„Nagel im Himmel“ von Patrick Hofmann

Buch: „Nagel im Himmel“

Autor: Patrick Hofmann

Verlag: Penguin

Ausgabe: Hardcover, 300 Seiten

Der Autor: Patrick Hofmann, geboren 1971 in Borna, studierte Philosophie, Germanistik und Geschichte in Berlin, Leipzig, Moskau und Straßburg und promovierte über Husserls Theorie der Beschreibung. Für sein Debüt »Die letzte Sau« wurde er 2010 mit dem Robert-Walser-Preis ausgezeichnet. »Nagel im Himmel« ist sein zweiter Roman. Patrick Hofmann lebt in Berlin. (Quelle: Random House)

Das Buch: Die Zahlen sind Olivers Zuflucht. Die Mutter ist schon kurz nach seiner Geburt im Sommer 1989 aus der sächsischen Kleinstadt abgehauen, der Vater straft ihn mit Gleichgültigkeit. Mit siebzehn erfährt Oliver zum ersten Mal Anerkennung, als er bei der Mathematik-Olympiade in Montreal eine Auszeichnung erhält. Danach ist alles anders – und doch nichts besser. Zwar werben die angesehensten Institutionen um ihn, und er kann sich seinen Wunsch erfüllen: am größten Problem der Mathematik, dem Geheimnis der Primzahlen, zu arbeiten. Doch diese Aufgabe treibt ihn in die Abgründe seiner Existenz. Bis ihn die Physikerin Ina aus seiner Einsamkeit rettet. (Quelle: Random House)

Fazit: Hofmanns Protagonist Oliver Reuß hat es nicht immer leicht. Geboren im letzten Sommer der DDR wird er, als Resultat dessen, was man heute einen One-Night-Stand nennen würde, von seiner Mutter, die kein Interesse an ihm zu haben scheint, an seinen Vater abgegeben, dessen Interesse an dem Jungen aber auch nicht nennenswert höher ist. So lässt ihn sein Vater durchaus schon mal in der Wiege mehrere Stunden auf dem Balkon stehen und schreien, während er selbst in der Kneipe erst mal ein paar Bierchen zischt. Aufgezogen wird der junge Oliver daher in erster Linie von seiner Großmutter.

Kein Wunder eigentlich, dass der junge Oliver auf diese Weise intensive Bindungsängste entwickelt, keinen Anschluss findet, lange Zeit auch keinen Anschluss finden will und lieber allein bleibt.

So flüchtet er sich mit allem, was er hat, in die Mathematik, für die er ein außerordentliches Talent an den Tag legt, und die ihm augenscheinlich mit ihrer Logik den Halt und die Stabilität vermittelt, die er in seiner Familie nicht bekommen konnte.

Und Patrick Hofmann schildert die Lebensgeschichte seines Protagonisten in mehrerer Hinsicht auf ziemlich großartige Weise.

So wäre hier allen voran der Stil zu nennen. Dem Autor gelingt es, seine Figuren mit einer, je nach Umfeld, in dem sie leben, ganz charakteristischen Redeweise zu versehen. Insbesondere Olivers Mutter fällt durch einen sehr passenden, restringierten Code auf, der mich an irgendwas von Franz Xaver Croetz aus dem Deutsch-LK erinnert, ohne zu wissen, an was. Gleiches gilt in ähnlicher Form für seinen Vater. Allein durch die charakteristische Sprache einzelner Figuren hat man den Eindruck, es abseits der Geschehnisse rund um den Protagonisten phasenweise mit einer Milieu-Studie zu tun zu haben. Zwar sorgt all das, und ganz besonders die Verschriftlichung des sächsischen Dialektes, dafür, dass sich „Nagel im Himmel“ nicht immer einfach lesen lässt und man schon mit einer gewissen Aufmerksamkeit an die Sache herangehen sollte, aber gerade das machte für mich unter anderem den Reiz des Buches aus.

Hofmanns Protagonist steht dem Stil des Buches in wenig nach. Allein durch seine Vorgeschichte, durch die Informationen darüber, wie Oliver aufwuchs, entwickelt sich bei der Leserschaft ein intensives Verständnis für Hofmanns Hauptfigur, verbunden mit dem Wunch, das alles für ihn gut werden möge. Die Nebenfiguren spielen nur eine vegleichsweise untergeordnete Rolle, was auch völlig in Ordnung ist, und eigentlich wünscht man sich, dass Oliver einigen davon auch mal gesagt hätte: „Es geht hier jetzt auch einmal um mich, und nicht um euch, verdammt.“ Hat er aber nicht.

Und inhaltlich? Hierzu könnte ich unfassbar viel sagen, hätte alsbald vieles davon erzählt, was das Buch ausmacht, sowie seine komplette Handlung. Um dem entgegen zu wirken, sage ich mal: Vordergründig geht es um Mathematik. Und zwar um komplizierte, Mathematik, der Protagonist wendet sich nämlich im späteren Verlauf dem Beweis der Riemannschen Vermutung zu. Und diese Riemannsche Vermutung, so habe ich mir sagen lassen, gehört zu den sogenannten „Millenium-Problemen“, sieben ungelösten Fragen der Mathematik, die das Mathematische Institut der Uni Cambridge (Massachusetts) am Anfang dieses Jahrtausends veröffentlichte, und für die es Preisgelder in Höhe von jeweils einer Million Euro pro mathematischem Beweis auslobte. Meines Wissens wurde mit der Poincaré-Vermutung (was immer sie auch besagt) bislang erst eines dieser Probleme gelöst. Mithin scheint die Riemannsche Vermutung für Mathematiker so zu sein, als würde man als Bergsteiger den Mount Everest bezwingen wollen – auf einem Bein und ohne zu atmen.

Nun kann ich nicht behaupten, auch nur irgendwas der mathematischen Bestandteile der Handlung begriffen zu haben. Und ich habe es versucht! Irgendwo war eine etwa sechsseitige Erläuterung dahingehend zu finden, was die Riemannsche Vermutung denn nun ist, und was sie besagt, und bis etwa zum ersten Drittel der ersten Seite fühlte ich mich dem Inhalt auch gewachsen …

Segenswerterweise muss man davon allerdings auch nichts verstehen, um Vergnügen mit Hofmanns Roman zu haben, denn hintergründig, hinter der Mathematik, geht es um so viele andere Dinge. Hinter dieser Fassade ist „Nagel im Himmel“ beispielsweise eine Coming-Of-Age-Geschichte, eine Geschichte darüber, sich von den Dämonen seiner Vergangenheit zu lösen, sich nicht von Menschen, die einstmals einen negativen Einfluss auf uns ausübten den Lebensweg versauen zu lassen, davon, nicht alle Verantwortung für eigenes Scheitern diesen Menschen zuzuschustern, sondern sein eigenes Ding durchzuziehen, seine eigene Persönlichkeit zu entwickeln und zu sein und noch so viel mehr.

Dabei mag der Eindruck entstehen, „Nagel im Himmel“ sei in erster Linie ein tragisches Buch, und phasensweise stimmt das auch. Aber es vermittelt halt immer wieder auch etwas Positives, Hoffnungsvolles. Und es hat vor allem diese eine Szene, in der sich Olivers trinkfeste Familie zu einem der unzähligen Feste versammelt, die sie so feiert und bei dem man diese zum Zeitpunkt der Handlung neumodischen Kaffeevollautomaten beklagt, die unfassbar lange brauchen, um für alle Anwesenden eine Tasse Kaffee zu machen, während man früher einfach eine große Kanne Kaffee aufgesetzt hätte und fertig. In der Folge beschäftigen sich die männlichen Familienmitglieder dann damit, Wetten darauf abzuschließen, wann der Kaffeevollautomat seinen Geist aufgibt und lassen ihn erbarmunglos eine Tasse Kaffee nach der anderen kochen, bis aus der Maschine „ein flehentliches Falsett“ (S. 91) ertönt. Ich hab schon lange beim Lesen keine Tränen mehr gelacht, hier allerdings schon. Man muss vielleicht dabei gewesen sein, aber wer das manchmal kindliche Verngügen von Männern kennt, Dinge kaputtzumachen oder aber etwas auseinanderzubauen, um es dann nie wieder zusammenzusetzen, dürfte an der Stelle Spaß haben. :-)

Kurz: Hofmanns preisgekröntes Debüt „Die letzte Sau“ ging seinerzeit an mir vorbei, was allerdings sicherlich kein Dauerzustand mehr sein wird. Und auch seinem Nachfolge-Roman wünsche ich eine möglichst große Leserschaft.

Wertung:

Handlung: 9 von 10 Punkten

Charaktere: 8,5 von 10 Punkten

Stil: 9,5 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 9 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Kein Freund außer den Bergen“ von Behrouz Boochani ooooder „Im Westen nichts Neues“. Mal schauen.

8 Kommentare zu „„Nagel im Himmel“ von Patrick Hofmann

  1. Die Riemannsche Vermutung ist leicht zu verstehen, aber noch nie verifiziert worden: Man nimmt z.B. das Intervall der ersten 1000 aufeinanderfolgenden natürlichen Zahlen (also die Zahlen von 1-1000) und zählt mal nach, wie viele davon Primzahlen sind, dann macht man dasselbe mit dem nächsten Intervall (also 1001 bis 200) und stellt fest, die Anzahl der Primzahlen ist im zweiten Intervall kleiner. Wenn man das so weiter macht, stellt man dasselbe bei jedem höhren Intervall fest. Also könnte man vermuten, dass es bei weiter abnehmenden Anzahlen von Primzahlen irgendwo in einem ganz hohen Intervall gar keine Primzahlen mehr gibt. Das liegt nahe, aber man kann es wie Riemann nur vermuten, aber nicht beweisen. Und man muss auch schon ziemlich bekloppt sein, um das beweisen zu wollen. Siehe auch Fermats letzter Satz, das ist ähnlich bekloppt, aber wirklich bewiesen: a^n+b^n=c^n gilt nur für n= 0, 1 oder 2 (Pythagoras). Völlig nutzlos, aber schön.

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    1. Über Fermat habe ich seinerzeit „Fermats letzter Satz“ von Simon Singh gelesen, aber auch nicht vollumfänglich verstanden. Also, den Beweis als solchen meine ich, den Satz selbst schon. :-)

      Wenn man die Riemannsche Vermutung so einfach wie hier – übrigens vielen Dank dafür – so simpel für Laien zusammenfassen kann, dann frage ich mich, wie im Bereich der Mathematik so oft, warum man das nicht einfach tut. sondern dem Unkundigen irgendwelche Begriffe wie Nullstellen von Zeta-Funktionen vor die Füße wirft.

      Gefällt 1 Person

  2. Bei der Schilderung des Protagonisten kam mir ganz spontan in den Sinn, dass Oliver autistische Züge aufweist. Da ich selber Asperger Autistin bin, kommt dieses Buch ganz sicher auf meine Leseliste, obwohl ich von Mathematik so viel Ahnung hab wie eine Kuh vom Autofahren…

    Gefällt 1 Person

    1. Ungefähr so viel Ahnung davon habe ich auch, aber das tut der Sache keinen Abbruch. :-) Inwieweit der Protagonist autistische Züge aufweist, kann ich nicht seriös beurteilen, da ich ind er Hinsicht ebenfalls keine Ahnung habe. Es mag aber durchaus sein.

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    1. Ach, das Sächsische beschränkt sich auf eine Handvoll Szenen, in denen die Großeltern sprechen, manchmal auch noch die Eltern, dann aber schon in abgeschwächter Form. Der Protagonist befleißigt sich eines möglichst reinen Hochdeutschs. :-) Außerdem gibt es schlimmere Dialekte. Na ja, ein paar. :-)

      Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass Dir das Buch gefallen könnte. Ich sags nur mal so …

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