„Der Morgenstern“ von Karl Ove Knausgård

Buch: „Der Morgenstern“

Autor: Karl Ove Knausgård

Verlag: Luchterhand

Ausgabe: Hardcover, 896 Seiten

Der Autor: Karl Ove Knausgård wurde 1968 geboren und gilt als wichtigster norwegischer Autor der Gegenwart. Die Romane seines sechsbändigen, autobiographischen Projektes wurden weltweit zur Sensation. Sie sind in über 30 Sprachen übersetzt und vielfach preisgekrönt. 2015 erhielt Karl Ove Knausgård den WELT-Literaturpreis, 2017 den Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur. Er lebt in London. (Quelle: Random House)

Das Buch: Es ist Sommer in Norwegen. Eigentlich eine beschauliche, sonnengetränkte Zeit. Doch nun scheint etwas aus den Fugen geraten zu sein. Krabben spazieren an Land, Ratten tauchen an überraschenden Stellen auf, eine Katze kommt unter seltsamen Umständen ums Leben. Kurzum: Die Tiere verhalten sich wider ihre Natur. In seinem neuen Roman schildert Karl Ove Knausgård eine Welt, in der die Natur und die Menschen aus dem Gleichgewicht sind, obwohl das Buch eigentlich ganz realistisch vom Leben einiger Menschen, neun an der Zahl, während mehrerer Hochsommertage erzählt, und zwar in deren eigenen Worten. Da ist der Literaturprofessor Arne, der mit seiner Familie die Tage im Sommerhaus verbringt, an sich selbst zweifelt und mit seinem Nachbarn Egil über den Glauben an Gott diskutiert. Da ist die Pastorin Kathrine, die plötzlich merkt, dass sie ihre Ehe als Gefängnis empfindet. Da ist der Journalist Jostein, der auf einer exzessiven Trinktour von den mysteriösen Morden an Mitgliedern einer Death Metal Band hört, während seine Frau Turid in einer psychiatrischen Anstalt als Nachtwache arbeitet. Ihnen allen unerklärlich ist das Auftauchen eines neuen Sterns am Himmel, den auch die Wissenschaft nicht wirklich erklären kann. Ist er der Vorbote von etwas Bösem oder im Gegenteil die Verheißung von etwas Gutem? (Quelle: Random House)

Fazit: Sternzeit -300585.0342465753, der 625. Beitrag im Reisswolfblog geht online, und immer noch lesen hier Menschen mit.Unfassbar!

Ähnlich unfassbar ist, dass ich tatsächlich die Herausforderung angenommen habe, mich auf Karl Ove Knausgårds 896 Seiten starken neuen Roman „Der Morgenstern“ zu stürzen. Denn noch an seinem „Aus der Welt“ bin ich – zumindest vorerst – krachend gescheitert, was in erster Linie in der extrem trostlosen und kalten Atmosphäre des Romans, der in einer mindestens ebenso trostlosen Phase des Rezensenten gelesen wurde, begründet liegt.

Dass ich Knausgårds neuen Roman trotzdem angegangen bin, liegt in erster Linie an meiner Affinität zu Thea Dorn. Aus unerfindlichen Gründen würde ich ihr auch dann gebannt zuhören, wenn sie ein sechsstündiges Spontanreferat über Gemüseanbau in Nepal auf serbokroatisch mit Simultanübersetzung in Hindi halten würde. Und nachdem Frau Dorn unlängst im Fernsehen Knausgårds neuen Roman als „auf spektakuläre Weise gelungen“ einordnete, war es dementsprechend nur folgerichtig, zu untersuchen, ob ich Knausgårds Schreibe nicht doch gewachsen wäre.

Und letztlich kann man das als wirklich klugen Entschluss einordnen, denn „Der Morgenstern“ war tatsächlich mein bisheriges Lesehighlight des Jahres 2022, denn was der norwegischen Autor hier abgeliefert hat, ist mindestens großartig.

Dabei ist die äußere Form des Buches unter Umständen gewöhnungsbedürftig. Anstatt sich auf eine stringente Handlung mit einem einzelnen Protagonisten zu beschränken, schreibt Knausgård quasi neun kleine Romane in einem, indem er das Leben von neun verschiedenen Figuren über wenige Tage während des norwegischen Sommers schildert. Die Verbindung der Figuren untereinander ist dabei mal näher, mal recht lose und mal auch gar nicht vorhanden. Als verbindendes Element dient in erster Linie der urplötzlich am norwegischen Himmel neu auftauchende, strahlend helle Stern.

Während Michael Bay oder Roland Emmerich spätestens mit ein Eintreffen dieses Sterns einen ohrenbetäubenden Action-Kracher aus der Geschichte gemacht hätten, bleibt Knausgård ganz bodenständig und ganz nah bei seinen Figuren. Und eben diese sind auch einer der Gründe, warum die gewählte Form so gut funktioniert. Sei es der in die Kulturredaktion strafversetzte und deshalb in Selbstmitleid versinkende, ewig saufende Journalist Jostein, sei es die Pastorin Kathrine, die von jetzt auf gleich feststellt, sich in ihrer Ehe vollkommen unwohl zu fühlen und beim Gedanken an die Rückkehr nach Hause in gänzlich fremde Verhaltensmuster abdriftet – ihnen allen ist gemein, dass sie ihr gewisses Päckchen zu tragen haben und vor allem, dass sie zutiefst menschlich und lebensecht wirken.

Dazu gelingt es Knausgård – und diesbezüglich weiche ich frecherweise einen Hauch von Frau Dorns geschätzter Meinung ab -, alle seine Figuren mit einer indivuellen, charakterischen Erzähl- und Sprechweise auszustatten. Mögen die Unterschiede zwischen den Erzählstimmen manchmal nur in Nuancen liegen, so sind sie eben doch da, was vor dem Hintergrund der nicht gerade wenigen Hauptfiguren eine aus meiner Sicht bemerkenswerte Leistung darstellt.

Nicht nur in diesem Zusammenhang ist „Der Morgenstern“ stilistisch großes Kino, auch insgesamt merkt man, dass der Norweger in sprachlicher Hinsicht ein überdurchschnittlich guter Erzähler ist. Der mittlerweile auch unter die Autoren gegangene Christian Berkel sprach in diesem Zusammenhang sinngemäß davon, dass am Beginn von Knausgårds Romanen beispielsweise Figuren aus dem Bett aufstehen, 50 Seiten später am Gartentor angekommen sind und in der Zwischenzeit eigentlich nichts passiert ist, diese 50 Seiten dann aber dennoch zum Besten gehören, was man seit langer Zeit gelesen hat. Diesen Eindruck bekam ich bereits bei der Lektüre von „Aus der Welt“ und er hat sich durch „Der Morgenstern“ durchaus verfestigt. Ja, Knausgård neigt zwischenzeitlich zur Weitschweifigkeit, tut das aber auf sprachlich so schöne Art – dem Übersetzer Paul Berf gebührt hier großes Lob -, dass das der Lesefreude überhaupt keinen Abbruch tut.

Darüber hinaus bleibt Knausgård auch gar nichts anderes übrig, als gelegentlich abzuschweifen, denn wenn man von der reinen Handlungsebene absieht, stehen in erster Linie die Themen Tod und Klimawandel im Vordergrund. Und so lässt er seine Charaktere Arne und Egil schon mal ausschweifend über Tod und Religion philosphieren, fügt als eigenständigen Abschnitt des Buches sogar ein fiktives Essay von Egil mit dem Titel „Über den Tod und die Toten“ ein. Der Klimawandel begegnet einem in Knausgårds Roman ebenfalls an allen Ecken und Enden. Mal plakativ in Form der übermäßig hohen sommerlichen Temperaturen im norwegischen Sommer, mal etwas weniger plakativ in Form des seltsamen Verhaltens verschiedener Tiere – hier erinnert „Der Morgenstern“ irgendwie an Frank Schätzings „Der Schwarm“ – und letztlich eben subtil auch in Form des am Himmel auftauchenden Sterns.

In der Reaktion der handelnden Figuren auf diesen Stern liegt für mich eine weitere Faszination der Buches. Die oben erwähnten Herren Bay und Emmerich hätten ihre Protagonisten an diesem Punkt panisch vor irgendeinem diffusen Bedrohungsszenario fliehen lassen, Knausgårds Figuren nehmen den Stern mehrheitlich zwar zur Kenntnis – und das durchaus auch mit Befremden – letztlich dann aber doch eben irgendwie nur hin – mutmaßlich, weil sie eben gerade mit eigenen, ganz persönlichen und subjektiv auch wichtigeren Dingen beschäftigt sind. So einen richtigen Reim können sich die Charaktere auf das Erscheinen des Sterns nicht machen, aber solange er jetzt nicht unbedingt stört, ist er halt da. Ganz ähnlich reagieren in meiner Wahrnehmung heute noch zahlreiche Menschen, wenn sie mit dem Thema Klimawandel konfrontiert werden, der als etwas Diffuses wahrgenommen wird, gegen das der Einzelne ja sowieso nichts machen kann, und solange es im Winter noch schneit …

Gegen Ende des Romans stellt man dann einerseits fest, dass bei weitem nicht alle einzelnen Handlungsstränge auserzählt sind und ergoogelt sich überdies die Information, dass „Der Morgenstern“ nur der Auftakt eines neuen mehrbändigen Knausgård-Epos sein soll. Voller Vorfreude auf alles, was da in der Zukunft noch kommen mag, stürze ich mich nun erst mal zeitnah wieder auf „Aus der Welt“ – und dann vermutlich auf alles andere, was der norwegische Autor bislang so veröffentlicht hat. Zwischenzeitlich dürfte die Fortsetzung dann irgendwann erschienen sein. Ich freu mich jetzt schon drauf!

Demnächst in diesem Blog: „Zwölf Ausschweifungen“ von Sören Heim.

8 Kommentare zu „„Der Morgenstern“ von Karl Ove Knausgård

    1. Das hast du jetzt sehr nett formuliert, lieben Dank. Es freut mich sehr, wenn es mir doch irgendwie gelungen sein sollte, meine Begeisterung für seinen neuen Roman rüberzubringen. :-)

      Rückmeldungen zur Lektüre werden dann immer gerne entgegengenommen. ;-)

      Gefällt 2 Personen

    1. Jegliches Feedback wird gerne entgegengenommen. :-)

      Tjoa, sonst so – hm, sagen wir mal … weiterhin ein bisschen wie ein Bällejongleur in der Manege, dem ein sadistisch vernlager Zuschauer stetig weitere Bälle zuwirft, um darauf zu warten, dass er alles fallen lässt. Aber sonst … :-) Wenigstens komme ich derzeit wieder mehr zum Lesen.

      Und selbst so? Noch an fernen Gestaden?

      Gefällt 3 Personen

      1. Ein schönes Bild, das du da malst (nicht) – zumindest sehr plastisch… aber hey – immerhin kommst du derzeit wieder mehr zum Lesen ;-)

        Selbst? Hmpf….. nach dem Urlaub ist ja vor dem Urlaub, sprich derzeit zu Hause. Und viel, wirklich viel um die Ohren. Ja, alles hausgemacht. Warum will frau im fortgeschrittenen Alter auch nach Norddeutschland ziehen und gleichzeitig eine Fortbildung absolvieren und gleichzeitig ihre Selbstständigkeit planen, ein Haus auflösen, die Haushalte von Kids, die keine Kids mehr sind, planen, das eigene zukünftige Haus planen, Firma auflösen und …… hab ich was vergessen? (kranke Tiere und kaputte Dinge wie Waschmaschine, Auto etc mal nicht dazu gerechnet….)….. tja, insofern komme ich derzeit weniger zum lesen, geschweige denn zum bloggen. Ach ja – zwei Lesungen wollen geplant werden :-) ich sag nix mehr :-)
        aber sonst – joah, läuft…..

        Gefällt 2 Personen

        1. Weil es in Norddeutschland viel schöner ist, als überall anders auf der Welt, eine Erweiterung des geistigen Horizonts nie schaden kann, ich bezüglich der Selbstständigkeit eine glorreiche Zukunft vorhersage, man sich unmöglich adäquat um mehr als ein Haus kümmern kann und das fortgeschrittene Alter so fortgeschritten jetzt nun auch wieder nicht ist?

          ;-)

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          1. Hach😊 Die glorreiche Zukunft – damit hast du meinen Tag gerettet (und ja, das mit dem nicht so fortgeschrittenem Alter hat auch dazu beigetragen…. wobei….). Und jaaaaa, in Norddeutschland ist es am allerallerschönsten! Ich seh mich schon da sitzen und übers platte Land bis nach Fragglehausen blicken. Noch mal hach – danke dir für diese überzeugenden Gründe😊🌞🌼

            Gefällt 1 Person

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