„Die Erweiterung“ von Robert Menasse

Buch: „Die Erweiterung“

Autor: Robert Menasse

Verlag: Suhrkamp

Ausgabe: Hardcover, 653 Seiten

Der Autor: Robert Menasse wurde 1954 in Wien geboren und ist auch dort aufgewachsen. Er studierte Germanistik, Philosophie sowie Politikwissenschaft in Wien, Salzburg und Messina und promovierte im Jahr 1980 mit einer Arbeit über den »Typus des Außenseiters im Literaturbetrieb«. Menasse lehrte anschließend sechs Jahre – zunächst als Lektor für österreichische Literatur, dann als Gastdozent am Institut für Literaturtheorie – an der Universität São Paulo. Dort hielt er vor allem Lehrveranstaltungen über philosophische und ästhetische Theorien ab, u.a. über: Hegel, Lukács, Benjamin und Adorno. Seit seiner Rückkehr aus Brasilien 1988 lebt Robert Menasse als Literat und kulturkritischer Essayist hauptsächlich in Wien. (Quelle: Suhrkamp)

Das Buch: Zwei Brüder, nicht leibliche Brüder, sondern »Blutsbrüder«, verbunden durch einen Schwur, den sie im polnischen Untergrundkampf gegen das kommunistische Regime geleistet haben, gehen nach dessen Zusammenbruch getrennte Wege. Der eine, Mateusz, steigt in höchste Ämter auf und wird schließlich polnischer Ministerpräsident. Der andere, Adam, macht nach dem EU-Beitritt Polens in der Europäischen Kommission Karriere, in Brüssel ist er zuständig für die Erweiterungs-Politik. Während die Vorbereitungen für die Westbalkankonferenz im polnischen Poznan auf Hochtouren laufen, bittet Adam Mateusz um Unterstützung, doch der beginnt das Beitrittsgesuch Albaniens zu unterminieren. Aus der einstmals tiefen Verbundenheit wird eine unversöhnliche Feindschaft von europäischer Dimension. Auf einer vom albanischen Ministerpräsidenten organisierten Kreuzschifffahrt auf der SS Skanderbeg, zu der er alle Regierungschefs der Balkanstaaten, die EU-Außenminister und sämtliche Vertreter der Europäischen Union eingeladen hat, treffen die Beiden wieder aufeinander. Was dann passiert, steht längst nicht mehr in ihrer Macht. (Quelle: Suhrkamp)

Fazit: Robert Menasses erster EU-Roman „Die Hauptstadt“, für den der Österreicher 2017 den Deutschen Buchpreis gewann, hat mir vor ein paar Jahren einen leidigen Krankenhausaufenthalt veritabel erleichtert. Mehr als Grund genug, mich nun auch der Quasi-Fortsetzung „Die Erweiterung“ zuzuwenden.

Erneut betrachtet Menasse dabei auf gewohnt satirische Art und Weise den ganz normalen Wahnsinn zwischen Brüssel und Straßburg, diesmal am Beispiel Albaniens und dessen versuchtem EU-Beitritt. In Tirana wird der albanische Ministerpräsident, der in Menasses Buch verblüffende Ähnlichkeiten zum tatsächlichen Premierminister Albaniens, Edi Rama, aufweist, damit konfrontiert, dass Frankreich den Beitritt Albaniens zur EU mittels Veto zu verhindern gedenkt. Fate Vase, seines Zeichens Dichter und überdies Berater des Präsidenten, hat in dieser Situation eine eher spezielle Idee: Die Regierung soll den Helm des albanischen Nationalhelden Skanderbeg – Verteidiger Albaniens gegen die türkische Invasion gegen Mitte des 15. Jahrhunderts – aus Österreich zurückfordern, der dort in der Hofjagd- und Rüstkammer des Kunsthistorischen Museums Wien (guckst du hier) aufbewahrt wird – man darf sich tatsächlich zu recht die Frage stellen, warum der dort verwahrt wird und nicht eben in Tirana. Mit großem Brimborium soll der Präsident sich diesen Helm dann im Parlament aufsetzen, um damit ein Zeichen zu setzen, das alle Albanerinnen und Albaner verstehen: Ein Zeichen für den Anspruch auf ein Großalbanien unter einem neuen Skanderbeg und unter Einbeziehung aller Albaner im Kosovo, in Nordmazedonien, in Süditalien oder wo auch immer in Europa. Damit soll der Druck auf Brüssel erhöht werden.

Da der Originalhelm aber nachweislich zu klein für den Quadratschädel des Ministerpräsidenten ist, gibt dieser eine originalgetreue Kopie in Auftrag. Nur leider wird just zu diesem Zeitpunkt der Originalhelm aus dem Museum in Wien gestohlen und der ursprüngliche Plan kann schwerlich durchgezogen werden, ohne den Eindruck zu erwecken, die albanische Regierung hätte den Diebstahl in Auftrag gegeben. Von da an beginnt ein munteres Verwechslungsspiel um den Helm, das im Grunde nicht kreativer ist, als das Motiv der versehentlich vertauschten Koffer in zahllosen Agentenfilmen der letzten 50 Jahre, das aber ausgesprochen vergnüglich daherkommt und den Roman als Basismotiv gut zusammenhält.

Und es ist gar nicht so leicht, diesen Roman erzählerisch zusammenzuhalten.

Denn zunächst mal füllt Menasse seinen Roman mit einem ziemlich großen Figurenensemble. Neben Fate Vase und den im Klapptentext erwähnten polnischen „Blutsbrüdern“, hätten wir als Protagonisten beispielsweise noch einen Regierungssprecher, eine Journalistin, diverse Vertreterinnen und Vertreter der EU, einen im Fall des gestohlenen Helms ermittelnden Polizisten und andere. Tatsächlich widmet sich der Autor den meisten davon in erfreulicher Ausführlichkeit. Als Leitmotive, die den meisten der Figuren gemein sind, kann hierbei die Suche nach der eigenen Identität, die Suche nach Vorfahren, die Frage, wer und was die handelnden Figuren zu dem gemacht hat, was sie sind, genannt werden.

Über weite Strecken liest sich das ziemlich gut, auch weil es die Interaktionen untereinander verständlicher macht, wenn man genauer weiß, warum Menschen ticken, wie sie eben ticken. Im letzten Drittel des Romans wendet sich der Autor dann aber eine lange, laaaaaange Zeit von den eigentlichen Geschehnissen rund um die Skanderbeg-Helme ab und einer Reise zweier Charaktere in ihre eigene Vergangenheit und in das albanische Hinterland zu, von der mir klar ist, warum sie Menasse in dieser Ausführlichkeit schildert und was er mir damit sagen will, die aber nahezu komplett das Tempo aus dem bis dahin ziemlich rasant erzählten Roman nimmt und die zudem ein irritierendes Ende findet, auch wenn sich selbiges andeutet. Man könnte auch sagen: Der Roman entwickelt zu einem Zeitpunkt Längen, an dem man nicht mehr so wirklich damit gerechnet hat.

Mit dem vergleichsweise großen Figurenensemble gehen zum zweiten aber eben auch weitere erzählerische Herausforderungen einher. Die Perspektiven wechseln zwangsläufig oft, die Handlung entwickelt – von der erwähnten Reisepassage abgesehen – ein ziemlich hohes Tempo, und dennoch hat Menasse seine Handlung jederzeit im Griff und ermöglicht seiner Leserschaft, nicht den Überblick zu verlieren. Darüber hinaus verfolgt der Roman ja nicht nur den Ansatz, eine unterhaltsame Handlung zu präsentieren, sondern will zudem eben auch eine gewisse Botschaft vermitteln. Und auch das gelingt dem überzeugten Europäer Menasse auf ganzer Linie.

So wie er die Herkunft, die Identität seiner handelnden Personen thematisiert, spricht er beispielsweise auch die unterschiedlichen Identitäten der Staaten an, die sich in der EU so zusammenfinden, welche diese Identiäten und Befindlichkeiten – bis zu einem gewissen Punkt – durchaus berücksichtigen und respektieren sollte, ohne sich in banale Allgemeinplätze zu verlieren, wie beispielsweise die Deutschen, die in „Die Erweiterung“ gebetsmühlenartig wiederholen, das, was die EU vereine, seien „die europäischen Werte“ und die dabei ausblenden, dass es derzeit anscheinend je nach Staat deutlich unterschiedliche Ansichten darüber geben dürfte, was denn mit diesen „europäischen Werten“ wohl so gemeint sein dürfte.

Zudem wirft Menasse Fragen auf, die durchaus berechtigt sind. Wenn zum Beispiel von Albanien – einem Land, in dem 90 % der Bevölkerung einer EU-Mitgliedschaft positiv gegenüberstehen, was einen Wert darstellt, der weit oberhalb der EU-Begeisterung in jedem der jetzigen Mitgliedsstaaten liegen dürfte – nach dessen Antragstellung auf Aufnahme in die EU im Jahr 2009 umfassende Reformen, beispielsweise im Bereich der Justiz, gefordert werden, die man dort dann vorbildlich umsetzt und es trotzdem etwa 13 Jahre, bis zum Juli dieses Jahres, für die Durchführung der ersten Beitrittskonferenz braucht, während sich diverse Mitgliedsstaaten seit geraumer Zeit damit beschäftigen, die Unabhängigkeit ihrer Justiz zu untergraben oder abzuschaffen, und dabei weitgehend sanktionsbefreit bleiben, mutmaßlich, weil Frau von der Leyen gerade damit beschäftigt war, sich die Hände zu waschen, dann darf man sich schon fragen: Was soll das? Und wird hier nicht irgendwie mit zweierlei Maß gemessen? Und leistet man sich derzeit nicht vielleicht den Luxus der Mitgliedschaft von Staaten, die die weiter oben erwähnten „europäischen Werte“ jetzt vielleicht gar nicht sooo teilen, auf Rechtsstaatlichkeit nicht soooo Bock haben, auf Zahlungen aus Brüssel aber sicherlich schon, während man gleichzeitig den Beitritt mehrerer Länder mit hoher EU-Begeisterung bremst?

Diese Botschaften, Themen, Fragestellungen kommen zwar überwiegend nicht sonderlich subtil, dafür aber segenswerterweise weitgehend ohne den erhobenen, moralischen Zeigefinger daher. Dann beginnt, unerwartet spät, wie ich zugeben muss, auf den letzten etwa 100 Seiten aber die im Klapptentext erwähnte Kreuzfahrt unter Mitwirkung aller möglicher Staats- und Regierungschefs sowie EU-Vertretern. Und mag man Menasse noch verzeihen, dass die Erzählweise hier bisweilen leicht eratisch wirkt – was den Geschehnissen an Bord geschuldet ist -, so gleitet er gegen Ende des Romans deutlich ins Plakative ab und man läuft Gefahr, sich an den erzählerischen Zaunpfählen zu verletzten, die einem von jeder Seite entgegenspringen wollen. Zwar fand ich persönlich das nicht dramatisch, aber dennoch berichtenswert.

In Summe ist „Die Erweiterung“ ein mehr als überzeugender pro-europäischer Roman, der mit Tempo und Humor eine in heutigen Zeiten außerordentlich wichtige Botschaft transportiert, und der, das sei nur abschließend kurz erwähnt, auch stilistisch voll überzeugen kann. Immer wieder stößt man auf so kleine, vermeintlich unbedeutende Sätze, an denen man dann aber doch länger hängenbleibt und darüber nachdenkt, sie sich rauszuschreiben. Als Beispiel sei mein Lieblingssatz aus „Die Erweiterung“ genannt: „Die Dichter sind die einzigen, die sich noch trauen, „ich weiß es nicht“ zu sagen.“

Wer schon den Vorgänger mochte, dürfte mit ziemlicher Sicherheit auch mit „Die Erweiterung“ glücklich werden und wer ein Faible für nicht ganz so unterkomplexe Romane hat, sollte Menasses Buch ebenfalls eine Chance geben.

Demnächst in diesem Roman: Keine Ahnung. Schaung mar amoi, na sengma’s scho.

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