„Der Galgendieb“ von Bernard Cornwell – Kitschfreie Zone

Buch: „Der Galgendieb“

Autor: Bernard Cornwell

Verlag: Rowohlt

Ausgabe: Taschenbuch, 392 Seiten

Der Autor: Bernard Cornwell, geboren 1944 in London und aufgewachsen in Essex, arbeitete nach seinem Geschichtsstudium an der University of London lange als Journalist bei der BBC, wo er das Handwerk der gründlichen Recherche lernte (zuletzt als «Head of Current Affairs» in Nordirland). 1980 heiratete er eine Amerikanerin und lebt seither überwiegend in den USA. Weil er dort keine Arbeitserlaubnis bekam, verwirklichte er seinen lang gehegten Wunsch, Bücher zu schreiben. Im englischen Sprachraum gilt er als unangefochtener König des historischen Abenteuerromans. (Quelle: Rowohlt)

Das Buch: Von seinem verblassenden Ruhm als Held bei Waterloo kann sich Rider Sandman im London des Jahres 1817 leider nichts kaufen. Aus schierer Not übernimmt er einen Auftrag des Innenministers: Er soll routinemäßig die Hintergründe eines Todesurteils prüfen. Der Fall: eine Dame von Adel, vergewaltigt und anschließend erstochen, Täter war angeblich ein junger Maler. Dass der aber freiwillig keine Frau anfassen würde, wird Sandman schnell klar. Nur wer war es dann?
Die Tote hatte ein exotisches Vorleben als Schauspielerin – mit vielen Verehrern und noch mehr Feinden. Sandman fügt Puzzleteil an Puzzleteil und steht irgendwann vor der Türe des Seraphim’s Club. Herren aus allerhöchsten Kreisen verkehren darin. Und was sie dort treiben, weiß keiner. (Quelle: Rowohlt)

Fazit: Wenn man auf der Suche nach einem – ganz wertfrei und nicht despektierlich gemeint – recht kitschfreien historischen Roman ist, dann steht man entweder vor einem Problem oder aber häufig vor den Büchern von Bernard Cornwell. Ob die Grals-Trilogie, die Starbuck-Bücher oder „Das Fort“, sie alle sind – zumindest in meiner Erinnerung – überzeugende historische Romane ohne eine unnötige Menge an Herzschmerz. Und genau das war gerade gesucht, als ich „Der Galgendieb“ in die Hände bekam.

Schon zum Einstieg in das Buch – einer recht bedrückenden Szene im Londoner Newgate-Gefängnis – fällt Cornwell mit seiner atmosphärischen Erzählweise auf. Der fürcherliche Geruch, die allgemein beklagenswerten hygienischen Zustände, die lärmenden Gefangenen, die angesichts einer bevorstehenden Hinrichtung ihrer Begeisterung darüber, nicht selbst zu den Unglücklichen zu gehören, die zum Galgen geführt werden, lautstark Ausdruck verleihen, all das wird dem Leser detailliert vor Augen geführt. Und diese anschauliche Erzählweise behält Cornwell über das ganze Buch bei. Manchmal zu anschaulich, insgesamt kommt „Der Galgendieb“ aber ohne übermäßige Grausamkeiten aus.

Die Dialoge wiederum kommen ohne unnötige Anachronismen aus, die für mich ganz persönlich immer eine Art Ausschlusskriterium darstellen, wenn es um historische Romane geht. Wenig verzeihe ich so ungern, wie beispielweise neuzeitliche Redewendungen in Mittelalter-Romane oder andere inhaltliche Anachronismen, die auf schlechte Recherche hindeuten könnten. Davon wird demnächst in einer anderen Rezension vielleicht noch zu reden sein …

Cornwell Charaktere dagegen reden angemessen modern. Und auch sonst kann ich mich über seine Figuren wenig beklagen. Sein Protagonist, Rider Sandman, taugt als Sympathieträger, sein guter Freund Lord Alexander gibt sich in seiner aristokratischen Art als der, der er ist, sieht die Privilegien seines Standes gegenüber anderen Bevölkerungsschichten jedoch durchaus kritisch und selbst der nur in ganz wenigen Szenen auftauchende Gefängniswärter, von dem ich mich gerade frage, ob er überhaupt einen Namen hat, ist mir im Gedächtnis geblieben. Insbesondere Letzteres spricht für Cornwells Figurenensemble, das sogar hinsichtlich des Antagonisten überzeugen kann, was nicht allzu häufig vorkommt und was ich deswegen umso häufiger beklage.

Mit derartigem personellen und stilistischen Rüstzeug versehen, präsentiert der Autor eine Handlung, über die sich ebenso wenig Schlechtes sagen lässt. Übernimmt Sandman die ihm übertragene Aufgabe anfangs nur widerwillig – einerseits, weil er gerade Geld braucht, andererseits, weil ohnehin niemand ernsthafte Ermittlungen von ihm erwartet -, so kommen ihm recht bald tatsächlich Zweifel an der Schuld des als Täter ausfindig gemachten Malers. Und während der Leser ihn bei seinen Ermittlungen begleitet, gelingt es Cornwell nicht nur, eine spannende Handlung zu erzählen, sondern auch den Anflug eines Sittengemäldes von London im 19. Jahrhundert zu zeichnen. Etwas, das man in einem historischen Abenteuerroman nicht unbedingt erwarten würde. Zumal ich hier auch den Beweis herumliegen habe, dass es Abenteuerromane gibt, die wirklich ganz, ganz, ganz, ganz, ganz, ganz unfassbar sein können. Aber auch dazu demnächst mehr.

Zusammenfassend kann ich sagen: Wer mal wieder einen atmosphärischen, spannenden, gut geschriebenen historischen Roman lesen möchte, der wird mit „Der Galgendieb“ zufrieden sein.

Wertung:

Handlung: 8,5 von 10 Punkten

Charaktere: 9 von 10 Punkten

Stil: 9 von 10 Punkten

Atmosphäre: 9,5 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 9 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: Entweder „Ich bringe Dir die Nacht“ von Catherine Ryan Howard ooooder „Das Verschwinden der Stephanie Mailer“ von Joel Dicker – falls ich es denn zeitnah durchgelesen haben sollte.

 

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abc.Etüden – Big Brother is watching you IV

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

spätestens in der nächsten Woche wird mein Fokus wohl wieder auf Rezensionen liegen, da man aber einerseits Dinge beenden soll, die man angefangen hat und ich andererseits nicht mehr schlafen konnte, gibt es jetzt den vierten Teil meiner aktuellen abc.Etüden-Reihe. Bis Sonntag sollte selbige zu einem, wie auch immer gearteten Abschluss gekommen sein. Hätte ich nur eine Idee … :-)

Die ersten drei Teile, bei Interesse, kann man hier, hier und hier nachlesen. Die Etüden werden weiterhin von Christiane ausgerichtet, die Wortspende für den Rest dieser Woche kommt von Rina.

 

In der 23. Etage eines Bürokomplexes steht Petersen mit seinen Kollegen am Kaffeeautomaten und echauffiert sich:

„Und dann hat der cholerische Spinner, der sich unser Chef nennt …“

„Ich kann Sie höööören …“ flötet eben jener „cholerische Spinner“ durch die offene Tür. „Und ich will Sie sprechen. In mein Büro, zack, zack!“

Petersen schließt die Augen und lässt die Schultern sinken. Das war es wohl mit der Beförderung, die hat er sich veritabel verdorben. Ach was, das war es wohl mit allem. Resigniert betritt er das Chef-Büro.

„Petersen, ich hatte ihnen den Zugriff auf diesen spinnerten Blogger befohlen, richtig?“

„Ja, Sir!“

„Und …“ Der Chef legt eine Kunstpause ein, während der er sich suchend umblickt. „Wo ist er nun?“

„Er ist weg!“

„Weg? Das gute „weg“, im Sinne von „geht nur kurz Kippen holen, kommt gleich wieder und wird dann von uns einkassiert“? Oder eher das schlechte „weg“ im Sinne von „wir haben keine Ahnung, wo das kleine, schlüpfrige Scheißerchen steckt“?“

„Letzteres, Sir“

„Aha … – einen Moment…“ Der Chef nimmt den Telefonhörer ab. „Walker, bringen Sie uns doch bitte zwei Café au lait, ja!?“

Nur gefühlte Sekunden später betritt ein untersetzter, fast pummeliger und sichtlich nervöser Mann, der einen beißenden Geruch verströmt, das Büro, stellt zwei Tassen ab und verschwindet wieder.

Der Chef wendet sich wieder Petersen zu.

„Das war Walker. Früher ein Agent im Einsatz, wie Sie. Hatte eine leicht sadistische Ader, wir nannten ihn den Ramsay Bolton der CIA.“

„Verstehe ich nicht …“

„Unwichtig! Wichtig ist: Walker hat es irgendwann mal verbockt. Jetzt ist er hier. Sozusagen als mein Assistent. Hat einen umfangreichen Aufgabenbereich: Kaffee bringen. Ich denke, Sie verstehen, worauf ich hinaus will!?“

„Ja, Sir!“

„Gut! Gut. Finden Sie diesen spinnerten Blogger, sonst lasse ich Sie von jetzt an bis in alle Zeit den BER observieren, haben wir uns verstanden, ja?“

„Ja, Sir!“

 

300 Wörter

 

Tja, wo ist er nur, der spinnerte Blogger? Ehrlich gesagt, ich habe keine Ahnung, aber ich werde mir schon etwas aus den Fingern saugen mir wird schon etwas einfallen. Bis dahin wünsche ich erst mal einen schönen Restdonnerstag.

Gehabt euch wohl.

EU-Urheberrechtsreform zugestimmt

Hallo, liebe Leserinnen und Leser

für alle, die es bislang noch nicht mitbekommen haben, sei hier kurz erwähnt, dass das EU-Parlament heute mit einer Mehrheit von 348 zu 274 Gegenstimmen der umstrittenen Urheberrechtsreform zugestimmt hat.

Die meisten Stimmen, die ich vernommen habe – was, zugegeben, auch an meiner Filterblase liegen kann -, hätten sich eigentlich dagegen ausgesprochen. Ich übrigens auch, nur mich fragt ja keiner.

Das bedeutet nicht im Umkehrschluss, dass ich etwas gegen Urheberrechte habe, ganz im Gegenteil, ich zweifele nur an, dass die Reform, so wie sie jetzt beschlossen wurde, ganz ohne Zulassung von Änderungsanträgen, dem Internet wirklich gut tut und die Finanzen der Urheber verbessert. Die der Verwertungsgesellschaften und Verlage, ja sicher, die schon. Aber offensichtlich teilten die Abgeordneten meine Meinung nicht. Bleibt nur zu hoffen, dass sie auch alle wissen, worüber sie da abgestimmt haben …

Dass die Tatsache, dass – in meiner Wahrnehmung – die Mehrheit der Bevölkerung gegen die Reform war, nicht dazu geführt hat, dass man dagegen stimmt, ist meines Erachtens nur konsequent. Schließlich ist eine Mehrheit der Bevölkerung auch gegen Glyphosat – weswegen man es tapfer weiterbenutzt. Auch ein Tempolimit auf Autobahnen fände eine Mehrheit. Deswegen gibt es natürlich auch keins. Steht ja auch nicht im Koalitionsvertrag. Uploadfilter auch nicht, aber hey.

Eine ganze Generation junger Leute geht für „fridaysforfuture“ auf die Straße und muss sich von Politikern anhören, sie hätten keine Ahnung oder aber werden in ihrer Meinung so verhätschelnd bestätigt, dass man, wie der Herr Lanz gestern sinngemäß gesagt hat, „dem Klimawandel entgegenkuschelt“. Nur passiert ist halt nichts.

Zusammen mit der Urheberrechtsreform hat diese junge Generation jetzt gleich zwei große Themen, durch die sie sich nicht ernst genommen oder verkaspert fühlen darf. Effektiver kann die Politik das Vertrauen in diese Generation gar nicht verspielen.

Just my two cents.

abc.Etüden – Big Brother is watching you III

Guten Morgen, lieber Leserinnen und Leser,

auf den expliziten Wunsch einiger ganz zauberhafter Menschen unter meinen Followern folgt nun der dritte Teil meiner aktuellen abc.Etüden-Serie. Und sollte ich unterwegs nicht die Lust daran verlieren, folgen da vielleicht noch einige andere – ich habe nämlich nicht die geringste Ahnung, wie ich von da, wo ich mich jetzt schon hingeschrieben habe, zu einem adäquaten Schluss kommen sollte. Oderr wie der überhaupt aussehen könnte. Aber wir werden sehen. Die ersten beiden Teile findet man bei Interesse hier und hier. Die Etüden werden weiterhin von Christiane ausgerichtet, die Wortspende für den Rest dieser Woche kommt von Rina.

 

Das Telefon klingelt. Er ist dran. Damit ist ihr Feierabend verdorben. Seit ihrem Gespräch im Café macht sie sich in erster Linie  Sorgen um ihn – aber ein bisschen Angst macht er ihr auch. Sie schließt die Augen, beißt die Zähne zusammen und geht ran.

„Hallo?“

„Sing with me, sing for the years
Sing for the laughter, sing for the tears
Sing with me, just for today
Maybe tomorrow, the good Lord will take you awaaaaay“, gröhlt es ihr entgegen.

„Bist Du betrunken?“

„Neeeein, neeeheeeein!“

„Du wirkst aber so …“

„Zu behaupten, ich sei betrunken, wäre so, als würde man der britischen Royal Mint gutes Timing unterstellen.“ erklärt er und beginnt zu lachen. „Austrittsdatum 29. März! Haahaa, zu köstlich. Also nein, ich bin nicht betrunken: Ich bin hackedicht!“, fügt er fröhlich hinzu.

„Das erklärt, warum du Aerosmith singst …“

„Das, und die Tatsache, das Steven Tyler heute 71 wird.“

„Können wir mal kurz ernst werden?“

„Mam, yes, Mam!“

„Du solltest nach Hause gehen. Und morgen komme ich nochmal vorbei und wir reden. Das, was Du mir da neulich erzählt hast …“

„Das war noch längst nicht alles – jetzt sind Südkoreaner ins Spiel eingestiegen!“

„Die Südko… – geh nach Hause, ja!?“

„Aber da bin ich ja schon fast. Ich muss nur noch den Schlüssel …, wo ist denn …?“

„Brauchst Du Deinen Ersatzschlüssel?“

„Ich hatte ihn eben noch – DAAAHAAAHAAA! Hat ihn schon.“

Sie hört ihn die Haustür öffnen.

„Ich bin drin. Aber vielleicht hast Du Recht, ich sollte mich hinlegen, die Nacht war lang.“

„Die Nacht? Es ist gerade mal 18 Uhr und du …“

„Wer sind – wuuuääääh!“

„Bitte?“

Sie hört ein Poltern, dann etwas, das wie Männerstimmen klingt – dann nichts mehr. Die Leitung ist unterbrochen.

„Scheiße!“ Sie steht auf, läuft im Wohnzimmer auf und ab.“Scheiße, Scheiße, Scheiße! Was mache ich denn jetzt?“

Sie wählt die Nummer der Polizei.

 

300 Worte, erneute Punktlandung. :-)

 

abc-Etüden – Big Brother is watching you II

Hallo, liebe Leserinnen und Leser,

irgendwie ist mir danach, für die abc-Etüde von letzter Woche eine Fortsetzung zu verfassen. Ich habe bis jetzt noch nicht den Hauch einer Ahnung, wohin diese mich inhaltlich führt, sicher ist eigentlich nur, dass die abc-Etüden von Christiane ausgerichtet werden, die dafür notwendige Wortspende diesmal der Geschichtszauberei von Rina entstammt und der nachfolgende Text den Umfang von 300 Wörtern nicht überschreiten wird. Hoffe ich …

Schreiten wir zu Tat:

 

„PETERSEN!“ brüllt es durch die Flure der 23. Etage des Bürokomplexes. Wenige Sekunden später steht der Gesuchte im Büro seines Chefs.

„Petersen, hier ist das Observierungsprotokoll unseres Beschattungsteams. Es hat den Anschein, als hätte unser Objekt etwas von der Überwachung bemerkt …“

„Aber – wie …?“

„Wie? Ja, das frage ich Sie, Petersen! Es hat den Anschein, als würden unsere Aufrufe seines Blogs in seiner Statistik auftauchen. Hat er jedenfalls gesagt. Im Café. Ich könnte Sie beißen, verdammt!“

„Also, Sir, um genau zu sein, dürfte er eigentlich nur sehen können, dass es Aufrufe aus den USA gibt. Dass wir dafür verantwortlich sind, das mutmaßt er wohl nur …“

„Aber wir SIND dafür verantwortlich!“

„Nun ja …“

„Halten Sie den Typen für dämlich, Petersen?“

„Also, die Einen sagen so, die Anderen so …“

„Denken Sie, es ist der richtige Zeitpunkt, um witzig sein zu wollen?“

„Ich …“

„Sie haben es verdorben, Petersen! Hören Sie, Petersen, wir sind der Auslandsgeheimdienst der Vereinigten Staaten von Amerika. Und Sie wollen mir erzählen, dass wir nicht mal die Observierung eines popeligen Bloggers hinbekommen, ohne, dass er etwas davon erfährt?“

„Ich …“

„Welchen Teil von GEHEIM haben Sie nicht verstanden? Sie leiten diese Aktion, ist Ihnen da nicht ein einziges Mal in den Sinn gekommen, dass Sie ihre Leute dahingehend instruieren sollten, dass sie sich, verflucht nochmal, nicht erwischen lassen sollten?“

„Ich …“

„Ach hören Sie doch auf! Wir machen uns doch lächerlich. Wenn das der Präsident erfährt, zwingt er mich, den Mueller-Report zu essen – mehr kann man damit sowieso nicht machen.“

„Und was sollen wir jetzt …?“

„Wir tun hier gar nichts, Petersen! Sie tun es – und zwar werden Sie den Zugriff anordnen. Heute noch. Am besten in seiner Wohnung. Wir können nicht riskieren, dass er weiteren Leuten davon erzählt, bis man ihm irgendwann glaubt. Also, wegtreten, Petersen. Und ich rate Ihnen: Versauen Sie es nicht!“

 

 

 

„Niemalswelt“ von Marisha Pessl – Sie sind tot!

Buch: „Niemalswelt“

Autorin: Marisha Pessl

Verlag: Carlsen

Ausgabe: Hardcover, 484 Seiten

Die Autorin: Marisha Pessl stammt aus Asheville, North Carolina, und lebt mittlerweile in New York. Ihr Debütroman Die alltägliche Physik des Unglücks wurde ein internationaler Bestseller, hat diverse Preise gewonnen und ist von der New York Times als eines der 10 Best Books of the Year ausgewählt worden. Niemalswelt ist ihr erstes Buch für Jugendliche und junge Erwachsene. (Quelle: Carlsen)

Das Buch: Seit Jims ungeklärtem Tod hat Bee keinen ihrer Freunde mehr gesprochen. Als sich die fünf ein Jahr später in einem noblen Wochenendhaus an der Küste wiedertreffen, entgehen sie nachts nur knapp einem Autounfall. Unter Schock und vom Regen durchnässt kehren sie ins Haus zurück. Doch dann klopft ein geheimnisvoller Unbekannter an die Tür und eröffnet ihnen das Unfassbare: Der Unfall ist wirklich passiert und es gibt nur einen Überlebenden. Die Freunde sind in einer Zeitschleife zwischen Tod und Leben gefangen, in der sie dieselben elf Stunden immer wieder durchlaufen – bis sie sich geeinigt haben, wer von ihnen überlebt. Der Schlüssel zur Entscheidung scheint Jims Tod zu sein – in ihrer Verzweiflung beginnen die Freunde nachzuforschen, was wirklich mit ihm passiert ist, in jener Nacht, in der er in den Steinbruch stürzte. Und langsam wird klar, dass sie alle etwas zu verbergen haben … (Quelle: Carlsen)

Fazit: „SIE SIND TOT“ stand in den 90ern immer in großen Lettern auf dem Bildschirm, wenn man bei „Resident Evil“ mal wieder versagt hatte. Und genau das sind Beatrice, genannt „Bee“ und ihre vier Freunde auch. Mehr oder weniger jedenfalls, denn es gibt einen Überlebenden. Und so wie man in „Resident Evil“ im Falle des virtuellen Ablebens einen gespeicherten Spielstand lädt, so beginnen für die fünf Freunde die selben 11 Stunden immer und immer wieder von vorn. Und schließlich fangen sie an, ihre Zeit zu nutzen – von der sie ja nun reichlich haben – um Licht ins Dunkel von Jims Tod zu bringen. Aber der Reihe nach …

Im Jahr 2008 erschien die deutsche Ausgabe von Marisha Pessls Debütroman „Die alltägliche Physik des Unglücks“, bei dem ich mich lange Zeit nicht entscheiden wollte, ob es sich dabei um eine literarische Frechheit oder einen Geniestreich handelt, bis ich mich für Letzteres entschied. Pessls Erstlingswerk war ausgestattet mit einer Flut an Fußnoten, mit einer Fülle an Verweisen, mit Myriaden an Zitaten aus tatsächlichen oder fiktiven Büchern, die die Lektüre des Buches so erschwerten, dass ich jeden verstehe, der frustiert aufgegeben hat. Nicht umsonst wurde sie damals von der „Zeit“ als „new american Streber“ bezeichnet.

Sechs Jahre danach veröffentlichte sie mit „Die amerikanische Nacht“ einen von mir sehnlichst erwarteten Nachfolgeroman, der äußerst düster daherkam, aber durch außerordentlich gelungene Charakterzeichnung bestach. Pessls zweiter Roman muss sich lediglich den Vorwurf gefallen lassen, sich nur äußerst schwer in Schubladen oder Genre-Grenzen einordnen zu lassen – aber wer will das schon …?

Bis zu ihrem dritten Roman „Niemalswelt“ dauerte es nur noch fünf Jahre, die Abstände zwischen den einzelnen Büchern werden also kürzer, was ich außerordentlich begrüße. Weniger begrüßt habe ich die Tatsache, dass es sich beim vorliegenden Buch um eines handelt, dass sich vorzugweise an Jugendliche und junge Erwachsene richtet. Gut, es mag Menschen geben, die mich da einsortieren würden, aber um das zu tun, müsste man die Wahrheit schon recht massiv beugen. Wenn man sich aber den Jugendbuch-Aspekt wegdenkt – was phasenweise schwierig ist, dazu später mehr -, dann kann man konstatieren, dass Pessls neues Buch ein rundum gelungenes Lesevergnügen darstellt.

Schon mit ihren ersten beiden Büchern, insbesondere natürlich mit ihrem Debüt, hat die Autorin bewiesen, dass sie es stilistisch einfach drauf hat, um es mal salopp zu formulieren. Und das kann man auch über „Niemalswelt“ sagen. Es ist sprachlich weder anspruchslos noch sonderlich fordernd, sondern genau so, wie ich ein Buch für eine junge Leserschaft schreiben würde, wenn ich so etwas könnte.

Dabei verzichtet die Autorin segenswerterweise auf alle Anflüge von „Jugendsprache“, wie ich mal vereinfachend sagen möchte, ohne den Begriff despektierlich zu meinen. Die Dialoge sind meiner Meinung nach an manchen Stellen sogar ein bisschen zu elaboriert gehalten, erklären sich aber wenigstens im Ansatz mit der Herkunft der Jugendlichen, die zu großen Teilen aus „besseren Kreisen“ stammen und überschreiten an keiner Stelle den Punkt, an dem man sich denkt: „So redet doch kein Mensch!“

Apropos Mensch, die Menschen mit denen Pessl ihren Roman bevölkert hat, sind quantitativ überschaubar und qualitativ gut gelungen. Zwar hätte ich mir hierbei noch ein wenig mehr Tiefe, Hintergrund, Ausarbeitung gewünscht, aber da sind wir wieder bei dem Punkt, dass es sich bei „Niemalswelt“ um ein Jugendbuch handelt. Und vor diesem Hintergrund betrachtet, gehen die Charaktere völlig in Ordnung.

Bleibt noch der Plot, um mal ganz bewusst einen der von mir leidenschaftlich verabscheuten Anglizismen zu benutzen, weil ich „Plot“ einfach mal eine Herkunft aus den französischen Begriffen „peloter“ für  „zu einem Knäuel wickeln“ und „complot“ für „Verschwörung“ zuschreibe. Und Worte aus dem Französischen benutzen – das geht! :-) Ich schweife ab – kommen wir wieder zum Plot.

Die Geschichte um die Hintergründe des Todes des jungen Jim überzeugt mich inhaltlich vollkommen, ist klug konstruiert, ganz ohne konstruiert zu wirken, ist spannend und hat letzten Endes auch eine zufriedenstellende Auflösung. Mit der ich, das sei an dieser Stelle ganz unbescheiden erwähnt, allerdings gerechnet hatte. Das tat dem Lesevergügen allerdings keinen Abbruch. Vielmehr tat das der Fokus auf die jüngere Leserschaft und der sich durch das Buch ziehende – und ich formuliere das mal absichtlich hauchzart provokant – typisch amerikanische moralkonservative Anstrich, den die Hauptfiguren tapfer transportieren. Das tun sie, indem sie eindeutig klar machen, dass Drogen verticken ganz dolle doof ist. Nicht, dass ich das anders sehen würde. Aber der erhobene Zeigefinger nervte mich etwas. Entrüstet sind die Protagonisten sogar, wenn es um Täuschungsversuche in Prüfungen geht. Na ja. Dass Bee mit ihrem Freund Jim, mit dem sie doch immerhin nahezu vier Jahre(!) zusammen ist, bevor er zu Tode kommt, noch kein einziges Mal Sex hatte, passt da nur zu gut ins Bild. In diesem Moment würgte, ähm, wehte ein Hauch der twighlightschen Enthaltsamkeit durch das Buch.

Und auch die Botschaft, die das Buch transportiert, ist nicht sonderlich komplex und lässt sich auf Horaz und sein „Carpe diem!“ eindampfen.

Das alles kann ich Marisha Pessl allerdings nicht zum Vorwurf machen, weil ich ein Buch weder dafür kritisieren kann, was es sein soll, noch dafür, dass ich nicht zur Zielgruppe gehöre. Wer dazu gehört bzw. wer sich an den erwähnten Dingen nicht stört, der kann also die zwei vorhergehenden Absätze getrost ignorieren.

Und wenn man das tut, dann bleibt ein wirklich gutes Buch. Ein Buch, das es mir ermöglicht, mal wieder mit einem Zitat aus selbigem abzuschließen:

„Wie sind alle Anthologien.“ (S. 374)

Ich wünsche euch allen, dass sich eure ganz persönliche Anthologie noch um eine unermessliche Fülle an Texten vergrößert. Also, lasst es mal wieder krachen und „Carpe diem et noctem“, denn wie der weise Paul Stanley schon wusste:

„I know life sometimes can get tough
And I know life sometimes can be a drag
But people, we have been given a gift
We have been given a road
And that road’s name is, rock and roll“

;-)

Wertung:

Handlung: 9 von 10 Punkten

Charaktere 8 von 10 Punkten

Stil: 10 von 10 Punkten

Atmosphäre: 10 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 9,25 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: Eigentlich wollte ich heute schon über Bernhard Cornwells „Der Galgendieb“ schreiben, da aber Marisha Pessl eher als erwartet bei mir eingezogen ist – leider nur in Buchform, nicht persönlich -, haben sich die Prioritäten ein wenig verschoben. Cornwells historischer Roman kommt nun aber als Nächstes.

 

abc-Etüden: Big Brother is watching you!

 

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

aus ganz banalen Ich-habe-gerade-Zeit-Gründen gibt es heute mal wieder ein weiteres Exemplar der abc-Etüden, ausgerichtet von Christiane. Die Wortspende stammt von Rina, ihres Zeichens verantwortlich für den Blog Geschichtszauberei, dem ich mich aus Gründen der bisherigen diesbezüglichen Unkenntnis noch genauer zuwenden werde, denn, wie wir gerade festgestellt haben: Ich habe ja Zeit! Auf gehts!

 

„Mein Blog ist zum Spielball ausländischer Großmächte geworden!“, sagt er und nickt sich selbst bestätigend mit dem Kopf.

Sie will gerade in ihre teegetränkte Madeleine beißen, verharrt nun jedoch und entgegnet: „Entschuldige, was?“

„Ich sagte, …“

„Ich habe verstanden, was Du gesagt hast, ich habe nur nicht verstanden, warum Du so etwas sagst!“

Mittlerweile hat es ihr den Appetit verdorben. Sie legt die Madeleine wieder auf den Teller und taxiert stattdessen den Abstand zur Eingangstür des Cafés.

„Nun, jeden Morgen, wenn ich meinen Blog öffne, dann habe ich da Aufrufe.“

„Das ist doch erst Mal was Schönes!?“

„Ja, aber die kommen dann alle aus den USA und der Sonderverwaltungszone Hongkong. Geheimdienste, verstehst Du!?“

„Um ehrlich zu sein: nein!“

„Na, das sind Aufrufe der Geheimdienste, die überwachen meinen Blog und prüfen jeden Tag, was ich geschrieben habe.“

„Und das Chinesische Ministerium für Staatssicherheit sitzt in der Sonderverwaltungszone Hongkong?“

„Wäre doch möglich …“

„Ach, hör doch auf!“

Beleidigt verschränkt er die Arme: „Ich wollte es Dir nur gesagt haben. Falls mir also jemand über Nacht das Licht ausknipst …“

„…dann waren das die Geheimdienste?“

„Exakt.“

„Aha. Und was willst Du nun dagegen tun?“

„Nichts. Doch: Ich schreibe eine Etüde. Sonst aber nichts. Bringt ja nichts. Beispiel: Etwa fünf Millionen Leute unterschreiben eine Online-Petition gegen Artikel 13 des EU-Urheberrechtsgesetzes …“

„Gegen was?“

„Ja, eben. Das sind mehr als bei der Wahl über die Abschaffung der Zeitumstellung teilnahmen. Passieren wird nix. Oder auch: Eine ganze Generation geht auf die Straße und protestiert für Klimaschutz. Passiert ist nix. Außer, dass deren Motive in Misskredit gezogen wurden und Ahnungslosigkeit unterstellt wurde.“

„Also willst Du deswegen eine Etüde schreiben.“

„Genau. Und weil ich gerade Zeit habe. Und ich werde ein YouTube-Video einfügen.“

„Ist das noch erlaubt? DSGVO und so?“

„Keine Ahnung, ist mir auch egal. Und genau darum gehts ja auch.“

 

300 Worte. Punktlandung. Ich hätte zwar gerne noch 100 gehabt, aber man muss mit dem arbeiten, was man bekommt. ;-)

Ich wünsche allseits noch einen schönen Donnerstag.

Gehabt euch wohl.

 

 

 

„Das Original“ von John Grisham – In der Klappentext-Hölle

Buch: „Das Original“

Autor: John Grisham

Verlag: Heyne

Ausgabe: Taschenbuch, 365 Seiten

Der Autor: John Grisham, Jahrgang 1955, ist sicherlich jedem, der sich für Bücher interessiert, ein Begriff. Mr. Grisham machte sich Anfang der 90er einen Namen als Autor diverser Justizromane („Die Akte, „Die Jury“, „Die Firma“ usw.) und die Auflage seiner Bücher hat mittlerweile mehrere Hundert Millionen Exemplare erreicht.

Das Buch: In einer spektakulären Aktion werden die Manuskripte von F. Scott Fitzgerald gestohlen. Das FBI übernimmt die Ermittlungen, und binnen weniger Tage kommt es zu ersten Festnahmen. Einer der Täter aber bleibt wie vom Erdboden verschluckt. Und mit ihm die wertvollen Schriften. Endlich führt eine heiße Spur nach Florida: in die Buchhandlung von Bruce Cable, der seine Hände in Unschuld wäscht. Und so heuert das Ermittlungsteam eine junge Autorin an, die sich in das Leben des Buchhändlers einschleichen soll. Doch die Ermittler haben die Rechnung ohne Bruce Cable gemacht, der sein ganz eigenes Spiel mit ihnen treibt. (Quelle: Heyne)

Fazit: Es gibt Situationen, die einem nur so semi-gut gefallen. Wenn man kränklich darniederliegt und einem der Lesestoff ausgeht beispielsweise. Mangels der entsprechenden Mobilität schleppt man sich zum ortsansässigen Ersatz für den stationären Buchhandel, dankt kurz dafür, dass es so etwas in fußläufig zu erreichender Entfernung, sprich im gleichen Gebäude, überhaupt gibt, taxiert das Angebot – und möchte sich umgehend wieder hinlegen, weil besagter ortsansässiger Ersatz für den stationären Buchhandel in erster Linie 70 Ausgaben von Marc Elsbergs „Helix“, das ich schon kenne, diverse Bücher von Jeffrey Archer und das umfangreiche Gesamtwerk von Lucinda Riley vertickt. Und an dem Tag, an dem ich anfange, Lucinda Riley zu lesen, habe ich die Kontrolle über mein Leben verloren – was völlig subjektiv und wertfrei gemeint ist. Also schnappt man sich eines von maximal drei vorhandenen Büchern, die man in die Kategorie „möglicherweise lesbar“ einordnet – und das war im vorliegenden Fall dann eben „Das Original“ von John Grisham.

Ich mag sie ja, die Bücher von Grisham. Es mag sein, dass es viele Leser und Innen gibt, die insbesondere seine Justiz-Thriller als knochentrocken empfinden, aber ich persönlich, ich mag sie. Allerdings habe ich immer dann eher ein Problem mit Grisham, wenn er von seinen ursprünglichen Pfaden abweicht. Und so mag es nicht verwundern, dass mich „Das Original“ letztlich nicht ganz überzeugen konnte.

Das liegt zum Einen am Klappentext, der oben wiedergegeben ist. Das Problem an diesem Text ist, dass er einen großen, wirklich groooßen Teil des Buches bereits vorwegnimmt. Man könnte auch sagen, bis man am vom Klappentext beschriebenen Punkt angekommen ist, beginnt schon fast der Showdown, wenn das Buch denn einen solchen hätte. Dafür kann natürlich der Autor nichts, schade ist es aber dennoch. Ich habe auch länger überlegt, ob ich den Klappentext benutze, aber früher oder später wird die potentielle Leserschaft ja ohnehin damit konfrontiert.

Zum Zweiten wäre da die inhaltlich arg überschaubare Handlung, die man ja außerdem bereits nach Lektüre des Klappentextes fast kennt. Daher bietet sie auch keine überraschenden Höhepunkte, außer dem, was zum Ende hin wohl eine überraschende Wendung sein soll, von der ich natürlich inhaltlich nichts verrate, die aber eben kaum überrascht, weil das ganze Buch praktisch darauf hinläuft. Und es außerdem ansatzweise im Klappentext erwähnt wird …

Lassen wir das.

Abseits dieser eigentlichen Handlung bietet „Das Original“ dennoch einiges, nämlich immer dann, wenn sich Grisham inhaltlich dem Literaturbetrieb und seinen Charakteren zuwendet, was, wie ich einfach mal mutmaße, sein Antrieb gewesen sein wird, „Das Original“ zu schreiben.

Und die dort erwähnten, teils recht schrulligen Charaktere haben in den allermeisten Fällen ihren eigenen Charme, als da beispielsweise Myra wäre, die eigentlich inhaltlich anspruchsvolle Literatur schreiben möchte, aber gemerkt hat, dass sie mit banalstem Fließband-Schund viel mehr Geld verdienen kann, weswegen sie diesen stur weiterproduziert sowie ihre mit ihr zusammenlebende Freundin Leigh, die seit Jahren unter einer Schreibblockade leidet, sich allerdings weiterhin beharrlich als Autorin betrachtet.

„Einige Schriftsteller sind souveräne Erzähler mit einem unerschöpflichen Vorrat an unterhaltsamen Geschichten, geistreichen Bemerkungen und zitierfähigen Bonmots. Andere dagegen sind scheue, interovertierte Seelen die sich in selbst gewählter Isolation abrackern und Schwierigkeiten damit haben, unter Leute zu gehen.“. schreibt Grisham dann auch auf Seite 162 selbst über seine Figuren. Und in eben dieser Bandbreite schildert er sie auch, das macht sowohl Spaß als auch das Buch aus meiner Sicht aus.

Im stilistischen Bereich überzeugen mich besonders die gelungenen Dialoge, insgesamt gibt er aber weder Anlass zu Jubelstürmen noch zu überzogener Kritik. Aber das ist doch auch schon mal was.

Letztlich muss ich festhalten, dass mir Grishams Justiz-Thriller weiterhin lieber sind, als seine Ausflüge in andere Themenbereiche. Zumal sich bereits Autoren wie Edward St Aubyn mit „Der beste Roman des Jahres“ oder, wenigstens am Rande, Joel Dicker mit „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ anders und besser mit dem Literaturbetrieb auseinandergesetzt haben. Natürlich ist es kein Grund, ein Buch nicht zu schreiben, weil andere Autoren ein identisches Thema bereits genutzt haben, aber dieses Buch hier, das hätte es nicht unbedingt gebraucht.

Wertung:

Handlung: 6 von 10 Punkten

Stil: 7,5 von 10 Punkten

Charaktere: 8,5 von 10 Punkten

Spannung: 4 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 6,5 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Galgendieb“ von Bernhard Cornwell. Historischer Roman.

„Die Phileasson-Saga II – Himmelsturm“ von Bernhard Hennen und Robert Corvus – Eine Sache der Sichtweise

Buch: „Die Phileasson-Saga – Himmelsturm“

Autoren: Bernhard Hennen und Robert Corvus

Verlag: Heyne

Ausgabe: Paperback, 476 Seiten

Die Autoren: Bernhard Hennen, 1966 geboren, studierte Germanistik, Geschichte und Vorderasiatische Altertumskunde. Mit seiner Elfen-Saga stürmte er alle Bestsellerlisten und schrieb sich an die Spitze der deutschen Fantasy-Autoren. Hennen lebt mit seiner Familie in Krefeld. (Quelle: Heyne)

Robert Corvus, 1972 geboren, studierte Wirtschaftsinformatik und war in verschiedenen internationalen Konzernen als Strategieberater und Projektleiter tätig, bevor er mehrere erfolgreiche Fantasy-Romane veröffentlichte. Er lebt und arbeitet in Köln. (Quelle: Heyne)

Das Buch: Die beiden großen Kapitäne Asleif Phileasson und Beorn der Blender sind zue legendärsten Wettfahrt angetreten, die Aventurien je gesehen hat: Den ganzen Kontinent müssen sie umrunden und sich dabei gefährlichen Prüfungen stellen. Nur der Sieger wird sich mit dem Ehrentitel „König der Meere“ schmücken dürfen. Ihr zweites Abenteuer führt die Rivalen ins ewige Weiß des Nordens zum sagenumwobenen Himmelsturm. Doch der Turm hat seinen eigenen Willen, und so geraten die beiden Helden und ihre Gefährten bald in tödliche Gefahr. (Quelle: Klappentext)

Fazit: Zu Türmen in der Fantasy – egal ob Buch, Film, PC-Spiel oder Pen-&-Paper – habe ich ein eher gespaltenes Verhältnis.

Zwar sind „Die zwei Türme“ über jeden Zweifel erhaben, dafür scheitere ich gerade am PC in großem Stil an „Tower of Time“ und finde, für den sogenannten „Magierturm“ in „Dragon Age – Origins“ gehören die dafür verantwortlichen Herrschaften von BioWare noch heute bei Wasser und Brot in einen stockfinsteren Raum gesperrt und gelegentlich mit Dachlatten und Nagelkeulen verdroschen.So großartig der Rest von „Dragon Age“ auch ist.

Und über „Der dunkle Turm“ sage ich jetzt besser nichts, sonst verkommt das Ganze hier wieder zu einer Hetzschrift gegen Stephen Kings Machwerk, welche vermutlich die Formulierung „wirrer Gewaltporno“ enthalten könnte, und das kann ja schließlich niemand wollen.

Ich war also gewarnt und rechnete mit dem Schlimmsten, als ich die Lektüre der „Phileasson-Saga“ mit Teil zwei fortsetzte. Glücklicherweise waren meine Sorgen gänzlich unbegründet – zumindest, wenn man zu einer ganz speziellen Art Leser gehört.

Der zweite Teil der Reihe beginnt – ebenso wie der erste, ich erkenne ein Muster – mit einem umfangreichen Prolog, dessen Handlung ebenfalls wieder eine gewisse Relevanz für die Haupthandlung hat – was mir erschreckend spät aufgefallen ist und mich etwas peinlich berührt zurücklässt. In selbige Handlung kommt man nach Abschluss des Prologs auf recht einfache Art wieder hinein, wichtige Ereignisse aus dem ersten Band werden zwischendurch der Einfachheit halber auch nochmals kurz erwähnt, glücklicherweise, ohne eine komplette Inhaltangabe zu liefern.

Die Handlung erstreckt sich diesmal über einen geografisch überschaubaren Raum, sie findet zu großen Teilen im namensgebenden Himmelturm statt. Auf dem Weg durch die einzelnen Sockwerke des Turms finden durchaus spannende, tempo- und actionreiche Szenen statt, insgesamt wirkt „Himmelsturm“ aber etwas ruhiger und unaufgeregter als der Reihenauftakt. In meiner Wahrnehmung liegt in der Fortsetzung eher die Entwicklung der einzelnen Charaktere im Vordergrund, verschiedenste Identitäten werden geklärt, manches Geheimnis gelüftet.

Darüber hinaus bietet die Handlung etwas, das wohl nur eine recht überschaubare Leser-Gruppe zu schätzen weiß: Sie bietet weite Einblicke und Hintergrundwissen in das DSA-Universum. Ich persönlich finde das ja mindestens großartig, bin da als bekennender Fan aber eher nicht soooo objektiv. Es mag dagegen also durchaus Leser geben, die weniger in der Materie sind als ich und die weite Teile des Buches daher möglicherweise als unspektakulär empfinden würden.

Aus meiner persönlichen Sicht bietet „Himmelsturm“ aber wenig Grund zur Kritik. Die Entwicklung der Charaktere wird in der Mehrheit überzeugend fortgeführt, dennoch wird der Hintergrund einiger Personen ausreichend im Dunkeln gelassen, um weiterhin neugierig zu machen. Weiterhin sind es die Nebenfiguren, die mir persönlich am besten gefallen.

Die Story ist – je nach Sichtweise – hintergründig, fesselnd und im besten Sinne interessant oder aber zumindest noch solide, mit vielleicht einigen Längen – ich vertrete, wie gesagt, die erste Sichtweise – und auch in stilistischer Hinsicht kann man den beiden Autoren nichts vorwerfen.

Da bleibt mir eigentlich nur, den Buchhändler meines Vertrauens zu kontaktieren, um Teil III zu bekommen, auf den ich mich tatsächlich jetzt schon so freue, wie sonst nur auf die Veröffentlichung von „Nichts weniger als ein Wunder“ von Markus Zusak letzten Monat. Oder die Veröffentlichung von Marisha Pessls „Niemalswelt“ am Ende dieser Woche. Oder die Veröffentlichung von Joël Dickers neuem Roman „Das Verschwinden der Stephanie Mailer“ im April. Oder die Veröffentlichung des neuen „Schandmaul“-Albums „ARTUS“ im Mai. Oder … – es hat an Anschein, als hätte ich recht viel Grund zur Freude …

Wertung:

Handlung: 8 von 10 Punkten

Stil: 9 von 10 Punkten

Charaktere: 8,5 von 10 Punkten

Atmosphäre: 10 von 10 Punkten

Gesamtwertung: 8,875 von 10 Punkten

Demnächst in diesem Blog: „Das Original“ von John Grisham.

Prangenten e. V. prangert an: Krankheiten und die dafür Verantwortlichen!

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

Krankenhäuser sind beschissen! Oder, nein, so kann ich das nicht formulieren. Einmal, weil es falsch ist, zum Zweiten, weil es den Kern dessen, was ich aussagen will, nicht trifft. Ich präzisiere also und sage: Im Krankenhaus zu liegen, ist beschissen!

Man braucht eine gewisse – sehr kurze – Eingewöhnungsphase, bis man sich an die – immer gleichen – Abläufe gewöhnt hat und bis einem klar wird, was man für einen Krankenhausaufenthalt eigentlich hätte mitnehmen müssen. Als Tipp: Unbedingt gute Bücher mitnehmen, banale „Hirn-aus“-Literatur verschlimmert das Leiden nur. Und einen Salzstreuer! Was das Handtuch für den interstellaren Anhalter bedeutet, um gegebenenfalls dem Blick des Gefräßigen Plapperkäfers von Traal zu entgehen, das bedeutet der Salzstreuer für den Krankenhauspatienten.

Wenn man das also alles verinnerlicht hat, folgt ab da in erster Linie eines: Langeweile! Und irgendwann stellt man sich die Frage, wer denn nun die Verantwortung dafür trägt, dass man dort liegt, wo man nun mal gerade liegt. In seiner Verzweiflung greift man dann zur Broschüre der oder des mehrheitlich auf verlorenem Posten stehenden Klinikgeistlichen – deren Tun ich ausdrücklich begrüße, auch wenn es mir persönlich wenig bringt. Aus besagter Broschüre geht nun hervor, dass man im Grunde ja selbst schuld an seiner Krankheit sei. Erbsünde und so, und eigentlich war der Mensch ja ohne Krankheit und Tod gedacht und so. Nun, in der Situation in der man sich gerade befindet, empfindet man das als ausgesprochen wenig hilfreich und sucht deshalb weiter den Schuldigen.

Ich persönlich habe da ja eher eine gegenteilige Theorie:

Wir befinden uns in der Hölle, dem Stammsitz der Firma „Fate LLP“, wo S. Atan, seines Zeichens Eigentümer und Geschäftsführer der Firma, gerade ein Vorstellungsgespräch führt:

„Sooo, Sie sind also dieser Kit Carson. Irdische Lebensdaten 1809 bis 1868. Aha, aha, aha. Nun, Herr Carson, was haben Sie denn in Ihrer irdischen Existenz getan, was Sie glauben macht, Sie wären für eine Tätigkeit bei der „Fate LLP“ geeignet?“

„Ich war ausführend verantwortlich für den Feldzug gegen die Diné-Indianer, besser bekannt als Navajo.“

„Aaah, ja. Na, das klingt doch mal spannend. Und woraus bestand im Wesentlichen Ihre Tätigkeit?“

„Ich habe ihre Lebensgrundlage zerstört!“, führt Carson mit stolzgeschwellter Brust weiter aus. „Felder, Nahrungsmittelvorräte, Wasserlöcher, das haben wir alles zerstört bzw. unbrauchbar gemacht.“

„Faszinierend. Und wie ging es weiter?“

„Nun, die Indianer …“

„Entschuldigen Sie bitte, dass ich Sie unterbreche, aber Sie meinen sicherlich die „amerikanischen Ureinwohner“?

Carson ist sichtlich irritiert über die Unterbrechung.

„Bitte?“

„Na, man sagt nicht „Indianer“, man sagt „amerikanische Ureinwohner“.

Carson ist zunehmend irritiert, kann dann aber das Lachen nicht unterdrücken und prustet los:

„Ernsthaft jetzt? Sprachliche political correctness in der Hölle? Ich glaubs nicht!“

S. Atan blickt sein Gegenüber schweigend an, sackt dann erkennbar in sich zusammen und erwidert schließlich in weinerlichem Ton:

„Ja, ich weiß doch auch nicht, wie das passieren konnte. Das griff ohne mein Zutun so um sich und als ich es bemerkt habe, war es wohl schon zu spät. Nehmen wir nur mal unseren Betriebskindergarten: Dort wurde den Kids kürzlich beim Karneval untersagt, Indianerkostüme zu tragen. Man wolle „keine Stereotype bedienen“. Keine Klischees eben. Weil ja nun nicht jeder Indianer Federschmuck getragen hat bzw. trägt. Oder Mexikaner-Kostüme, mit Sombrero und Poncho. Geht auch nicht.

„Weil nicht jeder Mexikaner Sombrero und Poncho trägt?“

„Exakt. Auch Scheich geht nicht mehr. Jungs als Powerpuff Girls, das ginge, so weit ich das verstanden habe. Man möchte da eben auf die Befindlichkeiten von Bevölkerungsgruppen achten.“

„Hm, aber wenn Norddeutsche den Brauch des Oktoberfests übernehmen, sich in Lederhosen oder Dirndl gewanden, sich hektoliterweise Weißbier in die Rübe kloppen, diese ekelhafte Weißwurst zuzeln und später in die Gosse kotzen – darüber beschwert sich niemand. Vorzugsweise in Bayern!?“

„Warum sollte man?“

„Na, wegen der Befindlichkeit der bayerischen Bevölkerungsgruppe. Nicht jeder Bayer trägt Lederhose, nicht jede Bayerin Dirndl. Und sicherlich saufen nicht alle Weißbier in rauen Mengen. Oder kotzen in die Gosse. Alles Klischees und Stereotype.“

„Hmmm, so gesehen – da ist was dran …“

In diesem Moment ertönt von irgendwo aus der Nähe markerschütterndes, irgendwie diabolisches Gelächter, dass sich die Leserschaft gedanklich bitte mit einem gewissen Hall-Effekt vorstellen möge.

„Muuuuhaaaahaaaahaaaa – harharhar!“

„Was war das?“

„Ich habe keine Ahnung!“

Zusammen machen sich Arbeitgeber und Bewerber auf die Suche nach der Geräuschquelle, die sie schließlich vor eine ganz bestimmte Bürotür führt.

„Das kommt aus Lübkes Büro?“

„Wer ist Lübke?“

„Mein Assistent und Prokurist.“

„Aha.“

„Aber was macht d…“

„Muuuuhaaaahaaaahaaa – harharhar!“

„Sollten wir … weiß nicht … da reingehen?“

„Unbedingt. Aber bleiben Sie hinter mir und seien Sie vorsichtig.“

Die beiden betreten den Raum. Dort sitzt Lübke mit hochrotem Kopf vor seinem Rechner, drückt scheinbar willkürlich irgendwelche Knöpfe und brüllt:

„Nimm das! Ha, mal sehen, wie Du damit umgehst. Ich habe Dich in der Hand, dude! Deal with it!“

„Lübke?“

Lübke verstummt, erstarrt und dreht sich langsam um.

„Chef?“

„Lübke, was machen Sie da?“

„Nichts! Es ist, äh, zumindest nicht das, wonach es aussieht“

„Lübke, ich weiß nicht mal, wonach das hier aussieht. Deshalb nochmal: Was machen Sie da?“

S. Atan greift sich die Unterlagen, die vor Lübke auf dem Tisch liegen und überfliegt sie.

„Das ist doch die Akte von diesem Reißwolfblog-Spinner. Was haben Sie denn damit zu tun?“

Mit zunehmendem Grausen liest der Chef die detailliert aufgezeichnete Schicksal-Dokumentation der letzten Monate des Reißwolfblog-Spinners.

„Lübke! Was haben Sie getan? Was haben Sie diesem harmlosen Spinner angetan

„Ach, Chef!“, bricht Lübke zusammen, „tagein, tagaus dieses „Lübke, machen Se mal ne Kopie davon!“, „Lübke, welche Termine habe ich?“ „Lübke, wo ist mein Kaffee?“ – Und das alles, während hier Tausende von Leuten rumlaufen, die tatsächliche Macht besitzen. Macht, das Schicksal von Menschen zu beeinflussen. Ich wollte mich auch mal mächtig fühlen, Chef! NUR EINMAL!, jammert Lübke und weint bittere Tränen – die natürlich sofort verdampfen.

„Lübke, das wird ein Nachspiel haben. Das MUSS ein Nachspiel haben! Gehen Sie für heute nach Hause, während ich über die Konsequenzen nachdenke. Ich werde Sie dann rufen lassen. Und Sie, Carson, Sie haben nicht das Geringste gesehen. Sie fangen morgen früh pünktlich um acht an.“

 

An dieser Stelle können wir die Hölle wieder verlassen, denn nun habe ich ja eine, ähm, völlig plausible Begründung für vieles. Ich denke darüber nach, eine Prüfungskommission bzw. Bürgerinitiative zu gründen. Ich nenne sie HUAWEI: „Höllen-Untersuchungs-Ausschuss: Wir ermitteln investigativ“. Und sobald nennenswerte Ergebnisse vorliegen, bereite ich eine Musterfeststellungsklage vor.

Wer ist dabei!?

 

Ich wünsche allseits noch einen schönen Donnerstag.

Gehabt euch wohl.