut, dass seine Eltern ihm eher mit Abneigung begegnen, liegt vielleicht auch daran, dass Klein-Ostjernik bereits in seiner Kindheit Tiere gequält hat und auch sonst ein ziemlich seltsames Kind war. Da fällt es einem vielleicht irgendwie schwer, eine intensive Beziehung zu dem Jungen aufzubauen. Wenn Mikael ziemlich überzeichnet ist, dann ist Fürst Ostjernik hoffnungslos überzeichnet. Der Sheriff von Nottingham ist dagegen ein pazifistischer Zen-Buddhist! Überhaupt erinnerte mich die ganze Geschichte irgendwie an „Robin Hood“, nur in schlecht.

Im Bereich der Charaktere könnte ich noch viele weitere verunglückte und/oder überflüssige Personen nennen. Als einziges Beispiel sei hier noch Raphael genannt, eine Art Lehrmeister für Mikael, dessen Vergangenheit lange im Dunkel bleibt und erst kurz vor Ende des Buches überaus unspektakulär geschildert wird. Jener Raphael ist bestrebt, Mikaels körperlichen Zustand zu verbessern, der Junge soll Muskeln bekommen. Daher lässt er ihn unter anderem eine größere Fläche Erde aufhacken, nicht ohne ihm dabei die richtige Technik zu zeigen. Und in diesem Zusammenhang erklärt Raphael seinem jungen Schützling dann etwas von „Trägheit der Masse“! Trägheit der Masse!!! Na, Mensch, wenn Galilei und Newton gewusst hätten, dass bereits ein Einsiedler im Jahre des Herrn 1407 sowas kennt, dann hätten sie sich ihre ganze Forschung schenken können!

Letztlich scheitert das Buch für mich aber nicht an den miesen Charakteren sondern schlicht an der Geschichte selbst. 830 Seiten, die von vorn bis hinten vorhersehbar sind! Keine überraschende Wendung, keine beiläufig um die Ecke gebrachten Personen, keinerlei Spannung. Stattdessen gleitet das Buch bisweilen in die Kitsch-Ecke ab. Passend dazu fehlen auch nicht solche Sätze wie „Ich lasse Dich nicht zurück!“ (Ein Klassiker!) oder „Jedes Mal wenn Du mich küsst, macht mein Herz einen Sprung“ oder „Ich liebe Dich, weil ich gar nicht anders kann“ oder auch (nicht zu toppen, meiner Meinung nach) „Lieber sterbe ich in Deinen Armen, als ohne Dich zu leben!“

Jetzt, da ich diesen ganzen Murks nochmal rausschreibe, frage ich mich, warum ich mich während der Lektüre nicht fortwährend übergeben habe!

Als Kontrastprogramm gibt es dann einige Kampf- und Action-Szenen, die wohl für das gefühlsduselige oben erwähnte Geschwurbsel entschädigen sollen, sich aber eher durch sinnlos beschriebene übertriebene Gewalt auszeichnen.

Im Grunde genommen liest sich das Ganze nicht wie ein di Fulvio. Eher liest es sich wie Iny Lorentz! Meine Theorie daher ist, dass der gute Luca keine Idee für sein neues Buch hatte. Daraufhin hat er Iny Klocke und Elmar Wohlrath (besser bekannt als Iny Lorentz) gefragt, ob sie ihm nicht helfen können. Die haben daraufhin zugesagt und Rosamunde Pilcher kontaktiert. Und dann haben diese vier im Rahmen einer Scéance die Gebrüder Grimm beschworen und alle sechs zusammen haben dann dieses Machwerk verbrochen, unter Zuhilfenahme von ca 16.000 Flaschen Rotwein. Und irgendwem ist dann aufgefallen, dass noch ein wenig Action fehlt, woraufhin man sich die Unterstützung von Peter Jackson gesichert hat, der für den Gewalt-Anteil im Buch zutändig war.

Oder aber, nur so ganz vielleicht, Luca di Fulvio war es doch selbst und hat einfach mal ein schlechtes Buch geschrieben. Man weiß es nicht.

Wertung

Handlung 3,5 von 10 Punkten

Charaktere: 3 von 10 Punkten

Stil: 7,5 von 10 Punkten

Atmosphäre: 3 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 4,25 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Totengleich“ von Tana French. Es ist mal wieder Krimi-Zeit. Bitte, bitte, liebe Frau French, enttäuschen Sie mich nicht auch noch…

„Der Krieger und der Prinz“ von Liane Merciel – Guter Einstand

Buch: „Der Krieger und der Prinz“ (2011)

Autorin: Liane Merciel

Verlag: blanvalet

Ausgabe: Taschenbuch, 445 Seiten

Die Autorin: Liane Merciel ist eine junge amerikanische Autorin, die zurzeit in Philadelphia lebt und dort als Anwältin tätig ist. Sie ist unter anderem in Deutschland, Korea und verschiedenen Orten in den USA aufgewachsen und hat an der renommierten Universität von Yale studiert. „Der Krieger und der Prinz“ ist ihr erster Roman.

Das Buch: Die Länder Eichenharn und Langmyr liegen seit Ewigkeiten miteinander im Streit. Auch außerhab offizieller Kriegszeiten kommt es immer wieder zu Übergriffen und Scharmützeln entlang des Grenzflusses Seivern. Daher beschließt Sir Galefrid von Bullenmark, Sohn des Eichenharner Königs und rechtmäßiger Thronfolger, zusammen mit seiner frisch angetrauten Frau, seinem neugeborenen Sohn Wistan und einem großen Gefolge, nach Langmyr zu reisen, um ein Zeichen des Friedens zu setzen und möglicherweise Verhandlungen über eine dauerhafte Aussöhnung der beiden Länder zu führen.

Im kleinen Ort Weidenfeld jedoch werden die Eichenharner während einer religiösen Zeremonie überfallen und getötet. Lediglich Brys Tarnell, mutiger aber mittelloser Ritter in den Diensten Galefrids von Bullenmark, überlebt den Angriff – und der kleine Wistan. Tarnell bringt das Kind aus dem Dorf und versucht einerseits, den Jungen nach Hause in die heimische Burg zu bringen und andererseits, herauszufinden, wer die Angreifer waren. Nicht ahnend, dass Galefrids eigener Bruder Leferic die Morde in Auftrag gegeben hat und sich zu diesem Zweck die Dienste einer Dorne (Hexe) gesichert hat, furchterregende und mächtige Geschöpfe!

Auch auf Seite Langmyrs ist dem dortigen König, Lord Eduin Inguilar, nicht an weiteren militärischen Auseinandersetzungen gelegen. Er nimmt daher einen Ritter der Göttin Celestia sowie dessen Gefährtin und Geweihte in seinen Dienst, Kelland und Bitharn. Sie sollen ebenfalls herausfinden, was genau in Weidenfeld passiert ist und die Schuldigen zur Rechenschaft ziehen. Und das möglichst, bevor ein weiterer Krieg zwischen den beiden Ländern unvermeidbar wird.

Fazit: Kürzlich sprach ich mit einer sehr geschätzten Leserin meines Blogs. Diese äußerte die Vermutung, dass wir doch einen merklich unterschiedlichen Buchgeschmack hätten. Sie habe z. B. „Der Schatten des Windes“ einfach nicht zu Ende lesen können und stattdessen eher eine Vorliebe für das Fantasy-Genre. Nachdem sich meine Empörung bezüglich „Der Schatten des Windes“ ein wenig gelegt hatte (echt jetzt, „nicht zu Ende lesen können“ unfassbar! 😉 ), bin ich zu dem Schluss gekommen, dass ich das von mir eigentlich ebenfalls heiß und innig geliebte Fantasy-Genre viel zu lange und unberechtigterweise mit Nichtbeachtung gestraft habe. Das wird nun hiermit geändert.

Nein, ich werde nicht länger als unbedingt notwendig darauf rumreiten, dass eine wörtliche Übersetzung des Originaltitels den deutschen Titel „Die Straße der Flußkönige“ ergeben hätte, was schön geklungen hätte. Ich wollte es nur mal erwähnen! Stattdessen hat man sich für das sehr viel banalere „Der Krieger und der Prinz“ entschieden. Das klingt weniger nach Fantasy. Das klingt, völlig wertfrei gemeint, mehr nach homoerotischem Mittelalter-Roman. Ein im Jahre 1246 spielendes „Fifty shades of gay“, geschrieben von E. L. James und Rosamunde Pilcher, oder so! 😉 Nun, dem ist nicht so.

„Der Krieger und der Prinz“ ist – für ein Erstlingswerk – sogar ein erstaunlich guter Fantasy-Roman, trotz aller Schwächen:

Es gibt wirklich wenige, wenige Charaktere in diesem Buch, die man sympathisch finden oder auch nur nachvollziehen kann. Brys Tarnell z. B. ist, Entschuldigung, ein wahrer Kotzbrocken! Ja, er rettet das Baby vor den Angreifern in Weidenfeld. Das tut er allerdings in erster Linie aus persönlicher Gewinnsucht. Bei seinen Nachforschungen zu den Drahtziehern des Überfalls bringt er in schöner Regelmäßigkeit beiläufig Menschen um, die im Normalfall bereits völlig wehrlos sind. Nee, also als Held und Identifikationsfigur taugt er nicht. Seine Begleitung, die aus Weidenfeld stammende Odosse ist irgendwie, nun ja, ein eher seichtes Gemüt und langweilig.

Dann hätten wir noch den Ritter in strahlend goldener Rüstung, und das ist wörtlich zu nehmen, und seine Begleitung, Kelland und Bitharn. Während Brys und der hinterlistige Leferic übertrieben böse sind, sind Kellen und Bitharn das genaue Gegenteil. Ein bisschen zu sehr schwarz und weiß im Bereich der Charaktere.

Stilistisch bin ich mit Frau Merciel allerdings ziemlich zufrieden. So in etwa sollte man Fantasy-Romane schreiben. Eine bildhafte Sprache, keine unnötig verschachtelten Sätze. Doch, da kann man nicht meckern.

Inhaltlich hat „Der Krieger und der Prinz“ wieder so einige Schwächen. Man weiß halt schon zu Beginn des Buches, wer für den Überfall in Weidenfeld verantwortlich ist, es steht nämlich auf der Rückseite des Buches! Dem Leser diese Information vorzuenthalten, wäre sicherlich klüger gewesen! So kommt zumindest in diesem Teil der Handlung wenig Spannung auf.

Gut, wenn der Stil ganz in Ordnung, die Charaktere ein wenig daneben und die Spannung überschaubar ist, warum hat mir das Buch dann so gut gefallen? In erster Linie wegen der Geschichte hinter der Geschichte. Liane Merciel versteht es, durch die Schilderungen geschichtlicher Ereignisse oder Legenden aus grauer Vorzeit, ihrer Welt Leben einzuhauchen und eine erstaunliche Tiefe zu verleihen. Wenn man z. B. simpel schreibt, dass Land A und Land B im Krieg miteinander sind, dann ist das schön und gut. Mir wäre aber als Leser wichtig, zu wissen, WIESO die sich im Krieg befinden. Und genau solche Informationen gibt die Autorin ihren Lesern. Und das ermöglicht es mir als Leser, mich besser in das Buch und die Geschichte zu vertiefen.

Also, wie gesagt, für ein Erstlingswerk eine beachtliche Leistung.

Mittlerweile ist bereits der zweite Teil der Reihe erschienen. Und der wird sich sehr, sehr bald in meinem Besitz befinden! 😉

Wertung:

Handlung: 7 von 10 Punkten

Charaktere: 7 von 10 Punkten

Stil: 8,5 von 10 Punkten

Atmosphäre: 9,5 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 8 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog:  „Das Kind, das nachts die Sonne fand“ von Luca di Fulvio. Seine ersten beiden historischen Romane waren mindestens großartig, ich will mal hoffen, dass der dritte da mithalten kann…