„Hinter der Nebelwand“ von Jörgen Bracker – Auf der Suche nach der „Nebelbraut“

Buch: „Hinter der Nebelwand“ (2011)

Autor: Jörgen Bracker

Verlag: Wachholtz

Ausgabe: Gebunden, 414 Seiten

Der Autor: Jörgen Bracker, Jahrgang 1936, ist ein deutscher Autor historischer Romane. Er studierte von 1958 bis 1965 Klassische Archäologie in Marburg, Kiel und Münster. Bis  1976 war er als Kustos bzw. Oberkustos am Römisch-Germanischen Museum in Köln tätig. Ab 1976 war er 25 Jahre lang Direktor und Professor des Museums für Hamburgische Geschichte.

2005 erschien sein erster historischer Roman „Zeelander“, in der Folge veröffentlichte Bracker mehrere weitere Werke dieses Genres.

Der Autor ist unter anderem Mitglied der Hamburger Autorenvereinigung. Im Zuge seiner schriftstellerischen Tätigkeiten war Bracker auch Mitglied im „Autorenkreis Historischer Roman Quo Vadis“, einem Zusammenschluss von zuletzt über 100 Autorinnen und Autoren aus dem Genre des historischen Romans. Im 2014 aufgelösten Autorenkreis war Bracker Organisator des Sir Walter Scott-Preises für den besten historischen Roman

Das Buch: Dithmarschen, 1911: Der Jungfischer Karl Theoder Behr, genannt „Flosse“, ist stolz und glücklich. Nachdem er einige Jahre in der Marine Dienst getan hat, bekommt er endlich die Möglichkeit, sich mit einem eigenen Fischkutter eine Existenz aufzubauen. Am Tage des geplanten Stapellaufs läuft dann allerdings nicht alles wie geplant. Bei der Schiffstaufe hält der Fischkonservenfabrikant Nonnenwort – Behrs Geldgeber – eine Rede in der er unter anderem die Verlobung seiner Tochter Marga mit Karl Theodor Behr bekannt gibt. Alles schön und gut, nur leider weiß Karl Theodor von seiner angeblichen Verlobung rein gar nichts und tut das auch laut kund. Das wiederum stößt Marga sauer auf, die glaubte, Behr sei einverstanden gewesen. Man trennt sich im Streit.

Einige Tage später kommt Behr am Morgen nach einem alkoholhaltigen Streifzug durch die Gemeinde mit fünf seiner ehemaligen Kameraden von der Marine an seinem Kutter an, um eine Pfingstfahrt mit ihnen zu veranstalten. Zu seinem Entsetzen muss er feststellen, dass von seinem Kutter weit und breit nichts zu sehen ist.

Behr leiht sich vom befreundeten Fischer Ohm ein Motorboot und macht sich auf die Suche nach seinem Schiff. Damit trifft er eine folgenschwere Fehlentscheidung, denn kurz darauf wird er tot im Motorboot aufgefunden, offensichtlich wurde er erschossen.

Der Arzt Dr. Frank Wittenborg wird mit der Autopsie beauftragt und später von den ermittelnden Behörden mit einigen Befugnissen ausgestattet, um bei der Suche nach dem Mörder wirksam helfen zu können. Sehr bald schon geraten immer mehr und mehr Verdächtige in Wittenborgs Fokus:

Haben seine ehemaligen Marinekameraden mit der Tat zu tun? Oder wie sieht es mit seinem Bestmann, dem jungen Erwin Rille aus? Möglicherweise war es aber auch eine Beziehungstat, weil seine Geliebte Elsbeth, die von Behr schwanger ist, die Sache mit der Verlobung nicht gut aufgenommen hat? Und welche Rolle spielt Fischkonservenfabrikant Nonnenwort bei den Ereignissen?

Fazit: Es gibt immer mal wieder Bücher, die ich wahrscheinlich nie gelesen hätte, wenn man sie mir nicht mitgebracht hätte. „Hinter der Nebelwand“ ist so eines. Spontan hätte das Buch auf mich den Eindruck gemacht, einer dieser unzähligen Lokal-Krimis zu sein, die seit einigen Jahren wie Pilze aus dem Boden schießen. Damit will ich gar nichts über die Qualität dieser Krimis gesagt haben, aber deren inflationäres Auftauchen schreckt mich dann doch etwas ab. Glücklicherweise ist „Hinter der Nebelwand“ etwas anders.

Bracker fängt die in Deutschland einige Jahre vor dem Ersten Weltkrieg in Teilen der Bevölkerung vorherrschende Stimmung der zunehmenden Ausländerfreindlichkeit sehr gut ein. Immer wieder trifft man auf Figuren die beispielsweise angesichts aus dem Osten zugezogener Arbeitskräfte etwas von „Verpolung der Dithmarscher Bevölkerung“ schwafeln, die behaupten „Die Bauern holen uns die Polacken als Fremdarbeiter ins Land und die nehmen uns die Mädchen weg“ und die warnen „Die Gefahr ist groß, dass unser gutes Dithmarscher Blut vergiftet, jawohl, vergiftet wird“. Harter Stoff, bei dem ich mir als Leser immer mal wieder dachte: „Das kann er doch jetzt nicht gesagt haben…“ Aber die Richtung in die die Stimmung in diesen Vorkriegsjahren in Deutschland geht, die gibt Bracker damit anschaulich wieder. Verweise auf Parallelen  zu heutigen Zeit verkneife ich mir ausnahmsweise mal…

Dabei werden immer wieder historische Fakten eingebaut, beispielsweise die Umtriebe des „Alldeutschen Verbandes“ oder der deutsche Auswanderer August Engelhardt, Begründer der Vereinigung „Sonnenorden – Aequatoriale Siedlungsgemeinschaft“ und Erfinder einer in höchstem Maße fragwürdigen Kokosdiät.

Auch in sprachlicher Hinsicht gibt Bracker das frühe 20. Jahrhundert – so weit ich das beurteilen kann – gut wieder, sei es durch Verwendung einiger fast vergessener Wörter – so habe ich das Wort „Pedell“ wahrscheinlich letztmals in Wedekinds „Frühlingserwachen“ gelesen – andererseits durch die gut geschriebenen Dialoge und ein oder zwei plattdeutsche Sätze.

Dr. Frank Wittenborg als ermittelnde Hauptfigur hebt sich dabei auch erfreulich von den heute geläufigen Mustern eines Ermittlers ab, die ja meistens desillusioniert, körperlich angeschlagen, manchmal alkoholkrank sind. Wittenborg dagegen ist ein Schöngeist, der gute Literatur ebenso zu schätzen weiß wie gute Musik und der auch selbst Klavier spielt. Man kann ihn mögen. 😉

Die Handlung teilt sich in zwei Stränge und wird durch einen personalen Erzähler aus Sicht Wittenborgs erzählt und weiß zu überzeugen. Allerdings fiel es mir hier bedeutend schwerer als in anderen Krimis, mitzuraten und mir selbst eine Vorstellung und Meinung zum Tathergang und zum Täter zu bilden. Ich weiß allerdings nicht, woran das liegt. 😉

Abschließend kann man sagen, dass „Hinter der Nebelwand“ ein sprachlich gelungener, spannender Krimi ist, der seinen besonderen Reiz vor allem für diejenigen Leser entfalten dürfte, die eine hohe Affinität zum ebenso hohen Norden, seinen Küsten und seiner Schifffahrt haben.

Wertung:

Handlung: 8 von 10 Punkten

Stil: 9 von 10 Punkten

Charaktere: 8 von 10 Punkten

Spannung: 8 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 8,25 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: Demnächst werde ich noch das eine oder andere Wort über „Schweig für immer“ von Linwood Barclay verlieren, bevor es dann mit „Die Entdeckung des Unendlichen“ von David Foster Wallace mal wieder mathematisch wird – im vollen Bewusstsein, dass mich Mr. Wallace möglicherweise etwas überfordert. 😉

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3 Kommentare zu „„Hinter der Nebelwand“ von Jörgen Bracker – Auf der Suche nach der „Nebelbraut“

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