„Anders“ von Anita Terpstra – Und einmal, im Ferienlager…

Buch: „Anders“ (2016)

Autorin: Anita Terpstra

Verlag: Blanvalet

Ausgabe: Taschenbuch, 383 Seiten

Die Autorin: Anita Terpstra ist eine 1975 in Hallum geborene niederländische Schriftstellerin. Nach ihrem Studium des Journalismus und der Kunstgeschichte war sie als freie Journalistin für mehrere Zeitschriften tätig. „Anders“ ist ihr mittlerweile viertes Buch.

Das Buch: Das Leben von Alma Meester an der Seite ihres Mannes Linc und ihren Kindern Iris, 15, und Sander, 11 Jahre alt, verläuft eigentlich in ruhigen geordneten Bahnen. Bis zu einem verhängnisvollen Abend im Ferienlager.

In Vierergruppen unternehmen die Kinder eine Nachtwanderung, Sander bildet zusammen mit seinem Freund Maarten, seiner Schwester Iris und deren Freund Christiaan eine dieser Gruppen. Und plötzlich sind Sander und Maarten verschwunden, Iris und Christiaan können nicht erklären, wie es dazu gekommen ist.

Eine große Suchaktion wird gestartet. Schließlich wird Maarten von Sanders Vater Linc tot aufgefunden. Der Junge wurde augenscheinlich missbraucht. Von Sander fehlt allerdings jede Spur, er bleibt verschwunden.

Sechs Jahre später meldet sich auf einer deutschen Polizeiwache ein junger Mann und behauptet, der verschwundene Sander Meester zu sein. Überglücklich können die Eltern ihren Sohn wieder in Arme schließen. Aber während Alma einfach nur froh ist, ihr Kind wieder zu haben, kommen Linc und Iris immer häufiger Zweifel. Ist das wirklich Sander, der da jetzt unter ihrem Dach wohnt?

Fazit: Der Einstieg in das Buch fiel mir etwas schwierig. Es beginnt mit der nächtlichen Suche nach Sander, während der man intensive Einblicke in Almas Gedankenwelt bekommt, die für mich ausgereicht haben, um sie schon nach wenigen Seiten ausgesprochen unsympathisch zu finden. „…aber für Linc war das zweite Kind eigentlich schon eins zu viel gewesen. Sie hatte es ihm regelrecht abtrotzen müssen, sogar mit Trennung gedroht.“ (S.23) Welch sympathische Person… Darüber hinaus fand ich den Stil zu Beginn gewöhnungsbedürftig und fragte mich schon voller Sorge, ob das wohl jetzt so weiter geht.

Glücklicherweise nicht, denn was folgt, das darf ich schon mal vorwegnehmen, ist einer der besten Thriller, die ich in jüngerer Vergangenheit gelesen habe.

Schon nach relativ kurzer Zeit fragen sich Vater und Tochter Meester, ob das neue, alte Familienmitglied wirklich Sander ist. Und nicht nur die Frage nach seiner Identität steht im Raum, sondern auch die, was in dieser Nacht damals denn nun eigentlich wirklich geschehen ist.

Der lange Weg zur Auflösung der Geschehnisse führt unter anderem über regelmäßig eingefügte Rückblenden, in denen dem Leser ein Bild von Sander vor dessen Verschwinden vermittelt wird. Dieser lange Weg führt aber auch über Andeutungen und Informationshäppchen in den – übrigens sehr gut geschriebenen – Dialogen, die den Schluss zulassen, dass auch Linc und Iris irgend etwas über die Geschehnisse von damals wissen, womit sie aber nicht herausrücken wollen. Erst nach und nach fügt sich das Ganze dann zu einem schlüssigen und – für mich – überraschenden Gesamtbild zusammen. Kurz: die Handlung hat es in sich, sie besticht Abwechslungen, Überraschungen und eine durchgehend düstere Grundstimmung, kommt dabei aber ohne übermäßige Gewalt- und Blutorgien aus.

Und nicht nur in dieser Hinsicht konnte mich „Anders“ überzeugen. So sind die Charaktere, gemessen an anderen Vertretern des Thriller-Genres, in denen manche Personen sich einfach nur dadurch auszeichnen, dass sie eben da sind, erfreulich detailliert, vielschichtig und vor allem nachvollziehbar gezeichnet.

Sei es Alma, die dazu neigt, den jungen Sander zu verhätscheln und zu bevorzugen. Die aber über lange, lange Zeit partout nicht einsehen will, dass auch sie Fahler gemacht hat. Denn Schuld haben in Almas kleiner Gedankenwelt immer die Anderen. Wie gesagt, ich mochte sie schon zu Beginn nicht, an dieser Einschätzung hat sich bis zum Ende des Buches nichts geändert.

Oder sei es Iris, die sich von ihrer Mutter permament benachteiligt fühlt, der es schwer fällt, sich bei ihrer Mutter Gehör zu verschaffen und die einige Jahre nach Sanders Verschwinden frustriert nach Amsterdam umzieht.

Dabei schafft es die Autorin, mit erfreulich wenig Personen auszukommen, im Grunde dreht sich alles um die vier Mitglieder der Familie Meester.

„Anders“ ist das, was man heute so fürchterlich einen „Pageturner“ nennt. Als Leser will man immer wissen, wie es weitergeht, was mit dieser Andeutung gemeint ist, was man mit jener Information anfangen soll.  Für Thriller-Fans ist das Buch meiner Ansicht nach ein absolutes Muss!

Wertung:

Handlung: 9,5 von 10 Punkten

Charaktere: 9 von 10 Punkten

Stil: 8 von 10 Punkten

Spannung: 9,5 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 9 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Schattenjunge“ von Carl-Johan Vallgren. Wieder ein Thriller. Und auch diesem ist ein Kind verschwunden. Zufälle gibt´s…

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7 Kommentare zu „„Anders“ von Anita Terpstra – Und einmal, im Ferienlager…

    1. Hey, Kenia! Na, das ist mal ´ne Freude Dich mal wieder zu lesen! 🙂 Ich schreibe Dir in naher Zukunft mal wieder ein paar Zeilen!

      Übrigens könnte ich mir durchaus vorstellen, dass Dir das Buch gefallen dürfte!

      Vielen Dank fürs Lesen! 😉

      Gefällt mir

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