„Als Einstein und Gödel spazieren gingen“ von Jim Holt

Buch: „Als Einstein und Gödel spazieren gingen – Ausflüge an den Rand des Denkens“

Autor: Jim Holt

Verlag: Rowohlt

Ausgabe: Hardcover, 493 Seiten

Der Autor: Jim Holt ist Autor und Essayist. Er schreibt über Philosophie, Mathematik und Naturwissenschaften vor allem für die New York Times Book Review und die New York Review of Books. Sein Buch «Gibt es alles oder Nichts?» war in den USA ein Bestseller und wurde in 18 Sprachen übersetzt, die New York Times zählte es überdies zu den fünf besten Sachbüchern des Jahres. (Quelle: Rowohlt)

Das Buch: Unter Physikern und Mathematikern sind sie legendär geworden, die Spaziergänge über den Campus von Princeton, die den fast 70-jährigen Albert Einstein und den 25 Jahre jüngeren Ausnahme-Mathematiker Kurt Gödel verbanden. Zwei Spaziergänger, die jeweils ihr Fach revolutioniert, Grenzen überschritten und neue aufgezeigt haben. Gödel hatte schon früh beschlossen, sich nur um mathematische Probleme zu kümmern, die auch eine philosophische Dimension haben. Damit ist er quasi ein Bruder im Geiste für Jim Holt, den Philosophen und Mathematiker, der sich gerne mit den letzten Fragen beschäftigt – und mit jenen, die ihnen ihr Leben widmeten. Und so erzählt er in diesem Buch mit dieser Geschichte einer Freundschaft zugleich die Geschichte der revolutionären geistigen Umwälzungen im 20. Jahrhunderts.
Daneben versammelt Holt in diesem Band 22 weitere Erzählungen und Reflexionen, in beeindruckend schöner Sprache und reich an biografischen und kulturgeschichtlichen Anekdoten. Sie widmen sich den „aufregendsten intellektuellen Errungenschaften, denen ich in meinem Leben begegnet bin“ (Holt). Es geht darin um das kosmologisches Denken über Zeit und Raum, Unendlichkeit im Großen und Kleinen, das Heraufziehen des Computerzeitalters, den Code des Lebens und die Frage, was man wahr nennen darf. Mal stehen Wissenschaft und Philosophie ein wenig im Vordergrund, mal die außergewöhnlichen Geschichten ihrer bedeutenden Protagonisten, von Holt fesselnd erzählt, mit Tiefgang und Intimität und einem besonderen und persönlichen Blick.  (Quelle: Rowohlt)

Fazit: Es ist spannend zu sehen, in welche Zahlenbereiche man einen siechenden Blog treiben kann, wenn man, so wie ich gestern, über Bestseller schreibt, die jeder kennt oder von denen alle wenigstens schon mal irgendwie gehört haben. Insofern ist es nur konsequent, heute das genaue Gegenteil zu machen und über ein Sachbuch mit weitestgehend naturwissenschaftlichem Hintergrund zu schreiben. (Und alle so: „Buuuuh!“)

Darüber schreiben muss ich aber allein deswegen schon, weil die Vorgeschichte bis hin zu diesen Zeilen schwierig war. Ursprünglich hatte ich bei Erscheinen des Buches ein Rezensionsexemplar angefragt, nur befanden sich zu diesem Zeitpunkt zahllose Verlagsmitarbeiterinnen und -mitarbeiter im Home Office und man sah sich seitens des Verlags nur in der Lage, mir die E-Book-Version zukommen zu lassen. Das war zwar ausgesprochen nett, nun kommt mir aber dieser Antichrist des Literaturbetriebs leider nicht ins Haus. Daraufhin schlummerte Jim Holts Buch lange Zeit in der Wunschliste der Buchhandlung meines Vertrauens, bis ich vor einiger Zeit dachte: „Na, jetzt aber!“ Und das hat sich tatsächlich gelohnt.

In seinem Buch nimmt sich Jim Holt mitnichten eines bestimmten Themas an, vielmehr sind darin eine stattliche Zahl an Essays aus den letzten zwei Jahrzehnten über die unterschiedlichsten Figuren der naturwissenschaftlichen Bühne und ihr Schaffen versammelt. Insofern ist der Titel des Buches eigentlich etwas irreführend, denn die namensgebenden Herren Einstein und Gödel tauchen in der Mehrzahl der Essays gar nicht auf. Zumindest beginnt das Buch aber mit ihnen und mit Gödels Unvollständigkeitssatz.

Dieser besagt – so weit ich das verstanden habe – dass es innerhalb eines formalen Systems – wie beispielsweise der Mathematik – Aussagen geben muss, die weder beweis- noch widerlegbar sind. Dabei sind die Grundzüge der mathematischen Beweisführung . so weit ich die verstanden habe – recht einfach. Entweder, eine Behauptung lässt sich aus den vorhandenen Axiomen beweisen oder eben widerlegen. Oder aber man findet etwas, das immer Gültigkeit hat, aber nicht bewiesen werden kann, dann macht man es zu einem weiteren Axiom. Theoretisch müsste sich daraus ableiten lassen, das irgendwann alle existenten Axiome gefunden und die Mathematik quasi „abgeschlossen“ ist. Exakt das versuchte zu Zeiten Gödels der Mathematiker David Hilbert aber nun mit seinem Hilbert-Programm zu beweisen und war dementsprechend nicht begeistert, als ihm Gödel mit seiner Beweisführung in die Parade fuhr. Denn dieser besagt nun – so weit ich das verstanden habe -, dass es innerhalb eines solchen formalen Systems immer Behauptungen geben wird, die sich mit den Mitteln dieses Systems nicht beweisen oder widerlegen lassen, sondern allenfalls über einen Blick von „draußen“ auf dieses System.

Mit Gödels Unvollständigkeitssatz setzt Jim Holt sein thematisches Schwergewicht glücklicherweise an den Anfang des Buches und hätte er sich im Folgenden ausschließlich ähnlich komplexen Themen zugewendet, hätte ich wohl mittendrin aufgegeben, denn ich muss gestehen, spätestens bei Gödels Beweisführung auf der Verständnisebene ausgestiegen zu sein. Im Folgenden beschäftigt sich Holt allerdings mit Themen, die zwar mehrheitlich weiterhin naturwissenschaftlich-mathematischer Art, für den Laien aber deutlich einfacher zu verstehen sind. Klassiker wie der Vier-Farben-Satz, der sinngemäß besagt, dass vier Farben ausreichen, um eine beliebige Landkarte so zu bemalen, dass keine zwei benachbarten Länder gleich eingefärbt sind, oder das Ziegen-Problem, das sich mit der großen „Geh aufs Ganze“-Frage beschäftigt, ob ich beispielsweise nicht doch von Tor 1 auf Tor 2 umwechseln sollte, nachdem der Moderator Tor 3 geöffnet und den darin befindlichen „Zonk“ gezeigt hat. Spoiler: Ich sollte! Selbst der in jüngerer Vergangenheit immer öfter in – meist online geführten – Diskussionen zur Sprache kommende Dunning-Kruger-Effekt bleibt nicht unbesprochen, auch wenn dieser mittlerweile auch kritisch betrachtet wird – obwohl in in meiner Wahrnehmung täglich zahllose Menschen beweisen …

Die Stärke von Jim Holts Buch liegt nicht nur in der vergleichsweise einfachen Darstellung teils sehr komplexer Thematiken, sondern darin, diese Themen noch mit ein bisschen Anekdoten, ein bisschen „Gossip“ würden denglischsprechende Menschen wohl sagen, aufzulockern. So kommt beispielsweise zur Sprache, dass Kurt Gödel felsenfest davon überzeugt war, in der amerikanischen Verfassung – mit der er sich aus Gründen seiner Einbürgerung intensiv auseinandersetzte -, eine gesetzgeberische Lücke gefunden zu haben, die theoretisch die Umwandlung der USA von einer Demokratie in eine Diktatur erlaubte. Seine Begleiter konnten Gödel davon abhalten, das weiter auszuführen, dann verfolgte auch der Richter, vor dem Gödel zwecks seiner Einbürgerung antreten musste, das Thema nicht weiter und letzten Endes rettete ihm das vermutlich seine neue Staatsbürgerschaft.

In diesen Anekdoten liegt aber auch gleichzeitig eine gewisse Schwierigkeit, denn da es sich um Essays handelt, die unabhängig voneinander über einen Zeitraum von zwei Dekaden entstanden sind, enthalten sie öfter dieselben Anekdoten, und man denkt sich unweigerlich: „Ja, weiß ich schon!“ Zudem nehmen in einigen Kapiteln diese „Nebensächlichkeiten“ gefühlt mehr Platz ein als das eigentliche naturwissenschaftliche Thema.

Darüber hinaus lässt der Autor häufig etwas zu deutlich durchschimmern, welche Sympathie oder Antipathie er seinen einzelnen Protagonistinnen und Protagonisten entgegenbringt. So wird er beispielsweise nicht müde, klarzustellen, für wie unfähig er doch Ada Lovelace – heute als eine Art „erste Programmiererin der Welt“ gefeiert – im Bereich der Mathematik hält. Nun mag das den Tatsachen entsprechen, eine etwas weniger persönlich gefärbte Darstellung wäre hier aber gut gewesen. Nun lässt es sich Jim Holt nicht nehmen, auch andere Größen der Wissenschaft zu kritisieren, wann immer es angebracht scheint, wenn sie durch ihre Person oder ihre Forschung Anlass zur Kritik geben. Wenn aber einerseits über Francis Galton, der sich unter anderem mit der Frage nach der Intelligenz der Masse beschäftigte, gesagt wird, dass er zwar im Grunde genommen der Weichensteller für die Eugenik war, damit aber ja eigentlich hehre Ziele verfolgte und nicht das, was mittels Zwangssterilisierungen und ähnlichem später und anderswo dann draus gemacht wurde, dann wirkt die überzogene Kritik an Ada Lovelace, die vielleicht einfach nur schlecht in Mathe war, umso unverhältnismäßiger.

Geblieben ist in Summe ein Sachbuch mit Licht und Schatten, das aber zumindest über weite Strecken auch für Laien gut nachvollziehbar bleibt und mit dem der Autor seinem eigenen Anspruch, seiner Leserschaft mit seinem Buch Kenntnisse zu vermitteln, die bei einer Cocktailparty unter Zuhilfenahme eines Kugelschreibers und einer Serviette zur Anwendung kommen können, vollkommen gerecht wird.

Demächst in diesem Blog: „Lushins Verteidigung“ von Vladimir Nabokov. Nicht der erste Schachroman hier. Und auch nicht der letzte.

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8 Kommentare zu „„Als Einstein und Gödel spazieren gingen“ von Jim Holt

    1. Dass du alles verstanden hast, wundert mich nicht im Geringsten. ;-) Das bedeutet hoffentlich im Umkehrschluss, dass meine laienhaften Erklärungen einzelner, angesprochener Themen nicht missverständlich dargestellt wurden?

      Die Freude auf den Nabokov sei dir gegönnt, ich kann tatsächlich schon mal sagen, dass es zu den wenigen „Ich hab keine Ahnung, was ich darüber schreiben soll!“-Büchern der letzten Zeit gehört. Aber letzten Endes fällt mir ja immer irgendwas ein. :-)

      Gefällt 2 Personen

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