„Sorck“ von Matthias Thurau

Buch: „Sorck“

Autor: Matthias Thurau

Verlag: Twentysix Self -Publishing-Verlag

Ausgabe: Taschenbuch, 250 Seiten

Der Autor: Matthias Thurau ist Autor und Bloggerkollege aus Dortmund. Seinem Debütroman „Sorck“ folgte der Gedichtband „Alte Milch“, unlängst gesellte sich zu der Liste der Veröffentlichungen „Das Maurerdekolleté des Lebens“ hinzu. Wer mehr über Autor und Werke wissen möchte, dem sei ein Besuch seines im Übrigen überaus lesenswerten Blogs „Papierkrieg“ empfohlen.

Das Buch: Martin Sorck steht an der Straße und betrachtet seine brennende Wohnung. Nur zwei Koffer und ein Kreuzfahrtticket bleiben ihm. Doch spätestens, als sich der erste Landgang als paramilitärische Übung entpuppt, droht auch der Urlaub zur Katastrophe zu werden. (Quelle: Klappentext)

Fazit: Ausnahmsweise muss ich meine Rezension mal mit einer Bitte um Verzeihung beginnen, nämlich bei Matthias Thurau persönlich. Als dieser mir das Rezensionsexemplar seines Buches zuschickte, war es hierzulande nämlich noch warm. Nun werden, je nach Region, einige einwenden, dass es doch gerade warm sei, aber ich meine das warm, das war, bevor es kalt wurde. Wer jetzt einwirft, dass es hierzulande ja niemals mehr wirklich kalt werde, gehört zur Kategorie Klugscheißer, denn ihr versteht mich schon. Es liegt jedenfalls ein ausgesprochen langer Zeitraum zwischen Zusendung des Buches und Rezension desselben. Das ist eigentlich für mich nicht üblich, soll nicht wieder vorkommen und ich gelobe Besserung.

Vor allem, nachdem sich herausgestellt hat, dass ich dieses schöne Buch schon längst hätte lesen sollen, denn es hat mir tatsächlich auf ziemlich vielen Ebenen gefallen.

Und das, obwohl man eine Dinge vergebens sucht, beispielsweise ein umfassendes Figurenensemble. Auch Dialoge sind lange Zeit rar gesät. Lediglich zwei wichtigere Nebenfiguren bekommen Namen, Hintergrundgeschichte und Sprechrolle, im Vordergrund steht hinsichtlich der Charaktere aber eindeutig Martin Sorck selbst. Und das schon zu Beginn ganz buchstäblich, nämlich im Vordergrund seines brennenden Hauses, später dann im Vordergrund der Geschichte selbst. Und ja, zugegeben, der Titel des Buches deutet auch darauf hin.

Und dieser Martin Sorck ist eine wunderbar vielschichtig gestaltete Person. Sorck ist ein Mann, der sich auf einer Sinnsuche befindet, der zurückgezogen von anderen Menschen und der Welt gelebt hat. Jemand, der jedoch Strukturen im Leben braucht, weswegen er nahezu zwanghaft begonnen hat, Listen über alles zu führen, was er so den ganzen Tag über tut. All das in vollständiger oder vorgeschobener Überzeugung der Tatsache, irgendwann einmal im Leben etwas wirklich Bedeutsames zu vollbringen, sei es die Veröffentlichung eines Buches, eine wissenschaftliche Entdeckung oder ähnlich Weltbewegendes, was zwingend eine Biografie Sorcks nötig machen wird und etwaige zukünftige Biografen werden ihm dann danken für die Existenz zahlloser Listen aus denen vermeintlich hervorgeht, welche Art Mensch er denn nun ist, so Sorcks Denkweise.

Nun steht der besagte Protagonist ja bereits vor den noch fackelnden Trümmern seiner Existenz, ist seines Kokons beraubt und gezwungen, sein Leben neu zu überdenken und sich auf die Suche nach Sinn und Bedeutung desselben zu machen.

Und diese Reise auf der „SSCF Aisha Harmonia“ gerät dann auch zu einer Art Sinnsuche, einer Suche nach Halt, Stabilität und Bedeutung im Leben und des Lebens an sich.

Und auch der Leser geht auf eine Art Suche, zumindest ging es mir so. Nämlich auf die Suche nach den Hintergründen des Protagonisten und der Antwort auf die Frage, wie Sorck wurde, was er wurde. Ich persönlich habe mich auf eine nahezu kindliche Art und Weise gefreut, wenn ich wieder mal auf so etwas wie einen Hinweis stieß, der mich Sorck besser verstehen ließ. So verläuft sich der Protagonist auf der Suche nach einer bestimmten Bar – er trinkt wirklich, wiiirklich viel – mehrmals auf dem Schiff, was sicherlich als Verdeutlichung der Sinnsuche, auf der er sich befindet, verstanden werden kann. Als weiteres Beispiel kann wohl auch genannt werden, dass er während dieses Herumirrens in einem Raum festsitzt, den er nur auf dem Weg verlassen kann, auf dem er ihn betreten hat, weswegen er an eine Fensterscheibe hämmert, um eine vorbeigehende Familie auf sich aufmerksam zu machen. Bezeichnend ist hierbei sicherlich, dass nur die Mutter der Familie auf sein Hämmern aufmerksam wird, ihn letztlich aber ignoriert und lieber den Lippenstift nachzieht.

Solche Hinweise, die für mich darauf hindeuten, dass Sorck in seiner Kindheit und Jugend innerhalb der Familie, sagen wir mal „unschöne“ Erfahrungen hat machen müssen, gibt es noch mehrere, die aber naturgemäß nicht alle genannt werden sollen, denn ein bisschen Eigenleistung der Leserschaft muss ja nun auch sein … Zumal ich sicher bin, noch längst nicht alle Hinweise gefunden zu haben, die den Hintergrund der Figur Sorck beleuchten. Klar und unverstellt wird über sein vorheriges Leben – außer hinsichtlich der erwähnten Listen – jedenfalls nahezu nichts gesagt.

Wenn ich jetzt nur noch wüsste, welche Bedeutung die Geschichte der russischen Reiseleiterin hat …

Auch stilistisch bzw. sprachlich ist „Sorck“ ein reines Vergnügen. Das beginnt bei solchen Einfällen wie dem, die Hauptfigur immer mit einem anderen, neuen Substantiv zu bezeichnen, so wird aus dem „Bootsmann Sorck“ mal „Lebenszweckentfremdeter Sorck“ und mal der „Trümmerexistenzler Sorck“, geht über die Tatsache, dass bei zwei aufeinanderfolgenden Sätzen schon mal die Themen Wrestling und griechische Gottheiten zusammentreffen können, über so schöne Sätze wie „Ich vertraue auf Ihre Adaptabilität, Herr Sorck, und hoffe notfalls auf Akkomodation“ (S. 30) und endet noch lange nicht bei dem charmanten Einfall, eine Bar an Bord des Schiffs „Fubar“ zu nennen, was einerseits für „fucked up beyond all recognition“ stehen könnte und somit ziemlich passend wäre, und mir andererseits aus irgendeinem Antikriegsfilm bekannt ist, dessen Titel mir jetzt schon seit Tagen partout nicht einfallen möchte. Vielleicht „Der Soldat James Ryan“?

Was Thuraus Roman überdies ausmacht, das sei abschließend noch gesagt, ist die Tatsache, dass man ihn auch dann gut lesen kann, wenn man zu all der Deuterei, der Spurensuche hinsichtlich der Hauptfigur und überhaupt zu allem Denken jenseits der eigentlichen Handlung keine Lust hat, was ja auch absolut legitim ist. Denn abseits all dessen liest sich „Sorck“ als böse Satire, eigentlich schon eher als eine Groteske auf den modernen Massentourismus, bei dem ja mittlerweile wirklich Armeen von Touristen über einstmals abgelegene Ziele hereinbrechen wie sie Passagiere der „SSCF Aisha Harmonia“ über das arme Tallin.

Geblieben ist in Summe ein sehr unterhaltsames Leseerlebnis, das ich wärmstens empfehlen kann.

Wertung:

9 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Nagel im Himmel“ von Patrick Hoffmann.

4 Kommentare zu „„Sorck“ von Matthias Thurau

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