„Der dunkle Wächter“ von Carlos Ruiz Zafón – Schaurig schön

Buch: „Der dunkle Wächter“ (1995)

Autor: Carlos Ruiz Zafón

Verlag: Fischer

Ausgabe: Taschenbuch, 299 Seiten

Der Autor: Carlos Ruiz Zafón, geboren 1964 in Barcelona, ist ein spanischer Schriftsteller. Nach einer Tätigkeit bei einer Werbeagentur verlegte sich Zafón 1994 aufs Schreiben. Neben seinen Romanen schreibt er Drehbücher und ist als Journalist für zwei Tageszeitungen tätig. Hierzulande wurde Zafón vor allem durch seine Romane zum “Friedhof der vergessenen Bücher” bekannt: “Der Schatten des Windes”, “Das Spiel des Engels” und “Der Gefangene des Himmels”.

Das Buch: Simone Sauvelle ist verheiratet und Mutter zweier Kinder, Irene und Dorian. Die Familie lebt in Paris. Dann jedoch verstirbt nach mehrmonatiger Krankheit Irenes Ehemann Armand. Er hinterlässt seiner Familie vor allem eines: Schulden! Simone ist gezwungen, ihre Tätigkeit als Lehrerin wieder aufzunehmen und auch die Kinder müssen zum Unterhalt beitragen. Eine ordentliche Schulbildung für die beiden droht daher, auf der Strecke zu bleiben.

In dieser misslichen Situation vermittelt ein alter Freund der Familie für Simone eine neue Stelle: Im beschaulichen Dörfchen Baie Bleue, fernab des Trubels der Haupstadt, sucht der Spielzeugfabrikant Lazarus Jann eine Hauswirtschafterin für sein Anwesen Cravenmoore. Die Stelle wird gut bezahlt, die drei Sauvelles dürfen sogar ein ganzes Haus nur für sich allein bewohnen. Begeistert nimmt Simone die Stelle an.

In Cravenmoore angekommen, trauen die drei ihren Augen nicht. Janns ganzes Anwesen ist vollgestopft mit seinen Konstruktionen, von Spielzeug über Automaten bis hin zu mechanischen Menschen, der Hausherr selbst macht aber einen offenen und freundlichen und nicht den erwarteten verschrobenen Eindruck.

Schon in den ersten Wochen lebt sich Familie Sauvelle gut in Baie Bleue ein. Irene freundet sich mit dem jungen Fischer Ismael an und lässt sich von der stets gut gelaunten Hannah in die Geheimnisse der Insel einweihen. Als Hannah einige Zeit später ermordet aufgefunden wird, wird allerdings deutlich, dass eines dieser Geheimnisse aus jahrelangem Schlaf geweckt wurde. Die Familie Sauville befindet sich plötzlich in Lebensgefahr.

Fazit: Wenn ein Autor – so wie in Ruiz Zafóns Fall mit „Der Schatten des Windes“ und den Nachfolgebänden geschehen – seinen internationalen Durchbruch hat, dann neigt der für ihn zuständige Verlag häufig dazu, auch alle Werke zu veröffentlichen, die der Autor vorher geschrieben hat, die aber nie auf deutsch erschienen sind, und damit den Anschein zu erwecken, es handele sich dabei um ein Neuwerk, womit im Übrigen nicht die gleichnamige zu Hamburg gehörende kleine Insel gemeint ist. Dieses Verlagsgebaren habe ich schon bei Büchern von George R. R. Martin oder auch John Katzenbach kritisiert. Im vorliegenden Fall hatte ich allerdings einen großen Vorteil: Ich wusste es vorher! 😉 Auch dass es sich dabei eher um ein Jugendbuch handelt, war mir geläufig, bei „Der Mitternachtspalast“ sah das noch ganz anders aus.

Vielleicht lag es ja daran, dass mir diese Tatsachen diesmal vorher bewusst waren, dass mir „Der dunkle Wächter“ recht gut gefallen hat. Am meisten hat mich noch die mangelnde Ausarbeitung der handelnden Figuren gestört. Familie Sauvelle sowie Spielzeugfabrikant Jann werden seltsam oberflächlich gezeichnet, allerdings ist das wahrscheinlich dem Umstand geschuldet, dass das Buch nur 300 Seiten hat und es sich außerdem um ein Jugendbuch handelt, bei dem man jetzt nicht unbedingt eine Millieustudie erwartet.

In anderen Bereichen punktet „Der dunkle Wächter“ dagegen wesentlich mehr, so z.B. mit der Geschichte. Die Handlung rund um eine mysteriöse Bedrohung gewinnt keinen Innovationspreis, ist aber gut erzählt und bietet Raum für weitere eingebettete Geschichten und Geschichtchen.

Die große Stärke bei Zafón ist und bleibt meiner Meinung immer aufs Neue die Sprache! Ich kann gar nicht so genau begründen, was mir daran nun so gefällt. Aber viele, die Zafón gelesen haben, wissen was ich meine. Trotz des eher einfach gehaltenen Stils, machte mir jeder einzelne Satz Freude, das ist nicht mal übertrieben. Da es sich, logischerweise, um eine Übersetzung aus dem Spanischen handelt, ist so eine sprachliche Wirkung immer auch mit das Verdienst des Übersetzers oder, wie in diesem Fall, der Übersetzerin. Deshalb an dieser Stelle einfach mal ein großes Lob an Lisa Grüneisen, die für die Übersetzung verantwortlich zeichnet!

Zu guter Letzt punktet das Buch in einem Bereich, der für einen Schauerroman gar nicht hoch genug bewertet werden kann: Der Atmosphäre!  Cravenmoore und seine Umgebung vermitteln durchgehend eine düstere, gedrückte Stimmung, die bisweilen ins Gruselige übergeht.

Alles in allem ein lesenswerter, wenn auch recht kurzer, Schauerroman, der allen Lesern gefallen dürfte, denen auch „Der Mitternachtspalast“ gefallen hat.

Wertung:

Handlung: 7 von 10 Punkten

Stil: 9 von 10 Punkten

Charaktere: 5 von 10 Punkten

Atmosphäre: 9 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 7,5 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: Ich habe meine große Wissenslücke bezüglich des Werkes von Andreas Eschbach geschlossen und eeendlich „Das Jesus-Video“ gelesen. Deshalb gibt es das demnächst an dieser Stelle.

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„Rapunzelgrab“ von Judith Merchant – Märchenmord

Buch: „Rapunzelgrab“ (2015)

Autorin: Judith Merchant

Verlag: Knaur

Ausgabe: Taschenbuch, 409 Seiten

Die Autorin: Judith Merchant ist eine 1976 in Bonn geborene Krimi-Autorin. Merchant studierte Literaturwissenschaft an den Universitäten Bonn und Münster. Bereits während der Vorbereitung ihrer Doktorarbeit verfasste sie erste Kurzgeschichten und wurde dafür zweimal mit dem Friedrich-Glauser-Preis ausgezeichnet.

Ihre Krimi-Reihe rund um den Polizisten Jan Seidel begann 2011 mit „Nibelungenmord“ und wurde 2012 mit „Loreley singt nicht mehr“ fortgesetzt. „Rapunzelgrab“ ist der dritte Teil dieser Serie.

Im Jahr 2014 erschien ihr erster psychologischer Spannungsroman „Die Lügen jener Nacht“.

Merchant arbeitet an der Universität Bonn als Dozentin für Literaturwissenschaft und lebt in Königswinter bei Bonn.

Das Buch: Der Bestsellerautor und Shooting-Star der deutschen Literaturszene, Niklas Schreck, liest im Hexenturm von Rheinbach aus seinem Roman „Rapunzelmord“ vor.

Am Morgen nach der Lesung wird am Fuße des Turmes die 25 Jahre alte Liane Riefers tot aufgefunden. Der Kopf der jungen Frau ist kahlgeschoren, sie trägt eine Perücke mit langen blonden Zöpfen. Der ermittelnde Komissar Jan Seidel fühlt sich an das Märchen Rapunzel erinnert. Er beginnt, zusammen mit seiner Kollegin Elena Vogt, im Umfeld der Ermordeten zu ermitteln.

Und an Verdächtigen mangelt es nicht: Lianes Ex-Freund Benedict käme in Frage, ist allerdings spurlos verschwunden. Ihre Mutter erscheint den Ermittlern ebenfalls suspekt, nimmt sie den Verlust ihrer Tochter doch so teilnahmslos entgegen. Oder ist Lianes Mörder vielleicht im Umfeld des Rheinbacher Literaturzirkels zu finden, einer Vereinigung Literaturbegeisterter, der auch Liane und ihr Ex-Freund angehörte und die die Lesung organisiert hat?

Vielleicht Ruth Grosche, Leiterin des Literaturzirkels und einziges Mitglied, das nicht selbst Text verfasst? Oder die Krimi-Autorin Nessi? Vielleicht aber auch der Deutschlehrer Johannes?

Oder hat gar der Bestseller-Autor Schreck selbst, oder sein Agent Walli, etwas mit der Bluttat zu tun?

Um den Fall zu lösen, müssen sich die Beamten intensiv mit Liane Riefers´ Vergangenheit beschäftigen.

Fazit: Es gibt gleich drei Gründe, die aus meiner Sicht dafür sprachen, mich mit „Rapunzelgrab“ auseinanderzusetzen.

Erstens war ich der Meinung, dass mir ein Ausflug ins Krimi-Genre mal wieder ganz gut tun würde, gehörten einige der zuletzt von mir renzensierten Bücher schließlich doch eher zu der Kategorie“ schwer zugänglich“. Zweitens urteilt der Berliner Kurier, dieses Buch beinhalte „Hochspannung, die ohne blutiges Gemetzel und Haudrauf auskommt!“. Und wer öfter etwas von mir liest, weiß, dass mir die stetig ansteigende Gewaltspirale in der aktuellen Spannungsliteratur, in der immer bizarrere Serienmörder auf immer blutigere Art und Weise töten, ziemlich zuwider ist.

Und drittens hat eine wirklich ganz zauberhafte Person und sehr geschätzte Leserin meines Blogs eine hohe Affinität zu Märchen. Und Rapunzel passt in dem Zusammenhang auch irgendwie gerade. Insofern hatte ich also keinen guten Grund, an diesem Buch einfach so vorbeizugehen, was im Nachhinein ein guter Entschluss war.

Über „Rapunzelgrab“ kann ich eigentlich nur Gutes sagen. Da ist zum Einen der Schreibstil. Mal recht elegant, mal bissig, aber immer flüssig und gut zu lesen. Darüber hinaus schafft es die Autorin, dass es für den Leser nicht den geringsten Nachteil bedeutet, die zwei ersten Romane ihrer Reihe nicht gelesen zu haben.

Auch die Charaktere konnten mich durch die Bank überzeugen. Als besonders wohltuend empfand ich es, mal einen recht jungen Komissar mit ungewöhnlicher Lebenssituation als Protagonisten zu haben. Meine Meinung über desillusionierte und alkoholkranke Ermittler aus skandinavischen Krimis habe ich anderer Stelle ja schon zur Genüge geäußert…

Auf Seiten der Verdächtigen finden sich ganz wunderbare skurrile Figuren, seien es der Deutschlehrer Johannes, der eigentlich eine, seiner Meinung nach, ganz großartige Idee für einen Roman hat, der aber Angst vor der eigenen Courage – und ein bisschen vor seiner Frau – hat, wenn es an dessen Umsetzung geht. Oder Lianes Ex-Freund, der zu Hause zur Körperertüchtigung mit einem Bat´leth herumfuchtelt. Für die Nicht-Trekkies unter Euch: Ein klingonisches Schwert. Oder eben auch der Bestsellerautor Schreck, der dermaßen egozentrisch und manipulativ ist, dass er so richtig schön unsympathisch wirkt. Ich meine, hey, dieser Mann bekommt einen Tobsuchtsanfall, mit anschließendem Alkoholexzess, als ihm auffällt, dass er – nach 60 Wochen wohlgemerkt – nicht mehr in der Spiegel-Bestsellerliste vertreten ist!

Auch inhaltlich bietet „Rapunzelgrab“ einiges. Die Autorin legt raffinierte falsche Fährten aus, was dem Leser das Mitraten erheblich und erfreulich erschwert. Ich jedenfalls lag weit daneben und hatte deshalb bei der Auflösung so ein Gefühl von: „Nein!“ „Doch!“ „Ooooh!“ 😉 Neben der eigentlichen Krimihandlung beinhaltet das Buch außerdem einen interessanten Einblick, sowie den ein oder anderen Seitenhieb, in bzw. auf den modernen Literaturbetrieb. Nach der Schilderung des Hauens und Stechens und der Ellbogenmentalität in diesem Geschäft hätte ich meine literarischen Ambitionen wohl frustiert ad acta gelegt, so ich denn je welche gehabt hätte.

Abschließend gesagt, wer Krimis mit nicht ganz stromlinienförmigen Figuren mag, die inhaltlich ein wenig über simple Mörderhatz hinausgehen, dürfte bei „Rapunzelmord“ bestens bedient sein. Auch wenn das namensgebende Märchen inhaltlich eher weniger vorkommt.

Wertung:

Handlung: 8 von 10 Punkten

Stil: 9 von 10 Punkten

Charaktere: 9,5 von 10 Punkten

Spannung: 8 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 8,625 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Der dunkle Wächter“ von Carlos Ruiz Zafón. Zafón geht immer! 😉

 

„Zwei Herren am Strand“ von Michael Köhlmeier – Der schwarze Hund

Buch: „Zwei Herren am Strand“ (2014)

Autor: Michael Köhlmeier

Verlag: dtv

Ausgabe: Taschenbuch, 254 Seiten

Der Autor: Michael Köhlmann ist ein 1949 in Hard, Vorarlberg, geborener österreichischer Schriftsteller.

Bereits während seines Studiums der Politikwissenschaft und Germanistik in Marburg bzw. der Mathematik und Philosophie in Frankfurt am Main wurde er durch Hörspiele im Österreichischen Rundfunk sowie durch kurze Prosatexte bekannt.

Seit Anfang der 70er Jahre entstanden zahlreiche Prosatexte, Theaterstücke, Hörspiele, Hörbücher und Drehbücher. Auch musikalisch betätigt sich der Autor, unter anderem als Texter und – schon seit 1972 – als eine Hälfte des Duos „Bilgeri & Köhlmeier“.

Für sein Werk bekam Köhlmann bereits zahlreiche Preise und Auszeichnungen, so schaffte es sein Roman „Zwei Herren am Strand“ in die Longlist beim „Deutschen Buchpreis“ 2014.

Der Autor lebt als freier Schriftsteller in Hohenems und Wien.

Das Buch: In einer unbekannten deutschen Stadt wächst der Erzähler behütet auf. In seinem fünften Lebensjahr verstirbt jedoch seine Mutter. Sein Vater beginnt daraufhin, unmäßig zu trinken. Erst als das Kind dem Vater nach einem weiteren Alkoholexzess verkündet, es wolle nicht mehr leben, beendet der Vater schlagartig seine Trinkerei und versucht, seinen Kummer anderweitig zu verarbeiten. Er will sich mit der Arbeit an einem großen Projekt ablenken, einer Biografie über Winston Churchill.

In seiner Jugend wollte der Senior eigentlich Geschichte studieren, der Zweite Weltkrieg verhinderte dies. Nun aber, in der Zeit seiner größten Trauer, betätigt er sich begeistert als Freizeit-Historiker.

Nach dem Tod des Vaters gelangt der Sohn in den Besitz eines Briefwechsels zwischen William Knott, seines Zeichens Privatsekretär von Winston Churchill, und seinem Vater. In über 1.000 Briefen schildert Knott unter anderem die Freundschaft zwischen Churchill und Charlie Chaplin. Diese beiden Berühmtheiten des 20. Jahrhunderts trafen sich nach Knotts Informationen regelmäßig, allerdings ausschließlich um über ihre Depressionen und ihre Gedanken zum Suizid zu sprechen.

Nach Knotts Informationen zeichnet der Erzähler den Lebensweg und die Freundschaft der beiden Größen von ihrem ersten Kennenlernen, Ende der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, bis ins Jahr 1940 nach.

Fazit: Nun denn, liebe Leser und Innen, reden war mal über Depressionen! Ha, ich kann förmlich hören, wie meine Leserschaft jetzt den Rechner runterfährt, den Raum verlässt, so etwas sagt wie:“Näää, davon will ich nix wissen! Näää, damit kenne ich mich nicht aus!“ und wie dann die Tür hinter ihnen ins Schloss fällt. Rumms!

Und in der Tat scheint es heute immer noch ein Problem damit zu geben, angemessen über dieses Thema zu reden. Würde man in einem Gespräch erwähnen,  man sei an der sogenannten „Maul- und Klauenseuche“ erkrankt, dann würde einem gute Besserung gewünscht. Je nach Unwissenheitsgrad des Gesprächspartners würde man vielleicht sogar noch arglos zum Kaffee eingeladen werden… Murmelt man allerdings resigniert irgendwas von „Depression“, setzt beim Gesprächspartner zeitnah der natürliche Fluchtreflex ein.

Diesen Eindruck hat in Köhlmeiers „Zwei Herren am Strand“ auch Winston Churchill. „Er hatte in seinem an Freunden so reichen Leben bisher nicht einen getroffen, mit dem er über dieses Thema hätte sprechen können.“, heißt es da auf Seite 29. Dann jedoch trifft er 1927 auf Charlie Chaplin. Mit ihm kann er reden. „Ich höre Ihnen zu und wenn Sie wünschen, dass ich eine Meinung abgebe, genieren sie sich nicht, es mir zu sagen.“ sagt Chaplin auf Seite 31. Denn auch ihm, Chaplin, ist das Problem der Depression nicht unbekannt. Beide Berühmtheiten überfällt von Zeit zu Zeit „der schwarze Hund“, wie sie die Depression nennen.

Beide schließen den Pakt, sich in Zukunft regelmäßig wieder zu treffen, um über ihre Erkrankung zu sprechen. Darüber hinaus schwören sie sich, dass der Eine sofort alles stehen und liegen lässt und dem Anderen zur Hilfe eilt, sollte der mal wieder unter dem „schwarzen Hund“ leiden.

Nun wäre es vermutlich ein eher schwermütiges Buch geworden, wenn sich Köhlmeier ausschließlich mit diesem Thema befasst hätte. Aber Churchills und Chaplins Probleme mit dem „schwarzen Hund“ bilden eigentlich eher den thematischen Untergrund auf dem der Autor die Lebensgeschichte der beiden über einen Zeitraum von mehr als 13 Jahren schildert. Und er tut das auf eine, wie ich finde, sprachlich und erzählerisch sehr schöne Art und Weise. Manchmal hatte ich als Leser das Gefühl, Herrn Köhlmeier sei zwischenzeitlich der rote Faden abhanden gekommen, aber gut unterhalten hat mich „Zwei Männer am Strand“ durchgehend.

Normalerweise schätze ich es bei historischen Romanen, wenn sich der Autor um eine höchstmögliche historische Korrektheit bemüht und die Fakten nur dann abändert, wenn es seinem Roman dienlich ist. Darüber hinaus lese ich historische Romane gerne unter Dauerverwendung einer Internetsuchmaschine mit G am Anfang, um nachzuvollziehen, inwieweit sich der Autor um besagte historische Korrektheit bemüht hat. Diese Vorgehensweise habe ich bei Köhlmanns „Zwei Männer am Strand“ allerdings schnell wieder aufgegeben, zu sehr vermischt der Autor im Fabulierrausch Wahrheit und Fiktion, als dass es noch Vergnügen bereiten würde, zu überprüfen, wahr und was fiktiv ist. Es ist für die Wirkung des Buches auch unerheblich.

Letztlich habe ich dann beschlossen, das Buch aus diesem Grund auch nicht als historischen Roman anzusehen – das steht auch nicht drauf – sondern als das was es ist: Ein erzählerisch und sprachlich ausgesprochen gelungenes Stück Fabulierkunst.

Nur eines bietet der Roman nicht: Wirkliche Hilfe oder Ratschläge zum Thema Depression und dem Umgang mit selbiger. Nun habe ich das zweifelhafte Glück, dass es, wenn mich der „schwarze Hund“ anfällt – und dieses Drecksbiest taucht mit Vorliebe in Wintermonaten auf, beißt sich ohne Vorwarnung fest und verweilt ein bisschen –  sich dabei im Normalfall eher um ein „schwarzes Hündchen“ handelt. Das äußert sich allenfalls im Stimmungstief und Schlafschwierigkeiten, eine existenzielle Krise bekomme ich glücklicherweise nicht.

Aber dieses zweifelhafte Glück haben ja nun auch nicht alle. Wer also massiver unter dem oben genannten Drecksbiest zu leiden hat, dem sei der Besuch beim Hausarzt empfohlen, die wissen im Allgemeinen ganz gut weiter. Alternativ kann man sich auch hier ein bisschen schlau machen:

www.deutsche-depressionshilfe.de

Der Tipp, sich schlau zu machen, gilt im Übrigen ausdrücklich auch für die, die nicht unmittelbar davon betroffen sind, sondern die an Depression erkrankte Menschen in ihrem Umfeld haben. Nur damit bald niemand mehr sagen kann:“Näää, davon will ich nix wissen! Näää, damit kenne ich mich nicht aus!“

Wertung:

Handlung: 7,5 von 10 Punkten

Stil: 9,5 von 10 Punkten

Charaktere: 9 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 8,67 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: Es gibt gleich zwei gute Gründe, sich demnächst mit dem Buch „Rapunzelgrab“ von Judith Merchant zu beschäftigen. Welche das sind, erfährt die geneigte Leserschaft in der bald folgenden Rezension dazu.