„Der Mann, der Sherlock Holmes tötete“ von Graham Moore

Buch: „Der Mann, der Sherlock Holmes tötete“

Autor: Graham Moore

Verlag: Eichborn

Ausgabe: Taschenbuch, 480 Seiten

Der Autor: Graham Moore, Jahrgang 1981, arbeitet als Drehbuchautor und Schriftsteller. In seinen Romanen fiktionalisiert er gerne historische Personen und Gegebenheiten. 2015 gewann er den Oscar für das beste Drehbuch; „The Imitation Game“ wurde mit Benedict Cumberbatch und Keira Knightley verfilmt und von der internationalen Kritik gefeiert. Moore lebt in Los Angeles. (Quelle: Eichborn)

Das Buch: Arthur Conan Doyle tritt in die Fußstapfen seiner berühmtesten Figur: Weil Scotland Yard keinen Anlass sieht, den Mord an einem Mädchen aufzuklären, nimmt er selbst Ermittlungen auf. Er schleicht durch die Straßen des viktorianischen London und landet an Orten, die kein Gentleman betreten sollte.

Etwa hundert Jahre später ist ein junger Sherlock-Fan in einen Mordfall verstrickt, bei dem Doyles verschwundenes Tagebuch und einige Fälle seines berühmten Detektivs eine wichtige Rolle spielen.

Zwei Morde, zwei Amateurdetektive – ein großer Lesespaß! (Quelle: Eichborn)

Fazit: Graham Moore hat sich zunächst mit „Die letzten Tage der Nacht“ nachhaltig in mein Gedächtnis geschrieben, mich dann mit „Verweigerung“ zwar durchaus unterhalten, aber dennoch leicht enttäuscht und sich seitdem offensichtlich beharrlich geweigert, weitere Bücher zu schreiben. Grund genug für mich, mich mit seinem Romandebüt „Der Mann, der Sherlock Holmes tötete“ zu befassen.

Moore teilt seine Geschichte in zwei Handlungsstränge und Zeitebenen. Einmal begegnen wir dabei im Hier und Jetzt dem jungen Sherlock-Fan Harold, der es zu seiner eigenen, unermesslichen Freude geschafft hat, in den illustren Kreis einer Sherlock-Holmes-Fanvereinigung aufgenommen zu werden. Zum Treffen dieser Sherlockians ist diesmal auch Alex Fund angekündigt, eine Koryphäe im Bereich der Sherlock-Forschung, der etwas Revolutionäres mitzuteilen hat: Angeblich ist es ihm gelungen, den bislang verschwundenen Tagebuch-Band von Sir Arthur Conan Doyle aufzuspüren.

Noch bevor es zur medienwirksamen Vorstellung dieses Tagebuchs kommt, wird Alex Fund jedoch tot in seinem Hotelzimmer aufge … äh… funden. Und ehe sich Harold versieht, fundet, nein, findet er sich an der Seite der Journalistin Sarah in den Ermittlungen zu diesem Todesfall wieder.

Im zweiten Handlungsstrang begegnen wir Sir Arthur Conan Doyle persönlich. Selbiger ist von seiner berühmten Romanfigur mittlerweile mehr als genervt. Daher beschließt er, Sherlock Holmes in seiner nächsten Geschichte sterben zu lassen. Die Reaktionen der Fans lassen nicht lange auf sich warten. Nun könnte Sir Arthur vermutlich damit umgehen, dass er auf offener Straße von älteren Damen, die gefälligst ihren Meisterdetektiv wiederhaben wollen, mit einem Regenschirm verhauen wird, dass man ihm aber Briefbomben zuschickt, geht ihm nun entschieden zu weit.

Da sich Scotland Yard nur so halbherzig mit seiner Angelegenheit beschäftigen will, sieht sich Sir Arthur genötigt, an der Seite seines Freundes Bram Stoker eigene Ermittlungen anzustellen und der Frage auf den Grund zu gehen, ob und, falls ja, inwiefern der Bombenanschlag auf ihn im Zusammenhang mit einer Serie von Morden an jungen Frauen steht.

Moore wendet sich seinen beiden Handlungssträngen kapitelweise abwechselnd zu und schon kurz nach Beginn der Lektüre werden zwei Dinge deutlich: Zunächst mal, dass sich hier jemand intensiv mit der Figur Sherlock Holmes beschäftigt hat und offensichtlich – völlig berechtigt, meiner Meinung nach – eine große Begeisterung für ihn hegt. Und zum zweiten, dass hier jemand am Werk ist, der ein Herz für verschrobene, aber sympathische Charaktere hat.

Im Grunde sind die Figuren im Buch – hier sei beispielhaft insbesondere mal die Journalistin Sarah genannt – nicht dichter als Blümchenkaffee und wie schnell Sarah und Harold ein Ermittlerduo bilden, obwohl sie im Grunde genommen vorher kaum fünf Worte miteinander gewechselt haben, wirkt etwas befremdlich. Für die meisten Figuren gilt aber eben auch, dass sie einen gewissen Charme haben, allen voran Harold selbst. Der junge Mann wirkt extrem nerdig, trägt den lieben, langen Tag eine Deerstalker Mütze und macht im Umgang mit anderen Menschen oft einen etwas unbeholfenen Eindruck. Im Gegensatz zu praktisch allen anderen Figuren gelingt es Moore, seinen Protagonisten auch mit einer überzeugenden Charakterisierung und Hintergrundgeschichte zu versehen, die geschickterweise häufig wie nur beiläufig eingetreut wirkt, dadurch aber umso mehr Eindruck hinterlässt.

Für die restlichen handelnden Personen gilt das in diesem Umfang leider nicht. Sie überzeugen eher in ihrem Wie als in ihrem Warum, das schadet dem Buch aber eigentlich wenig.

Denn in erster Linie geht es hier nunmal um die Geschichte. Und die ist eine, bei der nicht nur, aber natürlich ganz besonders Fans von Sherlock Holmes auf ihre Kosten kommen. Die Story ist gefüllt mit Reminiszenzen an das Werk von Arthur Conan Doyle. Harold fungiert dabei als wandelndes Lexikon und tut der weniger vorkenntnisreichen Leserschaft kund, was Sherlock in welchem Roman was gesagt oder getan hat oder womit sich Sir Arthur Conan Doyle in welcher Lebensphase beschäftigt hat.

Dabei manöviert sich der junge Mann zusammen mit seinem Sidekick Sarah – hm, „Sidekick-Sarah“, ich glaube, ich habe gerade eine neue Marvel-Figur erfunden … – in eine Geschichte, die turbulenter und aufregender als sein ganzes bisheriges Leben ist.

Mir persönlich hat jedoch der in der Vergangenheit stattfindende Handlungsstrang besser gefallen. Die Handlung erschien mir dort stringenter und das Duo Doyle/Stoker, die zum Zeitpunkt der Handlung bereits eine Weile befreundet sind, wirkt authentischer und überzeugender als Harold und Sarah. Das ist aber sicherlich Geschmackssache.

Wer auch nur die kleinste Sympathie für Sherlock Holmes hat, kommt mit „Der Mann, der Sherlock Holmes tötete“ sicherlich ebenso auf die Kosten wie jemand, der einfach nur einen gut geschriebenen Krimi lesen will, der wie ein literarisches Äquivalent zu einem leichten, spitzigen Sommerwein daherkommt.

Demnächst in diesem Blog: „Über Menschen“ von Juli Zeh.

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