„Hinter der Nebelwand“ von Jörgen Bracker – Auf der Suche nach der „Nebelbraut“

Buch: „Hinter der Nebelwand“ (2011)

Autor: Jörgen Bracker

Verlag: Wachholtz

Ausgabe: Gebunden, 414 Seiten

Der Autor: Jörgen Bracker, Jahrgang 1936, ist ein deutscher Autor historischer Romane. Er studierte von 1958 bis 1965 Klassische Archäologie in Marburg, Kiel und Münster. Bis  1976 war er als Kustos bzw. Oberkustos am Römisch-Germanischen Museum in Köln tätig. Ab 1976 war er 25 Jahre lang Direktor und Professor des Museums für Hamburgische Geschichte.

2005 erschien sein erster historischer Roman „Zeelander“, in der Folge veröffentlichte Bracker mehrere weitere Werke dieses Genres.

Der Autor ist unter anderem Mitglied der Hamburger Autorenvereinigung. Im Zuge seiner schriftstellerischen Tätigkeiten war Bracker auch Mitglied im „Autorenkreis Historischer Roman Quo Vadis“, einem Zusammenschluss von zuletzt über 100 Autorinnen und Autoren aus dem Genre des historischen Romans. Im 2014 aufgelösten Autorenkreis war Bracker Organisator des Sir Walter Scott-Preises für den besten historischen Roman

Das Buch: Dithmarschen, 1911: Der Jungfischer Karl Theoder Behr, genannt „Flosse“, ist stolz und glücklich. Nachdem er einige Jahre in der Marine Dienst getan hat, bekommt er endlich die Möglichkeit, sich mit einem eigenen Fischkutter eine Existenz aufzubauen. Am Tage des geplanten Stapellaufs läuft dann allerdings nicht alles wie geplant. Bei der Schiffstaufe hält der Fischkonservenfabrikant Nonnenwort – Behrs Geldgeber – eine Rede in der er unter anderem die Verlobung seiner Tochter Marga mit Karl Theodor Behr bekannt gibt. Alles schön und gut, nur leider weiß Karl Theodor von seiner angeblichen Verlobung rein gar nichts und tut das auch laut kund. Das wiederum stößt Marga sauer auf, die glaubte, Behr sei einverstanden gewesen. Man trennt sich im Streit.

Einige Tage später kommt Behr am Morgen nach einem alkoholhaltigen Streifzug durch die Gemeinde mit fünf seiner ehemaligen Kameraden von der Marine an seinem Kutter an, um eine Pfingstfahrt mit ihnen zu veranstalten. Zu seinem Entsetzen muss er feststellen, dass von seinem Kutter weit und breit nichts zu sehen ist.

Behr leiht sich vom befreundeten Fischer Ohm ein Motorboot und macht sich auf die Suche nach seinem Schiff. Damit trifft er eine folgenschwere Fehlentscheidung, denn kurz darauf wird er tot im Motorboot aufgefunden, offensichtlich wurde er erschossen.

Der Arzt Dr. Frank Wittenborg wird mit der Autopsie beauftragt und später von den ermittelnden Behörden mit einigen Befugnissen ausgestattet, um bei der Suche nach dem Mörder wirksam helfen zu können. Sehr bald schon geraten immer mehr und mehr Verdächtige in Wittenborgs Fokus:

Haben seine ehemaligen Marinekameraden mit der Tat zu tun? Oder wie sieht es mit seinem Bestmann, dem jungen Erwin Rille aus? Möglicherweise war es aber auch eine Beziehungstat, weil seine Geliebte Elsbeth, die von Behr schwanger ist, die Sache mit der Verlobung nicht gut aufgenommen hat? Und welche Rolle spielt Fischkonservenfabrikant Nonnenwort bei den Ereignissen?

Fazit: Es gibt immer mal wieder Bücher, die ich wahrscheinlich nie gelesen hätte, wenn man sie mir nicht mitgebracht hätte. „Hinter der Nebelwand“ ist so eines. Spontan hätte das Buch auf mich den Eindruck gemacht, einer dieser unzähligen Lokal-Krimis zu sein, die seit einigen Jahren wie Pilze aus dem Boden schießen. Damit will ich gar nichts über die Qualität dieser Krimis gesagt haben, aber deren inflationäres Auftauchen schreckt mich dann doch etwas ab. Glücklicherweise ist „Hinter der Nebelwand“ etwas anders.

Bracker fängt die in Deutschland einige Jahre vor dem Ersten Weltkrieg in Teilen der Bevölkerung vorherrschende Stimmung der zunehmenden Ausländerfreindlichkeit sehr gut ein. Immer wieder trifft man auf Figuren die beispielsweise angesichts aus dem Osten zugezogener Arbeitskräfte etwas von „Verpolung der Dithmarscher Bevölkerung“ schwafeln, die behaupten „Die Bauern holen uns die Polacken als Fremdarbeiter ins Land und die nehmen uns die Mädchen weg“ und die warnen „Die Gefahr ist groß, dass unser gutes Dithmarscher Blut vergiftet, jawohl, vergiftet wird“. Harter Stoff, bei dem ich mir als Leser immer mal wieder dachte: „Das kann er doch jetzt nicht gesagt haben…“ Aber die Richtung in die die Stimmung in diesen Vorkriegsjahren in Deutschland geht, die gibt Bracker damit anschaulich wieder. Verweise auf Parallelen  zu heutigen Zeit verkneife ich mir ausnahmsweise mal…

Dabei werden immer wieder historische Fakten eingebaut, beispielsweise die Umtriebe des „Alldeutschen Verbandes“ oder der deutsche Auswanderer August Engelhardt, Begründer der Vereinigung „Sonnenorden – Aequatoriale Siedlungsgemeinschaft“ und Erfinder einer in höchstem Maße fragwürdigen Kokosdiät.

Auch in sprachlicher Hinsicht gibt Bracker das frühe 20. Jahrhundert – so weit ich das beurteilen kann – gut wieder, sei es durch Verwendung einiger fast vergessener Wörter – so habe ich das Wort „Pedell“ wahrscheinlich letztmals in Wedekinds „Frühlingserwachen“ gelesen – andererseits durch die gut geschriebenen Dialoge und ein oder zwei plattdeutsche Sätze.

Dr. Frank Wittenborg als ermittelnde Hauptfigur hebt sich dabei auch erfreulich von den heute geläufigen Mustern eines Ermittlers ab, die ja meistens desillusioniert, körperlich angeschlagen, manchmal alkoholkrank sind. Wittenborg dagegen ist ein Schöngeist, der gute Literatur ebenso zu schätzen weiß wie gute Musik und der auch selbst Klavier spielt. Man kann ihn mögen. 😉

Die Handlung teilt sich in zwei Stränge und wird durch einen personalen Erzähler aus Sicht Wittenborgs erzählt und weiß zu überzeugen. Allerdings fiel es mir hier bedeutend schwerer als in anderen Krimis, mitzuraten und mir selbst eine Vorstellung und Meinung zum Tathergang und zum Täter zu bilden. Ich weiß allerdings nicht, woran das liegt. 😉

Abschließend kann man sagen, dass „Hinter der Nebelwand“ ein sprachlich gelungener, spannender Krimi ist, der seinen besonderen Reiz vor allem für diejenigen Leser entfalten dürfte, die eine hohe Affinität zum ebenso hohen Norden, seinen Küsten und seiner Schifffahrt haben.

Wertung:

Handlung: 8 von 10 Punkten

Stil: 9 von 10 Punkten

Charaktere: 8 von 10 Punkten

Spannung: 8 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 8,25 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: Demnächst werde ich noch das eine oder andere Wort über „Schweig für immer“ von Linwood Barclay verlieren, bevor es dann mit „Die Entdeckung des Unendlichen“ von David Foster Wallace mal wieder mathematisch wird – im vollen Bewusstsein, dass mich Mr. Wallace möglicherweise etwas überfordert. 😉

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„Stoner“ von John Williams – „Ach, Willy…“

Buch: Stoner (2015)

Autor: John Williams

Verlag: dtv

Ausgabe: Taschenbuch, 349 Seiten

Der Autor: John Williams war ein 1922 in Clarksville, Texas, geborener amerikanischer Autor und Herausgeber.Er wuchs im ländlichen Texas auf, seine Großeltern waren Farmer.

Williams meldete sich 1942 freiwillig zum Militär. In den folgenden zweieinhalb Jahren, die er in Indien und Burma verbrachte, entstand sein erster Roman „Nothing But the Night“, der 1948 veröffentlicht wurde.Im Folgejahr erschien der Gedichtband „The Broken Landscape“.

Im Anschluss an den Krieg schloss Williams ein Studium der Englischen Literatur ab, promovierte 1954 und erhielt ein Jahr später eine Assistenzprofessur an der Universität Denver. Dort lehrte er 30 Jahre lang.

Nach einem zweiten Gedichtband erschien 1965 sein College-Roman „Stoner“. Den größten literarischen Erfolg hatte Williams jedoch mit seinem nächsten und letzten Roman „Augustus“, welcher 1973 den „National Book Award“ für Belletristik erhielt.

Die letzten 35 Jahre seines Lebens war Williams mit seiner vierten Ehefrau verheiratet.

Er starb 1994 in Fayetteville, Arkansas.

Das Buch William Stoner wird 1891 in Missouri geboren. Seine Eltern bewirtschaften eine Farm. Im Alter von 19 Jahren beginnt er auf Anregung seines Vaters ein Studium der Agrarwissenschaften in Columbia.

Zu den eher nebensächlichen Seminaren, die Stoner an der Universität zu belegen hat, gehört auch ein Einführungsseminar in die englische Literatur bei Professor Arthur Sloane. In diesem Seminar passiert es nun, dass Stoner bei der Lektüre des 73. Sonetts von Shakespeare eine Art Erweckkungserlebnis hat: Er fühlt die Schönheit von Poesie und Literatur und seine Liebe zu ihnen.

Daher fasst er den Entschluss, das Studienfach zu wechseln und Literatur zu studieren. Nach seinem Abschluss bekommt er die Möglichkeit, an der Universität zu bleiben und zu unterrichten.

Bei einem gesellschaftlichen Anlass an der Universität lernt er die junge Edith Elaine Bostwick kennen und verliebt sich sofort in sie. Die beiden heiraten, doch Stoner ahnt nicht, dass diese Heirat nur der erste in einer endlosen Reihe von Schicksalsschlägen ist.

Fazit: Ich hatte neulich ein kurzes Gespräch über das manchmal auftauchende Phänomen, dass man Bücher geschenkt bekommt, über die man sich riesig freut – und die man dann aus unerfindlichen Gründen doch nicht liest. Halbe Ewigkeiten starren einen diese Bücher dann von Stapeln oder Regalen aus vorwurfsvoll an, bis man sie sich schließlich doch einmal vornimmt und sich anschließend meistens fragt, warum man sie bloß nicht schon früher gelesen hat.

„Stoner“ ist eines dieser Bücher. Eine ganz zauberhafte Person schenkte es mir im letzten Jahr zum Geburtstag, so langsam wurde es also dann doch mal Zeit, es zu lesen. An dieser Stelle einen herzlichen Dank an besagte ganz zauberhafte Person.

Zu Beginn des Buches fiel es mir außerordnetlich schwer, einen näheren Bezug zur Hauptperson William Stoner zu entwickeln. Er wirkte einfach irgendwie unsympathisch auf mich. Beispielsweise verhält er sich seinen Eltern gegenüber nicht gerade vorbildlich. Als sie ihn zum Abschluss seines Studiums besuchen, hat er ihnen noch immer nichts vom Wechsel seines Studienfachs erzählt. Am Vorabend vor der großen Entlassung hätte er nochmal die Gelegenheit gehabt, aber er schweigt, denn er „dachte an die lange Fahrt, die seine Eltern zurückgelegt, an die Jahre, in denen sie auf seine Rückkehr gewartet haben.“ (S.31) Dass sie möglicherweise gerade wegen dieser Jahre ein Recht darauf hätten, zu erfahren, was vor sich geht – geschenkt!

Außerdem bekommt er ihnen gegenüber irgendwie gönnerhafte Züge, so als mache ihn sein Literaturstudium zu einem besseren Menschen: „Dachte er an seine Eltern, schienen sie ihm beinah ebenso seltsam wie das Kind, das sie geboren hatten, doch empfand er für sie eine Mischung aus Mitleid und verhaltener Liebe.“ (s.24) Wie nett! Man beachte, dass das „verhalten“ vor „Liebe“ steht, nicht vor „Mitleid“…

Spätestens aber als Edith in sein Leben tritt, war es dann an mir als Leser, verhaltenes Mitleid mit William zu haben, denn dieses – Verzeihung – verzogene, hypochondrische, intrigante und heuchlerische Miststück hat er dann eben doch wieder nicht verdient. Stoner hat selbst bereits keine sonderlich hohe Meinung von sich; „er merkte, dass er sich selbst kaum etwas zu bieten hatte und dass es in ihm wenig gab, dass er finden konnte.“ (S. 51) Edith jedoch schafft es, aus ihm einen gänzlich indifferenten Verlierer zu machen!

Dabei sollte allen Beteiligten von Anfang an klar gewesen sein, dass es mit William und Edith nicht gut gehen konnte, hat er doch noch am Tage ihres Kennenlernens die Erkenntnis, „dass sie auf einander auf eine Weise fremd waren, die er nicht erwartet hätte; und er wusste, er hatte sich verliebt“ ((S.71) Das muss man nicht verstehen…

Auch, dass die beiden jungen Leute überstürzt heiraten, muss man nicht verstehen. Gut, Edith versucht aus dem elterlichen Gefängnis auszubrechen, in dem sie mit einer notorisch unzufriedenen Mutter und einem noch unzufriedeneren Vater geplagt ist, und Stoner ist – warum auch immer – eben verliebt. Dass das aber keine ausreichende Basis darstellt, wird bereits in der Hochzeitsnacht deutlich! Merke: Wenn sich die Braut nach dem ersten ehelichen Sex umgehend im Bad übergibt, deutet das darauf hin, dass irgend etwas nicht in Ordnung sein kann!

Und nicht nur zu Hause hat Stoner Ärger. An der Universität macht ihm sein Kollege Lomax wegen der Prüfungsergebnisse eines Studenten das Leben zur Hölle. Die beiden reden 20 Jahre lang kein Wort miteinander, aber Lomax sorgt dafür, dass der an der Uni inzwischen etablierte Stoner über Jahre wieder ausschließlich belanglose Einführungsseminare halten muss. Wie zu Hause so erträgt Stoner auch hier sein Schicksal stoisch.

Lediglich zweimal im Verlaufe der Schilderung seines Lebenswegs vermeint man, dass Stoner so etwas wie Glück verspürt. Einmal in der Zeit, in der er zu Hause seine Tochter aufwachsen sieht, für die er fast vollständig allein zuständig zu sein scheint – Edith ist häufig unpässlich –  und einmal als er sich in die Studentin Katherine verliebt und sie sich in ihn.

Am Ende seines Lebens blickt Stoner auf selbiges zurück und siedelt es in der Nähe vollständigen Scheiterns an. Aber, so sagt er sich: „Was hast du denn erwartet?“ (S. 345)

John Williams schrieb Stoner, wie eingangs erwähnt, bereits in den 6oer Jahren des vorigen Jahrhunderts. Und eigentlich ist es eine mittelschwere Schande, dass dieser Roman seinerzeit recht unbeachtet blieb, denn er ist wirklich gut!

So wie Stoner als Person – indifferent, zurückhaltend – so ist der Stil ebenso zurückhaltend. Williams schreibt keine komplizierten Satzkonstruktionen, benutzt kurze Sätze, beschränkt sich in seinen Beschreibungen auf das Wesentliche.

Die handelnden Personen sind, trotz meiner anfänglichen Fremdelei mit Stoner, ebenfalls gut gelungen. Über Edith könnte man wahrscheinlich eine wissenschaftliche Arbeit verfassen. Und auch Professor Lomax ist spannend gestaltet. So bleibt der tatsächliche Grund für seinen abgrundtiefen Hasse Stoner gegenüber eigentlich ungeklärt, wie so vieles andere in diesem Buch auch. Das regt zum eigenen Nachdenken an und nachdenken kann ja bekanntlich nie schaden.

Elke Heidenreich schrieb über „Stoner“: „Ein zutiefst menschliches Buch über einen zutiefst menschlichen Mann.“ Dem habe ich nichts hinzuzfügen!

Wertung:

Handlung: 8,5 von 10 Punkten

Stil: 9 von 10 Punkten

Charaktere: 9,5 von 10 Punkten

Atmosphäre: 9 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 9 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: Bevor ich mich demnächst wieder ein, zwei Büchern widmen werde, die mich aller Voraussicht nach recht stark (über-)fordern werden, möchte ich dann doch nochmal etwas Unkomplizierteres lesen,  was überhaupt nicht abfällig gemeint ist. Deshalb gibt es demnächst „“Hinter der Nebelwand“ von Jürgen Bracker, ein historischer Krimi.

„Der Assistent der Sterne“ von Linus Reichlin – Von diesem Moment an ist es völlig egal, was wir tun…

Buch: Der Assistent der Sterne (2009)

Autor: Linus Reichlin

Verlag: Giliani Berlin

Augabe: Gebunden, 380 Seiten

Der Autor: Linus Reichlin ist ein 1957 in Aarau geborener schweizerischer Autor. Sagt man schweizerisch? Oder schweizisch? Nein, klingt doof! Nun, er kommt halt aus der Schweiz! Das Zeilenende sagt „schweizer Autor“, dann wird das wohl richtig sein! Mein einziger Berührungspunkt mit diesem schönen Land war bislang: „Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern, in keiner Not uns trennen und Gefahr.“ Schiller halt… Egal, kommen wir zum Wesentlichen!

Reichlin begann seine literarische Karriere 1985 mit Reportagen und Essays, seit 2007 ist er als freier Schriftsteller tätig. Mit „Der Assistent der Sterne“ führt er seine Reihe um den Kommissar Hannes Jensen fort.

Das Buch: Hannes Jensen wohnt im Hotel. Denn er braucht einen Kamin. Den lässt er sich einbauen. Und seine Heizung im heimatlichen Haus funktioniert auch gerade nicht so wirklich gut – deshalb: Hotel. Jensen ist – mehr oder weniger – zusammen mit Annick. Es könnte also eigentlich alles gut sein.

Dann trifft Jensen aber auf einen Afrikaner, der ihm – ziemlich ungefragt – prophezeit, dass er sich von Vera Lachaert fernhalten solle, er würde sie sonst umbringen! Jensen kennt aber eigentlich keine Vera Lachaert und fährt deshalb wir geplant zu seiner Physik-Exkursion nach Island – und das Schicksal nimmt seinen Lauf…

Fazit: Das Buch wurde mir zur Verfügung gestellt von einer ganz zauberhaften Person, die zu „Der Assistent der Sterne“ sinngemäß sagte: „Ich kann damit nicht so dolle viel anfangen, aber Du vielleicht.“ Nun – ich konnte! Vielen lieben Dank dafür!

Reden wir zu Anfang aber mal über die Schwächen des Buches. Vor gar nicht so langer Zeit habe ich in meiner Rezension über „Wolf in White Van“ über Klappentexte gemeckert – nicht ahnend, dass man das noch toppen kann… So steht auf der Rückseite des Einbands: „Einer der besten, originellsten Krimis der Saison, voll raffinierter Wendungen geistreicher Beobachtungen und einem alles andere als üblichen Plot. Mit Personen, die man in einem neuen Buch wiedertreffen möchte – und das heißt wirklich was.“ NDR zu Linus Reichlins Debütroman. So weit, so gut. Aber: Debütroman! „Der Assistent der Sterne IST aber nicht Reichlins Debütroman! Das dann darauf zu drucken, wäre so als würde ich eine Renzension oder „Cocktail“ oder „Eine Frage der Ehre“ (guter Film übrigens) mit Tom Cruise schreiben und darauf hinweisen, dass mir die Flugszenen mit der F-14-„Tomcat“ so super gefallen haben! Ihr wisst, was ich meine…

Gut, aber dafür kann Linus Reichlin nichts. Reden wir lieber über Schwächen, für die er etwas kann. Zum Beispiel den Protagonisten! Hannes Jensen ist 51 Jahre alt, und er beklagt das auch gefühlt alle 10 Seiten. Angesichts meines fortgeschrittenen Alters verstehe ich das, aber es nervt! Es erinnert massiv an Kommissare aus diversen skandinavischen Krimis, in denen Ermittler immer semi-alt, sehr frustriert, vollkommen desiullusionert und eigentlich mit ihrem Job unzufrieden sind. Dass Jensen eigentlich den Polizeidienst bereits quittiert hat, um sich spaßeshalber mit Physik – an der Volkshochschule – zu beschäftigen, hilft da wenig. Jensen bleibt irgendwie nervig. Ich muss fairerweise aber dazu sagen, dass es sich bei den Romanen um Hannes Jensen um eine Serie handelt, von der ich die anderen Teile nicht gelesen habe. Es kann also sein, dass Jensen in den Vorgänger-Romanen ein vollkommen netter Kerl war. Ich weiß es nicht…

Dafür versteht es der Autor aber, den Leser mit seinem Stil bei der Stange zu halten. So und nicht anders schreibt man Krimis, ohne das jetzt näher beschreiben zu können.

Damit hätten wir Charaktere und – ganz kurz, denn was will man dazu auch groß schreiben – den Stil abgehakt. Bliebe die Handlung. Und die ist gut! Wer wissen will, welche folgenschweren, ähm, Folgen es haben kann, wenn man einfach nur mal vergisst, sich eine Lesebrille zu kaufen, der sollte dieses Buch lesen. Darüber hinaus gibt es noch die eine oder andere Information über Physik, das Leben, das Universum und den ganzen Rest. Kurz gesagt: Liebhaber von Krimis, die nur mit minimaler Totenanzahl auskommen, die können bedenkenlos zugreifen. Trotz des Klappentextes…

Exkurs Als „Titanic“ in die Kinos kam, ging ich noch zur Schule. Und damals war ich Mitglied der Schülerzeitung. Und ich fand meine Idee damals brüllend komisch: Zwei Pinguine stehen auf ihrem Eisberg, rechts ist der Bug der „Titanic“ zu sehen und Pinguin 1 sagt zu Pinguin 2: „Von diesem Moment an ist es völlig egal, was wir tun: Unser Eisberg wird untergehen!“ 🙂 Ich finde das nach wie vor komisch! 🙂 Schade, dass wir niemanden im Team hatten der/die adäquat zeichen konnte…

Wertung:

Handlung: 9 von 10 Punkten

Stil: 8 von 10 Punkten

Charaktere: 7 von 10 Punkten

Spannung: 8 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 8 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: Tja, ich und meine Entscheidungsneurose… Das Zeilenende hat ja Interesse an „Wittgensteins Mätresse“ bekundet… Die ersten 50 Seiten haben mich aber eher verschreckt… Mal schauen, wahrscheinlich läuft es eher auf „Stoner“ von John Williams hinaus.

„Wolf in White Van“ von John Darnielle – Kaleidoskop in scharz-weiß

Buch: „Wolf in White Van“ (2016)

Autor: John Darnielle

Verlag: Eichborn

Ausgabe: Gebunden, 255 Seiten

Der Autor: John Darnielle, geboren  1967 in Bloomington, Indiana, ist ein amerikanischer Musiker und Autor. Er wuchs in Kalifornien auf, zog aber bald nach seinem Highschool-Abschluss nach Portland, da er unter seinem gewalttätigen Stiefvater litt. Dort rutschte er jedoch in die Drogensucht und lebte einige Zeit auf der Straße. In dieser Zeit begann er, Songs zu schreiben.

Darnielle bekam sein Leben durch eine Tätigkeit am Metropolitan State Hospital wieder in den Griff, schrieb sich am College ein und schloss ein Englisch-Studium ab.

1991 gründete er die Band „The Mountain Goats“. Wie diese Band ein Vierteljahrhundert an mir vorbeigehen konnte, erschließt sich mir absolut nicht…

„Wolf in White Van“ ist, nach einem Beitrag zur „33 1/3“-Serie, in der mehr oder weniger prominente Autoren einen hunderseitigen Text zu einem Rockalbum ihrer Wahl schreiben dürfen – Darnielle entschied sich für „Master of reality“ von „Black Sabbath“ -, sein zweiter erschienener Text und sein erster Roman.

Das Buch: Sean Phillips hatte es nicht leicht im Leben. Bereits in der Schule war der Junge ein Außenseiter, fühlte sich von seinen Eltern unverstanden und flüchtete sich in die Welten blutiger Filme und Fantasy-Literatur, vorzugsweise „Conan, der Barbar“, der eine Art Idol für den jungen Sean darstellte.

Im Alter von 16 Jahren wird sein Gesicht durch einen Unfall schwer entstellt. Während eines langen Krankenhausaufenthaltes muss Sean Operationen und starke Schmerzen über sich ergehen lassen. Dabei flüchtet sich der Junge immer öfter in eine von ihm selbst erdachte Fantasy-Welt.

Jahre später, nach seinem Schulabschluss, wird diese Fantasy-Welt der Grundstein für seinen Lebensunterhalt sein: Er entwickelt Anfang der 90er das Rollenspiel „Trace Italian“, bei dem die Spieler in einem postapokalyptischem Amerika die Flucht vor verstrahlten Zombies antreten und sich in die sagenumwobene Festung „Trace Italian“ retten müssen. Die Teilnahme am Spiel erfolgt per Post, die Teilnehmer schließen ein Abo für 5 $ monatlich ab und schicken ihre Spielzüge per Brief zu Sean, der daraufhin einen Brief mit den Auswirkungen und neuen Entscheidungsmöglichkeiten für die Spielfigur an die Spieler schickt usw.

Der junge Mann kann recht gut davon leben, gründet eine Firma und erfindet weitere Rollenspiele. Dann jedoch wird Sean mit dem Tod einer jungen Frau konfrontiert, die zusammen mit ihrem Freund Spielerin bei „Trace Italian“ war. Die beiden jungen Leute haben beschlossen, ihre Spielzüge in der realen Welt auszuführen, was zum Erfrierungstod des Mädchens führt. Plötzlich findet sich Sean vor Gericht wieder.

Fazit: Ja, eigentlich hatte ich an dieser Stelle die Rezension des Buches „Spektrum“ von Sergej Lukianenko angekündigt. Das hole ich demnächst nach. Gestern war nämlich der „Embrace-your-geekness-day“, der – frei übersetzt – „Sei-stolz-ein-Geek-zu-sein-Tag“. Kein Witz!“ Und da passt dieses Buch viel besser!

Tja, Bücher und ihre Klappentexte… Zugegeben, bei „Wolf in White Van“ hätte ich auch allein aufgrund des Titels zugegriffen, ohne auch nur irgendetwas vom Klappentext zu lesen. 😉 Aber irgendwann tut man das ja doch, und dann sollte das, was da steht auch stimmen bzw. wenigstens keine falschen Erwartungen beim Leser wecken. In diesem Fall tut der Text das aber schon, denn er impliziert, dass es in der Handlung primär um den Todesfall der jungen Rollenspielerin geht. „Und Sean muss sich die Frage stellen, welche Verantwortung er dafür trägt“, heißt es da. Falsch ist das nicht, ganz richtig aber auch nicht. Tatsächlich ist dieser Teil der Handlung nämlich eher Beiwerk, ganz im Zentrum des Buches steht die Frage, welcher Art der Unfall ist, den Sean in jungen Jahren erlitten hat und wie es dazu kam.

Dafür kann aber John Darnielle nichts und dieser Text – der offensichtlich von jemandem verfasst wurde, der das Buch entweder nicht gelesen oder aber nicht verstanden hat – macht „Wolf in White Van“ auch keinesfalls zu einem schlechten Buch!

Sean selbst als Ich-Erzähler bringt dem Leser die Geschichte seines Aufwachsens vor und nach dem Unfall nahe. Dabei erhält man tiefe Einblicke in das Seelenleben des Jungen, der sich plötzlich mit den Anforderungen des Erwachsenwerdens konfrontiert sieht. Mit den Auswirkungen des Unfalls, also seinem entstellten Gesicht, undeutlicher Aussprache und vielen anderen Dingen, hat sich Sean bereits relativ schnell arrangiert. „Ich hatte so früh aufgehört, normal zu sein, dass es mir schwerfiel, mir vorzustellen, irgendwie anders zu sein, als ich war“, heißt es dazu auf Seite 97. Mit den Anforderungen, die das Leben ihm stellt, kommt er aber auch als Erwachsener nicht unbedingt besser klar. „Ich habe ein tiefes Bedürfnis nach Stillstand, und größtenteils habe ich diesen Zustand im Laufe der Zeit auch erreicht.“, stellt er diesbezüglich fest (S. 45). Daher schottet sich Sean auch weitestgehend von der Außenwelt ab, sowohl physisch als auch emotional. „(…) ich muss ständig die Mauer verstärken, die meine Gefühle im Zaum hält, oder ich werde etwas empfinden, das zu groß ist, um es zu kontrollieren.“ (S.14)

Darnielle lässt seinen Protagonisten zusammenhanglos erzählen, Sean springt in seinem Bericht zeitlich wild vor und zurück. Das macht es dem Leser nicht unbedingt einfacher, der Handlung zu folgen. „Wolf in White Van“ ist kein Buch, dass man nach einem langen Arbeitstag zur Entspannung lesen würde. Gut, das habe ich gestern getan, aber ich wusste es ja nicht besser. Die Erzählweise finde ich persönlich spannend und vollkommen passend, da Sean in seiner Gedankenwelt auch eben mal häufig in Fantasy-Welten abdriftet, da ist es nur stringent, wenn er bei der Erzählung der Ereignisse öfter mal hierhin und dorthin abschweift.

Stilistisch gefällt mir „Wolf in White Van“ ebenfalls sehr gut, die düstere Stimmung in der sich Sean befindet zieht sich über 250 Seiten durch den Text. Ein Wohlfühl-Buch ist es nun wahrlich nicht, aber wer sich angesichts der geschilderten Ereignisse wohl fühlen würde, der… na, dem sollte man helfen. 😉

John Darnielle hat mit seinem ersten Roman ein sowohl sprachlich als auch hinsichtlich der Handlung intensives Buch geschrieben. Ein Buch über Außenseiter und wie sie sich fühlen. Ein Buch über das Erwachsenwerden. Ein Buch über das Scheitern. Ein Buch, bei dem es sich mal wieder lohnt, zum Abschluss meinen Lieblingssatz zu zitieren:„Aber manchmal fällt mir die Decke auf den Kopf und ich hasse es, dass ich mit meinem Leben nicht all das anstellen kann, was alle anderen als selbstverständlich betrachten.“ (S.89)

Wertung:

Handlung: 8,5 von 10 Punkten

Stil: 9 von 10 Punkten

Charaktere: 10 von 10 Punkten

Atmosphäre: 9 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 9,125 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: Demnächst widme ich mich vielleicht doch Lukianenkos „Spektrum“, vielleicht aber auch erst „Die Entdeckung des Unendlichen“ von David Foster Wallace ooooder „Wittgensteins Mätresse“ von David Markson oder, oder, oder… Kurz: Ich weiß es noch nicht genau!

Übrigens war das mein 100. Beitrag. Ich werfe kurz ein wenig Konfetti und dann sehe ich etwas aus dem Fenster. Oder wie John Darnielle sagen würde: „Du hast Dir einen leeren Moment oder zwei verdient.“

 

Die „Seppo Blog-Auszeichnung“: 28 Fragen

Hallo, liebe Leserinnen und Leser,

schon vor geraumer Zeit hat der zu Recht von mir unermesslich geschätzte Seppo, auch bekannt als Sebastian Flotho, in seinem Blog „seppolog“ die große „Seppo Blog-Auszeichnung“ ins Leben gerufen. Bereits über 100 Blogs nehmen mittlerweile daran teil. In dieser Runde des exorbitant komplexen Auswahlverfahrens wurden den Teilnehmern 28 Fragen gestellt, die ich nunmehr nach bestem Wissen und Gewissen zu beantworten gedenke. Wohlan!

1. Was haben Seppo und Du gemeinsam?

Geradezu unfassbares Sexappeal? Nein, eher nicht, das gilt nur für einen von uns beiden…

Nun, anhand von Seppos Beiträgen würde ich behaupten, wir haben beide eine hohe Affinität zu wohlformulierten Texten und kreativen Konjunktiv-Konstruktionen.

2. Wieso hättest Du die SBA nicht verdient?

Ja, warum sollte ich sie denn nicht verdient haben? Ich verstehe die Frage nicht…

Na gut, vielleicht, weil die Chance auf einen Gewinn dieser mit unermesslichem Ruhm und Ehre einhergehenden Auszeichnung bei über 100 teilnehmenden Blogs relativ gering ist.

Vielleicht, weil es unter den anderen teilnehmenden Blogs mit hoher Wahrscheinlichkeit einige gibt, die etliche Dinge anders und viele Dinge besser machen als ich.

Vielleicht auch, weil ich es bis heute verabsäumt habe, der Jury dieser Auszeichnung – also Seppo – einen neuen Schreibtisch nebst zugehörigem Sitzmöbel zukommen zu lassen.

3. Eine Woche lang keine (soziale) Technik: kein Handy, kein Facebook, kein Blog – nichts. Was würde das mit Dir machen?

Kein Facebook? Kein Problem! Ich nutze Facebook & Co. ohnehin nicht und wüsste nicht im Geringsten, warum ich das ändern sollte.

Was Blog und Handy angeht: Ich habe gerade erst am vorletzten Wochenende einige erholsame Tage in angenehmster Gesellschaft und ohne Blog und nur mit minimalster Handy-Nutzung verbracht und befand mich anschließend in einem zen-buddhistischen Entspannungszustand. Insofern deutet das darauf hin, dass ich längere Handy- und Blogabstinenz relativ gut verkraften würde. Das Lesen anderer Blogs – z. B. des seppologs *hust* – würde mir allerdings zugegebenermaßen fehlen.

4. Was inspiriert Dich für Deine Themen?

Nun ja, ähm, da ich als Betreiber eines Buchblogs relativ monothematisch unterwegs bin, lautet die naheliegende Antwort: Bücher! 😉

Einer der positiven Nebeneffekte des Bloggens ist, dass ich die Anregung für diese Bücher in letzter Zeit öfter von Lesern meines Blogs bekommen habe. Dabei handelte es sich häufig um Werke, die ich ansonsten nie im Leben gelesen hätte, was vor dem Hintergrund der Erweiterung des eigenen literarischen Horizonts nicht zu unterschätzen ist.

5. Wer hat Dir das Hirn so manipuliert, dass Du bei so einem Wettbewerb teilnimmst?

Das war eine spontane Entscheidung. Ich bin ansonsten kein sonderlich kompetitiver Mensch, aber in diesem Fall habe ich einfach mal eine Ausnahme gemacht. Außerdem konnte man sich ganz einfach selbst nominieren…

6. Wer sollte Deinen Blog besser nicht lesen?

Nun, die Autorinnen Beate Maxian und Regine Mädje sollten vielleicht auf die Lektüre meines Blogs verzichten. Zu beiden Damen war ich im Rahmen zweier Rezensionen nicht sonderlich nett, was mir im Nachhinein wirklich ein wenig leid tut. Ein wenig!

Und ansonsten sollten Leute, die „Krieg und Frieden“ für eine HBO-Serie, „Der Zauberberg“ für einen Peter-Jackson-Film in Mittelerde oder Bücher von Iny Lorentz für hochwertige Literatur halten, vielleicht lieber woanders lesen.

7. Auf einer Skala von 1 bis 10: Was isst Du am liebsten?

10: Schnitzel, Rumpsteak – eigentlich fast alle Arten von Fleisch. Jaa, jaa, ich weiß…

1: Innereien, Haferflocken, Spargel und viele andere Dinge, die die Menscheit nun wirklich nicht braucht!

8. Welchen Titel hatte Dein erster Blog-Eintrag, welchen wird Dein letzter haben?

Meiner erster Blog-Eintrag hieß „Strike three – „Home run“ von John Grisham“ und beschäftigte sich – welch Wunder – mit dem Buch „Home run“ von Grisham und Baseball, der besten Sportart der Welt.

Mein letzter Eintrag wird wahrscheinlich in etwa heißen „Das war´s: Blog-Ende aus Zeitgründen wegen Schriftstellerei – Danke an alle 2,5 Mio. Follower“. Schauen wir mal, wann es soweit ist…

9. Was frühstückst Du?

Das kommt ganz auf die Tagesform an. Heute z.B. nichts, da mir morgens ein wenig küselig war und mein Kreislauf beschlossen hatte, heute liegen zu bleiben.

Ansonsten Brot, Butter, irgendwas druff, und Kaffee. Letzterer ist von existenzieller Wichtigkeit!

10. Katze oder Hund?

Hund, eindeutig Hund. Einerseits bin ich die ersten 18 Jahre meines Lebens mit einem Hund groß geworden. Gut, „groß“ ist jetzt relativ… Sagen wir „aufgewachsen“. Obwohl „gewachsen“ ist jetzt auch relativ. Sagen wir einfach, ich verbrachte die ersten 18 Jahre meines Lebens in Gesellschaft eines wunderbaren Hundes.

Und falls ich nochmal irgendwann ein Haustier haben sollte, dann eben lieber eines, das mir das Gefühl vermittelt, es freue sich, wenn ich nach Hause komme und eben keines, dass mal kurz ein Auge öffnet, mich zur Kenntnis nimmt – oder eben auch nicht – und dann weiterpennt!

Allerdings weiß ich das beruhigende Gefühl einer schnurrenden Katze durchaus auch zu schätzen.

11. Hast Du sonst niemanden, dem Du das alles erzählen könntest?

Doch, doch, durchaus! Und ich habe meine Eindrücke zu diversen Büchern früher auch lediglich einer sehr kleinen Schar charakterlich  unfassbar hochwertiger Menschen im persönlichen Gespräch kundgetan. Aufgrund meines hohen Leseaufkommens bemerkte ich dabei allerdings das eine oder andere Mal bereits eine gewisse Müdigkeit oder Leere im Blick meines Gegenübers…

Also schreibe ich jetzt drüber, dann kann oben genannte Schar wann immer sie will nachlesen, was ich von Buch XY halte, und muss nicht immer dann zuhören, wenn ich gerade darüber reden will.

12. Wer liest Dich überhaupt?

Mich liest in erster Linie eine nicht mehr ganz so kleine Schar charakterlich unfassbar hochwertiger Menschen. Ich arbeite daran, aus dieser nicht mehr ganz so kleinen Schar eine große Schar zu machen, damit der Titel meines letzten Blog-Eintrags irgendwann einmal auch passend ist.

13. Was müsste geschehen, damit Du mit dem Bloggen aufhörst?

Der erste Grund wäre, dass ich aus technischen, finanziellen oder sonstigen Gründen meines Internet-Anschlusses beraubt würde. Ohne Netz zu bloggen, gestaltet sich schwierig.

Der zweite wäre, dass mir die oben erwähnte Schar charakterlich unfassbar hochwertiger Menschen mir dauerhaft und nachhaltig nahelegt, ich solle es doch lieber lassen.

14. Welche Eigenschaft schätzt Du an einem Menschen am meisten?

Nur eine? Ich schätze an Menschen eigentlich, wenn sie mehrere der Eigenschaften besitzen, die ich schätze. Na, wenn ich mich schon entscheiden muss, dann sage ich mal: Empathie!

15. Was ist Deine beste Eigenschaft?

Wie soll ich mich da entscheiden…? 😉

Gut, ich sage mal: Ich kann bei Bedarf zu jeder Tages- und Nachtzeit ganz gut zuhören, wenn gerade Not am Mann ist, und vielleicht den einen oder anderen guten Ratschlag geben.

16. Was ist Dein größter Fehler?

Dass ich bei Bedarf zu jeder Tages- und Nachtzeit ganz gut zuhöre, wenn gerade Not am Mann ist, und vielleicht den einen oder anderen Ratschlag gebe.

Man könnte auch sagen: Ich kann schlecht „nein“ sagen.

17. Wie, denkst Du, sehen Dich die anderen Menschen?

Die anderen Menschen? Tja, ich finde es schwierig, das einzuschätzen, den Großteil davon kenne ich ja gar nicht persönlich – was bei derzeit etwa 7,3 Mrd. Exemplaren kaum verwundern wird.

Fragt man den davon verschwindend geringen Teil an Menschen, die ich persönlich kenne, hängt die Einschätzung wohl extrem davon ab, wen man fragt. Aber ich nehme an, die meisten halten mich für einen ganz umgänglichen Zeitgenossen, mit dem man ziemlich gut auskommen kann – denn das bin ich auch. 😉

18. Was würdest Du niemals in Deinem Blog posten?

Rezensionen zu Büchern von Iny Lorentz, Diana Gabaldon, J.K Rowling, Johannes Mario Simmel, Christa Wolf, Stephenie Meyer, Dieter Bohlen, Hera Lind, Tommy Jaud und vielen, vielen, vielen anderen Autoren oder solchen, die sich dafür halten oder solchen, die es noch werden wollen.

19. Glaubst Du neben Seppos Blog noch an andere Wunder?

Nein, man soll kein anderes seppolog neben seinem haben!

Wobei – ich glaube an die Meisterschaft des SV Werder Bremen innerhalb der nächsten fünf Jahre. Ich denke, falls das einträfe, könnte man das durchaus als Wunder einstufen.

20. Wenn Du einen Gegenstand in eine Zeitkapsel tun könntest, welche erst in 100 Jahren geöffnet werden würde, welcher Gegenstand wäre das?

Da hätte ich mehrere Ideen:

  • Ein Springteufel! Schade, dass ich dann nicht dabei sein werde, wenn dem armen Menschen, der das Ding öffnet, das Herz in die Hose rutscht! Ich stell´s mir aber brüllend komisch vor! 🙂
  • Meinen – noch zu schreibenden – Erstlingsroman. Ein bisschen vorausschauende PR schadet nie!
  • Eine umfassende Chronik der Menschheitsgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts. Titel: „Wie konnten wir so blöd sein!?“

21. Was bedeutet Schreiben für Dich, was macht es mit Dir?

Das kann ich so eindeutig gar nicht beantworten, weil das sehr von der Tagesform abhängt. Im schlimmsten Fall verspüre ich einen gewissen Druck des „schreiben müssens“, wenn mein letzter Beitrag schon (zu) lange zurückliegt.

Im besten Fall macht es mir einfach viel Freude über mein Lieblingshobby zu schreiben.

Glücklicherweise überwiegt der beste Fall den schlimmsten quantitativ deutlich.

22. Wie kriegst Du Seppo ins Bett?

Gesetzt den Fall, dass ich das wollte, – was ich, um das nochmal klarzustellen, nicht wöllte – dann würde ich konspirativ vorgehen. Ich würde versuchen, Seppos Mitbewohnerin sowie Nachbarin davon zu überzeugen, dass sie sich unbedingt mal eben leicht- bis nicht bekleidet in das in Seppos Schlafgemach befindliche Bett legen müssten.

Dann würde ich Seppo – übrigens das derzeit amtierende Staatsoberhaupt der vor einiger Zeit gegründeten Bundesseppoblik – davon in Kenntnis setzen, dass seine Mitbewohnerin zusammen mit besagter Nachbarin einen Staatsstreich plant, der in dieser Sekunde in besagtem Schlafgemach besprochen wird. Sobald Seppo das Zimmer betreten hat, dürfte der Rest ein Selbstläufer sein…

23. Was macht Mannsein für Dich aus,  was Frausein?

„Typisch Mann, typisch Frau“ ist doch irgendwie klischeebeladenes Schubladendenken, oder!? Wobei jedes Klischee seinen wahren Kern hat, aber ich kenne Frauen, die zum Teil eindeutig eher dem männlichen Teil der Weltbevölkerung zuzurechnende Eigenschaften haben und umgekehrt.

Wobei, es gibt durchaus Unterschiede, was die Kommunikation angeht:

Wenn der Mann fragt: „Schatz, ist Dir kalt?“, dann meint er:“Schatz, ist Dir kalt?“ und er denkt nichts.

Wenn die Frau fragt: „Schatz, ist Dir kalt?“, dann meint sie: „Mir ist kalt, mach die Heizung an!“ Und sie denkt: „Wenn er mich wirklich lieben würde, dann hätte er gewusst, dass mir kalt ist und mich nicht gezwungen, auch noch dermaßen offensichtlich mit dem Zaunpfahl zu winken!“

24. Was bedeutet das Konzept der ewigen Liebe für Dich? Ist es möglich? Wünschenswert?

Möglich? Wünschenswert? Aber ja doch! Natürlich! Ich glaube zwar, dass die ewige Liebe genau so selten wie wünschenswert ist, aber sie kommt doch vor, ja!

25. Warum sind 28 Fragen zu viel?

Och, 28 Fragen gehen doch noch. Es hätten von mir aus auch, ich weiß nicht, 42 sein können…

26. Blogger seien Selbstdarsteller, heißt es oft. Warum stimmt das – und ist das schlimm?

Ja, natürlich stimmt das. Wenn man nicht – in unterschiedlicher Ausprügung – zur Selbstdarstellung neigen würde, dann würde man sich wohl nicht damit beschäftigen, seine Gedanken öffentlich zu machen. Und ich finde das in keinster Weise schlimm.

Sinnlose, oft abwertende oder diskriminierende Kommentare bei Facebook oder diversen Online-Foren zu hinterlassen, ist auch eine Form der Selbstdarstellung – das allerdings finde ich dann schon schlimm!

27. Warum machst Du bei dieser Nummer mit?

Ich bin jung und brauche das Geld? Nein, stimmt nicht! Also, Letzteres stimmt schon, aber… lassen wir das.

Ich mache eigentlich nur deswegen mit, weil ich die Idee witzig finde, weil man sich selbst ganz problemlos nominieren konnte – und weil ich nicht geahnt habe, dass ich im Rahmen des Auswahlverfahrens 28 Fragen würde beantworten müssen…

28. Wie löst Du zwischenmenschliche Konflikte? Offensiv, defensiv oder gar nicht?

Das kommt darauf an. Aber generell gilt, dass zwischenmenschliche Konflikte für mich der Super-GAU sind, ich bin harmoniebedürftig und habe ein gesteigertes Interesse daran, dass sich die Menschen gut verstehen und friedlich zueinander sind.

Sollte ich in diesen Konflikt nur als Außenstehender involviert sein, kann es gut sein, dass ich mich gänzlich heraushalte, wenn ich den Beteiligten zutraue, das Problem auch selbst lösen zu können.

Bin ich direkt Beteiligter, hängt es unter anderem davon ab, wie sehr ich mich im Recht fühle. Ich kann dann auch einfach mal stur und beleidigt sein.

In den allermeisten Fällen würde ich aber zur offensiven Konfliktlösung neigen, weil ich es eben nicht leiden kann, mit irgendjemandem Ärger zu haben –  was mich zugebenermaßen nicht immer in die beste Verhandlungsposition bringt!

„Ein Buchladen zum Verlieben“ von Katarina Bivald – In einer kleinen Stadt

Buch: „Ein Buchladen zum Verlieben“ (2014)

Autorin: Katarina Bivald

Verlag: btb

Ausgabe: Taschenbuch, 446 Seiten

Die Autorin: Katarina Bivald ist eine schwedische Autorin. Sie war zehn Jahre lang in einer Buchhandlung tätig, bevor sie 2013 ihr erstes Buch „Ein Buchladen zum Verlieben“ veröffentlichte, das mittlerweile in 25 Ländern erschienen ist.

Sie lebt mit ihrer Schwester und unzähligen Bücherregalen zusammen in Stockholm.

Mehr Informationen über die junge Autorin gab auch der schwedische Wikipedia-Eintrag nicht her – schätze ich, denn mein schwedisch ist relativ überschaubar…

Das Buch: Sara Lindquist ist 27 Jahre alt, Schwedin und derzeit arbeitslose Buchhändlerin. Sie hat eine rege Brieffreundschaft mit der 65 Jahre alten Amerikanerin Amy Harris aus Broken Wheel, Iowa, USA.

In einem ihrer Briefe lädt Amy Sara zu einem Besuch bei sich ein. Also kratzt die junge Frau ihr Erspartes zusammen und macht sich auf in die USA. Dort angekommen erhält sie gleich schlechte Nachrichten: Amy ist in der Zwischenzeit verstorben. Da Sara nicht weiß, wo sie nun hin soll, ermuntern sie die Bewohner des heruntergekommenen Städtchens Broken Wheel, doch einfach in Amys Haus zu wohnen.

Im Laufe der folgenden Wochen lernt sie Stadt und Leute näher kennen. Und sie fasst einen Entschluss,denn: Broken Wheel fehlt ein Buchladen! Sie bringt die alten Geschäftsräume, die sich noch in Amys Besitz befinden, auf Vordermann, bestückt sie mit Tausenden Büchern aus Amys Privatbeständen und eröffnet das Geschäft.

Weitere Wochen später hat sich Sara in Broken Wheel gut eingelebt. Und auch die Bewohner des Städtchens haben sie ins Herz geschlossen. Nur leider läuft Saras Visum bald ab. Um Sara den dauerhaften Aufenthalt in ihrer Stadt zu ermöglichen, greifen die Einwohner von Broken Wheel zu ungewöhnlichen Mitteln…

Fazit: Eigentlich greife ich bei Büchern, deren Titel das Wort „Buchhandlung“ oder „Buchladen“ beinhalten, reflexartig zu und verschiebe rationales Denken auf später. Bei Büchern, die die Formulierung „zum Verlieben“ beinhalten, greife ich entschieden seltener zu. Daher befand ich mich hier beim Buchkauf in der Zwickmühle. Letztlich verschob ich das Denken, wie üblich, auf später und griff zu.

Erst später – als halt eben das Denken einsetzte – wurde mir bewusst, dass auf der Vorder- und Rückseite des Buches Textauszüge von Rezensionen der Zeitschriften „Femina“ und „emotion“ zu lesen waren. Unmittelbar auf diese Erkenntnis folgte das diffuse Gefühl, dass ich jetzt vielleicht nicht so unbedingt zu Katarina Bivalds Zielgruppe gehöre…

Das befürchtete „Was-tue-ich-mir-denn-da-an?“ blieb allerdings zu meiner Überraschung glücklicherweise weitgehend aus. Dennoch wird mir „Ein Buchladen zum Verlieben“ nicht länger als unbedingt nötig im Gedächtnis bleiben, also ziemlich genau bis zum Ende dieser Rezension. Zu viele Dinge stören mich dann doch.

So ist die Handlung der 446 Seiten insgesamt doch arg überschaubar. Sara eröffnet halt ihren Laden, freundet sich mit Land und Leuten an, hat eine Romanze, selbst die schicksalshafte Wendung, mit der die Protagonistin sich in solchen Büchern für gewöhnlich konfrontiert sieht, fällt recht unaufgeregt aus. Auch die zwei, drei Nebenhandlungen sind nicht sonderlich komplex. Darüber hinaus gibt es immer mal wieder Stellen über die man einfach nicht nachdenken sollte, so z.B. über das wirtschaftliche Gefüge der Stadt. Da wird z.B. erwähnt, dass ein Ladenbesitzer praktisch nie seine Angelruten verkauft, aber dafür müsse er ja auch nie nachbestellen und habe dementsprechend niedrige Kosten. o.O Ja, das mag sein, dennoch bleiben die Umsätze bei diesem innovativen Geschäftsmodell ebenfalls bei null, was die Deckung der üblichen Lebenshaltungskosten doch enorm erschweren dürfte…

Stilistisch bietet Bivalds Erstlingsroman ebenfalls leichte Kost, was aber wiederum gut zur Handlung passt. Wenn man eine seichte, humorvolle Geschichte lesen möchte, dann möchte man wohl kaum mit Proustschem Stil belästigt werden.

In erster Linie kann der Roman mit seinen Charakteren und seinem Handlungsrahmen punkten. Die Ansammlung teils skurriler Kleinstadtbewohner hat ihren eigenen Charme, sei es die erzkonservative Caroline, die eine Art moralischer Instanz der Stadt darstellt, quasi die Antwort auf eine Frage, die nie gestellt wurde. Oder Grace, die Inhaberin des örtlichen Diners, die eine Kirche während des Gottesdienstes schon mal angetrunken und mit einer Schrotflinte betritt. Und auch wenn einige Charaktere, beispielweise Tom – oben erwähnte Romanze – in sich nicht immer ganz logisch und nachvollziehbar dargestellt sind, hat „Ein Buchladen zum Verlieben“ hier eindeutig seine Stärke.

Eine weitere Stärke sind die Passagen, in denen Sara über Autoren und deren Bücher sowie über die Literatur im Allgemeinen spricht. Nicht, dass Katarina Bivald ihre Protagonistin an diesen Stellen irgendwelche revolutionären Erkenntnisse verbreiten lässt – dass Dan Brown z.B. seit Jahren eigentlich das selbe Buch nur mit wechselndem Titel schreibt, ist mir auch klar – aber man kann als Leser dadurch vielleicht die eine oder andere Anregung bekommen, welches Buch oder welche Autorin bzw. Autor man mal nachholen sollte.

Ein bisschen verströmt „Ein Buchladen zum Verlieben“ mit seiner Stadt Broken Wheel und den Bewohnern den gemütlichen Charme einer Folge „Gilmore Girls“ und Stars Hollow. (Jedenfalls bevor man aus Alexis Bledels Rolle diese furchterregende, nervtötende „Nein-ich-kann-nicht-auf-die-geilste-Party-des-Jahrhunderts-auf-der-sich-alle-Studenten-der-USA-befinden-und-sich-bewusstlos-trinken-gehen-weil-ich-lernen-muss-Yale-Streber-Studentin“ gemacht hat)

Kurz: Man nehme die alte Sat 1-Soap „Verliebt in Berlin“, addiere „Gilmore Girls“, füge „Der Pferdeflüsterer“ hinzu, subtrahiere die Pferde und addiere einen Buchladen – fertig ist „Ein Buchladen zum Verlieben“. Wäre das Buch vor 10 Jahren erschienen, hätte ich auf eine Verfilmung mit Sandra Bullock und Hugh Grant gewettet. Wer meint, dass ihm oder ihr diese Mischung zusagen könnte, der kann bedenkenlos zugreifen. Alle anderen lassen es lieber sein.

Wertung:

Handlung: 6 von 10 Punkten

Stil: 7 von 10 Punkten

Charaktere: 8 von 10 Punkten

Atmosphäre: 8 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 7,25 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Spektrum“ von Sergej Lukianenko. Science-Fiction.