abc.Etüden KW 36/37 2022 II

abc.etüden 2022 36+37 | 365tageasatzaday

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

unter der Rubrik „Dinge, dich ich als Randnotiz stehen lassen könnte, aber einen Blutrausch bekäme, wenn ich sie unwidersprochen lasse“ gibt es heute meinen nächsten Beitrag zur aktuellen Etüden-Ausgabe, die –  wie könnte es anders sein? – weiterhin von der zauberhaften Christiane organisiert werden. Die Wortspende stammt vom Etüdenerfinder Ludwig Zeidler. Auf gehts:

„Du siehts nicht gut aus. Irgendwie grün im Gesicht!?“

„Ja, ich hab auch schon wieder mit Brechreiz zu kämpfen.“

„Lass mich raten: Jemand hat wieder irgendwas gesagt, was dir auf den Magen schlägt?“

„Exakt!“

„Und, wer isses diesmal?“

„Hans Peter Wollseifer, seines Zeichens Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks.“

„Und? Was hat er gesagt?“

„Er äußerte sich in einem Interview mit der „Rheinischen Post“ zum geplanten Bürgergeld und sagte: „Es sorgt für Demotivation bei denjenigen, die mit einem geringen Gehalt regulär arbeiten. Am unteren Ende verschwimmen immer mehr die Grenzen zwischen regulärer Arbeit und dem Bürgergeld“. Und außerdem: „Die Verbesserungen für die Bezieher beim Schonvermögen, der Wegfall von Sanktionen, die deutliche Anhebung des Regelsatzes, die komplette Übernahme der stark gestiegenen Heizkosten – all das wird dazu führen, dass sich für mehr Menschen als bisher das Nichtarbeiten mehr lohnt als das Arbeiten.“ 

„Alllllter, das ist …“

„Ja, oder!? Wer kennt sie nicht, diese stinkfaulen, ewig sturzbesoffenen Arbeitslosen ohne jede intrinsische Motivation, die es sich in der ach so anschmiegsamen, sozialen Hängematte bequem gemacht haben!? Nun ja, zumindest, wenn man dem Bild, das FDP, RTL Zwei und die journalistische Rohstoffverschwendung mit den vier großen Buchstaben in den vergangenen Jahren von dieser Personengruppe gezeichnet haben, glauben will.“

„Kommt der Mann vielleicht auf die Idee, dass nicht die Ausgestaltung des Bürgergelds das Problem ist, sondern der Niedriglohnsektor?“

„Nein, nicht mal dann, wenn man es ihm buchstabieren würde. Fast acht Millionen Menschen sind hierzulande im Niedriglohnsektor beschäftigt – einer der größten in Europa. Nun könnte man diese Menschen auch einfach besser bezahlen …“

„…was aber das Geld der Klientel von Herrn Wollseifer kosten würde?“

„Eben – deswegen muss man Verteilungskämpfe schüren! Nicht der Arbeitgeber, der mir einen beschissenen Lohn zahlt, ist der Schuldige, sondern der da, dieser arschfaule, strunzdumme Arbeitslose!“

„Ein Ablenkungsmanöver, das leider immer noch gut funktioniert.“

„So isses.“

300 Worte.

16 Kommentare zu „abc.Etüden KW 36/37 2022 II

  1. Wenn ich lese, dass dieser feine Herr so viele Aufgaben an sich reißt, schwillt mir der Kamm. Warum sind es immer diese Übereifrigen, die den Werktätigen (oder denen, die keinen Job finden) die Welt erklären wollen und für das, was schiefläuft, auch gleich den Schuldigen kennen?

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    1. Ich hab auch keine Ahnung, warum diese abgehobene „Ich habs ja auch geschafft“-Mentalität, von der aus man meint, Menschen, deren Lebenrealität eine ist, die man persönlich gar nicht kennt, Ratschläge erteilen zu dürfen, sich etabliert hat.

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      1. genau das. Und dummerweise sind es immer dieselben, die mit solchen Vorschlägen kommen – erst letzte Woche hatten wir das „reizende“ Thema Arbeitszeiterfassung.

        Leider sind es die Workoholics, die dagegen sind, weil sie jetzt auf einmal Ärger bekommen, wenn dokumentiert ist, dass sie 10 Stunden und länger arbeiten – dicht gefolgt von denen, die ihren Arbeitgeber um die Stunden behumpsen, für die sie bezahlt werden, aber in der vereinbarten Zeit nicht abliefern. (okay, anderes Thema, aber mir ging es ums Prinzip).

        Wer alles an sich reisst, um hinterher zu jammern, dass er ja so unglaublich wichtig ist und dass alle anderen Faulenzer sind, passt genau in das Bild, das ich beim Lesen von besagtem Herrn gewonnen habe.

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    1. Genau! Die sollen gefälligst weiter arbeiten gehen. Oder vorher umkippen!

      Und die Kinder erst! Die werden der Wirtschaft einfach vorenthalten, zahlen nicht mal Steuern, sitzen den ganzen Tag nur rum. Dabei könnte man die wunderbar in reaktivierten Salzbergwerken im Harz einsetzen!

      Hach, wenns nicht so traurig wäre …

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  2. Danke für diese Erinnerung! Wann werden es unsere institutionalisierten Arbeitgebervorstände endlich einmal begreifen, dass jede:r Arbeitnehmer:in letztlich ihr/ sein eigenes Unternehmen ist, und die Arbeitskraft zu Markte trägt. Man sollte die Handwerksbetriebe einmal von den vielfältigen und zum Teil horrenden Abgaben befreien, die solche „Ratschlagsvorstandschaften“ wie die eines Herrn Wollseifer erst möglich machen, und bestens alimentieren. Bereits das Handwerksunternehmen selbst ist mittlerweile Sklave dieses unnützen Überbaus. LG Michael

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    1. Ich habe ja die leise Hoffnung, dass sich das in Zeiten immer größeren Personalmangels in immer mehr Branchen etwas ändert. Allerdings nicht aus reiner Menschlichkeit und Einsicht vor der Leistung von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, sondern aufgrund von wirtschaftlichen Zwängen. Aber hey, immerhin … :-)

      Inwieweit der ZDH einen unnützen Überbau darstellt, kann ich als Angesteller wenig beurteilen, ich könnte mir aber vorstellen, dass sich der Unterhalt einer solchen Interessenvertretung schon irgendwie rechnet.

      Was mir halt viel saurer aufstößt, ist, wenn solche offensichtlich gut situierten Menschen irgendwelche „Eure Armut kotzt mich an!“-Redebeiträge raushauen und damit die Antwort auf eine Frage geben, die nie gestellt wurde.

      Warum Herr Wollseifer zude, insgesamt 21 verschiedene Ämter auf sich vereint, vom Präsidenten der Handwerkskammer zu Köln bis hin zum Mitglied im Beirat der DZ-Bank Frankfurt am Main, wird wohl auf ewig sein Geheimnis bleiben.

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      1. Oh, ein echter Multijobber! Die Definition des Begriffs scheint also auf so was zugescchnitten zu sein, und nicht auf Cent-Grabschen pro Job. ;-/ Leider denke ich, dass sich nicht viel zum Besseren ändern wird. Heute lass ich, dass manche Leute schon zum Vollzeitjob eine Nebenbeschäftigung aufnehmen „um über die Runden zu kommen“. Eigentlich genau das, was man sich als Arbeitgeber-Triumphirat wünscht, weil man dann nach abflauender Inflation insgesamt nicht mehr bezahlen muss. Hoffen wir das Beste! LG Michael

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  3. Der Montag beginnt mit einem Etüden-Rant zum Thema Niedriglohnsektor. Dass ich das noch erleben darf! Sehr schön, wenn der Anlass nicht so bescheiden wäre. 🤢👍
    Danke für das „zauberhaft“ und dir trotz allem einen guten Start in die Woche!
    Montagmorgenkaffeegrüße 🌄⛅☕🍪🍃👍

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    1. Nicht dafür – ist halt so. ;-)

      Und ja, mir wäre es auch lieber gewesen, ich hätte mal mit etwas Fröhlicherem in die Woche starten können, aber wenn Besserverdienende anfangen, mir die Welt erklären und Feindbilder schüren zu wollen, dann kann ich nicht anders.

      Montagmorgenkaffeegrüße zurü… Kaffee, ich hab meinen Kaffee vergessen! :-)

      Gefällt 1 Person

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