Buchdate #4: „Die Verwandlung“ von Franz Kafka – Tod eines Handlungsreisenden

Buchdate

Moderne Klassiker und ich, wir führen eine Art friedlicher Koexistenz. Die tun mir nichts, ich tue denen nichts. Mein Problem in dieser Hinsicht ist eigentlich nur, dass ich zwar gerne lese, aber eben ausschließlich aus Unterhaltungsgründen. Bei Klassikern, ob modern oder nicht, geht es aber eben häufig um „die Aussage“, die ein Buch hat. Oder, nein, heute heißt das „Message“. Das Buch muss also eine „Message“ haben. Ich für meinen Teil habe eben irgendwie keinen Drang dazu, mir nach der Lektüre eines Buches die Frage zu stellen: „Was will mir der Autor damit sagen?“ Ich stehe eher auf dem Standpunkt, dass der Autor schließlich x Seiten zur Verfügung gehabt hat, mir zu sagen, was er damit sagen will. Ist ihm das gelungen, ist alles gut! Ist ihm das nicht gelungen, wird es aus meiner Sicht eher problematisch. Diese Herangehensweise hat bereits mein Deutsch-LK-Lehrer bemerkt, der sinngemäß – allerdings an alle Anwesenden gerichtet – sagte: „Wenn Sie nur aus Spaß an der Freude lesen, gehen Sie um Himmels Willen nicht Germanistik studieren!“ Als ich das später – mit einer Verzögerung von einigen Jahren – tatsächlich doch tat, wusste ich a) was er meinte und b) dass er recht hatte…

Was macht man aber nun, wenn man vor diesem Hintergrund – in einem Anfall geistiger Umnachtung – sich für die vierte Ausgabe des Buchdates angemeldet hat, die eben genau dieses Motto hat: Moderne Klassiker!?

Gut, ja, zuerst einmal in Panik geraten. Natürlich. Dann wartet man die Vorschläge ab, die mir in dieser Ausgabe des Buch-Dates der unermesslich geschätzte Kollege Zeilenende hat zukommen lassen (übrigens in einem, wie ich finde, in jeder Hinsicht denkwürdigen Beitrag!). Zeilenende hat sich tragischerweise gegen die Empfehlung dreier Romane von Jules Verne entschieden, die bei mir Freudentränen ausgelöst hätten, stattdessen kamen in die Verlosung:

Arthur Schnitzler – Spiel im Morgengrauen

Franz Kafka – Die Verwandlung

John Wyndham – Die Triffids

Die Vorschläge trieben mir zwar ebenfalls Tränen in die Augen, allerdings eher weniger freudeninduzierte.

Nachdem man also in Panik geraten ist, gerät man nach den Vorschlägen nochmals in Panik und arbeitet sich dann über Schockstarre in tiefe Ratlosigkeit vor. Dort angekommen, beschließt man als Entscheidungsneurotiker – ein Vorgang, der in seiner Tragweite und Komplexität für jeden Nicht-Entscheidungsneurotiker kaum mehr zu erfassen ist – sich alle drei Bücher zu organisieren und zu lesen. Und das tat ich nunmehr.

Schnitzlers subtile Warnung vor den Gefahren des Glücksspiels und Mahnung vor der übersteigerten Bedeutung des Geldes habe ich also gelesen, sie dann aber in die Schublade „ganz okay“ eingeordnet. Über Bücher zu schreiben, die ich „ganz okay“ finde, ist für mich allerdings unsagbar schwierig. Im Falle von Schnitzler könnte ich noch nicht einmal 300 Worte über das schöne Cover verlieren, weil es eine Reclam-Ausgabe war… Schnitzler war also raus.

Wyndhams „Triffids“ habe ich ebenfalls gelesen, aber nach knapp der Hälfte bemerkt, dass mich das Buch irgendwie nicht „abholt“, wie man heute so schön sagt. Daher habe ich es auch nach besagter knapper Hälfte abgebrochen, ohne jetzt deutlich benennen zu können, was mich da nicht „abgeholt“ hat. Ich will aber nicht ausschließen, dass ich die zweite Hälfte in naher Zukunft nachhole und dann möglicherweise auch darüber schreibe – wenn ich mal ganz, ganz viel Zeit habe.

Damit fiel die Wahl also, und ich kann das selbst noch nicht so ganz glauben, auf „Die Verwandlung“ von Franz Kafka, den mein offensichtlich in den 90ern steckengebliebenes Hirn übrigens beharrlich „Markus“ mit Vornamen nennen will, obwohl sich jener „Markus“ mit „v“ im Nachnamen schreibt, sich mit einer erstaunlichen Langlebigkeit im Musikfernsehen und der Abschiedsfloskel „Herzlichen Dank für die Aufmerksamkeit. Auf Wiedersehen!“ einen Namen gemacht hat und mit dem Kafka Franz nicht das Geringste zu tun hat.

Kafka also. Ich erinnere mich, das Buch als Schullektüre gelesen zu haben. Oder besser: Ich musste es als Schullektüre lesen. Dass der eingangs erwähnte Kollege Zeilenende das Buch als Teenager gelesen – ich zitiere: Tatsächlich habe ich sie („Die Verwandlung“, Anm. d. Bloggers)  als Teenager zum ersten Mal gelesen – als Parabel auf die Pubertät. – und – für sich – verstanden hat, nötigt mir einen tiefen Respekt ab. Denn ich las das Buch ebenfalls als Teenager, meine Reaktion darauf würde meine Nachfolgegeneration aber mit den drei großen Buchstaben W, T und F beschreiben. Vielleicht war es also wirklich Zeit für einen zweiten Versuch mit Kafka, der übrigens – das kann ich vorwegnehmen – erstaunlich gut funktioniert hat.

Nun denn, in medias res, wie der Schotte sagt:

„Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt“. Damit beginnt Kafkas „Verwandlung“. Samsa ist Handlungsreisender und seine gesamte Familie, sein Vater, seine Mutter, seine 17-jährige Schwester Grete, sind von seinem Einkommen aus dieser Tätigkeit abhängig. Auch ansonsten sind die Verhältnisse der Samsas nicht zum Jubeln. Gregors Vater ging mit einem Geschäft pleite und hat Schulden bei Gregors jetzigem Arbeitgeber. Gregor selbst versucht nun, diese getreulich abzuarbeiten, die Familie zu ernähren und für die Schwester, wenn möglich, ein Musikkonservatorium zu bezahlen. Schlecht, wenn man sich dann, vor diesem Hintergrund, von heute auf morgen in ein Insekt verwandelt! Das sieht auch Gregors Arbeitgeber so, der dann mal vorsorglich seinen Prokuristen losschickt, um zu ergründen, wieso denn dieser in fünf Jahren nie krank gewordene Arbeitnehmer plötzlich der Arbeit fernbleibt, Aber Gregor möchte ja gerne. Er ist – und das zieht sich durch das ganze Buch – geradezu unterwürfig, wenn es um seine Arbeit und seinen Arbeitgeber geht. Aber er kann einfach nicht mehr.

Und genau damit begebe ich mich jetzt mal in den von mir sonst so gescheuten Deutungs- und Interpretationsbereich. Denn wenn der geschätzte Zeilenende das Buch als „Parabel auf die Pubertät“ gelesen hat, dann ist okay, weil man – nach längerem Nachdenken meinerseits – das durchaus so machen kann. Mein Ansatz ist das aber nicht.

Mein Ansatz ist folgender: Man sagt im Allgemeinen, dass man das Werk eines Autors nicht unabhängig von seiner Situation und den Lebensumständen allgemein betrachten kann. Und das tue ich nun auch, lasse dabei aber das Verhältnis Kafkas zu seinem Vater außer Acht, welches ein nicht sonderlich gutes gewesen sein soll und das auch in der „Verwandlung“ durch die sehr herrisch daherkommende Figur des Vaters von Gregor Samsa zum Tragen kommt. Für mich ist viel mehr die berufliche Situation Gregors entscheidend.

Denn schon auf der zweiten Seite des Textes klagt er, also Gregor: „Ach Gott, was für einen anstrengenden Beruf habe ich gewählt“. (S. 6) Er sieht aus dieser Situation allerdings keinen Ausweg, denn er ist „eine Kreatur des Chefs, ohne Rückgrat und Verstand.“ (S.7) Und im Grunde wird ihm sein Engagement für die Familie nur wenig gedankt. Seine Mutter sagt sogar auf Seite 13: „Ich ärgere mich schon fast, dass er abends niemals ausgeht; jetzt war er doch acht Tage in der Stadt, aber jeden Abend war er zu Hause.“ Tja, so etwas kann man vom heimatlichen Sofa aus gut behaupten.

Nun, der langen Rede kurzer Sinn: Aus meiner Sicht prangert Kafka natürlich in erster Linie seine eigene Situation an, wurde er doch zwischenzeitlich von seinem Vater genötigt, eine ungeliebte Tätigkeit in der Asbestfabrik seines, Franz´, Schwagers auszuüben. Aber er prangert eben auch die Situation der Arbeitnehmer an sich an. Und das tut er durchaus zu recht, wenn man bedenkt, dass die Wochenzeit eines Arbeiters zum Entstehungszeitpunkt der „Verwandlung“ etwa 57 Stunden betrug. Jeder VW-ler würde kündigen, wäre das heute noch so!

Insofern ist „Die Verwandlung“, wenn man sie denn so lesen will, auch heute noch erschreckend aktuell. Denn darüber, dass man sich hierzulande immer mehr in eine „Leistungsgesellschaft“ entwickelt, und dass die, die zur entsprechenden Leistung, aus welchen Gründen auch immer, nicht in der Lage sind, immer mehr Probleme bekommen, darüber braucht man ja eigentlich nicht zu diskutieren. Tatsächlich hat unser aller Innenminister Thomas „Wir sind nicht Burka“ de Mazière, dessen Teil-Antworten die Bevölkerung verunsichern würden, doch allen Ernstes einen 10-Punkte-Plan für die „Leitkultur“ – ein, wie ich finde, ziemlich widerlicher Begriff, der aber offensichtlich mittlerweile gesellschaftsfähig ist, während man Friedrich Merz seinerzeit noch fast – völlig zu recht – gesteinigt hat – entworfen, der unter anderem solche Dinge wie „Allgemeinbildung“ enthält und – und das ist wichtig – den „Leistungsgedanken“.

Während mich die Existenz des Nachmittagsprogramms der Privaten sowie die Tatsache, dass unsere geschätzte Kanzlerin vorhin wieder einen Hauptsatz mit „weil“ einläutete („weil, das ist so“), an der „Allgemeinbildung“ als Grundvoraussetzung des Deutschen zweifeln lässt, ist der Leistungsgedanke allgegenwärtig. Irgendjemand sollte Herrn de Maziére mal sagen, dass der permanente Druck, immer wieder nur leisten, leisten und leisten zu müssen, auch irgendwann mal kontraproduktiv sein kann. Depression, anyone?

Nun, der langen Rede nochmal kurzer Sinn: Wer sich bis jetzt gescheut hat, zu Kafka zu greifen, der kann das im Fall der „Verwandlung“ unbesorgt tun. Wenn man bereit ist, sich auf den  – übrigens ziemlich guten, wenn auch antiquierten, den ich vielleicht gerade deswegen gut finde – Stil einzulassen und während der Lektüre auch mal ein wenig über den gedanklichen Tellerrand zu schauen, dann bekommt man ein ziemlich eindrückliches Leseerlebnis!

In diesem Sinne: Herzlichen Dank für die Aufmerksamkeit. Auf Wiedersehen!

P.S. Vielen herzlichen Dank an wortgeflumselkritzelkram und Zeilenende für die Organisation des Buch-Dates! Da „moderne Klassiker“ ja nun durch ist, besteht eine signifikante Chance, dass ich auch beim nächsten Mal dabei bin. Ich schlage als Motto „Fantasy“ oder „Krimi“ vor! 😉

P.P.S. Falls mir jemand die Entwicklung von Gregor Samsas Schwester Grete erläutern könnte, wäre ich sehr dankbar. Irgendwie hat sich mir die persönliche Wandlung der jungen Dame nicht erschlossen…

P.P.P.S. Wer alle Beiträge des Buch-Dates #4 lesen möchte, kann das hier tun.

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12 Kommentare zu „Buchdate #4: „Die Verwandlung“ von Franz Kafka – Tod eines Handlungsreisenden

  1. Lieber spät als nie … Das war doch ein famoser Beitrag, in dem du mit Leichtigkeit über so ein schwieriges Thema geschrieben hast. Markus Kavka … Sehr schön. 🙂
    Den Franz kann man wohl lesen, wie man will. Klar, es gibt immer das Verhältnis zum Vater in seinem Werk, aber mal ehrlich: Wirklich spannend finde ich zumindest diesen Interpretationsstrang nicht. Vielleicht zur Veranschaulichung von psychoanalytischen Theorien, aber ich kenne spontan niemanden, der Kafka lebenspraktische Bedeutung zuweist, weil es ums Vater-Verhältnis geht. Andererseits ist das natürlich ein Teil der Pubertät. Und in der Verwandlung geht es auch darum, loszulassen, Trennungsschmerz zu erfahren, etc. Zumindest wenn man pubertär ist, hat das Bedeutung. Ich lese „Die Verwandlung“ heute aber auch anders. Die Idee mit der Leistungsgesellschaft gefällt mir sehr gut, ich sehe da zudem, dass er auch auf marxsche Entfremdungs-Erfahrungen anspielt. Und da wird Kafka in der Tat hochbrisant und aktuell.
    Was mich positiv überrascht hat: Kafka als Stilisten zu loben … Und dann den viel eleganteren Schnitzler als „nur okay“ einordnen. Das erfordert Chuzpe. *gg*

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    1. Heyho!

      Erstmal, vielen Dank für das „famos“ und außerdem nochmal für Deine Rückkehr im Allgemeinen! Ich freue mich über Letzteres mehr, als ich zuzugeben bereit wäre 😉

      Und so leicht, wie es sich vielleicht – hoffentlich – liest, so leicht fiel es mir eigentlich gar nicht. Zumal mein Hirn tatsächlich beharrlich an dieser Kafka/Kavka-Problematik hängenblieb! 🙂

      Ich hätte nicht gedacht, dass Dir mein Interpretationsansatz wirklich gefällt, freue mich aber umso mehr. Und nach Deiner Erläuterung finde ich Deinen auch viel nachvollziehbarer, irgendwie hast Du da schon recht.

      Den Stil Schnitzlers allerdings als „viel eleganter“ zu bezeichnen – da sind wir dann doch mal wieder unterschiedlicher Meinung! 😉

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  2. Ich habe die komplette Geschichte nie richtig verstanden, nicht nur Grete blieb mir rätselhaft. Trotzdem ist mir Die Verwandlung eindrücklich in Erinnerung. Kafka war ein Sprachgenie, er macht was im Hirn, da entstehen Bilder, die man nicht mehr loswird. 🙂
    Zur Interpretation: Ich hab Gregor eher als eine Art Lähmung für die Familie empfunden. Er sorgt zwar für deren Auskommen, aber niemand will etwas mit ihm zu tun haben. Erst als er zum Insekt wird, also schwächer, kommt Dynamik in die Familie. Mit seinem Tod findet vielleicht sogar eine Art Aufatmen statt.
    Ob Gregor für ein zu starkes Pflichtbewusstsein steht? Oder die Abhängigkeit vom Geld? Keine Ahnung. Vielleicht liege ich auch total daneben … 😉

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    1. Ich gebe zu, als ich die Geschichte in grauer Vorzeit zum ersten Mal gelesen habe, habe ich sie auch nicht verstanden. 🙂

      Aber wenn man sich mal die Zeit nimmt, länger über sie nachzudenken, kann man sie in verschiedenster Weise interpretieren. Deine Interpretation finde ich sehr spannend, ich denke mal drüber nach. 🙂

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  3. Vielen Dank für diese kurzweiligen Zeilen über schwere Kost!
    Was Grete angeht, so haben wahrscheinlich einige, die mit der Geschichte im Deutschuntericht gekämpft hat, das „Inzestmotiv“ im Kopf. Ich auf jeden Fall. Wahrscheinlich weil sich mir daas nie erschlossen hat. Daher möchte ich mich der Bitte hier noch einmal eindrücklich anschließen: Möge uns jemad über die Rolle Gretes aufklären. Meinetwegen auch, warum sie nun auf Gregor stehen soll, wenn das halt des Pudels Kern ist.

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