“ Die Sehnsucht des Vorlesers“ von Jean-Paul Didierlaurent – Irgendwie anders

Buch: „Die Sehnsucht des Vorlesers“

Autor: Jean-Paul Didierlaurent

Verlag: dtv

Ausgabe: Taschenbuch, 223 Seiten (2015)

Der Autor: Jean-Paul Didierlaurent wurde 1962 in La Bresse im Elsass geboren. Nachdem er einige Jahre in Paris verbracht hat, lebt Didierlaurent mittlerweile wieder in seinem Heimatort und arbeitet dort im Kundencenter eines Telekommunikationsunternehmens. Seine ersten literarischen Gehversuche unternahm er, als er 1997 zwei Kurzgeschichten bei einem Schreibwettbewerb eingereicht hat – er gewann mit beiden. In der Folge veröffentlichte er zahlreiche preisgekrönte Kurzgeschichten. „Die Sehnsucht des Vorlesers“ ist sein erster Roman.

Das Buch: Guylain Vignolles ist ein ganz und gar unscheinbarer Mann und fristet ein weitgehend von seinen Mitmenschen unbeachtetes Dasein. Sehr zu seinem Leidwesen arbeitet Guylain in einer Papierverwertungsfabrik in der täglich unzählige von Büchern in der großen „Zerstör 500“-Maschine vernichtet werden. Aber eigentlich liebt Guylain Bücher und möchte an diesem „Kulturmord in ganz großem Stil“, wie sein ehemaliger Arbeitskollege Giuseppe die Arbeit nennt, gar nicht weiter teilhaben. Als eine Art Ausgleich für seine zerstörerische Tätigkeit, rettet er jeden Tag ein Handvoll Seiten aus der Maschine und nimmt sie mit nach Hause. Am folgenden Morgen liest er diese Seiten dann im 6:27-Uhr-Zug den anderen Fahrgästen vor. Jeden Tag! Eines Morgens findet Guylain in diesem Zug genau zu seinen Füßen einen USB-Stick. Er nimmt ihn mit und findet darauf Tagebucheinträge einer gewissen Julie. Schon nach kurzer Zeit steht für ihn fest: Diese Frau muss er unbedingt kennenlernen.

Fazit: Guylain Vignolles, der Held des Buches, ist ein gesellschaftlicher Außenseiter, wie er,…, nun, wie er im Buche steht. Seine persönlichen Kontakte beschränken sich auf Besuche bei seinem ehemaligen Arbeitskollegen Giuseppe, ansonsten redet er allenfalls mit dem permanent in Reimen sprechenden Pförtner seiner Firma – und mit seinem Goldfisch. Ein wahrer Sonderling, dieser Guylain.

Aber Sonderlinge sind sie in diesem Buch irgendwie alle: Guiseppe verlor bei einem Unfall in der „Zerstör 500″ beide Beine. Sein Chef sieht gar keinen großen Grund, die Maschine daraufhin stillzulegen, also besteht die Papierproduktion dieses Tages aus dem Altpapier der zerstörten Bücher – und, na ja, aus Giuseppes Beinen. Kurz danach findet er heraus, dass daraus die Auflage eines Buches über Gartenbau hergestellt wurde, und fängt an, im ganzen Land nach Ausgaben dieses Buches zu suchen, um sozusagen seine Beine wieder zu bekommen.

Yvon Grimbert, der Pförtner, hat eine Affinität  zu französischen Tragödiendichtern und zum Theater allgemein. Außerdem spricht er gerne in Vierzeilern. Der ungeduldige Fahrer eines LKW muss dann schon mal drei Strophen über sich ergehen lassen, bevor Yvon abschließt mit:

„Gleich hebe ich flugs die umstrittene Schranke/

Doch möcht´ ich gern hören von Euch noch ein Danke/

Lasst hier Eure Bücher und tut´s mit Bravour/

Wir kümmern uns dann um die Makulatur!“

Ja, eine Riege sehr verschrobener Persönlichkeiten hat Didierlaurent da ersonnen. Das gefiel mir sehr gut und wirkte irgendwie „typisch französisch“, ohne jetzt genauer erklären zu können, wieso.

Das typisch Französische gilt auch für die Handlung als solche. Die Suche nach Julie – und nach Giuseppes Beinen –  hat ihren eigenen Charme. Und ein ausgesprochen gut gelungenes Ende. Allerdings verläuft sie auch weitgehend ohne große Wendungen und Überraschungen. Wie auch, auf gerade mal 223 Seiten, von denen auch noch eine große Anzahl halb oder komplett leer ist?! Ich bin mir sicher, hätte sich Didierlaurent ein wenig mehr Zeit genommen, wäre da definitiv mehr möglich gewesen.

Viel mehr kann man über „Die Sehnsucht des Vorlesers“ auch kaum erzählen, ohne das ganze Buch wiedergegeben zu haben. Also sei abschließend gesagt: Wer sich in „Die fabelhafte Welt der Amélie“ wohl fühlte und allgemein Geschichten mag, die sich außerhalb der Norm bewegen, und wer sich außerdem nicht daran stört, 14,90 € in ein Buch mit 223 Seiten zu investieren, mit dem er oder sie allenfalls einen Abend lang beschäftigt ist, der wird mit „Die Sehnsucht des Vorlesers“ zufrieden sein.

Ich persönlich hatte zwar auch durchaus Vergnügen mit dem Buch, trotzdem finde ich: Wenn schon „Vorleser“, dann der von Bernhard Schlink!

Wertung:

Handlung: 7 von 10 Punkten

Charaktere: 8 von 10 Punkten

Stil: 7 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 7,33 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Um Leben und Tod“ von Michael Robotham. Ein Thriller.

„Hellhole“ von Gina Damico – Gerad´wenn Du denkst, es geht nicht mehr, kommt irgendwo der Teufel her!

Buch: „Hellhole – Wenn der Teufel bei Dir los ist“

Autorin: Gina Damico

Verlag: penhaligon

Ausgabe: Taschenbuch, 381 Seiten

Die Autorin: Gina Damico ist eine amerikanische Autorin. Sie wuchs in Syracuse, New York auf und studierte am Boston College Dramaturgie und Soziologie. Nach diversen Tätigkeiten, unter anderem als Übersetzerin und Landschaftsmalerin verlegte sich Damico aufs Schreiben und veröffentlichte die „Croak“-Trilogie. Nach deren Abschluss erschien „Hellhole“.

Die Autorin lebt mir ihrem Mann, zwei Katzen und einem Hund in Western Massachusetts. Und obwohl sie nach eigener Aussage noch niemals in der Hölle war, so verbrachte sie unzählige Stunden mit sinnloser Warterei am Busbahnhof von Albany – was ihrer Meinung nach mehr oder weniger das selbe ist.

Das Buch: Der 17 Jahre alte Max Kilgore leidet nicht nur unter seinem, eigentlich für Actionhelden prädestinierten, Namen, er hat es auch sonst nicht ganz so einfach im Leben. Sein Vater machte sich bereits aus dem Staub, als Max noch sehr klein war. Seine Mutter leidet unter massiver Herzinsuffizienz, möchte aber weder in ein Krankenhaus gehen, noch einen Pflegedienst beauftragen. Der junge Max ist daher gezwungen, nach der Schule an einer Tankstelle zu arbeiten und sich ansonsten rund um die Uhr um seine Mutter zu kümmern. Seine spärliche Freizeit verbringt er mit seiner Playstation und mit seinem ausgeprägten Interesse für Paläontologie, er baut leidenschaftlich gerne Dinosauriermodelle.

Als Max eines Nachts wieder einmal nicht schlafen kann, macht sich der Junge mit einer Schaufel bewaffnet auf zu einem unweit der Stadt Eastville gelegenen hässlichen Hügel, von den Bewohnern Eastvilles praktischerweise „Hässlicher Hügel“ genannt. Dort wurde von einer Forschergruppe vor einigen Jahren ein unbekanntes Dinosaurierskelett gefunden. Und Max gibt die Hoffnung nicht auf, dass dort noch weitere derartige Fossilien liegen und er selbst in die Geschichte der Paläontologie eingehen wird.

Um sich von seinen trüben Gedanken abzulenken, beginnt Max also zu graben. Plötzlich gibt der Boden vor ihm nach und es entsteht ein kreisförmiges, großes Loch aus dem es verdächtig nach Schwefel riecht. Max ist die ganze Sache nicht geheuer und er tritt sicherheitshalber den Rückzug an.

Wieder zu Hause angekommen, macht er eine erschrechende Entdeckung. Im Keller sitzt ein breitschultriger Kerl mit Hörnern auf dem Kopf, und ohne Hose, auf dem Sofa, leert sämtliche Chips-Vorräte und spielt „Madden“ auf der Playstation. Max hat Besuch vom Teufel! Oder besser: Von einem Teufel, es gibt nämlich 666 davon, strikt getrennt nach Aufgabengebiet.

Und dieser spezielle Teufel ist ein hartnäckiger Geselle: Er will Max´ Keller nicht mehr verlassen, bis dieser ihm ein Haus organsisiert hat – mit Whirlpool. Kommt Max diesen Forderungen nicht nach, wird der Teufel sich an seiner Mutter und an seinen Freunden rächen…

Fazit: Ich fürchte, ich bin mit falschen Erwartungen an dieses Buch gegangen. Ich hatte beim Betreten der Buchhandlung den festen Vorsatz, mal wieder etwas Heiteres zu lesen, schließlich ist ja schon wieder Herbst, da kann man das ja gut gebrauchen. Die hübsche Cover-Gestaltung und der ansprechende Klappentext ließen mich dann zu „Hellhole“ greifen. 381 Seiten später muss ich zugeben: So ganz überzeugt hat es mich nicht.

Dabei ist nichts in diesem Buch wirklich schlecht: Mit Max Kilgore hat Damico einen Protagonisten geschaffen, mit dem man schon nach ein paar Seiten mächtig mitleidet, der Junge hat es wirklich nicht einfach. Trotz- und alledem lässt er sich nicht unterkriegen, egal wie schwierig die Situation auch sein mag. Seine beste Freundin Audie ist ebenfalls eine sympathische Zeitgenossin, die Wortgefechte der beiden haben es in sich. Und dann ist da ja auch noch der Teufel, genannt Buck, der trotz seiner – von Haus aus –  fiesen, sadistischen Attitüde manchmal schon fast wieder nett wirkt. Insgesamt hat Gina Damico ganz ordentliche Charaktere erschaffen.

Die Schwächen des Buches liegen – für mich – einerseits eher am Stil und andererseits an der Story. Nach relativ kurzer zeigt merkt der geneigte Leser, dass es sich bei „Hellhole“ um ein Buch handelt, dass sich eher an eine jüngere Leserschaft wendet. Das hätte ich mir angesichts der Geschichte vielleicht sogar denken können und das ist andererseits auch gar nicht schlimm. Nur meinen Geschmack trifft es halt nicht.

Inhaltlich allerdings habe ich da schon mehr auszusetzen. So kreativ der Ansatz für diese Geschichte ist, so zäh liest sie sich im späteren Verlauf. Auf gefühlten hundert Seiten bewegt sich die Handlung nicht einen Millimeter nach vorne und erzeugte bei mir kurzzeitig den Wunsch, das Buch einfach nur weg zu legen. Obwohl man zugeben muss, dass „Hellhole“ durchaus so seine Moment hat. Wenige, dann aber gute. Wenn z.B. der Teufel gegenüber der sichtlich desinteressierten Hauskatze Ruckus plötzlich in eine „Wayne´s World“-mäßige „Wir sind unwürdig, wir sind Staub, wir sind Asche“-Geste fällt, denn „Katzen sind zu fürchten. Und zu lieben, selbstverständlich, und zu respektieren!“, dann, ja, dann hat das schon was. Oder aber wenn der Teufel von Max verlangt, ihm ein Haus zu organisieren, dass zwingend einen „begehbaren Kleiderschrank, drei Wendeltreppen, einen Kühlraum im Metzgereiformat, einen Autoscooter, einen BDSM-Keller und ein Lama“ beinhalten muss. Nur um anschließend klarzustellen: „Diese letzten beiden Punkte haben nichts miteinander zu tun!“ Ja, dann das hat auch was. Ich habe diese Stelle bereits einigen Leuten kundgetan, die Reaktionen schwankten zwischen betretenem Schweigen und sichtlicher Verwirrung angesichts meiner Begeisterung. Aber ich fand diese Stelle wirklich gut! 🙂

Schade nur, dass von diesen Momenten leider zu wenig in „Hellhole“ auftauchen. Der große Rest des Buches ist bedauerlicherweise bestenfalls Durchschnitt. Aber, das sei fairerweise nochmal gesagt, ich gehöre ja wahrscheinlich auch nicht zur Zielgruppe. Mit 16 hätte ich vielleicht meine helle Freude an diesem Buch gehabt, wer weiß!?

Wertung:

Handlung: 5,5 von 10 Punkten

Charaktere: 7 von 10 Punkten

Stil: 6 von 10 Punkten

Humor: 6,5 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 6,25 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Die Sehnsucht des Vorlesers“ von Jean-Pau Didierlaurent. Ein sehr, sehr kurzes Buch. Das dürfte vielleicht auch eine sehr, sehr kurze Rezension werden. 😉

„Das Vermächtnis der Montignacs“ von John Boyne – Man kann nicht alles haben

Buch: „Das Vermächtnis der Montignacs“

Autor: John Boyne

Verlag: Piper

Ausgabe: Taschenbuch, 502 Seiten

Der Autor: John Boyne, geboren 1971, ist ein renommierter irischer Schriftsteller. Er studierte Englische Literatur und Kreatives Schreiben an der University of East Anglia, Norwich. Er veröffentlichte bereits neun Romane für Erwachsene sowie fünf für jüngere Leser. Neben seiner Autorentätigkeit ist Boyne als Literaturkritiker für „The Irish Times“ tätig. Darüber hinaus ist er derzeit Vorsitzender der Jury des „Scotiabank Giller Prize 2015“ in Kanada. Für seine Werke erhielt Boyne bereits zahlreiche Preise, unter anderem in diesem Jahr den Gustav-Heinemann-Friedenspreis für sein Jugendbuch „Stay where you are & then leave“ (dt. „So fern wie nah“). Ebenfalls dieses Jahr wurde Boyne die Ehrendoktorwürde der University of East Anglia verliehen. Im Oktober erscheint sein neuer Jugendroman „The boy at the top of the mountain“.

Boyne lebt in Dublin.

Das Buch: Owen Montignac hatte es nicht immer leicht im Leben. Sein Vater wurde wegen einer Affäre mit einem französischen Dienstmädchen von der Familie verstoßen und enterbt und zog nach Frankreich. Dort fiel er im Ersten Weltkrieg. Nur wenige Wochen später kam Owens Mutter bei einem Unfall ums Leben. Daraufhin holt ihn sein Onkel Peter Montignac von Frankreich zurück nach England auf den Familiensitz Leyville. Dort soll Owen zusammen mit seinem Cousin Andrew und seiner Cousine Stella aufwachsen. Von nun an könnte alles gut sein, doch die Familie Montignac bleibt vom Pech verfolgt. Erst stirbt Owens Tante, dann kommt sein Cousin Andrew bei einem Jagdunfall ums Leben. Letztlich verlässt auch noch Stella, mit der ihn mittlerweile eine innige Freundschaft verbindet, den Familiensitz Leyville und geht auf ein Internat in der Schweiz.

1936: Owen ist mittlerweile Mitte 20 und arbeitet in einer Galerie. Er hat aber auch ein großes Laster: Er spielt sehr gerne, nur leider nicht sehr erfolgreich. Daher plagen ihn Spielschulden, hohe Spielschulden. Und sein Gläubiger ist nicht dafür bekannt, mit seinen Schuldnern besonders geduldig oder gar zartfühlend umzugehen.

Dann verstirbt Owens Onkel Peter und die Zukunft erscheint plötzlich in einem ganz anderen Licht. Denn das Erbe der Montignacs wird seit Generationen immer nur an männliche Erben weiter gegeben. Owen wähnt sich am Ziel seiner Träume: Erbe des Familiensitzes Leyville zu sein, einschließlich des damit verbundenen Reichtums. Er möchte nun endlich das bekommen, was seinem Vater aufgrund seiner französischen Affäre verwehrt blieb.

Dann jedoch der große Schock: Onkel Peter vererbt Stella das gesamte Vermögen, die Immobilien, den Grundbesitz. Owen geht vollständig leer aus. Und es nähert sich der Tag, an dem er seine Schulden zurückzahlen muss.

Einige Zeit später lernt Owen in einem Club den jungen Gareth Bentley kennen. Bentley wird nach seinem Jurastudium von seinem Vater gedrängt, in dessen Kanzlei einzutreten, Gareth jedoch möchte alles andere als das. Owen nimmt den jungen Mann unter seine Fittiche und stellt ihn in der Galerie ein. In der Zwischenzeit hat er nämlich einen Plan ersonnen, wie er trotz des nicht erhaltenen Erbes seine Spielschulden zurückzahlen kann. Und Gareth Bentley wird dabei eine gewichtige Rolle spielen…

Fazit: John Boyne nimmt sich als Grundlage des Romans eine historische Begebenheit, den Rücktritt König Eduards VIII. von England, und spannt drumherum eine Mischung aus Familiendrama und Kriminalroman. Der Autor erzählt die Geschichte in mehreren Handlungssträngen und springt dabei von Person zu Person. Eine ganze Weile erschließt sich dem Leser nicht, was diese Personen denn nun miteinander zu tun haben sollten. Erst ab ungefähr der Hälfte des Buches verknüpft Boyne die einzelnen Handlungsstränge zu einem logischen Ganzen. Und dieses logische Ganze hat es inhaltlich durchaus in sich. „Das Erbe der Montignacs“ ist ein vielschichtiger, spannender Roman, der immer wieder mit Überraschungen aufwartet.

Die Charaktere sind überzeugend dargestellt. Regelmäßig füttert der Autor den Leser mit Handlungshäppchen in Form von wenigen Rückblenden, in denen man etwas über die handelnden Personen und ihre Beziehung untereinander erfährt. Durch diese Rückblenden werden die Charaktere nachvollziehbarer und glaubhafter, weil sich dem Leser dadurch manchmal erst richtig erschließt warum, Charakter X dieses oder jenes tut, obwohl man selbst in der Situation vielleicht etwas ganz anderes getan hätte.

So wie in den bisherigen zwei Büchern, die ich von Boyne gelesen habe, so ist der Autor auch in diesem Roman stilistisch über jede Kritik erhaben. Die Dialoge finde ich absolut großartig, das Buch insgesamt ist „(…)stilistisch elegant“, wie der „Irish Independent“ urteilt. Es macht schlicht und ergreifend Spaß, „Das Vermächtnis der Montignacs“ zu lesen. Ich schätze, selbst wenn ich die Geschichte langweilig und belanglos gefunden hätte, das Lesen des Buches als solches hätte mir wahrscheinlich immer noch Spaß gemacht. Ich schätze weiterhin, dass John Boyne auf einem guten Weg ist, sich zu einem meiner Lieblingsautoren zu entwickeln. Vermutlich könnte er auch ein Buch herausbringen, in dem er den Text von „Hoch auf dem gelben Wagen“ in 97 Sprachen übersetzt – ich würde es wohl mit Begeisterung lesen! 😉

Erich Kästner soll mal gesagt haben: „Wer Bücher kauft, kauft Wertpapiere!“ Und in einer Zeit, in der VW-Aktien ohnehin nicht mehr viel wert sind, kann ich meiner Leserschaft nur raten: Inverstiert in John Boyne, es rentiert sich!

Wertung:

Handlung: 9 von 10 Punkten

Charaktere: 9 von 10 Punkten

Stil: 10 von 10 Punkten

Spannung: 8,5 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 9,125 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Hellhole“ von Gina Damico

„Die Schutzlosen“ von Kati Hiekkapelto – Ich kaufe ein ä!

Buch: „Die Schutzlosen“

Autorin: Kati Hiekkapelto

Verlag: Heyne

Ausgabe: Taschenbuch, 382 Seiten

Die Autorin: Kati Hiekkapelto ist eine finnische Krimi-Autorin. Sie lebte eine Weile unter der ungarischen Minderheit in Serbien bevor sie Lehrerin wurde. Da ihre drei Kinder mittlerweile aus dem Gröbsten heraus sind, entschloss sich Hiekappelto, ihre Zeit vermehrt ins Schreiben zu investieren. Ihr erster Kriminalroman „Kolibri“ erschien 2013 und wurde ein Publikumserfolg. Mit „Die Schutzlosen“ erzählt die Autorin die Geschichte ihrer Hauptfigur, der Polizistin Anna Fekete, weiter.

Das Buch: Spät abends wird ein alter Mann von Gabriella Farkas, einem ungarischen Au-pair-Mädchen, überfahren. Da die Kommissarin Anna Fekete aufgrund ihrer Herkunft in Serbien selbst ungarisch spicht, übernimmt sie die Vernehmung. Dabei schwört Gabriella, dass der Mann bereits auf der Straße gelegen habe, als sie ihn überfahren hat. Anna Fekete versucht den Unfallhergang zu rekonstruieren und die Identität des alten Mannes zu klären, sowie die Frage, warum er spät abends nur leicht bekleidet auf einer abgelegenen Landstraße unterwegs war.

In der Zwischenzeit wird Annas Kollege Esko Niemi mit Ermittlungen zu Motorrad-Gangs beauftragt. Im Rahmen dieser Ermittlungen wird eine Razzia bei einem möglichen Drogendealer durchgeführt. Der Dealer wird tot aufgefunden, außerdem befindet sich der pakistanische „illegale“ Einwanderer Sammy in der Wohnung. Sammy wird festgenommen, die Nachbarn sollen als mögliche Zeugen befragt werden. Dabei fällt auf, dass ein Bewohner des Hauses, ein älterer Herr, verschwunden ist. Könnte es sich bei ihm um den Toten von der Landstraße handeln? Und warum bleibt eine weitere Bewohnerin des Hauses unauffindbar? Passt das alles irgendwie zusammen? Und was weiß Sammy?

Fazit: Ich bin eigentlich generell kein Freund skandinavischer Krimis. Ich bin aber generell auch kein Freund von Verallgemeinerungen, daher lese ich trotzdem von Zeit zu Zeit mal wieder einen. Und stelle meistens fest: Ich bin generell kein Freund skandinavischer Krimis. Obwohl „Die Schutzlosen“ durchaus seine guten Seiten hat, sogar einige:

Die Handlung beginnt im Stile einer alten „Columbo“-Folge. Ein alter Mann betritt die Wohnung eines jungen Mannes, weil er sich über die laute Musik beschweren will, und kommt dabei zu Tode. Man weiß also vermeintlich zu Anfang schon, was passiert ist und wie der alte Mann zu Tode und auf die Landstraße kam. Dass sich letztlich alles doch ein wenig anders verhält, wird dem Leser erst nach so ungefähr 220 Seiten deutlich. Bis dahin durchweht den Roman eben der Wind von „Columbo“. Unnötig zu erwähnen, dass ich auch kein Fan von „Columbo“ bin. 😉 Dann jedoch, nach diesen 220 Seiten, läuft die Handlung zu großer Form auf, beinhaltet die eine oder andere Wendung und führt zu einem überraschenden finish. Ist ja auch ein finnischer Roman…Ich hab versucht, mir den Gag zu verkneifen, es ging einfach nicht, Entschuldigung an alle Finnen! 😉

Stilistisch kann Frau Hiekkapelto bei mir weder groß punkten, noch habe ich ihr irgendwie etwas vorzuwerfen. Man kann es eben ganz gut lesen. Wenn man jetzt mal von solchen Szenen wie im zweiten Kapitel absieht: Dort findet eine Konferenz von fünf Polizisten statt, unter anderem dabei: Sari Jokikokko-Pennanen und Nils Näkkäläjärvi… Da möchte man als Leser aufspringen und rufen: „Ich kaufe ein „ä“ und möchte lösen!“ Aber dafür kann Frau Hiekkapelto ja nichts, irgendwie müssen die ja heißen…

Im Bereich der Charaktere jedoch findet man viel Licht und unfassbar viel Schatten. Die drei Hauptpersonen dieses Romans sind der Flüchtling Sammy, der Polizist Esko Niemi und eben Kommissarin Anna Fekete. Die beiden ersten sind gut getroffen:

Sammy ist aus Pakistan geflohen und untergetaucht, nachdem er einen Abschiebebescheid bekommen hat. Die Angst des Jungen, als Bestandteil der christlichen Minderheit in seine von islamistischen Fanatikern regierte Heimatstadt zurück zu müssen, seine Geschichte, seine Träume, seine Illusionen, seine Drogensucht, all das beschreibt die Autorin wirklich gut. Allerdings befasst sie sich meiner Meinung nach etwas zu wenig mit diesem eigentlichen Kernthema dieses Romans: Der aktuellen Situation der Flüchtlinge weltweit. Dabei hätte sie die Chance gehabt, dieses topaktuelle Thema ausführlicher anzufassen. Aber wenigstens im Ansatz ist das schon gut gelungen.

Esko Niemi ist, ich möchte es mal deutlich sagen, ein Kotzbrocken wie er im Buche steht. Ein desillusionierter Alkoholiker, der seine Mitmenschen von oben herab behandelt und vor allem im Umgang mit Sammy immer wieder seine rassistische Grundeinstellung unverblümt zum Vorschein kommen lässt. Esko ist als Charakter schon fast ein wenig überzeichnet, driftet aber irgendwie nie ins Klischeehafte ab, man bemerkt immer wieder den Menschen hinter der Kotzbrockenfassade. Damit ist der Autorin ein richtig guter Charakter gelungen, ich war begeistert!

Da hätten wir aber noch Anna Fekete, unglücklicherweise Hauptperson dieses Romans. Als Kind kam Anna aus Serbien nach Finnland. Sie sorgt sich permanent um ihren alkoholkranken Bruder und vermisst ihre Familie schmerzlich. So sehr ich das auch verstehe, echt, aber sie nörgelt wirklich dauernd rum, dass sie mal wieder anrufen müsse, was ihre Freunde jetzt wohl so machen, dass sie mal wieder anrufen müsse, was ihre Freunde jetzt wohl so machen, etc… Da möchte ich ihr schon das eine oder andere mal sagen: „Schätzelein, Du bist als Kind nach Finnland gekommen und Du bist jetzt dreißig! Meinste nicht, das wäre genug Zeit, um sich wenigstens so weit an die Situation zu gewöhnen, dass Du das dauernde Nörgeln sein lassen könntest? Oder such Dir jemanden zum reden!“

Wenn sie nicht nörgelt, hat sie hochphilosophische Gedanken im Kopf. Da schwadroniert sie schon mal eine Seite lang über die schlafwandlerische Genauigkeit der Zugvögel auf dem Weg in den Süden. Oder Norden, je nachdem. Oder macht sich Gedanken darüber, dass es ihr ja egal sei, wann und auf welche Art sie zu Tode käme. Denn vor dem Hintergrund des Universums seien wir ja alle nur kleinste unbedeutende Teilchen, die sich selbst viel zu wichtig nähmen! Also, MIR wäre das wann und wie ja nicht so ganz egal, so wichtig bin ich mir dann doch!!! Kurz nach diesen tiefschürfenden Gedanken über ihr mögliches Ableben stirbt dann ihre Oma. Dass sie traurig ist, das versteht sich von selbst. Da verzeihe ich ihr dann auch eigentlich einen erneuten Rückfall in den Nörgel-Modus. Aber leider habe ich diese Person an dieser Stelle schon so verabscheut, dass ich ihr fast entgegengerufen hätte: „HA! Wie war das noch mit den „kleinsten unbedeutenden Teilchen, die sich selbst viel zu wichtig nehmen“, hä? HÄÄ???“ Da ich gut erzogen bin, lasse ich so etwas für gewöhnlich.

Außerdem hat Anna zu allem und jedem, was auf der Welt und mit der Menschheit schief läuft, etwas zu sagen. Auf einer Müllkippe schwafelt sie über die unbändige Müllproduktion der Menschen. „Müll. Der Fingerabdruck des modernen Menschen in der Geschichte.(…)“ An einer roten Ampel stehend denkt sie, wie gut es wäre, wenn möglichst bald die Ölquellen versiegen, damit die Menschheit endlich zu radikalem Umdenken gezwungen wäre. Tja, wer hat so etwas an einer roten Ampel nicht schon mal gedacht…? Das mag ja auch alles teilweise richtig sein, es wirkt nur leider merkwürdig deplaziert. Es entsteht der Eindruck, als wollte Hiekkapelto eigentlich ein Buch über die großen Fehlentwicklungen der Menschheit schreiben. Schätzing oder Dan Brown nehme ich sowas noch ab, aber… Zwischenzeitlich wirkt Anna Fekete weniger wie eine Kommissarin, sondern wie die weibliche Reinkarnation von Jean-Jaques Rousseau:

„Die Menschen sind böse; eine traurige und fortdauernde Erfahrung erübrigt den Beweis;(…) „Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen“ Jean-Jaques Rousseau, 1755

Letztlich hat mir die Autorin mit dieser Figur viel vom eigentlich vorhandenen Lesespaß genommen. Falls sie in Zukunft mal Bücher ohne diese Person schreibt, vielleicht lese ich dann doch mal wieder einen skandinavischen Krimi. Obwohl: Ich bin eigentlich generell kein Freund skandinavischer Krimis!

Wertung:

Handlung: 8,5 von 10 Punkten

Charaktere: 5,5 von 10 Punkten

Stil: 7 von 10 Punkten

Spannung: 7 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 7 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: John Boyne war zwar erst vor sechs Wochen dran, aber was soll´s!? Also, demnächst „Das Vermächtnis der Montignacs“ von John Boyne.