„Der Hochstapler“ von David Slattery

Buch: „Der Hochstapler“

Autor: David Slattery

Verlag: btb

Ausgabe: Taschenbuch, 446 Seiten

Der Autor: David Slattery ist Kulturanthropologe, unterrichtete an zahlreichen Universitäten, unter anderem auch in Frankfurt am Main, und arbeitet gegenwärtig als Berater im Bereich der Erwachsenenbildung. Sein Bestseller „How To Be Irish“ erschien zunächst in einem Independent-Verlag und wurde zu einem Überraschungserfolg. David Slattery lebt in Dublin. (Quelle: btb)

Das Buch: Der Held dieses verwegenen Romans ist ein Hochstapler, der während einer Party in einem Hotelzimmer einen betrunkenen Gast auf dessen Drängen ins Gesicht schlägt und ihn damit vom Balkon in den Tod prügelt. Um ungeschoren davonzukommen, und weil sein eigenes Leben bis dahin vollkommen ereignis- und freudlos verlief, entschließt er sich kurzerhand, die Identität des Toten zu klauen und dessen Stelle als Professor der Moralphilosophie an dem örtlichen College anzutreten. Auf dem Weg durch die großen und kleinen Fallen des Universitätslebens hinterlässt er eine (ethisch wohlbegründete) Spur der Verwüstung und zahlreiche Leichen… (Quelle: btb)

Fazit: Mein Einstieg in die Lektüre von „Der Hochstapler“ gelang mir wesentlich leichter als der in diesen Text. Der mir bislang unbekannte David Slattery teilt seinen 446-seitigen Roman in nahezu 50 Kapitel von also überschaubarer Länge und lässt uns, die Leser, gleich zu Beginn seinen Protagonisten kennenlernen.

Und eben dieser ist ein eigentlich sehr vorsichtiger, risikoscheuer, vorausplanender und sehr höflicher Mann, der sogar Verbalinjurien jeglicher Art sehr dosiert einsetzt, nämlich nur dann, wenn sie ihm wirklich, wirklich angemessen erscheinen, weil deren übermäßige, inflationäre Verwendung die Wirkung derselben nachteilig beeinträchtigen würde.

Und kaum wurde der Protagonist derartig charakterisiert, sehen wir ihn auch schon in eine unangenehme Situation tödlichen Ausmaßes stolpern, nämlich als der Held der Geschichte einen gewissen „Wallace“ – auf dessen Betreiben hin – mittels eine gewaltigen Faustschlag vom Balkon zum Boden und vom Leben zum Tode befördert – und das alles nur, weil er sein Gegenüber durch das Ausbleiben eines Schlages nicht kränken wollte. Und außerdem für diesen Fall ein wenig Sorge hatte, selbst verdroschen zu werden …

Zu diesem Zeitpunkt kann man noch nicht ahnen, dass das nur der Auftakt für eine Unmenge an mal unangenehmen, mal skurrilen Situationen, mal auch solchen tödlichen Ausmaßes bedeutet.

Was folgt ist ein rasanter Plot, der sich einerseits viel mit seinen liebevoll gestalteten Charakteren beschäftigt – dazu später mehr – und andererseits viel mit Philosphie und philosphischen Fragen und solchen, auf die die Philosophie eben keine Antworten hat oder geben kann. Ich mag mir vorstellen, dass die Lektüre für jemanden, dessen philosphische Kenntnisse – im Gegensatz meinen – über die Lektüre von „Sofies Welt“ und Weischedels „Die Philosphische Hintertreppe“ hinausgehen, noch sehr viel mehr Anspielungen versteht und noch mehr Freude am Lesen des Buches hat.

Aber auch für die der entsprechenden Wissenschaftsdisziplin unkundigen Leser bietet „Der Hochstapler“ 446 durchaus höchst vergnügliche Seiten. Mitunter verrät einem die Lektüre vielleicht sogar etwas über einen selbst. Ich bin beispielsweise kein besonders großer Anhänger komischer Literatur, weil sie bei mir selten funktioniert. Wenn ich aber an der Stelle, an der eine Professorin unter Mithilfe einer Golfausrüstung und einer Teslaspule um die Ecke gebracht werden soll –  den näheren Versuchsaufbau erspare ich euch – in schallendes Gelächter ausbreche, was beim Lesen – Menschen, die mich persönlich kennen, werden das bestätigen –  eher selten vorkommt, dann bin ich mir sicher, dass dieser Heiterkeitsausbruch angesichts einer eigentlich nicht komischen Situation viel über meine Persönlichkeit aussagt. Und ich will nicht genauer wissen, was eigentlich …

„Ein solcher Plot muss in einem entsprechenden Ton geschrieben sein, sonst wirkt das nicht.“, sagte kürzlich eine ganz zauberhafte Person nach meiner Schilderung der Handlung sinngemäß zu mir. Und ja, das stimmt eindeutig. Glücklicherweise trifft Slattery diesen Ton. Meistens ironisch, mal zynisch, zwischendurch auch lakonisch gehalten ist sein Erzählstil, dem man in keiner Weise etwas vorwerfen kann.

Blieben da noch die weiter oben bereits erwähnten Charaktere. Diese als „sympathisch“ zu beschreiben, tue ich mich allerdings schwer. Denn wenn man ehrlich sein will, dann muss man sagen, dass sie alle, durch die Bank, einen ganz, ganz erheblichen Schatten haben. Natürlich ist das Absicht. Aber liebevoll gestaltet sind sie und man kann sie in ihrer Verschrobenheit auch gern haben. Und in manchem schlummern offensichtlich deutlich mehr Fähigkeiten, als gedacht. Wer sich beispielsweise die Nummer mit der Teslaspule und der Golfausrüstung einfallen lässt, muss ein Genie sein …

Und dann bliebe da ja noch der eingangs erwähnte „Wallace“, der spannende Fragen aufwirft: Da der Protagonist schon kurz nach Beginn der Handlung seine neue Identität annimmt, erfährt man über seine alte so gut wie nichts. Wie der eigentliche Wallace aber so war und ob die Interpretation des Helds dieser Geschichte der eigentlichen Persönlichkeit des Fensterstürzers nahekommt, kann man nun auch nicht genau sagen, da weder das Arbeitsumfeld an der Uni ihn kennt, der sein versehentlicher Mörder.

Darüber könnte man jetzt lange philosphieren. Das würde aber jetzt zu weit führen.

Wer einen sehr ironischen, in Ansätzen bissigen Roman über Philosphie und die Gelegenheit, sein Leben nochmal völlig neu zu beginnen, mit denkwürdigen Charakteren lesen möchte, liegt bei „Der Hochstapler“ richtig.

Ich danke dem Bloggerportal und dem btb-Verlag für die freundliche Zusendung des Rezensionsexemplars.

Wertung:

Handlung: 8 von 10 Punkten

Charaktere: 9 von 10 Punkten

Stil: 9 von 10 Punkten

Humor: 9 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 8,75 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Elantris“ von Brandon Sanderson.

 

 

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Freitagsfragen #84

Freitagsfragen Sommer

 

Hallo, liebe Leserinnen und Leser,

die Freitagsfragen aus dem Brüllmausblog haben ein neues Logo! Oder hatten sie das zuletzt schon und es ist mir nur einfach nicht aufgefallen, was ich durchaus nicht ausschließen möchte? Moment …

Nein, nach kurzer Recherche stellt sich heraus: Das Logo ist neu! Und hübsch. Und passend zur Jahreszeit.

Angesichts einer gestrigen, meine Person betreffenden Festivität und der Tatsache, dass sich selbige doch bis in die früheren Morgenstunden ausdehnte – was mich im Übrigen durchaus überraschte – in Verbindung mit einer dementsprechend kurzen Nacht und dem Umstand, dass ich auch noch Urlaub habe, wird es niemanden verwundern, dass ich noch ein wenig in den Seilen hänge. Es wird daher auch niemanden verwundern, wenn ich mich bei der Beantwortung der Freitagsfragen – für meine Verhältnisse – kurz fasse, so es mir denn gelingen möge. Und bis jetzt ist nicht sichergestellt, dass mir heute überhaupt irgendwas gelingt. Aber wir werden sehen. Die Fragen und Antworten lauten:

 

1.) Hast Du Pläne für das Wochenende?

Nun, angesichts der Temperaturen – ich hätte jetzt gerne Per Mertesackers legendäre Eistonne – und meines angeschlagenen Zustandes, würde ich mal sagen, dass „Überleben“ ganz oben auf der Agenda steht. Allerdings tue ich mich schwer, das als „Plan“ zu deklarieren, eigentlich ist das mehr eine Sache, die ich einfach mal voraussetze. :-)

Sonst steht nur meine morgige Anwesenheit bei einem Baseballspiel auf dem Plan – ein Sport, der von meist Unkundigen in der Regel als „langweilig“ eingestuft wird, weswegen ich Jedem und Jeder jederzeit anbiete, das Spiel detailliert zu erklären, um aus Unkundigen Kundige zu machen, auf dass sie die Faszination dieses Sports begreifen, da sie sonst etwas verpassen würden.

Und, nun ja, letztlich habe ich ja Urlaub, wer macht da schon Pläne!? Gut, zugegeben, eigentlich hatte ich den Plan, endlich mal Paul Austers „4 3 2 1“ zu lesen, allerdings hat dieses Monstrum eben so knapp 1.300 Seiten, was bedeutet, dass ich es zwar jetzt durchaus lesen könnte, was aber eben auch bedeuten würde, dass ich sonst nichts anderes mehr in meinem Urlaub lesen würde. Und das erscheint mir irgendwie der falsche Ansatz. Hach, wahrscheinlich lese ich es nie. Auch wenn ich „schon“ bis etwa Seite 200 gekommen bin.

2.) Wenn Du nur noch das essen dürftest, was traditionell in einer Region gegessen wird, welche Region wähltest Du?

„wähltest“ – Schöner Konjunktiv! :-)

Eigentlich müsste ich jetzt aus lokalpatriotischen Gründen irgendetwas wählen, was es hier vor Ort gibt. Allerdings lebe ich in einer Gegend, in der die Menschen ernsthaft solche obskuren Dinge wie „Zungenragout“ konsumieren. Mir hat sich nie erschlossen, warum man Dinge essen sollte, die das Rind bereits im Mund hatte.

Auch Spargel ist vergleichsweise berühmt hier – nur hat sich mir die Begeisterung für Spargel nach wie vor ebenfalls nicht erschlossen.

Hm, im Grunde das einzige Essbare, auf das man sich aus den eben erwähnten lokalpatriotischen Gründen einigen könnte, wäre die Hochzeitssuppe, die geht. Allerdings würde ich damit auf Dauer entweder an Mangelernährung eingehen oder aber durchdrehen.

Hach, in Ermangelung genauer Kenntnisse über die kulinarischen Gepflogenheiten bestimmter Regionen würde ich wahrscheinlich einfach das Baskenland wählen. Abseits der zweifelhaften, dort vorherrschenden Unabhängigkeitsbestrebungen soll es da ein gutes Rindersteak geben.

3.) Fährst Du in den Urlaub?

Ich BIN im Urlaub! ;-) Aber um die Frage zu beantworten: Nein, eigentlich nicht! Unser schönes Land habe ich wahrscheinlich tatsächlich das letzte Mal verlassen, als in weiten Teil desselben noch mit D-Mark bezahlt wurde. Aus Gründen – und ich erwähnte das gelegentlich schön häufiger an dieser Stelle – reise ich nicht.

4.) Die Wahl der Qual: mordsmäßiger Sonnenbrand oder den ganzen Sommer über Regenwetter?

Mein erster Impuls war, zu sagen, dass beides beschissen ist. Aber wenn ich so länger drüber nachdenke, komme ich zu dem Schluss, dass unter Ersterem nur ich leide, unter Letzterem aber irgendwie alle, selbst wenn das Regenwetter lokal begrenzt sein sollte. Insofern entscheide ich mich, trotz der unabsehbaren Folgeschäden für meine Person, unter der Prämisse „take it for the team“ – und da sind wir wieder beim Baseball, aber egal – für den mordmäßigen Sonnenbrand.

 

Das war es dann auch schon wieder. Unter normalen Umständen würden jetzt noch 400 bis 600 Worte darauf warten, von euch gelesen zu werden, aber ich sagte ja: Ich fasse mich kurz!

Ich wünsche allseits noch einen schönen, möglichst schwitzfreien Freitag und ein anschließendes schönes Wochenende!

Gehabt euch wohl!

 

 

„Martini für drei“ von Suzanne Rindell

Buch: „Martini für drei“

Autorin: Suzanne Rindell

Verlag: btb

Ausgabe: Taschenbuch, 636 Seiten

Die Autorin: Suzanne Rindell ist die preisgekrönte Autorin von Die Frau an der Schreibmaschine, ihr vielgelobtes und extrem spannendes Debüt über Singlefrauen in den Roaring Twenties in New York – und den ein oder anderen Mord. Keira Knightley wird in der für 2019 geplanten Verfilmung die Hauptrolle spielen. Suzanne Rindell lebt in New York. (Quelle: btb)

Das Buch: New York, 1958: Die Stadt ist im Aufbruch, besonders das lebendige Stadtviertel Greenwich Village mit seinen Jazzclubs und dem Geist der Beat Generation. Drei junge Menschen haben den Traum, in der aufstrebenden Verlagsbranche ihren Platz zu finden. Cliff, der Sohn eines berühmten Verlegers, ist überzeugt, der nächste große Star am Literaturhimmel zu werden. Eden träumt davon, Lektorin zu werden, wenn sich ihr nur nicht dauernd Steine in den Weg legen würden. Während Miles bereits am Ziel seiner Wünsche angekommen zu sein scheint, auf dem Weg zum umjubelten Schriftsteller. Die Wege der drei kreuzen sich auf ungeahnte Weise … (Quelle: btb)

Fazit: Mit Büchern über Bücher und/oder die Literaturbranche kann man mich immer schnell kriegen, da fallen Kaufentscheidungen öfter eher so halbrational aus. Und wenn, wie im vorliegenden Fall, „Entertainment Weekly“ urteilt: „Eine Hommage an die Beatnik-Generation und ihre Literatur. Das „Mad Men“ der Verlagsbranche.“, dann hat es sich mit der Rationalität weitgehend erledigt. Auch wenn ich mitnichten der Beatnik-Generation angehöre. Und „Mad Men“ nie gesehen habe.

Glücklicherweise sind manchmal gerade Kaufentscheidungen, die fern jeder Rationalität getroffen werden, die besten. So zumindest war es bei „Martini für drei“.

Auch bezüglich Rindells Romandebüt „Die Frau an der Schreibmaschine“ kann ich nur mit Unkenntnis glänzen. Allerdings braucht man auch keine solche Vorbildung, denn innerhalb weniger Seiten wird klar, wie gut Suzanne Rindell schreiben kann.

Sie erzählt die Geschichte ihrer drei Protagonisten aus deren unterschiedlicher persönlicher Sicht, gesteht jedem Charakter einige Kapitel zu und wechselt dann zum nächsten. Dabei werden vor allem zwei Dinge deutlich, nämlich in erster Linie, wie gut es der Autorin gelingt, jeder ihrer Hauptpersonen eine individuelle Erzählstimme zu geben und darüber hinaus, wie intensiv sie sich ihren Charakteren widmet.

Eden ist jung, hübsch und ehrgeizig, will sie doch in einem weitgehend – sagen wir eher: nahezu ausschließlich – männerdominierten Arbeitsumfeld Fuß fassen und eine Karriere als Lektorin starten. Dabei gelingt ihr nicht immer alles, wie es soll, dennoch lässt sich die junge Frau nur schwerlich aus der Ruhe bringen und bleibt beharrlich dran an der Umsetzung ihres Traums.

Einen Traum hat auch Verleger-Sohn Cliff, der das Studium schmeißt, um fortan als Literat Karriere zu machen und von der Schriftstellerei zu leben. Dumm nur, dass er eigentlich durchgehend an einer Schreibblockade leidet und das Wenige, was er letztlich zu Papier bringt, einer Qualitätsprüfung nur bedingt standhält. Dafür beweist der junge Mann umso mehr Kompetenz, wenn es darum geht, größere Mengen Alkohol zu vernichten.

Mit Alkohol wiederum hat Miles, der Dritte im Bunde, weniger am Hut, was vielleicht auch dazu führt, dass er wesentlich bessere Dinge zu Papier bringt, als Cliff das jemals könnte. Bei ihm scheint der Weg in den Literaturbetrieb vorgezeichnet, teilweise auch zwangsläufig, weil es ihm trotz eines Uni-Abschlusses mit Auszeichnung aufgrund seiner Hautfarbe nicht gelingen will, einen Job zu ergattern – harte Realität für viele Schwarze in den USA zu einem Zeitpunkt, als das beharrliche Sitzenbleiben von Rosa Parks und der Freispruch der Mörder von Emmet Till gerade mal drei Jahre zurückliegen.

Rindell gönnt ihren Protagonisten allen ihre eigene Handlung, von denen eigentlich jede für einen eigenen Roman überschaubareren Umfangs gereicht hätte, und fügt die Geschichten der drei dann im Laufe des Plots zusammen. Bis es so weit ist, macht sich jede der Hauptpersonen auf eine eigene Art von Reise, manche buchstäblich, andere sinnbildlich.

Eden versucht, sich gegen die Umgleichbehandlung in ihrem Arbeitsumfeld durchzusetzen, Cliff begibt sich weiter auf die Suche nach Worten, während er still, leise und heimlich versucht, sich von seinem Elternhaus zu empanzipieren, und Miles macht sich tatsächlich auf die Socken, um Neuigkeiten über seinen Vater und seine Herkunft bekommen, sich aber auch über sich selbst und das Eingestehen seiner Homosexualität klar zu werden.

Das alles tut Rindell in einer Sprache, die den Leser wünschen lässt, nach Abschluss der gut 600 Seiten doch bitte weitere 600 vor sich zu haben. Man merkt der Autorin den Spaß am Geschichten erzählen an.

Und ich als Leser, ich hatte auch Spaß.

Wertung:

Handlung: 9 von 10 Punkten

Charaktere: 9 von 10 Punkten

Stil: 8,5 von 10 Punkten

Atmosphäre: 8,5 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 8,75 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Der Hochstapler“ von David Slattery

 

„Senyoria“ von Jaume Cabré

Buch: „Senyoria“

Autor: Jaume Cabré

Verlag: Suhrkamp

Ausgabe: Taschenbuch, 444 Seiten

Der Autor: Jaume Cabré, geboren 1947 in Barcelona, ist einer der angesehensten katalanischen Autoren. Neben Romanen, Erzählungen und Essays hat er auch fürs Theater geschrieben und Drehbücher verfasst. Seine Romane wurden vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem spanischen Kritikerpreis und dem französischen Prix Méditerranée, und in zahlreiche Sprachen übersetzt. (Quelle: Suhrkamp)

Das Buch: »Senyoria«, wie sich der Gerichtspräsident von Barcelona gern würdevoll ansprechen läßt, weiß das Leben zu genießen. Mit Vorliebe betrachtet er den fernen Sternenhimmel und die bezaubernden Damen in seiner Gesellschaft. Doch dann geschieht ein Mord und bringt eine Lawine ins Rollen, die »Senyoria« trotz bester Beziehungen nicht aufhalten kann. Wer wußte von dem längst vergangenen, unseligen Vorfall, den er selbst fast vergessen hatte? Am letzten Tag des Jahres 1799, an dem das herrschaftliche Barcelona nur das rauschende Fest zur Jahrhundertwende im Sinn hat, zieht sich die Schlinge immer enger um den mächtigen Gerichtspräsidenten. (Quelle: Suhrkamp)

Fazit: Dass Jaume Cabré mit seinem Roman „Die Stimmen des Flusses“ auch in Deutschland einer größeren Leserschaft bekannt wurde, ging seinerzeit vollständig an mir vorbei. Ich hatte meine erste Begegnung mit seinem Werk in Form seines Romans „Das Schweigen des Sammlers“, welcher so nachhaltige Begeisterung bei mir auslöste, dass ich heute noch gerne an das Buch zurückdenke.

Natürlich habe ich in der Folge auch „Die Stimmen des Flusses“ gelesen, welches mir ähnlich gut gefiel, auch wenn es nicht ganz die selben Begeisterungsstürme verursachte.

Nun begab es sich, dass – es ist nun tatsächlich schon einige Jahre her und seitdem lag das Buch ungelesen bei mir herum – eine ganz zauberhafte Person ihre Wohnstatt wechselte und zu diesem Behufe bemüßigt war, eine möglichst hohe Anzahl an Büchern auszurangieren. Also wühlte ich mich durch die infrage kommen Romane, erspähte den Cabré, verspürte Begeisterung – ich glaube, ich habe sogar eine Art quietschendes Geräusch von mir gegeben – und kurzerhand wechselte ein Buch den Besitzer.

Tja – und da lag es nun also. Jahrelang fristete der Roman ein tragisches Dasein, bis ich ihn – und mich – aus dieser Tristesse befreite und damit den erneuten Beweis antrat für etwas, das ich eigentlich schon lange weiß: Manchmal braucht es für die Lektüre eines Buches ganz einfach den richtigen Zeitpunkt.

Denn ja, so viel kann ich vorwegnehmen, „Senyoria“ ließ mich ähnlich begeistert zurück wie seine weiter oben erwähnten Romane.

Dabei ist die Handlung gar nicht so neu, allerdings im besten Sinne – wie auch die FAZ in ihrer Besprechung schrieb – „zeitlos“: Da ist also der Gerichtspräsident „Senyoria“. Und der lebt in einer eher lieblosen Ehe, die man besser „Zweckgemeinschaft“ nennen könnte. Und daher hat er auch eine Affäre. Und die wiederum bringt Schwierigkeiten mit sich, weil jede Affäre früher oder später Schwierigkeiten mit sich bringt.

Und um sich selbst aus diesen Schwierigkeiten zu befreien, sieht er sich gezwungen, unbescholtene Menschen dafür in selbige zu bringen und spinnt ein Netz aus Intrigen und Machtmissbrauch.

So weit, so verkürzt, so bekannt. Eigentlich.

Doch Cabré gelingt es, eine augenscheinlich schon öfter so oder ähnlich gelesene Geschichte so zu präsentieren, dass man als Leser gerne am Ball bleibt.

Einerseits liegt das an den Figuren, die Cabrés Roman bevölkern und die Intensität, mit der er sich ihnen widmet. Als Beispiele sollen hier mal einerseits der titelgebende Senyoria dienen, ein Lebemann, der ganz auf den guten Schein bedacht ist, der skupellos andere Menschen verurteilen kann, um sich selbst zu retten. Aber eben auch ein Mann, der nahe an der Witzfigur balanciert, wenn er wieder und wieder als unsicherer, hormongesteuerter Schürzenjäger gezeigt wird. Bis zum Ende wusste ich eigentlich nie so ganz, ob ich ihn verdammen oder ihm ungeachtet all seines schändlichen Treibens ein gutes Ende wünschen sollte.

Zum anderen sei hier der junge Andreu genannt, der unter den Ränkespielen Senyorias leiden muss, indem er unschuldig im Gefängnis sitzt und um sein Leben fürchten muss. Und eben diese Furcht schildert Cabré sehr eindringlich und macht aus Andreu insgesamt einen Mann, der in vollem Bewusstsein dessen, was ihn erwarten könnte, zu dem steht, was er getan – oder besser nicht getan – hat und den man als Leser einfach gerne haben muss.

Das Ganze kleidet Cabré dann noch in eine Sprache, die die Atmosphäre des Barcelona im ausgehenden 18. Jahrhundert glaubhaft rüberbringt. Der Autor erinnert mich in stilistischer Hinsicht an Carlos Ruiz Zafón, ohne das jetzt an Beispielen belegen zu können. Und wer Zafón mal gelesen hat, weiß, dass man mit schlechteren Autoren verglichen werden kann.

Wer also einen stilistisch hochwertigen historischen Roman mit nachvollziehbaren Figuren lesen möchte, dem kann ich „Senyoria“ wärmstens empfehlen.

Wertung:

Handlung: 8 von 10 Punkten

Charaktere: 8,5 von 10 Punkten

Stil: 9,5 von 10 Punkten

Atmosphäre: 9,5 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 8,875 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Martini für drei“ von Suzanne Rindell.

Freitagsfragen #83

Freitagsfragen Frühling

Hallo, liebe Leserinnen und Leser,

eine vergleichsweise lange Woche neigt sich dem Ende entgegen. Das ist diesmal wieder gleichbedeutend damit, dass eine neue Runde der Freitagsfragen im Brüllmausblog ins Haus steht. Auf geht´s! Die Fragen und Antworten lauten:

1.) Wie war Deine Woche?

Beschissen, danke der Nachfrage! ;-) Nein, mal ganz im Ernst, der Anfang der Woche war wirklich irgendwo in der Nähe von gruselig anzusiedeln, stand er doch unter dem Eindruck diverser Angelegenheiten, die sich alle dadurch auszeichnen, dass ich erstens nicht näher darauf eingehe, weil es niemanden etwas angeht, und zweitens dadurch, dass sie Geld kosten. Mit Finanzjonglage kenne ich mich aber aus, das wird schon.

Seit gestern ließ sich die Woche auch schon deutlich besser an. So kamen gestern zum Beispiel die ersten von mir im Bloggerportal angefragten Rezensionsexemplare bei mir an. Nun könnte man, angesichts der Tatsache, dass man die Anzahl meiner bisherigen genutzten Rezensionsexemplare an einer Hand abzählen kann, die Vermutung äußern, ich hätte meine Ideale verkauft. Und ja, das stimmt auch. ;-)

Aber es geht mir hierbei mitnichten um eine finanzielle Entlastung in Form eingeschränkter Bücherkäufe, denn Bücher werde ich in gleichem Maße weiter kaufen. Nein, es geht darum, dass es mir mittels Rezensionsexemplaren wesentlich leichter fällt, meinen literarischen Horizont zu erweitern und meine Komfortzone zu verlassen. Denn ich bin nun mal nicht imstande, eine Buchhandlung zu betreten, um dann im Stile von „Mein Name ist Lohse, ich kaufe hier ein!“ zu verkünden, dass ich nun eine hohe x-stellige Summe Geldes in Bücher investieren möchte, von denen ich nicht den Hauch einer Ahnung habe, ob sie mir gefallen dürften. Das ist schlicht nicht drin.

Somit greife ich letztlich doch immer zu vermeintlich sicheren Kandidaten. Beispiel: Kürzlich betrat ich die Buchhandlung meines Vertrauens, im festen Vorsatz, so etwas wie einen „literarischen Roman“ zu erwerben – ich verließ die Buchhandlung kurz darauf jedoch mit „Elantris“ von Brandon Sanderson … – damit will ich jetzt nichts gegen Brandon Sanderson sagen. Nun, jedenfalls nichts gegen seine Bücher, im speziellen eben „Elantris“, von dem beizeiten noch zu reden sein wird, aber ich denke, das Beispiel macht deutlich, was ich meine.

Und auch sonst versprechen die nächsten Tage, angenehmer zu werden, als es die letzten waren, zumal ich nur noch die nächste Woche überstehen muss, bevor ich zwei Wochen frei habe.

Abseits meiner persönlichen Belange gab es natürlich auch in der letzten Woche Dinge, über die man sich trefflich hätte aufregen können. Man hätte sogar trefflich Etüden darüber schreiben können. Hätte. Dafür fehlte aber irgendwie die Muße.

Dabei hätte die vorgestrige Nummer unseres Innenministers eigentlich tatsächlich mal einen Text verdient gehabt. Vor vier Tagen meldete unter anderem die „Zeit“ dass das riesige Feuer in der Gegend um Lübtheen nunmehr gelöscht sei. Am vergangenen Mittwoch – zwei Tage später! – machte sich unser Innenminister auf, um sich vor Ort ein Bild der Lage zu machen. Ich stelle mir das folgendermaßen vor:

Wir befinden uns in der Einsatzzentrale der Brandbekämpfer, der Einsatzleiter ergreift das Wort:

„So! Mädels, Jungs, vielen herzlichen Dank für eure Mithilfe – der Brand ist nunmehr gelöscht. Wir packen jetzt nur noch unsere Sachen zusammen, dann geht es auf in die Heimat.“

„*Jubel brandet auf. Dann jedoch öffnet sich die Tür und ein Anzugträger betritt den Raum und ergreift das Wort*

„Mooooment! Mein Name ist Lohse, ich bin Staatssekretär im Innenministerium. Sie können nicht gehen, Sie müssen noch dableiben. In zwei Tagen kommt nämlich unser verehrter Innenminister, um sich ein Bild der Lage zu verschaffen.“

„Ja, aber der Brand ist …“

„Das ist völlig unerheblich! Sie warten hier“

Mit ist völlig bewusst, dass es wahrscheinlich nicht so gelaufen ist, dennoch frage ich mich, was den Innenminister davon abgehalten hat, am Ort des Geschehens aufzuschlagen, als es vielleicht noch angemessen war. Hatte er Angst ins Feuer geworfen zu werden?

2.) Wie kommst Du zur Ruhe, wenn Du sehr gestresst bist?

Also, wenn ich „sehr gestresst“ bin, komme ich meistens erst dann wieder richtig runter, wenn die Ursache des Stresses behoben ist. Bis es so weit ist, erweist sich im Allgemeinen lesen als wirksamste Stressbewältigungsmaßnahme.

3.) Erfinde ein Junkfood!

Currywurst im Speckmantel in einer Panierung aus Knoblauchbrotbröseln und Parmesan, frittiert in reinem Rinderfett! Klingt widerlich? Was solls, ein Hoch auf die ernährungsinduzierte Fettembolie! :-)

4.) Die Wahl der Qual: ein blöder Job mit viel Geld oder ein schöner Job mit wenig Geld?

Mit Geld ist es wie mit Macht. Macht korrumpiert, aber absolute Macht ist ein riesiger Spaß! Insofern stellt sich die Frage wie viel Geld „viel Geld“ ist! Ein Jahr lang den Verdienst von Lionel Messi – dafür ertrage ich gerne jeden noch so miesen Job! Um anschließend vermutlich gar keinem mehr nachzugehen, sondern mich dem Luxus hinzugeben, morgens aufzustehen und machen zu können, wozu immer ich Lust habe!

Aber abseits der Extreme: Geld tröstet nicht über Unglück hinweg und in einem blöden Job wäre ich dauerhaft unglücklich. Und vor dem Hintergrund, dass man einen Gutteil des Tages mit seinem Job verbringt, sollte man sich darum bemühen, dass man sich dort wohlfühlt, wenn möglich.

 

Das war es auch schon wieder! Ich wünsche allseits einen schönen Restfreitag und wünsche anschließend einen guten Start in ein schönes Wochenende.

Gehabt euch wohl.

 

„Der dunkle Garten“ von Tana French

Buch: „Der dunkle Garten“

Autorin: Tana French

Verlag: Scherz

Ausgabe: Paperback, 656 Seiten

Die Autorin: »Pflichtlektüre für alle, die unnachgiebige Intelligenz und raffinierte Plots zu schätzen wissen«, sagt die New York Times über Tana French. Die irische Autorin wurde für ihr Werk vielfach ausgezeichnet; ihre Romane und ihre Kriminalliteratur stehen weltweit auf den Bestsellerlisten. Tana French wuchs in Irland, Italien und Malawi auf. Sie absolvierte eine Schauspielausbildung am Trinity College und arbeitete für Theater, Film und Fernsehen. Mit ihrer eindrücklichen Sprache zeichnet sie markante Porträts der irischen Gesellschaft und schaut tief in die Seelen von Tätern, Opfern, Ermittlern. Die Autorin lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern im nördlichen Teil von Dublin. (Quelle: Scherz)

Das Buch: Toby Hennessy, 28, führt ein unbeschwertes Leben in Dublin. Bis er eines Nachts in seiner Wohnung brutal zusammengeschlagen wird. Toby überlebt nur knapp, kann sich nicht mehr auf seine Erinnerungen verlassen. Er flüchtet sich in das »Efeuhaus« – das alte Anwesen der Familie, wo er sich um seinen sterbenden Onkel Hugo kümmern soll. Doch der dunkle Garten des Hauses birgt ein schreckliches Geheimnis. (Quelle: Scherz)

Fazit: Wer länger bei mir liest, ist möglicherweise schon mal über über eine Begeisterungsbekundung meinerseits bezüglich der Bücher von Tana French gestolpert. Denn ich mag sie halt einfach, die irische Autorin und ihre Bücher. Somit war es nur logisch, dass ich zu „Der dunkle Garten“ griff, als ich in der Buchhandlung meines Vertrauens darauf stieß. Wesentlich seltsamer erschien mir die Tatsache, dass ich die Veröffentlichung von Frenchs neuestem Buch seinerzeit augenscheinlich schlicht verpennt hatte und es erst mit einer Verspätung von mehreren Monaten bei mir einzog. Unverzeihlich eigentlich. Aber auch ein anderes Thema, eigentlich.

Nun begab es sich, dass die geschätzte Bloggerkollegin Tally – zumindest meine ich mich erinnern zu können, dass sie es war – über „Der dunkle Garten“ sinngemäß sagte, dass man diese Geschichte auch wesentlich komprimierter als auf über 600 Seiten hätte erzählen können. Dementsprechend skeptisch machte ich mich an die Lektüre …

Und, nun ja: Ja – das kann man durchaus so sehen. Frenchs Handlung hätte in ein Buch deutlich überschaubareren Ausmaßes gepasst – aber dann hätte ich es vermutlich kaum lesen wollen.

Denn so sehr ich die Plots ihrer Bücher auch zu schätzen weiß, die wahre Stärke der Autorin, die von „Vulture“ vollkommen zu recht als „Literarin, die auch über Mord schreibt“ bezeichnet wurde, liegt seit jeher im stilistischen Bereich sowie bei den Charakteren. Und so ist es auch in ihrem neuesten Buch.

Dabei weiß die Krimihandlung durchaus zu überzeugen. Nach dem Einzug in das „Ivy House“ wird im Garten des selben durch Zufall in einem uralten, hohlen Baum ein menschlicher Schädel gefunden, kurz darauf der dazugehörige Rest. Nun war der Tote offensichtlich schon ziemlich lange in diesem Baum und muss da ja nun auch irgendwie hingekommen sein. Deshalb – und weil er, wie man zugeben muss, nichts Besseres zu tun hatte – versucht Toby herauszufinden, was passiert ist. Stück für Stück erfährt der Leser Dinge aus der Vergangenheit und langsam setzt sich ein Puzzle zusammen, das letztlich ein überzeugendes Ganzes gibt.

Bis hierher wäre „Der dunkle Garten“ allerdings noch nicht erwähnenswerter als viele andere gefällige Krimis. Was das Buch so lesenswert macht, sind erneut die oben erwähnten Stärken der Autorin.

Einmal wäre da das sprachliche Können. Der große Stephen King, der sich offenbar bereiterklärt hat, es Erhellendes zu Frenchs neuestem Buch zu sagen, lobt ihre „Sprache wie Satin“ – und ganz ehrlich: Diese Formulierung ist so treffend, dass ich es nicht besser hätte sagen können und es deswegen dabei belasse.

Der größte Pluspunkt des Buches sind aber wieder einmal die Charaktere. Sowohl was die Interaktion der Figuren untereinander angeht, bezüglich der Lebensnähe der Dialoge und der anschaulich transportierten Stimmung zwischen Toby und seiner Familie, die vom Leichenfund, wie man sich denken kann, arg belastet wird, als auch hinsichtlich der Hauptfigur Toby Hennessy.

Frenchs Protagonist zeichnet sich nämlich dadurch aus, dass er ein Opfer ist. Nicht im Sinne des in den 2000er-Jahren aufkommenden Begriffs als Beleidigung unter Zwölfjährigen und/oder verbal eingeschränkten Menschen, sondern im Wortsinne. Hennessy wird Opfer eines Raubüberfalls, bei dem er nach allen Regeln der Kunst verdroschen wird. Und in der Folge beschäftigt sich die Autorin durchaus lange Zeit mit der Rekonvaleszenz ihrer Hauptfigur, aber eben auch in erster Linie mit den Auswirkungen, die der Überfall auf ihn, seine psychische und seine physische Gesundheit hat. So plagen ihn Wortfindungsschwierigkeiten ebenso wie eine allgemeine körperliche Schwäche, die es ihm vorerst unmöglich macht, seinem Job nachzugehen. Von den psychischen Problemen angesichts seiner Situation gar nicht zu reden. Und dieser Fokus auf die Hauptfigur, den finde ich durchaus spannend.

Denn sind wir mal ehrlich: In der modernen Kriminalliteratur geht es – wie im wahren Leben – nicht um die Opfer. Die sind in der Regel tot, schwer verletzt oder bestenfalls eine unwichtige Randfigur. Wichtig sind die Täter. Wer ist er? Wie ist er? Was denkt er? Umso wohltuender ist es – wiewohl man sich natürlich auch in „Der dunkle Garten“ auf die Suche nach einem Täter macht -, wenn man in einem Buch endlich auch mal die Sichtweise des Opfers, in Person des Protagonisten, gezeigt bekommt und die Schwierigkeiten, mit denen sie konfrontiert sind.

Deswegen ja, man hätte Frenchs neuen Roman kürzer halten können, aber sehr viel von dem, was das Buch ausmacht, wäre dabei auf der Strecke geblieben.

Fans stilistisch ansprechender (Kriminal-)Romane können bedenkenlos zugreifen, Tana-French-Fans ohnehin.

Wertung:

Handlung: 7,5 von 10 Punkten

Stil: 9 von 10 Punkten

Charaktere: 9,5 von 10 Punkten

Atmosphäre: 8,5 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 8,625 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Senyoria“ von Jaume Cabré.

„Staatsfeind“ von Veit Etzold

Buch: „Staatsfeind“

Autor: Veit Etzold

Verlag: Droemer

Ausgabe: Taschenbuch, 464 Seiten

Der Autor: Prof. Dr. Veit Etzold, geboren 1973 in Bremen, ist Autor von neun Spiegel-Bestsellern und gefragter Keynote-Speaker. Veit Etzold versteht es, komplexe Themen unterhaltsam und spannend aufzubereiten und zu einzigartigen Thrillern zu verarbeiten. Als Experte für Strategie und Storytelling hat er bereits zahlreiche internationale Unternehmen beraten. Er ist u. a. Mitglied der Atlantikbrücke und Global Bridges und lehrt zudem seit 2018 als Professor für Wirtschaftswissenschaften. (Quelle: Droemer)

Das Buch: Was wäre, wenn: Der ehemalige KSK-Soldat Iwo Retzick wird von seinem alten Kameraden Philipp kontaktiert, der als Politiker Karriere macht. Philipp braucht Iwos Hilfe bei einem Vorhaben, das die Zukunft der Bundesrepublik Deutschland für alle Zeiten verändern soll. Was sich da zwischen Dubai, Berlin und New York zusammenbraut, ist so ungeheuerlich, dass es selbst Iwos schlimmste Albträume übersteigt. Doch die Verschwörung reicht bis in die allerhöchsten Kreise von Finanzwesen, Politik und Sicherheitsdiensten, und wenn Iwo sie stoppen will, muss er sich entscheiden: Opfere ich mich selbst, oder opfere ich alle anderen? (Quelle: Klappentext)

Fazit: Puh, hm, ja, was soll ich bloß über „Staatsfeind“ schreiben, eine Art konsumgeilheitsgetriebener Spontankauf meinerseits, ohne genauere Erklärung, wie es dazu kommen konnte? Wie viele der markierten Stelle zitiere ich tatsächlich? Und überhaupt, was habe ich mir dabei eigentlich gedacht? Und habe ich etwas anderes erwartet?

Fragen über Fragen, die im Zusammenhang mit Veit Etzolds Thriller auftauchen. 26! Nein, nicht 26 Fragen, sondern 26 Post-It-Zettel! Ganze 26 Post-It-Zettel zieren nach der Lektüre dieses Buch, was gemeinhin darauf hindeutet, ein wunderbares Buch im Bereich einer stilistischen Perle in der Hand zu haben – oder eben „Staatsfeind“.

Selten, wirklich selten hat mich ein Buch so geärgert, wie dieser Thriller. Das beginnt mit den Figuren, die, mit Verlaub, eigentlich durch die Bank ätzende Drecksäcke sind. Nicht nur die auftauchenden Ermittler, auch und insbesondere Ex-KSK-Mann Retzick, sind von der „Kuscheljustiz“ enttäuschte Menschen, die gerne einen Staat hätten, der härter durchgreift. So meint auch der agyptischstämmige Ermittler Tahir: „Ihr Deutschen seid einfach blöde Teddyschmeißer.“ (S. 130), um sich an anderer Stelle aufgrund seiner Herkunft die Frage zu stellen: „Durfte ein Ausländer über Ausländer schimpfen?“ (S. 56) Nun, so pauschal? Nö! Genausowenig wie pauschal über jede andere Personengruppe als Ganzes, seien es Bademeister oder Kleingärtnerinnen. Das ist aber nur meine Meinung …

Der eben angesprochene Retzick ist da auch nicht zimperlicher, findet er doch: „Friedensstifter sind keine Pazifisten. Und umgekehrt. Den Frieden bewahrt nur der, der auch zum Krieg fähig ist,“, denn „Gewalt ist nun mal eine Sprache, die man international versteht.“ (S. 199) Da wundert es auch nicht, dass er den deutschen Atomausstieg angesichts des verlorengehenden Know-how kritisch beäugt. „Deutschland könnte bald gar keine Atomwaffen mehr herstellen, selbst wenn es das wollte.“ (S. 173)

Und auch die Tahirs Kollegin Judith entblödet sich nicht, bei Gelegenheit unpassende Nazivergleiche anzustellen. So sinniert sie bezüglich der sogenannten „Kölner Silvesternacht“ vor sich hin: „Einige Sozialpädagogen hatten den Frauen, die begrapscht worden waren, gesagt, dass sie ihren Grapschern ja sozial überlegen seien. (…) Mit der gleichen Logik hätte man damals den Zwangsarbeitern in den Konzentrationslagern auch sagen können, dass sie den SS-Wachen moralisch und bildungstechnisch überlegen waren, da viele von den Gefangenen, im Gegensatz zu den SS-Schergen, einen Universitätsabschluss hatten.“ (S. 34) Ernsthaft jetzt? Muss das sein?

Selbst die einzige Person, die im Laufe der Handlung als eine der mehr oder weniger „Guten“ durchgehen würde – die Journalistin Ulrike – denkt manchmal auch nur von Tapete bis Wand, beispielsweise angesicht der Bauten in Dubai: „Für Brückner war es nach wie vor ein Wunder, wie man der erbarmungslosen Wüste so ein Hightechwunderwerk wie Abu Dhabi und Dubai abtrotzen konnte, im wahrsten Sinne des Wortes gebaut auf Sand, aber dennoch mit einer Entschlossenheit und Geschwindigkeit, wie man sie im Westen, besonders in Europa und Deutschland, schon längst verlernt hatte. (S. 361) Nun, ich denke, ich könnte zur Erklärung dieses „Wunders“ beitragen: Wenn man sich nämlich Gastarbeiter aus dem asiatischen Raum organisiert, diese zu großer Zahl in kleiner Zimmer pfercht, schwachsinnuig niedrig bezahlt, und gleich zu Beginn erst mal die Pässe wegnimmt, dann funktioniert das Bauwesen super. Anhand der faktischen Zwangsarbeiter in den Emiraten, über die in den letzten Jahren immer mal wieder berichtet wurde, hätte sich vielleicht tatsächlich mal ein Nazi-Vergleich angeboten, denn mit Zwangsarbeitern hatte man hierzulande ja so seine Erfahrungen … Wahrscheinlich war aber auch an dieser Stelle die Versuchung zu groß, mittels eines Seitenhiebs darzustellen, was für ein unfassbarer failed state die Bundesrepublik sein muss.

Das alles wäre ja noch okay, nicht jeder Charakter eines Buches kann und muss ein netter Kerl sein. Angesichts der Tatsache, dass Etzold aber keine einzige wohltuende Ausnahme in seinen Charakteren einfügt, die auch mal widerspricht, angesichts der Tatsache, dass sie alle zynisch-ätzende Hardliner sind, bildet sich aber der Eindruck ab, die Meinungen seiner Charaktere seien mehrheitsfähig. Und dagegen wehre ich mich.

Meine Probleme mit dem Buch beschränken sich aber nicht nur auf die Figuren, über die ich bis hier nun mehr als genug und viel mehr als gewollt geschrieben habe, sondern sie betreffen auch die Handlung. Diese besteht aus meiner Sicht – andere halten das für fundierte Recherche, was ihnen vollständig unbenommen bleibt – in erster Linie darin, dass das komplette Füllhorn halbwegs aktueller Verschwörungstheorien über dem Leser ausgekübelt wird. Nur Chemtrails, Hohlwelter und Reptiloiden werden ausgespart, die waren wahrscheinlich selbst Etzold zu blöd. Ansonsten ist aber alles dabei: Von den Anschlägen des 11. September als „inside job“ der US-Regierung (womit man meine Gesprächsbereitschaft schon deutlich senken kann) bis zu der unappetitlichen Behauptung, die NSDAP sei schon vor der Machtergreifung von reichen amerikanischen Juden gesponsert worden, da diese den Staat Israel gründen und bevölkern wollten und um die europäischen Juden zur Ausreise aus Europa zu überreden sei nun mal der Holocaust nötig gewesen, somit seien die Juden am Holocaust mitschuldig.

Spätestens hier wollte ich die Lektüre eigentlich abbrechen. Hab ich aber nicht.

Letztlich lässt der Autor die Handlung in einem Showdown und einem Abschluss münden, die man bestenfalls als hanebüchen beschreiben kann.

Dass Veit Etzold durchaus in der Lage ist, stilistisch ansprechend zu schreiben und immer wieder Szenen enthalten sind, die mich erzählerisch vollkommen überzeugten, hilft bei „Staatsfeind“ leider kein bisschen mehr.

Insgesamt war dieser Thriller für mich ein Reinfall sondergleichen.

Wertung:

Handlung: 2 von 10 Punkten

Charaktere: 0,5 von 10 Punkten

Stil: 8,5 von 10 Punkten

Spannung: 3 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 3,5 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Der dunkle Garten“ von Tana French.

 

„Tyll“ von Daniel Kehlmann

Buch: Tyll

Autor: Daniel Kehlmann

Verlag: Rowohlt

Ausgabe: Taschenbuch, 480 Seiten

Der Autor: Daniel Kehlmann, 1975 in München geboren, wurde für sein Werk unter anderem mit dem Candide-Preis, dem WELT-Literaturpreis, dem Per-Olov-Enquist-Preis, dem Kleist-Preis und dem Thomas-Mann-Preis ausgezeichnet, 2018 wurden ihm der Friedrich-Hölderlin-Preis und der Frank-Schirrmacher-Preis verliehen. Sein Roman „Die Vermessung der Welt“ ist zu einem der erfolgreichsten deutschen Romane der Nachkriegszeit geworden, und auch sein Roman „Tyll“ stand monatelang auf der Bestsellerliste und findet begeisterte Leser im In- und Ausland. Daniel Kehlmann lebt zurzeit in Berlin und New York. (Quelle: Rowohlt)

Das Buch: Tyll Ulenspiegel – Vagant, Schausteller und Provokateur – wird zu Beginn des 17. Jahrhunderts als Müllerssohn geboren. Sein Vater, ein Magier und Welterforscher, gerät mit der Kirche in Konflikt. Tyll muss fliehen, die Bäckerstochter Nele begleitet ihn. Auf seinen Wegen durch das von den Religionskriegen verheerte Land begegnen sie vielen kleinen Leuten und einigen der sogenannten Großen. Ihre Schicksale verbinden sich zu einem Zeitgewebe, zum Epos vom Dreißigjährigen Krieg. Und mittendrin Tyll, jener rätselhafte Gauner, der eines Tages beschlossen hat, niemals zu sterben. (Quelle: Klappentext)

Fazit: Ich gebe zu, dass mir Hypes jeglicher Art suspekt sind, auch und gerade wenn sie Bücher bzw. deren Verfasser betreffen. Das hat gar nicht mal etwas damit zu tun, gewollt edgy zu wirken und demonstrativ über den augenscheinlich anspruchslosen Massen zu stehen. Nein, sie, die Hypes, sind mir halt einfach nur suspekt.

Daher verwundert es kaum, dass ich bis heute nicht Daniel Kehlmanns „Die Vermessung der Welt“ gelesen habe. Sobald man sich damals in einem halbwegs literaturinteressierten Kreis befunden hat, gab es da immer mindestens einen, der gesagt hat: „Das musst Du lesen!“ Ich muss allerdings erst mal überhaupt nichts, was zur Folge hatte, dass ich meinen ersten Kontakt literarischer Art mit Kehlmanns Büchern in Form seines Romans „Ruhm“ hatte. Der allerdings hat mich nachhaltig beeindruckt, bis heute.

Daher war es lediglich eine Frage der Zeit, bis ich mich seinem Roman „Tyll“ zuwenden würde.

Darin kreiert der Autor tatsächlich so etwas wie ein „Zeitengewebe“, wie es im Klappentext heißt, indem er den Lesern anhand des Lebenslaufs von Tyll Ulenspiegel (mag dieser ein Anachronismus sein, oder nicht) einen Überblick über kleine und große Geschehnisse zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges gibt.

Bemerkenswert ist dabei Kehlmanns Kunstgriff, Tyll Ulenspiegel zwar als Nemensgeber seines Romans auftreten zu lassen, sich inhaltlich im Laufe der Handlung aber auch immer wieder von ihm ab- und anderen Geschehnissen und Personen zuzuwenden. Ulenspiegel fungiert somit weniger als der alleinige Protagonist des Romans, sondern eher als der erzählerische Kitt, der die gesamte Handlung zusammenhält.

Ebenso lässt sich aber auch keine andere Figur herausheben, die man eindeutig als Protagonist bezeichnen könnte, weil sich Kehlmann eben einer ganzen Reihe unterschiedlicher Figuren zu unterschiedlichen Zeiten zuwendet. Gut getroffen sind sie meiner Meinung nach aber ausnahmslos, als Beispiel möchte ich mir hier mal Tylls Vater herausgreifen, der ebenso ein Anachronismus ist, wie ein im 17. Jahrhundert angesiedelter Tyll Ulenspiegel, wenn auch aus anderen Gründen.

Ulenspiegels Vater beschäftigt sich eher notgedrungen mit dem Müllerhandwerk, seine wahre Berufung findet er in Magie, Zaubersprüchen, Zauberbüchern und ähnlichem. Auffallend ist die bemerkenswerte Offenheit und auch Naivität, mit der er beispielsweise Geistlichen davon berichtet. Einem Menschen seiner Zeit sollte eigentlich klar gewesen sein, dass das keine wirklich gute Idee ist. Aus diesem und dem Grund, dass er mit seiner Wissbegierde einen sehr atypischen Eindruck für einen Mann seines Standes und seiner Zeit hinterlässt, wirkt er so, als befände er sich im falschen Jahrhundert.

Dennoch hatte ich mit der Figur viel Freude, die nur noch von der Freude am „Winterkönig“ und seiner Frau Elisabeth Stuart übertroffen wurde. Diese beiden Charaktere waren es auch, die maßgeblich dazu beitrugen, dass ich nach und während der Lektüre des Buches zu intensivem Googeln übergegangen bin, um herauszufinden, inwieweit die geschilderten Ereignisse und Personen den historischen Tatsachen entsprechen. Immer wenn ich das tue, habe ich es erfahrungsgemäß mit einem ziemlich guten, historischen Roman zu tun.

Und mit dieser Meinung stehe ich nicht alleine, die geschätzte Kollegin Vro kommt in ihrer gestrigen Rezension des Buches zu einem ganz ähnlichen Schluss.

Letztlich hat Kehlmann einen atmosphärisch dichten, abwechslungsreichen, sprachlich überzeugenden historischen Roman geschrieben und damit den Beweis angetreten, dass man eben auch so einen guten historischen Roman schreiben kann: ganz ohne strahlenden Helden, Herzschmerz, unglückliche Liebe und Wanderhuren.

Früher oder später, nehme ich mal an, werde ich mir Kehlmanns „Vermessung“ wohl doch mal zu Gemüte führen, Millionen Leser können nicht irren.

Wertung:

Handlung: 8,5 von 10 Punkten

Stil: 9 von 10 Punkten

Charaktere: 9 von 10 Punkten

Atmosphäre: 9,5 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 9 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Staatsfeind“ von Veit Etzold.

Extraetüden KW 27 I

 

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

ganz ehrlich: An Tagen, an denen mich die Radiosender meines Vertrauens mit Dingen wie Metallicas „Fuel“ sowie der Dave Matthews Band („The Space Between“) beschallen, möchte ich mich eigentlich mit Radio und Eiskaffee in den Garten setzen und der heimischen Vogelpopulation, die jüngst um einige Hausrotschwanz-Exemplare erweitert wurde, beim Fliegen zusehen.

Nun kann man ja leider eben nicht immer machen, was man gerne würde.

Manchmal aber doch, deswegen steht zwischen mir und dem Beginn des Ernsts des Tages ein Extraetüde, für deren Organisation wie üblich Christiane verantwortlich zeichnet. Somit habe ich ausnahmsweise – was mir, wie man sich vielleicht denken kann, sehr entgegenkommt – 500 statt der üblichen 300 Worte zur Verfügung und darf mir fünf der sechs Worte aus den Wortspenden von Werner Kastens und von Viola aussuchen. Mal schauen, wo das Ganze hinführt …

 

„Heute ist Tag des Witzes!“

„Okay, hau mal einen raus!“

„Nein – einerseits kann man meinen Lieblingswitz heutzutage nicht mehr in der Öffentlichkeit …“

„Wir sind unter uns!?“

„…nicht mehr in der Öffentlichkeit erzählen, andererseits ist mir nicht nach Witzen.“

„Wieso? Macht Dir der wohl unabwendbare Sitzungsmarathon zum EU-Kommissionsvorsitz zu schaffen?“

„Oh, bitte! Als gäbe es nichts Wichtigeres als diesen Eiertanz. Und der Ziemiak – dessen ausdrücklicher Freund ich ohnehin nicht bin …“

„Merkt man gar nicht …!“

„…der stellt sich hin und sagt, der Weber müsse jetzt aber auch Kommissionspräsident werden und das war so abgemacht und mimimi und wenn man nicht so entscheide, dann sei das „eine Schwächung unseres Systems„.“

„Ach was!?“

„Ja, spannend, oder!? Anstatt sich jetzt Mehrheiten zu suchen, sozusagen auf Stimmenfang zu gehen, was ein demokratischer Vorgang wäre, wirft sich Ziemiak auf den Boden und hält die Luft an, bis Weber inthronisiert ist. Nuuur keine Abweichung vom Prozedere.“

„Dann ist es der SPD-Vorsitz?“

„Ach, Quatsch! So lange es nicht Gesine Schwan wird, isses mir wurscht.“

„Weil?“

„Ja, der könnte den Job machen.“

„Nein, ich meine: Warum sollte sie es nicht werden?“

„Oh, sie sagte in einem Interview wörtlich: „Ich kann Flüchtlinge nicht in eine Gesellschaft hineinschicken, in der sich 20 Prozent der Bevölkerung materiell oder kulturell abgehängt fühlen, ohne die Gerechtigkeitsfrage zu stellen.“ Gefolgt von dem Vorschlag: „…die Aufnahme von Flüchtlingen auf der Ebene von Kommunen zu regeln und die Menschen dabei mitentscheiden zu lassen.“

„Muhahahahahaha!“

„Ja, witzig, oder!?“

„Eigentlich nicht – und ich habe trotzdem nicht das Gefühl, dass es das ist, was Dir die Laune verhagelt.“

„Nein. Was mir die Luftröhre verengt ist, dass die EU die Seenotrettung de fakto in private Hände gegeben hat – ein bisschen so, wie hierzulande die Tafeln dafür sorgen, dass die Menschen von ihrem ALG-II-Satz tatsächlich überleben können – und wenn diese Privatpersonen, namentlich in Person von Carola Rackete dann helfen, kriminalisiert man sie und sperrt sie einfach weg. Das ist doch, mit Verlaub, völlig gestört. Welch trüber Tasse fällt so etwas ein!?“

„Salvini?“

„Touché! Aber es kann das doch nicht angehen, dass jemand für Jahre in den Bau soll, nur weil sie Menschenleben retten wollte. Und unsere Politiker? Weitgehendes Schweigen. Nur der Bundespräsident hat sich geäußert und der Entwicklungshilfeminister Müller fordert im Interview die sofortige Freilassung. Aber sonst …“

„Moment – Heiko Mass hat dazu getwittert!“

„Oh – er hat getwittert! Na, da werden sich die italienischen Verantwortlichen ja geradezu einpullern vor Angst!“

„Es gibt keinen Grund für Sarkasmus!“

„Oh doch, den gibt es, nur so ist dieser gesamte Vorgang zu ertragen. Oder Äußerungen wie die vom FDPler Bijan Djir-Sarai.“

„Was hat er gesagt?“

„Die Rechtsstaatlichkeit ist außerordentlich gefährdet, wenn unter Berufung auf gesinnungsethische Motive Gesetze gebrochen werden.“

„Was für ein …“

„Allerdings! Was der AfDler Petr Bystron sagt, erspare ich Dir lieber.“

„Der Name klingt jetzt nicht AfD-typisch.“

„Nö – seine Familie floh mit ihm 1987 aus der Tschechoslowakei nach Deutschland und beantragte politisches Asyl.“

„Man könnte es für Realsatire halten, wenn man es nicht besser wüsste.“

„Japp! Und für komisch, wenn es nicht so traurig wäre.“

„Die Kanzlerin …?“

„Schweigt …“

 

500 Worte.

 

Freitagsfragen #82

Freitagsfragen Frühling

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

pünktlich zum Start in den Freitag starten auch die Freitagsfragen im Brüllmausblog durch in ihre 81. Ausgabe. Kinder, wie die Zeit vergeht …

Schreiten wir zur Tat, die Fragen und Antworten lauten:

1.) Was hast Du neulich Neues gelernt?

Och, das kommt ganz darauf an, wie man „neulich“ definiert. Wenn ich das zeitlich etwas großzügiger definiere, dann kann ich sagen: ziemlich viel! Ich lerne ja gerne Neues.

Neue Worte zum Beispiel. So habe ich in jüngerer Vergangenheit die Worte „Kokille“ und „rektifizieren“ gelernt. Angesichts der Fachspezifizierung des ersten Wortes, konnte ich damit leben, es nicht zu kennen, meine Unkenntnis zu Letzterem wundert mich schon eher. Ich könnte jetzt übrigens sicherlich beide Begriffe erläutern, verweise diesbezüglich aber auf die Suchmaschine eures Vertrauens. Oder Google.

Ich habe auch gelernt, dass es in jüngerer Vergangenheit eine steigende Zahl eigentlich ernstzunehmender Politiker gibt, deren Meinungen und Äußerungen mich zunehmend irritieren. Über Seehofer – wobei man sich in dem Zusammenhang das Adjektiv „ernstzunehmend“ wegdenken muss – schrieb ich gestern erst. Aber auch Ex-Bundespräsident Gauck irritierte mich kürzlich zutiefst, mit seinem Anliegen, man müsse mit Leuten vom rechten politischen Rand einfach mehr diskutieren und sie, sinngemäß, argumentativ stellen und überzeugen. Dabei übersieht Herr Gauck meiner Meinung nach den Denkfehler bzw. das Problem, dass die erwähnte Gegenseite ja eben oft gar nicht an einer entsprechenden Diskussion interessiert ist, und sich daher, wenn doch mal eine stattfindet, in erster Linie damit beschäftigt, das Gegenüber zu diskreditieren und die Argumente anzuzweifeln, um dann ihrereseits Quellen zweifelhaften Ursprungs zu zitieren. Mit einer Person vom rechten politischen Rand zu diskutieren ist also, um mal diesen alten Spruch zu zitieren, ungefähr so sinnvoll, wie der Versuch, mit einer Taube Schach zu spielen: Egal, wie gut Du Schach spielst, die Taube wird alle Figuren umwerfen, auf das Brett kacken und herumstolzieren, als hätte sie gewonnen. Daher gilt, zumindest für mich, sowohl für die Diskussion als auch für das Schachspiel: Warum sollte ich das tun?

Ich habe auch gelernt, dass mit BMW jetzt ein renommierter, deutscher Autokonzern mit dem ebenso renommierten Filmkomponisten Hans Zimmer zusammenarbeitet. Dessen Aufgabe besteht, vereinfachend gesagt, darin, Sounds für E-Autos zu komponieren. Denn die Dinger sind ja – zumindest bis zu einer gewissen Geschwindigkeit – vergleichsweise flüsterleise. Wohlgemerkt, BMW macht das – soweit ich das verstanden habe – nicht aus Sicherheitsbedenken, sondern weil der Wegfall des Motorengeräuschs das Fahrgefühl beeinträchtigen könnte …

Man denkt bei BMW also nicht: „Wir sorgen uns um unaufmerksame Mofafahrer, die gerade „Harry Potter: Wizards Unite“ spielen, während sie sich über ihre AirPods mit „Rammstein“ beschallen, weil die Gefahr besteht, dass sie unsere flüsterleisen Motoren überhören und umgeputzt werden, bevor sie wissen, wieso.“, sondern man denkt bei BMW: „Die Fahrer unserer PS-Panzer sind es gewöhnt, so ein richtig geiles Motorengeräusch zu haben und könnten das total doof finden, wenn das plötzlich fehlt. Deswegen soll ihnen auch in Zukunft ermöglicht werden, aus einer Reihe von Möglichkeiten, den satten Sound zu wählen, der ihnen das Fahren unser Elektro-Panzer mit der Reichweite eines siechen Eichhörnchens mit Lungensteckschuss erträglich gestaltet.“

Wenn also in der Gegend rund um Jamel in Zukunft die Klänge von „Stukas“ und „MP43“ die ländliche Idylle stören: Keine Sorge, das sind nur BMW.

2.) Wo findet man Dich an heißen Sommertagen?

Das kommt darauf an, wie heiß es ist. Im Normalfall findet man mich dann oft draußen im heimischen Garten, irgendwo, wo Schatten ist. Meistens mit einem Buch in der Hand. Wenn es aber so richtig, richtig heiß ist, dann habe ich dazu auch keinen Nerv mehr und halte mich lieber drinnen auf.

3.) Welchen Film muss man unbedingt gesehen haben?

Oh, da bin ich – der ich im Kino in den letzten Jahren allenfalls „Star Wars“ und „Peter-Jackson-verfilmt-etwas-von-Tolkien“ gesehen habe, genau der richtige Ansprechpartner. Außerdem zeichnen sich Filme, die man unbedingt gesehen haben muss, dadurch aus, dass sie viele eben schon gesehen haben, Geheimtipps darf man von mir also nicht erwarten. Wobei, ein Film der Kategorie „unbedingt ansehen“, den man vielleicht nicht (mehr) sofort auf Schirm hat, fällt mir dann doch ein: „Amistad“.

4.) Die Wahl der Qual: Zum Geburtstag mit unpassenden Geschenken überhäuft werden oder gar keine bekommen?

Och, ich bekomme lieber gar keine Geschenke als solche, mit denen ich nichts anfangen kann. Davon hat schließlich weder der Beschenkte, noch der Beschenkende etwas.

 

Das war es auch schon wieder. Ich wünsche allseits einen schönen Restfreitag und einen guten Start in ein hoffentlich schönes Wochenende.

Gehabt euch wohl!