„Ostfriesenblut“ von Klaus-Peter Wolf

Buch: Ostfriesenblut

Autor: Klaus-Peter Wolf

Verlag: Fischer

Ausgabe: Taschenbuch, 327 Seiten

Der Autor: Klaus-Peter Wolf, 1954 in Gelsenkirchen geboren, lebt als freier Schriftsteller in der ostfriesischen Stadt Norden, im selben Viertel wie seine Kommissarin Ann Kathrin Klaasen. Wie sie ist er nach langen Jahren im Ruhrgebiet, im Westerwald und in Köln an die Küste gezogen und Wahl-Ostfriese geworden. Seine Bücher und Filme wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Bislang sind seine Bücher in 26 Sprachen übersetzt und über zwölf Millionen Mal verkauft worden. Mehr als 60 seiner Drehbücher wurden verfilmt, darunter viele für »Tatort« und »Polizeiruf 110«. Der Autor ist Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland. (Quelle: Fischer)

Das Buch: Ann Kathrin sah es schon von weitem. Vor ihrer Haustür lag etwas, das aussah wie ein Sack. Ein Leichensack! Für einen winzigen Moment hoffte Ann Kathrin, dass sich jemand einen dummen Scherz erlaubt hatte. Doch dann sah sie die Wangenknochen einer Frau. Einer toten Frau.

Die Tote, Regina Orth, ist keines natürlichen Todes gestorben, obwohl im Totenschein „Tod durch Herzversagen“ angegeben wurde. Doch noch während Kommissarin Ann Kathrin Klaasen im Umfeld der Toten ermittelt, erhält sie Hinweise auf das nächste Opfer des Mörders.

Offenbar ist sie Teil eines Spiels, dessen Regeln sie noch nicht kennt. (Quelle: Fischer)

Fazit: Wann immer ich Klaus-Peter Wolf im Fernsehen sehe, Interviews mit ihm lese oder sonstwie mit ihm konfrontiert werde, gelange ich zu dem Schluss, dass es sich bei ihm um einen wirklich sympathischen Zeitgenossen handeln muss. Wenn man dann noch von einer ganz zauberhaften Person des eigenen Umfelds die Anregung bekommt, Wolfs Krimireihe um Ann-Kathrin Klaasen zu lesen und darin auch von verschiedenen Leserinnen (Männer diesmal nicht mitgemeint) meines Blogs darin bestärkt wird, dann ist es nur umso verständlicher, dass ich mir den zweiten Fall von Wolfs Ermittlerin als Lektüre ausgesucht habe.

Und das obwohl ich seinerzeit mit dem ersten Teil doch so meine Probleme hatte, was wohl auch die lange Zeit von ziemlich genau drei Jahren zwischen der Lektüre beider Bücher erklärt.

Und auch im vorliegenden Fall bzw. Buch stolpere ich immer wieder über Dinge, die mir so gar nicht gefallen. Nimmt man die Thriller-Edition des Bullshit-Bingos zur Hand, die die geschätzte Bloggerkollegin Elli anlässlich des kürzlich vergangenen Welttags des Buches auf ihrem wortmagieblog veröffentlicht hat und die solche Kriterien wie „Kapitel aus Sicht des Mörders“, „nimmt den Fall persönlich“ oder auch „traumatisiert“ enthält, und unterzieht „Ostfriesenblut“ einer entsprechenden Überprüfung, dann gelangt man zum Ergebnis, dass für elf der dort genannten 20 Begriffe gilt: Check! Für vier ein klares jein, ein nein in lediglich fünf Fällen.

Aber das allein ist es nicht.

So habe ich, wie bereits im ersten Band, weiterhin Probleme mit den Charakteren. Ann Kathrin Klaasen erfüllt weiterhin viele Kriterien der von mir so oft gescholtenen desillusionierten Ermittlerfiguren aus zerrütteten Familien, die man in skandinavischen Krimis so findet, aber das soll uns an dieser Stelle mal nicht weiter beschäftigen. Denn viel mehr Ärger bereiten mir in „Ostfriesenblut“ die Nebenfiguren.

Es schadet nicht, Ermittler und Nebenfiguren mit chrakteristischen Merkmalen oder Handlungsweisen auszustatten, damit man sie im Folgenden einfach besser zuordnen kann. Als Paradebeispiel für eine gut gelungene derartige Ermittlerfigur soll hier mal Wilderich Große Jäger aus den Krimis von Hannes Nygaard gelten, der allein aufgrund seines Äußeren, seines Auftretens so markant wirkt, dass ich jetzt nicht mal den Namen googeln musste obwohl die letzte Lektüre eines Nygaard-Krimis Jahre zurückliegt.

Klaus-Peter Wolf bevölkert seine Krimis allerdings, wenn nicht mehrheitlich, dann aber wenigstens zu guten Teilen, mit Charakteren voller Handlungsweisen und Marotten, die bestenfalls als befremdlich gelten und für hochgezogene Augenbrauen sorgen können. Hier sei Klaasens Kollege Frank Weller genannt, der die Angewohnheit hat, dauernd in Kartenspiel- bzw. Skat-Bildern zu reden. „Man muss das Blatt spielen, das man auf die Hand bekommt. Man kann nicht immer nur jammern und auf bessere Karten warten.“ (S. 39) Oder auch: „Äi, Schluss jetzt. Du überreizt dein Blatt, Rupert. Andere Leute haben auch Trümpfe in der Tasche.“ (S. 57).

Es mag mir exklusiv so gehen, aber ich empfinde das doch eher als sehr gekünstelt, als zu gewollt und insgesamt als befremdlich und würde Personen meines Umfeldes, die so sprechen, vermutlich fragen, ob sie am Äther genascht haben. Ähnlich befremdlich finde ich übrigens das „Äi“, mit „ä“ und „i“, aber das verbuche ich unter schriftstellerische Freiheit.

Und da wir gerade beim oben angesprochenen Rupert waren: Der Kollege zeichnet sich in erster Linie durch eine bemerkenswerte Inkompetenz aus und überrascht – übrigens schon im ersten Teil – mit Ideen, die logisch nur schwer herleitbar sind. Demgegenüber werden vollkommen nachvollziehbare Ermittlungsansätze von Ann Kathrin Klaasen, ich überspitze mal bewusst, dargestellt wie die Entdeckung des Penicillins.

Stilistisch hinterlässt „Ostfriesenblut“ den gleichen Eindruck wie der erste Teil. Irgendwie emfpinde ich die Bücher sprachlich manchmal als holprig, generell aber als sehr salopp formuliert und wenig fordernd für den Leser. Das mag für einen Krimi hilfreich sein, aber sollte kein Merkmal des Genres darstellen.

Dem allen gegenüber steht aber die Tatsache, dass „Ostfriesenblut“ rein auf die Handlung bezogen richtig gut gelungen ist. Klaasen ermittelt in einem spannenden Kriminalfall, der in sich logisch ist und sowohl hinsichtlich der Täterschaft sowie des Motivs überzeugend dargestellt wird, auch wenn er diesbezüglich nicht gerade Neuland betritt, aber das kann man unmöglich von jedem Buch erwarten.

Wer also an diesem spannenden Kriminalfall Spaß haben könnte und dabei in erster Linie über teils nervig-skurrile Charaktere hinwegsehen kann, dem kann ich „Ostfriesenblut“ empfehlen. Und da die wichtigsten Ereignisse in der Entwicklung von Wolfs Ermittlerfigur aus dem Reihenauftakt auch nochmal kurz angesprochen werden, könnte man sogar mit diesem Band relativ problemlos in die Reihe starten.

Wertung:

Handlung: 8,5 von 10 Punkten

Charaktere: 5,5 von 10 Punkten

Stil: 7 von 10 Punkten

Spannung: 8 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 7,25 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Frohe Botschaft“ von Walter Wüllenweber.

3 Kommentare zu „„Ostfriesenblut“ von Klaus-Peter Wolf

  1. Die Qualität der Fälle lässt nicht nach, nur die Aufklärung an sich, quasi der Schluss ist manchmal oder genau genommen in einem Fall sehr an den Haaren herbeigezogen. Gerade bei einem Fall, wo ich echt dachte, wow, harter Tobak, wie will sie den jetzt kriegen! Und dann kam ein völlig abstruses Ende. Ich möchte nicht spoilern, aber das war echt…merkwürdig.
    Bei den Kriminalfällen an sich überzeugt K.P.Wolf nach wie vor, sonst hätte ich die Serie nicht mehr weiter gekauft. Auch sind hier Fälle dabei, wo ich mich auch bei ihm frage: ist die Menschheit echt so krank inner Birne, oder muss der Autor so eine perfide Phantasie haben? Um dann auch zu denken: hätte ich als Partnerin bei so einer Phantasie nicht irgendwann mal Angst, dass er darüber nicht nur schreiben möchte?
    Andererseits: ich lese sowas. Macht dies jetzt meinem Kerl u. U. auch Angst? ;)

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  2. Ich oute mich mal als eine der Leserinnen, die inzwischen auch den aktuellsten Band gelesen haben. Inzwischen drücke ich es mal so aus: Ja, die Figur der Klaasen ist mehr als gewöhnungsbedürftig und ihr nicht gerade gelinder „Hau“ in Bezug auf ihren Vater nervt auch in den Folgebänden. Weller bekrabbelt sich, oder ich habe mich inzwischen schon so dran gewöhnt, dass die Kartensprüche nicht mehr auffallen. Wer „Wilsberg“ guckt, weiß um die Figur des Partners der Kommissarin. Da ist Fremdschämen genauso angesagt wie bei Rupert. Inzwischen gehört er einfach nur dazu und man würde was vermissen, wenn seine Machosprüche und Ansichten aus dem vorigen Jahrhundert nicht kämen.
    K.P. Wolf hat aber zwischendurch auch den einen oder anderen Fall mal eben so „hingerotzt“, denn bei dem einen oder anderen Ende fragt man sich ernsthaft, ob er dies jetzt wirklich ernst meint. Denn die Überführung des einen oder anderen Täters ist da echt manchmal so, als wäre ihm beim besten Willen nicht eingefallen, wie man das Buch zu Ende bringen kann und dann nimmt er etwas völlig absurdes.
    Doch inzwischen kann ich sagen, man hat sich daran gewöhnt und nimmt vieles nicht mehr so ernst. Wenn man so daran geht, weitere Bände zu lesen, macht es auch wieder Spaß und ist kurzweilig.

    Völlig psychologisch abgehoben ist sein Ausflug zu Dr. Sommerfeld. Den ersten Band kann man noch lesen, beim 2. nimmt das dermaßen Formen an, dass ich nicht mehr weiterlesen konnte. Und manches Mal echt nur dachte: Junge spring‘ doch! Da es einen 3. und letzten Band gibt, hat er dies wohl nicht getan, aber da ich nicht weiß, wann ich verzweifelt genug sein werde, um mich mit dem Gelaber auseinanderzusetzen, werde ich es wohl eher nie erfahren, wie er dies jetzt enden lässt.

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    1. Outen würde ich das nicht nennen, es soll doch bitte jede lesen, was sie möchte. :-)

      Aber ja, dieser „Hau“ ist schon bemerkenswert nervig und deutet außerdem darauf hin, dass Frau Klaasen auch nicht ganz so gesund ist … Und was Weller und Rupert angeht, so trifft es Fremdscham schon ganz gut, das Problem ist nur: Ich habe wenig bis keine Lust, Bücher zu lesen, bei denen ich mich fremdschämen muss.

      Wenn Du jetzt noch sagst, dass in Zukunft teilweise auch die Qualität der Fälle nachlässt, die mich wenigstens ja in beiden ersten Bänden überzeugt hat, dann bin ich mir ziemlich sicher, dass ich die Reihe wohl doch nicht mehr weiterlesen werde.

      Da ist einfach zu viel dabei, das man akzeptieren, woran man sich gewöhnen und worüber man hinwegsehen muss. All das könnte ich, wenn es sich um herausragende Vertreter des Genres handelte, vielleicht noch tun, nur sind sie es, bei allem Respekt, eben nicht.

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