„Zwölf Ausschweifungen“ von Sören Heim

Der Autor: Sören Heim ist freier Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Der Autor ist – unter anderem – Träger des kosovarischen Preises für moderne Lyrik „Pena e Anton Pashkut“ und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. Zuletzt erschienen über 20 Texte zu Heims „Arthur-Projekt„. Wer mehr über den Schriftsteller und sein Schaffen wissen möchte, dem empfehle ich den Besuch seines Blogs „soerenheim„.

Das Buch: Mit „zwölf Ausschweifungen“ lädt Sören Heim ein zu Rausch und Reise. Die versammelten Erzählungen knüpfen an Motive und Figuren aus „Kleinstadtminiaturen“ und „Seiltänzer“ an und schließen die damit begonnene Trilogie ab. Es geht noch einmal mit dem Anhalter nach Barcelona und zurück in unbeschwerte Jugendsommer. In wilde Festivalnächste und auf Konzerte in finsteren Kaschemmen. Immer mit dabei: eine Sprache, die selbst Rausch ist (Quelle: Klappentext)

Fazit: Die Entstehung dieser Besprechung war mit einigen Widrigkeiten verbunden, von denen die Frage, warum ich mich denn überhaupt hinsetze und eine erkleckliche Menge an Zeit in einen am Ende hoffentlich wohlformulierten und aussagekräftigen Text investiere, wenn selbiger Text, wie in der jüngsten Vergangenheit häufig vorgekommen, dann doch nur wieder eine ähnlich hohe Resonanz wie die Jahreshauptversammlung der Klavierstimmer-Innung des Saarlandes hervorruft, noch die geringfügiste und zudem eine recht persönliche ist, die hier nicht weiter interessieren soll.

Dennoch sei mir eingangs gestattet, mich herzlich bei Sören für die Geduld, die er mit mir und meinem Text hatte, zu bedanken. Im Übrigen auch für die Zusendung des Rezensionsexemplares.

Nach „Seiltänzer“ ist „Zwölf Ausschweifungen“ das zweite Buch des Autors, mit dem ich mich beschäftigt habe. Und da „Zwölf Ausschweifungen“ als dritter Teil einer Text-Trilogie fungiert, kann ich nicht umhin, es mit „Seltänzer“ ins Verhältnis zu setzen. Darin veröffentlichte der Autor seinerzeit über 20 Texte, die in mehr oder weniger autofiktionaler Weise Auslandsaufenthalte des Autors beschreiben und die zudem in einer Sprache verfasst wurden, die ich seinerzeit als „sehr bildhaft und dicht und atmosphärisch und schön“ geschildert hatte. Darüber hinaus zeichneten sich die Texte dadurch aus, nicht unbedingt in chronologischer Reihenfolge gelesen werden zu müssen.

Bei „Zwölf Ausschweifungen“ war das alles etwas anders. Die Texte gliedern sich in vier Abschnitte, in denen wir dem Protagonisten durch seine frühe Jugend, seine Schulzeit, das Studium bis schließlich in die erste „Weisstdunoch?“-Phase begleiten. Mir fiel der Einstieg in die Texte jedoch ungleich schwerer als noch beim Vorgänger. Denn ja, „Rausch ist mehr als tumbes sich Abschießen.“, wie der Autor bereits im Vorwort klarstellt. Bis Sören Heim das aber beweist, vergeht eine gewisse Zeit, denn eigentlich steht das eben erwähnte sich Abschießen vielleicht nicht im Vordergrund der Texte, es ist aber doch ein zentraler Punkt derselben. Nun habe ich dem Alkohol mittlerweile ja weitgehend abgeschworen, was einer der Gründe für meine Schwierigkeiten mit den Texten der ersten drei Abschnitte sein mag. Anderen dürfte es da anders gehen.

Womit Heims Miniaturen allerdings punkten können, ist ein gewisses Nostalgie-Gefühl, denn so wie ich, werden viele von euch auch ähnliche der hier verarbeiteten Erfahrungen gemacht und dementsprechend ihr persönliches „Weisstdunoch?“-Erlebnis im Kopf haben. Gut, ich bin nie halb besoffen mit einem Gummiboot abgesoffen, hab dafür aber ebenfalls einige Punkkonzerte mitgemacht – allerdings ganz bodenständig mit Bands wie „No Use for a Name“ oder „Lagwaggon“, weniger mit den in Heims Buch geschilderten, allenfalls lokal bekannten Headlinern mit fraglichen Bandnamen. Und nein, ich habe im Zuge dieser Konzerte auch nie „Klatscher“ gespielt – ein spontan entwickeltes Spiel, man würde heute „Challenge“ oder „Battle“ dazu sagen, dessen hochkomplexes und überaus diffiziles Regelwerk im Kern darin besteht, sich gegenseitig volles Pfund aufs Maul zu hauen. Man mag mir eine infantile Art von Humor unterstellen, aber der entsprechende Text hat mich auf höchstem Niveau unterhalten, „Klatscher“ werde ich mir für die Ewigkeiten merken! Jedenfalls: Mag es in den Details auch Abweichungen geben, punktet das Buch vor allem damit, dass einem die geschilderten Geschehnisse auf die eine oder andere Art bekannt vorkommen.

Der Zauber aber, den ich noch bei der Lektüre von „Seiltänzer“ verspürte, der blieb lange Zeit weitgehend aus und ich fragte mich schon, wie es mir wohl gelingen würde, die, um es mal mit den Worten des Sheriffs von Nuttingham aus Mel Brooks´ „Robin Hood – Helden in Strumpfhosen“ zu sagen, die „üble Nachricht auf gute Weise“ zu erzählen. Aber dann kam der vierte Teil – und plötzlich war der gesamte Zauber von Heims früheren Texten wieder da.

Nun mag das in erster Linie daran liegen, dass sich der Autor im abschließenden Teil seines Buches wieder den Auslandsreisen zuwendet. Will sagen: Bis dahin werden mir Dinge erzählt, die mir – mehr oder weniger – vertraut sind, ab da dann aber eben Dinge, für die das nicht gilt. Zudem löst der Autor in meiner Wahrnehmung erst dann – aber zumindest besser spät als nie – das oben erwähnte Versprechen ein, dass Rausch nicht immer ein tumbes sich Abschießen bedeuten möge. Die Dinge, an denen sich der Protagonist und die Nebenfiguren berauschen, sind vorrangig Dinge wie Architektur, Musik, einfach das Leben, das Universum und der ganze Rest. Und das ist dann an Schönheit tatsächlich schwer zu überbieten. Was im Übrigen und nicht ganz unwesentlich auch für den sprachlichen Aspekt im abschließenden Teil des Buches gilt.

Der langen Rede kurzer Sinn: Sören Heims „Zwölf Ausschweifungen“ wissen zwischenzeitlich immer wieder punktuell zu überzeugen, schöpfen dann aber eben erst gegen Ende ihr volles Potenzial aus.

Für Freunde von Kurzgeschichten, Miniaturtexten und ähnlichem bietet das Buch eine letztlich überzeugende textliche Bandbreite.

Und ich werde demnächst wohl mal den Versuch unternehmen, die Texte nicht in der vorgesehenen, chronologischen Reihenfolge zu lesen. Es dürfte sich ein spannender Collageneffekt ergeben. Wir werden sehen …

Demnächst in diesem Blog: „Gestra“ von Peter Georgas-Frey.

14 Kommentare zu „„Zwölf Ausschweifungen“ von Sören Heim

  1. Einmal mehr danke für die Besprechung. Alle die hoffen, das Buch in Bibliotheken zu finden, muss ich, fürchte ich, enttäuschen. Meine Bücher erscheinen in recht kleinen Auflagen & über Corona ging auch noch der Verlag pleite. D.h. es zirkulieren noch ein paar im Libri-System, die im Handel bestellt werden können & der Rest liegt bei mir zu Hause. Ihr könnt mir bei Interesse aber natürlich schreiben (heim.soeren@gmx.de).

    Gefällt 2 Personen

      1. Du kannst dich gern auf meinen Arthur stürzen, der steht jetzt komplett online ;)
        Glaube bis wieder Prosa in Buchform erscheint, dauert es, da bei meinem neuen Verlag ja grad erst ein Lyrikprojekt erschienen ist & da noch ein Nachfolger geplant ist.

        Gefällt 1 Person

        1. Ob ich dafür das notwendige Rüstzeug, die literarische Vorbildung, entsprechende Textkenntnisse usw. mitbringe, darf von allen Anwesenden ganz entschieden angezweifelt werden. 😉

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    1. An dem Tag, an dem du nicht mehr mitliest, höre ich sofort auf! ;-)

      Und ja, so klingt es. :-)

      Was das „und sonst so“ angeht: Rückblickend weiß ich 2021 zu schätzen … :-( Selbst so?

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