„Cyril Avery“ von John Boyne

Buch: „Cyril Avery“

Autor: John Boyne

Verlag: Piper

Ausgabe: Taschenbuch, 736 Seiten

Der Autor: John Boyne, geboren 1971 in Dublin, ist einer der renommiertesten zeitgenössischen Autoren Irlands. Seine Bücher wurden in mehr als vierzig Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Der internationale Durchbruch gelang ihm mit seinem Roman „Der Junge im gestreiften Pyjama“, der in vielen Ländern auf den Bestsellerlisten stand und von der Kritik als „ein kleines Wunder“ (The Guardian) gefeiert wurde. (Quelle: Piper)

Das Buch: Schon vor seiner Geburt steht Cyril Averys Leben unter einem ungünstigen Stern. Als uneheliches Kind hat er keinen Platz in der konservativen irischen Gesellschaft der 1940er Jahre. Ein exzentrisches Dubliner Ehepaar nimmt ihn schließlich bei sich auf, doch auch dort fühlt er sich nicht zu Hause. Bis eines Tages ein Junge im Hausflur steht – und mit ihm ein Abenteuer beginnt, das Cyril genau das finden lässt, wonach er immer gesucht hat: seinen Platz in dieser verrückten Welt. (Quelle: Klappentext)

Fazit: Hach, was für ein Buch! Nun gut, wenn ich solche Aussagen tätige, dann sind die immer dann mit Vorsicht zu genießen, wenn es um Romane von John Boyne geht, denn ich bin bekennender John-Boyne-Fan, aber hey: Was für ein Buch! :-)

Aufgrund einer kürzlich eingeschobenen Urlaubswoche habe ich für die gut 730 Seiten lediglich zwei Tage gebraucht und hätte gerne noch zwei weitere Tage 730 zusätzliche Seiten davon gelesen.

Allerdings muss ich gestehen, dass auch ich zwei Anläufe für das Buch gebraucht habe. Boyne beschreibt in seinem Buch anhand seiner titelgebenden Hauptfigur das Aufwachsen und Leben eines homosexuellen Mannes in Irland und zeichnet an diesem Beispiel gleichzeitig ein Sittengemälde in diesem erzkatholischen Umfeld, in dem die Macht des Klerus deutlich stärker zutage tritt, als beispielsweise hierzulande.

Und ich habe mich beim ersten Lektüre-Versuch gefragt: „Trägt diese monothematische Ausrichtung die Handlung über die gesamte nicht unerhebliche Länge des Romans, insbesondere für jemanden, der sozusagen „nicht im Thema“ ist?“, diese Frage dann für mich verneint und den Leseversuch für lange Zeit unterbrochen. Aber ich hatte ja keine Ahnung, ich hätte nur unwesentlich weiter lesen müssen, um zu erkennen, dass dieses alles beherrschende Thema den Roman doch trägt und er ein ganz besonderes Leseerlebnis bietet.

Um zu begründen, warum das so ist, kann man eine Fülle von Gründen anführen, beispielsweise die Figuren. So etwa die Handvoll irischer Berühmtheiten, die man vielleicht außerhalb Irlands nicht unbedingt kennt, die aber trotzdem alle einen sinnvollen bis denkwürdigen Auftritt haben, hier sein nur mal derSchriftsteller Brendan Behan genannt, nach dessen alkoholbedingten Ableben im Alter von nur 41 Jahren die „Daily Express“ schrieb, er sei „zu jung, um zu sterben, aber zu betrunken, um zu leben.“.

Das gilt aber natürlich auch und in erster Linie für die Figuren, die eine wichtigere Funktion haben, ganz vorne – neben einer Bekannten namens Mary-Margaret Muffet, die eindeutige Züge von Amy Farrah Fowler aus „The Big Bang Theory“ trägt – stehen da Cyrils Adoptiveltern. Eigentlich interessieren sich die beiden nämlich nicht im Geringsten für ihren Adoptivsohn oder für das, was er so tut und erwecken den Eindruck, ein Kind nur deshalb adoptiert zu haben, weil es für den Moment eine gute Idee schien. In erster Linie sind beide dann aber nicht mit Cyril beschäftigt sondern, im Falle das Adoptivvaters, eher damit Geld zu verdienen, aus diesen Verdiensten die notwendigen Steuern zu hinterziehen und deswegen gelegentlich im Knast zu landen, während seine Adoptivmutter den ganzen Tag in einem zugequalmten Arbeitszimmer sitzt, um Bücher zu schreiben. Allerdings nicht, um diese dann auch zu verkaufen, denn literarischen Erfolg findet sie eindeutig vulgär.

Um sich ein kurzes Bild dieser beiden schrägen Menschen zu machen, genügt vielleicht der Verweis auf ihre jeweiligen Antworten auf Cyrils Frage, wie die beiden sich kennengelernt hätten. Sein Adoptivvater Charles antwortet darauf mit einem dreiseitigen Monolog, der im Wesentlichen daraus besteht, darauf zu beharren, seine erste Frau nicht umgebracht zu haben, die Monogamie als Prinzip insgesamt infrage zu stellen und über die Oralverkehrfähigkeiten von Cyrils Adoptivmutter Maude zu sinnieren ( „Bevor dich deine Adoptivmutter nicht mit dem Mund befriedigt hat, Cyril, weißt du nicht, was ein richtiger Blowjob ist.“ S. 101), während Maude schlicht antwortet mit: „Ich kann mich wirklich nicht erinnern. Vielleicht war es ein Mittwoch, wenn Dir das hilft. Oder auch ein Donnerstag.“ (Seite 101)

Es sind aber nicht nur die Charaktere, die diesen Roman tragen. Auch stilistisch ist „Cyril Avery“ überaus gelungen. Boyne beherrscht das Kunststück, eine Geschichte zu erzählen, die man mit Fug und Recht als tragikomisch bezeichnen kann, allerdings ohne, dass das Buch an auch nur einer Stelle in die eine oder andere Richtung kippt. So wechseln sich beständig Szenen, in denen er mit massiver Homophobie der verbalen, aber auch mal der physischen Art konfrontiert wird, und die ihn letztlich selbst glauben lassen, er sei nicht „normal“, mit beispielsweise solchen Szenen ab, in der Cyril zum wiederholten Male seinen Adoptivvater im Gefängnis besucht und dort auf eine ältere Dame trifft. Diese will ihren Sohn besuchen, der angeblich seine Frau umgebracht haben soll, was die ältere Dame jedoch vehement bestreitet und sagt: „Aber es gibt keine wirklichen Beweise, nur Fingerabdrücke, DNA und einen Augenzeugen.“ (S. 552) Ich habe so gelacht! :-)

Die eigentliche Handlung präsentiert Boyne vor dem Hintergrund, dass der Volksmund sagt, dass sich der Mensche alle sieben Jahren ändert: In eben diesen Zeitintervallen verfolgt er die Lebensgeschichte seines Protagonisten von den 40er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts bis in die heutige Zeit. Ganz besonders gelungen finde ich dabei, dass sich verschiedene Charaktere der Geschichte, die sich (noch) nicht kennen, im Laufe der Geschichte bereits über den Weg gelaufen sind. Teils mehrfach.

Und diese Geschichte spielt auf einem sehr umfangreichen Teil der Emotionsklaviatur der Leserschaft. Mal ist de Roman witzig, mal tieftraurig, mal skurril und mal zynisch, mal hoffnungslos satirisch überzogen, mal ernsthaft gesellschaftskritisch.

Im Grunde könnte man sagen, „Cyril Avery“ bietet alles, was einen hervorragenden Schmöker ausmacht, mit dem man einfach mal eine Weile alles um sich herum vergessen kann, wenn nur das Wort „Schmöker“ nicht negativ besetzt wäre.

Hach, was für ein Buch!

Wertung:

Handlung: 9,5 von 10 Punkten

Charaktere: 10 von 10 Punkten

Stil: 9,5 von 10 Punkten

Atmosphäre: 10 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 9,75 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Mord in der Sonntagsstraße“ von Peter Englund.

 

3 Kommentare zu „„Cyril Avery“ von John Boyne

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