Extraetüde KW 14

Extraetüden 14.20 | 365tageasatzaday

 

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

angesichts der Tatsache, dass dieser Monat, wenn schon sonst nicht über viel, so aber immerhin über fünf Sonntage verfügt, hat Christiane zu den Extraetüden aufgerufen. Ein Ruf dem ich gerne folge, um aus den Wortspenden von Corly und Elke H. Speidel einen Text von maximal 500 Wörtern zusammenzuklöppeln. Und da man sich aus den beiden insgesamt sechs Wörter umfassenden Wortspenden lediglich fünf aussuchen kann, gibt mir das die Möglichkeit, die ungeliebten Forsythien mit Nichtbeachtung zu strafen. Legen wir los.

 

„Na, was machst Du?“

„Ich schreibe eine Extraetüde!“

„Aha – aber … sag mal, wolltest Du nicht erst mal größtenteils wieder Rezensionen …?“

„Wollte ich auch. Aber ich bin sauer!“

„Auf wen?“

„Ach, auf vieles. Auf Amazon. Auf die Dummheit der Menschen.“

„Moooment, Letzteres kannst Du aber so pauschal nicht sagen!“

„Doch! Ich wiederhole immer wieder gebetmühlenartig, dass wir in einem Land leben, das zu einem signifikanten Anteil von Idioten bevölkert wird. Und um das zu begreifen, muss man noch nicht mal Wahlergebnisse oder das Einkaufsverhalten von Hysterikern hinsichtlich Klopapier bemühen, da gibt es eine Fülle weiterer Beispiele.“

„Nämlich?“

„Na, beispielsweise hat es hier in der Gegend kürzlich gebrannt.“

„Jo, tragisch, aber kommt vor.“

„Ja, sicher.“

„Aber?“

„Na, die Feuerwehrleute die vor Ort waren, mussten eine Wasserleitung über mehr als 200 Meter einen Berg hinauf legen. Weil es deshalb Probleme mit dem Wasserdruck kam, wurden die Stadtwerke angewiesen, den Druck zu erhöhen, in der Folge kam es dann an einer Kreuzung zu einem Wasserrohrbruch.“

„Nun ja, das …“

„Ich bin noch nicht fertig! Nach Ende des Einsatzes – zwei Bewohner des Hauses wurden übrigens in höchster Not aus einem Dachfenster von aufmerksamen Nachbarn gerettet, was darauf hindeutet, dass der Anteil an Nicht-Idioten im Land hoffentlich immer noch größer ist, aber sei es drum – nach Ende des Einsatzes also stellt die Feuerwehr fest, dass es quasi direkt neben dem brennenden Haus einen Hydranten gegeben hätte! Nur leider hat ein „findiger“ Anwohner das Schild, das auf diesen Hydranten hinweist, mit einem eigenen Schild mit der Aufschrift „Privatgrundstück. Parken verboten.“ überhängt, das an eben jenem eigentlich wichtigen Schild mittels Kabelbinder befestigt war …“

„Autsch …“

„Japp. Das muss man sich mal vorstellen. Da asten die Feuerwehrleute, die es bei den jetzigen Gegebenheiten von vorne am Brandherd schön warm haben, dafür aber von hinten fast erfrieren, mitten in der Nacht einen Berg hoch, nur weil irgendein so ein korinthenkackender Paragrafenreiter die Unverletzlichkeit seines eigenen Parkplatzes in Gefahr sieht.“

„Oha …“

„Japp. Den Typen müsste man jetzt eigentlich zur Strafe eine Woche lang jeden Tag von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang C-Rohre den Hügel hoch verlegen lassen.“

„Ich gebe zu: Das war wirklich ein Idiot.“

„Japp. Und bei Amazon gibt es solche eben auch.“

„Weil?“

„Weil man bei Amazon kürzlich beschlossen hat, für den April keine gedruckten Bücher mehr einzukaufen.“

„Tja, aber man sollte ja sowieso eher lokal …“

„Ja, aber das kannst Du der breiten Masse ja nicht beibringen, die brauchen wöchentlich sieben Pakete aus dem Onlinehandel, von denen sie sechs wieder zurückschicken, sonst sind sie nicht glücklich. Weil die Menschen eben gerade jetzt noch mehr bei Amazon bestellen, ist der Bucheinkaufsstopp für die Verlage natürlich ein Desaster.“

„Aber das ist doch lächerlich!“

„Japp! Offiziell heißt es, dass alles, was nicht zur Grundversorgung gehört, aus dem Einkauf fliegt – eben auch Bücher -, weil man ab sofort Dinge des täglichen Lebens vorrangig behandeln werde.“

„Und das sind Bücher nicht?“

„Offensichtlich. Aber Wachskordeln! Ich kann kein gedrucktes Buch mehr bekommen, aber ich kann eine Wachskordel ordern. Eine verf…“

„Mäßige Dich!“

„…luchte Wachskordel, wollte ich sagen.“

 

496 Wörter.

Da ich Amazon nur ausgesprochen selten nutze, einfach, weil mir Konzerne, die einerseits immer wieder wegen ihrer Arbeitsbedingungen in der Kritik standen und stehen, die aber andererseits nur Steuern in einem Umfang zahlen, für den man jeden ortsansässigen Freiberufler am Sonntag nach dem Gottesdienst auf dem Marktplatz öffentlich auspeitschen würde, suspekt sind, ist diese Nachricht mehrere Tage an mir vorbeigegangen.

Der Autor Thomas Montasser hat dazu einen offenen Brief im Börsenblatt geschrieben, den ich sehr lesenswert finde und in dem er mutmaßt, dass Amazons Entscheidung lediglich ein weiterer Schritt hin auf dem Weg ist, rigoros das eBook durchzusetzen.

Vor dem Hintergrund dieser Entscheidung kann man nur mehr denn je vom großen A abraten und eindrücklich nahelegen, beim örtlichen Buchhändler des Vertrauens zu kaufen. Das große A bietet mittlerweile eigentlich nichts mehr, was die überwältigende Mehrheit der Buchhandlungen nicht auch bietet.

 

 

 

„Die rechtschaffenen Mörder“ von Ingo Schulze

Buch: „Die rechtschaffenen Mörder“

Autor: Ingo Schulze

Verlag: S. Fischer

Ausgabe: Hardcover

Der Autor: Ingo Schulze wurde 1962 in Dresden geboren und lebt in Berlin. Nach dem Studium der klassischen Philologie in Jena arbeitete er zunächst als Schauspieldramaturg und Zeitungsredakteur. Bereits sein erstes Buch »33 Augenblicke des Glücks«, 1995 erschienen, wurde sowohl von der Kritik als auch dem Publikum mit Begeisterung aufgenommen. »Simple Storys« (1998) wurde ein spektakulärer Erfolg und ist Schullektüre. Es folgten das Opus magnum »Neue Leben« (2005), die Erzählungen »Handy« (2007) und »Orangen und Engel« (2010) sowie die Romane »Adam und Evelyn« (2008) und »Peter Holtz. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst« (2017), für den Ingo Schulze mit dem Rheingau Literatur Preis ausgezeichnet wurde und der auf der Longlist des Deutschen Buchpreises stand. Zudem veröffentlichte Ingo Schulze Essays und Reden, darunter »Was wollen wir?« (2009) und »Unsere schönen neuen Kleider« (2012), sowie das Künstlerbuch »Einübung ins Paradies« (2016). Im Frühjahr 2020 erscheint der Roman »Die rechtschaffenen Mörder«. Ingo Schulzes Werk wurde auch mit internationalen Preisen ausgezeichnet und ist in 30 Sprachen übersetzt. (Quelle: S. Fischer Verlag)

Das Buch: Norbert Paulini ist ein hoch geachteter Dresdner Antiquar, bei ihm finden Bücherliebhaber Schätze und Gleichgesinnte. Über vierzig Jahre lang durchlebt er Höhen und Tiefen. Auch als sich die Zeiten ändern, die Kunden ausbleiben und das Internet ihm Konkurrenz macht, versucht er, seine Position zu behaupten. Doch plötzlich steht ein aufbrausender, unversöhnlicher Mensch vor uns, der beschuldigt wird, an fremdenfeindlichen Ausschreitungen beteiligt zu sein. Die Geschichte nimmt eine virtuose Volte: Ist Paulini eine tragische Figur oder ein Mörder? (Quelle: S. Fischer Verlage)

Fazit: Nachdem Schulzes neuer Roman allenthalben gelobt wurde, unter anderem auch vom großen Denis Scheck, mit dem ich ja gelegentlich auch einer Meinung bin, war es an der Zeit, selbst mal zu ergründen, was „Die rechtschaffenen Mörder“ denn nun so lesenswert macht. Und vor dem Hintergrund, dass mich der Roman häufig zustimmend nicken, zweifelnd mit dem Kopf schütteln, entrüstet schnappatmen oder energisch Widerspruch formulieren ließ, er also insgesamt relativ viele der Dinge, die Literatur zu leisten imstande ist, auch leistet, muss man sagen: Sehr viel!

Schon der Einstieg gelingt leichtfüßig. In einem manchmal fast märchenhaften, insgesamt – passend zum Setting – leicht antiquiert klingenden Stil, der sehr gelungen ist, präsentiert uns der Autor zu Beginn eine Hauptfigur, über die im Folgenden noch viel zu reden sein bzw. schreiben sein wird und eine, ja, fast schon Wohlfühlatmosphäre, von der sicher ist, dass sie trügerisch ist und so nicht dauerhaft Bestand haben kann.

Norbert Paulini, über die gesamte Zeit des Romans übrigens immer bei seinem vollen Namen genannt, erbt von seiner verstorbenen Mutter eine Unmenge an Büchern. Diese füllen die Wohnung, in der der junge Paulini mit seinem Vater lebt, derart aus, dass Norbert Paulini sogar buchstäblich darauf schläft. Kein Wunder eigentlich, dass der heranwachsende Paulini für alles, was nicht mit Lesen, mit Literatur zu tun hat, im Grunde keinerlei Interesse zeigt. Auch in beruflicher Hinsicht bringt er nicht viel zu Ende und hat dann Glück, zwecks Ausbildung in einem Antiquariat unterzukommen und letztlich, natürlich wieder, ohne die entsprechende Ausbildung so wirklich zu beenden, mit den riesigen Bücherbeständen seiner Mutter ein eigenes Antiquariat zu eröffnen. Fortan gehen Vertreter der intellektuellen Elite bei Paulini ein und aus, wenn selbiger nicht gerade mit seinem Fahrrad und einem Anhänger unterwegs ist, um literarische Schätze jeglicher Art einzukaufen.

Paulini könnte eine absolute Wohlfühlfigur sein, jemand, mit dem man sich vollkommen identifieren könnte, denn, sind wir doch mal ehrlich, was könnte an einem wahren Büchermenschen denn auch schon schlecht sein!? Und exakt mit dieser Frage beschäftigt sich Schulze in der Folge, weswegen er Paulini auch bereits zu Beginn nicht als absolut unfehlbar schildert, sondern zu einer Figur macht, die ich persönlich eigentlich nahezu von Anfang an nicht mochte.

So ist er, der selber eigentlich bis auf die Eröffnung seines Antiquariats nichts auf die Reihe bekommen hat, der sich aber aufgrund der unzähligen Bücher, die er gelesen hat, für einen weisen Menschen, offensichtlich für etwas Besseres hält – der große Robin Williams hätte ihm an dieser Stelle etwas über den Geruch in der Sixtinischen Kapelle erzählt – ein sehr überheblicher Mensch. Auch und gerade seiner Frau gegenüber. Angesichts der fehlenden akademischen Ausbildung seiner Frau wird gönnerhaft überheblich festgestellt:

„Goethes Christiane war auch keine Studierte gewesen.“ (S. 81)

Wenigstens interessiert sie sich für die Welt abseits der Bücher, was ihm aber ebenfalls missfällt. So sieht er beispielsweise ihre Zeitungslektüre kritisch, denn:

„Es konnte nichts in der Zeitung stehen, was wirklich und wahrhaftig Einfluss auf sein oder ihr Leben hätte nehmen können.“ (S. 82)

Jahre später wird Paulini bemerken müssen: Doch! Aber er wird es nicht zugeben. Denn wenn er sich auch nur ein wenig aus seinem literarischen Elfenbeinturm begeben hätte, er sich nur ein wenig für die Welt da draußen interessiert hätte, dann wäre er von den Geschehnissen in der Welt, namentlich der Wende, vielleicht nicht so überraschend überrollt worden und dann wäre aus ihm vielleicht – reine Spekulation meinerseits – nicht das geworden, was man später gemeinhin despektierlich einen „Wendeverlierer“ nennt. Stattdessen nimmt er, der aus Döblins „Berlin Alexanderplatz“ zitiert: Da werde ich nicht mehr schrein wie früher: das Schicksal, das Schicksal.“ gerade eben diese Ereignisse, die bald seine wirtschaftliche Existenz gefährden, schicksalhaft einfach hin, nur um sich später zu beschweren.

Und um ganz später eine radikale, fremdenfeindliche Einstellung an den Tag zu legen. Und damit hatte ich als Leser tatsächlich ein Problem. Dabei geht es nicht um die fremdenfeindliche Einstellung an sich, die man ja gar nicht anders als verurteilen kann, sondern um die Entstehung derselben. Mag Paulini also durchaus so ein „Wendeverlierer“ sein, so bringt er – ganz im Gegensatz zu der tumben Sorteder sogenannten „Wutbürger“, die einfach nur ein Feindbild brauchen, auf das sie ihren Frust projezieren dürfen – das intellektuelle Rüstzeug mit, um zu begreifen, dass seine Einstellung fern jeder Rationalität ist, dass sein gewähltes Feindbild keinerlei Veranwortung für seine Situation trägt, dass es nicht die Ursache dafür ist.

Natürlich mag man dagegenhalten, dass sich Paulini nie für die Welt da draußen interessiert hat, und auch nie für weltpolitische Zusammenhänge, aber dennoch müsste er auf intellektueller Ebene begreifen, dass er sich auf dem Holzweg findet.

Nicht nur im Bereich der Hauptfigur ist Schulze etwas Großes gelungen, auch im stilistischen Bereich und beim Aufbau und den Erzählperspektiven. So wird der zweite Teil des Buches aus Sicht eines Autoren erzählt, dessen Name Schultze ist, mit t, und dessen biografische Angaben nur im Detail vom echten Ingo Schulze abweichen. Der dritte wiederum aus Sicht der Lektorin eben dieses Autoren.

Auf diese Weise gelingt es Schulze, ohne t, zwei neue Sichtweisen auf die Geschehnisse einzufügen und das Bild, das die Leser bis hierhin von Norbert Paulini hatten, nachhaltig zu ergänzen oder zu revidieren.

Auch ab dem zweiten Teil bietet der Roman, selbst wenn er sich seiner Hauptfigur ab da nur noch auf eine andere Art nähert, ausreichend Potenzial, um sich mit ihm kritisch auseinanderzusetzen. So urteilt der im zweiten Teil erzählende Schultze, mit t, über seine Freundin:

„(…) eine, die frei ist von der natürlichen Verachtung des Westens gegenüber dem Osten. An diese Verachtung – man könnte es auch Überlegenheitsgefühl nennen, hatte ich mich im Laufe der Zeit gewöhnt (…). (S. 233)

und lässt mich damit abermals schnappatmen. „Natürliche Verachtung“? „Natürliche“? „Überlegenheitgefühl“? Ich, als „Wessi“, empfinde, das kann ich guten Gewissens behaupten, beides nicht und je nachdem, wie viel Schulze, ohne t, im Schultze, mit t, liegt, in welchem Umfang der „echte“ Schulze tatsächlich der Meinung ist, es gäbe diese „natürliche Verachtung“, müssten wir eigentlich reden, der Ingo und ich, denn in dieser Absolutheit formuliert, sind diese Formulierungen – auch unter Berücksichtigung unterschiedlicher Sichtweisen und Erfahrungen – schlicht falsch. Und wenn schon Paulini in der Lage sein sollte, seine fehlerhaft gezogenen Schlüsse zu erkennen, sollten Schulze und Schultze, ob mit oder ohne t, das erst recht sein.

Auch und gerade solche streitbaren Passagen sind es, die „Die rechtschaffenen Mörder“ letztlich zu einem großartigen Roman machen. Das Buch fordert zum Mitdenken auf, dazu, Stellung zu beziehen. Und sowohl mitdenken als auch Stellung beziehen ist so verkehrt ja erst mal nicht. Es erzeugt Widerspruch genauso wie Zustimmung. Und es behauptet nicht, die Lösung dafür aufzuzeigen, warum jemand in ein radikales, fremdenfeindliches Weltbild abdriftet. Es bietet eine Möglichkeit an, aber die eine Frage nach dem

„Wem zürnen Sie? Dem Westen? Gott? Der nicht existierenden Linken? Dem Weltgeist?“ (S. 274),

die beantwortet es nicht.

Und das ist auch gut so.

Unbedingt lesen!

Wertung:

10 von 10 Punkten. Mindestens.

Demnächst in diesem Blog: „Drei“ von Dror Mishani

 

Freitagsfragen #101

Freitagsfragen Frühling

 

Hallo, liebe Leserinnen und Leser,

die einhunderterste Ausgabe der Freitagsfragen aus dem Brüllmausblog steht auf dem Programm. Halten wir uns nicht lang mit Nebensächlichkeiten auf. Die Fragen und Antworten lauten:

 

1.) Was ist Glück für Dich?

Im Moment würde Glück für mich bedeuten, mal wieder mit liebgewonnen Menschen reden bzw. selbige auch wieder sehen zu können. Menschen, mit denen ich Wortschöpfungen wie die Steigerung von „sehr“ zu „sehrer“ und „am sehrsten“ entwickeln kann, Menschen, die ich mit „Endlich normale Leute!“ begrüßen kann, Menschen, mit denen ich eine Grundsatzdiskussion über die schauspielerische Leistung von Hayden Christensen in den „Star Wars“-Prequels unter Berücksichtigung der Existenz der Sequels führen kann, Menschen, mit denen ich mal wieder über Fußball diskutieren kann. Wobei – nicht mal Fußball wird gespielt …

Habe ich einen Lagerkoller? Hm, nö, so weit würde ich nicht gehen. Aber heute ist nicht mein Lieblingstag. Und um es mit den Worten von Christian Tramitz zu sagen: „Ich bin mit der Gesamtsituation unzufrieden!“ Ha, der Satz hat selten so gestimmt. :-)

2.) Welche Rolle spielt Geld in Deinem Leben?

Geld? Das war doch dieses Dings … hier … diese kleinen, runden Scheiben aus … ja, aus Metall waren die, glaube ich. Gerüchten zufolge gibt es das auch in anderer … Dings … Form … aus, ähm, Papier, ja, genau!

Aber mal ernsthaft. Geld hab ich nie wirklich viel gehabt, habe es nicht und, sofern nicht morgen irgendein Chemiekonzern für den Verrat meiner Ideale mit einer sechstelligen monatlichen Summe winkt, wird das wohl auch nie der Fall sein. Aber man weiß ja nie, ob sowas nicht doch noch passiert. Sehen wir mal nach:

Wir befinden uns in der Hölle, dem Stammsitz der Firma „Fate LLP“, deren Eigentümer und Geschäftsführer S. Atan mit hochrotem Kopf die Korrespondenz des Tages durchblättert. Offensichtlich bedarf die Erörterung dieser Korrespondenz der Anwesenheit seines Assistenten Lübke, denn:

„LÜÜÜÜÜÜÜBKÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄ!“

*wusch*

„Sie beliebten zu schreien, Chef!?“

„Schnauze, Lübke. Lagebericht!“

„Alles nicht so wirklich dolle, Chef. Die Bauarbeiten am Stadion in der Vorhölle sind zum Erliegen gekommen. Es war nicht gewährleistet, dass die Mitarbeiter des zuständigen Bauunternehmers den Mindestabstand von 1,5 Meter einhalten können. Mittlerweile wurde dort Kurzarbeit beantragt.“

„Ist das nicht irgendwie ein bisschen albern, dass wir hier auch die gleichen gesetzlichen Grundlagen umsetzen müssen wie oben, Lübke!? Ich meine, sehen Sie sich mal um: Eine der Einstellungskriterien für unsere Mitarbeiter ist deren vorheriges Ableben. Wie sollen die sich in einem solchen Zustand mit einem Virus …?“

„Fragen Sie mich etwas Leichteres. Aber solange wir Steuern und Abgaben an Herrn Scholz abdrücken, gelten für uns dieselben Regeln.“

„Verrückte Bürokratie!“

„Absolut. Haben Sie mich deswegen gerufen?“

„Ach ja, richtig. Nein, wegen der Tagespost. Ist Ihnen aufgefallen, dass es in den letzten Tagen auch und gerade im Privatfernsehen zuhauf neue, mit heißer Nadel zusammengestrickte und qualitativ fragwürdige Live-Formate gibt, in denen Menschen unterschiedlichen Bekanntheitsgrades per Fernschaltung Dönekens machen?“

„Ja, leider!“

„Nun, offensichtlich geht das Fernsehen noch weitere neue Wege. Wir haben Anfragen bekommen.“

„Anfragen?“

„Japp.“

„Das heißt, wir könnten uns in diesen wirtschaftlich ungünstigen Zeiten etwas dazuverdienen?“

„Theoretisch ja, aber hören Sie sich das erst mal an. Das Erste fragt an, ob es einen „Brennpunkt“ von hier senden darf …“

„Ha, einen „Brennpunkt“. Aus der Hölle. Brennen, Hölle, verstehnse, Chef!?“

„Durchaus, ja …“

„Ich dachte, ich machs mal deutlich …“

„Oder hier: Sowohl 3sat als auch Arte planen bei uns ein Theaterstück zu produzieren. Mit mir in der Hauptrolle. Es soll „S. Atan der Weise“ heißen.“

„Irgendwie war man beim Fernsehen auch schon mal kreativer …“

„Ach, das muss Jahrzehnte her sein. Aber so ganz bin ich der Idee nicht abgeneigt …“

*wirft sich in Positur*

Doch hätt‘ auch nur
Ein Mensch–ein Mensch, wie die Natur sie täglich
Gewährt, dir diesen Dienst erzeigt: er müßte
Für dich ein Engel sein. Er müßt‘ und würde.

„Ähm, was war jetzt das, Chef?“

„Das war Schiller, Sie Banause! Nun, wenn du selbst darauf verfällst:–Nimm die Versichrung hier in diesem Buche! Hier, lesen Sie es nach.“

„Ähm, danke. Sonst noch was?“

„Ja, RTL plant einen Reboot von „Der heiße Stuhl“ mit Ulrich Meyer – und mir als Sidekick. Der WDR hat wegen seiner Doku „Feuer & Flamme“ angefragt und Super RTL plant die Neuaufnahme seiner nächtlichen Kaminfeuer-Dauerschleife bei uns.“

„Hm, so richtig begeistert mich davon irgendwie nichts.“

„Dann haben Sie diesen Brief hier also auch noch nicht in der Hand gehabt?“

„Welch … oh, ist das der Briefkopf des Weißen Hauses?“

„In der Tat.“

„Aha. Hm, was schreibt er denn, der Donald?“

„Er möchte die „Fate LLP“ kaufen!“

„WAS!? Warum?“

„Na, nachdem das mit der Firma CureVac nicht geklappt hat, war er wohl eingeschnappt. Er schreibt, er würde die „Fate LLP“ mit allem dazugehörigen Grund und Boden gerne kaufen, um sich einen Rückzugsort zu schaffen, sobald ihn die Amerikaner trotz seines „We think we have it very well under control.“ aus dem Amt jagen.“

„Und was machen wir jetzt?“

„Nun ja, das Angebot ist, vorsichtig formuliert, außerst lukrativ. Ich denke, ich schreibe ihm mal, dass wir derzeit ein Stadion bauen, in dem für ihn bereits eine Loge geplant ist …“

3.) Bist Du eher eine Lerche oder eine Eule?

Der frühe Vogel kann mich mal! :-)

Im Grunde würde ich mich weder zur einen, noch zur anderen Gruppe zählen. Weder habe ich den Drang, morgens um drei aufzustehen, um Welse zu fangen, oder so was, noch muss ich unbedingt mit einem Kaffee in der Hand auf den Sonnenaufgang warten. Und wer mich morgens, innerhalb der ersten etwa 30 Minuten nach dem Aufstehen anspricht, der ist selbst schuld.

Andererseits bin ich aber auch nicht der Typ, der sich die Nacht um die Ohren schlägt.

Aber wenn ich mich partout entscheiden müsste, dann in jedem Fall eher Eule.

4.) Die Wahl der Qual: Telefonterror oder Isolation?

Isolation. Damit habe ich gerade erste Erfahrungen gemacht. Und so sehr mich das Konzept bereits jetzt nervt, permanenter Telefonterror würde mich noch mehr nerven.

 

Das war es dann auch schon wieder. Ich wünsche allseits ein im Rahmen der Möglichkeiten schönes Wochenende. Und bleibt mir gesund.

Gehabt euch wohl.

„Die goldenen Jahre des Franz Tausend“ von Titus Müller

Buch: „Die goldenen Jahre des Franz Tausend“

Autor: Titus Müller

Verlag: Blessing

Ausgabe: Hardcover, 384 Seiten

Der Autor: Titus Müller, geboren 1977, studierte Literatur, Mittelalterliche Geschichte, Publizistik und Kommunikationswissenschaften. Mit 21 Jahren gründete er die Literaturzeitschrift Federwelt, ein Jahr später veröffentlichte er seinen ersten historischen Roman, Der Kalligraph des Bischofs. Titus Müller ist Mitglied des PEN-Club und wurde u.a. mit dem C. S.-Lewis-Preis und dem Sir-Walter-Scott-Preis ausgezeichnet. Für den Roman Nachtauge(Blessing, 2013) wurde Titus Müller 2014 im Rahmen einer Histo-Couch-Umfrage zum Histo-König des Jahres gewählt. Zuletzt erschienen die Romane Berlin Feuerland und Der Tag X. (Quelle: Random House)

Das Buch: Die wahre Geschichte des Franz Tausend weitet sich in diesem Roman zu einem Panorama Deutschlands in den 1920er und 1930er Jahren.

Schneidig, selbstbewusst, charmant – so erobert der aus armen Verhältnissen stammende Franz Tausend 1924 die Welt. Er behauptet, auf geheimnisvolle Art und Weise Gold in großen Mengen herstellen zu können. Ultrarechte Patrioten und namhafte Industrielle wittern die Chance, mit diesem Gold die angestrebte heimliche Wiederaufrüstung finanzieren zu können, und strecken große Geldsummen vor. Als einige Anleger unruhig werden, ob es jemals Gold regnen wird, sorgen einflussreiche Politiker dafür, dass die Polizei einschreitet. Sie soll Franz Tausend aber nicht auf die Finger sehen, sondern ihn im Gegenteil vor den Anschuldigungen einer sich um ihr Geld geprellt sehenden Frau schützen.

Kommissar Heinrich Ahrndt, der diesen Auftrag erhält, ist zu gewissenhaft, um dieses Spiel dauerhaft mitzuspielen. Er wird nach Berlin strafversetzt, wo er den Pazifisten Carl Ossietzky beschatten soll … Franz Tausend hingegen versucht sein Glück auf neue Weise, doch seine Wege und die des Kommissars kreuzen sich noch einmal: vor Gericht. (Quelle: Random House)

Fazit: Die große und absolut zufällig entstandene „Im reisswolfblog gibt es Bücher zu Kaiserreich und Weimar“-Reihe geht in ihre nächste, vermutlich auch erst mal letzte Runde.

Von Anfang an stand für mich fest, dass Titus Müllers neuer Roman in den Bereich der „muss-ich-haben“-Bücher gehört, da mich einerseits Bücher faszinieren, die auf historischen Tatsachen beruhen, zum anderen Hochstaplergeschichten im speziellen, weil ich mich immer frage, wie, mit Verlaub, hinterfotzig die einen und wie  leichtgläubig die anderen Menschen sein können, und letztlich natürlich eben auch, weil mich die Zeit, in der „Die goldenen Jahre des Franz Tausend“ spielt, momentan sehr interessiert.

Und ich bekam mit diesem Roman nicht nur das, was ich wollte, sondern tatsächlich unerwarteterweise noch sehr viel mehr. So viel mehr, dass ich gar nicht genau weiß, wo ich anfangen soll.

Relativ schnell wird dem irrtierten Leser deutlich, dass die Geschehnisse rund um den namensgebenden Franz Tausend zwar das Hintergrundthema für Müllers Roman bieten, dass aber eben jener Franz Tausend vielleicht nicht wenig, aber doch vergleichsweise wenig Erzählzeit spendiert bekommt, denn im Vordergrund stehen hier ganz eindeutig ganz andere Personen, namentlich Thomas Mann und Carl von Ossietzky.

Und Titus Müller gelingt hierbei beeindruckend das absolute Gegenteil von „Namedropping“: Es gelingt ihm, die beiden berühmten Persönlichkeiten wirklich umfassend und lebendig zu charakterisieren. So wird beispielsweise Thomas Mann als eine Person gezeichnet, die eigentlich unter veritablen Selbstzweifeln leidet, zumindest, was das eigene literarische Werk angeht, und der oftmals mit Dingen, die nichts mit dem Schreiben zu tun haben – beispielsweise seinen eigenen Kindern – überfordert scheint.

Ähnlich verhält es sich mit Ossietzky, der ebenfalls an sich und eigentlich der Sinnhaftigkeit von allem zweifelt, sich Hals über Kopf in eine Affäre stürzt, aus der er nur schwer wieder entkommen kann, der aber zumindest hinsichtlich seiner politischen Überzeugungen unumstößlich wirkt, und gerade deswegen leider letztlich viel erleiden musste.

Dazu gesellt sich mit dem Polizisten Heinrich Arndt ein Protagonist, der ähnlich gut gelungen ist.

All diesen Figuren ist gemein, dass sie – ganz im Gegensatz zu all den Materialien, von denen Franz Tausend behauptet, er könne sie zu Gold machen – tatsächlich eine Entwicklung durchmachen. Thomas Mann vom Zweifler zum Nobelpreisträger, Ossietzky vom Fremdgänger zum unbeugsamen Pazifisten und Friedensnobelpreisträger und Heinrich Arndt vom weisungsgebundenen Mitarbeiter des Staatsapparates, der eigentlich nur seine baldige Unkündbarkeit aufgrund seiner absolvierten Dienstjahre im Kopf hat, hin zu einer Person, die den Staat und seine Mechanismen hinterfragt und nach seinen Überzeugungen handelt.

Müller gelingt aber noch viel mehr als diese überzeugenden Charakterzeichnungen. Es gelingt ihm, ein wirklich komplexes Bild der wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse der damaligen Zeit zu entwerfen. Und das ist für Leser gänzlich ohne entsprechende Vorkenntnisse vielleicht manchmal nicht ganz leicht, überfordernd wirkt der Roman allerdings an keiner Stelle. Auch weil man, wenn man mal eine der zuhauf genannten politischen oder literarischen Persönlichkeiten nicht kennt, diese auch guten Gewissens einfach mal ignorieren kann.

Auffällig ist dabei, wie häufig sich, zumindest für mich Parallelen in die heutige Zeit finden lassen:

Beispielsweise im Umgang mit der NSDAP, deren Erfolge kleingeredet werden, weil sie bei den Wahlen im September 1930 ja „nur“ 18,3 Prozent erreicht hat, und man sie schon noch wird klein halten können. Mehr muss ich dazu wohl nicht sagen …

Beispielsweise hinsichtlich des Gerichtsprozesses gegen Ossietzky. Dieser hatte in seiner Zeitung lediglich erwiesene Fakten zu Rüstungsprojekten der Reichsregierung veröffentlicht, welche gegen die Bestimmungen des Versailler Vertrages verstoßen. Anstatt ihn zu belobigen, verklagt man ihn. Ein bisschen erinnert mich das an die Ereignisse rund um die Cum-Ex-Geschäfte, bei denen nicht etwa zuerst die Leute vor Gericht gezerrt wurden, die dafür verantwortlich sind, sondern die, die sie publik gemacht haben.

Beispielsweise hinsichtlich der Justiz und ihrem Umgang mit rechtsradikalen Politikern, Gewalttätern und sonstigen Idioten. Während die Justiz damals bereits zu großen Teilen mit den Rechten sympathisierte und man sich beispielsweise damit hervortat, die Verantwortlichen des Röhm-Putsches vergleichsweise milde zu bestrafen und/oder verzeitig zu begnadigen, hatte man heute lange Zeit einen Verfassungsschutzpräsidenten, der Flüchtlingsboote im Mittelmeer als „Shuttle-Service“ bezeichnet und eine Justiz, die sich standhaft weigert, Verbindungen zwischen einzelnen Mitgliedern rechter Terrornetzwerke in Bundeswehr, speziell KSK, und Polizei zu ziehen, und diese stattdessen als Einzeltäter bezeichnet, weil man ja für eine terroristische Vereinigung eine Mindestpersonenanzahl braucht, die „nachhaltig“ versuchen müssen, „politische Ziele“ umzusetzen, man aber mindestens einen der Begriffe „nachhaltig“ oder „politische Ziele“ seitens der Justiz vehement bestreitet, und das alles augenscheinlich nur, weil es nicht im Sinne der Justiz sein kann, wenn man zugeben müsste, dass sich in Polizei und Militär rechte Terrornetzwerke bilden.

Beispielsweise wenn es heißt: „Die SPD ist ein kläglich verlassenes Wrack, dem die Massen nach links und rechts wegströmen.“ (S. 132) – Okay, der war gemein. Aber ich darf das. Außerdem stimmt es.

Insgesamt betrachtet also eigentlich ziemlich erschreckend, oder!?

Titus Müller schafft es darüber hinaus auch stilistisch, dem ansonsten hohen Niveau des Romans in nichts nachzustehen. Vor dem Hintergrund des ohnehin schon komplexen Romanthemas finde ich es umso erfreulicher, dass der Stil nicht überkomplex daher kommt und sich, mag es auch nach einer Floskel klingen, einfach gut lesen lässt.

In Summe ist „Die goldenen Jahre das Franz Tausend“ ein wirklich wunderbarer Roman, den ich am Setting interessierten Leserinnen und Lesern wirlich mit Nachdruck empfehlen kann.

Ich danke der Buchhandlung meines Vertrauens, die mir dieses Buch als Bestandteil meiner zuletzt getätigten und, für meine Verhältnisse, recht umfangreichen Solidaritätsbestellung, erfreulich schnell bis vor die Haustür zukommen ließ.

Wertung:

Handlung: 10 von 10 Punkten

Charaktere: 10 von 10 Punkten

Stil: 8,5 von 10 Punkten

Atmosphäre: 10 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 9,625 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Die rechtschaffenen Mörder“ von Ingo Schulze

„Eisenblut“ von Axel Simon

Buch: „Eisenblut“

Autor: Axel Simon

Verlag: Rowohlt

Ausgabe: Hardcover

Der Autor: Axel Simon, Jahrgang 1962, wuchs im Ruhrgebiet auf. Er hat an verschiedenen Theatern zeitgenössische Opern inszeniert und arbeitete danach lange als Creative Director in großen Werbeagenturen in Hamburg und München. Simon lebt heute in Hamburg, wo er u.a. am zweiten Fall für Gabriel Landow arbeitet. (Quelle: Rowohlt)

Das Buch: Kleine Seitensprung-Schnüffeleien sind der Alltag seiner schlecht laufenden Detektei im miesen Berlin-Kreuzberg im Jahr 1888: Gabriel Landow, schwarzes Schaf seiner ostpreußischen Getreidejunker-Familie, fällt der Erfolg nicht gerade in den Schoß. Aber dann fällt ihm ein Observierter direkt vor die Füße: Aus nachtschwarzem Himmel mitten aufs Sperrgebiet am Tempelhofer Feld. Wahrscheinlich wurde der aus dem Korb eines Militärballons gestoßen. Nur ein kleiner Ministerialbeamter, der allerdings mit einem geheimen Marineprojekt zu tun hatte. Und immerhin der dritte Tote dieser Art in letzter Zeit mit einem Buch der Gebrüder Grimm in der Hand. Aber weshalb die Regierung ausgerechnet Landow mit der Aufklärung betraut, ist auch ihm ein Rätsel. Genauso wie der Brandanschlag auf ihn kurz darauf. Wer sollte am Tod eines kleinen Ermittlers interessiert sein? Wo doch ganz Berlin, ach was, ganz Europa, nur gebannt auf das Sterben des todkranken Kaisers wartet, das einige aus ganz eigenen Motiven herbeisehnen. (Quelle: Rowohlt)

Fazit: Bücher, deren Handlung im ausgehenden 19. oder beginnenden 20. Jahrhundert angesiedelt sind, haben derzeit bei mir Hochkonjunktur. Da war es nur folgerichtig, dass ich mich mit Axel Simons Reihenauftakt befassen wollte. Zumal Bücher die zur Regierungszeit Friedrichs III. 1888 – zwei Jahre, bevor der Lotse Bismarck von Bord ging und Wihelm II, der Nachfolger Friedrichs III., sich in folgenschweren Großmachtsfantasien erging – eher unterrepräsentiert sind. Was nicht verwundern mag, denn Friedrich III. regierte nur ganze 99 Tage, bevor er, bereits beim Amtsantritt schwer erkrankt, an Kehlkopfkrebs verstarb.

Und diese Hintergrundgeschichte ist allgegenwärtig in Axel Simons Roman, in dem sich sein Protagonist Gabriel Landow im Berlin des Dreikaiserjahres so durchschlägt. Ursprünglich als Sohn eine Getreidejunker-Familie aufgewachsen, kehrt er dieser den Rücken – oder umgekehrt – und versucht, sich in Berlin mit einer Detektei über Wasser zu halten. Aber die Zeiten sind schlecht. Gabriels Geschäftspartner hat sich in die USA davongemacht und er hat derzeit nur noch einen einzigen Auftrag, bevor er den Laden wohl dicht machen muss. Dann jedoch wendet sich, sehr zu Landows eigener Verwunderung, die Regierung an ihn und betraut ihn mit den Ermittlungen zum Tode dreier Regierungsmitarbeiter. Landow nimmt das Angebot, nicht zuletzt aufgrund seiner eigenen prekären Verhältnisse, an und ahnt noch nicht, dass er sich dabei selbst in große Gefahr begibt.

Und dieser Gabriel Landow ist eine Hauptfigur, die man durchaus gerne durch eine längere Krimireihe verfolgen möchte. Zwar entspricht auch er eher der Figur des einsamen Wolfs, und ja, auch er hat ein massives Alkoholproblem, neigt er doch zu exzessiven Konsum von Cointreau. Aber es gibt Gründe für die Situation, in die sich Landow gebracht hat. Er ist nachvollziehbar gezeichnet und insgesamt nehme ich Axel Simon seine Figur vollkommen ab. Was ich ihm nicht so abnehme, ist Landows Umgang mit dem Alkohol. Denn, einmal von der Regierung mit der lukrativen Aufgabe betraut, schwört Landow dem Alkohol nahezu vollständig ab. Und das geht, wenn man berücksichtigt, wie viel er vorher konsumiert hat, verdächtig einfach vonstatten. Diesbezüglich hätte man durchaus weiter in die Tiefe gehen können.

Besonders erwähnenswert hinsichtlich des Protagonisten erscheint mir übrigens noch seine Familiengeschichte. Einmal, weil sie für das Hier und Jetzt der Hauptfigur natürlich wichtig ist, und zum zweiten, weil sie im Laufe der Handlung Ausmaße einer shakespearschen Tragödie aufweist, die mir zwischenzeitlich fast überzogen schien, insgesamt aber letztlich doch gut gefallen hat.

Ebenfalls gut gefallen hat mir Landows Partner, Orsini. Einst als Zirkusartist unterwegs, verliert er aufgrund eines Unfalls zuerst einen Arm und dann seine Arbeitgrundlage. Seitdem verdingt er sich, mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg, als Taschendieb. Orsini ist für mich der unterhaltende Faktor innerhalb der Figuren und im Falle weiterer Fortsetzungen würde ich ihn nur ungern missen. Muss ich aber wohl auch nicht. ;-)

Die Geschichte selbst überzeugt ebenfalls, macht es dem Leser aber schwer, selbst zu enträtseln, was es mit dem Tod der drei Regierungsmitarbeiter nun denn so auf sich hat, auch weil eine nennenswerte Anzahl an möglichen Verdächtigen fehlt. Dennoch überzeugt die Handlung durch Spannung, Wendungen und eine plausible Auflösung, auch wenn ich persönlich ein Problem mit dem Handlungsstrang rund um die Märchenbrüder der Gebrüder Grimm hatte. Nicht, weil ich etwas gegen die Gebrüfer Grimm im speziellen oder gegen Märchen allgemein hätte, sondern weil sich mir der Sinn dahinter nicht so wirklich erschlossen hat und ich denke, dass es auch ohne funktioniert hätte. Das mag aber ein exklusiver Eindruck sein.

Axel Simons besondere Stärke ist die Atmosphäre, die er seinem Roman verleiht. Er überfordert die Leser nicht mit einer Fülle von politischen und sonstigen Gegebenheiten der Zeit, in der das Buch spielt, und schafft es aber dennoch nachvollziehbar, ein Bild davon zu zeichnen, wie es im Berlin des Jahres 1888 gewesen sein könnte.

Insgesamt betrachtet habe ich mit „Eisenblut“ vergnügliche Lesestunden verbracht. Und wer mit Krimis allgemein und dem historischen Setting im besonderen etwas anfangen kann, liegt mir Axel Simons Reihenauftakt nicht daneben.

Ich danke dem Rowohlt Verlag für die freundliche Übersendung des Rezensionsexemplars. Die Tatsache, dass es sich um ein Rezensionexemplar handelte, beeinflusst meine Meinung selbstredend nicht.

Wertung:

Handlung: 8 von 10 Punkten

Charaktere: 8 von 10 Punkten

Stil: 8 von 10 Punkten

Atmosphäre: 9 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 8,25 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Die goldenen Jahre des Franz Tausend“ von Titus Müller.

Freitagsfragen #100 (!)

Freitagsfragen Frühling

Hallo, liebe Leserinnen und Leser,

die Freitagsfragen aus dem Brüllmausblog feiern Jubiläum und gehen, sage und schreibe, in ihre hundertste Runde. An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an die eifrige Fragenspenderin nickel. Weitermachen. :-)

Nachdem mein Tag damit begonnen hat, zu bemerken, dass ein Beitrag am falschen Tag rausgehauen wurde und ich damit für so fünf Minuten gegen eine Sperrfrist verstoßen habe – yay! – nachdem das also so war, kann eigentlich nichts Schlimmes mehr passieren … Kommt der Beitrag eben morgen …

Darüber hinaus habe ich dann jetzt auch endlich mal die Möglichkeit, mich mit den Jubiläums-Freitagsfragen zu beschäftigen. Diese lauten:

1.) Was ist Deine liebste Drinnen-Beschäftigung?

Gemessen an der darin investierten Zeit, streiten sich da wohl daddeln am PC und lesen um den Platz 1. Allerdings geht Ersteres in letzter Zeit deutlich zurück. Es erscheint irgendwie nicht Brauchbares mehr im Bereich der PC-Spiele. Zumindest dann, wenn man nicht gerade 14 Jahre alt ist, auf kompetitives Online-Mulitplayer-MMO-Baller-Survival-Battle-Royal-Gedöns steht und die Reaktionsgeschwindigkeit eines Kolibris auf Angel Dust hat.

Deshalb, und weil die Situation gerade wenig anderes ermöglicht, lese ich drinnen momentan viel. Und da der Strom an Rezensionsexemplaren niemals abreißt, ich bei der Buchhandlung meines Vertrauens auch online bestellen kann und meine Stapel ungelesener Bücher auch noch für eine zweite Apokalypse reichen, wird sich daran zeitnah wohl auch wenig ändern.

2.) Wie geht es Dir mit der aktuellen Situation?

Gut, siehe Antwort zu 1. ;-) Nein, aber mal ganz im Ernst. Ich sehe das momentan noch relativ entspannt. Zwar muss ich weiterhin im Büro erscheinen und man hat dementsprechend keinen Einfluss darauf, wer von Mandantenseite so unvernünftig ist, hier halbtot reinzuwanken, aber da wir das Ganze derzeit ohnehin reglementieren bzw. es ja mittlerweile auch reglementiert wird, hält sich meine Sorge in Grenzen.

Jedenfalls was meine Person angeht. Um einige ganz zauberhafte Personen meines Umfelds mache ich mir gelegentlich schon etwas Sorgen, entweder weil deren berufliches Umfeld dazu angetan ist, sich Sorgen zu machen oder weil sie ein Immunsystem haben, dem man längst fristlos gekündigt hätte, wenn es ein Arbeitnehmer wäre, oder erschossen, wäre es ein Pferd. Auf manche trifft auch noch beides zu.

3.) Was bringt Dich so richtig zum Lachen?

Ziemlich viel, manches auch erst rückwirkend, denn, wie schon Woody Allen so treffend festgestellt hat: „Komödie ist Tragödie plus Zeit.“

Und Situationskomik mag ich sehr gerne.

Und Loriot beispielsweise. Ich erinnere mich (das „mich“ ist im Zusammenhang mit „erinnern“ übrigens sprachlich wichtig, ebenso wie das gleich folgende „daran“ – ich wollte es nur eben nochmal bemerkt haben) daran, dass ich mal mit vier Kumpels vor dem Fernseher saß, in dem gerade „Pappa ante portas“ lief und Loriot ein Geschäft betrat, um den legendären Satz zu sagen: „Mein Name ist Lohse, ich kaufe hier ein.“

Ich habe mich weggebrüllt, könnte das an der Stelle übrigens immer, und wäre fast vom Sofa gefallen. Um mich herum: Stille. Nahezu Totenstille.

Der Moment, in dem man merkt, dass der persönliche Humor offensichtlich deutlich von dem eines Teils des Umfelds abweicht, ist ein tragischer. Allerdings auch nur in dem Moment. Rückblickend dann doch ganz witzig.

Und da sind wir dann wieder bei „Komödie ist Tragödie plus Zeit“.

Hach, ich mag es, wenn mir Texte mit einer inhaltlichen Klammer gelingen … :-)

4.) Die Wahl der Qual: 2 Wochen häusliche Quarantäne alleine oder 4 Wochen Ausgehsperre, bei der Du aber 1x pro Woche raus darfst?

Ist mir persönlich vollkommen egal. Ich nehme gerne beides. Zwei Wochen freiwillige häusliche Quarantäne habe ich heute schon rum. Und weitere Wochen schaffe ich auch noch.

 

Das war es auch schon wieder.

Gehabt euch wohl, kommt gut in die Woche und bleibt gesund.

 

Gute Nachricht des Tages, 20. März 2020

 

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

der geschätzte Bloggerkollege René hatte genug davon, dass es augenscheinlich nur noch schlechte Nachrichten in der Welt gibt und verbreitet jetzt in unregelmäßigen Abständen gute Nachrichten in selbiger. Sehr unterstützenswert, wie ich finde.

Denn auch so manches Schlechte hat seine guten Seiten. So bietet mir die aktuelle Situation erstaunlich viel Zeit zum Lesen, woraus resultiert, dass ich mich aller Vorraussicht nach demnächst verstärkt wieder den Rezensionen, also dem eigentlich mal vorherrschenden „Kerngeschäft“ dieses Blogs zuwenden werde. Wie gesagt, „aller Vorraussicht nach“, wir werden sehen. Bevor es aber so weit ist, möchte ich, passend zum Waalkesschen Motto „Ein´ hab´ ich noch!“ noch eine gute Nachricht des Tages beisteuern.

Und die heutige gute Nachricht des Tages lautet:

 

Heute ist Weltglückstag!

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Dabei geht es – und ich zitiere mal Wikipedia – darum, den „Wohlstand auf eine Art und Weise“ zu „messen, die über den materiellen Wohlstand hinausgeht.“

Jetzt könnte ich euch analog zu Loriots „Seid jetzt gemütlich!“ zurufen: „Seid jetzt gefälligst glücklich!“ Ich könnte die obige Information aber auch einfach mal unkommentiert so stehen lassen. Ja. Ich glaube das mache ich.

Herzlichen Dank für die Aufmerksamkeit.

Weitermachen.

 

„Feindesland“ von C.J. Sansom

Buch: „Feindesland“

Autor: C. J. Sansom

Verlag: Heyne

Ausgabe: Taschenbuch, 768 Seiten

Der Autor: C. J. Sansom, geboren 1952 in Edinburgh, zählt in England zu den erfolgreichsten historischen Romanciers. Sansom studierte an der University of Birmingham und arbeitete unter anderem als Rechtsanwalt für Benachteiligte, bevor er sich dem Schreiben zuwandte. Bekannt wurde er mit der international erfolgreichen »Shardlake«-Serie. »Winter in Madrid« wurde von Kritik und Publikum gleichermaßen als Meisterwerk klassischer Erzählkunst gefeiert. Sansom lebt in Sussex.  (Quelle: Random House)

Das Buch: 1952: 12 Jahre ist es her, dass England sich Nazi-Deutschland unterworfen hat. Während der Große Krieg zwischen Deutschland und Russland weitertobt, befinden sich die Engländer unter deutscher Besatzung. Presse, Radio, Fernsehen und die Gerichte werden kontrolliert, auf den Straßen patrouilliert die Militärpolizei, die britischen Juden sehen sich immer größeren Repressalien ausgesetzt. Churchill organisiert im Untergrund seine Widerstandsbewegung. Während sich die Gerüchte mehren, dass der Widerstand einen großen Gegenschlag plant, wird Sarah Fitzgerald, die Frau eines Spions, in die Welt der Widerständler hineingezogen. Die Zukunft Englands liegt plötzlich in den Händen des Widerstands …(Quelle: Random House)

Fazit: Einerseits liebe ich Bücher, die sich des Themas eines fiktiven, alternativen Geschichtsverlaufs im Stile eines „Vaterland“ von Robert Harris annehmen, andererseits hatte ich bereits den einen oder anderen Roman von Sansom mit seinem frühneuzeitlichen Ermittler Matthew Shardlake gelesen und war insofern frohen Mutes, dass mir auch „Feindesland“ gut gefallen dürfte.

Nur leider war das, trotz der Tatsache, dass sich über Sansoms Roman auch allerlei Gutes sagen lässt, nicht vollständig der Fall.

Sansoms Setting beispielsweise hat durchaus eine gewisse Faszination: Die Briten haben sich nicht länger als unbedingt notwendig in den Krieg gestürzt, kapituliert und befinden sich jetzt als eine Art Vasallenstaat, ähnlich wie die meisten anderen Staaten Europas, unter deutscher Herrschaft. Die Deutschen wiederum führen seit über 10 Jahren Krieg mit Russland. Immer dann, wenn sich Sansom dieser Hintergrundgeschichte seines Romans zuwendet, hat dieser seine besonderen Stärken.

Nur steht leider eine völlig andere Geschichte im Vordergrund. Der englische Wissenschaftler Frank Munchaster, nach einem Nervenzusammenbruch in einer psychiatrischen Einrichtung untergebracht, gerät in das Visier der Deutschen, der britischen Behörden sowie des Widerstands. Jeder möchte seiner habhaft werden, weil man davon ausgeht, dass er über wichtige Informationen verfügt. Welche das sind, weiß zwar der Leser, aber keiner der Beteiligten so ganz genau.

Und diese Geschichte ist es sicherlich auch wert, erzählt zu werden, sie krankt nur leider an einem einfachen, ganz simplen Problem: Sie ist zu lang. Hätte Sansom seine Handlung etwas gestrafft und seinen Roman um eine durchaus nennenswerte Anzahl Seiten eingedampft, dann hätte das Buch davon sicherlich profitiert, allein dadurch, dass das Erzähltempo höher gewesen wäre. So jedoch mäandert die Geschichte stellenweise so vor sich hin.

Das liegt sicherlich auch zu einem Gutteil an den Charakteren. Denn ähnlich wie für die eigentliche Handlung gilt auch hier, dass die Hintergrundgeschichte, die Sansom seinen Charakteren verpasst, teils spannender wirkt als das, was der Autor seine Charaktere im Hier und Jetzt des Romans erleben lässt. So denke ich, dass man über die geschilderte Kindheit und Jugend von Frank Munchaster, der von seiner der Esoterik zugeneigten Mutter in ein Internat abgeschoben und dort von seinen Mitschülern drangsaliert wird, einen ganz eigenständigen und ziemlich guten Roman hätte schreiben können. In der Gegenwart der Romanhandlung wirken – Frank Munchaster mal außen vor gelassen – Sansoms Charaktere allerdings allesamt eher distanziert. Es fiel mir schwer, wirklich Anteilnahme für sie aufzubringen oder auch nur dafür zu interessieren, was sie da gerade eigentlich tun.

Verstärkt wird dieser Eindruck wohl noch von einer, zumindest in meiner Wahrnehmung, ebenfalls eher nüchternen Erzählweise, die ich von C.J. Sansom so nicht gewöhnt bin. Üblicherweise gelingt es ihm, die frühneuzeitliche Welt seiner Shardlake-Reihe detailliert und gelungen zu schildern, hier jedoch passt er sich stilistisch ein wenig der Tristesse an, die zum Zeitpunkt der Handlung herrscht. Sollte das gewollt sein, habe ich allerdings nichts gesagt.

„Feindesland“ hat also durchaus seine Highlights. Die Geschichte hinter der Geschichte. Die Geschichte hinter den Charakteren. Und auch die Handlung selbst bietet zwei, drei eindrucksvoll geschilderte Szenen, beispielsweise als die in London bislang vergleichsweise unbehelligt lebenden Juden auf Betreiben der Deutschen doch noch zusammengetrieben und aus der Stadt gebracht werden.

Insgesamt hätte „Feindesland“ dann aber doch wesentlich mehr sein können als es dann war. Leider.

Ich bedanke mich beim Bloggerportal sowie beim Heyne Verlag für die freundliche Übersendung des Rezensionsexemplars. Die Tatsache, dass es sich dabei um ein Rezensionsexemplar handelt, beeinflusst meine Meinung selbstredend nicht.

Wertung:

Handlung: 5,5 von 10 Punkten

Charaktere: 6 von 10 Punkten

Stil: 7 von 10 Punkten

Atmosphäre: 8 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 6,625 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: Entweder „Die goldenen Jahre des Franz Tausend“ von Titus Müller oooooder „Eisenblut“ von Axel Simon.

Gute Nachricht des Tages, 18. März 2020

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

der geschätzte Bloggerkollege René hatte genug davon, dass es augenscheinlich nur noch schlechte Nachrichten in der Welt gibt und verbreitet jetzt in unregelmäßigen Abständen gute Nachrichten in selbiger. Ich persönlich finde das unterstützenswert, weswegen ich gelegentlich, so wie heute, helfend eingreife.

Während es René gelingt, Nachrichten ohne jeglichen Bezug zur aktuellen Krisensituation zu finden, haben meine momentan immer auch noch einen leichten Bezug dazu. Aber ich übe ja auch noch …

Die heutige gute Nachricht des Tages sind eigentlich gleich deren drei:

1. Heute ist Weltrecycling-Tag! Und vor dem Hintergrund, dass es derzeit möglich scheint, sehr einfach und unbürokratisch Gesetze zu erlassen, um Menschen, die die aktuelle Krise in existenzielle Schieflage bringt, zu helfen, erscheint es mir in meiner eigenen kleinen Märchenwelt voller Feen, Elfen und Eskimos ebenfalls möglich, die Bundesregierung mit genau der Argumentation der augenscheinlich einfach zu erlassenden Gesetze nach Überstehen der Situation dazu zu bringen, die Industrie zukünftig ebenso unbürokratisch und einfach zu verpflichten, nur noch Verpackungen aus nur einem Kunststoff zu produzieren, anstatt aus sieben verschiedenen, was das Recycling unmöglich macht.

Aber nicht nur die Industrie ist hierbei in der Pflicht. So hat die Stadt Kassel bereits letztes Jahr beschlossen, Biotonnen, in denen sich eine gewisse Menge „Fremdstoffe“ befinden, mit einer roten Karte zu versehen, und nicht zu leeren, bis die Fremdstoffe entfernt wurden. Hintergrund ist, dass von den jährlich etwa 11.000 Tonnen Biomüll, die die Stadt entsorgt, etwa 500 bis 600 Tonnen in der Verbrennungsanlage landen, weil man sie aufgrund der unsachgemäßen Entsorgung nicht recyclen kann. Das klingt nach nicht viel, sind aber immerhin noch so bummelig 5 Prozent.

Schlimmer sieht es bei den „Gelben Säcken“ bzw. bei der „Gelben Tonne“ aus. Eigentlich sind diese Kunststoffen, Metall und Verbundstoffen vorbehalten. Von den 2,6 Millionen Tonnen, die darin entsorgt werden, sind jedoch etwa 30 Prozent(!) nicht richtig entsorgter Restmüll.

Merke: Das beste Recyclingsystem nutzt nichts, wenn die Leute zu dämlich sind, es zu benutzen.

 

2. Die aktuelle Krise gibt die Möglichkeit, mal wieder etwas Gutes zu tun. Denn durch die asozialen, egozentrischen Hamsterkauf-Arschlöcher, die das Glück haben, dass ich mir trotz der frühen Stunde Mühe gab, sie mit der positivsten mir momentan möglichen Bezeichnung zu betiteln, sind in erster Linie die Tafeln in Schieflage geraten. Also die, die sich ohnehin um die Schwächsten der Schwachen kümmern. Allgemein wird Gustav Heinemann ja der Satz „Man erkennt den Wert einer Gesellschaft daran, wie sie mit den schwächsten ihrer Glieder verfährt.“ zugeschrieben. Ich wüsste zu gerne, was er zu den Hamsterkäufern sagen würde, der Gustav …

Jedenfalls: Solltet ihr zu denen gehören, die kein unterirdisches Lager angelegt haben, in dem sie 14 Tonnen Nudeln, 37 Tonnen Mehl und 398 m³ Klopapier horten – Lager, die die Archäologen zukünftiger Generationen vor unlösbare Probleme stellen werden, sollten sie sie dereinst finden. Wahrscheinlich werden sie, die Archäologen, vermuten, dass unsere Gesellschaft, unsere Kultur auf kultischen Handlungen beruhte, bei denen Nudeln, Mehl und Klopapier eine Rolle spielen, weil Archäologen alles, was sie nicht umgehend verstehen, erst mal kultischen Handlungen zuschreiben. Ein Gedanke, der hier aber jetzt nicht weiter verfolgt werden soll, weil ich die Bilder kultischer Handlungen unter Einbeziehung von Nudeln, Mehl und Klopapier sonst niemals wieder los werde – solltet ihr also nicht zu diesen Leuten gehören und ein wenig mehr am Allgemeinwohl interessiert sein, dann lasst euch gesagt sein, dass die Tafeln sich derzeit über jede Spende freuen und sei sie noch so klein. Das muss im Übrigen nicht mal eine Dose Ravioli sein, nein, man freut sich auch über jede kleinste Geldspende, die zur Aufrechterhaltung des laufenden Betriebs genutzt werden kann.

 

3. Wer sich derzeit in selbstgewählter oder verordneter „Isolationshaft“ befindet, oder wer jemanden kennt, der das tut, kann sich trotz dieses Umstands den Tag etwas heiterer gestalten, denn in der „Zeit“ erscheint momentan unter dem Titel „Der Quarantänetröster“ eine regelmäßige Kolumne, die sehr lesenswert ist und die die schlechte Laune vielleicht wenigstens für kurze Zeit vertreiben kann. Wer also immer schon mal wissen wollte, was eine Quarantäne mit Alpaka-Zucht zu tun hat, und warum es gut oder schlecht ist, einen Westflügel zu haben, der ist dort an der richtigen Stelle. Apropos richtige Stelle: An dieser Stelle einen herzlichen Dank an die ganz zauberhafte Person, die mich gestern auf die Kolumne aufmerksam gemacht hat.

 

In diesem Sinne: Spread the word.

Herzlichen Dank für die Aufmerksamkeit.

Weitermachen.

abc.Etüden KW 12/13 I

abc.etüden 2020 12+13 | 365tageasatzaday

 

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

auf gehts in eine neue Etüdenrunde. Dafür zeichnet weiter Christiane verantwortlich. Die Wortspende kommt diesmal von Elke H. Speidel, der dafür Dank gebührt, insbesondere für die „Forsythien“ … ;-) Nun, man wird sehen …

 

„Na, wie steht es mit „Reimen gegen alles“?“

„Gut, ich feile gerade an meinem ersten Werk.“

„Lass hören!“

„Echt jetzt?“

„Ja, sicher!“

„Okay, hier, das erste Gedicht meines Zyklus „Keimzeit ist Reimzeit“.

Im Lidl gibt´kein Klopapier,
oans, zwoa, g´suffa …“

„Ist nicht Dein Ernst …!?“

„Nein, war ein Scherz. Ich hab befürchtet, dass ich damit nicht durchkomme. Also, jetzt im Ernst:

Im Lidl gibt´s kein Klopapier,
und Nudeln sind nun auch aus hier,
weil irgendwelche Hamsterschrecken,
den Lidl leerräum´- ums Verrecken.

Im OBI schon die Hyazinthen,
steh´n zur Sicherheit ganz hinten,
weil schreckengleich Familien
hamsterten Forsythien.“

„Die Leute haben Forsythien gehamstert?“

„Eigentlich nicht, das war nur wegen des Reims. Nennen wir es mal Reim.“

„Okay.“

„Weiter im Text:

„Und dann erst die Verschwörungsspinner,
die sich tatsächlich inner
halb von wen´gen Tagen,
vermehrten mehr als sieben Plagen.

Die Uni Köln, die sollt´ was wissen,
dass Ibu plus Virus beschissen,
die Supermärkte seien bald zu,
man sollte kaufen, jetzt, im Nu.

Urin von Kühen sollte helfen,
na, eher helfen Dir noch Elfen,
auch richt´ges atmen sollt´es bringen,
wahrscheinlich hilft noch eher singen.

Ich find die eher lächerlich,
die Leut´, die unverbesserlich,
behaupten, dass sie etwas wissen,
nur, weil ihre Existenz beschissen.

Dabei ist alles das gefährlich,
und fake news nun doch echt entbehrlich,
doch manchem kann man halt nicht helfen,
auch vermutlich nicht die Elfen.

Nachdem sich zeigt, dass diese Viren
nun auch im Winter nicht erfrieren,
bleibt uns wohl nichts ab als warten
bis wieder auf der Kindergarten.

Na, und? Wie findest Du es?“

„Joah, so für den Anfang …- man könnte nochmal über die Stelle mit den Forsythien …“

„Nein, darin steckt harte Arbeit!“

„Schon gut, ich mein´ja bloß … – worum gehts dann beim nächsten Mal?

„Keine Ahnung. Aber man findet derzeit immer ein Thema. Immer. Leider.“

 

300 Worte.

Besonderer Dank geht übrigens an den geschätzten Kollegen René für die Vorgabe der ersten Zeile. Ich arbeite gerne mit vorgegebenen ersten Zeilen. :-)

Gehabt euch wohl.