„Stoner“ von John Williams – „Ach, Willy…“

Buch: Stoner (2015)

Autor: John Williams

Verlag: dtv

Ausgabe: Taschenbuch, 349 Seiten

Der Autor: John Williams war ein 1922 in Clarksville, Texas, geborener amerikanischer Autor und Herausgeber.Er wuchs im ländlichen Texas auf, seine Großeltern waren Farmer.

Williams meldete sich 1942 freiwillig zum Militär. In den folgenden zweieinhalb Jahren, die er in Indien und Burma verbrachte, entstand sein erster Roman „Nothing But the Night“, der 1948 veröffentlicht wurde.Im Folgejahr erschien der Gedichtband „The Broken Landscape“.

Im Anschluss an den Krieg schloss Williams ein Studium der Englischen Literatur ab, promovierte 1954 und erhielt ein Jahr später eine Assistenzprofessur an der Universität Denver. Dort lehrte er 30 Jahre lang.

Nach einem zweiten Gedichtband erschien 1965 sein College-Roman „Stoner“. Den größten literarischen Erfolg hatte Williams jedoch mit seinem nächsten und letzten Roman „Augustus“, welcher 1973 den „National Book Award“ für Belletristik erhielt.

Die letzten 35 Jahre seines Lebens war Williams mit seiner vierten Ehefrau verheiratet.

Er starb 1994 in Fayetteville, Arkansas.

Das Buch William Stoner wird 1891 in Missouri geboren. Seine Eltern bewirtschaften eine Farm. Im Alter von 19 Jahren beginnt er auf Anregung seines Vaters ein Studium der Agrarwissenschaften in Columbia.

Zu den eher nebensächlichen Seminaren, die Stoner an der Universität zu belegen hat, gehört auch ein Einführungsseminar in die englische Literatur bei Professor Arthur Sloane. In diesem Seminar passiert es nun, dass Stoner bei der Lektüre des 73. Sonetts von Shakespeare eine Art Erweckkungserlebnis hat: Er fühlt die Schönheit von Poesie und Literatur und seine Liebe zu ihnen.

Daher fasst er den Entschluss, das Studienfach zu wechseln und Literatur zu studieren. Nach seinem Abschluss bekommt er die Möglichkeit, an der Universität zu bleiben und zu unterrichten.

Bei einem gesellschaftlichen Anlass an der Universität lernt er die junge Edith Elaine Bostwick kennen und verliebt sich sofort in sie. Die beiden heiraten, doch Stoner ahnt nicht, dass diese Heirat nur der erste in einer endlosen Reihe von Schicksalsschlägen ist.

Fazit: Ich hatte neulich ein kurzes Gespräch über das manchmal auftauchende Phänomen, dass man Bücher geschenkt bekommt, über die man sich riesig freut – und die man dann aus unerfindlichen Gründen doch nicht liest. Halbe Ewigkeiten starren einen diese Bücher dann von Stapeln oder Regalen aus vorwurfsvoll an, bis man sie sich schließlich doch einmal vornimmt und sich anschließend meistens fragt, warum man sie bloß nicht schon früher gelesen hat.

„Stoner“ ist eines dieser Bücher. Eine ganz zauberhafte Person schenkte es mir im letzten Jahr zum Geburtstag, so langsam wurde es also dann doch mal Zeit, es zu lesen. An dieser Stelle einen herzlichen Dank an besagte ganz zauberhafte Person.

Zu Beginn des Buches fiel es mir außerordnetlich schwer, einen näheren Bezug zur Hauptperson William Stoner zu entwickeln. Er wirkte einfach irgendwie unsympathisch auf mich. Beispielsweise verhält er sich seinen Eltern gegenüber nicht gerade vorbildlich. Als sie ihn zum Abschluss seines Studiums besuchen, hat er ihnen noch immer nichts vom Wechsel seines Studienfachs erzählt. Am Vorabend vor der großen Entlassung hätte er nochmal die Gelegenheit gehabt, aber er schweigt, denn er „dachte an die lange Fahrt, die seine Eltern zurückgelegt, an die Jahre, in denen sie auf seine Rückkehr gewartet haben.“ (S.31) Dass sie möglicherweise gerade wegen dieser Jahre ein Recht darauf hätten, zu erfahren, was vor sich geht – geschenkt!

Außerdem bekommt er ihnen gegenüber irgendwie gönnerhafte Züge, so als mache ihn sein Literaturstudium zu einem besseren Menschen: „Dachte er an seine Eltern, schienen sie ihm beinah ebenso seltsam wie das Kind, das sie geboren hatten, doch empfand er für sie eine Mischung aus Mitleid und verhaltener Liebe.“ (s.24) Wie nett! Man beachte, dass das „verhalten“ vor „Liebe“ steht, nicht vor „Mitleid“…

Spätestens aber als Edith in sein Leben tritt, war es dann an mir als Leser, verhaltenes Mitleid mit William zu haben, denn dieses – Verzeihung – verzogene, hypochondrische, intrigante und heuchlerische Miststück hat er dann eben doch wieder nicht verdient. Stoner hat selbst bereits keine sonderlich hohe Meinung von sich; „er merkte, dass er sich selbst kaum etwas zu bieten hatte und dass es in ihm wenig gab, dass er finden konnte.“ (S. 51) Edith jedoch schafft es, aus ihm einen gänzlich indifferenten Verlierer zu machen!

Dabei sollte allen Beteiligten von Anfang an klar gewesen sein, dass es mit William und Edith nicht gut gehen konnte, hat er doch noch am Tage ihres Kennenlernens die Erkenntnis, „dass sie auf einander auf eine Weise fremd waren, die er nicht erwartet hätte; und er wusste, er hatte sich verliebt“ ((S.71) Das muss man nicht verstehen…

Auch, dass die beiden jungen Leute überstürzt heiraten, muss man nicht verstehen. Gut, Edith versucht aus dem elterlichen Gefängnis auszubrechen, in dem sie mit einer notorisch unzufriedenen Mutter und einem noch unzufriedeneren Vater geplagt ist, und Stoner ist – warum auch immer – eben verliebt. Dass das aber keine ausreichende Basis darstellt, wird bereits in der Hochzeitsnacht deutlich! Merke: Wenn sich die Braut nach dem ersten ehelichen Sex umgehend im Bad übergibt, deutet das darauf hin, dass irgend etwas nicht in Ordnung sein kann!

Und nicht nur zu Hause hat Stoner Ärger. An der Universität macht ihm sein Kollege Lomax wegen der Prüfungsergebnisse eines Studenten das Leben zur Hölle. Die beiden reden 20 Jahre lang kein Wort miteinander, aber Lomax sorgt dafür, dass der an der Uni inzwischen etablierte Stoner über Jahre wieder ausschließlich belanglose Einführungsseminare halten muss. Wie zu Hause so erträgt Stoner auch hier sein Schicksal stoisch.

Lediglich zweimal im Verlaufe der Schilderung seines Lebenswegs vermeint man, dass Stoner so etwas wie Glück verspürt. Einmal in der Zeit, in der er zu Hause seine Tochter aufwachsen sieht, für die er fast vollständig allein zuständig zu sein scheint – Edith ist häufig unpässlich –  und einmal als er sich in die Studentin Katherine verliebt und sie sich in ihn.

Am Ende seines Lebens blickt Stoner auf selbiges zurück und siedelt es in der Nähe vollständigen Scheiterns an. Aber, so sagt er sich: „Was hast du denn erwartet?“ (S. 345)

John Williams schrieb Stoner, wie eingangs erwähnt, bereits in den 6oer Jahren des vorigen Jahrhunderts. Und eigentlich ist es eine mittelschwere Schande, dass dieser Roman seinerzeit recht unbeachtet blieb, denn er ist wirklich gut!

So wie Stoner als Person – indifferent, zurückhaltend – so ist der Stil ebenso zurückhaltend. Williams schreibt keine komplizierten Satzkonstruktionen, benutzt kurze Sätze, beschränkt sich in seinen Beschreibungen auf das Wesentliche.

Die handelnden Personen sind, trotz meiner anfänglichen Fremdelei mit Stoner, ebenfalls gut gelungen. Über Edith könnte man wahrscheinlich eine wissenschaftliche Arbeit verfassen. Und auch Professor Lomax ist spannend gestaltet. So bleibt der tatsächliche Grund für seinen abgrundtiefen Hasse Stoner gegenüber eigentlich ungeklärt, wie so vieles andere in diesem Buch auch. Das regt zum eigenen Nachdenken an und nachdenken kann ja bekanntlich nie schaden.

Elke Heidenreich schrieb über „Stoner“: „Ein zutiefst menschliches Buch über einen zutiefst menschlichen Mann.“ Dem habe ich nichts hinzuzfügen!

Wertung:

Handlung: 8,5 von 10 Punkten

Stil: 9 von 10 Punkten

Charaktere: 9,5 von 10 Punkten

Atmosphäre: 9 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 9 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: Bevor ich mich demnächst wieder ein, zwei Büchern widmen werde, die mich aller Voraussicht nach recht stark (über-)fordern werden, möchte ich dann doch nochmal etwas Unkomplizierteres lesen,  was überhaupt nicht abfällig gemeint ist. Deshalb gibt es demnächst „“Hinter der Nebelwand“ von Jürgen Bracker, ein historischer Krimi.

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