„Bei diesem Regen“ von Annemarie Schwarzenbach – Post-it-Mangel

Buch: „Bei diesem Regen“

Autorin: Annemarie Schwarzenbach

Verlag: Lenos

Ausgabe: Taschenbuch, 240 Seiten

Die Autorin: Nein, ein einfaches Leben hatte Annemarie Schwarzenbach wahrlich nicht. Zwar wurde sie 1908 als Tochter einer der reichsten Schweizer Industriellenfamilien geboren und promovierte bereits im Alter von 23 Jahren mit einer Arbeit zur „Geschichte des Oberengadins im Mittelalter und zu Beginn der Neuzeit“. Materielle Schwierigkeiten musste sie – was, zugegeben, eine Mutmaßung meinerseits ist – wohl nie erleiden. In anderer Hinsicht erlitt sie allerdings umso mehr.

Mit ihrer antifaschistischen Einstellung geriet sie in Konflikt mit ihrer Familie, umgab sie sich doch mit jüdischen und politischen Emigranten.

1931 verbrachte sie einige Zeit in Berlin und geriet dort in den Dunstkreis der Geschwister Klaus und Erika Mann. Eben diese Erika Mann war auch die große Liebe ihres Lebens, wiewohl diese nie wirklich erwidert wurde. Daher heiratete sie 1935 den – ebenfalls homosexuellen – französischen Diplomaten Claude-Achille Clarac. Es nimmt nicht wunder, dass diese Ehe eher unglücklich verlief.

In die Zeit der ersten Bekanntschaft mit den Manns fielen auch ihre ersten Erfahrungen mit Morphium. Bereits 1939 hielt sie sich daher zwecks Entzugs in mehreren Kliniken auf, kam jedoch nie wirklich wieder davon los. Später reiste sie in die USA und musste sich auch dort wegen ihrer schweren Morphiumsucht, Depressionen und Suizidversuchen behandeln lassen.

Am 7. September 1942 stürzte Schwarzenbach mit dem Fahrrad und zog sich dabei schwere Kopfverletzungen zu. Aufgrund von Fehldiagnosen und dementsprechend unsachgemäßer Behandlung starb sie neun Wochen später, am 15. November 1942, in völliger geistiger Umnachtung.

Ich habe mich ungewöhnlich detailliert mit Schwarzenbachs Lebenslauf auseinandergesetzt und könnte noch das eine oder andere Detail erwähnen, aber dann laufe ich Gefahr, mich hoffnunglos zu verrennen. :-)

Das Buch: Schwarzenbach hatte ein offenbar recht unstetes Wesen, war wohl die redensartliche Kerze, die an beiden Enden brannte, und sagte von sich: „Ich bin nicht genügsam, will jeden Tag das Einzige und Letzte.“ Daher hatte die junge Frau eine hohe Affinität zu Reisen. So reiste sie in den Jahren 1934/35 merhfach nach Vorderasien und nahm an Ausgrabungen in Syrien und Persien teil. „Bei diesem Regen“ ist eine Sammlung der dabei entstandenen Erzählungen.

Fazit: Eingangs möchte ich erwähnen, dass ich hoffe, mit meiner Besprechung dem vorliegenden Text auch nur im Ansatz gerecht zu werden. Denn die geneigte Leserschaft weiß es womöglich: Erzählungen – vielleicht sogar noch solche mit sogenanntem „literarischen Anspruch“ – lese ich recht selten. Mein eigentlicher Hang zur „Trivialliteratur“ – welch fürcherliches Wort –  schließt solche Bücher zwar nicht aus, aber ich lese sie eben selten, trotzdem meistens gerne. Aber getreu Henry Fords „Es gibt mehr Leute, die kapitulieren, als solche, die scheitern.“ unternehme ich dennoch den Versuch einer Rezension oder dem, was ich dafür halte. ;-)

Annemarie Schwarzbach ging mit ihrer Homosexualität – ungewöhnlich für die Zeit der Entstehung der Erzählungen – in ihren Texten ausgesprochen offen um. So erfährt der Leser gleich in der ersten „Das gelobte Land“ – und dafür muss man nicht mal zwischen den Zeilen lesen -, dass sie sich zu Frauen hingezogen fühlte.

Darüber hinaus ist das vorherrschende Thema in „Bei diesem Regen“ meines Erachtens das Thema „Flucht“.

Seien es der Vater mit seiner Tochter, die in der eben erwähnten ersten Erzählung nach Palästina fliehen, mit dem Ziel seiner Tochter zu ersparen, „was die Nazis ihrem Vater getan hatten“ (S. 8).

Sei es der ungarische jüdische Junge, der aus seinen schweren Verhältnissen aus- und nach Palästina aufbrechen will, aufgrund von Visa-Unstimmigkeiten aber zurück in seine Heimat geschickt wird. Über ihn sagt ein Beamter: „Die (die Iraker, Anm. d. A.) sind ebenso froh wie wir und die Türken, wenn sie das Gesindel nach Persien weitergeben können.“ (S. 26)

Und in solchen Momenten ist „Bei diesem Regen“ topaktuell. Auch heute scheint man ja in großen Teilen von Europa froh zu sein, wenn man das „Gesindel“ in Italien, Griechenland oder der Türkei parken kann. Aber hey, zumindest können sich ja bald, wenn alles klappt, tausend Menschen pro Monat über ihren Familiennachzug freuen. „Herzlichen Glückwunsch, sie haben das Los mit der 66 gezogen, was heißt, dass Sie zu den glücklichen tausend Menschen gehören, die in fünfeinhalb Jahren ihre Angehörigen in die Arme schließen können.“ Irgendwann wird man die 12 Jahre „GroKo“ als die Periode des „Grokoko“ in den Geschichtsbüchern finden. *Sarkasmus aus*

Sei es das italiensche Ehepaar, das von Europa gelangweilt war und dem Duce entfloh und das über einen Aufenthalt in Deutschland sagt: „(…) und mit den Nazis war es gar nicht so schlimm. Wenn man nicht wollte, brauchte man sie gar nicht zu bemerken.“ (S. 34)

Und auch da wieder: Wie heute, oder!? Man braucht sie gar nicht zu bemerken, diese Höckes und von Storchs. Es sei denn, dass sie mal wieder „von der Maus abgerutscht“ sind oder ein „Mitarbeiter“ Unsinn getwittert hat…

Diesen Höckes und von Storchs würde der im Buch erwähnte Algerier mit Unverständnis gegenüberstehen, von dem gesagt wird: „Er wusste nicht, was Patriotismus war, und er konnte nicht verstehen, dass Liebe, die Liebe zum eigenen Land, als Hochmut auftreten sollte.“ (S. 48)

Auch bei weiteren Themen legt Schwarzenbach den Finger in die Wunde. Bei den Rechten von Arbeitern, zu deren Lasten es geht, wenn Firmen sich bei Kostenvoranschlägen unterbieten müssen. Oder wenn aus finanziellen Gründen Sicherheitsstandards gelockert werden. (Ja, Donald, ich sehe Dich und Deine Ölförderungspläne an!)

Letztlich kritisiert die Autorin vieles, was es auch zu kritisieren gilt. Dass eine Besserung eintritt, glaubte sie wohl ebenso wenig wie ihr Gesprächspartner, der auf Seite 88 von Europas „Glauben, dass Besitz, Klassenvorrechte und Erziehungsprivilegien ewig und unveränderlich seien.“ spricht.

Ja, man merkt schon anhand dieser Myriaden Textbeispiele, dass „Bei diesem Regen“ bei mir auf fruchtbaren Boden gefallen ist. Darüber hinaus schreibt die Autorin noch in einem wirklich schönen Stil, den ich gar nicht genauer beschreiben kann, der aber auf den selben Boden fiel.

Interessant zu beobachten war, wie die Verwendung der alten Rechtschreibung doch anfangs den Lesefluss stören kann. Ich bin kein Verfechter einer reformierten Reform einer Rechtschreibreform – so weigere ich mich beispielsweise beharrlich „selbstständig“ zu schreiben -, dennoch erforderte das einige Seiten des Eingewöhnens.

Umso schöner finde ich allerdings, dass man den Text noch nicht political correctenessisiert hat. So würde man wahrscheinlich heute umgehend die im Buch auftauchenden Worte „Taubstumme“, „Krüppel“ oder „Neger“ entfernen. Nicht, dass ich diese Worte bräuchte, aber um einen Text in einen historischen Kontext einzufügen, könnte es hilfreich sein, wenn man ihn einfach mal so lässt, wie er ist. Wäre ich polemisch, würde ich fragen, ob man die – von mir nie gelesene – im Jahr 2016 neu erschienene  Auflage von „Mein Kampf“ auch sprachlich …-na, lassen wir das.

Ach verdammt, wahrscheinlich habe ich mit dem letzten Absatz darauf hingearbeitet, dass sich irgendwelche Sprachwächter mit Annemarie Schwarzbach beschäftigen. Das habe ich nicht gewollt …

Kurz und abschließend gesagt: Lesen, wirklich ganz unbedingt lesen!

Wertung:

Da ich diese Erzählungen nicht in „Charaktere“, „Spannung“ oder Ähnliches unterteilen kann, bleibt es bei ganz schnöden:

9,5 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Agathas Alibi“, was eigentlich schon vor „Bei diesem Regen“ geplant war, aber Frau Schwarzenbach hat Agatha ganz plötzlich links überholt.

 

2 Kommentare zu „„Bei diesem Regen“ von Annemarie Schwarzenbach – Post-it-Mangel

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