„Die Bücher, der Junge und die Nacht“ von Kai Meyer

Buch: „Die Bücher, der Junge und die Nacht“

Autor: Kai Meyer

Verlag: Droemer Knaur

Ausgabe: Hardcover, 496 Seiten

Der Autor: Kai Meyer hat rund siebzig Romane veröffentlicht, von denen viele auf die SPIEGEL-Bestsellerliste gelangten. Übersetzungen erscheinen in dreißig Sprachen. Seine Geschichten wurden als Film, Hörspiel und Graphic Novel adaptiert und mit Preisen im In- und Ausland ausgezeichnet. (Quelle: Droemer Knaur)

Das Buch: Dichter Nebel wogt durch die Gassen der Bücherstadt Leipzig, 1933, als das Böse die Macht ergreift. Hier entspinnt sich die tragische Liebe des Buchbinders Jakob Steinfeld zu einer rätselhaften jungen Frau. Juli hat ein Buch geschrieben, das sie einzig ihm anvertrauen will. Doch bald darauf verschwindet sie spurlos.

Fast vierzig Jahre später ist auch Jakobs Sohn Robert den Büchern verfallen und reist auf der Suche nach seltenen Ausgaben durch ganz Europa. Er liebt seine Arbeit und die Bücher – von Menschen hält er sich meist eher fern. Doch als die Bibliothekarin Marie ihn bittet, ihr bei einem Auftrag der geheimnisumwitterten Verlegerfamilie Pallandt zu helfen, stoßen sie auf das Mysterium eines Buches, dessen Geschichte eng mit Roberts eigener verknüpft ist – es ist der Schlüssel zum Schicksal seiner Eltern. (Quelle: Droemer Knaur)

Fazit: Aura Institoris – mit dieser kreativ benannten Hauptfigur aus Kai Meyers „Die Alchimistin“ fing vor nun bald 25 Jahren meine Begeisterung für seine Bücher an.Wobei – so ganz richtig ist das nicht, denn sogar noch vor der „Alchimistin“ hatte ich beispielsweise seine Nibelungenromane sowie „Der Rattenzauber“ gelesen und das diffuse Gefühl entwickelt, dass man diesen jungen, talentierten Autor mal besser im Auge halten sollte. Nun, so etwa 25 Jahre ± irgendwas später haben Kai Meyer und ich eine abwechslungsreiche und zuweilen schwierige Autor-Leser-Beziehung hinter uns. Mit Fortschreiten der Zeit beschäftigte sich der Autor immer häufiger damit, diverse Dreiteiler zu schreiben, bei denen ich ganz eindeutig nicht zur Zielgruppe gehörte und kehrte nur gelegentlich und viel zu selten auf den literarischen Pfad der Tugend zurück, den ich persönlich für ihn als den einzig richtigen empfand.

In den letzten Jahren war das glücklicherweise wieder häufiger der Fall. Mag ich auch „Die Seiten der Welt“ ebenso wenig zu Ende gelesen haben wie „Die Krone der Sterne“ – diese verdammten Dreiteiler! -, aber die Richtung stimmte wenigstens wieder. Dieser Eindruck wurde auch durch das im letzten Jahr erschienene „Imperator“ bestätigt – dessen zweiter Teil im März 23 erscheint: Knoten ins Taschentuch machen! – und mit „Die Bücher, der Junge und die Nacht“ hat der Autor es geschafft, den veränderungsphobischen Oldschool-Leser, der ich bin, wieder mal vollkommen zufrieden zu stellen.

In Meyers neuestem Roman präsentiert uns der Autor die Geschichte seines Protagonisten Robert Steinfeld über insgesamt drei Zeitebenen. Im Jahr 1933 begleiten wir Steinfelds Vater Jakob, der ein kleines Antiquariat betreibt, und dessen Situation nicht nur durch das Abgleiten Deutschlands in die NS-Diktatur verschlimmert wird, sondern zusätzlich dadurch, dass er sich zwischendurch gerne mit den falschen Leuten anlegt.

In der zweiten Zeitebene in den Jahren 1943/44 wird geschildert, wie der etwa zehn Jahre alte Robert an der Seite des mysteriösen Mercurio durch das zunehmend in Schutt und Asche liegende Deutschland streift, immer im Dienste gut situierter Auftraggeber unterwegs, um für selbige in den Besitz seltener Bücher zu gelangen.

Den dritten Handlungsstrang siedelt Meyer im Jahr 1971 an. Mittlerweile ist der junge Robert mehr oder weniger in die Fußsstapfen seines einstigen Mentors Mercurio getreten und beschäftigt sich in beruflicher Hinsicht damit, beispielsweise im Auftrag von Erben, die Bestände von Privatbibliotheken zu sichten und ggf. zu verkaufen oder für seinen bibliophilen Kundenkreis ganz bestimmte Buchausgaben zu ergattern. In diesem Zusammenhang bittet ihn seine gute Freundin Marie, die im selben Metier tätig ist, darum, ihr bei der Sichtung der Privatbibliothek des kürzlichen vertorbenen Verlegers Pallandt zu helfen. Zufällig stoßen die beiden dabei auf ein ganz bestimmtes Buch, das viel mit Roberts Familiengeschichte zu tun hat, und ihm Fragen beantworten könnte, die er fast schon aufgehört hat zu fragen.

Mehr soll über die Handlung, die vergleichsweise komplex und abwechslungsreich daherkommt, gar nicht verraten werden, weil ich nicht in die Verlegenheit geraten möchte, ggf. etwas zu viel zu verraten. Insgesamt gilt: Wenn man im Bereich der Handlung etwas kritisieren möchte, dann, dass die Auflösung des eines oder anderen Handlungselements als zu einfach, als zu wenig ausgearbeitet oder als ein wenig irritierend erscheint, und man daher zum Ende hin den Eindruck hat, noch so ein, zwei lose Handlungsfäden in der Hand zu haben. Andererseits: Möglicherweise bietet das die Option, die Handlung irgendwann mal mit einem zweiten Roman fortzusetzen. Es wäre ja, wie erwähnt, nicht das erste Mal, dass Meyer Mehrteiler schreibt.

Abseits der Handlung bekommt das Buch durch den regelmäßigen Wechsel des Handlungsstrangs eine angenehme Dynamik. Glücklicherweise übertreibt es der Autor damit jedoch nicht. Anstelle atemloser Perspektivwechsel alle paar Seiten nimmt sich Meyer Zeit für seine Erzählung. „Die Bücher, der Junge und die Nacht“ ist demnach kein gehetztes Actionfeuerwerk, sondern ein angenehm komponiertes Leseerlebnis, bei dem sich erst im Laufe der Zeit aus den drei Einzelteilen ein großes Ganzes ergibt.

Besonders lobend muss erwähnt werden, wie außerordentlich atmosphärisch Meyer erzählt, wie gut es ihm gelingt, Stimmung zu transportieren. Schon der Einstieg ins Buch, bei dem der junge Robert nach einem Luftangriff auf Leipzig einem brennenden Haus entkommen muss, ist in dieser Hinsicht außerordentlich gut gelungen. Der Handlungsstrang im Jahr 1933, in dem der Autor anschaulich beschreibt, wie die Stimmung immer weiter kippt, sich die Sicherheitslage für viele Menschen dramatisch ändert und sich eine allgemeine Bedrohlichkeit verbreitet, steht dem in nichts nach. Insgesamt ist „Die Bücher, der Junge und die Nacht“ in stilistischer Hinsicht für Meyers Verhältnisse bemerkenswert gut gelungen, was jetzt irgendwie deutlich despektierlicher klang, als es wirklich gemeint war.

Wenn man wollte, könnte man sich allenfalls anhand des Figurenensembles zu einiger Kritik veranlasst sehen, zumal Meyers handelnde Personen eigentlich noch nie wirklich tiefgründige Charakterstudien waren, wobei Robert Steinfeld hierbei sogar noch eine rühmliche Ausnahme bildet. Im vorliegenden Fall ist das besagte Figurenensemble aber eigentlich vollkommen in Ordnung, tut, was es soll und bleibt nachvollziehbar. Dies gilt jedoch mit Ausnahme der Interaktion zwischen Jakob Steinfeld und seinem russischen Mitarbeiter-Sidekick, deren Dialoge oft gewollt schlagfertig klingen, manchmal der Situation nicht angemessen erscheinen und zuweilen wirken, als würden sich Danny Glover und Mel Gibson unterhalten, während sie beschossen werden.

Derlei Kleinigkeiten aber mal außer acht gelassen, hat Kai Meyer mit „Die Bücher, der Junge und die Nacht“ seinen wohl besten Roman seit „Herrin der Lüge“ geschrieben – und das war immerhin schon 2006. Bücher, über die man sagt, dass sie eine Liebeserklärung an die Welt der Bücher seien, sind zuweilen fürchterlich kitschig. Meyers Roman stellt hier die Ausnahme von der Regel dar. Zudem ist das Buch ein atmosphärischer Streifzug durch die Buchstadt Leipzig und diverse Jahrzehnte deutscher und deutsch-deutscher Geschichte.

Für Fans des Autors ein absolutes Muss, für alle anderen immer noch eine deutliche Leseempfehlung!

Ich danke dem Droemer Knaur Verlag für die freundliche Übersendung des Rezensionsexemplars. Die Tatsache, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, beeinflust meine Meinung selbstredend nicht.

Demnächst in diesem Blog: „Die Arena“ von Djavadi Négar oder „Noosphäre“ von Peter Georgas-Frey.

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abc.Etüden KW 44/45 V

abc.etüden 2022 44+45 | 365tageasatzaday

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

ich bin offensichtlich in so etwas wie einem Etüden-Flow, weswegen es in einer neuen Woche mit neuer Etüde zu einem neuen Thema weitergeht. Das einzig Unveränderte ist, dass die Etüden weiterhin von Christiane organisiert werden und die aktuelle Wortspende von Natalie und ihrem Blog Fundevogelnest stammt. Auf gehts:

„Heute dann aber Twitter!?“

„Nein. Heute reden wir mal wieder über Friedrich Merz.“

„Wieso?“

„Weil der sich weiter beharrlich weigert, das Bürgergeld mitzutragen.“

„Aha!?

„Aaaaber: Er hat sich bereit erklärt, der Erhöhung der Hartz-4-Sätze um 50 Euro zuzustimmen!“

„Wie großzügig!“

„Ja, oder!? Er wolle damit „mal ein bisschen die Schärfe aus dieser Diskussion herausnehmen“, hat er gesagt.“

„Was? Mittelschicht-Sozialtourismus-Merz will aus irgendwas Schärfe nehmen?

„Genau – leider bringt er sie dann selbst wieder rein.“

„Inwiefern?“

„Indem er darauf verweist, dass „Fachverbände und die kommunalen Spitzenverbände“ mit ihm der Meinung seien, dass das „System in die falsche Richtung führe und vor allem die falschen Anreize für den Arbeitsmarkt setze“.“

„Fachverbände? Welche denn? Die Drill-Instructor-Innung? Die Peitschenherstellergewerkschaft? Und überhaupt: Immer dieses „Anreize“, gleichbedeutend damit, dass man Arbeitssuchenden massive Faulheit zu- und jegliche Art der intrinsischen Motivation abschreibt, denn sonst bräuchten sie ja keine „Anreize“.

„Tja, mit Menschen ohne Lobby kann man es ja machen. Das weiß auch die CSU.“

„Wieso?“

„Die hat unlängst die Kampagne „Leistung muss sich lohnen!“ initiiert.“

„Und damit die Anhebung der Löhne im Niedriglohnsektor gefordert?“

„Ach, nicht doch – nein. Nein, Söder wies damit darauf hin, dass Menschen im Niedriglohnsektor, „wenn sie arbeiten, weniger haben, als wenn sie nicht arbeiten“. Unter Verwendung von Zahlen, die vorher in der AfD-Zeitung „Junge Freiheit“ genannt wurden.“

„Ja, aber das ist doch Blödsinn. Darin sind Freibeträge, Wohngeldanspruch, Kinderzuschläge usw. nicht berücksichtigt.“

„Natürlich nicht, sonst könnte man die sogenannten sozial Schwachen ja auch nicht so gut diskreditieren.“

„Ich fass es nicht: Zahllose Menschen flehen förmlich um eine Verbesserung ihrer Lebenssituation, und die CDU/CSU macht eklige Symbolpolitik gegen „die da unten“.

„Tja, so ist es halt im Leben: Manchmal bist du Achilles, und manchmal bist du die Schildkröte. Wenn du – aus Gründen – aber immer die Schildkröte bist, brauchst du nicht auch noch die Union als Fressfeind.“

300 Worte.

abc.Etüden KW 44/45 2022 IV

abc.etüden 2022 44+45 | 365tageasatzaday

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

manche Dinge hören einfach nicht auf. Und das wiederum zwingt mich dazu – von Zwang wird im Folgenden auch noch die Rede sein – eine weitere monothematische Etüde zu verfassen. Die Etüden werden von Christiane organisiert, die Wortspende stammt von Natalie und ihrem Blog Fundevogelnest. Auf gehts.

„Schon gehört …?“

„Ja, leider. Das Unfallopfer in Berlin wurde mittlerweile für hirntot erklärt. Sehr traurig, das alles.“

„So traurig das ist: Vielleicht geben die Alleskleber jetzt eine Weile Ruhe. Ich würde mich jedenfalls in einer Art Schildkrötentaktik eine Zeitlang…“

„Nope – gestern Klebeaktion. Invalidenstraße, Berlin.“

„Nicht dein Ernst?“

„Leider doch.“

„Ja, sag mal …“

„Stattdessen geht man jetzt verbal ein bisschen in die Offensive.“

„Ach was!?“

„Jepp. Man kritisiert die Medien und deren Berichterstattung. „Dass ein ganzes Mediensystem sich gegen uns wenden würde, damit haben wir nicht gerechnet.“ sagen sie in einem Statement.“

„Bitte?“

„Jepp. Und man beklagt, „dass eine Medienlandschaft, die sich die Aufklärung der Gesellschaft auf die Fahnen schreibt, eine Situation in dieser Form fiktiv aufbauscht und damit demokratischen Protest in einer Krisensituation delegitimiert.“ und dass man sich „auf die einfachsten Prinzipien in einer Demokratie – wie neutrale, faktenbasierte Berichterstattung“ augenscheinlich nicht mehr verlassen könne.“

„Alter – hör auf, ich flehe dich an. Wird das jetzt so’n „Lügenpresse“-Ding?“

„Möglich – dazu passt ein Letzte-Generation-Tweet von vor ein paar Tagen: „13 Wissenschaftler:innen sind gerade im Gefängnis. Hier in Deutschland. Warnten sie zu eindringlich vor dem Klimakollaps?“

„Stimmt die Geschichte so?“

„Ein bisschen. Es sind Mitglieder von „Scientist Rebellion“.“

„Wer ist das nun wieder?“

„Schwesterorganisation von „Extinction Rebellion“.

„Aha.“

„Aber die sind nur deswegen im Bau, weil Sie in der „BMW-Welt“ in München Zehntausende Euro Schaden verursacht haben und weitere Aktionen geplant hatten.“

„Mit anderen Worten: Selbst, wenn man es großzügig betrachtet, bleibt als Reaktion auf den selbstverursachten Blödsinn nur ein gigantisches Mimimi?“

„Jepp. Passend dazu: „Ich würde mir sehr, sehr wünschen, dass die Politik von sich aus uns schützt und dass wir das nicht machen müssen“., meinte deren Sprecherin Aimee van Baalen. Übrigens von „FFF“ über „Extinction Rebellion“ bei „Letzte Generation“ gelandet.“

„MÜSSEN? Von der bewaffneten „Soko Pattex“ gewzungen, oder was!?“

„Tja, keine Ahnung …“

300 Worte.

abc.Etüden KW 44/45 III

abc.etüden 2022 44+45 | 365tageasatzaday

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

einer geht noch! Das reicht oftmals als Begründung für allerlei Unsinn. Dementsprechend reicht das – zumindest mir – auch für eine weitere der von Christiane organisierten Etüden, weiterhin zur Wortspende von Natalie und ihrem Blog Fundevogelnest. Auf gehts:

„Und, was gibt´s Neues?“

„In den Niederlanden hat man drei Klimaaktivisten, die sich am „Mädchen mit dem Perlenohrgehänge“ festgeklebt haben, innerhalb gut einer Woche zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt.“

„Oh, da bekommt das Wort „Haftstrafe“ ja eine völlig neue Bedeutung. Und hierzulande so?“

„Hat Justizminister Buschmann gesagt, er sei voller Vertrauen in die Justiz, dass sie das Strafrecht auch zur Anwendung bringe.“

„Ist das nicht, ich weiß nicht – eine Selbstverständlichkeit?“

„Schon …“

„Hm – sonst so?“

„Sonst so hat sich mittlerweile der Sprecher der „Letzten Generation“ geäußert.“

„Und was gesagt?“

„Unter anderem, dass man die Verantwortung für die Geschehnisse in Berlin nicht von sich weisen wolle.“

„Gut!“

„Und, ich zitiere, „aber wir wollen nicht mehr ignoriert werden.““

„Oh, mimimi – hörst du das?“

„Was!?“

„Das Lachen von Millionen lobbylosen Sozialleistungsbeziehern in diesem Land, für die „ignoriert werden“ zum Tagesgeschäft gehört!?“

„Jedenfalls: Bis zur Einführung eines 9-Euro-Tickets und eines Tempolimits werde man weitermachen.“

„Tja, angesichts eines gerade beschlossenen 49-Euro-Tickets, einer weiterhin starken Autoindustrie und eines FDP-geführten Verkehrsministeriums dürfte das ziemlich exakt … NIEMALS der Fall sein.“

„Stimmt.“

„Dann dürfen wir uns wohl die Frage stellen, welches Kunstwerk als Nächstes betroffen ist.“

„Hm – demnächst wird die Kunstsammlung von Paul Allen …“

„Wem?“

„Microsoft! Die wird also versteigert. Wert: Großzügig geschätzt eine Milliarde Dollar. Boticelli, Klimt, Cézanne, Monet, Gaugin. Da finden die bestimmt was …“

„Stimmt, hatte davon gehört. Soll der Erlös nicht wohltätigen Zwecken zugute kommen? Dann wäre Festkleben kontrapoduktiv …“

„Mag sein. Auf welches Kunstwerk tippst du denn?“

„Auf „Der Schildkrötenerzieher“!“

„Auf bitte was?“

„Auf „Der Schildkrötenerzieher“!. Von Osman Hamdi Bey, 1906, Öl auf Leinwand. Darauf ein Mann in einem Raum – vielleicht die Grüne Moschee in Bursa – und fünf Schildkröten nebst Salatblättern. Das Motiv steht für die Anpassung von Traditionalisten an die Moderne und kam 2004 für 3,5 Millionen Dollar unter den …“

„Ich flehe dich an: Hör auf!“

300 Worte.

abc.Etüden KW 44/45 2022 II

abc.etüden 2022 44+45 | 365tageasatzaday

Guten Morgen, liebe Leserinnen,

aus mehr oder weniger aktuellem Anlass erlaube ich mir die Freiheit, der Etüde von gestern eine heutige Fortsetzung folgen zu lassen. Die Etüden werden von Christiane organsisiert, die Wortspende stammt von Natalie und ihrem Blog Fundevogelnest. Auf gehts:

„Du erinnerst dich an die Geschichte von gesterm?“

„Klar. Der Unfall in Berlin, verletzte Radfahrerin, Feuerwehrspezialfahrzeug schleicht im Schildkröten-Tempo durch die Straße, weil sich irgendwelche Freaks mit Mehrkomponenten-Idioten-Kleber der NASA an der Straße festkleben und ein Aktivist fleht mittels eines Tweets förmlich darum, eine gefenstert zu kriegen.“

„Das meine ich. Mittlerweile haben sich weitere Personen dazu geäußert.“

„Welche zum Beispiel?“

„Na, zum Beispiel Luisa Neubauer.“

„Oh, da bin ich jetzt aber gespannt. Was sagt sie so?“

„Sie sagt unter anderem, quer durch die Klimabewegung stehe man “ für Klima-Aktivismus, der Menschen nicht gefährdet“.“

„Aha – weiß sie, dass Frau Giffey darauf hingewiesen hat, dass das nicht das erste Rettungsfahrzeug war, das wegen dieser Spezialisten verspätet am Unfallort eintrifft, sondern das achtzehnte?“

„Vermutlich nicht, nein.“

„Was sagt sie noch?“

„Sie sagt, ich zitiere: „Solange die Regierung gerechten Klimaschutz blockiert, wird es in der Gesellschaft immer mehr Spaltung geben. Und wenn die großen Fragen zur Klimakrise nicht im Parlament und Kabinett beantwortet werden, werden diese Fragen zunehmend auf den Straßen ausgetragen.“

„Klingt weniger nach Einsicht, sondern mehr nach Drohung. Und einem religionsähnlichen Allgemeingültigkeitsanspruch der eigenen Position, verbunden mit dem Anspruch, dass andere Menschen immer exakt das tun, was ich von ihnen verlange. Wird schwer, mit dieser Prätention durchs Leben zu kommen …“

„Geht ja noch weiter: Sie sagt, sie finde die Kritik des Kanzlers zynisch, denn der sei es ja „höchstpersönlich, der durch seine Blockade von schnellem Klimaschutz in großem Ausmaß zur indirekten Gefährdung von Menschen beiträgt.“

„Ach so. Und was ist mit der direkten Gefährung von Menschen durch die Aktivisten?“

„Keine Ahnung. Was soll man dazu noch sagen?“

„Na, wenn man großzügig ist, könnte man den Aktivisten ganz nett und freundlich raten, sie sollten ihren Klebstoff doch lieber einfach in der Garage schnüffeln. Und für Frau Neubauer gilt, frei nach Boëthius: „Si tacuisses, philosophus mansisses.“

300 Worte.

abc.Etüden KW 44/45 2022 I

abc.etüden 2022 44+45 | 365tageasatzaday

Hallo, liebe Leserinnen und Leser,

da sich gerade die Gelegenheit dazu bietet, folgt aus aktuellem Anlass eine der von Christiane organisierten Etüden, diesmal zur Wortspende von Natalie und ihrem Blog Fundevogelnest. Auf gehts.

„Schon gehört?“

„Was denn?“

„Dramatische Szenen in Berlin: Bei einem Unfall ist eine Fahrradfahrerin unter einem Betonmischer eingeklemmt und lebensgefährlich verletzt worden.“

„Übel!“

„Ja – noch übler ist, dass der Fahrer in der Folge Opfer einer Messerstecherattacke wurde.“

„Bitte?“

„Japp. Täter flüchtig. Am übelsten allerdings: Das Rettungsfahrzeug der Feuerwehr traf verspätet an der Unfallstelle ein, weil es wegen der Verkehrsbehinderungen durch eine Demo der Klimaktivisten von „Letzte Generation“ eine „recht relevante Zeit„ im Stau auf der Stadtautobahn A100″ stand.“

„Ernsthaft?“

„Japp. Die gurkten da im Tempo einer Schildkröte rum – großzügig umfahren ist ja nicht, wenn man schon im Stau steht -, während eine Verletzte auf Hilfe wartet.“

„Na ja, gut, aber das haben die Aktivisten ja jetzt nicht mit Absicht gemacht.“

„Nein, natürlich nicht. Gut, ein Aktivist von „Letzte Generation“ – wer nennt sich eigentlich „Letzte Generation“? Hat das nicht was Fatalistisches? So was von „Nu is eigentlich auch egal!“? Wäre „Erste Generation“ nicht irgendwie Zielführender?“ – twitterte danach: „Scheiße, aber nicht einschüchtern lassen. Es ist Klimakampf, nicht Klimakuscheln, & shit happens““

„Nicht dein Ernst!“

„Doch, doch. Hat den Tweet aber später gelöscht und sich entschuldigt. Vielleicht ist er ja auf der Maus ausgerutscht, das ist schon ganz anderen passiert. Aber nein, auch wenn beispielsweise die Polizeigewerkschaft stinksauer ist, natürlich haben die das nicht absichtlich gemacht. Die Sprecherin der Gruppe, Carla Hinrichs, sagte dann dementsprechend auch: „Bei all unseren Protestaktionen ist das oberste Gebot, die Sicherheit aller teilnehmenden Menschen zu gewährleisten.“

„Aha – und was ist mit den nichtteilnehmenden Menschen?“

„Äääähm … keine Ahnung. Jedenfalls: Wie man mit hehren Zielen antreten und seine Reputation dann durch Festkleben an Hauptverkehrsstraßen und Bewerfen von Kunstwerken mit Lebensmitteln so beschädigen kann, begreife ich irgendwie nicht. Sogar der Kanzler sagt: „Dass die Aktionen jetzt nicht auf sehr weitreichenden Beifall gestoßen sind, ist auch offensichtlich.“.“

„Das hat er aber vorsichtig formuliert.“

„Japp.“

300 Worte.

„Die Erweiterung“ von Robert Menasse

Buch: „Die Erweiterung“

Autor: Robert Menasse

Verlag: Suhrkamp

Ausgabe: Hardcover, 653 Seiten

Der Autor: Robert Menasse wurde 1954 in Wien geboren und ist auch dort aufgewachsen. Er studierte Germanistik, Philosophie sowie Politikwissenschaft in Wien, Salzburg und Messina und promovierte im Jahr 1980 mit einer Arbeit über den »Typus des Außenseiters im Literaturbetrieb«. Menasse lehrte anschließend sechs Jahre – zunächst als Lektor für österreichische Literatur, dann als Gastdozent am Institut für Literaturtheorie – an der Universität São Paulo. Dort hielt er vor allem Lehrveranstaltungen über philosophische und ästhetische Theorien ab, u.a. über: Hegel, Lukács, Benjamin und Adorno. Seit seiner Rückkehr aus Brasilien 1988 lebt Robert Menasse als Literat und kulturkritischer Essayist hauptsächlich in Wien. (Quelle: Suhrkamp)

Das Buch: Zwei Brüder, nicht leibliche Brüder, sondern »Blutsbrüder«, verbunden durch einen Schwur, den sie im polnischen Untergrundkampf gegen das kommunistische Regime geleistet haben, gehen nach dessen Zusammenbruch getrennte Wege. Der eine, Mateusz, steigt in höchste Ämter auf und wird schließlich polnischer Ministerpräsident. Der andere, Adam, macht nach dem EU-Beitritt Polens in der Europäischen Kommission Karriere, in Brüssel ist er zuständig für die Erweiterungs-Politik. Während die Vorbereitungen für die Westbalkankonferenz im polnischen Poznan auf Hochtouren laufen, bittet Adam Mateusz um Unterstützung, doch der beginnt das Beitrittsgesuch Albaniens zu unterminieren. Aus der einstmals tiefen Verbundenheit wird eine unversöhnliche Feindschaft von europäischer Dimension. Auf einer vom albanischen Ministerpräsidenten organisierten Kreuzschifffahrt auf der SS Skanderbeg, zu der er alle Regierungschefs der Balkanstaaten, die EU-Außenminister und sämtliche Vertreter der Europäischen Union eingeladen hat, treffen die Beiden wieder aufeinander. Was dann passiert, steht längst nicht mehr in ihrer Macht. (Quelle: Suhrkamp)

Fazit: Robert Menasses erster EU-Roman „Die Hauptstadt“, für den der Österreicher 2017 den Deutschen Buchpreis gewann, hat mir vor ein paar Jahren einen leidigen Krankenhausaufenthalt veritabel erleichtert. Mehr als Grund genug, mich nun auch der Quasi-Fortsetzung „Die Erweiterung“ zuzuwenden.

Erneut betrachtet Menasse dabei auf gewohnt satirische Art und Weise den ganz normalen Wahnsinn zwischen Brüssel und Straßburg, diesmal am Beispiel Albaniens und dessen versuchtem EU-Beitritt. In Tirana wird der albanische Ministerpräsident, der in Menasses Buch verblüffende Ähnlichkeiten zum tatsächlichen Premierminister Albaniens, Edi Rama, aufweist, damit konfrontiert, dass Frankreich den Beitritt Albaniens zur EU mittels Veto zu verhindern gedenkt. Fate Vase, seines Zeichens Dichter und überdies Berater des Präsidenten, hat in dieser Situation eine eher spezielle Idee: Die Regierung soll den Helm des albanischen Nationalhelden Skanderbeg – Verteidiger Albaniens gegen die türkische Invasion gegen Mitte des 15. Jahrhunderts – aus Österreich zurückfordern, der dort in der Hofjagd- und Rüstkammer des Kunsthistorischen Museums Wien (guckst du hier) aufbewahrt wird – man darf sich tatsächlich zu recht die Frage stellen, warum der dort verwahrt wird und nicht eben in Tirana. Mit großem Brimborium soll der Präsident sich diesen Helm dann im Parlament aufsetzen, um damit ein Zeichen zu setzen, das alle Albanerinnen und Albaner verstehen: Ein Zeichen für den Anspruch auf ein Großalbanien unter einem neuen Skanderbeg und unter Einbeziehung aller Albaner im Kosovo, in Nordmazedonien, in Süditalien oder wo auch immer in Europa. Damit soll der Druck auf Brüssel erhöht werden.

Da der Originalhelm aber nachweislich zu klein für den Quadratschädel des Ministerpräsidenten ist, gibt dieser eine originalgetreue Kopie in Auftrag. Nur leider wird just zu diesem Zeitpunkt der Originalhelm aus dem Museum in Wien gestohlen und der ursprüngliche Plan kann schwerlich durchgezogen werden, ohne den Eindruck zu erwecken, die albanische Regierung hätte den Diebstahl in Auftrag gegeben. Von da an beginnt ein munteres Verwechslungsspiel um den Helm, das im Grunde nicht kreativer ist, als das Motiv der versehentlich vertauschten Koffer in zahllosen Agentenfilmen der letzten 50 Jahre, das aber ausgesprochen vergnüglich daherkommt und den Roman als Basismotiv gut zusammenhält.

Und es ist gar nicht so leicht, diesen Roman erzählerisch zusammenzuhalten.

Denn zunächst mal füllt Menasse seinen Roman mit einem ziemlich großen Figurenensemble. Neben Fate Vase und den im Klapptentext erwähnten polnischen „Blutsbrüdern“, hätten wir als Protagonisten beispielsweise noch einen Regierungssprecher, eine Journalistin, diverse Vertreterinnen und Vertreter der EU, einen im Fall des gestohlenen Helms ermittelnden Polizisten und andere. Tatsächlich widmet sich der Autor den meisten davon in erfreulicher Ausführlichkeit. Als Leitmotive, die den meisten der Figuren gemein sind, kann hierbei die Suche nach der eigenen Identität, die Suche nach Vorfahren, die Frage, wer und was die handelnden Figuren zu dem gemacht hat, was sie sind, genannt werden.

Über weite Strecken liest sich das ziemlich gut, auch weil es die Interaktionen untereinander verständlicher macht, wenn man genauer weiß, warum Menschen ticken, wie sie eben ticken. Im letzten Drittel des Romans wendet sich der Autor dann aber eine lange, laaaaaange Zeit von den eigentlichen Geschehnissen rund um die Skanderbeg-Helme ab und einer Reise zweier Charaktere in ihre eigene Vergangenheit und in das albanische Hinterland zu, von der mir klar ist, warum sie Menasse in dieser Ausführlichkeit schildert und was er mir damit sagen will, die aber nahezu komplett das Tempo aus dem bis dahin ziemlich rasant erzählten Roman nimmt und die zudem ein irritierendes Ende findet, auch wenn sich selbiges andeutet. Man könnte auch sagen: Der Roman entwickelt zu einem Zeitpunkt Längen, an dem man nicht mehr so wirklich damit gerechnet hat.

Mit dem vergleichsweise großen Figurenensemble gehen zum zweiten aber eben auch weitere erzählerische Herausforderungen einher. Die Perspektiven wechseln zwangsläufig oft, die Handlung entwickelt – von der erwähnten Reisepassage abgesehen – ein ziemlich hohes Tempo, und dennoch hat Menasse seine Handlung jederzeit im Griff und ermöglicht seiner Leserschaft, nicht den Überblick zu verlieren. Darüber hinaus verfolgt der Roman ja nicht nur den Ansatz, eine unterhaltsame Handlung zu präsentieren, sondern will zudem eben auch eine gewisse Botschaft vermitteln. Und auch das gelingt dem überzeugten Europäer Menasse auf ganzer Linie.

So wie er die Herkunft, die Identität seiner handelnden Personen thematisiert, spricht er beispielsweise auch die unterschiedlichen Identitäten der Staaten an, die sich in der EU so zusammenfinden, welche diese Identiäten und Befindlichkeiten – bis zu einem gewissen Punkt – durchaus berücksichtigen und respektieren sollte, ohne sich in banale Allgemeinplätze zu verlieren, wie beispielsweise die Deutschen, die in „Die Erweiterung“ gebetsmühlenartig wiederholen, das, was die EU vereine, seien „die europäischen Werte“ und die dabei ausblenden, dass es derzeit anscheinend je nach Staat deutlich unterschiedliche Ansichten darüber geben dürfte, was denn mit diesen „europäischen Werten“ wohl so gemeint sein dürfte.

Zudem wirft Menasse Fragen auf, die durchaus berechtigt sind. Wenn zum Beispiel von Albanien – einem Land, in dem 90 % der Bevölkerung einer EU-Mitgliedschaft positiv gegenüberstehen, was einen Wert darstellt, der weit oberhalb der EU-Begeisterung in jedem der jetzigen Mitgliedsstaaten liegen dürfte – nach dessen Antragstellung auf Aufnahme in die EU im Jahr 2009 umfassende Reformen, beispielsweise im Bereich der Justiz, gefordert werden, die man dort dann vorbildlich umsetzt und es trotzdem etwa 13 Jahre, bis zum Juli dieses Jahres, für die Durchführung der ersten Beitrittskonferenz braucht, während sich diverse Mitgliedsstaaten seit geraumer Zeit damit beschäftigen, die Unabhängigkeit ihrer Justiz zu untergraben oder abzuschaffen, und dabei weitgehend sanktionsbefreit bleiben, mutmaßlich, weil Frau von der Leyen gerade damit beschäftigt war, sich die Hände zu waschen, dann darf man sich schon fragen: Was soll das? Und wird hier nicht irgendwie mit zweierlei Maß gemessen? Und leistet man sich derzeit nicht vielleicht den Luxus der Mitgliedschaft von Staaten, die die weiter oben erwähnten „europäischen Werte“ jetzt vielleicht gar nicht sooo teilen, auf Rechtsstaatlichkeit nicht soooo Bock haben, auf Zahlungen aus Brüssel aber sicherlich schon, während man gleichzeitig den Beitritt mehrerer Länder mit hoher EU-Begeisterung bremst?

Diese Botschaften, Themen, Fragestellungen kommen zwar überwiegend nicht sonderlich subtil, dafür aber segenswerterweise weitgehend ohne den erhobenen, moralischen Zeigefinger daher. Dann beginnt, unerwartet spät, wie ich zugeben muss, auf den letzten etwa 100 Seiten aber die im Klapptentext erwähnte Kreuzfahrt unter Mitwirkung aller möglicher Staats- und Regierungschefs sowie EU-Vertretern. Und mag man Menasse noch verzeihen, dass die Erzählweise hier bisweilen leicht eratisch wirkt – was den Geschehnissen an Bord geschuldet ist -, so gleitet er gegen Ende des Romans deutlich ins Plakative ab und man läuft Gefahr, sich an den erzählerischen Zaunpfählen zu verletzten, die einem von jeder Seite entgegenspringen wollen. Zwar fand ich persönlich das nicht dramatisch, aber dennoch berichtenswert.

In Summe ist „Die Erweiterung“ ein mehr als überzeugender pro-europäischer Roman, der mit Tempo und Humor eine in heutigen Zeiten außerordentlich wichtige Botschaft transportiert, und der, das sei nur abschließend kurz erwähnt, auch stilistisch voll überzeugen kann. Immer wieder stößt man auf so kleine, vermeintlich unbedeutende Sätze, an denen man dann aber doch länger hängenbleibt und darüber nachdenkt, sie sich rauszuschreiben. Als Beispiel sei mein Lieblingssatz aus „Die Erweiterung“ genannt: „Die Dichter sind die einzigen, die sich noch trauen, „ich weiß es nicht“ zu sagen.“

Wer schon den Vorgänger mochte, dürfte mit ziemlicher Sicherheit auch mit „Die Erweiterung“ glücklich werden und wer ein Faible für nicht ganz so unterkomplexe Romane hat, sollte Menasses Buch ebenfalls eine Chance geben.

Demnächst in diesem Roman: Keine Ahnung. Schaung mar amoi, na sengma’s scho.

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