„Kalmann“ von Joachim B. Schmidt

Buch: „Kalmann“

Autor: Joachim B. Schmidt

Verlag: Diogenes

Ausgabe: Taschenbuch, 352 Seiten

Der Autor: Joachim B. Schmidt, geboren 1981, aufgewachsen im Schweizer Kanton Graubünden, ist 2007 nach Island ausgewandert. Seine Romane ›Tell‹ und ›Kalmann› waren Bestseller; mit ›Kalmann‹ erreichte er den 3. Platz beim Schweizer Krimipreis und erhielt den Crime Cologne Award. ›Tell‹ war auf Platz 1 der Schweizer Bestsellerliste. Der Doppelbürger lebt mit seiner Frau und zwei gemeinsamen Kindern in Reykjavík. (Quelle: Diogenes)

Das Buch: Er ist der selbsternannte Sheriff von Raufarhöfn. Er hat alles im Griff. Doch in Kalmanns Kopf laufen die Räder manchmal rückwärts. Als er eines Winters eine Blutlache im Schnee entdeckt, überrollen ihn die Ereignisse. Mit seiner naiven Weisheit und dem Mut des reinen Herzens wendet er alles zum Guten. Kein Grund zur Sorge. (Quelle: Diogenes)

Fazit: Unlängst erwähnte ich, dass der Zyniker in mir langsam die Oberhand gewinnt. Daher war eine meiner ersten Reaktionen nach der Lektüre von „Kalmann“ – neben der Freude über einen wirklich gut gelungenen Roman, der sehr viel mehr als „nur“ ein Kriminalroman ist – die, dass ich darüber nachdachte, wie wohl jüngere, aufgeregtere Lesergenerationen über das Buch urteilen würden. Je nach persönlichem Basisechauffierungspotenzial würde man sich gegebenfalls darüber empören, wie Joachim B. Schmidt sich überhaupt erdreisten könne, über eine solche Hauptfigur zu schreiben, ohne selbst entsprechende Kenntnisse und/oder Erfahrungen zu haben, würde zudem etwas von „sensitivity reading“ blubbern und sich allgemein entrüsten.

Denn der namensgebende Kalmann, mit vollständigem Namen Kalmann Óðinsson, ist tatsächlich eine sehr spezielle Persönlichkeit. Dazu später mehr.

Kalmann, ein junger Kerl in seinen 30ern, lebt im verschlafenen, islandischen Fischerdörfchen Raufarhöfn, gut 170 Einwohner. Raufarhöfn hat seine beste Zeit bereits hinter sich. Konnten die Einwohner früher noch recht gut vom Heringsfang leben, so haben Überfischung, Klimawandel und daraus resultierende sinkende Fangquoten ihre Spuren hinterlassen. Aus dem einst florierenden Ort ist ein langsam sterbendes Dörfchen geworden.

Um dem Dahinsiechen des Ortes entgegenzuwirken, betätigt sich der ansässige Hotelbesitzer als Investor und beginnt, einen vollkommen absurden Tourismus-Hotspot – ein an ein berühmtes schottisches Vorbild gemahnendes Steinmonument mit der nur semi-kreativ gewählten Bezeichnung „Arctic Henge“, das im Übrigens tatsächlich existiert – in eine Gegend zu pflanzen, in die sich ohnehin kaum Touristen verirren. Und nun ist besager Hotelbesitzer ganz plötzlich verschwunden. Und zu allem Übel hat Kalmann in der Nähe des Arctic Henge auch noch Blutspuren gefunden.

Die Polizei nimmt ihre Ermittlungen auf, die Presse und das Fernsehen machen sich auf den Weg nach Raufarhöfn. Die beschauliche nordisländische Idylle scheint für die Anwohner zu bröckeln. Aber keine Sorge, denn es gibt ja Kalmann.

Der junge Protagonist ist in der Tat etwas anders. Kalmann erinnert in seiner sympathischen Schlichtheit ein wenig an Forrest Gump, wird innerhalb des Romans auch selbst von anderen Charakteren mit diesem verglichen. Als selbsternannter Sheriff von Raufarhöfn kleidet sich Kalmann auch entsprechend in eine amerikanische Sheriff-Uniform, nebst Stern, Hut und Mauser, letztere ein Erbe seines amerikanischen Vaters. Die Einwohner von Raufarhöfn verfolgen die Schrullen ihres vermeintlichen Dorftrottels mit wohlwollender Gelassenheit.

Dabei wäre nichts falscher, als Kalmann als simplen, zurückgebliebenen Idioten abzustempeln. Denn der junge Mann bemerkt sehr genau, wie sein Umfeld auf ihn reagiert und reflektiert zudem sehr präzise über sich und sein Leben. So leidet er massiv an seiner Einsamkeit, an der Tatsache, keine Frau an seiner Seite zu haben und sein einziger, wirklicher Freund ist ein Jungspund, den er nie persönlich getroffen hat und mit dem er nur online spricht.

Über diese Hauptfigur könnte man tatsächlich ganze literaturwissenschaftliche Hausarbeiten schreiben. Die gesamte Darstellung des Protagonisten ist nicht mehr und nicht weniger als ganz großes Kino und sucht in ihrer Vielschichtigkeit und Behutsamkeit ihresgleichen. Das ergibt sich in erster Linie durch den cleveren Schachzug, Kalmann selbst als Erzähler auftreten zu lassen und die Geschehnisse daher in dessen oft stoisch-unbedarft, aber auch mal überraschend clever und tiefgründig erscheinendem Ton beschreiben zu lassen. Aus dieser Wahl ergibt sich zudem zwangsläufig eine extrem subjektiv eingefärbte Erzählweise, da man eben nur Kalmanns Sichtweise vorgesetzt bekommt und inwieweit dieser nun vollständig zu trauen ist, sei dahingestellt, schließlich ist Kalmann ja auch davon überzeugt, für das Verschwinden des Hoteliers und die Blutspuren sei bestimmt ein Eisbär verantwortlich, was letztlich dazu führt, dass sich landesweit agierende Fernsehstationen auf den Weg nach Raufarhöfn machen, um vor Ort live und in Farbe von der Suche nach dem Hotelier und/oder dem Eisbären zu berichten.

In der Folge entwickelt sich dann eine skurrile Geschichte voller Drogenschmuggel, Gammelhai und Lokalkolorit.

Hätte Joachim B. Schmidt sich entschieden, sich weniger auf seine Hauptfigur zu konzentrieren, sondern beispielsweise eher die polizeilichen Ermittlungen in den Blick zu nehmen, wäre vermutlich nur einer von vielen ähnlich gelagerten Krimis herausgekommen. Gerade der Fokus auf den selbsternannten Sheriff und dessen hervorragende Darstellung macht aus „Kalmann“ dann aber ein Buch, an das ich  mich noch lange erinnern werde.

Für Fans nordischer Settings und ganz besonderer Hauptfiguren eine klare Leseempfehlung.

Demnächst in diesem Blog: „Der Mann, der Sherlock Holmes tötete“ von Graham Moore.

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8 Kommentare zu „„Kalmann“ von Joachim B. Schmidt

    1. Das mit den länger werdenden Listen kenne ich. Allein meine Wunschliste auf der Internetseite der Buchhandlung meines Vertrauens hat mittlerweile einen monetären Umfang, der in etwa dem eines Gebrauchtwagens mit noch zwei Jahren TÜV entspricht. ;-)

      Sollte „Kalmann“ von der Liste dann in deine Buchbestände wandern, wünsche ich gute Unterhaltung.

      Gefällt 1 Person

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