„Der Beginn“ von Carl Frode Tiller

Buch: „Der Beginn“

Autor: Carl Frode Tiller

Verlag: btb

Ausgabe: Hardcover, 352 Seiten

Der Autor: Carl Frode Tiller, geboren 1970, ist ein norwegischer Autor, Historiker, Musiker und Komponist. Er gilt als Meister der psychologischen Zwischentöne. Seine Romane sind vielfach preisgekrönt und in 16 Sprachen übersetzt. »Wer du heute bist« ist nach »Kennen Sie diesen Mann?« der zweite Teil der Trilogie um den gedächtnislosen David. (Quelle: Random House)

Das Buch: Terje liegt nach einem Suizidversuch im Sterben. Er lässt sein verpfuschtes Leben Revue passieren. Auf der Suche nach Antworten gräbt er sich immer tiefer in die schmerzhafte Vergangenheit, soghaft getrieben von den blinden Flecken des eigenen Lebens: der depressiven, alkoholkranken Mutter, dem abwesenden Vater, dem Abrutschen in Ticks und Gewalt als junger Mann, und dem quälenden Gefühl des Verlassenseins, das ihn immer bestimmt hat. Momente des Friedens fand er nur in der Natur. Ruhelos stellt Terje sich im Krankenhaus seinem Leben vom Ende bis zum Anfang, vom Tod bis zur Kindheit. Ein bewegendes Buch, erzählt wie im Rausch – über endgültige Entscheidungen, Vorherbestimmung und die Freiheit des Einzelnen. (Quelle: Random House)

Fazit: „Das Leben kann nur rückwärts verstanden werden, gelebt werden muss es vorwärts.“, sagte der dänische Philosoph Søren Aabye Kierkegaard und der Volksmund sagt, dass, wenn man stirbt, nochmal das ganze Leben an einem vorbei zieht.

Und an beides hält sich Carl Frode Tiller bei der formalen Gestaltung seines Romans „Der Beginn“. Dieser fängt nämlich tatsächlich am eigentlichen Ende der Ereignisse an, als Tillers Protagonist Terje nach einem Suizidversuch im Krankenhaus liegt, denn scheinbar unvermittelt hat er beschlossen, seinen Pkw um den nächstbesten entgegenkommenden Lkw zu wickeln.

Und es ist durchaus anzunehmen, dass er das nicht überleben wird, denn ähnlich wie der redensartliche Film, der an einem vorbeiziehen soll, wenn man stirbt, driftet er gedanklich in die Zeit kurz vor dem Zusammenstoß ab und von dort Kapitel für Kapitel immer weiter zurück in die Vergangenheit, bis hin zurück in die Kindheit des Protagonisten. Stück für Stück entschlüsselt Tiller die Motive seines Protagonisten und zeigt auf, wie es letztlich zu Terjes Suizidversuch kommen konnte, dessen Auslöser, so seltsam das für Nicht-Leser des Romans klingen mag, zumindest aus meiner Sicht das Verschwinden des Südskandinavischen Felsenblümchens sein dürfte.

Die Erzählweise vom Ende her ist nicht neu, aber wohl selten so sinnvoll wie hier, auch wenn sie ihre so ihre Fallstricke birgt, dazu später mehr. Stück für Stück wird Tillers Protagonist sozusagen dekonstruiert, um aufzuzeigen, wie aus einem Kind,  das seine eigenen Sätze leise wiederholt hat, ein engangierter Umweltschützer, schließlich ein Familienvater und letztlich ein Selbstmörder werden konnte.

Der Autor entscheidet sich sinnigerweise für einen personalen Erzähler, der die Ereignisse aus Sicht der Hauptfigur schildert. Das alles passiert aber in einem meiner Meinung nach irritierend unpersönlich Ton und erzeugt in Verbindung mit den praktisch ausnahmslos unsympathisch wirkenden Personen eine Stimmung, die ich bestenfalls als unangenehm bezeichnen kann. Ja, phasenweise, insbesondere zu Beginn, war die Lektüre des Buches tatsächlich unangenehm. Das mag allerdings vor dem Hintergrund des jetzt auch nicht gerade umwerfend komischen Themas des Romans beabsichtigt gewesen sein, und in dem Fall müsste man Tiller ein Talent für die Erzeugung von Stimmungen attestieren.

Mag formal, stilistisch und inhaltlich auch viel stimmen, so hat Tillers Roman aus meiner Sicht ein elemantares Problem. Eines das dann leider auch Auswirkungen auf alle anderen Bereiche des Romans hat. Und das ist die Hauptfigur. Spätestens hier kommen dann auch die Schwierigkeiten der chronologischen Anordnung der Kapitel zum Tragen.

Denn Terje ist, man möge mir die Wortwahl nachsehen, ein ätzendes, überhebliches, sarkastisches, bewusst verletzendes Arschloch! Und ja, das war er natürlich nicht immer, und es ist ja gerade Ziel der Autors, aufzuzeigen wie es dazu kommen konnte. Nur: Dass er nicht immer so war und wie es letztlich dazu kam, ist mir nach nur wenigen Dutzend Seiten – man verzeihe mir nochmals die Wortwahl – scheißegal. Und zwar so scheißegal, dass ich mir als Leser in dem Moment, in dem Terje beschließt, sich um den Lkw zu wickeln – und da befinden wir uns tatsächlich erst auf Seite 23 – dachte: „Ja, dann mach doch!“

Das intensive Problem, das ich mit Terje habe, basiert darauf, dass ich zwar einerseits logischerweise verstehe, dass es immer Gründe gibt, warum Menschen so geworden sind, wie sie eben sind. Andererseits bin ich aber eben der Ansicht, dass es nichts gibt, was man erlebt hat, was einen dazu berechtigt, für sich in Anspruch zu nehmen, sich wie ein Arsch verhalten zu dürfen. Man kann meinetwegen gerne Zyniker sein. Man kann gerne auf Distanz zu Menschen gehen, die es nicht immer gut mit einem meinten. Man kann auch meinetwegen gerne sarkastisch sein, ich selbst bin der Meinung, dass man ohne eine großzügige Protion Sarkasmus deutlich schwerer durchs Leben kommt. Man kann von mir aus auch gerne ein der Welt und den Menschen gegenüber misstrauisch gewordener Mensch sein. Aber nichts berechtigt einen Menschen dazu, sich aufzuführen wie der letzte Penner! Terje ist eine Person, die die Menschen in seinem Umfeld, vorzugsweise aus seiner Familie, gerne bewusst und umfassend verletzt. Ein Mensch, der dann auch noch Spaß daran hat. Ein Mensch, der Fremdscham verursacht und der mir dann, als Tiller die Gründe für seine Entwicklung aufzeigt – die übrigens völlig logisch daherkommt, auch wenn man sich vieles bereits denken kann, weil auch Tiller das Rad der Psychologie nicht neu erfinden kann -, bereits von Herzen egal ist.

Und die Hauptfigur hat eben auch ihre Auswirkungen auf andere Bereiche des Romans. Durch seine ganze Art, seinen Umgang mit anderen, für den man sich nur fremdschämen kann, trägt er intensiv dazu bei, die ohnehin schon triste Stimmung des Romans zu verstärken bis hin dazu, dass ich während der Lektüre phasenweise tatsächlich eine Art körperliches Unwohlsein verspürt habe. Im Grunde wollte ich nur weg. Das erklärt vielleicht auch, dass ich für das Buch so unfassbar lange gebraucht habe, denn es trudelte bereits vor einer halben Ewigkeit bei mir ein.

All das mag seitens des Autors so beabsichtigt gewesen sein und sollte dem so sein, ist Carld Frode Tiller ein recht großer Wurf gelungen. Für mich bleibt „Der Beginn“ jedoch ein zwar handwerklich sehr gut gemachter, inhaltlich aber einfach viel zu trister Roman, den man vielleicht nur dann lesen sollte, wenn man mit wirklich ätzenden Hauptfiguren klarkommt sich allgemein vielleicht auch gerade nicht in allzu schlechter Stimmung befindet. Die kommt dann schon von ganz alleine …

Wertung:

Handlung: 8,5 von 10 Punkten

Charaktere: 4,5 von 10 Punkten

Stil: 8 von 10 Punkten

Stimmung: 6,5 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 6,875 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Cyril Avery“ von John Boyne.

12 Kommentare zu „„Der Beginn“ von Carl Frode Tiller

    1. Herzlichen Dank! Und der Tatsache, dass es keinen Einzug bei Dir finden würde, war ich mir schon sehr bald bewusst. Und solltest Du Dich doch damit befassen wollen, würde ich – analog zum heroischen Abfangen einer Patrone – vermutlich intervenieren, um Dich vor Ungemach literarischer Art zu bewahren. :-)

      Uns sonst so?

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        1. Klingt tatsächlich ausbaufähig …

          Selbst so? Ich habe am Wochenende einen anstrengenden Bundesligaspieltag – yay! – und am Sonntag einen mehrstündigen Kampf mit den Zeugen Vodafones hinter mich gebracht. Insbesondere Lezteres war echt ätzend.

          Insofern freue ich mich schon fast, dass heute Montag ist. Fast … ;-)

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          1. Oha, klingt anstrengend und tw nervtötend. Ja, diese verschiedenen Gruppierungen der Handyverführer sind mehr als anstrengend.

            Ich hangel mich an dem Gedanken entlang, dass ich am Mittwoch nach Norddeutschland fahre. Das ist zwar kein wirklicher Urlaub, aber zumindest mal raus hier…🙄

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          2. Es war auch sowohl anstrengend als auch nervtötend. Sogar so anstrengend und nervtötend, dass ich fürchte, irgendwann ein bisschen unfreundlich geworden zu sein. Auszug:

            „Ich sehe hier, die Kollegen haben Ihren Router am Freitag auf Werkseinstellungen zurückgesetzt und …“

            „Moment!“

            „Ja, bitte!?“

            „Die Problembeseitigungstrategie Ihrer Kollegen in der Störungsstelle sah so aus, dass man lediglich den Router auf die Werkseinstellungen zurückgesetzt hat?“

            „Ähm, ja!?“

            „Soll ich Ihnen mal was sagen? Das hätte ich auch gekonnt! Dafür braucht man kein abgeschlossenes Informatikstudium!“

            usw.usf.

            :-)

            Die Herrschaften kriegen es aber eben seit Monaten nicht gebacken, stabiles Internet zu liefern. Und glaub mal nicht, dass man dann einen kostenlosen Routeraustausch bekommt. Den hole ich mir jetzt woanders, jawoll!

            Warum erst am Mittwoch, Werder spielt schon Dienstag! ;-) Wobei – eigentlich sollte man sich das Spiel vielleicht besser doch nicht ansehen …

            Bis Mittwoch klingt absehbar, das kriegst Du hin.

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          3. Ich weiß nicht, wie oft ich bei solchen Dingen schon gesagt habe „Ich möchte bitte ihren Vorgesetzten sprechen“…..

            Ja, bis Mittwoch ist absehbar, wenn da nicht mein drohender Nervenzusammenbruch winken würde 🙄😉 ne, passt schon….

            Werder? Spielen die überhaupt noch in der Bundesliga?🤬🤬🤬

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          4. Für: „Ich möchte bitte Ihren Vorgesetzten sprechen!“, bin ich eindeutig nicht der richtige Typ. Es wundert mich ja schon, wenn ich mich im Gespräch mit Erfüllungsgehilfen echauffiere. ;-)

            Passt schon, ja!? Muss ich mir Sorgen machen …? Wobei, falls ja, wäre das hier der eindeutig falsche Ort, es zu dieskutieren … :-)

            Das mit Werder habe ich jetzt mal geflissentlich überlesen …

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          5. Ich liebe diesen Satz :-) und eigentlich schlägt mir die Wintermami immer vor, dass ich beruflich unbedingt etwas in dieser Richtung machen sollte….. Ich überlege gerade -das wäre doch mal eine Marktlücke: Ich übernehme Telefonate und Reklamationen und schlage für alle einen ordentlichen Gewinn raus …. hm….. :-)

            Nein, nein, mach dir keine Sorgen. Aber wundere dich nicht, wenn du irgendwas in der Zeitung lesen solltest, von wegen ausgebrannte ältere Frau schlug laut kreischend um sich und warf Gegenstände nach pubertierenden Teenagern oder so ;-)

            Werder? Wer ist das? (*lachundduckwech)

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          6. Hm, Konfliktmanagement auf Provisionbasis … die Idee hat Potenzial … ;-)

            Sollte ich etwas derartiges in der Zeitung lesen, würde ich es allein wegen der Verwendung von „ältere Frau“ nicht mit Dir in Verbindung bringen. ;-)

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