„Schweigende Sünde“ von Lieneke Dijkzeul – Een plezant misdaadroman

Buch: „Schweigende Sünde“ (2012)

Autorin: Lieneke Dijkzeul

Verlag: dtv

Ausgabe: Taschenbuch, 335 Seiten

Die Autorin: Lieneke Dijkzeul, geboren 1950 in Sneek, ist eine holländische Autorin. Nach einer Fülle von Kinderbüchern, erschienen in den letzten Jahren zunehmend  Bücher für Erwachsene, die hierzulande jedoch relativ wenig Beachtung fanden, teilweise gar nicht übersetzt wurden. Bei unseren Nachbarn jedoch gehört L. Dijkzeul mittlerweile zu den Größen des Krimi-Genres.

Das Buch: Im Rahmen eines großen jahrgangsübergreifenden Klassentreffens geschieht ein Verbrechen: Der Lehrer Eric Janson wird tot vor dem Waschbecken der Schultoilette gefunden. Sofort wird die Polizei verständigt. Das Ermittlerteam, bestehend aus den Polizisten Brink, Talsma, der jungen Renée Petterson und dem Vorgesetzten Paul Vegter, beginnt umgehend mit der Arbeit.

Ist der Täter unter den ehemaligen Schülern wie Bart, David, Eric, Eva und Ingrid zu suchen? Oder kommt doch eher jemand aus Jansons Familie in Frage, eine seiner beiden Ex-Frauen etwa?

Fazit: Ich weiß, ich hatte an dieser Stelle das Buch „Das größere Wunder“ von Thomas Glavinic angekündigt. Aber wie ein großer deutscher Politiker mal gesagt hat: „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?“ 😉 Ich habe mich entschieden, das Buch vorerst nicht zu rezensieren, obwohl, oder vielleicht auch gerade weil, es mir wirklich hervorragend gefallen hat. Rückblickend fällt es aber dann doch zu sehr in den Bereich der Bücher über „Das Leben, das Universum und den ganzen Rest“, um es mal mit Douglas Adams zu sagen, die ich in letzter Zeit gelesen und auch nicht rezensiert, sondern für mich behalten habe. Vielleicht schreibe ich ein andermal drüber, wer weiß!?

Nun aber zum vorliegenden Werk: Ich hätte ja nie gedacht, dass ich mal eine holländische Überschrift verwende, Fehler vorbehalten. 😉 Aber mal ehrlich: Was für eine poetische Sprache…! Krimi = misdaadroman! Herrlich, oder!? Hach, was müssen die Holländer für einen Spaß haben… 😉

So, nun aber wirklich in medias res! Mit „Schweigende Sünde“ habe ich meinen eigenen Rekord in Sachen „Täter-raten“ gebrochen: Auf Seite 23 hatte ich die Lösung gefunden!!! Zu diesem Zeitpunkt der Handlung war der oben erwähnte Lehrer noch nicht mal tot!!! Schade, wenn dann noch über 300 Seiten folgen. Aber, warum druckt der Verlag auf der Rückseite des Buches bedeutungsschwere Sätze ab, die in Verbindung mit den ersten Seiten des Buches für jeden, der schon mal einen Krimi gelesen hat, nur eine Schlussfolgerung hinsichtlich des Täters zulassen.

Traurig sowas, denn eigentlich ist „Schweigende Sünde“ wirklich „een plezant misdaadroman“, ohne mich jetzt aber aus den Latschen zu hauen. Bei den Charakteren hat die Autorin, deren erneute Verwendung ihres Namens ich mir im weiteren Verlauf dieser Rezension jedoch weitgehend verkneifen werde, weil ich immer wieder nachsehen muss, wie er sich schreibt, jene Autorin also hat bereits bei den Charakteren tief in die Krimi-Klischee-Kiste gegriffen. Da haben wir im Ermittlerteam einen talentierten Jungspund, den souveränen älteren Ermittler, die umwerfend attraktive Polizistin mit den kupferroten Haaren und deren Chef. Und der ist wie alle, wirklich alle, alle, alle Chefs von Ermittlerteams der Krimis, die ich in jüngerer Vergangenheit gelesen habe: Vegter befindet sich kurz vor der Pensionierung, seine Frau ist vor einem Jahr bei einem Autounfall ums Leben gekommen, er wohnt allein mit seinem Kater (ebenfalls kurz vor der Pensionierung), seine Tochter kommt ihn selten besuchen. Warum, um alles in der Welt, erinnern die mich alle immer wieder entfernt an Wallander? Warum kann da nicht mal jemand kommen, der 25 Jahre jünger ist und noch nicht desillusioniert? Der vielleicht sogar so etwas Abgefahrenes hat wie eine Familie? Oder, Gott bewahre, vielleicht sogar ein glückliches Leben? Sowas soll es doch geben, habe ich gehört!

Na, sei´s drum! Wenigstens in die Bösewicht-Seite hat Frau, ääh, hat die Autorin mehr Zeit investiert, so dass dort dann wesentlich differenziertere Figuren herausgekommen sind. Auf die kann ich natürlich mal wieder nicht eingehen, Spoiler, und so. Ihr müsst wohl selbst bis Seite 23 lesen… Stilistisch erfindet die Autorin das Genre zwar nicht neu, schreibt aber recht angenehm. Auf eine unaufdringlich-unspektakuläre Art eben. Das passt schon! Tja, inhaltlich…Seite 23 eben…!

Das alles klingt jetzt irgendwie schlechter als es wirklich ist. Wer einen Krimi für zwischendurch sucht, kann sich „Schweigende Sünde“ durchaus gönnen. Ich gehe aber davon aus, dass dieser Krimi dem Leser dann ähnlich nachhaltig im Gedächtnis bleibt, wie Menschen, die man flüchtig kennt und dann auf der Straße trifft: „Ach, guck mal, der Dings, der Dings,… Mensch, wie hieß der noch…?“

Wertung:

Handlung: 4 von 10 Punkten

Charaktere: 5 von 10 Punkten

Stil: 7,5 von 10 Punkten

Spannung: 23, äääh, nein, 3 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 4,875 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: Ich widme mich bald mal wieder verstärkt dem lange von mir vernachlässigten Fantasy-Genre. Als erstes mit „Der Krieger und der Prinz“ von Liane Merciel.

„Das verschollene Reich“ von Michael Peinkofer

Buch: „Das verschollene Reich“ (2015)

Autor: Michael Peinkofer

Verlag: Bastei Lübbe

Ausgabe: Taschenbuch, 556 Seiten

Der Autor: Michael Peinkofer, Jahrgang 1969, ist ein deutscher Autor, Filmjournalist und Übersetzer.

Er studierte in München Germanistik, Geschichte und Kommunikationswissenschaften. Bereits während dieser Zeit veröffentlichte er mehrere Texte unter Pseudonym. Nach seiner Arbeit für diverse Filmmagazine unternahm er zwischen 1991 und 2001 ausgedehnte Reisen in die USA und war als Reiseberichterstatter tätig. Seinen literarischen Durchbruch feierte er mit dem im Jahr 2004 erschienenen historischen Roman „Die Bruderschaft der Runen“.  Den Fantasy-Fans ist er durch seine Romane um „Die Orks“ ein Begriff.

Gemäß seines Eintrags in dem großen Online-Lexikon mit W hat Peinkofer unter diversen Pseudonymen bisher etwa 180(!) Romane geschrieben. Berücksichtigt man die Mindestzahl an Seiten, die ein Werk haben sollte, um als Roman zu gelten und Peinkofers Geburtsjahr, dann halte ich die Zahl von 180 für, nun ja, ähm, diskussionswürdig. Aber da ich einem meiner Lieblingsautoren nicht Unrecht tun möchte, gehe ich einfach mal von einer eher großzügigen Definition des Wortes Roman aus. Aber Roman hin oder her: 180 Bücher zu schreiben, das ist schon mal eine beachtliche Leistung.

Das Buch: Ende des 12. Jahrhunderts: Sir Robert der Morvaie ist Sheriff des Königs und Vater des jungen Rowan. Rowans Mutter jedoch ist eine Gemeine, weswegen sich Sir Robert nur einmal herablässt, seinen Sohn zu besuchen: Um ihn der Obhut seiner Mutter zu entreißen und zur Ausbildung in ein Kloster zu geben.

Rowan jedoch gibt sich widerspenstig, ein vorblidlicher Mönch wird aus ihm nicht werden. Er wird von Kloster zu Kloster, von Mönch zu Mönch weiter gereicht. Sonderlich gut behandelt wird er eigentlich nie. Irgendwann, in einem Kloster in Ascalon, im Königreich Jerusalem, sitzt Rowan mal wieder im Karzer. Und dort trifft er auf den alten Benediktinermönch Cuthbert, der ihn gerne in seine Dienste nehmen möchte. Cuthbert war vor Jahren Berater des Königs Amalric von Jerusalem, überwarf sich jedoch mit diesem und möchte erst jetzt, nach Amalrics Tod und auf Geheiß von dessen Tochter, Königin Sibylla, nach Jerusalem zurückkehren. Und Rowan soll ihn begleiten. Der junge Novize ist ist Feuer und Flamme, hat er doch die Heilige Stadt noch nie gesehen.

Erst später erfährt er die Gründe für Cuthberts und seinen Besuch bei Königin Sybilla: Johannes Presbyter, ein sagenumwobener Herrscher eines unbekannten christlichen Landes weit, weit im Osten, hat einen Brief an den Kaiser von Byzanz geschickt, schon vor Jahren. Eine Abschrift dieses Briefes ist nun auch Königin Sibylla in die Hände gelangt. Johannes Presbyter beschreibt sein Land und seine Macht in den leuchtendsten Farben. So ist dort zu lesen: „Unser Land ist die Heimat von Centauren, Faunen, Satyrn und Pygmäen; von Giganten die vierzig Ellen hoch sind, von Zyklopen und ebenso gearteten Frauen, sowie von dem Vogel der Phönix heißt.“ Beeindruckend, oder!? Diesen Herrscher und dieses Land möchte Königin Sibylla gerne kennenlernen.

Vor allen Dingen, weil es in dem Brief weiter heißt: „Mit mächtigem Heere, wie es dem Glanze unserer Majestät geziemt, das Grab des Herrn zu besuchen, die Feinde des Kreuzes Christi zu demütigen und zu bekämpfen (…) haben wir gelobt.“

Und eine solche christliche Unterstützung könnte Sibylla gerade mal wirklich richtig gut gebrauchen. Nicht nur, dass die Muslime im Osten anscheinend wieder ein Heer zur Rückeroberung der Heiligen Stadt zusammenstellen, auch die Kreuzfahrerstaaten untereinander liegen im Streit. Da könnte ein mächtiger und christlicher Verbündeter wirklich nicht schaden.

Also schickt Sibylla Cuthbert und Rowan zusammmen mit der Seherin Cassandra los, um das Reich des Johannes Presbyter zu finden…

Fazit: Es wird niemanden ernsthaft verwundern, dass ich nicht alle von Peinkofers, ich sage mal „angeblichen“, 180 Romanen gelesen habe… Aber doch einige. Und die meisten davon, wie auch „Das verschollene Reich“ gefielen mir richtig gut. Und selbst wenn sie mir mal nicht so gut gefielen, zuletzt z. B. habe ich „Das Buch von Ascalon“ gelesen, (ähnliches Setting, hundert Jahre früher, manchmal etwas langatmig), selbst dann waren sie noch okay.

Peinkofers Stil ist sehr bildhaft und insofern genau das, was man für einen historischen Roman meiner Meinung nach braucht. Personen, Orte, Situationen werden dadurch nun mal sehr viel leichter vorstellbar für den Leser. Auch seine Dialoge sind gut gelungen.

Die Handlung teilt der Autor in zwei Handlungs- bzw. Zeitstränge. Auf diese Weise erfährt man erst, wie die Seherin Cassandra überhaupt aus ihrem Heimatdorf in Frankreich nach Jerusalem gelangt ist. Ein Handlungsteil, den ich, um den Rahmen nicht zu sprengen, einfach mal nicht näher beschrieben habe. Obwohl er durchaus seine Reize hat, beinhaltet er doch einige der faszinierendsten Charaktere des Buches, den Templer Kathan zum Beispiel. Aber das würde wirklich zu weit führen! 😉

Überhaupt, die Charaktere: Ganz großes Kino, finde ich, zumindest für einen historischen Roman. Die Entwicklung Rowans, des einstmals widerspenstigen Novizen, die Seherin Cassandra, die Ereignisse aus der Zukunft sieht, sich an ihre eigene Vergangeheit aber ironischerweise nicht mehr erinnern kann, und vor allem der zynische und sarkastische Benediktiner Cuthbert! Sie alle habe ich wirklich gemocht! Bei Cuthbert hatte ich immer das Bild von Ben Kingsley vor Augen, und seine deutsche Synchronstimme Peter Matic im Ohr. Keine Ahnung, warum. Aber bei einer etwaigen Verfilmung wäre das eine gute Besetzung!

Dass mir dieses Buch so gut gefallen hat, liegt vielleicht auch daran, dass ich diese „So-könnte-es-gewesen-sein-Geschichten“ sehr mag. Man nimmt sich ein/e/n existierende/n/s Person/Ereignis/Dokument aus der Weltgeschichte, und macht etwas Fiktionales daraus ( denn diesen Brief des ominösen Johannes Presbyter hat es wirklich gegeben!). Kai Meyer konnte das, so bis vor ca. 10 Jahren, sehr gut! Und Michael Peinkofer kann das offensichtlich auch sehr gut!

Abschließend lässt sich sagen: Wer schon mal Bücher von Peinkofer gelesen hat, und wem diese dann auch gefallen haben, der kann, meiner Meinung nach, unbesorgt zugreifen. Und wer gerne historische Romane voller Abenteuer und mit prägnanten Hauptfiguren liest, der auch.

Wer nicht, der lässt es eben! Und verpasst dann halt was! 😉

Wertung:

Handlung: 8 von 10 Punkten

Charaktere: 9 von 10 Punkten, besonders wegen Cuthbert

Stil: 8,5 von 10 Punkten

Atmosphäre: 8 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 8,375 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog:

Ich weiß durchaus, dass die meisten meiner Leser und Innen sehr viel mehr Spaß an einem zünftigen Verriss haben als an meinen sonstigen Rezensionen, Das sei ihnen auch gegönnt. Tragischerweise neige ich ich jedoch momentan tatsächlich dazu, mir eher Bücher zu kaufen, von denen ich ausgehe, dass sie mir auch GEFALLEN! Eine Unverschämtheit, ich weiß! 😉  Der nächste Verriss wird also wohl noch ein bisschen auf sich warten lassen. Ich sag´ dann schon Bescheid.

Bis dahin jedenfalls gibts demnächst:

„Das größere Wunder“ von Thomas Glavinic

„Ohne jeden Zweifel“ von Tom Rob Smith – Schwedenhappen

Buch: „Ohne jeden Zweifel“ (2014)

Autor: Tom Rob Smith

Verlag: Goldmann

Ausgabe: Taschenbuch, 398 Seiten

Der Autor: Tom Rob Smith, geboren 1979, ist ein britischer Schriftsteller und Sohn einer schwedischen Mutter und eines englischen Vaters. Er hat in Cambridge und Italien studiert und war einige Zeit als Drehbuchautor tätig. Der hiesigen Leserschaft wurde er durch seine Trilogie um den russischen KGB-Agenten Leo Demidow bekannt, bestehend aus „Kind 44“, „Kolyma“ und „Agent 6“. „Kind 44“ wurde in sagenhafte 36 Sprachen übersetzt und bekam zahlreiche Auszeichnungen, darunter den renommierten „Ian Fleming Steel Dagger“.

Das Buch: Ein einziger Anruf bringt Daniels heile Welt ins Wanken: Sein Vater erklärt ihm am Telefon, dass es seiner Mutter nicht gut gehe, dass sie unter Wahnvorstellungen leide und sie in eine Klinik eingewiesen werden musste. Daniel versteht die Welt nicht mehr. Vor einiger Zeit sind seine Eltern nach Schweden gezogen, in das Heimatland seiner Mutter, um dort ihren Ruhestand zu genießen, einen kleinen Hof zu bewirtschaften und von dem zu leben, was ihnen der Verkauf ihrer Gärtnerei sowie diverser Häuser eingebracht hat. Der rege E-Mail-Kontakt zwischen Daniel und seinen Eltern ließ jedoch in keinster Weise darauf schließen, dass etwas nicht in Ordnung sein könnte. Umso geschockter ist der junge Mann nun und wartet sehnsüchtig auf die Ankunft seines Vaters am Flughafen Heathrow.

Dann klingelt erneut sein Handy: Diesmal ist seine Mutter dran!!! Und sie erzählt ihm eine gänzlich andere Geschichte: Sein Vater sei in dunkle Machenschaften verstrickt, es gehe um den Mord an einem jungen Mädchen und er, Daniel, dürfe seinem Vater kein Wort glauben. Nach einigen Gesprächen mit den Medizinern sah man keinen weiteren Grund, sie in der Klinik zu behalten, sagt sie. Und sie befindet sich nun ihrerseits auf dem Weg und wird zeitnah in Heathrow landen… Wem soll Daniel Glauben schenken? Ist seine Mutter wirklich „verrückt“? Oder ist sein Vater tatsächlich am Mord an einem Mädchen beteiligt? So richtig möchte Daniel keine dieser Möglichkeiten gefallen…

Fazit: Wenn man dieses Buch aufschlägt, dann kann man die vordere Einbandseite nochmal aufklappen. Und dort sind dann Zeitungs-, Kritiker-, und Schriftstellermeinungen abgedruckt, die den Anschein erwecken, man hätte den Heiligen Gral der Spannungsliteratur in der Hand. So ist dort etwa zu lesen:

„Womöglich sogar noch besser als „Kind 44″“ (The Independent on Sunday) – Ganz ehrlich? Nö!!!

„Der beste fremdsprachige Schwedenkrimi des Jahres“ (Elmar Krekeler, „Die Welt“) – Nun ja, das mag sein, Herr Krekeler, aber es wird nicht wirklich viele fremdsprachige Schwedenkrimis geben, schätze ich…

„Sie würden das Buch nicht einmal dann aus der Hand legen, wenn man Ihnen eine Waffe an die Schläfe hielte!“ (Grazia) – Ääähm, mit Verlaub, aber: DOCH!!! Ganz entschieden: DOCH! Und das gilt für JEDES Buch! 😉

Bevor jetzt der Eindruck entsteht, bei „Ohne jeden Zweifel“ handele es sich um ein schlechtes Buch: Nein, so ist es nicht! Es ist eben nur nicht der Heilige Gral der Spannungsliteratur und man sollte es mit der ultimativen Lobhudelei eines Buches halt einfach nicht übertreiben!

Vieles in diesem Psychothriller gefiel mir sogar recht gut:

Daniel lebt in London mit einem Mann zusammen, hatte aber nie den Mut, seinen Eltern auch zu sagen, dass er schwul ist. Stattdessen herrschte daheim immer eine Art von Harmonie, die fast schon zum Würgen ist! Seine Eltern stritten nie, er wurde nie mit schlimmen Dingen konfrontiert, immer war alles das sprichwörtliche „Friede, Freude, Eierkuchen“. Im Gespräch mit seiner Mutter findet Daniel dann heraus, dass vieles eben doch nicht so war, wie es schien. Seine Homosexualität haben seine Eltern durchaus erahnt, die sind ja schließlich nicht blöd. Und Konflikte zwischen seinen Eltern wurden immer dann ausgefochten, wenn Daniel gerade nicht in der Nähe war.

Und im Grunde ist dieses „Es ist nicht immer alles, wie es scheint“ das Hauptmotiv des Buches. Und dieser Ansatz ist ja auch erstmal gut. Die Frage „Wer hat denn nun recht, sein Vater oder seine Mutter?“ hielt mich als Leser auch lange beschäftigt. Und trotzdem kam nie wirklich die Spannung auf, die ich mir anhand der ekstatischen Kritiken erhofft hatte.

T. R. Smith teilt das Schicksal vieler, vieler Autoren, die gleich zu Beginn ihrer literarischen Karriere einen Bestseller geschrieben haben. Die nächsten Werke erreichen nur in den seltensten Fällen die Qualität des Debüts. Das war bereits in der „Leo-Demidow-Trilogie“ zu bemerken. Während „Kind 44“ (lesen, wirklich unbedingt lesen!!!!)  ein absolut geniales Buch ist, das das beklemmende Gefühl und die Angst ganz normaler Menschen während der Stalin-Zeit beeindruckend einfängt, waren die Teile 2 und 3 dann eben „nur“ noch „ganz gut“ („Kolyma“) oder „geht so“ („Agent 6“).

Und „Ohne jeden Zweifel“ fügt sich da nahtlos ein: Geht so!

Wertung:

Handlung: 6 von 10 Punkten

Charaktere: 7 von 10 Punkten

Stil: 7,5 von 10 Punkten

Spannung: 6 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 6,625 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Das verschollene Reich“ von Michael Peinkofer. Einer meiner Lieblingsautoren! Außerdem mal wieder ein historischer Roman. Das wird auch mal wieder Zeit! 😉

„Das Tribunal“ von John Katzenbach – Was macht eigentlich Tom Cruise…?

Buch: „Das Tribunal“ (2002, Ausgabe 2015)

Autor: John Katzenbach

Verlag: Knaur

Ausgabe: Taschenbuch, 700 Seiten

Der Autor: John Katzenbach, geboren 1950 in Princeton, New Jersey, ist ein amerikanischer Thriller-Autor. Er ist der Sohn einer Psychoanalytikerin und eines früheren US-Justizministers und war vor seiner Autorentätigkeit Gerichtsreporter für zwei amerikanische Zeitungen. Dieser familiäre und berufliche Hintergrund erklärt dieses Buch bereits hinreichend. Auf der Liste seiner auf deutsch erschienenen Bücher stehen mittlerweile 15 Titel seit 1987. Einige davon erschienen allerdings bereits mehrfach, davon später mehr. Er lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Amherst, Massachusetts.

Das Buch: 1943: Im 2. Weltkrieg verrichtet Lieutenant Thomas Hart seinen Dienst an Bord des amerikanischen B-25-Bombers „Lovely Lady“. Seine überdurchschnittliche Sehkraft prädestinierte den jungen Mann für einen Platz bei der US Air Force. Und auch bei seinem letzten Einsatz, bei dem sich die Crew mit ihrem Flugzeug eigentlich schon wieder auf dem Rückweg befindet, lässt ihn sein gutes Auge nicht im Stich. Er erspäht ein vermeintlich lohnendes Angriffsziel und macht seinen Captain darauf aufmerksam. Die „Lovely Lady“ geht zusammen mit der „The Randy Duck“ und der „Green Eyes“ zum Angriff über. Ein folgenschwerer Fehler. Die Maschinen werden abgeschossen, nur Thomas Hart überlebt verletzt.

Er kommt in das deutsche Kriegsgefangenenlager für Luftstreitkräfte „Stalag Luft 13“. Nach einiger Zeit hat sich Hart weitestgehend mit dem Lagerleben arrangiert, soweit das überhaupt möglich ist. Während andere Gefangene permanente Fluchtversuche durch Tunnel planen, kommt dieser Weg für ihn nicht in Frage: In dunklen, engen Räumen kann er sich seit eines Erlebnisses in der Kindheit einfach nicht mehr aufhalten. Stattdessen lässt er sich vom Roten Kreuz juristische Fachliteratur ins Lager schicken, da er bei Beginn seines Militärdienstes mitten im Jurastudium war. So widmet er sich ausgiebig der Literatur dieser Bücher und juristischen Fachgesprächen mit seinen im angrenzenden nördlichen Lager inhaftierten britischen Kollegen Pryce und Renaday.

Dann erreicht ein neuer Kriegsgefangener das Lager: Lincoln Scott, ein schwarzer Pilot eines abgeschossenen Jagdflugzeugs. Schwarze Piloten sind eine Seltenheit, und nicht gerade willkommen unter den Mitgefangenen. Unverhohlene Ablehnung und Rassismus muss Scott über sich ergehen lassen. Ganz besonders übel geht „Trader Vic“ mit ihm um, ein amerikanischer Gefangener, der einen blühenden Tausch- und Schwarzhandel im Lager betreibt und sich dadurch seinen Namen erworben hat. Obwohl sich Lincoln Scott in weiser Voraussicht weitgehend von den Mitgefangenen fernhält, kommt es dennoch mehrfach zur Eskalation zwischen ihm und Trader Vic.

Wenige Tage später wird eben jener Trader Vic tot auf dem Abort aufgefunden. An Scotts Kleidung findet man Blutspuren und schon scheint der Schuldige eindeutig identifiziert. Daraufhin setzen der Oberkammandierende des Lagers, von Reiter, sowie der ranghöchste Gefangene Col. McNamara einen Gerichtsprozess an. Und Thomas Hart soll aufgrund seiner juristischen Vorbildung auf Druck von Reiters und McNamaras die Verteidigung des schwarzen Piloten übernehmen. Kann er seine Unschuld beweisen, auch wenn der Fall so eindeutig scheint? Oder ist Lincoln Scott tatsächlich ein Mörder, auch wenn er beharrlich seine Unschuld beteuert?

Fazit: Augen auf beim Bücherkauf, sage ich immer wieder. Nicht weil man sonst zu schlechter Literatur greifen könnte, das passiert schon mal. Sondern weil Verlage immer mehr dazu übergehen, in der Vergangenheit bereits erschienene Bücher neu aufzulegen und diese wie eine Neuerscheinung aussehen zu lassen. Eine Unsitte, meiner Meinung nach! Dann soll man doch „Neuauflage“ auf die Titelseite schreiben, verdammt. Mit dem Katzenbach-Thriller „Der Sumpf“ ist mir so etwas passiert. Dieses Buch hatte ich vor gefühlten 10 Jahren einmal gelesen, ohne den Titel noch im Kopf zu haben. Voller Freude, dass es ein „neues“ Katzenbach-Werk gibt, habe ich mir den Thriller gekauft. Und während der Lektüre nach ca. 50 Seiten das diffuse Gefühl im Kopf, das alles doch irgendwann schon einmal gelesen zu haben…

Ähnlich war es auch hier: Gekauft, aufgeschlagen, festgestellt, dass die deutsche Erstausgabe des Buches bereits 2002 erschienen ist, und geärgert. Aber immerhin wurde der Roman für diese Ausgabe „vollständig neu übersetzt“. Na, Wahnsinn… Zumindest hatte ich diesmal das Buch vorher noch nicht gelesen. Zurück zum Wesentlichen:

Bücher wie „Das Tribunal“ muss man nicht mögen: Nachdem klar ist, dass Hart die Verteidigung für den Angeklagten übernimmt, besteht der Roman an vielen Stellen aus Gerichtsverhandlungen, unterbrochen von Passagen in denen Lincoln und Reneday ermitteln und ihre Verteidigung anhand neuer Beweise oder Zeugen vorbereiten. Für viele mag das trockenes Juristen-Bla-Bla im Stile eines John Grisham sein. Und tatsächlich liest sich das Buch weitgehend wie ein Grisham.

Ich persönlich allerdings, ich finde das großartig! Ich habe in den Achtzigern schon „Matlock“ gemocht und später solche Filme wie „Eine Frage der Ehre“. Daher gefiel mir Katzenbachs Thriller sehr gut. Vielleicht auch, weil er alles macht wie immer:

Sein Stil, soweit man den in einer Übersetzung überhaupt beurteilen kann, selbst wenn diese für den Roman nochmal völlig neu…ach, lass gut sein jetzt!! Sein Stil jedenfalls lässt sich einfach flüssig lesen, so wie in seinen bisherigen Büchern auch. Die 700 Seiten des Buches fielen mir daher gar nicht weiter groß auf. Es hätten ruhig noch mehr sein können!

Die Charaktere sind weitgehend gut getroffen. Der von Selbstvorwürfen wegen des Todes seiner Crew geplagte Hart ebenso wie der undurchschaubare Gestapo-Mann Visser, Col. McNamara oder Oberst von Reiter. Herausragende Personalie der Geschichte allerdings ist Lincoln Scott, um den geht es schließlich auch. Ein wirklich gut dargestellter Charakter, mit dem man bereits bei den ersten Beleidigungen im Lager mitleidet. Und später, bei der genaueren Betrachtung seiner bisherigen Lebensgeschichte, erst recht. So umfassend und nachhaltig beschrieben, werde ich Mr. Scott noch längere Zeit im Kopf behalten.

Inhaltlich habe ich ja vieles bereits gesagt: Viel Gerichtsverhandlung, viel Ermittlung, viel Prozessvorbereitung – und trotzdem eine Menge Spannung. Wer damit kein Problem hat, wird „Das Tribunal“ mögen. Wer einen Thriller erwartet, bei dem jemand mit lautem „Buuuh“ und einem Hackebeilchen hinter einer Hecke hervorgesprungen kommt, um Spannungsmomente zu erzeugen, der sollte lieber die Finger davon lassen!

Da ich vorhin von „Eine Frage der Ehre“ sprach. Sehr früh im Buch war mir klar, dass man diese Geschichte gigantisch gut verfilmen könnte! Sofort dachte ich da an Tom Cruise in der Rolle des Lieutenant Hart. Okay, man hätte halt das Alter der Figur ein paar Jahrzehnte nach oben setzen müssen, dann hätte der Tom das bestimmt gut machen können. Nur leider sind naturgemäß schon vor mir Leute auf die Idee mit dem Film gekommen, der 2003 erschien. In der Rolle des Lieutenant Hart: Colin Farrell…

Also, nichts gegen Colin Farrell persönlich, der hat bestimmt auch schon gute Filme gemacht, zum Beispiel,…,äääh… hier…, den…äääh, Dingens, sach schnell…, na, viele halt! Das ist aber nichts gegen Tom „Daniel Kaffee“ Cruise!!! 😉 Aber was solls!?

Wertung:

Handlung: 9 von 10 Punkten, subjektiv versteht sich

Charaktere: 8 von 10 Punkten

Stil: 8,5 von 10 Punkten

Spannung: 8,5 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 8,5 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Ohne jeden Zweifel“ von Tom Tob Smith