„Nagel im Himmel“ von Patrick Hofmann

Buch: „Nagel im Himmel“

Autor: Patrick Hofmann

Verlag: Penguin

Ausgabe: Hardcover, 300 Seiten

Der Autor: Patrick Hofmann, geboren 1971 in Borna, studierte Philosophie, Germanistik und Geschichte in Berlin, Leipzig, Moskau und Straßburg und promovierte über Husserls Theorie der Beschreibung. Für sein Debüt »Die letzte Sau« wurde er 2010 mit dem Robert-Walser-Preis ausgezeichnet. »Nagel im Himmel« ist sein zweiter Roman. Patrick Hofmann lebt in Berlin. (Quelle: Random House)

Das Buch: Die Zahlen sind Olivers Zuflucht. Die Mutter ist schon kurz nach seiner Geburt im Sommer 1989 aus der sächsischen Kleinstadt abgehauen, der Vater straft ihn mit Gleichgültigkeit. Mit siebzehn erfährt Oliver zum ersten Mal Anerkennung, als er bei der Mathematik-Olympiade in Montreal eine Auszeichnung erhält. Danach ist alles anders – und doch nichts besser. Zwar werben die angesehensten Institutionen um ihn, und er kann sich seinen Wunsch erfüllen: am größten Problem der Mathematik, dem Geheimnis der Primzahlen, zu arbeiten. Doch diese Aufgabe treibt ihn in die Abgründe seiner Existenz. Bis ihn die Physikerin Ina aus seiner Einsamkeit rettet. (Quelle: Random House)

Das Buch: Hofmanns Protagonist Oliver Reuß hat es nicht immer leicht. Geboren im letzten Sommer der DDR wird er, als Resultat dessen, was man heute einen One-Night-Stand nennen würde, von seiner Mutter, die kein Interesse an ihm zu haben scheint, an seinen Vater abgegeben, dessen Interesse an dem Jungen aber auch nicht nennenswert höher ist. So lässt ihn sein Vater durchaus schon mal in der Wiege mehrere Stunden auf dem Balkon stehen und schreien, während er selbst in der Kneipe erst mal ein paar Bierchen zischt. Aufgezogen wird der junge Oliver daher in erster Linie von seiner Großmutter.

Kein Wunder eigentlich, dass der junge Oliver auf diese Weise intensive Bindungsängste entwickelt, keinen Anschluss findet, lange Zeit auch keinen Anschluss finden will und lieber allein bleibt.

So flüchtet er sich mit allem, was er hat, in die Mathematik, für die er ein außerordentliches Talent an den Tag legt, und die ihm augenscheinlich mit ihrer Logik den Halt und die Stabilität vermittelt, die er in seiner Familie nicht bekommen konnte.

Und Patrick Hofmann schildert die Lebensgeschichte seines Protagonisten in mehrerer Hinsicht auf ziemlich großartige Weise.

So wäre hier allen voran der Stil zu nennen. Dem Autor gelingt es, seine Figuren mit einer, je nach Umfeld, in dem sie leben, ganz charakteristischen Redeweise zu versehen. Insbesondere Olivers Mutter fällt durch einen sehr passenden, restringierten Code auf, der mich an irgendwas von Franz Xaver Croetz aus dem Deutsch-LK erinnert, ohne zu wissen, an was. Gleiches gilt in ähnlicher Form für seinen Vater. Allein durch die charakteristische Sprache einzelner Figuren hat man den Eindruck, es abseits der Geschehnisse rund um den Protagonisten phasenweise mit einer Milieu-Studie zu tun zu haben. Zwar sorgt all das, und ganz besonders die Verschriftlichung des sächsischen Dialektes, dafür, dass sich „Nagel im Himmel“ nicht immer einfach lesen lässt und man schon mit einer gewissen Aufmerksamkeit an die Sache herangehen sollte, aber gerade das machte für mich unter anderem den Reiz des Buches aus.

Hofmanns Protagonist steht dem Stil des Buches in wenig nach. Allein durch seine Vorgeschichte, durch die Informationen darüber, wie Oliver aufwuchs, entwickelt sich bei der Leserschaft ein intensives Verständnis für Hofmanns Hauptfigur, verbunden mit dem Wunch, das alles für ihn gut werden möge. Die Nebenfiguren spielen nur eine vegleichsweise untergeordnete Rolle, was auch völlig in Ordnung ist, und eigentlich wünscht man sich, dass Oliver einigen davon auch mal gesagt hätte: „Es geht hier jetzt auch einmal um mich, und nicht um euch, verdammt.“ Hat er aber nicht.

Und inhaltlich? Hierzu könnte ich unfassbar viel sagen, hätte alsbald vieles davon erzählt, was das Buch ausmacht, sowie seine komplette Handlung. Um dem entgegen zu wirken, sage ich mal: Vordergründig geht es um Mathematik. Und zwar um komplizierte, Mathematik, der Protagonist wendet sich nämlich im späteren Verlauf dem Beweis der Riemannschen Vermutung zu. Und diese Riemannsche Vermutung, so habe ich mir sagen lassen, gehört zu den sogenannten „Millenium-Problemen“, sieben ungelösten Fragen der Mathematik, die das Mathematische Institut der Uni Cambridge (Massachusetts) am Anfang dieses Jahrtausends veröffentlichte, und für die es Preisgelder in Höhe von jeweils einer Million Euro pro mathematischem Beweis auslobte. Meines Wissens wurde mit der Poincaré-Vermutung (was immer sie auch besagt) bislang erst eines dieser Probleme gelöst. Mithin scheint die Riemannsche Vermutung für Mathematiker so zu sein, als würde man als Bergsteiger den Mount Everest bezwingen wollen – auf einem Bein und ohne zu atmen.

Nun kann ich nicht behaupten, auch nur irgendwas der mathematischen Bestandteile der Handlung begriffen zu haben. Und ich habe es versucht! Irgendwo war eine etwa sechsseitige Erläuterung dahingehend zu finden, was die Riemannsche Vermutung denn nun ist, und was sie besagt, und bis etwa zum ersten Drittel der ersten Seite fühlte ich mich dem Inhalt auch gewachsen …

Segenswerterweise muss man davon allerdings auch nichts verstehen, um Vergnügen mit Hofmanns Roman zu haben, denn hintergründig, hinter der Mathematik, geht es um so viele andere Dinge. Hinter dieser Fassade ist „Nagel im Himmel“ beispielsweise eine Coming-Of-Age-Geschichte, eine Geschichte darüber, sich von den Dämonen seiner Vergangenheit zu lösen, sich nicht von Menschen, die einstmals einen negativen Einfluss auf uns ausübten den Lebensweg versauen zu lassen, davon, nicht alle Verantwortung für eigenes Scheitern diesen Menschen zuzuschustern, sondern sein eigenes Ding durchzuziehen, seine eigene Persönlichkeit zu entwickeln und zu sein und noch so viel mehr.

Dabei mag der Eindruck entstehen, „Nagel im Himmel“ sei in erster Linie ein tragisches Buch, und phasensweise stimmt das auch. Aber es vermittelt halt immer wieder auch etwas Positives, Hoffnungsvolles. Und es hat vor allem diese eine Szene, in der sich Olivers trinkfeste Familie zu einem der unzähligen Feste versammelt, die sie so feiert und bei dem man diese zum Zeitpunkt der Handlung neumodischen Kaffeevollautomaten beklagt, die unfassbar lange brauchen, um für alle Anwesenden eine Tasse Kaffee zu machen, während man früher einfach eine große Kanne Kaffee aufgesetzt hätte und fertig. In der Folge beschäftigen sich die männlichen Familienmitglieder dann damit, Wetten darauf abzuschließen, wann der Kaffeevollautomat seinen Geist aufgibt und lassen ihn erbarmunglos eine Tasse Kaffee nach der anderen kochen, bis aus der Maschine „ein flehentliches Falsett“ (S. 91) ertönt. Ich hab schon lange beim Lesen keine Tränen mehr gelacht, hier allerdings schon. Man muss vielleicht dabei gewesen sein, aber wer das manchmal kindliche Verngügen von Männern kennt, Dinge kaputtzumachen oder aber etwas auseinanderzubauen, um es dann nie wieder zusammenzusetzen, dürfte an der Stelle Spaß haben. :-)

Kurz: Hofmanns preisgekröntes Debüt „Die letzte Sau“ ging seinerzeit an mir vorbei, was allerdings sicherlich kein Dauerzustand mehr sein wird. Und auch seinem Nachfolge-Roman wünsche ich eine möglichst große Leserschaft.

Wertung:

Handlung: 9 von 10 Punkten

Charaktere: 8,5 von 10 Punkten

Stil: 9,5 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 9 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Kein Freund außer den Bergen“ von Behrouz Boochani ooooder „Im Westen nichts Neues“. Mal schauen.

 

„Sorck“ von Matthias Thurau

Buch: „Sorck“

Autor: Matthias Thurau

Verlag: Twentysix Self -Publishing-Verlag

Ausgabe: Taschenbuch, 250 Seiten

Der Autor: Matthias Thurau ist Autor und Bloggerkollege aus Dortmund. Seinem Debütroman „Sorck“ folgte der Gedichtband „Alte Milch“, unlängst gesellte sich zu der Liste der Veröffentlichungen „Das Maurerdekolleté des Lebens“ hinzu. Wer mehr über Autor und Werke wissen möchte, dem sei ein Besuch seines im Übrigen überaus lesenswerten Blogs „Papierkrieg“ empfohlen.

Das Buch: Martin Sorck steht an der Straße und betrachtet seine brennende Wohnung. Nur zwei Koffer und ein Kreuzfahrtticket bleiben ihm. Doch spätestens, als sich der erste Landgang als paramilitärische Übung entpuppt, droht auch der Urlaub zur Katastrophe zu werden. (Quelle: Klappentext)

Fazit: Ausnahmsweise muss ich meine Rezension mal mit einer Bitte um Verzeihung beginnen, nämlich bei Matthias Thurau persönlich. Als dieser mir das Rezensionsexemplar seines Buches zuschickte, war es hierzulande nämlich noch warm. Nun werden, je nach Region, einige einwenden, dass es doch gerade warm sei, aber ich meine das warm, das war, bevor es kalt wurde. Wer jetzt einwirft, dass es hierzulande ja niemals mehr wirklich kalt werde, gehört zur Kategorie Klugscheißer, denn ihr versteht mich schon. Es liegt jedenfalls ein ausgesprochen langer Zeitraum zwischen Zusendung des Buches und Rezension desselben. Das ist eigentlich für mich nicht üblich, soll nicht wieder vorkommen und ich gelobe Besserung.

Vor allem, nachdem sich herausgestellt hat, dass ich dieses schöne Buch schon längst hätte lesen sollen, denn es hat mir tatsächlich auf ziemlich vielen Ebenen gefallen.

Und das, obwohl man eine Dinge vergebens sucht, beispielsweise ein umfassendes Figurenensemble. Auch Dialoge sind lange Zeit rar gesät. Lediglich zwei wichtigere Nebenfiguren bekommen Namen, Hintergrundgeschichte und Sprechrolle, im Vordergrund steht hinsichtlich der Charaktere aber eindeutig Martin Sorck selbst. Und das schon zu Beginn ganz buchstäblich, nämlich im Vordergrund seines brennenden Hauses, später dann im Vordergrund der Geschichte selbst. Und ja, zugegeben, der Titel des Buches deutet auch darauf hin.

Und dieser Martin Sorck ist eine wunderbar vielschichtig gestaltete Person. Sorck ist ein Mann, der sich auf einer Sinnsuche befindet, der zurückgezogen von anderen Menschen und der Welt gelebt hat. Jemand, der jedoch Strukturen im Leben braucht, weswegen er nahezu zwanghaft begonnen hat, Listen über alles zu führen, was er so den ganzen Tag über tut. All das in vollständiger oder vorgeschobener Überzeugung der Tatsache, irgendwann einmal im Leben etwas wirklich Bedeutsames zu vollbringen, sei es die Veröffentlichung eines Buches, eine wissenschaftliche Entdeckung oder ähnlich Weltbewegendes, was zwingend eine Biografie Sorcks nötig machen wird und etwaige zukünftige Biografen werden ihm dann danken für die Existenz zahlloser Listen aus denen vermeintlich hervorgeht, welche Art Mensch er denn nun ist, so Sorcks Denkweise.

Nun steht der besagte Protagonist ja bereits vor den noch fackelnden Trümmern seiner Existenz, ist seines Kokons beraubt und gezwungen, sein Leben neu zu überdenken und sich auf die Suche nach Sinn und Bedeutung desselben zu machen.

Und diese Reise auf der „SSCF Aisha Harmonia“ gerät dann auch zu einer Art Sinnsuche, einer Suche nach Halt, Stabilität und Bedeutung im Leben und des Lebens an sich.

Und auch der Leser geht auf eine Art Suche, zumindest ging es mir so. Nämlich auf die Suche nach den Hintergründen des Protagonisten und der Antwort auf die Frage, wie Sorck wurde, was er wurde. Ich persönlich habe mich auf eine nahezu kindliche Art und Weise gefreut, wenn ich wieder mal auf so etwas wie einen Hinweis stieß, der mich Sorck besser verstehen ließ. So verläuft sich der Protagonist auf der Suche nach einer bestimmten Bar – er trinkt wirklich, wiiirklich viel – mehrmals auf dem Schiff, was sicherlich als Verdeutlichung der Sinnsuche, auf der er sich befindet, verstanden werden kann. Als weiteres Beispiel kann wohl auch genannt werden, dass er während dieses Herumirrens in einem Raum festsitzt, den er nur auf dem Weg verlassen kann, auf dem er ihn betreten hat, weswegen er an eine Fensterscheibe hämmert, um eine vorbeigehende Familie auf sich aufmerksam zu machen. Bezeichnend ist hierbei sicherlich, dass nur die Mutter der Familie auf sein Hämmern aufmerksam wird, ihn letztlich aber ignoriert und lieber den Lippenstift nachzieht.

Solche Hinweise, die für mich darauf hindeuten, dass Sorck in seiner Kindheit und Jugend innerhalb der Familie, sagen wir mal „unschöne“ Erfahrungen hat machen müssen, gibt es noch mehrere, die aber naturgemäß nicht alle genannt werden sollen, denn ein bisschen Eigenleistung der Leserschaft muss ja nun auch sein … Zumal ich sicher bin, noch längst nicht alle Hinweise gefunden zu haben, die den Hintergrund der Figur Sorck beleuchten. Klar und unverstellt wird über sein vorheriges Leben – außer hinsichtlich der erwähnten Listen – jedenfalls nahezu nichts gesagt.

Wenn ich jetzt nur noch wüsste, welche Bedeutung die Geschichte der russischen Reiseleiterin hat …

Auch stilistisch bzw. sprachlich ist „Sorck“ ein reines Vergnügen. Das beginnt bei solchen Einfällen wie dem, die Hauptfigur immer mit einem anderen, neuen Substantiv zu bezeichnen, so wird aus dem „Bootsmann Sorck“ mal „Lebenszweckentfremdeter Sorck“ und mal der „Trümmerexistenzler Sorck“, geht über die Tatsache, dass bei zwei aufeinanderfolgenden Sätzen schon mal die Themen Wrestling und griechische Gottheiten zusammentreffen können, über so schöne Sätze wie „Ich vertraue auf Ihre Adaptabilität, Herr Sorck, und hoffe notfalls auf Akkomodation“ (S. 30) und endet noch lange nicht bei dem charmanten Einfall, eine Bar an Bord des Schiffs „Fubar“ zu nennen, was einerseits für „fucked up beyond all recognition“ stehen könnte und somit ziemlich passend wäre, und mir andererseits aus irgendeinem Antikriegsfilm bekannt ist, dessen Titel mir jetzt schon seit Tagen partout nicht einfallen möchte. Vielleicht „Der Soldat James Ryan“?

Was Thuraus Roman überdies ausmacht, das sei abschließend noch gesagt, ist die Tatsache, dass man ihn auch dann gut lesen kann, wenn man zu all der Deuterei, der Spurensuche hinsichtlich der Hauptfigur und überhaupt zu allem Denken jenseits der eigentlichen Handlung keine Lust hat, was ja auch absolut legitim ist. Denn abseits all dessen liest sich „Sorck“ als böse Satire, eigentlich schon eher als eine Groteske auf den modernen Massentourismus, bei dem ja mittlerweile wirklich Armeen von Touristen über einstmals abgelegene Ziele hereinbrechen wie sie Passagiere der „SSCF Aisha Harmonia“ über das arme Tallin.

Geblieben ist in Summe ein sehr unterhaltsames Leseerlebnis, das ich wärmstens empfehlen kann.

Wertung:

9 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Nagel im Himmel“ von Patrick Hoffmann.

„Die schwarze Schar“ von Nicholas Eames

Buch: „Die schwarze Schar“

Autor: Nicholas Eames

Verlag: Heyne

Ausgabe: Paperback, 637 Seiten

Der Autor: Nicholas Eames wurde in Wingham, Ontario geboren. Er besuchte das College für Theaterkünste, gab seine Schauspielkarriere aber auf, um Fantasy-Romane zu schreiben. »Könige der Finsternis« ist sein Debütroman. Er lebt in Ontario, Kanada. (Quelle: Random House)

Das Buch: Tam Hashford hat genug von ihrem langweiligen Dasein als Schankmaid in ihrem kleinen Dorf und von der fast schon erstickenden Fürsorge ihres alleinstehenden Vaters. Sie träumt von einem Leben voller Abenteuer und Gefahren, einem Leben wie es die Söldnertruppen führen. Als eines Tages Fable, die Truppe der legendären »blutigen« Rose, im Dorf Station macht, ergreift Tam ihre Chance: Sie heuert bei Fable als Bardin an und geht mit ihren großen Idolen auf Tour. Noch hat Tam keine Ahnung, dass Rose auf einer hochriskanten Mission in den Norden ist. Einer Mission, an deren Ende Ruhm und Ehre warten – oder der Tod … (Quelle: Random House)

Fazit: Wenn ich aus den vergangenen Tagen etwas gelernt habe, dann vor allem zwei Dinge. Erstens: Wenn ich mal ein paar Tage nicht anwesend bin, ändert WordPress den Editor nach dem Motto „Alles hat super funktioniert, darum lasst uns jetzt alles ganz anders machen!“ – so ähnlich wie Microsoft vor Jahren schon Excel und Word verschlimmbessert hat. Und zweitens, und ungleich wichtiger: Die Welt in der Blogosphäre dreht sich offensichtlich auch ohne meine Anwesenheit weiter.

Nun neige ich nicht nur Egozentrik, die erwähnte letztere Erkenntnis überrascht mich dann aber doch. :-)

Aber werden wir mal wieder ernst und wenden uns Nicholas Eames „Die schwarze Schar“, der Fortsetzung seines erfolgreichen Debüts „Könige der Finsternis“, zu.

Dabei ist Ernst eigentlich der falsche Ansatz für das Buch. Wer den Vorgänger kennt, weiß, dass Eames der Schalk im Nacken sitzt und er immer wieder zahlreiche Gags und Kalauer manchmal fragwürdigen Inhalts auf die Leserschaft loslässt. Bereits über den Humor in „Könige der Finsternis“ schrieb ich, dass dieser häufig „infantil bis pubertär“ sei. Nun kann man sich über Humor nicht streiten, aber Eames legt im Vergleich zum Vorgänger nochmal ein bisschen zu und strapaziert die Nerven der Leserschaft mit zahlreichen Kalauern, die entweder sexuellen Inhalts sind, sich mit Geschlechtsteilen beschäftigen und in Einzelfällen auch mal in den Bereich des Fäkalhumors abrutschen. Schon im Reihenauftakt habe ich das kritisch angemerkt, in „Die scharze Schar“ war es nur noch nervig.

Auch hinsichtlich der Handlung und der Erzählweise orientiert sich Eames am Reihenauftakt. Hier wie dort gelingt es ihm lange Zeit nicht, hinsichtlich der Handlung wirklich zum Punkt zu kommen. So ist von Anfang an klar, dass im Norden des Kontinent eine dunkle Bedrohung – die gibt es im Fantasy-Bereich immer und sollte die geschätzte Bloggerkollegin Elli in ihrem wortmagieblog mal analog zu ihrem Krimi-Bullshit-Bingo eines für das Thema Fantasy entwickeln, nominiere ich hiermit „dunkle Bedrohung“ dafür – nur darauf wartet, den Kontinent zu überrennen, trotzdem beschäftigt sich Eames lieber damit, seine Protagonisten „auf Tour“ zu schicken. Gefühlt hunderte Seiten wandern seine Helden von Arena zu Arena, um dort ganz im Sinne von „panem et circensis“ Monster kalt zu machen.

Zwar ist diese „Tour“ zur Darstellung der Charaktere notwendig – dazu später mehr -, diese Darstellung hätte aber aus unterschiedlichsten Gründen – auch dazu später mehr – auch anders und vor allem kürzer erfolgen können. Als weiteres Beispiel für die langsame Erzählweise von Eames sei angeführt, dass sich am Anfang des Buches eine Karte der sogenannten „Freien Stadt Conthas“ befindet, was grundsätzlich erst mal gut ist, denn aus unerfindlichen Gründen liebe ich Karten in Fantasy-Büchern. Durch diese Weise ensteht der Eindruck, bei dieser Stadt handele es sich um einen zentralen Ort der Handlung. Und das stimmt auch, aber Eames braucht geschlagene 468 Seiten, bis sein Helden wirklich in dieser Stadt ankommen.

Und auch an diesen Helden habe ich aus unterschiedlichsten Gründen zu meckern. Natürlich bietet Eames im Bereich der Charaktere für Leser des ersten Teils einen gewissen Wohlfühl-Fanservice an, indem man auf alte Bekannte und liebgewordene Figuren trifft. Das Problem liegt nur leider eher in seinen neu eingeführten Charakteren, insbesondere den Mitgliedern der „Fabel“. Alle, aber auch wirklich alle Figuren, mit denen die Protagonistin Tam Hashford unterwegs ist, einschließlich ihrer selbst, tragen ungelöste, Vater-Sohn, Vater-Tochter, Eltern-Tochter- oder andere ähnlich gelagerte Konflikte mit sich herum. Diesbezüglich möchte ich inhaltlich gar nicht zu sehr ins Detail gehen, ich möchte schließlich nicht zu viel vorwegnehmen.

Beschränken wir uns daher in erster Linie auf die „Blutige Rose“, die Leser des ersten Teils bereits kennen, und ihre Mitstreiterin Cura. Erstere hat sowohl ein Problem mit ihrem Stiefvater, weswegen sie bereits in Teil 1 ausbüxt, um fürderhin Monster zu töten und mit ihrem Vater, dessen Liebe sie sich nicht sicher. Wie könnte sie auch, schließlich ist besagter Vater einmal in Teil 1 und dann auch noch in Teil 2 zweimal quer durch den Kontinent gereist, unter Einsatz seines und des Lebens seiner Mitstreiter, um das Leben seiner Tochter zu retten. Da muss natürlich noch viel mehr kommen …

Und Cura sorgt bei mir für noch viel mehr Stirnrunzeln. Die junge Frau musste in ihrer Kindheit und Jugend eine Fülle an Gewalterfahrungen über sich ergehen lassen. Angesichts dieses schlimmen Schicksals fällt Eames aber nichts Besseres ein, als sie zu einem promiskuitiven Charakter mit offensichtlichen Bindungsängsten zu machen. Während ich Letzteres noch vollständig nachvollziehen kann, habe ich mit Ersterem ein Problem, einfach weil es den Eindruck vermittelt, Promiskuität wäre die logische Folge von Gewalterfahrungen.

So sehr ich Eames Ansatz, Charaktere mit Konflikten jedweder Art einzubauen, auch gutheißen möchte, denn nur weil es sich „lediglich“ um Fantasy handelt, bedeutet das nicht, dass man sich nicht auch ernsten oder politischen oder tagesaktuellen Themen zuwenden kann, ähnlich wie Stephan M. Rother das in seinen „Königschroniken“ getan hat, so sehr bereiten mir seine Figuren in zweierlei Hinsicht Probleme. Erstens sind die Konflikte einzelner Personen mit ihrem Eltern oder Elternteilen in Summe einfach viel zu viel und zweitens geht Eames da viel zu wenig in die Tiefe, viel weniger, als es angemessen wäre, wenn man seine Charaktere nun schon so gestaltet, wie man sie gestaltet.

Das gilt im Übrigen auch für einzelne Handlungselemente, die Spoiler darstellen könnten, weswegen diesbezüglich ängstliche Naturen daher den Rest dieses Absatzes gut überspringen können. Als Beispiel hierfür kann die Beziehung zwischen Tam und Cura genannt werden. So wird schon sehr schnell klar, dass sich Tam zu Frauen im Allgemeinen und zu Cura im Besonderen hingezogen fühlt. Folgerichtig landen die beiden irgendwann mal in der Kiste, nur um ihre Beziehung miteinander im Folgenden über gefühlt hunderte von Seiten nicht mehr zu thematisieren. Also, ich persönlich wüsste ja gerne, woran ich bin … Zum Anderen kann hier der Broterwerb der „Fabel“ genannt werden, die ja nun durch die Lande ziehen, um in Arenen zur Belustigung der Massen Tiere, sog. Monster und alles, was ihnen noch so vor die Klinge läuft, zu meucheln. Tam merkt zwar im Laufe der Zeit, dass das ethisch irgendwie nicht in Ordnung ist, aber auch dieser Punkt wird dann Ewigkeiten nicht mehr aufgegriffen und bleibt dann nicht nur weitgehend konsequenzlos, nein, innerhalb einer großen Schlacht haben die Protagonisten nichts Besseres zu tun, als ihre in Käfigen festgehaltenen ehemaligen Arena-Gegner in den sicheren Tod des Schlachtfeldes zu schicken. Die Fortführung der Arena mit anderen Mitteln also.

Zusammenfassend kann man daher sagen, dass Eames Fortsetzungen an vielen Stellen hakt. An den überdramatisiert problembeladenen Charakteren, der ziellosen Erzählweise und dem fragwürdigen Humor. Und die auf den Buchrücken platzierte Einschätzung von „Buzzfeed Books“, beim vorliegenden Buch handele es sich um „George R. R. Martin meets Terry Pratchett“ ist schlichtweg irreführend, falsch und ein Schlag ins Gesicht des Autoren, der sein „Lied von Eis und Feuer“ nicht fertig bekommt und vor allem in das des Menschen, der der Leserschaft Charaktere wie „Truhe“ oder den TOD geschenkt hat.

Wer mit dem ersten Teil uneingeschränkt Spaß hatte, wird den sicherlich auch mit „Die schwarze Schar“ haben, für mich persönlich endet die Heldenreise aber wohl mit diesem Band hier.

Ich danke dem Bloggerportal und dem Heyne Verlag für die freundliche Übersendung des Rezensionsexemplars. Die Tatsache, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, beeinflusst meine Meinung selbstredend nicht.

Wertung:

Handlung: 5,5 von 10 Punkten

Charaktere: 4,5 von 10 Punkten

Stil: 7 von 10 Punkten

Atmosphäre: 6,5 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 5,875 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Sorck“ von Matthias Thurau.

„Kanada“ von Richard Ford

Buch: „Kanada“

Autor: Richard Ford

Verlag: dtv

Ausgabe: Taschenbuch

Das Autor: Richard Ford wurde 1944 in Jackson, Mississippi, geboren und lebt heute in Maine. Er studierte zunächst Hotelmanagement, dann Englische Literatur und schließlich creative writing bei E.L Doctorow. Er hat sechs Romane sowie Novellen, Kurzgeschichten und Essays veröffentlicht. 1996 erhielt er für ›Unabhängigkeitstag‹ den Pulitzer Prize und den Pen/Faulkner Award. Er zählt mit Raymond Carver und Tobias Wolf zu den Begründern des „dirty realism“. (Quelle: dtv)

Das Buch: Great Falls, 1960. Dell und Berner Parson sind Zwillinge und fünfzehn Jahre alt, als ihre Eltern eine Bank überfallen. Mit dilettantischem Enthusiasmus der stets gut gelaunte Vater, widerstrebend die Mutter, eine Lehrerin mit künstlerischen Ambitionen und dem Traum von einem anderen, besseren Leben. Am Tag danach packt sie die Koffer, um zusammen mit ihren Kindern den Mann zu verlassen. Doch die Polizei kommt ihr zuvor. Für Dell, der sich bislang für die Schule, Bienenzucht und Schach begeistert hat, beginnt weit weg von den Eltern ein neuer Alltag in Kanada. Er lernt, dass nur der Zufall ein Leben retten kann, das aus der Bahn geraten ist … und Gnade. (Quelle: dtv)

Fazit: Richard Ford und mich, so erzählte ich kürzlich einer ganz zauberhaften Person, verbindet eine eher ungewöhnliche Autor-Leser-Beziehung. Diese besteht aus der einseitig – also durch mich – geschlossenen Vereinbarung, dass ich seine Bücher kaufe und sie dann nicht lese.

So habe ich vor einer halben Ewigkeit seinen Roman „Die Lage des Landes“ käuflich erworben, angelesen, sicherlich auch für gut befunden, aber dann aus irgendwelchen Gründen doch zur Seite gelegt und dort verblieb er dann bis heute. Wobei eigentlich mal zu klären wäre, wo dieses „dort“ denn aktuell eigentlich ist. Na ja, frei nach „Titanic“: Es ist ein Haus, es gibt nicht viele Orte, wo es sein kann …

Nachdem ich also genannten Roman nicht las, war es für mich nur umso folgerichtiger, seinerzeit in der Buchhandlung meines Vertrauens zu Fords Roman „Kanada“ zu greifen. Denn wenn ich schon das eine nicht lese, habe ich sicherlich mit dem anderen mehr Glück, so meine  verquere Logik.

Kurz gesagt teilte „Kanada“ lange Zeit das Schicksal seines Romankollegen, landete – übrigens noch vor Beginn meines nunmehr über fünfeinhalb Jahre währenden Blogschaffens, nur damit mal deutlich wird, von welchen zeitlichen Domensionen wir hier reden – auf dem Stapel ungelesener Bücher, wo es verblieb. Bis jetzt.

Wenden wir uns jetzt aber mal von meiner persönlichen Geschichte mit „Kanada“ ab und der Geschichte des Buches zu. Und damit auch einem der massivsten Probleme, die ich mit dem Roman hatte, nämlich dem Erzähltempo.

Auf der ersten Seite erfährt der Leser bereits, dass die Eltern von Dell und Berner Parsons eine Bank überfallen haben, aufgeflogen sind und ins Gefängnis gesteckt wurden. Nach knapp 200 Seiten des etwa 450 Seiten umfassenden Romans ist man aber immer noch nicht bei diesem augenscheinlich wichtigsten Einschnitt im Leben der beiden zum Zeitpunkt des Banküberfalls 15 Jahre alten Teenager angelangt.

Man könnte auch sagen, dass ich bis zu diesem Zeitpunkt nicht mal wusste, warum der Roman „Kanada“ Kanada heißt, weil bis zu diesem Zeitpunkt von Kanada noch überhaupt nicht die Rede war.

Stattdessen ergeht sich Ford in Beschreibungen der unterschiedlichsten Wohnorte in denen die Familie leben musste, da Dells Vater Soldat bei der US Air Force war und immer wieder versetzt wurde. Er beschäftigt sich mit dertailverliebter Genauigkeit mit der Charakterisierung seiner Eltern und den Beweggründen, die sie letztlich zu diesem Bankraub trieben. Und all das ist sicherlich wichtig. Wichtig, um die Situation zu begreifen, wichtig, um seine Eltern zu verstehen und in erster Linie wichtig, um den – übrigens sehr gelungenen – Protagonisten Dell Parsons und seine Suche nach Halt, Stabilität und Struktur im Leben, mit der das Buch sich beschäftigt, zu begreifen. Und im Grunde genommen ist das auch gut gemacht. Aber wenn es so weit geht, dass Ford eine Seite lang beschreibt, welche Gefühle durch die Betrachtung eines Zeitungsfotos seiner Eltern bei ihm ausgelöst werden – Eclair-Erinnerungen im Miniformat, möchte man sagen -, dann ist mir persönlich das Ganze einfach etwas zu viel.

Wenn man sich aber mal darauf eingelassen hat und, eben so nach etwa der Hälfte des Romans, begreift, dass sich an diesem Erzähltempo nicht mehr viel ändert, dann hat das auch durchaus einen Reiz, weil diese Erzählweise eine gewisse entspannende Wirkung hat. Eine Entspannung, die es in der eigentlichen Handlung so nicht gibt.

Denn auch in der zweiten Hälfte, in der Dell sich aus Angst vor dem Kinderheim, in das ihn die Behörden als Minderjährigen wohl stecken wollen, sich nach Kanda aufgemacht hat, bleibt der Autor sich eben dieser ruhigen, mäandernden Erzählweise treu. Nur: Hier wirkt das plötzlich gelungen. Zusammen mit einer etwas abwechslungsreicheren Handlung und der Tatsache, dass Ford in der Lage ist, überdurchschnittlich gut Stimmungen einzufangen und zu transportieren, ergeben die plastischen Landschaftsbeschreibungen, die an John Williams „Butchers Crossing“ erinnern, insgesamt dann ein absolut stimmiges Gesamtbild.

In Summe ist „Kanada“ ein sehr leises Buch, und ein phasenweise gemächliches nach dazu. Das muss man mögen. Man wird dafür aber mit einer teils anrührenden Coming-of-Age-Geschichte belohnt, die sich thematisch damit auseinandersetzt, Dinge, die nicht rund laufen, vor allem Dinge, die wir ohnehin nicht ändern können, anzunehmen. Nicht klaglos anzunehmen oder gar ohne Widerspruch, aber dennoch anzunehmen.

Wer also „Butchers Crossing“ mochte oder gerade ausreichend in sich ruht, um sich auf ein unaufgeregt erzähltes Buch einzulassen, dürfte sein Vergnügen damit haben.

Wertung:

Handlung: 7,5 von 10 Punkten

Charaktere: 8,5 von 10 Punkten

Stil: 8,5 von 10 Punkten

Atmosphäre: 10 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 8,625 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Die schwarze Schar“ von Nicholas Eames. Das hatte ich eigentlich schon vor Richard Ford angepeilt, aber irgendwie komme ich nicht durch die letzten 50 Seiten. Total gutes Zeichen …

 

Freitagsfragen # 105

Freitagsfragen Sommer

 

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

es ist wieder Montag, es wieder Zeit für die Freitagsfragen aus dem Brüllmausblog. Klingt komisch, is´ aber so. Irgendwie hat es sich schon fast durchgesetzt, die Freitagsfragen am Montag zu beantworten, zum Dauerzustand soll es allerdings nicht werden. Man wird sehen. Taten wir zu Schreit.

Die Fragen und Antworten lauten:

1.) Welche Gerüche erinnern Dich an Deine Kindheit?

Zuerst mal der Geruch nach Pferden, wegen des therapeutisches Reitens im Kindergarten. Nun kann therapeutisches Reiten sehr sinnvoll sein, wird, zumindest in meiner Wahrnehmung, heutzutage aber wesentlich gezielter eingesetzt, als damals. Und damals™ bedeutet im vorliegenden Fall die erste Hälfte der 80er. Da hat man diese Maßnahme im Sinne von „One size fits all“ noch auf alle angewendet, die nicht bei drei auf dem Baum waren.

Ich persönlich habe es verabscheut, weil jeglicher möglicherweise positive Effekt davon wieder mehr als ausgeglichen wurde, dass ich halt beständig Angst hatte, von diesem gefühlt 12 Meter hohen Zossen runterzufallen. Das hat aber niemanden interessiert, war ja gesund, das Ganze. Und es waren eben die frühen 80er.

Zumindest hat das dazu geführt, dass ich mich Pferden heute nur noch so weit nähere, wie ich sie werfen kann. Nee, Moment, das ergibt keinen Sinn … – ach, ihr wisst schon, was ich sagen will.

Zum zweiten wäre da der Geruch nach gebratener Leber. Wegen des Erbrechens derselben im Kindergarten. ;-) Nun war es ja nicht so, dass ich nicht auch damals™ schon kundgetan hätte, dass sich mir nicht erschließt, warum um alles in der Welt jemand Innereien essen sollte. Aber auch das hat niemanden interessiert. Denn gegessen wurde, was auf den Tisch kam. Hach ja, die geliebte Pädagogik der 80er, wo is´ sie nur hin!? ;-)

Jedenfalls, aus meiner Sicht war es nur zu folgerichtig, in einer Art Mutter aller Meinungsäußerungen dafür zu sorgen, dass die Leber an diesem Tag sogar zweimal auf den Tisch kam. :-)

Ansonsten sind Gerüche, die mich an die Kindheit erinnern, oftmals mit Orten verbunden. Und die bestehen häufig nicht mehr, oder zumindest nicht mehr so, wie sie waren.

Tja, die Welt ist im Wandel. Ich spüre es im Wasser, ich spüre es in der Erde, ich rieche es in der Luft.

Ich wollte immer schon mal montags morgens aus „Der Herr der Ringe“-Filmen zitieren …

2.) Würde Magie existieren, gäbe es illegale oder unmoralische Magie?

Als passionierter Fantasy-Fan und gelegentlicher PC-Rollenspieler kann ich garantieren, dass es garantiert Letzteres gäbe, wenn es Ersteres gäbe.

Nehmen wir nur mal die wunderbare, weite Fantasy-Welt der deutschen Rollenspiel-Systems „Das Schwarze Auge“ – im Folgenden kurz DSA genannt – dann stellt man fest, dass zu den Arten der dort genutzten Magie vermeintlich harmlose Dinge wie „Telekinese“ oder „Hellsicht“ gehören. In DSA gibt es aber auch eben so etwas wie „Dämonologie“, und als putzigen Bestandteil der selben die Nekromantie.

Nun mag man einerseits einwenden, dass Nekromanten ja auch nur Kleriker mit schlechten Timing seien – und wer den jetzt verstanden hat, kann „Ready Player One“ lesen – und andererseits, dass das ja alles ausgedacht ist.

Aber hey, alles was sich jemand ausdenken kann, kann auch wahr werden.

Hach ja, gelegentlich wirke ich gerne etwas „nerdig“. ;-)

3.) Findest Du, dass Deutschlands Politik sexistisch ist?

Nein, das finde ich nicht. Ich finde lediglich, dass Frauen in der Politik weiterhin unterrepräsentiert sind. Um zu diesem Schluss zu kommen, muss man sich nur mal den Bundestag oder das Kabinett ansehen. Im Bundestag liegt der Frauenanteil derzeit bei knapp 31 % und damit auf dem tiefsten Stand seit 1998.

Und mag es im Kabinett auch etwas besser aussehen – sechs von 15 Ministerien haben eine Ministerin, was immerhin einem Anteil von etwa 40 Prozent entspricht -, so wäre es doch wichtig, sich anzusehen, welche Ministerien das im Einzelnen sind.

So werden die „wichtigen“ Ressorts wie Finanzen, Innen- sowie Außenministerium weiterhin traditionell von Männern geleitet, im Übrigen nicht in allen genannten Fällen mit einer wirklich akzeptablen Besetzung, wenn ich das mal anbringen darf.

Demgegenüber ist Frau Lambrecht in der unkomfortablen Lage, erklären zu müssen, wieso es unser Rechtssystem nicht gebacken gekriegt hat, so etwas wie den „Love-Parade-Prozess“ innerhalb eines akzeptablen Zeitraums über die Bühne zu kriegen, weswegen der nun eingestellt wurde, Frau Klöckner muss weiterhin die Rolle einer besseren Pressesprecherin für die Lebensmittel-Riesen ausführen, Frau Giffey leitet das Ministerium, das Schröder mal als „Familie und Gedöns“ bezeichnet hat, wofür er heutzutage völlig zurecht medial verbrannt werden würde, Frau Schulze darf hoffen, dass innerhalb ihres Ressorts nicht Dramatisches passiert, bis sie ihr Amt an einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin weitergereicht hat, der oder die dann selbst sehen soll, wie das mit der Asse funktioniert, mit anderen Worten: Frau Schulze tut dasselbe, was eine Unmenge an Umweltministern und Innen seit den 90ern schon vor ihr getan haben, Frau Karliczek muss weiterhin behaupten, dass Förderlismus in der Bildung eine tolle Idee ist, was sie nicht ist.

Die einzige Frau im Kabinett, die nicht mein Mitgefühl verdient, weil man sie auf einen Posten abgeschoben hat, bei dem sie entweder nichts bewegen kann oder der als nachrangig, zumindest aber nicht gerade als prioritär gilt, ist Frau Kramp-Karrenbauer, die zu Beginn ihrer Amtszeit gleich erst mal mehr Geld gefordert hat, mutmaßlich ohne vorher zu überprüfen, wie man mit dem bisherigen Geld bei Optimierung im Bereich der Beschaffung besser durchkommen könnte. Aber das ist eine andere Geschichte.

Und dass das alles so ist, das ist durchaus schade. Denn es ist schon auffällig, dass augenscheinlich gerade Staaten mit einer Frau als Regierungschefin – unter ihnen auch Sanna Marin aus Finnland, mit der ich ja zu gerne mal einen Kaffee trinken würde, so schlecht mein finnisch auch sein mag – besser durch die Coronakrise kommen als viele, bei denen das nicht der Fall ist. Mutmaßlich, weil Frauen es wohl einfach nicht nötig haben, einen auf Alpha-Weibchen zu machen, um im Brustton der Überzeugung ähnlich eines Trump, eines Bolsonaro, eines Putin, eines Lukaschenko, lange Zeit zu behaupten, dass alles nicht so schlimm sei und sich daher vorerst mal um gar nichts zu kümmern.

4.) Die Wahl der Qual: Ein Jahr bezahlter Zwangsurlaub oder ein Jahr lang keinen Urlaub?

Offensichtlich scheint es derzeit ja der deutschen größte Sorge zu sein, im Sommer nicht in den Urlaub fahren zu können. Und so sehr ich diese Sorge aus Sicht der Reisebüros, der Reiseveranstalter, der Airlines Fluggesellschaften, der Hotelbetreiber und der Gastronomen am Urlaubsort auch verstehe, so unfassbar peinlich finde ich es, wenn Urlauber den Eindruck vermitteln, als ginge die Welt unter, wenn sie mal ein Jahr nicht nach Malle fliegen dürfen. Die Italiener und Spanier müssen angesichts dessen wohl angewidert-fasziniert fragen: „Echt jetzt? DAS ist euer größtes Problem? Und während ihr während der ganzen Zeit Dinge tun durftet, die wir erst seit kurzer Zeit wieder dürfen, gehen bei euch jetzt auch noch Menschen auf die Straße, die sich in ihrer Freiheit eingeschränkt fühlen? Entschuldigung, aber dafür fehlt uns jedes Verständnis.“

Ja, mir auch.

Gestern war im TV doch tatsächlich eine Frau zu sehen, die sinngemäß sagte, sie habe durchaus „Angst“, was die Durchführung ihrer diesjährigen Urlaubsplanung angeht. Angst! Es mag sein, dass das schlicht blöd formuliert war, aber Angst sollte man sich für Szenarien aufheben, die diese Angst auch verdienen und „Hilfe, meine Flugreise fällt aus – Heute panische Urlauber bei Marko Schreyl in ihrem RTL“ gehört eindeutig nicht dazu.

Um zur Ausgangsfrage zurückzukehren: Ein Jahr bezahlter (!) „Zwangsurlaub“ wäre des Beste, was mir gerade passieren könnte. Ich bin großzügig und nehme auch gerne zwei. Ach, was solls, ich nehme 20!

 

Das war es dann auch schon wieder.

Kommt gut in die Woche und dann gut durch selbige durch.

Und bleibt gesund.

Gehabt euch wohl.

abc.Etüden KW 19/20 I.III

abc.etüden 2020 19+20 | 365tageasatzaday

Etüden: Christiane

Wortspende: Olpo Olponator

 

„André S also. Der war Administrator mehrerer der Prepper-Chatgruppen und stellte sich letztendlich als der namensgebende Hannibal heraus.“

„Benannt nach dem Feldherren.“

„Nein, vermutlich nach dem aus dem „A-Team“.

„Muhahahaha…“

„Kein Witz!“

„Oh …“

„Also, S. war aber eben auch beim KSK. Und nachdem es dort Streit gab, hauptberuflicher Leiter des Vereins Uniter, aber den schenke ich mir jetzt.“

„Okay.“

„Und er war Auskunftsperson für diverse MAD-Mitarbeiter.“

„Was? Der Leiter eines Terrornetzwerks in der Armee war ein MAD-Informant?“

„Jepp!“

„Wie peinlich!“

„Allerdings. Aber auch das ließ sich dann nicht lange totschweigen. Als S. von der Festnahme von Franco A. erfuhr, ließ er sofort alle Chatnetzwerke löschen. Aber es war zu spät. Es wurden Ermittlungen eingeleitet …“

„Und dann wurde auch er großspurig angeklagt.“

„Genau!“

„Wegen Terror-irgendwas?“

„Nein, wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz und das Sprengstoffgesetz.“

„Was?“

„Jepp!“

„Keine Anklage wegen Bildung einer terroristischen Vereinigung?“

„Nein, nur ein Schuldspruch über 120 Tagessätze wegen des genannten Delikts.“

„Und?“

„Und er hat Einspruch eingelegt.“

„Is´nich´ wahr. Aber die Bundeswehr, die hat ihm so richtig den Arsch aufgerissen, oder!?“

„Nope, sein Wehrdienst lief im September des letzten Jahres aus. Er verließ die Armee und kam einem Disziplinarverfahren so zuvor.“

„Also gilt es als erwiesen, dass es ein terroristisches Netzwerk gibt, und niemand wird deswegen gemeinschaftlich angeklagt, sondern immer nur einzeln, wegen Killefitt?“

„Wegen was?“

„Na, wegen dummem Zeug, Kleinigkeiten halt.“

„Ach so, ähm, ja!“

„Ja, aber was sagt denn die Verteidigungsministerin dazu?“

„Nun, nach der gestrigen Razzia sagte sie: „Jeder, der in irgendeiner Art und Weise radikal in der Bundeswehr auffällt, hat in unseren Streitkräften keinen Platz.“.“

„Muhahaha …“

„Was denn?“

„Jeder, der „auffällt“! Das Problem sind aber nicht die Idioten die sich festnehmen lassen und auffallen, sondern die, die nicht auffallen.“

„Stimmt.“

„Weißt Du was?“

„Nein!?“

„Ich gehe mit jetzt aus Frust einen Katamaran kaufen!“

 

299 Worte. Puh, das war schwierig … :-)

abc.Etüden KW 19/20 I.II

abc.etüden 2020 19+20 | 365tageasatzaday

 

Weiter im Text, alles Wichtige wurde schon gesagt, nur die Organisatorin Christiane und Wortspender Olpo Olponator seien noch kurz genannt.

„Kurze Zwischenfrage …“

„Ja?“

„Besitzt dieser Maximlian T. wirklich einen Katamaran?“

„Was? Keine Ahnung, das ist doch auch völlig irrelevant.“

„Okay.“

„Also, weiter: Dann kam Matthias F. ins Spiel, Student und Jugendfreund von Franco A., bei dem hat A. Munitionskisten, Waffenteile und sonstiges Zeug untergestellt. Der wurde dann angeklagt und zu einem Jahr auf Bewährung verurteilt.“

„Ja, super. Na, dieser Franco A. kennt viele Leute …“

„Deshalb nennt man so was Netzwerk …“

„Ach so!“

„Jedenfalls, dann wurde das BKA auf Horst S. aufmerksam, der mit Franco A. in einer Chatgruppe war. Der sagte aus, dass es in der Bundeswehr viele Prepper-Gruppen gäbe, mit dem Ziel, an einem Tag X, an dem die öffentliche Ordnung zusammenbricht, hervorgerufen durch was auch immer, loszuschlagen, die Politiker auf der Liste zu eliminieren und in Summe also so etwas wie einen Staatsstreich zu initiieren.“

„Wahnsinn!“

„Jepp, das ließ sich dann auch kaum noch totschweigen, aber zumindest der Bundestag wurde wegen der laufenden Ermittlungen nicht informiert. Wie auch immer, als Resultat auf die Aussage von Horst S. gab es diverse Razzien, unter anderem auch bei einem Juristen und einem Kriminaloberkommissar. Spätestens jetzt sind neben der Bundeswehr bzw. dem KSK also auch Angehörige der Justiz, im weitestens Sinne, sowie die Polizei involviert.“

„Wahnsinn!“

„Jepp, und auch der MAD hatte da Dreck am Stecken. Ein Mitarbeiter des MAD, früher selbst beim KSK, fragte André S, zu dem kommen wir noch, nach rechtsextremen Tendenzen in seiner Kompanie. Dabei, so mutmaßt man, könnte er S. von bevorstehenden Razzien in der Kaserne erzählt haben, bei denen man dann auch nichts fand. Großspurig wurde der Mitarbeiter des Geheimnisverrats angeklagt.“

„Und?“

„Und er wurde freigesprochen!“

„Wundert mich mittlerweile nicht mehr.“

„Das glaube ich gerne. Aber wir sind auch noch nicht am Ende. Jetzt kommen wir zu André S. …“

 

293 Worte.

 

 

 

abc.Etüden KW 19/20 I.I

abc.etüden 2020 19+20 | 365tageasatzaday

 

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

es ist dann doch mal wieder Zeit für eine Etüde. Und da ich angesichts des Themas wohl nicht mit 300 Worten auskomme, wird das hier nur Teil eins von dreien sein. Was unter anderem bedeutet, dass ich den „Katmaran“ zweimal unterbringen muss, aber was solls!? Die Fragen werden von Christiane organisiert, die Wortspende kommt von Olpo Olponator und seinem Blog olpo run.

 

„Schon gehört?“

„Was denn?“

„Der MAD hat wieder mal ei…“

„Das Magazin?“

„Nein, verdammt, der Militärische Abschirmdienst! Also, die haben mal wieder ein Mitglied des KSK hopsgenommen und bei der Razzia in seinem Haus „Munition, Sprengmittel und Waffen“ gefunden.“

„Wieso wieder mal?“

„Lebst Du unter einem Stein? Na, weil das in den letzten Jahren vermehrt vorgekommen ist. Seit „Hannibal“.

„Dem Feldherren?“

„Nein!“

„Lector?“

„Nein, verdammt, „Hannibal“, das Netzwerk.“

„Ähhhm …“

„Okay, Kurzform: Seinerzeit hat sich der Bundeswehrsoldat Franco A. als syrischer Flüchtling ausgegeben, um als solcher Straftaten zu begehen, und diese den Flüchtlingen in die Schuhe schieben zu können.“

„Davon habe ich gehört.“

„Gut. Beim Versuch, eine von ihm am Wiener Flughafen deponierte Schusswaffe wieder abzuholen, wurde A. dann verhaftet.“

„Und dann?

„Na, am liebsten hätten Bundeswehr und Justiz das totgeschwiegen und bei einer Anklage wegen unerlaubten Waffenbesitzes belassen.“

„Aber?“

„Aber dann hat der BGH berschlossen, dass er doch wegen Terrorverdachts angeklagt werden müsse.“

„Ja, richtig gemacht!“

„Warte ab. Nach seiner Verhaftung geriet sein Kamerad Maximilian T. ins Visier der Ermittler. Bei dem wurde eine Liste gefunden, auf der die Namen bekannter Politiker standen, die man wohl für Anschläge vorgesehen hatte.“

„Und der ist dann auch wegen Terrorverdachts …“

„Nope! Ermittlungen eingestellt, T. hatte zuvor sämtliche Kontaktdaten seines Handys gelöscht, das machte es offenbar schwierig …“

„Dafuq! Die kann man doch …“

„Ja, könnte man sicherlich … Nach der Einstellungen der Ermittlungen könnte man meinen, dass der Kollege großspurig auf dem Bug seines Katamarans stehend in den Sonnenuntergangs ballert, aber nein …“

„Nein …“

„Nein, er wurde von einem AfD-MdB angestellt, der im Verteidigungsausschuss sitzt, bekam einen Hausausweis, könnte so an Unterlagen aus dem Ausschuss kommen, der gegen seine Kollegen ermittelt, geht gelegentlich erfolglos presserechtlich gegen Journalisten vor und arbeitet jetzt auf einem Truppenübungsplatz in Sachsen-Anhalt.“

„Das kann doch nicht Dein Ernst sein.“

„Warte, geht noch weiter …“

 

 

„Frohe Botschaft“ von Walter Wüllenweber

Buch: „Frohe Botschaft“

Autor: Walter Wüllenweber

Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt

Ausgabe: Hardcover, 223 Seiten

Der Autor: Walter Wüllenweber, geboren 1962, hat Politikwissenschaft in Heidelberg studiert und die Henri-Nannen-Journalistenschule absolviert. Seit 1995 ist er Autor beim Stern. 2005 hat Walter Wüllenweber den Deutschen Sozialpreis bekommen und wurde 2007 Reporter des Jahres. Er war zwei Mal für den Henri-Nannen-Preis und drei Mal für den Egon-Erwin-Kisch-Preis nominiert. (Quelle: Random House)

Das Buch: Es steht nicht gut um die Welt. Aber besser als jemals zuvor. Noch nie waren die Menschen so gesund, so gebildet, so wohlhabend, so frei und so sicher vor Gewalt wie heute. Fast alle Entwicklungskurven zeigen steil nach oben. Die vergangenen Jahrzehnte waren die beste Phase in der Geschichte des Homo sapiens. Doch in den Köpfen hat sich das gegenteilige Bild festgesetzt: Gewalt und Elend nehmen zu, alles verschlechtert sich. Diese Botschaft ist die Mutter aller Fake News und die Basis für den Siegeszug der Populisten. Um Herausforderungen wie den Klimawandel oder die Migration zu bewältigen, müssen die Gesellschaften die Lehren nicht nur aus ihren Fehlern ziehen, sondern auch aus ihren Erfolgen. Darum ist es kein Wohlfühlprogramm, die nachgewiesenen Verbesserungen in allen Bereichen des Lebens zu erkennen und zu würdigen. Die frohe Botschaft ist die politischste Botschaft unserer Zeit. (Quelle: Random House)

Fazit: Grünen-Politiker Robert Habeck hat über Wüllenwebers „Frohe Botschaft“ gesagt, er habe sich selten „so herausgefordert gefühlt wie durch dieses Buch“. Und das kann ich vollumfänglich so unterschreiben. Denn so froh, sinnvoll und notwendig die Botschaft ist, die Wüllenweber hier verbreitet, bietet sie an ausreichend Stellen Anlass, entrüstet hochzufahren, erbittert dagegen zu argumentieren oder sich schlicht aufzuregen. Aber man muss ja auch mal andere Meinungen aushalten. Irgendwie kommt gerade das heutzutage viel zu kurz …

Wüllenwebers methodischer Ansatz ist es, sein Buch in drei Teile zu teilen. Den ersten würde Helmut Markwort mit „Fakten, Fakten, Fakten“ zusammenfassen. Der zweite Teil geht der Frage auf die Grund, warum die positiven Entwicklungen, die der Autor im ersten Teil aufzeigt und die so beweisbar wie unwiderlegbar sind, nicht zu den Menschen durchdringen. Der abschließende Teil widmet sich den Folgen des reflexartigen Schwarzmalens und stellt einen Zusammenhang zu den letztjährigen Erfolgen populistischer Parteien her.

Im ersten Teil konfrontiert der Autor die Leserschaft mit einer Ansammlung von Informationen, meist in Form von Statistiken, Umfrageergebnissen und dergleichen. Dabei wendet er sich einer Fülle von Themen zu, von ökologischen und ökonomischen Entwicklungen bis hin zur Kriminalitätsrate. Letztlich darf natürlich auch der Themenkomplex des Flüchtlingszuzugs seit 2015 nicht fehlen.

Vieles davon ist äußerst lehrreich, schade ist nur, dass sich diese Menge an Informationen in Summe leider niemand merken kann.

Denn einiges davon sollte man sich durchaus merken. An dieser Stelle sei meine Lieblingsstatistik angeführt, die besagt, dass die Städte mit dem höchsten Migrantenanteil in den letzten Jahren einen deutlichen Rückgang an Kriminalität verzeichnen konnten. „Duisburg minus 2,8 Prozent; Köln minus 6,2 Prozent; Düsseldorf, Essen, Gelsenkirchen jeweils minus 7,5 Prozent; Oberhausen minus 8 Prozent; Dortmund minus 8,2 Prozent; Stuttgart minus 11,4 Prozent.“ (S. 40).

Entgegen der Entwicklung in Deutschland und insbesondere in den genannten Städten war die Entwicklung in anderen Gegenden mit teils deutlich geringerem Migrantenanteil etwas anders: „Dresden plus 3,7 Prozent; Rostock plus 4 Prozent; Erfurt plus 13,7 Prozent; Leipzig plus 20, 4 Prozent.“ (S. 41)

Nimm das, Pegida!

Zu den Statistiken und Themen gehören aber auch welche, zu denen man unterschiedlicher Meinung sein kann oder die man aus anderen Gründen kritisieren könnte. Einer der für mich persönlichen Gründe ist beispielsweise, dass Wüllenweber sich mehrfach auf Aussagen des Kriminologen Christian Pfeiffer beruft, der bei mir als PC-Spieler sofort Schnappatmung hervorruft, tat er sich doch in der seinerzeit geführten „Killerspiel-Debatte“ durch bemerkenswerte, nahezu unfassbare Ahnungslosigkeit hervor, was ihn jedoch nicht davon abhielt, weiter beharrlich vor sich hin salbadernd Unfug zu verbreiten, der von nicht fachkundigen Menschen geglaubt wurde, was letztlich dazu führte, dass ich wiederum  nie wieder etwas glauben werde, was Christian Pfeiffer sagt, und beträfe es auch nur die Uhrzeit.

Aber das ist mein persönliches Problem.

Darüber hinaus gibt es aber mehrere Thesen, bei denen ich mir eine etwas genauere Betrachtung gewünscht hätte. Zwar gibt sich Wüllenweber Mühe, Sachverhalte dort, wo es Sinn ergibt, auch von zwei Seiten zu betrachten, aber eben nicht immer.

So weist er darauf hin, dass das Institut der deutschen Wirtschaft ermittelt hat, dass sich jedes zusätzliche Bildungsjahr mit einem etwa um zehn Prozent höher liegenden Einkommen auszahlt. Wenn man das weiß, fragt man sich schon, warum die Politik sich beharrlich weigert, Bildung als Bundessache zu behandeln und tatsächlich mal intensiv in eben diese Bildung zu investieren. Mutmaßlich würden dann derzeit auch weniger Menschen mit Bill-Gates-Plakaten durch die Gegend laufen …

Im Folgenden erläutert der Autor, dass die Studienberechtigungsquote in den letzten Jahrzehnten immer weiter angestiegen ist. Und er hält das grundlegend für eine gute Sache. Dabei lässt er aber außer Acht, was ein immer höherer Abiturienten-Anteil für Schüler bedeutet, die dafür vielleicht gar nicht geschaffen sind, sich aber durchquälen müssen, weil „man das heute eben so macht“, oder auch die Frage, was das in der Folge für die Qualität des Abiturs als Schulabschluss bedeutet.

Ein anderes Beispiel ist die Arbeitswelt. Wüllenweber führt an „Wer sich heute über den Stress und die familienunfreundlichen Arbeitszeiten beklagt, die bekanntlich fast zwangsläufig im Burn-Out enden, sollte sich an seine Eltern und Großeltern erinnern.“ (S. 89) und stellt fest, dass die Menschen heute 800 Stunden weniger arbeiten als noch 1960.

Abgesehen davon, dass diese Argumentation, insbesondere die Art, wie sie vorgetragen wird, für mich – wohlwollend formuliert – eine Verharmlosung von Burn-Out- bzw. Depressionserkrankungen darstellt, ergibt es nicht immer Sinn, heutige Zustände mit denen von anno dunneback zu vergleichen, sonst könnten wir als Referenzpunkt auch den Beginn der Industrialisierung nehmen und froh darüber sein, dass wir heute keine Sechsjährigen mehr in Bergwerke scheuchen. Der Autor lässt hier völlig außer Acht, dass sich sowohl Arbeitswelt als auch Familienbilder seit den 60ern deutlich verändert haben. Es mag also beispielsweise sein, dass Papi damals 800 Stunden mehr gearbeitet hat, Mami aber gar nicht. Also, gar nicht im Sinne einer Erwerbstätigkeit, nur um das klarzustellen, bevor jemand die virtuellen Fackeln und Forken hervorkramt.

Diesen, aus meiner Sicht, Fehler der wenig sinnhaften Vegleiche begeht Wüllenweber in der Folge noch mehrmals.

Beispielsweise als er sich dem Thema der Armut zuwendet. Zu diesem Zeitpunkt ist dem Leser schon lange klar, dass sich der Autor als Verteidiger des Mittelstandes aufschwingt, was auch nicht schlimm ist, denn irgendeine Position muss man ja vertreten und wenn man Wüllenwebers letztes Buch kennt, überrascht das auch nicht. Von dieser Position aus betrachtet er die Tatsache, dass das Armutsrisiko in Ländern wie Tschechien, Slowenien oder der Slowakei statistisch gesehen erheblich geringer sei als in Deutschland, trotz einer deutlich geringeren Kaufkraft in eben diesen Ländern.

Das liegt in erster Linie an der Ermittlung des Armutsrisikos. Wer weniger als einen gewissen Prozentsatz des derzeitigen Durchschnittseinkommen hat, gilt als arm oder als armutsgefährdet. Das bedeutet natürlich auch, dass man diese Menschen auch dann noch als armutgefährdet betrachten müsste, wenn man jedem Arbeitnehmer ab morgen 100.000 Euro mehr im Jahr gäbe, der Durchschnitt also erheblich höher läge. Und ja, methodisch ist das eigentlich Unsinn und das kann man durchaus kritisieren.

In Wüllenwebers Gedankenwelt scheint es hier in Deutschland aber so etwas wie Armut überhaupt nicht mehr zu geben, Flaschen sammelnde Rentner gibt es augenscheinlich genau so wenig, wie alleinerziehende Mütter, die rechnen müssen, wie sie bis zum Ende des Monats hinkommen. Denn auch wenn diese Beispiele vielleicht kein Massenphänomen darstellen, so sind sie doch da. Aber wenn man hierzulande von den „Ärmsten der Armen“ spräche, so Wüllenweber, so sei das „eine Verhöhnung von Millionen Menschen in Indien, Äthiopien oder der Zentralafrikanischen Republik, die täglich um das physische Überleben kämpfen müssen.“ (S. 97)

Und auch hier denke ich wieder, dass es nicht immer Sinn ergibt, die eigene Situation mit dem „worst case“ zu vergleichen.

Denn wenn der Autor konstatiert: „Der hundertjährige Kampf gegen die Armut endete hierzulande schon vor langer Zeit mit einem triumphalen Sieg. Wer das leugnet, missachtet, die Erfolge des deutschen Sozialstaats. (S. 94), dann stimmt das sicherlich, wenn man die Armut der Zentralafrikanischen Republik als Maßstab nimmt. Aber eben auch nur dann.

Mit dem Themenkomplex der Armut im Rücken holt der Autor dann zum Rundumschlag gegen die „Lobbyisten der Sozialindustrie“ aus, also gegen Einrichtungen wie die Caritas, den Paritätischen Wohlfahrtsverband etc., die sich nach Wüllenwebers Einschätzung ja nicht aus reinem Altruismus für ihre Ziele einsetzen, sondern die für ihre Arbeit auch bezahlt werden wollen (wie unverschämt aber auch …), die daher darauf angewiesen sind, dass immer wieder Geld hereinkommt und die deswegen die Situation schwarzer darstellen müssen als es berechtigt wäre.

Und ich gebe zu, nachdem der Autor an anderer Stelle schon mal erwähnt hat, dass gerade die Armen – also Bezieher von Sozialleistungen etc. – in den letzten Jahren einen höheren Zuwachs an Geldmitteln hatten als die ach so geknechtete Mittelschicht, wollte ich bei „Lobbyisten der Sozialindustrie“ das Buch zur Seite legen und sagen: „Nee, komm, mach mal alleine weiter.“ Denn wenn die „Sozialindustrie“ (ein widerliches Wort, wie ich finde) und die Menschen, die sie vertritt, solche Lobbyisten hätten, dann bräuchte es diese Lobbyisten irgendwann gar nicht mehr, weil sie keine Bedürftigen mehr zu vertreten hätten.

Glücklicherweise habe ich die Lektüre fortgesetzt, denn im zweiten und insbesondere im dritten Teil versöhnt mich der Autor vollumfänglich. Er widmet sich, wie erwähnt, den Gefahren, die permanente Schwarzmalerei so birgt und die letztlich nur den Populisten hilft.

Die Lektüre der letzten beiden Teile war durch permanentes Kopfnicken meinerseits geprägt und war mehr als eine Wiedergutmachung meines Widerstands im ersten Teil.

Der ja nun darauf fußt, dass der Autor und ich einfach in verschiedenen Dingen unterschiedlicher Meinung sind. Und die, ich kann mich nur wiederholen, muss man eben halt auch mal aushalten.

In Summe ist Wüllenwebers „Frohe Botschaft“ ein in erster Linie sehr informatives und lesenswertes Sachbuch.

Ich danke dem Bloggerportal und der Deutschen Verlags-Anstalt für die freundliche Übersendung des Rezensionsexemplars. Die Tatsache, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, beeinflust meine Meinung selbstredend nicht.

Wertung:

8,5 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Die schwarze Schar“ von Nicholas Eames.

Nochmal montägliche Freitagsfragen # 104

Freitagsfragen Sommer

 

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

zugegeben, ich könnte mich jetzt auch ein wenig mit den hier vorherrschenden Hard- bzw. Softwareproblemen beschäftigen, die ich in der Form bereits einmal hatte, was dann seinerzeit zu einem nicht enden wollenden Systemstart führte und was nur durch ein komplettes Neuaufsetzen des Systems, verbunden mit vollständigem Datenverlust, denn wer braucht schon Backups, zu beheben war …

Ich könnte mich angesichts dieser Tatsache und der, dass heute Montag ist, auch einfach wieder hinlegen und die Welt ihren Scheiß einfach mal alleine machen lassen.

Oooooder ich nehme mir ein bisschen Zeit, um mal die vergangenen Freitagsfragen aus dem Brüllmausblog zu beantworten. Die Fragen und Antworten lauten:

1.) Manchmal treffen wir Menschen, die uns wegen ihrer Art oder wegen etwas, das sie tun im Gedächtnis bleiben. Gibt es eine Begegnung mit einem Fremden, an die Du Dich erinnerst?

Wenn mir fremde Menschen im Gedächtnis geblieben sind, dann meistens wegen einer von Ihnen getätigten Äußerung, und die waren nur selten positiver Natur. So erinnere ich mich noch lebhaft an den Typen, der im Brustton der Überzeugung feststellte: „Adolf hätte Dich vergast!“ Womit er übrigens zweiffellos recht gehabt hätte. Was die Äußerung an sich jetzt aber auch nicht besser macht.

Oder der, der angesichts meines nicht lupenreinen Gangbildes mutmaßte, ich sei „so früh schon besoffen?“.

Tja, wir leben in einer Welt voller dummer Menschen. Leider. Und das stelle nicht nur ich so fest, sondern auch andere:

Wir befinden uns in der Hölle, dem Stammsitz der Fate LLP, deren Eigentümer und Geschäftsführer S. Atan gerade auf der Suche nach seinem Untergebenen, Assistenten und Prokuristen Lübke ist.

„Ach hier sind Sie, Lübke! Ich hab Sie schon überall gesucht. Ich würde Sie gerne sprechen.“

„Worum geht es, Chef!“

„Um die „Steile These in gold“. Wie hat Palmer die Auszeichnung aufgenommen? Kam er her, um sie entgegen zu nehmen? Und hat uns das bereits irgendwie Publicity gebracht? Fragen über Fragen, Lübke.“

„Nun, zuerst mal: Er hat es recht entspannt aufgenommen. Ihm sei in letzter Zeit Schlimmeres passiert, meinte er.“

„Inwiefern?“

„In erster Linie, weil er nach seinen getätigten Äußerungen Morddrohungen gegen sich und seine Familie zugeschickt bekommen habe. Teilweise ganz offiziell mit Klarnamen unterzeichnet hieß es.“

„Das ist ja auf so viele Arten dämlich, dass man gar nicht weiß, wo man anfangen soll.“

„Allerdings. Was die Preisverleihung selbst angeht, nein, er war nicht hier. Aus ganz ähnlichen Gründen. Er habe genug mit dem angekündigten Parteiaustrittsverfahren und dem Angebot der FDP, ihm eine neue politische Heimat zu bieten, zu tun.“

„Die FDP hat Palmer angeboten, in ihre Partei einzutreten?“

„Jawohl.“

„Ich weiß nicht, ob das Palmer oder der FDP mehr zu denken geben sollte …“

„Wie auch immer. Und was die Publicity angeht: Die war durchaus da, aber so etwas muss erst mal eine Weile laufen, bis sich das rumspricht und etabliert. Wir machen da einfach weiter.“

„Apropos weitermachen: Was machen Sie eigentlich gerade?“

„Ich sehe dem Reisswolfblog-Spinner zu.“

„Weil?“

„Weil der gerade an der Frage herumdenkt, ob ihm schon mal fremde Menschen wegen etwas, was sie getan oder gesagt haben, im Gedächtnis geblieben sind. Ich dachte mir, ich hole mir vielleicht Anregungen für die nächsten Nominierungen für die „Steile These in gold“.

„Und?“

„Nichts dabei, leider.“

„Soll das heißen, die Menschen tun oder sagen nichts Dummes mehr?“

„Oh, weit gefehlt, Chef. Wir haben auch schon wieder Leute auf der Nominierungsliste.“

„Als da wären?“

„Einmal die Schwachmaten, die vor einigen Tagen das Team der „heute show“ angegriffen haben. Zum anderen den anderen Schwachmaten, der jemanden aus dem ARD-Hauptstadtstudie angegriffen hat.“

„Beides wären würdige Preisträger.“

„Schon, aber da sind noch mehr.“

„Nämlich?“

„Die gesamte bundesdeutsche Presse!“

„Lübke, haben Sie vom Äther genascht? Das klingt doch nach genau den „Lügenpresse“-Idioten, die Sie immer verurteilen. Was hat die Presse denn verbrochen?“

„Ich nominiere die Presse für die Verwendung des Begriffs „Corona-Skeptiker“.“

„Weil?“

„Weil es eine Verharmlosung ist. Weil es dämlich ist. Wie kann ich Skepsis an etwas äußern, das ist?“

„Das was ist?“

„Na, das einfach ist! Einfach Dinge, die nun mal so sind, wie sie sind. Wie kann ich so etwas anzweifeln? Es gibt doch schließlich auch keine Sonnenuntergang-Skeptiker, die behaupten, es werde nachts nur dunkel, weil das fliegende Spaghetti-Monster die Tür zumacht.“

„Bringen Sie die Leute nicht auf Ideen …“

„Wie auch immer. Jedenfalls, eine Nominierung bleibt noch.“

„Nämlich?“

„Kai Orak.“

„Kenne ich nicht …“

„Muss man auch nicht kennen. Parteiloses Bezirksratsmitglied eines Stadtteils von Hannover.“

„Und was hat der gesagt?“

„Der ist als Redner aufgetreten bei der Veranstaltung „Corona Diktatur Nein danke“ – übrigens in genau dieser Originalorthografie geschrieben, ohne Satzzeichen und alles – und sagte, die Fakten u.a. des RKI seien eindeutig: „Wir haben keine Pandemie!““

„Ach was!?“

„Jepp!“

„Ja, was glaubt er denn, wie man die weltweite Verbreitung eines Virus sonst so nennt?“

„Keine Ahnung, er ist aber darauf bedacht, nicht mit Verschörungstheoretikern und Rechten in einen Topf geworfen zu werden und sagt: „Das ist typisch für die Bundesrepublik. Wenn man die Wahrheit sagt, kommt man in den rechten Topf.“

„Die Wahrheit?“

„Die Wahrheit!“

„In den rechten Topf?“

„In den rechten Topf.“

„Da fragt man sich doch unweigerlich, wer denn endlich mal das Feuer unter dem rechten Topf anmacht, oder!?“

„In der Tat, aber Orak ist noch nicht fertig.“

„Nicht?“

„Nein! Orak behauptete, bereits im März eigenständig recherchiert zu haben und sich dabei eben nicht der klassischen Medien bedient zu haben, „weil die alle lügen“.“

„Das wird ja immer übler …“

„Hinsichtlich der hohen Todeszahlen in Italien sagte er, die lägen immer noch unter dem Durchschnitt der letzten drei Jahre.“

„Unter welchem Durchschnitt?“

„Ja, das weiß ich doch auch nicht … Insgesamt muss das eine lustige Veranstaltung gewesen sein, mindestens zwei Teilnehmer, nein Teilnehmerinnen, trugen einen gelben Stern mit der Aufschrift „Ungeimpft“.“

„Ich kotze!“

„Jepp! Und das war nicht die einzige dieser Veranstaltungen in Hannover. Andernorts trat eine Homöopathie-Ärztin auf …“

„Ohoooo … eine Fachfrau …!“

„Jepp! Sie bezeichnete die Maskenpflicht als „Schwachsinn“ und forderte „Ich möchte, dass noch viel mehr Menschen aufwachen.“ Corona sei nur eine weitere Atemwegserkrankung.“

„Jo, die zuweilen tödlich verläuft …“

„Na, das ist den Herrschaften offensichtlich egal. Gut, dass es dagegen auch noch Menschen gibt, die sinnvolle Dinge sagen.“

„Nämlich?“

„Der Bundespräsident, meines Erachtens übrigens der beste seit Richard von Weizsäcker.“

„Oho – was ist denn mit dessen Nachfolgern? Roman Herzog zum Beispiel?

„Na ja, der war halt irgendwie da. So wie ein verschrobener Archivmitarbeiter, von dem man mutmaßt, dass er seinen Arbeitsplatz im dritten Untergeschoss nie verlässt, der schon zu Napoleons Zeiten da war und den man nur auf Betriebsfeiern zu Gesicht bekommt.“

„Johannes Rau?“

„War gut, aber etwas weniger gut.“

„Horst Köhler?“

„Blieb blass, sagte einmal etwas Richtiges und trat deswegen zurück.“

„Christian Wulff?“

„Och, bitte …“

„Na, aber wie isses denn mit Altbundeskanzler Gauck?“

„Der war und ist sehr monothematisch, eigentlich ging es ihm immer nur im die Freiheit des Individuums. Und er hat sich für mich selbst ins Aus geschossen, als er zum Umgang mit der AfD sagte: „Auch gegenüber rechts braucht es eine erweiterte Toleranz“ und solange diese Partei nicht verboten sei „müssen wir sie am Diskurs teilhaben lassen.“

„Einen Scheiß müssen wir!“

„Ja, sag ich ja. Also: Steinmeier!“

„Und, was hat er gesagt?“

„Sehr kluge Dinge. Und wichtige auch. Während nämlich in Ländern wie den USA, Russland, England, Australien usw. mehr als drei Viertel der Bevölkerung der Meinung sind, dass es wichtig sei, jährlich der Opfer des Zweiten Weltkriegs zu gedenken, sind in Deutschland nur 44 Prozent dieser Auffassung. Sagte nicht der Steinmeier, ist aber so.“

„44 Prozent!? Das ist ja widerlich!“

„Irgendwie schon … Und eben diesen anderen 56 Prozent, die mehrheitlich fragen, ob man es jetzt nicht endlich mal gut sein lassen könne, denen sagte Steinmeier: „Es gibt kein Ende des Erinnerns. Es gibt keine Erlösung von unserer Geschichte. Denn ohne Erinnerung verlieren wir unsere Zukunft.“ und „(…) wer einen Schlussstrich fordert, der verdrängt nicht nur die Katastrophe von Krieg und NS-Diktatur. Der entwertet auch all das Gute, das wir seither errungen haben – der verleugnet sogar den Wesenskern unserer Demokratie.“ und schließlich meine Lieblingsäußerung „Nie wieder!“ – das haben wir uns nach dem Krieg geschworen. Doch dieses „Nie wieder!“, es bedeutet für uns Deutsche vor allem: „Nie wieder allein!“ Und dieser Satz gilt nirgendwo so sehr wie in Europa. Wir müssen Europa zusammenhalten. Wir müssen als Europäer denken, fühlen und handeln. Wenn wir Europa, auch in und nach dieser Pandemie, nicht zusammenhalten, dann erweisen wir uns des 8. Mai nicht als würdig. Wenn Europa scheitert, scheitert auch das „Nie wieder!“!“

„Wenn Europa scheitert, scheitert auch das „Nie wieder!“. Hm, wäre ich Steinmeiers Redenschreiber, würde ich mich dafür tagelang feiern lassen. Und – wie gehts jetzt weiter?“

„Ach, ich sehe noch ein bisschen dem Reisswolfblog-Spinner zu. Der hat noch ein paar Fragen vor sich. Und Sie?“

„Ich glaube, ich lege mich wieder hin.“

 

2.) Sollten Schulen vorrangig Wissen vermitteln oder auf das Leben nach der Schule vorbereiten?

In gewissem Sinne beides. Da es hier aber um „vorrangig“ geht: Vorrangig sollte schon die Vermittlung von Wissen sein. Gewisse persönliche, soziale und methodische Kompetenzen gehen damit dann logischerweise auch einher.

Es kann aber nicht Aufgabe der Schule sein, Schülerinnen und Schüler – ich denke gerade darüber nach, das im Folgenden in „zu Beschulende“ zu gendern und entscheide mich Sekundenbruchteile später dagegen – auf alles vorzubereiten, womit die Schülerinnen und Schüler später mal konfrontiert werden.

Im Jahr 2015 twitterte eine Schülerin „Ich bin fast 18 und hab’ keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann ’ne Gedichtsanalyse schreiben. In vier Sprachen“.

Damals dachte ich spontan: Gedichtsanalyse in vier Sprachen? Na, das ist doch schon gar nicht mal so schlecht. Und was den Rest angeht, so stellt das ein fürchterliches Armutszeugnis an Deine Eltern aus, die eigentlich in der Lage sein sollten, ihrer Tochter in wenigen Sätzen zu erklären, was Miete ist. Oder Steuern. Oder Versicherungen …

Mal im Ernst, immer und immer wieder wird gebetsmühlenartig die Debatte geführt, was alles Schulfach sein sollte. Weil Eltern offensichtlich heutzutage nicht mehr willens oder in der Lage sind, ihren Kindern simple Sachverhalte zu vermitteln. Weist das Kind in diesen Sachverhalten dann Defizite auf, werden dafür aber natürlich nicht in erster Linie die Eltern verantwortlich gemacht, sondern die Lehrerinnen und Lehrer und das System Schule als solches.

Damit will ich nicht sagen, dass das System Schule als solches nicht reformierungsbedürftig wäre, da gäbe es sicherlich vieles. Aber wenn ich höre, dass „Umweltschutz“ (Ergebnis einer Statista-Umfrage), „Gesunde Ernährung“ (Forderung des damaligen Ministers für Landwirtschaft und Ernährung Christian Schmidt), „Glück“ (Schulfach an einer Schule in Heidelberg), „Programieren“ (WOMIT?) „Benehmen“ (!) – Benehmen, ich hab das zu Hause gelernt – und vieles andere Unterrichtsfach werden soll, dann weiß ich nicht, ob ich Reflux kriegen oder doch lieber in hysterisches Lachen ausbrechen soll.

Technisch gesehen, und das kann man ja offensichtlich nicht oft genug wiederholen, müsste für jedes neue Fach ein anderes wegfallen oder eingeschränkt werden. Wobei – muss es!? Jährlich erkranken nach einer DAK-Studie etwa zwei Prozent aller Schülerinnen und Schüler an einer Depression. 43 % Prozent fühlen sich überfordert. (Zahlen aus 2017). Halsen wir den jungen Leuten doch einfach noch ein paar Stunden mehr auf, was macht das schon!?

3.) Welche Verantwortung siehst Du für die Menschheit gegenüber Tieren in Gefangenschaft, die außerhalb dieser nicht überlebensfähig wären?

Man muss ja wohl konstatieren, dass die Tiere in Gefangenschaft nur deswegen außerhalb dieser nicht überlebensfähig wären, eben weil sie sich in Gefangenschaft befinden. Hätte man sie also einfach in Ruhe gelassen, anstatt sie zur Belustigung des Volkes in Zoos, Tierparks und ähnlichen Einrichtungen einzuquartieren, müsste man sich über diese Frage gar keine Gedanken machen und sie könnten noch heute durch die Savanne, Pampa oder Arktisregion streifen.

Damit will ich auch gar nichts gegen Zoos etc. gesagt haben, wer das mag, soll da auch hingehen und ich bin mir sicher, dass die Leute da einen richtig guten Job machen. Ich kann aber mit dem Grundgedanken, Tiere einzupferchen und sie begucken zu lassen, eher wenig anfangen.

4.) Die Wahl der Qual: Hättest Du lieber ein Glas Wasser mit einem Löffel voll Milch oder einer Kelle voll Milch darin?

Ich nehme Letzeres, das dürfte weniger gewöhnungsbedürftig sein.

 

Das war es dann auch schon wieder.

Bleibt gesund.

Gehabt euch wohl.