„Vor dem Fall“ von Noah Hawley – Der Fluch der guten Tat

Buch: „Vor dem Fall“

Autor: Noah Hawley

Verlag: Goldmann

Ausgabe: Taschenbuch,  447 Seiten

Der Autor: Noah Hawley ist Autor, Drehbuchschreiber und Produzent. Er wurde mit dem Emmy und dem Golden Globe ausgezeichnet. Unter anderem schrieb und produzierte er die erfolgreiche Serie »Bones – Die Knochenjägerin« und die TV-Adaption des Spielfilms »Fargo«. Hawley lebt in Los Angeles und Austin. (Quelle: Goldmann)

Das Buch: An einem nebligen Abend startet ein Privatjet zu einem Flug nach New York. Wenige Minuten später stürzt er in den Atlantik. Nur der Maler Scott Burroughs und der vierjährige JJ überleben inmitten der brennenden Trümmer. Und Scott gelingt das Unmögliche: Er schafft es, den Jungen an das weit entfernte Ufer zu retten. Während die Suchtrupps fieberhaft nach den Leichen und der Blackbox fahnden, greifen immer abstrusere Verschwörungstheorien um sich. Scott versucht verzweifelt, sich den Medien zu entziehen – und gerät dabei in eine Welt der Intrigen und Manipulationen, in der niemand vor dem brutalen Fall ins Nichts geschützt ist. (Quelle: Goldmann)

Fazit: Hätte ich einen weniger monothematischen und eher politisch ausgerichteten Blog, würde ich jetzt wahrscheinlich über Chemnitz schreiben. Im vollen Bewusstsein, dass die, an die meine Zeilen gerichtet wären, sie nie lesen würde. Oder überhaupt mal irgendwas. Da das aber nicht der Fall ist, schreibe ich lieber über Noah Hawleys „Vor dem Fall“. Immerhin ist dieses Buch auch politisch.

Zu Beginn lässt der Autor seine Figuren in das Flugzeug und den Leser in die Geschehnisse unmittelbar vor dem Absturz einsteigen, bereits auf Seite 28 liegt der Flieger brennend im Meer. Der mehr oder minder erfolglose Maler Scott Borroughs war eigentlich nur zufällig an Bord. Auf Martha´s Vinyard lernt er nämlich Maggie auf einem Markt kennen, wo sie sich in der Folge noch öfter über den Weg laufen und bei einer dieser Gelegenheiten stellt sich heraus, dass beide am nächsten Tag das selbe Reiseziel haben. Um Scott eine langwierige Reise per Fähre und Taxi zu ersparen, bietet sie ihm an, im Privatjet ihres Mannes mitzufliegen.

Und dort ist er also, inmitten der brennenden Trümmer, und setzt Himmel und Erde in Bewegung um den vierjährigen JJ zu retten – Maggies Sohn – der den Absturz ebenfalls weitgehend unbeschadet überstanden hat. Scott ahnt nicht, dass damit erst die Probleme anfangen.

Denn es ist nicht irgendein vierjähriges Kind, welches der Maler da rettet, es ist der Sohn des Medienmoguls David Bateman. Und als Erbe des Batemanschen Medienimperiums ist dieser Kleine ganz plötzlich milliardenschwer. Und während Scott anfangs als Held gefeiert wird, tauchen im Laufe der Zeit, weil die Absturzursache nach wie vor unklar bleibt, immer mehr Fragen auf, insbesondere aus dem Fernsehsender, den Bateman betrieb. Warum stürzte die Maschine ab? Warum überhaupt war Borroughs an Bord? Was verbindet einen mittellosen Maler mit einer der reichsten Familien der Medienlandschaft? Hatte Scott vielleicht gar ein Verhältnis mit Batemans Frau? Oder hat er es auf Geld abgesehen und den Vierjährigen nur deshalb gerettet, weil er sich dessen plötzlichen Reichtums bewusst und nur auf seinen finanziellen Vorteil bedacht war? Und nicht zuletzt: Hat vor diesem Hintergrund vielleicht sogar Scott selbst das Flugzeug zum Absturz gebracht?

Dadurch, dass Batemans Imperium diese Fragen immer und immer wieder, insbesondere über seinen Fernsehsender – und dort über einen mit Bateman befreundeten Moderator, der keinerlei Probleme mit Fake News zu haben scheint und – meine Mutmaßung – Sarah Palin für eine kluge Frau hält – unter den Menschen verbreitet, sieht sich Scott bald einer Hetz- und Hasskampagne mit anschließender Hexenjagd ausgesetzt, die sein Leben größmöglich durcheinanderbringt und ihn an die Grenzen seiner Belastbarkeit treibt.

Noah Hawley unterbricht seine Darstellung der Geschehnisse immer wieder durch Rückblenden, in denen die Vorgeschichte der Passagiere an Bord des Flugzeugs näher beleuchtet wird. Auf diese Weise entwickelt sich für jede der beteiligten Personen ein einzelnes und im Laufe der Zeit für den Roman ein großes Gesamtbild. Die Absturzursache bleibt dabei bis kurz vor Schluss im Unklaren, was, zumindest für mich, eine Motivation war, immer und immer weiterlesen zu wollen. Über die letztendliche Auslösung kann man geteilter Meinung sein, mir entlockte sie ein „Och nöö!“, das tat dem Lesevergnügen aber keinen Abbruch.

Denn Hawley bietet noch weitere Motivation, sein Buch zügig zu lesen. So merkt man seinem Schreibstil an, dass er gewisse Erfahrung als Drehbuchschreiber besitzt. „Vor dem Fall“ hat tatsächlich das Potenzial, filmisch gut in Szene gesetzt zu werden. Vielleicht von Michael Moore, das würde passen. Was macht der eigentlich mittlerweile den ganzen Tag?

Auch Hawleys Figuren bieten wenig Anlass zur Kritik. Insbesondere der Protagonist Scott ist ihm gut gelungen, bietet eine gewisse Tiefe und gibt Anlass, mit ihm mitzuleiden und regelmäßig zu denken: „Ach, diese arme Sau!“ Bei den Nebenfiguren ist speziell der schmierige Fernsehmoderator Bill Cunningham zu erwähnen, der durch seine Art der tendenziösen Berichterstattung auffällt und der sich, meiner Meinung nach, unheimlich gut als Pressesprecher dieses US-Amerikaners mit dem toten, blonden Iltis auf dem Kopf machen würde, der sich fälschlicherweise für einen Politiker hält.

Mit „Vor dem Fall“ hat Noah Hawley ein Buch geschrieben, das unheimlich gut als Gesellschaftkritik funkioniert, andererseits wohl aber genau so gut als Drama. Oder Thriller. Oder …

Für mich ist Hawleys Buch eines der bisherigen Lesehighlights des Jahres 2018!

Wertung:

Handlung: 9,5 von 10 Punkten

Charaktere: 9 von 10 Punkten

Stil: 9 vom 10 Punkten

Atmosphäre: 10 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 9,375 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Der Turm der Welt“ von Benjamin Monferat.

 

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Freitagsfragen #57

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Guten Morgen, werte Leserschaft,

zwischen mir und meinem zweiwöchigen Urlaub – der an dieser Stelle nur zur Hebung meines eigenen Wohlbefindens nochmal Erwähnung findet – steht nur noch der Rest von heute und die aktuelle Ausgabe der Freitagsfragen aus dem Brüllmausblog. Legen wir also gleich los. Die heutigen Fragen und Antworten lauten:

1.) Heilt Zeit wirklich alle Wunden?

Ich kann da natürlich nur aus eigener Erfahrung sprechen, aber ich persönlich würde sagen: nein. Wunden vernarben nur. Und Narben, das weiß man ja, müssen noch eine ganze Weile gepflegt werden, sonst entstehen Narbenhernien. Oder wie der Laie, der ich bin, sagen würden: Sie brechen wieder auf. Irgendwann hat sich dann aber auch die nötige Pflege erledigt, so dass man sich nicht mehr regelmäßig mit ihnen beschäftigen muss, das vielleicht sogar gar nicht sollte. Aber sie bleiben. Von „heilen“ würde ich in diesem Zusammenhang also nicht sprechen wollen.

2.) Was ist der langweiligste Superheld, den Du Dir erdenken kannst?

Hm, vielleicht

RHYTH-MAN, die Abenteuer eines zwanghaften Tänzers
oder
BEA-MAN, die Abenteuer eines Typen, dessen einzige Fähigkeit darin besteht, sich sinn- und ankündigungslos durch die Gegend zu teleportieren
oder
A-MAN, die Abenteuer eines christlichen Fundamentalisten
oder
AT-MAN, die Abenteuer eines Apnoe-Tauchers
oder
GAU-MAN, die kulinarischen Abenteuer eines verblendeten AfD-Politikers. Kritiker werden diese Reihe als „Vogelschiss“ in der weiten Welt der Superhelden bezeichnen
oder
FRE-MEN, die Abenteuer der Bewohner des Wüstenplaneten Arrakis, die – Moment, nein, das könnte eigentlich ganz spannend sein …

Lassen wir das! Obwohl mir nach längerem Nachdenken sicherlich noch mehr in den Kopf kämen … ;-) Man verzeihe mir die maskuline Ausrichtung meiner Ideen, aber Wortspiele mit „Woman“ wollten mir nicht einfallen. :-)

Nein, mal ganz im Ernst, im Superhelden-Bereich bin ich völlig blank. Ich verstehe die Faszination daran nicht, habe nur wenige diesbezügliche Filme gesehen (bspw. „Iron Man“ – gut, weil Robert Downey jr.; und natürlich „Kick Ass“, gut, weil einfach gut), bin eigentlich ziemlich genervt davon, dass gefühlt jeder zweite amerikanische Kinofilm aus diesem Genre kommt und kann damit halt allgemein nicht das Geringste anfangen.

Aber ich muss ja auch nicht alles verstehen oder mögen. :-)

3.) Was inspiriert Dich?

Hm, tja, was inspiriert mich? Ich halte mich eigentlich für einen relativ inspirationsfreien Menschen, auch weil „Inspiration“ irgendwie so hochtrabend klingt. Wäre ich weniger inspirationsbefreit – und faul -, hätte ich wohl schon längst versucht, ein Buch zu schreiben.

Aber wenn mich überhaupt etwas inspiriert, dann sind das Menschen, so wie dieser Typ neulich:

Seid Ihr gelegentlich auf den Internetseiten diverser Tages- und Wochenzeitungen allgemein und dort insbesondere im Kommentarbereich unterwegs? Falls nicht, kann ich das wärmstens empfehlen, auch und gerade für Menschen, die vielleicht ein wenig mit ihrem Gewicht hadern, denn dort, in besagten Kommentarbereichen, kommt man, mit Verlaub, aus dem Kotzen nicht mehr heraus! Wobei ich niemanden dazu ermuntern möchte – soll ja auch wieder nicht gesund sein. Aber lassen wir das und kommen auf die Kommentarbereiche zurück.

Schon die Leser-Kommentare im Online-Auftritt der „Zeit“ sind zu großen Teilen grenzwertig, werden aber immerhin moderiert, Beiträge werden gelöscht, u.a. mit dem freundlichen Hinweis, Beleidigungen doch bitte zu vermeiden und zwischendurch tauchen auch einige wenige Kommentatoren auf, die ich mal als die Stimme der Vernunft bezeichnen möchte.

Nun war ich aber kürzlich auf der Internet-Seite von „Focus online“ – aus Gründen, die im Nachhinein nicht mehr nachvollziehbar sind, und ich gelobe, einen Besuch dieser Seite fürderhin für alle Zeiten zu unterlassen – und stieß dort auf einen Kommentar, der übrigens weder gelöscht noch sonst irgendwie moderiert wurde und den ich Euch nicht vorenthalten möchte. Der erste Teil des Kommentars bezieht sich auf Politiker, Letzterer auf Flüchtlinge. Ich bin mir nicht sicher, ob ich den Kommentar wortgetreu wiedergeben kann, zitiere also sinngemäß aber sehr nah am Original und befleißige mich auch der Originalorthografie dieser poetischen Äußerung:

„(…) diese Mischpocke muss endlich von Grund auf gesäuert werden, damit wir unser, ja, ich sage UNSER Land, endlich von diesen Sozialschmatotzern befreien.“

Zitatende. Eigentlich sind diese Worte dazu angetan, ein paar Sekunden zu schweigen und sie sacken zu lassen.

*seufz*

Hach, das Leben der Menschen ist aber auch eines der härtesten. Auch und gerade wegen der oben erwähnten „Mischpocke“. Kaum erklärt die WHO am 08. Mai 1980 die Welt für pockenfrei – von den diversen Virenstämmen, die wahrscheinlich in den Giftschränken von etwa 150 Regierungen weltweit noch liegen, weil man ja nie weiß, wozu man sie nicht vielleicht nochmal gebrauchen kann, mal abgesehen -, schon taucht nicht mal 40 Jahre später die fiese „Mischpocke“ auf. Edward Jenner und James Phipps würden sich im Grabe umdrehen. Ein ganz ein böses Virus, gegen das das H1N1-Virus augenscheinlich absoluten Kinderkram darstellt.

Die einzige Behandlung, die bis jetzt Heilung verspricht, scheint zu sein, dass das Virus „gesäuert“ werden muss. Womit und auf welche Weise das geschieht, wird uns oben genannter Internetnutzer vielleicht irgendwann in einem weiteren erleuchtenden Kommentar verraten.

Nun, jedenfalls, solche Leute inspirieren mich! Und sei es auch nur dazu, denen und Anderen, die ähnlich denken – wobei ich „denken“ in diesem Zusammenhang als eher mutige Wortverwendung empfinde -, immer wieder gebetsmühlenartig vorzuhalten, dass ihre menschenverachtende Einstellung beschissen ist und die Partei, der Menschen, die solche Aussagen tätigen, wohl nahe stehen, noch viel beschissener! Verändere ich damit die Welt? Nein, aber das will ich auch gar nicht. Es reicht mir schon, wenn es gelingt, mein Gegenüber vielleicht mal zum Nachdenken anzuregen. Und das gelingt öfter als man glauben mag.

Wobei bei o.g. Exemplar wohl jegliche Hoffnung vergebens ist, denn um derart emphatiebefreit zu sein muss man schon ein Schrapnell veritablen Ausmaßes im subgenualen anterioren cingulären Cortex stecken haben. Zusätzlich lässt der Umgang mit der deutschen Sprache des o.g., nun, ich will  mal wohlwollend „Menschen“ sagen, darauf schließen, dass zusätzlich noch kleinere Schrapnelle im Gyrus frontalis inferior, Gyrus temporalis superior und im Gyrus temporalis medius stecken.

Selbst ein Team aus den weltbesten Neurochirurgen wäre wohl nicht in der Lage, diese Fragmente alle zu entfernen, ohne in dem Organ, das im Grunde genommen eigentlich mal für das Denken dieser Person vorgesehen war, irreparablen Schaden anzurichten. Wahrscheinlich könnte er anschließend nie wieder Kommentare im Internet hinterlassen. Wobei: Wäre das wirklich so schlimm …?

Wirklich schlimm finde ich dagegen das Vorgehen der Bundeswehr, die auf der gamescom mit im Stile der Shooter „Call of Duty“ oder „Battlefield“ gehaltenen Plakaten mit der Aufschrift „Mehr Open World geht nicht!“ oder „Multiplayer at ist best“ Werbung für ihren Verein macht. Aber das ist wieder ein anderes Thema … :-)

4.) Die Wahl der Qual: Auf Arbeit täglich Stress oder Langeweile?

Och, da nehme ich lieber die Langeweile. Ich habe einen Internet-Anschluss bei der Arbeit. Damit könnte ich mich schon beschäftigen. Könnte. Also, nicht, dass ich das täte. *hüstel*

 

Das war es auch schon wieder. Herzlichen Dank für die Aufmerksamkeit, würde Markus Kavka sagen. Ich verabschiede mich also nun in mein restliches Tagwerk und den anschließenden Urlaub, den ich, je nach Wetterlage, mit extensivem Lesen im Garten oder aber andernfalls mit „Kingdom Come: Deliverance“ verbringen werde. Und mit gelegentlichem Bloggen. :-)

Gehabt Euch wohl!

 

 

„Ein notwendiges Übel“ von Abir Mukherjee – Exotisch

Buch: „Ein notwendiges Übel“

Autor: Abir Mukherjee

Verlag: Heyne

Ausgabe: Taschenbuch, 494 Seiten

Der Autor: Abir Mukherjee ist Brite mir indischen Wurzeln: Seine Eltern wanderten in den Sechzigerjahren nach England aus. Sein Debütroman Ein angesehener Mann schaffte auf Anhieb den Sprung auf die britischen Bestsellerlisten. Mukherjee lebt mit seiner Familie in London. (Quelle: Heyne)

Das Buch: Kalkutta, 1920: Ein Jahr nach seiner Ankunft in Britisch-Indien wird der ehemalige Scotland-Yard-Ermittler Sam Wyndham mit einer heiklen Mission betraut. Der Thronfolger von Sambalpur wurde ermordet. Die Kolonialregierung hat ein hohes Interesse an der Ergreifung des Täters, verfügt in dem unabhängigen Fürstenstaat jedoch über keinerlei polizeiliche Befugnisse. Sam und sein indischer Sergeant Surrender-not Banerjee reisen als verdeckte Ermittler ins Reich des Maharadschas, das für seinen unsagbaren Reichtum, die prunkvollen Tempel, und die jährliche Großwildjagd bekannt ist … (Quelle: Heyne)

Fazit: „Ein notwendiges Übel“ ist der zweite Teil der Reihe rund um den Ermittler Sam Wyndham des britischen Autors Mukherjee. Der Erstling, „Ein angesehener Mann“ erschien 2017, ging aber an mir vorbei. Ein Versäumnis, das es nun bald aufzuholen gilt.

Dabei gelingt der Einstieg in „Ein notwendiges Übel“ aber auch ohne Kenntnisse des Reihenauftakts. Die Ereignisse aus „Ein angesehener Mann“ werden zwar öfter mal kurz angeschnitten, zwingend gelesen haben muss man Mukherjees ersten Roman deshalb aber nicht.

Nicht nur das vereinfacht die Lektüre des Buches, insbesondere Mukherjees Stil tut das. Der Autor schreibt leb- und bildhaft. Gekonnt gelingt es ihm, dem Leser Land und Leute, Sitten und Gebräuche, Farben, Gerüche, Atmosphäre im Indien der 20er-Jahre des letzten Jahrhunderts zu beschreiben. Das gelingt ihm sogar so anschaulich, dass ich mir noch mehr davon gewünscht hätte. Auch die Dialoge können sich lesen lassen.

Lediglich die Angewohnheit des Protagonisten Wyndham, seinen indischen Searganten Surendranath Banerjee beharrlich „Surrender-not“ zu nennen, weil er zur Aussprache von „Surendranath“ einfach nicht fähig ist, kann man kritisch beäugen. Allerdings verarbeitet Mukherjee hier ja auch einen historischen Stoff, da passt das dann schon irgendwie wieder, veranschaulicht es doch treffend das Selbstverständnis der britischen Kolonialherren, hier in Person Wyndhams, ihren indischen „Untertanen“ gegenüber. Das erinnert mich ein bisschen an eine Szene aus „Conquest of Paradise“ in der der Übersetzer Utapán gegen Ende des Films demonstrativ seine europäische Kleidung ablegt, seine Haare nach Art seines Volkes schert und sich, kurz bevor er im Wald verschwindet, an Kolumbus wendet mit den Worten: „Du hast nie gelernt, meine Sprache zu sprechen!“

Den guten Eindruck, den der Autor stilistisch hinterlässt, kann er auch mit seinen Charakteren bestätigen. Er schafft es, ein Mordopfer – von dem man vorher weiß, dass es ein Mordopfer sein wird, wenn man den Klappentext gelesen hat – auf nur wenigen Seiten so sympathisch wirken zu lassen, dass man sich als Leser nach dessen Ermordung denkt: „Och, schade!“ :-) Aber nicht nur im Bereich belangloser Nebenfiguren kann Mukherjee überzeugen, auch sein Protagonist gefällt mir ausnehmend gut. Zwar könnte man meinen, man hätte hier einfach einen alkoholkranken skandinavischen Ermittler gegen einen opiumsüchtigen Briten ausgetauscht, das wäre aber wirklich zu kurz gesprungen. Wyndham setzt sich regelmäßig mit seiner Abhängigkeit auseinander, weiß im Grunde seines Herzens, dass das Zeug nicht gut für ihn ist, ist aber felsenfest davon überzeugt, dass er jederzeit aufhören könne, wenn er nur wolle. Ja, sicher …

Auch der schüchterne indische Seargant Banerjee gefiel mir gut, man würde ihm nur wünschen, das Autor würde ihm mal eine etwas größere Rolle zukommen lassen. Aber das mag in der Zukunft ja noch kommen.

Zur Krimihandlung kann ich sagen, dass ich, sehr zu meinem Erstaunen, nach etwa 300 Seiten in etwa wusste, wohin das Ganze wohl führen würde. So unterschied sich die Lösung, die ich für die Geschehnisse hatte, nur unwesentlich vom tatsächlichen Ausgang des Buches. So etwas passiert mir außerordentlich selten, ich bin nicht wirklich gut darin. Und wenn es mir doch mal gelingt, den weiteren Verlauf einer Handlung zu erraten, dann ist das meist kein gutes Zeichen für das Buch. Hier jedoch nicht. Denn auch, wenn man eine grobe Ahnung hat, wie das Ganze wohl ausgeht, so ist der Weg dahin doch sehr unterhaltsam.

Abschließend kann ich also sagen, dass es sich bei „Ein notwendiges Übel“ um einen sehr gelungenen, lesenswerten Krimi handelt, der mit einem ungewöhnlichen Settung daherkommt und mit Spannung und Atmosphäre punkten kann.

Der einzige kleine Kritikpunkt betrifft die für die Gestaltung des Buchtitels verwendete Goldfarbe! Denn für so ziemlich jede Goldfarbe auf Büchern gilt: Sie löst sich früher oder später ab. So auch hier. Und wenn man sich dann regelmäßig mit seinen goldigen Flossen unbedacht ins Gesicht greift, dann … sieht das nicht schön aus und führt dazu, dass man unter Umständen die eine oder andere Frage beantworten muss … ;-) Aber hey, wenn das so ziemlich das Einzige ist, was man an einem Krimi zu kritisieren hat, dann ist das Leiden auf hohem Niveau.

Wertung:

Handlung: 9 von 10 Punkten

Charaktere: 9 von 10 Punkten

Stil: 8,5 von 10 Punkten

Atmosphäre: 10 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 9,125 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Vor dem Fall“ von Noah Hawley. Darüber wollte ich eigentlich heute schon schreiben, Mukherjee lag hier aber schon länger rum. :-)

„Die Tyrannei des Schmetterlings“ von Frank Schätzing – Vielschichtig

Buch: „Die Tyrannei des Schmetterlings“

Autor: Frank Schätzing

Verlag: Kiepenheuer & Witsch

Ausgabe: Hardcover, 728 Seiten

Der Autor: Frank Schätzing, geboren 1957 in Köln, veröffentlichte 1995 den historischen Roman »Tod und Teufel«, der zunächst zum regionalen, später bundesweit zum Bestseller avancierte. Nach zwei weiteren Romanen und einem Band mit Erzählungen sowie dem Thriller »Lautlos« erschien im Frühjahr 2004 der Roman »Der Schwarm«, der seit Erscheinen eine Gesamtauflage von 4,5 Millionen Exemplaren erreicht hat und weltweit in 27 Sprachen übersetzt wurde. Es folgten die internationalen Bestseller »Limit« (2009) und »Breaking News« (2014). Im Frühjahr 2018 erscheint Frank Schätzings neuer Thriller »Die Tyrannei des Schmetterlings«. Frank Schätzing lebt und arbeitet in Köln. (Quelle: Kiepenheuer & Witsch)

Das Buch: Kalifornien, Sierra Nevada. Luther Opoku, Sheriff der verschlafenen Goldgräberregion Sierra in Kaliforniens Bergwelt, hat mit Kleindelikten, illegalem Drogenanbau und steter Personalknappheit zu kämpfen. Doch der Einsatz an diesem Morgen ändert alles. Eine Frau ist unter rätselhaften Umständen in eine Schlucht gestürzt. Unfall? Mord? Die Ermittlungen führen Luther zu einer Forschungsanlage, einsam gelegen im Hochgebirge und betrieben von der mächtigen Nordvisk Inc., einem Hightech-Konzern des zweihundert Meilen entfernten Silicon Valley. Zusammen mit Deputy Sheriff Ruth Underwood gerät Luther bei den Ermittlungen in den Sog aberwitziger Ereignisse und beginnt schon bald an seinem Verstand zu zweifeln. Die Zeit selbst gerät aus den Fugen. Das Geheimnis im Berg führt ihn an die Grenzen des Vorstellbaren – und darüber hinaus. (Quelle: Kiepenheuer & Witsch)

Fazit: Heda, werte Leserschaft. Nachdem meine Rezensionspause nun ziemlich genau einen Monat gedauert hat, ist es Zeit, sie zu beenden. Ich wollte zwar erst 40 Tage daraus machen, das erschien mir aber nach genauerem Nachdenken irgendwie blasphemisch. :-) Das soll uns aber an dieser Stelle gar nicht weiter interessieren, richten wir den Blick auf Herrn Schätzing und sein neuestes Werk.

Frank Schätzing und mich, uns verbindet eine komplizierte Autor-Leser-Beziehung. Zudem eine, von der der Autor noch nicht mal etwas weiß. Wüsste er allerdings darum, wäre es ihm vermutlich auch egal. Dabei war unsere Autor-Leser-Beziehung über Jahre hinweg eigentlich recht unbelastet. Ich hatte schon ziemlich früh die Romane des Schriftstellers entdeckt und fühlte mich ausnahmslos gut von ihnen unterhalten. Dann erschien „Der Schwarm“ – ein Buch, dessen Lektüre ich heute noch jedem, an dem es bislang vorbeigegangen sein könnte, nahelegen möchte, weil es schlichtweg genial ist – und ich war begeistert.

Danach aber…

Für „Limit“ habe ich vier Anläufe gebraucht – und es bis heute nicht zu Ende gelesen. Sicher, ich hätte es handhaben können, wie eine ganz zauberhafte Person, der ich das Buch leihweise überließ und die mir nach etwa zwei Tagen mitteilte, sie habe die Lektüre dieses über 1.300 Seiten umfassenden Buches abgeschlossen. Auf meine irritierte Nachfrage, wie das denn möglich sei, hieß es sinngemäß: „Was mich nicht interessiert hat, habe ich überblättert!“ :-) Wie gesagt, das kann man so handhaben, mein Ansatz ist es indes nicht.

Auch der auf „Limit“ folgende Roman „Breaking News“ hatte es bei mir schwer und wurde erst kürzlich, etwa vier Jahre nach Erscheinen, durchgelesen.

Diese Bücher haben aus meiner Sicht ein signifikantes Problem: Sie sind – und ich hätte nicht gedacht, dass ich das mal sagen würde – zu lang!

Umso wohltuender ist es, dass Schätzings neuestes Buch „nur“ mit einem Umfang von knapp 730 Seiten aufwartet. Das bedeutet folgerichtig, dass die Längen die „Limit“ und „Breaking News“ aufgrund ihrer, hm, Länge hatten in „Die Tyrannei des Schmetterlings“ meiner Meinung nach deutlich weniger auftauchen. Ganz ohne Fehl und Tadel ist Schätzings neuester Streich dann aber doch nicht.

Da wäre beispielsweise der Stil zu nennen. Schätzing versteht es durchaus – als Beweis möchte ich hier mal „Der Schwarm“ anführen -, meisterhaft zu erzählen ohne sich in komplizierte Satzgebilde Mannscher Ausmaße flüchten zu müssen, so dass man als Leser geradezu durch die Seiten fliegt. Und auch im vorliegenden Buch ist das so. Dann aber versteigt sich der Autor dazu, teils ausufernde Beschreibungen der Natur und der Atmosphäre als solcher einzufügen, die im Laufe der Zeit und mit immer häufigerem Auftreten immer ermüdender werden. Auch, weil sie meiner Meinung nach so gewollt wirken. Schätzing kann doch, wie eben erwähnt, gut erzählen. Warum er daher hier so ins Lyrisch-Poetische abdriftet, kann ich nicht so wirklich nachvollziehen. Schätzing ist Schätzing und nicht Novalis, sonst hätte er, um mal beim Thema „Tyrannei“ zu bleiben, geschrieben:

„Und sollen immer denn Tyrannen
Beherrschen unser Wohl und Leid
Erhöhen, wenn sie Redliche verbannen
Die Niederträchtigkeit!“

Von den erwähnten Passagen abgesehen, liest sich der Roman aber so gut, wie man das vom ihm gewohnt ist. Naturgemäß versteht der Autor eines ganz besonders, nämlich der Leserschaft auf unterhaltsame Weise Wissen zu vermitteln. Sei es die Meeresbiologie in „Der Schwarm“, der Mond und der Weltraum in „Limit“, die Geschichte Israels und des Nahostkonflikts in „Breaking News“ oder eben die KI-Forschung in „Die Tyrannei des Schmetterlings“, Schätzing beherrscht die Kunst, seinen Lesern Kenntnisse und Wissen zu vermitteln, ganz hervorragend. Natürlich muss man als Leser auch bereit sein, dieses Wissen aufzunehmen. Unzählige  Wahlergebnisse der jüngeren Vergangenheit lassen ja darauf schließen, dass es bei den Menschen nicht weit her ist, mit der Bereitschaft, Wissen und Kenntnisse zu erlangen. Aber lassen wir das. Ich jedenfalls finde insbesondere diese informativen Abschnitte des Buches sehr gut gelungen, auch stilistisch.

Bei einem Blick auf die Charaktere in Schätzings Büchern wurde in der Vergangenheit der Eindruck deutlich, dass dieser Bereich jetzt nicht so zu seinen Stärken gehört. In seinem neuesten Roman ist das glücklicherweise anders. Ich habe jedenfalls keine Totalausfälle jeglicher Art unter den Charakteren feststellen können, im Gegenteil, mit Ruth Underwood, so etwas wie der rechten Hand des Protagonisten, hat Schätzing eine ganz wunderbare Nebenfigur geschaffen, die mir noch lange im Gedächtnis bleiben wird.

Bliebe letztlich noch die Geschichte selbst. Und für die muss man ein wenig Zeit und, bitte, auch ein wenig Aufmerksamkeit mitbringen. Die Geschehnisse beginnen irgendwann, relativ verschachtelt daherzukommen und da könnte man unter Umständen ein wenig den Überblick verlieren, wenn man nicht genau bei der Sache ist. Grundsätzlich überzeugt die Geschichte mich vollumfänglich, verstehe aber die Leute, die ein Problem damit haben, dass sie teilweise ein wenig in Science-Fiction ausartet. Ich persönlich mochte das sehr, brachte auch von Anfang an die Bereitschaft mit, Herrn Schätzing auf seinem Trip zu begleiten, wo auch immer mich der hinführen möge. Wer es etwas handfester und bodenständiger mag, der ist beim „Schwarm“ oder den „Breaking News“ vielleicht ein wenig besser aufgehoben, wer sich in der Vergangenheit schon gut von Schätzungs Büchern unterhalten fühlte, der macht auch mit „Die Tyrannei des Schmetterlings“ nichts verkehrt.

Wertung:

Handlung: 9 von 10 Punkten

Charaktere: 9 von 10 Punkten

Stil: 7,5 von 10 Punkten

Atmosphäre: 9 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 8,625 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Vor dem Fall“ von Noah Hawley.

Freitagsfragen #56

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Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

und wieder neigt sich eine weitere Woche, juhu, ihrem Ende zu. Auch wenn diese nun bald vergangene Woche, ganz im Gegensatz zu ihrer Vorgängerin, bei „Deutschland sucht die Scheißwoche“ nicht mal in den Recall käme.

Von gut waren allerdings auch die vergangenen Tage weit, weit, weeeit entfernt. Vielleicht habe ich aber auch nur meine Leidensfähigkeit aufgelevelt, wer weiß das schon!?

Auch im literarischen Sinne musste ich kürzlich Leidensfähigkeit beweisen, als im am vergangenen Sonntag ein Buch nach gut 80 Seiten zur Seite legen musste, weil es mir vorkam wie eine emanzipatorische Kampfschrift. Ich denke darüber nach, „Emanzipatorische Kampfschrift“ auch als Überschrift für die irgendwann folgende Rezension zu verwenden, im vollen Bewusstsein, mir damit einen Shitstorm einhandeln zu können. ;-) Besagtes Buch hat es auf – ich habe die genaue Zahl gerade nicht im Kopf – etwa 15 Klebezettel auf den ersten gut 80 Seiten geschafft. Na, wenn das mal nichts ist!? :-)

Nun steht zwischen mir und einem Wochenende, das anders als geplant und hoffentlich so ähnlich wie das letzte verlaufen wird, nur noch der Rest von heute und die Beantwortung der Freitagsfragen aus dem Brüllmausblog.

Oh, und zwischen mir und zwei Wochen Urlaub steht nur noch der Rest von heute und die nächste Woche. Ich wollte es nur erwähnt haben. ;-)

Kommen wir zur Sache, die Fragen und Antworten lauten:

1.) Kleidest Du Dich eher modisch oder praktisch?

Ach, modisch ist relativ. So scheint es angesichts der Tatsache, dass ich gestern Abend beim Zappen über eine Moderatorin (bei Pro7?) stolperte, die eine Hose trug, die nur bis unwesentlich unter der Brust hochgezogen war, modisch zu sein, so etwas zu tragen. Ich fand das wahrhaft fürchterlich. Andererseits, da ich nicht für mich in Anspruch nehmen kann, Frauenkleider zu tragen, kann mir so etwas auch egal sein.

Wie ich mich kleide, hängt in erster Linie davon ab, wo ich mich befinde. Verlasse ich das Haus, versuche ich schon, nicht so auszusehen, als wäre ich gerade irgendwo ausgebrochen. Ob das modisch ist, ist mir dabei ziemlich wumpe. Ich muss mich in erster Linie wohl fühlen und glaube, auch einen wiedererkennbaren Kleidungsstil zu haben.

Zu Hause ist das dann etwas völlig anderes. Da laufe ich schon gerne in Schlabberklamotten rum. Damit würde ich aber nie das Haus bzw. das Grundstück verlassen. Ebenso wenig übrigens wie in kurzen Hosen. Männer in kurzen Hosen sind für mich ein schmaler Grat. Ich persönlich sehe darin aus, wie Prinz George, der fünfjährige Sohn von Prinz William und Prinzessin Kate. Deshalb lasse ich es. :-)

2.) Viele Menschen haben einen SUB (Stapel ungelesener Bücher). Hast Du eine LUF (Liste ungesehener Filme)?

Ja, so einen SuB habe ich auch, wobei das bei mir eher ein Kubikmeter ungelesener Bücher ist. ;-)

Dagegen bin ich eher nicht so cineastisch veranlagt. Ins Kino – ich erwähnte das bereits öfter – gehe ich eher selten. Die Kinofilme, die ich in den letzten 17 Jahren gesehen habe, bestehen in erster Linie aus „Star Wars“ und Peter Jackson bzw. J.R.R. Tolkien. Oh, und „Rango“. Ach, und „Resident Evil: Apokalypse“, aber über diesen Film wäre jedes weitere Wort eines zu viel.

Dabei gibt es durchaus Filme, bei denen ich es bedauere, dass ich sie noch nicht gesehen habe. Dazu gehören in erster Linie „Before Sunset“ und „Before Midnight“, die Fortsetzungen von „Before Sunrise“. Die habe ich doch tatsächlich bis heute nicht gesehen. Ich habe keine Ahnung, wie es dazu kommen konnte.

Oh, und vor einiger Zeit habe ich in ausnehmend angenehmer Runde „Shape of Water“ gesehen. Den kann ich wärmstens empfehlen.

3.) Was ist etwas, das alle außer Dir zu mögen / nicht zu mögen scheinen?

Schwierige Frage. Ich beschränke mich mal auf die Dinge, die (fast) alle außer mir zu mögen scheinen.

Generell bin ich nicht so empfänglich für Hypes jeglicher Art. Harry Potter beispielsweise. Gut, als der erste Teil erschien, war ich bereits 20 und wähnte mich damit zu alt für diese Bücher, eine Einstellung die sich bis heute erhalten hat, weswegen ich nach wie vor nicht eine Zeile davon gelesen habe.

Oder Stephenie Meyer und ihre Vampire. Oder das, was sie dafür hält. Ich denke immer noch darüber nach, mir eine Stephenie-Meyer-Voodoo-Puppe zu klöppeln, weil ich seither in jedem „Underworld“-Teil erwarte, Edward Cullen ins Bild diffundieren zu sehen. Da bekommt „Horror“ eine völlig neue Bedeutung.

Wer schon etwas länger bei mir liest, weiß, dass in dieser Auflistung unmöglich „Die Wanderhure“ fehlen darf. Ich weiß bis heute nicht, warum dieser Roman so einen überwältigenden Erfolg hatte, der gleich fünf (!) Fortsetzungen davon rechtfertigte. Ich weiß aber, dass das Genre „Historischer Roman“ damit, abrupt und nachhaltig, deutlich in die Kitsch-Ecke abgerutscht ist.

Weitere Beispiele wären die aktuelle Chart-Musik und das Nachmittagsprogramm der Privaten. Gut, Letzteres gefällt wahrscheinlich nicht jedem, aber wohl ausreichend vielen, damit es gesendet wird. Warum auch immer.

Gerade heute musste ich feststellen, dass sich das Frühprogramm der Privaten qualitativ aber nur unwesentlich vom Nachmittagsprogramm abhebt: Das ZDF-Morgenmagazin bringt einen Beitrag über Kunstausstellungen in den ehemaligen Zechen des Ruhrgebiets, dem ich mich zu früher Stunde intellektuell nicht gewachsen fühle. Also schalte ich um und lande beim Programm von Sat1 oder RTL – ich kann mich nicht erinnern – welches auf mich den selben Effekt ausübte, den ein Verkehrsunfall hat: Man will nicht hinsehen, kann aber auch nicht wegsehen. Da wurden also vier junge Frauen aufgereiht und es wurde die Frage in den Raum geworfen, ob sich die anwesenden männlichen und weiblichen Schwimmbadbesucher zutrauen würden, zu erkennen, ob und, falls ja, welche Frau Brustimplantate hätte. Runde 1: angezogen. Runde 2: nicht mehr so ganz angezogen. Und dann folgte Runde 3: Der Grabsch-Test!

Ich finde ja, dass es sich bei solchen Beiträgen um medial legitimierten Sexismus handelt, aber was weiß ich schon!? Eigentlich möchte ich immer noch mit dem Kopf schütteln …

4.) Die Qual der Wahl: Du verreist mit Deiner Lieblingsperson zu dem Ort, zu dem Du schon immer mal reisen wolltest, doch im Flugzeug ist nur noch ein Platz frei. Wer fliegt?

Das würde ungefähr so ablaufen:

„Ach, flieg Du, ich habe sowieso Flugangst.“

„Ja, aber es doch der Ort wohin Du immer schon mal reisen wolltest.“

„Ja, aber nicht allein. Da hätte ich ja noch größere Flugangst.“

„Aber allein fliege ich auch nicht!“

„Hmmm …“

„Wir bleiben hier?“

„Wir bleiben hier!“

:-)

 

Das war es auch schon wieder. Ich wünsche allseits einen guten Restfreitag und einen guten Start in ein hoffentlich schönes Wochenende.

Gehabt euch wohl!

Freitagsfragen #55

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Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

na, war das mal eine beschissene Woche bis jetzt, oder was!? Also, für mich, bei Euch kann ich das nicht beurteilen. Ich für meinen Teil kränkele seit einigen Tagen ein wenig, habe in den letzten Nächten zum Gotterbarmen schlecht geschlafen und wenn überhaupt, dann quälte mich mein im freien Fall befindliches Hirn mit Albträumen. Insbesondere letztere habe ich ja gerne mal.

Dementsprechend habe ich bei einem Blick in den Spiegel heute morgen auch konstatieren müssen, dass ich aussehe, wie nach einem mehrwöchigen Aufenthalt im Hotel Guantanamo. Nach diesem Schrecken schaltete ich dann kurz, um die Nachrichten zu sehen, den Fernseher ein und wurde nichtsahnend mit einem debilen „Nimm 2“-Werbespot und dem völlig bescheuerten Liedtext „Das macht Plopp, das macht macht Plopp, ja, das macht Plopp-Plopp-Plopp“ gefoltert, was in mir den Wunsch auslöste, den Fernseher in seine kleinsten Bestandteile zu zerlegen. Wahlweise auch die Werbeschaffenden. Ich bin augenscheinlich etwas dünnhäutig heute, man könnte auch sagen, ich bestehe nur aus Zündschnur.

Dazu passt auch, dass ich die ganze Woche keine einzige Seite gelesen habe, was erfahrungsgemäß ein schlechtes Zeichen ist. Immerhin diesen Umstand gedenke ich nachher zu beseitigen und wenn ich mich dazu zwingen muss. Alles andere ergibt sich dann schon. Ich werde also das Wochenende ab dem heutigen Nachmittag vollständig und unter Ausschluss aller sozialen Kontakte lesend im Garten verbringen und diesen Platz nur für das Allernötigste verlassen, wenn überhaupt.

Wer versucht, mich in dieser Zeit zu erreichen, muss damit rechnen, angesichts dieses Versuchs bei mir auf wenig Gegenliebe zu stoßen, um das mal vorsichtig zu formlieren. Das gilt natürlich ausdrücklich nicht für so etwa eine Handvoll lieber Menschen, die wissen das aber auch.

Sollte ich dann im Laufe des Wochenendes auch mal die eine oder andere Stunde Schlaf bekommen, könnte es sein, dass ich bis Sonntag in den zenbuddhistischen Ruhezustand zurückgefunden habe, der mir eigen ist. Man darf gespannt sein.

Vorher gibt es noch die Freitagsfragen aus dem Brüllmausblog. Fragen und Antworten lauten:

1.) Was verbindest Du mit den 90ern?

Schule und schlechte Musik. Natürlich, in den 90ern gab es auch Bands wie Nirvana, Aerosmith oder Pearl Jam, die – nur mal exemplarisch genannt – die Fahne des guten Musikgeschmacks hochhielten.

Man musste sich in den 90ern aber auch mit „Musik“ von Dr. Alban, Haddaway, Marusha, Wigfield oder Snap! beschallen lassen. Und das war schon ziemlich nervig. Insgesamt stelle ich aber fest, dass ich das, was damals so im Radio lief, weniger ätzend fand als das, was dort heute läuft. Klar, „heavy rotation“ gab es damals auch schon. Trotzdem konnte es damals passieren, dass morgens mein Radiowecker ansprang und recht erträgliche Musik spielte, was schon mal den Effekt hatte, dass ich wieder eingeschlafen bin und deswegen fast zu spät zur Schule kam. Um dem entgegenzuwirken, habe ich den genialen Plan ersonnen, meinen Radiowecker auf den Sender „NDR 1 – Radio Niedersachsen“ umzustellen, der – vorzugsweise bei der älteren Generation beliebt – damals schon gruseligste deutsche Schlager spielte, irgendwo so zwischen „Mein Freund, der Baum“ und „Zigneunerjunge“. Hm, ist Letzteres eigentlich schon auf dem Index? Jedenfalls, wenn man dann morgens damit geweckt wurde, dass Nana Mouskouri einem ihr „Weiße Rosen aus Athen“ entgegenplärrte, dann MUSSTE man aufstehen, um den Wecker auszumachen, somit war die Gefahr des Wiedereinschlafens gebannt. Ich habe diesen Plan allerdings nach wenigen Wochen aufgegeben, weil er nicht gut für mein Nervenkostüm war …

Und dann war in den 90ern ja noch die Schule. Rückblickend betrachtet waren die Jahre von 95 bis zum meinem Abschluss 98 die besten, die ich hatte. Schon nach dem Abi habe ich damals prophetisch geäußert: „Eigentlich kann es von jetzt an nur schwieriger werden.“ Ich hatte recht. ;-)

2.) Welche Staatsform wäre die beste, falls die deutsche Demokratie zerbrechen würde?

Wenn man sieht, welche unverändert hohen Umfragewerte die AfD hat, könnte man glauben, dass die Leute die Demokratie gar nicht wollen. 17 %, nach Umfragen von INSA oder auch Infratest dimap von vor ein paar Tagen. Ich sehe so etwas ja mit Erstaunen und Unwohlsein, auch weil ich es halt einfach nicht begreife.

Als in Rostock-Lichtenhagen 1992 – ha, das hätte ich auch unter Frage 1 schreiben können – Molotowcocktails auf ein von Vietnamesen bewohntes Wohnheim flogen, während bis zu 3.000 Zuschauer teils applaudiert haben,  im Deutschland-Trikot den Hitler-Gruß zeigten und die Arbeiten der Rettungskräfte behinderten, da war ich 15 und mein idealisiertes, jugendliches Weltbild löste sich im Rauch des Sonnenblumenhauses auf. Ich konnte damals schon nicht begreifen, wie man so dumm sein kann. Wie dumm man sein muss, um wirklich auch gar nichts aus der Geschichte gelernt zu haben.

So etwa 23 Jahre später flogen wieder Brandsätze auf Flüchtlingsunterkünfte und statt sich angesichts dieser Taten kollektiv zu schämen, haben 17 % der Wähler nichts anderes zu tun, als durch die Abgabe ihrer Stimme zu signalisieren, dass solcher Fremdenhass wieder gesellschaftsfähig geworden ist? Unfassbar eigentlich!

Egal, ob die AfD eine Anfrage an die Bundesregierung stellt, die einen Zusammenhang zwischen Flüchtlingen und Behinderungen impliziert, ob Frau von Stroch mal wieder „von der Maus abgerutscht“ ist oder Herr Gauland in einem Anfall geistiger Umnachtung  das wahrlich dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte als „Vogelschiss“ bezeichnet: Solche Leute kann doch niemand wählen, der bei klarem Verstand ist!

Aber je nun, die Leute tun es halt. Vielleicht, weil die Menschen die Demokratie für eine Art Grundrecht halten. Das ist sie nicht. Und wenn sich die jetztige Entwicklung so fortsetzt, wird sie möglicherweise irgendwann mal Geschichte sein. Ich tippe ja darauf, dass das Ganze mit einer Regierungskoalition zwischen CSU und AfD in Bayern seinen Anfang nimmt, vielleicht noch nicht im Oktober, aber dann halt in ein paar Jahren.

Ob es dann ohne die Demokratie besser wird, das wage ich arg zu bezweifeln. Klar, eine Monarchie unter meiner Führung würde das Land deutlich nach vorne bringen, ob es aber dazu kommt …

Ich persönlich hoffe, dass die Menschen hier die Demokratie nicht zu Grabe tragen. Denn eine bessere Staatsform gibt es meines Erachtens nicht.

3.) Was war Dein liebstes Schulfach und warum?

Geschichte, Deutsch und Sozialkunde, in dieser Reihenfolge. Geschichte, weil mich historische Zusammenhänge schon immer interessiert haben und Geschichte auch immer so ein bisschen Eskapismus bedeutet, wenn man sich intensiv mit der Zeit von früher beschäftigt.

Deutsch mochte ich immer schon gerne, aber erst in der Oberstufe wurde es zu einem meiner Lieblingsfächer. Was zum Einen am Kursleiter zum Anderen an den gelesenen Büchern lag. Gut, wir mussten uns auch mit den Kommunikationstheorien von Friedemann Schulz von Thun und dem Buch „Nachdenken über Christa T.“ von Christa Wolf befassen und heutige Schülergenerationen würden wohl gegen beides vor Gericht klagen, aber wir durften eben auch Süßkinds „Das Parfüm“ lesen, uns mit Wedekinds „Frühlingserwachen“ befassen, in das eine Mitschülerin einen großartigen Kommentar als Gedächtnisstütze für die Klausur schrieb, den ich hier aber unmöglich wiedergeben kann, und wie betrauerten „Die Leiden des jungen Werther“, auch wenn es Menschen geben soll, die mit Letzterem nicht viel anfangen können, eine Einstellung, der ich absolutes Unverständnis entgegenbringe.

Und Sozialkunde mochte ich, weil ich bei der Lehrerin in der Oberstufe am meisten fürs Leben gelernt habe. Sie soll zwar mal gerüchtemäßig einem anderen Kurs die Worte: „Ich finde Euch alle zum Kotzen!“ entgegengezischt haben, aber ich persönlich konnte mich nicht beklagen. ;-)

4.) Die Wahl der Qual: Das Abendessen mit Freunden ungenießbar verkochen oder mit Fremden gezwungen sein etwas zu essen, das Dir nicht schmeckt?

Dann verkoche ich doch lieber das Abendessen. Warum sollte ich mit Menschen, die ich nicht kenne, etwas essen, das ich nicht mag? Bei einem verkochten Abendessen kann man sich immer noch eine Pizza bestellen.

 

Das war es auch schon wieder!

ich wünsche allseits einen guten Start in ein schönes Wochenende, bei dem ich, wenn ich mir etwas wünschen dürfte, gerne Temperaturen von maximal 25 Grad hätte, die Hitze macht mich nämlich langsam fertig.

Gehabt euch wohl!

Sue Klebold – A Mother’s Reckoning: Living in the Aftermath of the Columbine Tragedy — wortmagieblog

 

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

dass ich mich gerade in einer längerfristigen Rezensionspause befinde, bedeutet natürlich nicht, dass ich keine anderen Blogs und Texte lese. Und manchmal, ja, manchmal stolpert man im wahrsten Sinne über Texte, bei denen man sich denkt: „So gut hätte ich das nie gekonnt!“ Und so geht es mir auch beim hier vorliegenden aus dem „wortmagieblog„. Und der Name ist durchaus Programm: Die Tatsache, dass man so schreiben kann, lässt mich durchaus ein wenig neiderfüllt zurück. ;-) Der langen Rede kurzer Sinn: Im reisswolfblog gibt es eine Premiere, denn ich reblogge etwas. Ich hoffe, dass das technisch auch so funktioniert, wie ich mir das vorstelle, da meine Erfahrung diesbezüglich sehr nahe in der Gegend von null tendiert. Nun, wie dem auch sei, jedenfalls ist besagter Text aus dem wortmagieblog ein ganz wunderbarer, ein langer, ein nicht einfacher, einer, bei dem man wohl durchaus mal schlucken muss, aber dennoch – oder gerade deswegen – einer der sich zu rebloggen lohnt, was hiermit geschieht (hoffentlich ;-) )

 

Am 20. April 1999 um 11:19 Uhr betraten Eric David Harris und Dylan Bennet Klebold die Columbine High-School in Colorado durch den Westeingang und eröffneten das Feuer. Sie trugen je zwei Schusswaffen, schwarze Trenchcoats, schwarze Hosen und eigens für den Anlass bedruckte T-Shirts. Erics Brust zierte der Schriftzug „Natural Selection“; auf Dylans Shirt prangte das […]

über Sue Klebold – A Mother’s Reckoning: Living in the Aftermath of the Columbine Tragedy — wortmagieblog

Freitagsfragen #54

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Hallo, liebe Leserinnen und Leser,

man glaubt es kaum, aber es ist schon wieder Freitag, was gleichbedeutend ist mit einer neuen Ausgabe der Freitagsfragen im Brüllmausblog. Gehen wir also gleich frisch, fromm, fröhlich, frei ans Werk. Die heutigen Fragen und Antworten lauten:

1.) Was liest oder schaust Du aktuell?

Ich habe gerade heute in den frühen Morgenstunden die letzten Seiten von Frank Schätzings „Breaking News“ gelesen. Eine Art literarische Orientierungshilfe zum Verständnis des Nahostkonflikts rund um Israel. Hat mir gut gefallen, ich werde berichten. Irgendwann.

„Breaking News“ lag jetzt seit etwa vier Jahren auf meinen SuB (Plural) herum, da wurde es langsam mal Zeit, dass es gelesen wird. Damals habe ich zwei Versuche unternommen, bin aber immer so in der Gegend um Seite 300 gescheitert.

Was eine frühere Lektüre des Buches verhindert hat, ist eine Eigenschaft, die es mit den meisten anderen Büchern auf meinen SuB (Plural) teilt: Es hat unheimlich viele Seiten, nämlich nahezu 1.000! Nur, weil ich gerade eine Rezensionspause mache, habe ich überhaupt zu diesem Schätzing gegriffen, sonst hätte ich mir sicherlich ein kürzeres Buch ausgesucht, weil ich ja immer im Hinterkopf habe, dass irgendwann auch die nächste Rezension geschrieben werden muss und man für 1.000 Seiten halt einfach viel zu lange braucht usw. usf.

Kaum macht man mal eine Pause und denkt überhaupt nicht – na ja: kaum – darüber nach, was und wann man über ein Buch schreibt, schon macht man die interessante Erfahrung, dass man, also ich, fernab dieser Gedanken, in der Lage bin, besagte knapp 1.000 Seiten in der Zeit zwischen letztem Sonntag und heute zu lesen. Ich sollte also öfter und länger Rezensionspause machen, meine SuB (Plural) wüssten es zu schätzen …

Mal schauen, womit ich mich danach beschäftige. Über 850 Seiten Gablé? Knapp 800 Seiten Glavinic? Über 900 Seiten Zafón? Hätte ich alles im Angebot. Vielleicht auch „Krieg und Frieden“ oder „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“? Man wird sehen …

2.) Braucht unsere Gesellschaft Quoten für Frauen, Behinderte, etc.?

Das dürfte, für mich,  eine der bisher spannendsten Fragen in der Geschichte der Freitagsfragen sein, die eigentlich umfangreicher Beantwortung bedarf – und mit der man sich recht schnell auf recht dünnes Eis begeben kann.

Nehmen wir mal die Quote für behinderte Arbeitnehmer in Unternehmen. Ab 20 Mitarbeitern muss ein Unternehmen 5 % der Arbeitsplätze, nach Adam Riese und Eva Zwerg also einen von 20, mit einem behinderten Mitarbeiter besetzen. So weit, so gut. Andernfalls drohen Strafzahlungen. Grundsätzlich finde ich – aus persönlichen, egoistischen Motiven – eine solche Regelung erst mal begrüßenswert.

In der Praxis – ich kann hier nur auf eigene Erfahrungen zurückgreifen – verhindern die Regelungen zur Einstellung behinderter Mitarbeiter aber auch oftmals eben diese Einstellung. Im gefährlichen Halbwissen der Arbeitgeber geistern dann solche Begriffe wie „erweiterter Kündigungsschutz“ herum, verbunden mit der Sorge, einen einmal eingestellten, behinderten Mitarbeiter nie wieder loszuwerden. Was im Übrigen tatsächlich nicht wesentlich schwieriger ist, als es das bei nichtbehinderten Mitarbeitern wäre.

Das führt dann dazu, dass die Unternehmen doch lieber die Ausgleichsabgabe zahlen. Allein in Berlin – andere Zahlen habe ich gerade nicht – haben Arbeitgeber im Jahr 2017 34,9 Millionen Euro an Ausgleichszahlungen gezahlt, ein Plus von 4, 6 Millionen im Vergleich zum Jahr 2016. Offensichtlich ziehen es viele Arbeitgeber also vor, sich mit dieser Ausgleichsabgabe von der Verpflichtung zur Einstellung behinderter Mitarbeiter freizukaufen, auch wenn die Zahlung dieser sie mitnichten von der weiter bestehenden Einstellungsverpflichtung befreit.

Dieser Eindruck wird auch von den Zahlen des DGB gestützt, auf die ich mich jetzt auch einmal stütze. Demnach beträgt der Anteil an behinderten Arbeitnehmern in Unternehmen, die zur Einstellung solcher verpflichtet sind, seit Jahren im Schnitt etwa 4,7 %. Öffentliche Arbeitgeber können dabei eine Quote von 6,6 % vorweisen, in der freien Wirtschaft liegt sie bei 4,1 %. Ein Viertel aller dazu verpflichteten Unternehmen beschäftigt nicht einen einzigen behinderten Mitarbeiter. (Zahlen des DGB vom 09.03.2018).

Gleichzeitig lag die Arbeitslosenquote bei erwerbsfähigen behinderten Menschen im Jahr 2016 mit 12,4 % weit über der der Nichtbehinderten (7,8 % im Jahr 2016).

Diese 5-%-Quote ist also im Prinzip gut gemeint, wirft aber Fragen und Probleme auf, im Wesentlichen zwei, zum zweiten komme ich später. Das erste Problem ist ein mathematisches. Mit durchschnittlich 4,7% ist die vorgeschriebene Quote im bundesweiten Schnitt fast erfüllt, was ja erst mal respektabel ist. Und dennoch beträgt die Arbeitslosenquote über 12 %. Nehmen wir jetzt mal den wünschenswerten Fall an, dass jeder Betrieb die 5-%-Quote vollumfänglich erfüllt, dann würden von den erwähnten 12 % aber immer noch genug Menschen übrig bleiben, deren Einstellungschancen ab Erfüllung der Quote ins Bodenlose sinkt, denn freiwillig würden wohl nur wenige Betriebe zusätzliche behinderte Arbeitnehmer einstellen.

Was nun Frauenquoten auf dem Arbeitsmarkt angeht, so sind diese mit weniger Problemen und Fallstricken verbunden als das bei den behinderten Menschen der Fall ist. Und auch hier finde ich, sind solche Regelungen erst mal zu begrüßen.

Allerdings gebe ich zu, als das Gesetz für eine höhere Frauenquote in Führungspositionen verabschiedet wurde, hätte ich, mit Verlaub, im Strahl kotzen können! Da wurde ein Gesetz verabschiedet, das etwa 150 Firmen bundesweit dazu verpflichtet, 30 % ihrer Aufsichtsratsposten mit Frauen zu besetzen oder diese andernfalls unbesetzt zu lassen.

Dafür brauchte es ein Gesetz? Für eine Arbeitsplatzanzahl, die sich irgendwo im zweistelligen Bereich befinden dürfte? Ich gebe zu, dass ich das aus meiner männlichen Sicht nicht verstehen konnte.

Mal ehrlich, liebe Frauen, ist DAS wirklich die vorherrschende Schwierigkeit, mit denen ihr am Arbeitsmarkt konfrontiert werdet? Dass es für Euch schwieriger ist, einen Aufsichtsratsposten bei VW zu ergattern, als es das für Kerle ist?

Ist ein drängenderes Problem nicht weiterhin die ungleiche Bezahlung von Männern und Frauen für gleiche Tätigkeit? Oder vielleicht die Tatsache, dass die Hälfte aller derzeitigen RentnerInnen weniger als 800 € im Monat haben, wobei sich diese Personengruppe wohl in Zukunft noch vergrößern und sich, sind wir nochmals ehrlich, wohl zu nicht unerheblichen Teilen aus teilzeitbeschäftigten und/oder alleinerziehenden Frauen zusammensetzen wird? Und bei all diesen Schwierigkeiten brauchen wir eine Regelung für eine Handvoll Frauen, nur damit die ein – mindestens – sechsstelliges Jahresgehalt bekommen? Ich brech ab!

Ja, man mag mir „whataboutism“ unterstellen, obwohl es a) keiner ist und b) mir diese Unterstellung scheißegal wäre.

Darüber birgt die Frauenquote, ebenso wie die Quote zur Einstellung behinderter Mitarbeiter und Innen – ich wies weiter oben darauf hin -, ein weiteres Problem. Im Zweifelsfall ist durch jegliche Quotenregelung nämlich nicht garantiert, dass die oder der jeweils für die Stelle am besten geeignete MitarbeiterIn den Job bekommt, sondern die oder derjenige, der oder die der Arbeitgeber oder die Arbeitgeberin noch zur Erfüllung einer entsprechenden Quote braucht. Auch wenn es heißt „bei gleicher Qualifikation … bla“.

Übrigens, Exkurs: Wer sich ernsthaft mit der Abschaffung des generischen Maskulinums beschäftigt, der möge sich diesen letzten Absatz nochmal durchlesen und sich ernsthaft die Frage stellen: Will ich SOLCHE Texte? ;-)

Genug der Worte.

Kurz: Quoten sind im Grunde keine schlechte Idee, haben aber mit Schwierigkeiten zu kämpfen, für die es weiterhin Lösungen zu finden gilt.

3.) Was hast Du heute noch vor?

Im nahe gelegenen Mittelzentrum findet heute eine Veranstaltung kulinarischer Natur statt, welche ich frequentieren werde, weil man mich mit gutem Essen immer begeistern kann. Vorher werde ich mir noch überlegen, welchem literarischen Werk ich meine nächste Aufmerksamkeit schenke, was gut eine Stunde in Anspruch nehmen dürfte. Die Entscheidungsfindung, nicht die Afmerksamkeit. ;-)

4.) Die Wahl der Qual: der Flug wird vor dem lange ersehnten Urlaub gecancelt oder Du steckst im Urlaubsland fest?

Da fällt mir die Wahl wieder leicht: Ich nehme den gecancelten – warum muss man ihn „canceln“, kann man den nicht einfach „absagen“? – Flug, ich habe nämlich ohnehin Flugangst und würde stattdessen einen Last-Minute-Urlaub buchen, der mit vernünftigen Verkehrsmitteln zu erreichen ist.

 

So weit, so gut, liebe Leserschaft, ich wünsche allseits noch einen schönen Restfreitag und einen guten Start in ein weiteres sonniges und, ähm, angenehm warmes Wochenende!

Gehabt euch wohl!