„Der Angstmann“ von Frank Goldammer – Ein bisschen wie Tom Rob Smith

Buch: „Der Angstmann“ (2016)

Autor: Frank Goldammer

Verlag: dtv

Ausgabe: Broschiert, 334 Seiten

Der Autor: Frank Goldammer ist ein 1975 in Dresden geborener Autor. Der gelernte Maler- und Lackiermeister begann mit Anfang 20 zu schreiben und verlegte seine ersten Bücher im Eigenverlag. Mittlerweile hat Goldammer unter anderem drei erfolgreiche in Dresden um um Dresden herum spielende Regionalkrimis geschrieben.

Goldammer arbeitet in seinem eigenen Handwerksbetrieb, ist alleinerziehender Vater von 8-jährigen Zwillingen und schreibt in den späten Abend- und frühen Nachtstunden Bücher. Puh!

Mit dem gleichnamigen putzigen Singvogel aus der Familie der Emberizidae hat der Autor ansonsten recht wenig gemein, sondern entspricht eher einer sympathischen Version des Typs „Menschen-die-man-gerne-als-Begleitung-hat-wenn-man-nachts-auf-dem-Heimweg-von-Idioten-dumm-angequatscht-wird“. 😉

„Der Angstmann“ ist der erste Roman rund um die Erlebnisse des Kriminalinspektors Max Heller. Die Reihe wird fortgesetzt, der nächste Band erscheint im Herbst 2017.

Das Buch: Dresden, 1944: Max Heller ist Kriminalinspektor in Dresden. Im November des letzten Kriegswinters wird Heller zum Schauplatz eines Verbrechens gerufen. In einem alten Ruderhaus wird die grausam zugerichtete Leiche der Krankenschwester Klara Bellmann  aufgefunden.

Heller beginnt seine Ermittlungsarbeit, dabei werden ihm allerdings immer wieder Steine in den Weg gelegt. Sei es durch seinen Vorgesetzten Klepp, einen SS-Obersturmbannführer, der von Polizeiarbeit nicht das Geringste versteht, den Fall gerne umgehend zu den Akten legen würde und der auch sonst eher über die gerade begonnene Westoffensive und den damit zusammenhängenden Versuch, „den letzten Dolchstoß ins Herz unserer Gegner durchzuführen“ schwadroniert. Sei es durch die begrenzten Mittel, die der Polizei gegen Kriegsende nur noch zur Verfügung stehen. Oder sei es durch die Gerüchte in der Bevölkerung, der sogenannte „Angstmann“ gehe in der Stadt um und sei für den Mord verantwortlich.

Als eine weitere Frauenleiche auftaucht, die in einem ähnlichen Zustand ist wie die erste, verstärkt Heller seine Bemühungen noch, den Mörder ausfindig zu machen. In der schicksalshaften Bombennacht vom 13. Februar 1945 ist er ihm schließlich dicht auf den Fersen…

Fazit: Im Grunde genommen habe ich es nicht mehr so mit diesen „Mord-und-Totschlag-Büchern“, in denen immer ein Serienmörder auftaucht und deren Klappentexte generell Formulierungen wie „bestialisch“, „grausam zugerichtet“, „Bild des Grauens“ oder auch gerne mal „Ritualmord“ enthalten.

Im vorliegenden Klappentext sind aber weder diese Formulierungen enthalten noch ein klarer Hinweis auf die Serientäter-Thematik. Und das ist auch gut so, denn sonst hätte ich „Der Angstmann“ vielleicht im Regal stehen lassen. Und das wiederum wäre schade gewesen!

Um aus einem einzelnen Krimi eine Reihe zu machen, braucht man einen guten Protagonisten. Und dieser ist Frank Goldammer mit Max Heller gelungen. Heller ist im Grunde ebenso prinzipientreu wie sein Vorgesetzter Klepp, nur sind die Prinzipien andere. Heller war nie Mitglied der NSDAP, kann dem NS-Regime auch sonst nicht wirklich etwas abgewinnen. Nur sein Einsatz im Ersten Weltkrieg, in dem Heller schwer verwundet und traumatisiert wurde, schützt ihn vor Repressalien.

Bei aller Prinzipientreue bleibt Heller für den Leser dennoch irgendwie unnahbar, manchmal auch nur schwer nachvollziehbar, ordnet er der Mordermittlung doch öfter alles unter, auch seine Frau, die er ansonsten eigentlich innig liebt. Die Figur erschloss sich mir als Leser also nicht in vollem Unfang. Da der Autor aus diesem Krimi eine Reihe macht, ist das allerdings nur zu verständlich. Nichts wäre langweiliger, als wenn man den Protagonisten schon nach Teil 1 auswendig kennt und dann noch 9 weitere Teile erscheinen würden. 😉

Auch in sprachlicher Hinsicht konnte mich „Der Angstmann“ überzeugen. Die Ereignisse der Bombennacht im Februar 1945 werden auf beeindruckende aber auch bedrückende Art und Weise geschildert. Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir dabei die Figur eines etwa 12 Jahre alten Jungen, der zum „Deutschen Jungvolk“ gehört und der in der Bombennacht angesichts des Verlustes seiner Mutter sowie des brennenden Chaos´ um sich herum Heller verzweifelt fragt: „Warum machen die das denn?“ „Warum mach´n die´n das? Diese Schweine, was ham wir denen denn getan?“ (S. 175 und 176)

Ohnehin ist die Atmosphäre, die Goldammer erzeugt, das große Plus des Buches. Ob nun durch die Schilderung der Bombennacht oder der aus dem Osten kommenden Flüchtlingswelle oder auch durch Charaktere wie Hellers Vorgesetztem Klepp, die auch im Angesicht der drohenden Kriegsniederlage keinen Zentimeter von ihrer Überzeugung abweichen – all das sorgt für eine durchaus bedrückende Stimmung, die einerseits natürlich sehr zum Handlungsrahmen passt und andererseits an Bücher wie „Kind 44“ sowie die Folgeromane von Tom Rob Smith erinnern. Man kann mit schlechteren Autoren verglichen werden. 😉

Die Mordermittlung selbst bleibt, auch angesichts der Umstände, immer wieder stecken und nimmt eigentlich erst relativ spät richtig Fahrt auf. Dann allerdings konnte mich die Handlung durchaus überzeugen. Ebenso überzeugend fand ich das – hier natürlich nicht näher beschriebene – Ende, das ich für mich doch ziemlich überraschend fand. Und sowas ist immer gut!

Kurz: „Der Angstmann“ ist ein Buch für Krimifans, die atmosphärische Bücher mögen und die keine „Blümchen-und-Wattebäuschchen-Stimmung“ und sonderlich extrovertierte Protagonisten brauchen.

Wenn es im nächsten Band vielleicht etwas weniger Leichen gibt, die sich insgesamt vielleicht in einem etwas weniger übel zugerichteten Zustand befinden, und man die detaillierte Beschreibung der selben vielleicht etwas kürzer gestalten würde, dann wäre ich bei der nächsten Mordermittlung von Max Heller sicher wieder dabei.

Wertung:

Handlung: 8 von 10 Punkten

Stil: 9 von 10 Punkten

Charaktere: 8,5 von 10 Punkten

Atmosphäre: 10 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 8,875 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „ZERO“ von Marc Elsberg.

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